Otto , Louise Nürnberg www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Louise Otto Nürnberg Culturhistorischer Roman aus dem 15. Jahrhundert Erster Band Vorwort zur zweiten Auflage Es war im Sommer 1856 , als ich zum ersten Male nach Nürnberg kam . Eine Reise nach der Schweiz , die ich von meiner Vaterstadt Meißen aus ( das man auch zuweilen seiner alterthümlichen Bauart wegen » Klein-Nürnberg « genannt ) , angetreten , führte mich dahin . Man reiste damals noch nicht mit der fliegenden Eile von heutzutage - ich wenigstens war da gerade in der glücklichen Lage , an der Seite einer Freundin ohne zwingendes Ziel rein des Vergnügens willen zu reisen und Alles mitzunehmen , was sich Interessantes am Wege bot . Von all dem dünkte uns Nürnberg das Interessanteste , so bald wir es nur betraten - und nicht eher verließ ich es wieder , bis all seine Merkwürdigkeiten und Herrlichkeiten sich mir erschlossen und alle Denkmäler aus der Blüthezeit mittelalterlicher Kunst mir ihre Geschichte erzählt hatten . Als ich im Sonnenuntergang auf der Veste stand und über die Mauern des Burggartens hinabblickte und hinein in die unzähligen Gassen und Gäßlein der alten Stadt , auf all die Thürme und Giebel , die Chörlein und Brunnen , die da sprachen von einer glorreichen Vergangenheit , wie kaum eine andere deutsche Stadt sie erlebt und von der wenigstens in keiner andern so viel treu behütete Erinnerungszeichen bis auf unsere Tage gekommen , daß man Nürnberg wohl nennen mag : das Reliquienkästlein des deutschen Reichs - da ward die ganze alte Zeit lebendig vor mir und die Jahrhunderte versanken , wie der eine sinkende Tag . Da war mir , als sähe ich da unten nicht nur Albrecht Dürers Standbild , sondern den Meister selbst , da er noch als Lehrling beim Meister Wohlgemuth arbeitete und mit dem Patriziersohn Willibald Pirkheimer das edelste Freundschaftsbündniß schloß - da sah ich die deutschen Kaiser einziehen und wie auf Kaiser Friedrichs III. Wink Elisabeth Behaim den Dichter Konrad Celtes auf offnem Markt mit dem Lorber krönte - sah wie Kaiser Maximilian I. bald auf der Veste einkehrte beim Burggrafen von Zollern , an der Seite seinen lustigen Rath Kunz von der Rosen , bald selbst Quartier nahm im Hause Scheurls , das noch unverändert steht - sah wie die Baubrüder arbeiteten nach dem System des Achtorts in der Bauhütte neben der Lorenzkirche und Hüttentag hielten - sah die beiden Loosunger und die Genannten aus den edelsten Nürnberger Geschlechtern : Tucher , Holzschuher , Muffel , Behaim u.s.w. zum Rathhaus gehen - sah hinein in Peter Vischers Gießhütte und in Adam Krafts Werkstatt am Steig und - Was ich da sah im Sonnenuntergang und im Mondschein , das sollte zu mehr werden , denn zu einem flüchtigen Reiseeindruck - als ich andern Tags noch einmal in der herrlichen Lorenzkirche weilte , dem schönsten Denkmal gothischer Baukunst und geschmückt mit Werken eines heiligen Kunsteifers , wie eben nur jene Blüthezeit des Mittelalters ihn aufzuweisen hat , da that auch ich bei all diesen Werken reiner Begeisterung und bei meiner eigenen ein Gelübde : zu versuchen , an all diese Denkmale noch selbst durch ein geschriebenes Denkmal zu mahnen . Als ich wieder heimgekehrt , kam mir Nürnberg nicht aus dem Sinn - aber meine Aufgabe schien mir zu groß , als daß ich gleich so ohne Weiteres an deren Lösung gegangen wäre - konnte man doch von jenen Nürnberger Meistern selbst lernen , wie man mit Ernst und Fleiß arbeiten muß , will man