Spielhagen , Friedrich Problematische Naturen . Erste Abtheilung www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Friedrich Spielhagen Problematische Naturen Erste Abtheilung Erstes Capitel Es war an einem warmen Juniabend des Jahres 184 , als ein mit zwei schwerfälligen Braunen bespannter Stuhlwagen mühsam in dem tiefen Sandwege eines Tannenforstes dahinfuhr . Wird dieser Wald denn nie ein Ende nehmen ! rief der junge Mann , der allein in dem Hintersitze des Fuhrwerks saß , und richtete sich ungeduldig in die Höhe . Der schweigsame Kutscher vor ihm klatschte statt aller Antwort mit der Peitsche . Die schwerfälligen Braunen machten einen verzweifelten Versuch , in Trab zu fallen , standen aber alsbald von einem Vorsatze ab , den ihr Temperament und der tiefe Sand so wenig begünstigten . Der junge Mann legte sich mit einem Seufzer in seine Ecke zurück und fing wieder an , auf die einförmige Musik des mühsam gleisenden Fuhrwerks zu horchen , und ließ wieder die dunklen Stämme der Tannen an sich vorübergleiten , auf die hier und da ein Streifen von dem Licht des Mondes fiel , der so eben über den Forst heraufstieg . Er begann von neuem , sich den Empfang , der seiner auf dem Schlosse harrte , und die so neue Situation , in die er treten sollte , auszumalen ; aber die überdies verschwommenen Bilder einer unbekannten Zukunft wurden dunkler und dunkler ; die schlummermüden Augen schlossen sich , und der erste Ton , den sein Ohr wieder vernahm , war der dumpfe Hufschlag der Pferde auf einer hölzernen Brücke , die zu einem mächtigen steinernen Thorweg führte . Endlich , rief der junge Mann , sich emporrichtend und neugierig um sich schauend , als der Wagen rascher durch eine dunkle Allee riesiger Bäume fuhr auf einem mit Kies bestreuten offenen Platze einen halben Bogen machte und jetzt vor dem Portale des Schlosses hielt , auf dessen dunklen Fenstern die Mondstrahlen glitzerten . Der schweigsame Kutscher klatschte zum Zeichen der Ankunft mit der Peitsche . Die einzige Antwort war der helle Ton einer Glocke in der Nähe , die langsam elf Uhr schlug . Als der letzte Ton verklungen war , that sich die Hausthür auf , ein Diener trat heraus an den Wagen und hinter ihm wurde die Gestalt eines alten Herrn sichtbar , dessen runzliges Gesicht von dem Schein der Kerze , die er mit der einen Hand gegen den Luftzug zu schützen suchte , hell beleuchtet wurde . Der junge Mann sprang rasch aus dem Wagen auf den alten Herrn zu , der ihm die Rechte entgegenstreckte und mit einer Stimme , deren Freundlichkeit das Zittern des Alters und ein etwas ausländischer Accent nicht verhüllten , sagte : Seien der Herr Doctor bestens willkommen ! Der junge Mann erwiderte herzlich den Druck der dargebotenen welken Hand : Ich komme zwar etwas spät , Herr Baron , sagte er , aber - Das thut nichts , das thut nichts , unterbrach ihn der alte Herr . Frau von Grenwitz ist noch auf . Johann , tragen Sie die Sachen auf das Zimmer des Herrn Doctor ! Wollen Sie hier eintreten ! Oswald hatte auf dem mit Steinfliesen ausgelegten Vorsaal seinen Anzug flüchtig geordnet und folgte jetzt dem Baron in ein hohes , schönes Zimmer . Als er eintrat , erhoben sich zwei Damen , die an dem Tisch vor dem Sopha , wie es schien , mit Lesen beschäftigt gewesen waren . Meine Frau , sagte der Baron , Oswald der älteren von den beiden Damen vorstellend , einer hohen , schlanken Frau von etwa vierzig Jahren , die dem Ankömmling ein paar Schritte entgegengegangen