Gutzkow , Karl Der Zauberer von Rom www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Karl Gutzkow Der Zauberer von Rom Erster Band Auf seiner Harzesfeste jubelte Heinrich der Löwe , als Friedrich Barbarossa , wie schon einmal vor ihm selbst in Chiavenna , so in Venedig vor Alexander dem Dritten die Kniee beugte und der Stellvertreter Christi die Worte der Schrift über den gedemüthigten Kaiser sprechen durfte : » Ueber Nattern und Vipern will ich deine Schritte führen ! « Jetzt freilich , und in diesem Jahre erst , sah der Verfasser einen erlauchten ritterlichen Prinzen des österreichischen Kaiserhauses unter demselben Baldachin , der des Patriarchen Haupt bedeckte , in Venedig friedlich dahinschreiten am Tage des Fronleichnam . Die schmetternden Klänge der Hörner , Posaunen und Ophiklëiden der deutschen Regimenter hallten an den Wänden des Marcusplatzes wider . Schlachtengebräunte Generale , den Hut unterm Arm , folgten dem Zuge , den ein weißes , vor wenig Tagen geworfenes Lamm , mit rothen und blauen Bändern geschmückt , eröffnet hatte . Ein blonder Knabe in weißen , schleifenbesetzten Atlasschuhen , angethan wie einer jener spanischen Infanten , die auf fürstlichen Familienbildern Tizian malte , führte das Symbol der Kirche an einem rothen Gängelbande . Und dennoch ist der Streit der Welfen und Ghibellinen noch unbeendet ! Unausgefüllt die Kluft der deutschen Einheit und der lateinischen und germanischen Welt überhaupt ! Diejenigen Cabinete kennen wir , denen wenig damit gedient gewesen , als die » Schlacht von Bronzell « nur eine traurige Caricatur wurde ! Wir haben die Liga , haben die Union ! Was verbürgt uns , daß nicht das Vaterland eine zweite Schlacht von Mühlberg erlebt , die einst gefahrvollste Stunde unserer Geschichte ... Nur selbstverständlich wird der Kaiser , der beruhigend den knieenden Fürsten zuruft : » Nicht Kopf abe ! « kein Spanier sein . Das alte blut- und thränenreiche deutsche Vermächtniß , die Spaltung in Süd und Nord , kann noch immer die Bresche werden , über welche hinweg unsere Heiligthümer , Sprache , Bildung , Nationalität , Volkswohl , im Völkersturm genommen werden , und früher oder später ist die Stunde da , wo entschieden wird , ob die Welt den Slawen , Celto-Romanen oder Germanen gehört . Die nachfolgende Dichtung will , soweit dem Worte eine Wirkung zukommen kann , beitragen helfen die vaterländische Einheit zu fördern . Sie will warnen , will ermuntern . Sie will die Gefahren aufdecken einer trügerischen Lockung . Sie will den » lieblichen Ton der Pfeife des Vogelstellers « nachweisen selbst in dem Busch , wo Tannenzapfen , nicht Orangen reifen . Sie will einem großen , sehnsüchtigen , auch von ihr heilig gehaltenen Hang und Drang der christlichen Völker würdigere Ziele zeigen , als sie sich bisher in der fernen Fata-Morgana spiegelten . Sie will für jene heraufziehende Entscheidung den germanischen Kampfesmuth schüren , tausendjährigen Siegerstolz nähren helfen , will den Verräthern unsers eigenen Heerlagers auf ihren geheimsten und nächtlichsten Pfaden folgen . Sie will - Doch spreche die Absicht des Buches aus ihm selbst ! Der Verfasser widmet es seinem Volke und seiner Zeit . Er stellt diese Widmung mit ruhiger Ergebung in die Aufnahme , die von einer Seite aus nur die feindseligste werden kann . Häufe sie Schimpf und Schmach - ein Theil der angestrebten Wirkung wird dann erreicht sein . Wohlwollenden aber , Uebereinstimmenden , Gerechten den innigsten Gruß zuvor ! Der Verfasser kennt aus schöner Erfahrung das Glück , für Gemüther zu schreiben , die den Autor gleichsam nur bevollmächtigten das zu sagen , was schon lange ihnen selbst auf dem Herzen brennt . Eine der seligsten Wonnen - Uebereinstimmung ! Ein nur leise angeschlagener Ton und die Hingebung und Liebe führen ihn weiter ! Wissen : hier lächelt der Leser wie du : hier feuchtet sich sein Auge wie dir : hier erräth er dein Räthsel , noch ehe du zu Ende warst es zu stellen : hier könnte er deiner einfachen Andeutung eine Fülle eigener Erfahrung an die Hand geben : welche Kraft entströmt diesem sichern Bewußtsein ! Findet ihr zu viel grelles Licht , ihr seid gewiß , der Schatten wird nachkommen ; dunkelt es zu lange , ihr vertraut , daß es bald am Licht nicht fehlen wird ! Was ist hier Gutes , was Böses ? rufen wol schon im Beginn die , die gewohnt sind nur sich selbst zu hören . Ihr ermüdet nicht , die Anklage oder Vertheidigung der Charaktere allmählich erst sich aufsummen zu sehen . Nur schwarze oder weiße Menschen haben wir Engverbundene in unserm Erfahrungsbuche nie finden können und ... stelle doch , du gefallenes Titanengeschlecht , Menschheit genannt , dem Weltenrichter einst große Aufgaben ! Sprüche urtiefer Weisheit fallen am Jüngsten Tage , nicht Schulcensuren ... Das erste der neun Bücher ist nur ein Vorspiel , der erste , schwere Jugendtraum eines in solcher Art » gemischten « Charakters . Der Roman selbst , sowol in Form wie Bedeutung nach den Anforderungen an einen Roman des neunzehnten Jahrhunderts , wie ihn der Verfasser in seinen » Rittern vom Geist « zu definiren wagte , beginnt erst mit dem zweiten Buche . Die kleinen Funken , die dort erst zu zünden bestimmt sind und die in den Vorgängen des ersten Bandes , dem jungen Dämmerleben einer weiblichen Seele , nur spielend auf- und niederhüpfen konnten , wird des Kenners Auge leicht herausfinden . Sei ihre Irrlichtsnatur auch dafür Bürge , daß jetzt wie früher der Verfasser nichts um der nächsten Deutung willen schrieb oder mit grober Absichtlichkeit dem freien Schwebegang der Muse Zwang anthun wollte ! Wie sonst wird auch hier das Gesetz des Lebens walten und jede freie Lust am Dasein , jede Regung der natürlichen Empfindung den Keim ihrer höhern Deutung in sich selbst oft völlig unbewußt tragen . Denn in solchem Humor leben wir . All unser Denken und Handeln ahnt die Schatten nicht , die es im Licht der Wahrheit wirft . Dresden , im Juli 1858 . Erstes Buch 1. Langen-Nauenheim ist eines jener nordhessischen Dörfer , die mitten im Herzen Deutschlands liegen und denen dennoch nicht so warm gebettet ist , wie es an der Brust einer so großen Mutter , wie das Vaterland , sein sollte . Sieht man die verfallenen Hütten mit ihren Stroh-und Schindeldächern , die dünngesäeten wie frierenden Halme auf den Feldern , das spätreifende Steinobst an den wenigen Bäumen oberhalb eines der vielen Bäche , die da- und dorther von den rothen Felsen des Gebirges so behend niedereilen , als suchten auch sie , wie andere Murmelquellen , blumengeschmückte grüne Matten , so begreift man nicht , wie noch all der Kummer und das Elend es hergeben , daß in der Landeshauptstadt jeden Mittag Schlag zwölf Uhr eine so prächtige Wachparade mit goldgestickten Uniformen und stolzberittenen Husaren aufziehen kann . Aber Langen-Nauenheim ist darum auch so gut regiert wie Klein-Bockenheim und Ober-Heddersheim , und hat am Eingang und Ausgang seinen bunten Pfahl mit den Landesfarben und den Namen des Regierungs- und Steueramtsbezirks , zu dem es auf Gottes Erdboden gehört , hat sein Amthaus , seine Spritzenordnung , seinen Feuerversicherungszwang , seinen Büttel , seinen Nachtwächter und seinen sogar landesherrlich salarirten Schulmeister . Letzterer heißt Gottlieb Schwarz . Gerade jedoch sein Häuschen ist keines von den schmuckern . Es lehnt sich fast an die Kirche an , die selbst so grau und geflickt zwischen zwei kleinen Hügeln