etwas Rechtes erreichen . Ueber ein Jahr lang habe ich denn nur im Mittelalter und in Nürnberg im Geist gelebt ; ein Freund und Gönner , der Culturhistoriker Hofrath Gustav Klemm , Oberbibliothekar der Königl . Bibliothek in Dresden , der früher selbst lange in Nürnberg gelebt , war mir freundlich behülflich , Alles zu suchen , was jene Bibliothek von alten Werken darauf Bezügliches enthielt - und nicht eher , bis ich durch die fleißigsten Studien ganz auf dem gewählten Schauplatz zu Hause war , ging ich an meine Arbeit . Aber ich wollte in ihr nicht allein ein culturhistorisches Bild liefern , sondern auch ein poetisches Kunstwerk - wollte Ewiges darstellen im Endlichen , wie es meine Helden - die Baubrüder , ja auch selbst gethan . So erschien denn mein » Nürnberg « 1859 . Es war mein erster historischer Roman - und ich hatte die Freude , ihn vom Publikum wie Kritik in gleicher Weise beachtet und - was bei mir viel sagen will , da mein entschiedener Parteistandpunkt mir immer viele principielle Widersacher schuf - einstimmig anerkannt zu finden . Ich darf mich mit Freuden auf die Urtheile der angesehensten Zeitungen und auf Namen berufen wie Gutzkow , Alfred Meißner , August Silberstein , Karl Frenzel , Ludwig Eckhardt , Hermann Klencke , Heinrich Kurz , Hermann Marggraf u.s.w. Was mich aber am meisten freute , das war , daß aus Nürnberg selbst mir die vielfachste Zustimmung zu Theil ward und daß Andere , wenn sie nach Nürnberg reisten , mir versicherten , mein Buch sei dafür der beste Führer . Jahre vergingen - die letzten Sommer führten mich wieder nach » Nürnberg « - da grüßte mich dort mehr als ein Freund deutscher Kunst und Größe mit der bangen Bemerkung : » Es ist gut , daß Sie jetzt noch kommen - denn bald werden Sie Ihr Nürnberg nicht mehr finden ! « Die Stadt , die bisher die Erinnerungen ihrer reichsstädtischen mittelalterlichen Größe so treu gehütet , hatte an der Zerstörung derselben begonnen - im Interesse des Nivellirungssystems der modernen Industrie sollten die alten Mauerkronen fallen sammt Thürmen und Thoren - - Da gedachte ich wieder meines Nürnberg und da ich erfuhr , daß die erste Auflage bis auf das letzte Exemplar schon längst vergriffen war und ich darüber nur keine Mittheilung erhielt , weil der Verlag , in dem es damals erschien , an eine andere Firma übergegangen , so erschien es mir an der Zeit , jetzt eine zweite Auflage davon zu veranstalten und es namentlich auch Allen , die sich für die alte Reichsstadt und ihre einstige Kunstblüthe interessiren , nochmals zu bieten , als ein Denkmal ihrer Herrlichkeit - wie ja auch Holzschnitt und Photographie sich eben jetzt noch bemühen , festzuhalten , was noch vom alten Nürnberg steht , weil man ja nicht weiß , wie lange es noch der modernen Zerstörungssucht widerstehen kann . Und so sende ich denn diesen Roman zum zweiten Male in neuer Gestalt und nochmals durchgesehen , wenn sonst auch unverändert , hinaus in die Welt und hoffe , daß er keine ungünstigere Aufnahme findet , als das erste Mal . Und somit grüß ' ich all die Freunde , die er schon fand und die er mir selbst erwarb - und vor Allem grüße ich Nürnberg selbst und in ihm die Hüter und Förderer des » Germanischen Museums « , denen ich mein Werk nochmals zu Füßen lege . Leipzig , 1874 . Die Verfasserin . An Nürnberg Du edles Nürnberg bist wie eine Blume Im deutschen Reich , so herrlich anzusehn ! Du blühst dir selbst und aller Zeit zum Ruhme , Läßt Balsamdüfte durch die Lande wehn ! Und deine Zauber wirken fort und fort In Kunst und Wissenschaft , in Bild und Wort . Dahin zog es von je die edlen Geister , Die gern sich sonnen in des Lebens Glanz , Die Herrn und Fürsten und die großen Meister Von jeder Kunst im schön verbundnen Kranz . Dort kämpfte man zuerst für Recht und Licht Und huldigte der Schönheit und der Pflicht . Auch ich sah dich - und deine Steine sprachen , Von Allen Thürmen hallte Glockenklang , Und tausend Stimmen aus vergangnen Tagen Vereinten sich wie feiernder Gesang , In deinen Kirchen , deinen Monumenten , Schrieb Kunst die Chronik mit geweihten Händen . Die Baukunst , die dem Namen der Germanen Die höchste Ehr im Tempelbau erschuf , Und die , entrückt dem Eingriff der Profanen , Die freie Steinmetzzunft weiht dem Beruf Zu zeigen , wie das Ewige erscheint Im Endlichen , wenn es die Kunst vereint . Solch Ringen war ' s , das nach dem höchsten Ziele Baubrüder von St. Lorenz hier gepflegt , Wie sie einst aufgerissen die Profile Albertus Magnus Lehre treu gehegt : Das ward auch hier , auch mir ein Offenbaren Vom Tempelbau des Schönen und des Wahren . Und also ging ein Auf- und Vorwärtsstreben Grad durch die Zeit und durch das deutsche Reich . Die Reichsstadt durfte hoch das Haupt erheben , Stellt ' Bürgerthum dem Fürstenthume gleich , Und nur dem Kaiser , den sie mit gebüret Gab sie die Huldigung , die ihm gebüret . Und edle Frauen durften stolz sich zeigen , Die Kunst beschützen , wie die Wissenschaft , Den Lorberkranz erwählten Dichtern reichen , Die Anmuth fügen zu der kühnen Kraft , Und von der Blüthe solchen Bürgerthumes Gehört für sie ein Theil des höchsten Ruhmes . All dies in deinen Mauern wohl geborgen Du edles Nürnberg zeigte mir der Geist , Und was ich sah , und was ich konnt erhorchen , Das dich vor aller Welt noch einmal preist : Das hab ich , wie ich mich an dir erhoben Dich auch erhebend in mein Werk gewoben ! - Geh hin , mein Buch , und grüß die deutschen Auen Und grüße Alle , die Begeistrung weiht , Baubrüdern gleich , am Tempel mit zu bauen , Auf altem Grund im Dienst der neuen Zeit ! Daß deutsche Kunst und Art bleib ' unvergessen , Das ist das Ziel , deß sich dies Buch vermessen . Nürnberg , October 1873 . Louise Otto . Erstes Capitel Der Wandergeselle An einem sonnenklaren Maientage des Jahres 1489 wanderte ein schlanker Jüngling auf der breiten Heerstraße , die von Westen nach Nürnberg führte , der ehrwürdigen Reichsstadt zu . Schon waren ihm viele Menschen begegnet zu Fuß wie zu Roß und hoch mit Kaufmannsgütern beladene Wagen , umgeben von zahlreichem Geleit , denn ohne solches wagte Niemand die Waaren zu versenden , die so noch oft genug in die Hände der rohen Raubritter fielen , die ihr Wesen gerade am Aergsten von ihren düstern Burgen herab in der Nähe der freien Reichsstadt trieben , deren Reichthum sie beneideten , deren Bürgerstolz sie haßten und deren Bürgern sie schon darum gern einen Verlust und Schaden zufügten , weil diese selbst oft genug den hohlen Glanz des Ritterthums verdunkelten , und wo es in ihrer Macht war , sich nicht scheuten , seine Angehörigen , wenn sie dieselben eines Frevels überführen und habhaft werden konnten , nach ihren strengen Gesetzen zu strafen und zu richten . Schon an diesem belebten Verkehr hätte der Jüngling erkennen müssen , daß er dem Ziel seiner weiten Wanderschaft sich endlich näherte - aber als er jetzt aus dem gewaltigen Reichsforste trat , durch den sein Weg zuletzt geführt : da lag sie vor ihm , die große , sich weit ausbreitende Stadt , in der doch ein Giebel dicht an den andern gedrängt den Nachbar zu überragen strebte , indeß zahlreiche Thürme miteinander wetteiferten den Himmel zu begrüßen und in kunstvollen Formen sich von ihm abzuzeichnen . Höher darüber thronte die Veste , die vor etwa fünfzig Jahren neu erbaut worden war von den Bürgern Nürnbergs , nachdem sie Ludwig der Bärtige von Baiern 1420 niedergebrannt und Markgraf Friedrich von Brandenburg sie sammt allen Rechten einige Jahre später an die Stadt Nürnberg verkauft hatte . Da und dort blinkten die grünen Wellen der Pegnitz , welche die Stadt durchströmt und in zwei Hälften schneidet : die Lorenzer und die Sebalder Seite , so genannt nach ihren Kirchen , den herrlichsten Denkmalen gothischer Baukunst . Da und dort , besonders aus den Vorstädten steigt düsterer Rauch auf , der kommt aus den gewaltigen Schornsteinen der zahlreichen Gießhütten , in denen die Kunst und das Handwerk zugleich arbeiten im innigsten Verein , um nützliche Geräthe zu schaffen für den Hausgebrauch und vollendete Werke monumentaler Kunst zur Ehre Gottes für die erhabenen Tempel , in denen alle Künste sich vereinigen dem Herrn zu dienen und alles Volk ihm zuzuführen . Auf einer kleinen Anhöhe hat der Wanderer sich niedergelassen , und indessen er die Stadt betrachtet , in die seine Sendung lautet , und ihm das Herz groß und weit wird bei ihrem Anblick und dem Gedanken , daß er da drinnen Brüder seiner Zunft und Kunstgenossen finden wird , in deren Mitte eine reiche Zukunft voll begeisternder Thätigkeit ihn erwartet , können wir ihn selbst betrachten . Er ist lang und schlank und von edlem Wuchse , sein Gesicht glatt und fein , nur jetzt etwas von der Frühlingssonne auf langer Wanderschaft gebräunt , unter der edelgebauten Stirn scheinen hohe Gedanken zu wohnen , und noch mehr leuchtet aus den tief dunklen Augen das Feuer echter Begeisterung . Das üppige braune Haar , halblang in der Mitte gescheitelt und rundum glatt geschnitten , bedeckt ein kleiner runder Strohhut . Ueber den enganliegenden Beinkleidern von bräunlichem Leder trägt er eine Art kurze Blouse von rothbrauner Farbe , am schwarzen Ledergürtel hängt ein kurzes breites Schwert und um die Schultern am festen Riemen ein ledernen Sack . Die kurzen Stiefeln von ungeschwärztem Leder bezeugen in ihrem abgerissenen Zustand auch die Weite des Weges , den sie zurückgelegt . Nachdem er das letzte Stück Brod , das er in dem Sack gefunden , der seine ganze Habe enthielt , verzehrt , ging er auf ' s Neue mit rüstigen Schritten auf die Stadt zu und betrat sie bald durch ein langes düsteres Thor . Er wußte nirgend Bescheid und bog ohne Weiteres in die enge Gasse ein , die ihn in der Richtung des Kirchthurms zu führen schien , den er sich von Weitem als sein Wanderziel ausersehen . Aber bald verschwand ihm dieser vor den höher aufsteigenden nahen Giebeln , die in den engen , oft krummlinigen Straßen seinen Blick beschränkten , und er ging durch dieselben ohne Plan und Ziel , nur gelockt von der Neuzeit des Anblickes , der sich ihm bot , der Bewunderung und Freude , die ihn erfüllten . Der Wanderer kam von Straßburg und hatte am Rhein und in Franken , das er jetzt durchzogen , wohl manchen stattlichen Bau und manche aufblühende Stadt gesehen ; auch war ihm wohl das Sprüchlein bekannt , demnach kein Fürst so schön wohne wie die Fugger zu Augsburg und die Tucher zu Nürnberg : aber Alles , was er hier sah , übertraf doch seine Erwartungen . Hohe , oft fünfstöckige jedoch schmale und tiefe Häuser kehrten die Giebelseite der Straße zu , so zwar , daß die verschiedenen Geschosse sich treppenartig übereinander thürmten und von der Straße aus den Aufblick nach oben beschränkten . Viele Fenster , meist hoch und weit , oft oben in Bogen gewölbt , schmückten die Häuser , symmetrisch und doch mannigfaltig vertheilt . Zuweilen vereinigten sich zwei oder drei Fensterfelder zu einem vorspringenden Chörlein , das schöne Wappenschilder von zierlicher Steinmetzarbeit schmückten . Wie der Giebel war meist auch die obere Gruppe der Fenster pyramidisch angeordnet und der Giebel selbst Treppenförmig ausgeschnitten , an manchen Häusern auch die einzelnen Stufen mit aufstrebenden Steinverzierungen gekrönt . Ueber den weiten Eingang der Häuser stieg häufig ein kunstgerechter Spitzbogen empor mit steinernem Laubwerk umwunden , oder zeigten sich buntgemalte Wappenschilder oder Zunftzeichen . Und wo ein Haus eine Straßenecke bildete , da fehlte selten an der scharfen Ecke ein vorspringender Wegstein mit einem steinernen oder ehernen Standbild ; bald war es ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln , bald ein Ritter mit geschwungenem Speer oder ein Lindwurm . Wo ein weiterer Platz sich zeigte , da stand inmitten gewiß ein Brunnen mit schönen Statuen oder feinem Gitter darum , oder war irgend ein künstliches Druckwerk daran , daß wie von selbst das Wasser heraus und gen Himmel sprang , an der Erde im weiten Steinbecken sich sammelnd . Hatte der neue Ankömmling auch schon da und dort gleich schöne Bauwerke und Steinmetzarbeiten gesehen , noch nirgend war es ihm vorgekommen , daß sie so dicht zusammen sich drängten , so gleichsam den Bedürfnissen des täglichen Lebens dienten , zu ihnen zu gehören schienen . Und welch ' ein wogendes Leben war das auch , das sich dazwischen bewegte ! Auf Wagen oder Schleifen wurden Waarenballen von geschäftigen Händen aufgethürmt zu weiterer Versendung , oder abgeladen und in die weiten Hofräume der Häuser geschafft . Ueberall waren die Erdgeschosse Werkstätten , aus denen ein munter bewegtes Leben voll rüstiger Arbeit klang , oder Kaufläden , an deren Fenstern kunstvolle Geräthschaften oft von Gold und Silber blitzten , so daß unser Fremdling schon bei sich selbst eine solche Gasse die Goldschmiedsgasse nannte , noch ehe er wußte , daß sie wirklich diesen Namen führte . Zwischen den geschäftigen Arbeitern , die aus den Werkstätten ab und zu gingen , schritten stattliche Herren , die zum Rath gingen , manche in Pelz und Sammt gekleidet , gleich als ob sie Edelleute wären , indeß sie doch nur bürgerlicher Herkunft , aber den geachtetsten Geschlechtern Nürnbergs angehörend , hatten sie unkundlich selbst vom Kaiser die Erlaubniß zu solch reicher Tracht erhalten , die sonst allein dem Adel zukam . Daneben wandelten gleich reich gekleidete Frauen , die nicht nur mit den Schleppen ihrer seidenen Damastkleider , sondern auch mit ihren weiten hängenden Aermeln die Straße fegten , dem Rath zum Trotz , der schon einmal eine Verordnung wider die Länge solcher Aermel erlassen . Aber neben dem Stolz , der wie aus der Kleidung auch aus der Haltung dieser Frauen sprach , lag auch etwas so Ehrbares und Züchtiges in ihrem Auftreten , das allen Begegnenden Achtung einflößte und die sie erblickenden Männer , mochten sie dem weltlichen oder geistlichen Stande angehören , nöthigte mit höflichen Grüßen an ihnen vorüberzugehen . Und auch unter