war und jetzt mit einiger Förmlichkeit seine Begrüßung erwiderte , und dann verbeugte er sich auch vor der jüngeren , einer zierlichen kleinen Gestalt mit einem etwas scharfen , echt französischen , von langen Locken eingerahmten Gesicht , da er in dem Umstande , daß sie ihm nicht besonders vorgestellt wurde , keinen zwingenden Grund sah , diese Höflichkeit zu unterlassen . Sie kommen spät , Herr Doctor Stein , sagte die Baronin mit einer tiefen , wohllautenden Stimme , die mit dem kalten Licht ihrer großen grauen Augen nicht ganz harmonirte . So früh , gnädige Frau , antwortete der junge Mann heiter , als es der widrige Wind , der heute Morgen das Fährboot um mehrere Stunden aufhielt , und der Kutscher des Herrn Baron , dessen Geduld zu bewundern ich unterwegs reichlich Gelegenheit hatte , erlaubten . Geduld ist eine schöne Tugend , sagte die Baronin , nachdem sie ihren Platz auf dem Sopha wieder eingenommen und die Uebrigen sich auf Stühlen um den Tisch gereiht hatten ; eine Tugend , die Sie vor Allen schätzen müssen , da Sie dieselbe in Ihrem Berufe so nöthig haben . Ich fürchte , die beiden Knaben werden Ihnen nur zu oft Veranlassung geben , diese Tugend im vollsten Umfange zu üben . Ich verspreche mir alles Gute von meinen zukünftigen Zöglingen und bin zum voraus überzeugt , daß die Probe , auf die sie meine Geduld stellen werden , keine Feuerprobe sein wird . Ich will es wünschen , sagte die Baronin , eine Arbeit , die sie beim Eintritt des jungen Mannes aus der Hand gelegt hatte , wieder ergreifend ; indessen werden Sie die Knaben gerade jetzt etwas verwildert finden , da sich Ihre Ankunft leider um einige Tage verzögert hat , und Ihr Vorgänger uns nicht den Gefallen thun konnte - oder wollte , seine Abreise so lange aufzuschieben . Es hieße gering von der guten Natur der Knaben denken , erwiderte Oswald , und nicht besonders groß von dem Erziehertalente des Herrn Bauer , das mir sehr gerühmt wurde , wenn ich wirklich fürchtete , sein Einfluß auf dieselben sollte ihn nicht einmal eine Woche überlebt haben . Nun , Herr Bauer hatte seine Tugenden und auch seine Schwächen , sagte die Baronin , die Stiche auf ihrer Arbeit zählend . Das ist so Menschenloos , gnädige Frau , erwiderte Oswald . Will der Herr Doctor nicht eine Erfrischung zu sich nehmen , liebe Anna-Maria ? sagte hier der alte Herr ; Oswald konnte nicht unterscheiden , ob aus gastfreundlicher Fürsorge , oder um dem Gespräch , das , er wußte selbst nicht wie , einen etwas lebhaften Charakter angenommen hatte , eine andere Wendung zu geben . Ich danke , sagte Oswald trocken . Sie haben , fuhr die Baronin , ohne diese Unterbrechung zu beobachten , fort , wenn ich den Professor Berger , der uns an Sie wies , recht verstanden habe , sich bis jetzt noch nicht mit Unterrichten und Erziehen beschäftigt , Herr Doctor ? Nein . Sie werden mich außerordentlich verbinden , wenn Sie mir gelegentlich Ihre Grundsätze in dieser Beziehung ausführlicher darlegen wollten . Ich bin zum voraus überzeugt , daß wir in den Hauptpunkten einerlei Meinung sein werden . Auf einige Differenzen in den Nebensachen müssen wir uns wohl Beide gefaßt machen . Ich werde Ihnen meine etwaigen Wünsche und Ansichten stets unverhohlen äußern und bitte Sie , gegen mich dieselbe Rücksichtslosigkeit zu beobachten . Was den Umfang der Kenntnisse der Knaben anbelangt , so werden Sie sich darüber bald selbst ein Urtheil bilden . Auch Ihrem Urtheil über den Charakter der Kinder