liegt wie ein großes Storchennest zwischen den Hörnern eines Strohdachgiebels . Es hat sogar Fenster , wo die Scheiben mit alten Schulheften geflickt sind ; der Regen corrigirte die Schreibfehler und falschen Grundstriche der bildungsbeflissenen Jugend . Ein Gärtchen liegt dicht in der Nähe mit einem Staket von dürrem Reisig , zwischen dem im Juni manchmal einige Erbsen blühen , falls man im April sie zu säen nicht vergessen hat , was auch schon vorgekommen ist . Vor Jahren ... ja , damals war es noch anders . Damals war Gottlieb Schwarz selbstverständlich noch jung , noch mit rosigen Hoffnungen aus einem hochlöblichen Landes-Schullehrerseminar hervorgegangen . Wie herrlich hatte sich das ausgenommen , wenn die jungen Volks-Lehramtscandidaten im Seminargarten Rosenstöcke veredelten und süße Birnen auf sauere Quitten pfropften ! Auch Seidenzucht trieb man , versandte auch - wenigstens im Geiste - den köstlichsten Honig an die Lebküchler von Frankfurt am Main und Nürnberg ! In der Theorie bewährte sich alles prächtig und vielleicht auch einige Jahre in der Praxis , wenigstens zu Langen-Nauenheim , am Diemel- , Demel- , Donners- und Dustersbach ... die Geographen haben unter vier Bächen , an denen sie Langen-Nauenheim können liegen lassen , die Auswahl ... dann aber ... ja dann folgte vorzugsweise ein Weib , das nicht richtig gewählt war , folgten Kinder , sieben » lebendige « , nächstdem keine Beförderung , keine » Aufbesserung « , immer die aschgraue Zukunft und das vielbesprochene Leid eines deutschen Schullehrers , eines Berufes , den plötzlich eines schönen Morgens in Deutschland , dem Vaterlande des Gedankens , der Buchdrucker- und Buchmacherkunst , niemand mehr gewählt haben wird , weil allerdings bei der Locomotive den Ofen heizen einträglicher ist . Gottlieb Schwarz erntete , vollends als Witwer , Brennesseln , wo er einst von oculirten Rosen geträumt hatte ... von jenen saftigen , länglichen , so schön , so schön röthlich angesprenkelten Birnen , die man beim Dessert eines frankfurter Bankiers Tafelbirnen nennt und die selbst die eingeladenen Diplomaten nicht verschmähen in die Tasche zu stecken und sie ihren Kindern vom Diner mit heimzubringen ... Doch um von Kindern zu reden ... Gottlieb Schwarz wird soeben von seinen sieben » Lebendigen « eines » los « . Das ist die Lucinde , die Aelteste ! Dies mit der damals noch nachschimmernden Romantik des Seminars getaufte Kind Maria Ludovica Lucinda ist eben dreizehn Jahre alt und im Begriff die » Kinderlehre « zu absolviren . Ein nach dem unpoetischen Vergleich eines Fuhrmanns wie eine » langhalsige Flasche « aufgeschossenes Mädchen steigt in eine Kutsche zu einer vornehmen alten Dame , die sie nach der Residenz entführen will . Maria Ludovica Lucinda , die mit solchem Staatsnamen Getaufte , die hätte der Vater eigentlich lieber behalten sollen . Sie war in seiner spät geschlossenen Ehe das erste spätgekommene Kind gewesen ( als eines den Anfang gemacht , ging das Niederkommen rascher , die Natur hat ihre wunderlichen Gesetze ) ; sie war noch , wie ihr Name zeigte , von leuchtenden Hoffnungen begrüßt gewesen , und Ida , Clara , Estrella , Balduin , Hugo , Achilles , Patroklus , was sollte nicht noch alles ihr nachfolgen ! Doch blieb der hoffnungsvolle symbolische Aufschwung nur bei der Erstgeborenen , und die Spätern hingen schon alle von den Namen derer ab , die ihnen ein Pathengeschenk ins Tauftuch binden konnten . Lucinde , die Romantische , ein Nachhall verklungener Jugend-Zaubertöne , - goldenes Morgenroth des Lebens , daß wir dein Bild einst nur noch einmal wiedersehen , im Abendroth ! - Lucinde verwerthete sich dem Witwer noch am besten von seinem reichen Kindersegen . Die » Lange « hatte Neigung zum Schulmeistern . Sie konnte zwar keinen Eierkuchen backen ohne ihn anzubrennen , aber sie stand dem Vater in seiner schon sogenannten » Schulfuchserei « bei . Sie sprach gerade nicht englisch , nicht französisch , aber an einer alten Wandlandkarte , die sich staatsinventariumsmäßig im Langen-Nauenheimer Schulhause erhalten hatte aus einer Zeit , wo man noch einige Inseln der Südsee und das Innere Afrikas nicht entdeckt hatte , konnte sie stundenlang stehen und ihrer Zuhörerschaft Wunder vortragen von den Pyramiden , die sie nach Amerika , von den Porzellanthürmen , die sie nach Afrika versetzte . Alle die Gegenden , wo es noch Bären und Wölfe gab , wurden der Langen-Nauenheimer Jugend von ihr im hintersten Indien gezeigt , womit freilich im Widerspruch stand , daß der Revierförster der zwei Dörfer weiter wohnenden Herrschaft dann und wann noch einen von » da drüben herüber « , dem Rhöngebirge , kommenden Wolf gegen Weihnachten geschossen hatte . Gottlieb Schwarz war schon lange in der Stimmung , zu allem , was ihm das Leben bescherte , nur zu lächeln . Die wilden Verzweiflungen , wo der Mensch sich in die Haare fährt und » Gott ! Gott ! Gott ! ist ' s denn möglich ! « oder dergleichen dumme Redensarten ausstößt , hatte er hinter sich . Er lächelte zu dem Abschied seiner Lucinde . Mußten die Kinder einmal » versorgt « werden , so fängt man ja von oben mit der » Latte « an . Die Nächste nach der » Latte « , ein Kind , das schon mit irdischerm Namen nach der Frau jenes Revierförsters Luise hieß , verstand sich zwar nicht so gut auf Geographie wie Lucinde , aber sie rechnete besser und ihre Eierkuchen brannten nicht an ; Hannchen vollends , die Dritte - wieder nichts Mythologisches - war erst zehn Jahre alt , hatte aber mehr Sinn für die Wirthschaft als die beiden Aeltesten zusammengenommen ; sie ließ sich nie die Mühe verdrießen , nach den geheimen Orten zu suchen , wohin die Hühner ihre Eier legten , sie pflanzte gern und hielt ihre kleinern Geschwister zum Kleiderschonen und Nasenputzen an . Endlich bestand der Rest der Nachkommenschaft des früh gealterten Männleins aus Knaben , und von denen konnten sich erst zwei die Hosen zuknöpfen . Das Rathsame , warum erst Lucinde weggegeben werden mußte , lag besonders darin , daß sie sehr hübsch und etwas hoch hinaus war . Sie hatte kostspielige Liebhabereien . Schwarz von Namen und von Haar und Augen , pflegte sie sich gerade gern mit irgendeinem zinnober- oder purpurrothen Stück Zeug zu putzen , mit Bändern und Lappen , und hätten diese ringsum die Pachterstöchter oder die Frau Pfarrerin selbst schon nahe am Wegwerfen gehabt ; die flocht sie in das dunkle , schwere und etwas rauhe , ja roßmatratzenmäßige , weil ungepflegte Haar . Sie hatte ferner die Liebhaberei , unendlich träge , gerade herausgesagt faul zu sein , sich den Sonnenschein so in den offenen kleinen , rothlippigen Mund scheinen zu lassen , daß dabei die weißen Zähne wie Perlen blitzten . Sie hatte die Liebhaberei , sich in einer Luke des verwitterten Hausdaches einen Taubenschlag zu halten . Kurz , der Vater ließ die Lucinde ziehen , und sie ging gern : ihre Leidenschaft war die Geographie und ihre Träume spielten » jenseit der Berge « . Das halbe Dorf umsteht den Wagen , mit dem Lucinde in die Residenz fährt . Man sieht , was ihr auf ihre Lebensbahn mitgegeben wird ... Zwar nicht die vier Hemden , die sechs Taschentücher , das Dutzend Strümpfe , ihr Sonntagskleid , die ein zugeknöpftes Bündel machen ; aber den selbstgefertigten Seidenhut , für dessen Form ein urweltliches Modell von der Frau Pfarrerin , für dessen Besatz Bänder und Lappen von allen Honoratioren , die hier im Bereich der vier Bäche