den einfacher gekleideten Bürgermädchen , von denen manches den schönen Fremdling mit schelmischen Augen neugierig musterte , gab es liebliche Erscheinungen , an denen Alles nett und sauber war , von dem goldgestickten Riegelhäubchen herab bis zum Schuh , der bis an den Knöchel reichte . Wenn sie das Wasser schöpften , am Brunnen sich neigten und dann das Gefäß zum Kopf mit den bloßen Armen emporhoben , so war so viel Grazie in diesen Bewegungen , als Würde bei dem stolzen Auftreten jener Patrizierinnen . All ' dies Leben und Treiben voll Anmuth und Schönheit der Häuser wie ihrer Bewohner war wohl geeignet den Fremden zu fesseln und gleichsam zu übertäuben , daß er ziel- und planlos durch dasselbe schritt , bis er plötzlich sich am Fuße der Veste gewahrend sich doch besann , daß er hier unmöglich auf dem rechten Wege sein könne und daß es Zeit werde , nun einmal danach zu fragen . Er befand sich eben in einer im Augenblick ziemlich menschenleeren Gasse , als an einem der Häuser eine Thür sich öffnete und ein junger Bursche daraus hervortrat ; hinter ihm hörte man polternde Stimmen und vernahm zuletzt die Worte : » Und somit lass ' es dir gesagt sein , halte dich dazu , Albrecht , und verträumere die Zeit nicht , wie es deine Art ist ! « Dem knabenhaften Jüngling , dem diese Worte mit rauhem Tone ausgesprochen galten , schoß das Blut in ' s feine blasse Gesicht und in die klaren schwärmerischen Augen trat etwas wie eine Thräne . Er schüttelte die langen braunen Locken zurück , die so üppig fast wie Löwenmähnen auf seine Schultern niederflossen , hob einen Topf mit grüner Farbe darauf , indeß er in der andern Hand Pinsel und Richtscheit trug . Diese Hände , zumal die auf das Haupt emporgehaltene , erschienen so weiß , klein und durchsichtig , als wären sie von Alabaster künstlerisch gemeißelt . Die Gestalt war fast klein und schwächlich , aber es lag etwas freudig Selbstbewußtes in ihrer Haltung und sprach von der edlen Stirn trotz der Thräne des Unmuthes im Auge und dem Roth der Scham auf den Wangen , daß der Fremde unwillkürlich davon angezogen ward und gerade ihn sich ausersah nach dem Wege zu fragen . » Gott grüße Euch ! « rief er ihm zu ; » wie es scheint , seid Ihr hier zu Hause und könnt mich berichten ; wie heißt hier diese Gasse ? « » Unter der Veste , « antwortete Albrecht bescheiden den Gruß erwiedernd . » Da bin ich wohl weit von meinem Ziel ? « antwortete der Wanderer mit etwas fremdartigem Idiom , » ich bin an die Bauhütte der freien Steinmetzzunft von Nürnberg gewiesen . « » Da habt Ihr freilich dahin noch durch manche Straße und manches Gäßlein zu gehen , « antwortete Albrecht , » und da Ihr fremd hier zu sein scheint , werdet Ihr Euch schwerlich zurecht finden . Ein Stücklein Wegs aber kann ich Euch jedenfalls geleiten und ich bitt ' Euch mir zu folgen . Und welche Hütte sucht Ihr wohl ? Die große steinerne Bauhütte zu St. Sebald , welche die Baubrüder aufgeschlagen haben , da sie die schöne Sebaldskirche bauten , steht noch dem Rathhaus gegenüber , und bis dahin haben wir nicht weit ; wollt Ihr aber in die Bauhütte bei der St. Lorenzkirche , drinnen wieder fleißig gearbeitet wird , weil ein hoher Chor und eine neue Kapelle zum schönen Bau hinzu gestiftet worden , so müssen wir auf die Lorenzer Seite über die steinerne Brücke hinüber . « » Ihr seid hier wohl bewandert , junger Freund , « antwortete der Fremde , » es ist die Bauhütte von St. Lorenz , in die ich gesandt bin ; aber wiewohl mir Euer