wünsche ich nicht vorzugreifen ; nur das glaube ich Ihnen sagen zu müssen , daß Sie in Malte , unserm Sohn , einen etwas verzogenen Knaben , und in Bruno - Sie wissen , daß Bruno von Löwen ein entfernter Verwandter meines Mannes ist , den wir nach dem Tode seiner Eltern zu uns genommen haben - einen Knaben finden werden , der eben gar nicht erzogen und in Folge dessen auch zum Theil sehr ungezogen ist . Liebe Anna-Maria , sagte der alte Herr . Ich weiß , was Du sagen willst , lieber Grenwitz , unterbrach ihn die Baronin , Bruno ist nun einmal Dein erklärter Liebling , und unsere Ansichten über ihn werden wohl noch lange verschieden bleiben . Uebrigens magst Du auch wohl Recht haben , wenn Du behauptest , daß ich ihn nicht zu beurtheilen vermag , was übrigens weniger meine , als des Knaben Schuld ist , dessen düsteres verschlossenes Wesen alle Annäherung von unserer , wollte sagen , von meiner Seite beharrlich zurückweist . Aber , liebe Anna-Maria , - Nun , laß es gut sein , lieber Grenwitz , wir wollen Herrn Doctor Stein nicht gleich an dem ersten Abend , den er unter unserm Dache ist , das Schauspiel der Uneinigkeit zweier Ehegatten geben . Ueberdies wird Herr Doctor Stein der Ruhe bedürfen . Mademoiselle , wollen Sie die Güte haben , zu klingeln . Diese letzten Worte wurden in französischer Sprache an die junge Dame gerichtet , welche während dieser ganzen Unterredung unbeweglich , ohne auch nur die Augen nach dem Ankömmling aufzuschlagen , das Buch , aus dem sie vorgelesen haben mochte , noch immer in der Hand haltend , an dem Tische gesessen hatte . Jetzt erhob sie sich und schritt nach der Thür , neben der sich der Klingelzug befand . Oswald kam ihr mit einem : Erlauben Sie , mein Fräulein , zuvor . Das Mädchen sah ihn aus großen braunen Augen mit einem halb verwunderten und halb erschrockenen Blick an , der deutlich genug verrieth , wie wenig sie an dergleichen Aufmerksamkeit gewöhnt war , und ging dann , die langen Wimpern schnell wieder senkend , zu ihrem Platz am Tische zurück . Ein Diener trat ein und erhielt den Auftrag , Oswald nach dem für ihn bestimmten Zimmer zu bringen . Ich hoffe , daß Sie vorläufig Alles nach Wunsch finden werden , sagte die Baronin , als Oswald sich mit einer stummen Verbeugung verabschiedete ; wenn Eines oder das Andere vergessen , oder weniger nach Ihrem Geschmacke sein sollte , so haben Sie ja die Güte , dies auszusprechen ; ich wünsche dringend in unserm eigenen Interesse , daß Sie sich in unserm Hause behaglich fühlen . Oswald verbeugte sich noch einmal und folgte dem Diener aus dem Gemache . Dieser führte ihn über den Hausflur , an dessen Wänden Oswald flüchtig im Schein der Kerze dunkle Portraits von alterthümlich gekleideten Herren und Damen in Lebensgröße bemerkte , eine steinerne Wendeltreppe hinauf , durch lange Corridore in eine Flucht von kleinen Zimmern und endlich in ein größeres Gemach . Dies ist das Zimmer des Herrn Doctor , sagte der Mann , die beiden Kerzen , die auf dem mit einem grünen Teppich bedeckten großen runden Tisch in der Mitte des Gemaches standen , anzündend . Die Thür dort führt in das Schlafgemach des Herrn Doctor . Und wo schlafen die Knaben ? fragte Oswald . Der Herr Doctor gelangen aus Ihrem Schlafgemach in das der Herren Junker . Haben der Herr Doctor sonst noch etwas zu befehlen ? Nein , ich danke . Ich wünsche dem Herrn Doctor eine wohlschlafende Nacht . Gute Nacht . Oswald war allein . Er war , eine Hand auf den Tisch gestützt , nachdenklich stehen geblieben und hörte mechanisch zu , wie die Schritte des Dieners allmälig auf dem Corridor verhallten . Jetzt ergriff er eine der beiden Kerzen , ging durch sein Schlafgemach nach der Thür , von der ihm der Diener gesagt , daß sie in das Gemach der Knaben führe , öffnete sie behutsam und trat , das Licht mit der Hand schirmend , leise ein . Die Betten der Knaben standen dicht neben einander . Vor dem einen Bette lag ein Teppich , vor dem andern nicht . Ueber dem Bette ohne Teppich hing an der Wand eine kleine silberne , über dem mit dem Teppich eine noch kleinere goldene Uhr . In dem Bette unter der goldenen Uhr lag ein Knabe von vielleicht vierzehn Jahren , mit blondem , schlichtem Haar und einem schmalen , feinen Gesicht , das in diesem Augenblick durch den halb geöffneten Mund etwas Albernes hatte ; in dem Bette unter der silbernen Uhr ein Knabe , der wohl nur ein Jahr älter sein mochte , als der erste , aber mindestens um drei Jahre älter aussah und überhaupt mit jenem den sonderbarsten Contrast bildete . Während die Arme Jenes schlaff auf der Decke lagen , hatte Dieser die seinen über der Brust verschränkt . Der fest geschlossene Mund , und die in diesem Augenblick , wo ihn ein Traumbild herausfordern mochte , leise zusammengezogenen dunklen Brauen , gaben dem blassen Gesicht mit den unregelmäßigen , aber nicht unschönen Zügen einen Ausdruck von finsterem Trotz und Stolz , der einem gefangenen Königssohn wohl angestanden haben würde . Armer Knabe , sagte Oswald bei sich , als er mit unendlichem Interesse in das räthselhafte junge Antlitz sah , Dir hat der Lenz des Lebens auch schon Thränen gebracht , wenn Du überhaupt von einem Lenze sprechen kannst . Er fühlte sich seltsam ergriffen , er wußte selbst kaum weßhalb ; aber er beugte sich über den Schlummernden und küßte ihn auf die Stirn . Da regte sich der Knabe im Schlaf , die Arme lösten sich , er schlug die großen , tiefblauen Augen auf und sah durch die Nebel des Traumes zu Oswald empor . Und da zuckte es wie ein sonniger Strahl über sein Gesicht ; alles Düstre war verschwunden und ein warmes , hinreißend freundliches Lächeln spielte in den lebensvollen Zügen . Ich habe Dich lieb , sagte der Knabe . Und ich Dich , antwortete Oswald . Da wandte sich Bruno auf die Seite und Oswald hörte an den tiefen , regelmäßigen Athemzügen , daß er wieder fest entschlafen sei . Hat er Dich wirklich gesehen , oder bist Du ihm nur als Traumbild erschienen ? fragte sich der junge Mann , als er , voll von dem Eindruck dieser kleinen Scene , in sein Zimmer zurückschritt . Er stellte das Licht wieder auf den Tisch , trat an ' s Fenster , öffnete es und lehnte sich hinaus . Der Himmel hatte sich mit Wolkendunst bedeckt , durch den der volle Mond , der schon tief am Himmel stand , nur als dunkelrothe Feuerkugel schien . Im Osten wetterleuchtete es . Die Luft war schwül und drückend . In dem Schloßgarten tief unter dem Fenster schimmerten die weißen Blüthenbäume . Tiefer finsterer Schatten lag auf den Buchen und Eichen , die von dem hohen Wall , der den Garten umgab , riesig in den Himmel wuchsen . Nachtigallen schlugen in vollen langgezogenen Tönen ; ein Brunnen plätscherte leise , wie im Schlaf . Oswald fühlte sich seltsam bewegt . Seine Vergangenheit ging in dämmernden Bildern an seinem Geiste vorüber , wie die Wolkenschleier an dem Monde vorüberwallten ; Ahnungen der Zukunft zuckten dazwischen , wie das Wetterleuchten gegen Aufgang . Da