wohnten , entlehnt worden waren . Ihre Toilettegeräthschaften waren in einem wunderlichen Korbe beherbergt , dessen Erscheinen ein allgemeines Gelächter hervorruft . Es ist ein drahtgeflochtener Bienenhelm , in dem Gottlieb Schwarz , ehe er sich verheirathet hatte , in seinem damals erfreulichern Gartenwesen noch nach dem Leben und Weben in seinen Bienenkörben geschaut und Verwirklichung seminaristischer Ideale getrieben hatte . Manche von den Aeltern , die herumstehen , wissen noch , daß das » Klima « bald äußerlich bald innerlich für Bienenzucht hier zu Lande zu rauh wurde . Dann hatte Lucinde oft diesen Helm benutzt , um der Schuljugend poetische Schauer und Schrecken einzujagen . Als praktische Erläuterung ihres Geschichtsunterrichts über das Mittelalter rannte sie mit vermummtem Kopfe den Kindern nach und veranlaßte Turnierschauspiele , bei welchen mancher Ente der Fuß verrenkt wurde . In diesen dorfbekannten Helm hat Lucinde alle ihre Geheimnisse verpackt , auch ihre Näh- , Strick- und Stickapparate , die ihr leider in jeder Beziehung zu sehr Geheimnisse geblieben waren . Dann kommt ein Sack mit gedörrten Zwetschen von jener Langen-Nauenheimer Art , die erst sechs Stunden im Wasser quellen muß , bis sie ans Feuer kommen darf , und auch dann noch wie ein Gericht Kieselsteine schmeckt ; ferner ein Kober voll Eier , die sehr behutsam im Innern des Wagens untergebracht werden , und zuletzt auf die Höhe des Gefährts , über dem Verdeck , ein großer Waschkorb , den Lucinde sehr feierlich zurückzuschicken versprechen muß . In ihm gurrt , gluckst und gurgelt es durcheinander . Es ist ihr Taubenschlag . Ohne ihre Tauben mochte Lucinde nicht mit in die Stadt , und die vornehme Dame hatte gerade für diese die bequemste und passendste Unterkunft versprochen . Die Abreise Lucindens war gewiß etwas Merkwürdiges und Seltsames . Sie erregte Staunen genug , jedoch nur Staunen . Keine Thräne floß , beim Vater nicht , bei den ältern Geschwistern nicht ; die jüngsten weinten nur , weil sie nicht » mitgenommen « wurden . Die Hauptsorge des Vaters war das baldige Zurückschicken des Waschkorbes ; er schlug den Nacht-Eilwagen , die Fahrpost , die Briefpost , die Diligence und mehrere landeskundige Hauderer als auszuwählende beste Retourgelegenheit vor . Die Tauben gab er leichter hin ; die kosteten ihm ein » Schreckliches « an Erbsen und dem ganzen Hause an Zeit . » Wer sich Tauben hält , ist immer ein verdorbener Millionär « , war einer von den Sätzen , wie er dergleichen vor dreißig Jahren in sein Tagebuch zu schreiben pflegte . Die Kutsche fährt ab ; die Leute sehen ihr nach wie der Thurn und Taxis ' schen Post . Das Fremde kommt , das Fremde geht ... Gottlieb Schwarz steht vielleicht am längsten . Dann nimmt aber auch er erst nachdenklich noch eine Prise , die er sich » auch noch zu seinem Verderben « angewöhnt hat , und geht nun - es ist Sonnabend Nachmittag , die seligste Zeit des Schullehrerlebens - in die am Ende des Dorfes , vor dem großen Berge liegende Fuhrmannsausspannung . Da pflegten die Fuhrleute und mehrere Conducteure der Thurn und Taxis ' schen Postcurse Vorspann , geistigen und leiblichen , zu nehmen . Es war immer eine muntere Welt dort ; auch eine frankfurter Zeitung lag auf , die Lucindens Vater eifrig studirte , um auf den Ausbruch besserer Zeiten gerüstet zu sein . Die Zeiten , wo er im » Beiwagen « derselben gesucht hatte , ob nicht endlich seine letzten Einsendungen , die » Ferienphantasieen eines deutschen Dorfschullehrers « , seine » Jubel-Vorschläge zur Verbesserung der Volkserziehung « , seine » Beobachtungen über die merkwürdige Entwickelung eines Hagebuttenpfropfreises zur Erzielung veredelter Dornröschen « , sein » Aufruf