Geleit gar willkommen ist , so will ich Euch doch nicht veranlassen um deswillen einen Umweg zu machen , da Ihr wohl keine Zeit zu verlieren habt - « Albrecht erröthete , weil er aus dieser Bemerkung schloß , daß der Fremde die scheltenden Worte , mit denen er vorhin entlassen worden , und wohl gar die Schimpfreden , die vorhergegangen , könne gehört haben . Er unterbrach ihn daher schnell , indem er antwortete : » Mein Weg führt mich auch in diese Gegend . Mein Meister ist gut und wacker , und gerade weil ich an ihm einen nachsichtigen Herrn habe , kann ich ' s nur seinen rohen Knechten nicht zu Dank machen . « » Und wer ist Euer Meister ? « fragte der Fremde . » Der Maler Michael Wohlgemuth , « antwortete Albrecht ; » vielleicht habt Ihr von ihm gehört , denn sein Name klingt wohl weit in das Reich hinaus , da von vielen entfernten Orten Bestellungen an ihn kommen . « » Ei freilich kenn ' ich seinen Namen und habe schon manch ' ein schönes Gemälde in glänzenden Farben auf Goldgrund von ihm gesehen . Hätte ich gewußt , daß es seine Werkstatt war , aus der Ihr tratet , so würde ich der Lust nicht haben widerstehen können mich drinnen umzusehen , « erklärte der Wanderer . Wenn Ihr hier bleibt , « antwortete der Lehrling des Malers , » so findet Ihr Euch schon ein andermal wieder in Michael Wohlgemuth ' s Werkstatt unter der Veste , und es wird mich freuen Euch wieder zu sehen und dem Meister zuzuführen , dessen Verehrer Ihr seid ! « » Ihr wollt also wohl auch ein Maler werden ? « sagte der Fremde . » Ich hoffe es zu Gott , « antwortete Albrecht , » da er mir einmal diesen Drang gegeben , der mir keine Ruhe ließ , obwohl ich mich meinem Vater zu lieb erst dessen eigenem Handwerk widmen wollte . « » Und wer ist Euer Vater ? « fragte der Andere , in dem der etwa siebzehnjährige Jüngling immer größere Theilnahme erregte . Dieser antwortete : » Der Goldschmied Dürer . Ich hatte immer die meiste Freude daran ihm die Risse und Zeichnungen zu machen zu seinen Werken und viel lieber zu zeichnen als zu hämmern und zu gießen . Da er es aber nicht anders wollte , dacht ' ich , ich könne meine Neigung bezwingen , und gab mir alle Mühe in seiner Werkstatt . Aber zuweilen kam es mir hart an und ich grämte mich schier , daß ich darauf verzichten sollte , ein Maler zu werden . Da bat auch die Mutter den Vater für mich , und er that mich zum Meister Wohlgemuth in die Lehre - und nun hab ' ich die doppelte Pflicht etwas Rechtes zu lernen und ein rechter Maler zu werden , einmal weil mir ' s im Innern eine Stimme immer gesagt , daß für mich kein Heil ist außer bei dieser Kunst , und dann weil es meinem Vater hart angekommen , mich aus seiner Werkstatt und in die fremde Lehre zu thun . Solches sag ' ich mir täglich , und werde nicht müde zu beten und zu arbeiten , damit es mir gelinge ! « » Dann wird es Euch gelingen ! « rief der Fremde und legte seine Hand liebreich auf die Schultern des jüngeren Begleiters . » Durchglüht von echter Begeisterung für die Kunst wachsen uns selbst die Flügel , die uns emportragen in ihr göttliches Reich . Wie Euch zur Malerei , so drängte mich ' s zur Baukunst , und Nichts wäre im Stande gewesen mich ihr zu entziehen . Nicht wie Euch einem Handwerk , dem Priesterstande wollte man mich weihen , aber mich drängte es zum Hohenpriesterthum der Kunst , und ich denk ' ihr zu opfern mit reinen und fleißigen Händen . Gottesdienst ist die Kunst , und selig ist es ihr zu dienen in rechter Treue , und wenn es