rauschte es lauter in den Bäumen , die helle Glocke , die ihn bei seiner Ankunft begrüßt hatte , schlug langsam zwölf . Er fuhr empor . Du wolltest dir ja das Träumen abgewöhnen , sprach er lächelnd zu sich selbst . So schlafe denn , da du , ohne zu träumen , nicht mehr wachen kannst . Zweites Capitel Oswald war jetzt eine Woche auf Schloß Grenwitz , und die Woche war ihm vergangen wie ein Tag . Es lag in seiner Natur , alles Neue mit Leidenschaft zu ergreifen , selbst das Alltägliche , so lange es neu war , und hier hatte er Neues vollauf : eine neue Situation , neue Umgebung , neue Menschen . Das Alles versetzte ihn , wie es bei sanguinischen Temperamenten zu geschehen pflegt , auf eine Zeit lang in die heiterste Stimmung , in welcher es ihm ein Leichtes war , Dinge und Menschen , und Alles und Jedes , womit er in Berührung kam , selbst die Baronin mit ihren strengen , kalten Zügen , selbst den schweigsamen Kutscher , gegen den er gleich am ersten Abend einen Haß gefaßt hatte , selbst den kriechenden , zuthulichen Bedienten mit seinem ewigen : Befehlen der Herr Doctor - ganz liebenswürdig , zum mindesten interessant zu finden . Von dieser heiteren , versönlichen Stimmung gaben auch die Briefe Zeugniß , die er um diese Zeit an seine Freunde schrieb : Da wäre ich denn nun , heißt es in dem einen , auf dieser neuen Station meines wunderlichen Lebens angelangt , und wahrlich , ich glaube es hier , bis Schwager Kronos die Pferde gewechselt hat und wieder in sein ewiges Horn stößt , trotz meiner so oft von Ihnen gescholtenen Ungeduld , wohl aushalten zu können . Ja , wenn ich nicht fürchten müßte , durch voreiligen Enthusiasmus ihren Spott herauszufordern , so hätte ich nicht übel Lust , dem guten Stern , der mich hierher geführt , ein Danklied zu singen . Ich bin durchaus in der dazu nöthigen Stimmung . Ich habe in diesen Tagen schon so viel Wald-und Seeluft geathmet , daß mein armes , vom Staube nichtsnutziger Folianten betäubtes Gehirn schier trunken ist . Wahrlich , wenn die Menschen dieses paradiesischen Aufenthaltes nicht ganz unwürdig sind , so öffnet sich mir für die nächsten Jahre eine schöne Zukunft . Verzeihen Sie mir , mein Freund , daß ich zu dem großen Schritte , der mich hierher geführt , nicht Ihre specielle Erlaubniß eingeholt habe , wie Sie nach dem blinden Gehorsam , mit dem ich Ihrer höheren Einsicht bis jetzt immer gefolgt bin , wohl erwarten konnten . Ich war einmal entschlossen , ihn zu thun . Sie , das wußte ich , würden mir Ihre Einwilligung versagen ; so wollte ich denn Ihren geharnischten Gründen ein eben so geharnischtes fait accompli entgegenstellen , und Ihrem guten Rath das uralte Vorrecht , zu spät zu kommen , nicht rauben . Ueberdies kam mir die Sache so plötzlich , und ich mußte meinen Entschluß so schnell fassen , daß ich eben nur Zeit hatte , Ihnen denselben mit wenigen Worten anzukündigen ; und endlich ist es auch der Professor Berger , der die ganze Schuld trägt , wenn überhaupt von Schuld die Rede sein kann , und auf dessen Schultern ich hiermit feierlich alle Verantwortung wälze . Wir haben uns , seitdem wir uns vor nun fast einem Jahre in der Residenz trennten ; sehr selten und immer nur sehr flüchtig geschrieben . So werde ich auch wohl des Professors Berger kaum ein paar Mal Erwähnung gethan haben , und es ist daher die höchste Zeit , daß ich Sie mit diesem originellen Manne endlich bekannt mache , der in meiner jüngsten Vergangenheit eine so große Rolle gespielt