sein muß , sich selbst ihr zu opfern ! « » Amen ! « sagte Albrecht Dürer ; » Ihr sprecht mir aus der Seele und es klingt fast so schön , als hört ' ich meinen Freund Willibald . Aber ich darf nicht länger mit Euch plaudern . Hier an der Brücke bin ich am Ziel , und Ihr seid es bald , Ihr braucht nur über sie zu gehen , dann der geraden Straße zu folgen , dann führt Euch links die dritte Gasse an Euer Ziel . Seht hier die Brücke : sie ist kunstvoll gebaut in einem einzigen Bogen nach dem Muster der Rialtobrücke in Venedig - ich kann nicht hinübergehen ohne zu wünschen , auch einmal nach Venedig selbst zu kommen . Waret Ihr schon dort ? « » Noch nicht , « antwortete der Fremde , » aber wir werden es schon beide einmal sehen . Doch vorerst muß man sich umsehen im deutschen Lande , deutsche Art und Kunst kennen lernen und bei deutschen Meistern arbeiten , ehe man in ' s Ausland geht . Da muß man erst fest sein in heimischer Kunst , damit die fremde sie wohl läutere , aber nicht verderbe und verdränge . Und nun habt Dank , wenn wir jetzt scheiden müssen , vielleicht such ' ich Euch bald heim in Meister Wohlgemuth ' s Werkstatt unter der Veste , bis dahin vergeßt den Steinmetzgesellen Ulrich aus Straßburg nicht ! « Um einzuschlagen in die dargebotene Hand , legte Albrecht Pinsel und Richtscheit aus seiner Hand auf einen der vorspringenden kleinen Steinsitze an der schön geschnörkelten Hausthür , vor der er stand , und sagte : » Da drinnen im Haus des Rathsherrn Muffel giebt ' s Treppengeländer anzustreichen - da gehört freilich keine Kunst dazu , noch giebt ' s etwas dabei zu lernen , aber der Meister meint , dergleichen bringe ihm mehr ein als die künstlichen Gemälde , weshalb er solche Arbeit niemals von der Hand weis ' t. Seine Knechte aber denken mich zu demüthigen , wenn sie mich so in die Häuser der Vornehmen schicken mit gemeiner Arbeit , da ich lieber in der Werkstatt säße und conterfeite . Aber ich denke , es muß Alles geschehen der Kunst zu Nutz , und thue es willig . Und nun Gott zum Gruß ! « » Gott zum Gruß , wackerer Jünger der Kunst , « sagte Ulrich ; » mir sei es ein gutes Zeichen , daß gerade ein solcher der erste Nürnberger war , mit dem ich in dieser edlen Reichsstadt das erste Wort gewechselt , das viele gegeben ! « Ulrich schritt über die Brücke und hatte nicht mehr weit zu gehen , da stand er vor der Bauhütte zu St. Lorenz , über deren Eingang das Wappen der freien Steinmetzzunft zu Nürnberg prangte : zwei goldene Hämmer inmitten eines himmelblauen Feldes , zur linken Seite ein Cirkel , zur rechten ein Winkelmaß . Daneben ragte die prachtvolle Lorenzkirche ; die geöffneten Thüren und ein aufsteigendes Gerüst an der einen Seite zeigte an , daß man auf ' s Neue an ihrer Verschönerung arbeitete und neben dem ersten ein zweiter Thurm seiner Vollendung entgegen wuchs . Aus der Bauhütte klang es von emsigen Meißeln und Feilen fleißiger Steinmetzen . Ulrich näherte sich der Thür und schlug dreimal daran mit seinem Schwert . Alsbald öffnete sich dieselbe und ein Mann in mittleren Jahren trat heraus . In seinen langen braunen Bart mischte sich das erste Grau und tiefe Linien liefen über seine hohe Stirn . Er trug eine kurze Blouse ohne Aermel , da er zur Arbeit das kurze Obergewand ausgezogen und mit einer Lederschürze vertauscht hatte . Seine grauen Lederbeinkleider reichten bis zu den Stiefeln von ungeschwärztem Leder . Um die Hüften hatte er einen breiten Gürtel , an dem allerlei Werkzeuge hingen . Er