hat , und dem ich es einzig und allein zu verdanken habe , daß ich in der Haupt- und Staatsaction der Tragi-Komödie - Examen genannt - keine kläglichere Rolle spielte . Als ich damals von B. nach Grünwald zog , in der vagen Hoffnung , ich werde in dieser stillen Musenstadt , in der , wie ich mir hatte sagen lassen , das Gras in idyllischer Ruhe auf den Straßen wachse , die nöthige Sammlung finden , an der es mir in den literarischen Cirkeln , ästhetischen Thees und singenden Butterbroden der Residenz so gänzlich gebrach , erschien mir unter den fürchterlichen Männern , die mich selig machen oder verdammen konnten , Professor Berger bald als der fürchterlichste . Ich hörte von den paar Commilitonen , deren dreimal bedenkliche Bekanntschaft zu machen ich nicht umhin konnte , wahrhaft unheimliche Dinge von seiner erstaunlichen Gelehrsamkeit und allerlei Beunruhigendes über sein excentrisches Wesen , seine tolle Launenhaftigkeit und seinen großen Einfluß auf die übrigen Mitglieder der Prüfungscommission , denen er durch sein Wissen , mehr aber noch durch seinen Witz , mit dessen beißender Lauge er Jeden ohne Ansehen der Person überschüttete , gründlich imponirte . Leibhaftig hatte ich den Entsetzlichen noch nicht gesehen . Er hatte einen seiner hypochondrischen Anfälle , in welchen er sich , wie man mir sagte , bei Tage in seine Stube einschlösse und des Nachts in den Wäldern der Nachbarschaft umherschweife . Da werde ich eines Tages von einer reichen Familie , an die ich empfohlen war , zu Mittag geladen . Die Gesellschaft war sehr zahlreich , ich führte eine der jungen Damen vom Hause zu Tisch , ein hübsches blondes Mädchen , dessen Munterkeit mich während des Anfangs der Mahlzeit hinreichend fesselte . Als aber die gewöhnlichen Themata , die man mit jungen Damen , die seit einem Jahre aus der Schule sind , abzuhandeln pflegt , durchgesprochen waren , wurde ich auf einen Herrn aufmerksam , der mir gegenüber saß . Es war ein untersetzter , schon ältlicher Mann , mit einer massiven , wie aus Granit gahauenen Stirn , unter der ein paar kluge Augen hervorblitzten . Die etwas vollen Wangen verkündeten eine Neigung zum Wohlleben , die sich denn auch in dem Eifer , mit welchem der Mann den guten Gaben der Ceres und des Bacchus zusprach , deutlich genug zu erkennen gab . Die Züge um den festen , schönen Mund waren geradezu räthselhaft : Sinnlichkeit , Witz , Schalkheit und Melancholie - Dämonen und Genien - schienen dort zu spielen . Das Gespräch wurde an diesem Theile der Tafel bald ein allgemeines , und ich konnte mich , ohne aufdringlich zu erscheinen , hineinmischen . Man sprach über Kunst , Literatur , Politik . Ueberall schien der merkwürdige Mann zu Hause , überall überraschte er uns durch die geistvollsten Aperçus , durch blendende Antithesen und wunderliche Paradoxen . Ja , er schien seine Freude daran zu haben , wenn er so ein Tröpfchen Fegefeuer hineingesprengt hatte und die höllischen Flämmchen die guten Leute auf der Nase kitzelten . So stellte er denn auch gelegentlich die Behauptung auf , daß Revolutionen der Menschheit nie etwas genützt hätten , nie und nimmer etwas nützen würden . Sie kennen meine Ansicht über diesen Punkt , der oft der Gegenstand unserer Gespräche war . Ich nahm den Fehdehandschuh auf ; ich wurde warm bei meinem Lieblingsthema , um so wärmer , als der Mann mir gegenüber mich durch Kreuz- und Quersprünge irrlichtergleich zu verwirren suchte . Ich vergaß Alles um mich her , ich wurde pathetisch , satyrisch - ich fühlte , daß ich gut sprach , wenigstens in meinem Leben nicht besser gesprochen hatte . Der Mann hatte zuletzt das Gefecht , das , wie ich später zu meiner Beschämung erfuhr , das lustigste Scheingefecht von der Welt für ihn war , aufgegeben und hörte mir , den großen Kopf ein wenig auf die rechte Schulter geneigt und mich unter den buschigen Brauen mit seinen großen klugen Augen anlächelnd und dabei ein Glas Hochheimer nach dem andern schlürfend , behaglich zu . Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben . Als ich meine Dame in das Theezimmer führte , fragte ich sie : Und wer war denn der Herr , mit dem ich mich in ein , für Sie ohne Zweifel , sehr langweiliges Gespräch verwickeln ließ ? Wie , Sie kennen Professor Berger nicht ? antwortete mir die Kleine verwundert . Das war Professor Berger ? Nun freilich , soll ich Sie ihm vorstellen ? Um Himmelswillen nicht , rief ich mit wahrhaftem Entsetzen ; o ich Kind des Unglücks ! Was ist Ihnen ? fragte die hübsche Blondine , was haben Sie ? Ich aber hatte schon ihren Arm aus dem meinen gleiten lassen und suchte das entfernteste Zimmer . Dort warf ich mich in einer einsamen Ecke auf einen niedrigen Divan , um über das Unglück , das ich angerichtet hatte , melancholische Betrachtungen anzustellen . Ich hatte mich also , während ich mit einem gutmüthigen Pudel zu spielen glaubte , mit einem grimmigen Bären gerauft ! Dieser Mann war mir als eben so tückisch geschildert , wie er gelehrt und witzig war . Würde er sich meiner Sarkasmen und Ausfälle nicht in jener schlimmen Stunde erinnern , wo ich hülflos auf dem Secirtisch des Examinationssaales vor ihm lag ? Es war ein verzweifelter Fall . Da hebe ich vor einem Geräusche neben mir den Kopf , den ich nachdenklich in die Hand gestützt hatte ; - vor mir steht der Professor Berger . Ich fahre von meinem Sitze auf . Erlauben Sie , daß ich mich zu Ihnen setze , sagt der seltsame Mann , indem er auf dem Divan Platz nimmt und mich an seine Seite winkt . Sie gefallen mir und ich wünsche , Ihre nähere Bekanntschaft zu machen . Ich bin der Professor Berger ; mit wem habe ich die Ehre ? Mein Name ist Stein . Sie studiren , oder vielmehr , was haben Sie studirt ? Ich wollte , Herr Professor , ich könnte auf diese Frage einfach » Philologie « antworten , da dies aber eine grobe Unwahrheit wäre , so kann ich nur sagen : ich wünsche , ich hätte Philologie studirt . Wie so ? Weil mir alsdann die Ehre Ihrer näheren Bekanntschaft weniger bedenklich erscheinen möchte . Ein Lächeln spielte um den Mund des Professors die Wange hinauf und verlor sich im Winkel des rechten Auges . Sie stehen vor dem Examen ? Ja , wie - Sie kennen ja das Sprüchwort , Herr Professor . Das Lächeln zuckte vom Auge wieder herunter zum Munde . Und da erschrecken Sie vor mir wie Hamlet vor seines Vaters Geist ? Wenigstens erscheinen Sie mir in sehr fragwürdiger Gestalt . Nun wohl , da sehen Sie selbst , daß wir eben deßhalb näher mit einander bekannt werden müssen . Wollen Sie morgen Abend , oder wenn Sie sonst Zeit und Lust haben , ein Glas Theepunsch mit mir trinken ? Ich sagte natürlich nicht nein . Und dies war der Anfang meiner Bekanntschaft , ja , ich darf wohl sagen Freundschaft mit diesem außerordentlichen Manne . Wir sind von dieser Zeit an , so lange ich in Grünwald war , täglich zusammen gekommen , und ich schlage die praktischen Vortheile , die für mich aus dem Verkehr mit dem Gelehrten sich ergaben , lange nicht so hoch an , als die tiefen Blicke , die ich in dem vertraulichen Umgange mit dem Menschen in einen der räthselhaftesten Charaktere thun durfte , die mir vorgekommen sind . Es muß , fürchte ich , eine Wahlverwandtschaft zwischen seinem und meinem Wesen existiren oder wir hätten uns nicht so schnell finden , so rückhaltslos gegen einander aussprechen , so auf Wort und Wink verstehen können . Ich fürchte , sage ich ; denn Berger ist ein sehr unglücklicher Mann . Die Lichter seines glänzenden Humors spielen auf einem gewitterschweren Hintergrunde . Er steht allein in der Welt , verkannt von Allen , gefürchtet von den Meisten , geliebt von Niemand . Warum dem so ist , darüber könnte ich mich selbst Ihnen gegenüber nicht auslassen , denn jede Freundschaft ist ein Tempel , zu dem einem Dritten der Zutritt versagt bleiben muß . Aber ich schaudere , so oft ich das Dunkel heraufbeschwöre , das über ihn hereinbrechen muß , wenn einst das Alter die strahlende Fackel seines Genius , die jetzt einzig und allein die schauerliche Oede seiner Seele erhellt , düstrer und düstrer brennen macht . Vielleicht - wer weiß es ? - mag das auch ein Glück für ihn sein . Vielleicht mag dann das Wort , das er jetzt oft halb im grimmen Spotte und halb voll wehmüthigen Glaubens im Munde führt , das alte Wort : » Selig sind die Einfältigen « , an ihm zur Wahrheit werden . Der vertraute Umgang mit dem gelehrten Manne hatte mich in den Augen aller Andern in einen Nimbus gehüllt , in welchem ich , wie die homerischen Helden die Gefahren der Schlacht , die Schrecknisse des Examens ungefährdet durchwandeln konnte . Am Morgen des entscheidenden Tages sagte Berger zu mir : Wissen Sie , lieber Oswald , daß ich große Lust habe , Sie durchfallen zu lassen ! Warum ? Weil ich Sie zu verlieren fürchte : doppelt zu verlieren . Du lieber Himmel , welche Wandlungen können nicht mit einem Menschen vorgehen , dem man den Großvaterstuhl eines Amtes giebt und die Schlafmütze einer Würde aufsetzt ! Vielleicht kommen auch Sie noch dahin , den Horaz für einen großen Dichter zu halten , und den Cicero für einen eminenten Philosophen ; vielleicht werden Sie gar in dieser engbrüstigen Zeit aus lieber langer Weile ein gelehrter Professor , wie ich . Das Examen war vorüber ; ich hatte , wie Berger sagte , die Erlaubniß erhalten , das Stroh dreschen zu dürfen . Da kommt er eines Tages mit einem Briefe in der Hand zu mir und fragt : Haben sie Lust , in einer adeligen Familie Erzieher zu werden ? Das könnte ich eben nicht behaupten . Glaub ' s wohl ; aber die Bedingungen sind so vortheilhaft , daß es sich mindestens der Mühe verlohnt , die Sache in Ueberlegung zu ziehen . Sie müssen sich auf vier Jahre verbindlich machen . Und das nennen Sie vortheilhafte Bedingungen ? Vier Jahre ! nicht vier Wochen ! Hören Sie nur ! Von den vier Jahren haben Sie nur zwei in dem Hause zuzubringen , die übrige Zeit reisen Sie mit Ihrem Zögling . Sie wollen die Welt sehen und Sie müssen die Welt sehen , und wäre es auch nur , um sich zu überzeugen , daß die Menschen überall mit Recht die Hunde so lieben . Sie haben kein Vermögen , zum Vagabunden sind Sie zu civilisirt . Eh bien ! hier haben Sie die schönste Gelegenheit , die Ihnen so vielleicht nicht zum zweiten Male im Leben geboten wird . Und wer ist mein Alexander ? Ein junger Majoratsherr , wie der macedonische Pferdebändiger . Ich habe die noble Sippschaft im vorigen Jahre in Ostende kennen gelernt . Der Mann