an die deutsche Nation zur Abschaffung des überflüssigen Dehnbuchstabens H « , zum Abdruck gekommen waren , die lagen weit schon , weit , weit ... hinter ihm ... Um die Erinnerungen zu stopfen und sich gleichsam über die Versorgung seines Kindes zu freuen , trinkt er wol heute einen Schoppen mehr von dem etwas schweren Bier , das die Fuhrleute lieben , ehe sie über den großen Berg machen ... Wol war es bedenklich , daß Gottlieb Schwarz unter ihnen mehr verkehrte , als seiner Stellung und besonders dem späten Heimwanken gut war , wenn Nachts die lieben Sterne blinkten und die vielen Brücklein von vier Bächen beachtet werden mußten , die da alle so still und kühl mit dem Leid der Menschen dahinfließen . 2. Und nun , da sitzt sie denn , die » lange Latte « , die » Aufgespillerte « , die » Dreege « ( Magere ) , mit ihren um den kleinen Kopf gewundenen schwarzen Zöpfen , ganz das Abbild ihrer Mutter , einer Feldwebeltochter , deren Vater in der Residenz ein silbernes Porteépée hatte tragen dürfen und der sich unter dem » dummen Bauernvolk « als civilversorgter Kreissteueramtscontrolschreibereiassistent einen Steuerrath selbst gedünkt hatte . Trotzig und scheu , ängstlich und fest , nicht mit Absicht , sondern von Natur so gemischt , hockte das halbreife Mädchen in einem verwaschenen ehemals röthlich gewesenen Kattunkleide , das ihr schon lange zu kurz und zu eng geworden war , in der Ecke der Kalesche , die langsam die Anhöhen hinaufschleicht , geführt von einem halbwüchsigen Burschen , der die Gäule - sie waren gemiethete , wie der Wagen - schonen soll . Die alte Dame , die ihr zuspricht sich nicht zu fürchten , sondern der glänzendsten und besten Schicksale gewiß zu sein , ist einem » Nachtmahr « nicht unähnlich . Wenigstens hat sie eine Nase , die in einer beständigen Neigung scheint auf das vorgestreckte Kinn einen zärtlichen Kuß zu drücken . Zwischendurch ist nach den allgemeinen Gesetzen der Natur , insoweit sie sich auf die Bildung eines menschlichen Antlitzes erstrecken , bei dieser edeln Frau ein Mund anzunehmen ; doch suchte man vergebens nach etwas , was wie zwei Lippen ausgesehen hätte . Sind wirklich die Versinnlichungen solcher Begriffe zwischen der liebevollen Nasen- und Kinnbegegnung der fremden Dame vorhanden , so preßt sie doch die glückliche Inhaberin derselben so zusammen , daß sie nach oben in der Nase , nach unten im Kinn gleichsam mit aufgegangen scheinen . Versucht die Dame ferner , was sie oft thut , über die Oeffnung , die man Mund nennt , ein Lächeln zu zaubern , so sieht man einige Zähne , die wie die einsamen , geköpften Weidenstumpfe an den Bächlein standen , die man hier zu passiren hatte . Die Sprache der Dame ist hochdeutsch , soweit ein gewisses Röcheln und Schnurren unartikulirter Zwischentöne es erkennen läßt , sonst sogar was man gewählt nennt und » nicht frei von Bildung « . Leider kommt diese Sprache aber so seltsam zu Gehör , als wenn jeder Satz sich in den innern Gängen der Brust verliert . Wie die herabgelassene Eimerkette eines großen Ziehbrunnens verrollten die hübschesten Anfänge ihrer Reden für das aufmerksame Ohr des sie zuweilen ebenso unheimlich anschielenden Kindes in dunkle und unverständliche Abgründe . Den Namen ihrer Wohlthäterin und ihren Stand kannte Lucinde , die bereits hinter Langen-Nauenheim der Bequemlichkeit wegen kurzweg in Henriette und hinter dem ersten Nachbardorfe schon noch kürzer in Jette umgetauft wurde . Sie fuhr mit der verwitweten Frau » Hauptmännin « von Buschbeck . Die Dame behauptete in der Nähe auf irgendeinem Rittergute Kapitalien liegen zu haben , welches » Liegen « sich Lucinde ( oder müssen wir nun auch sagen Henriette ? ) ganz figürlich vorstellte . Beim Vorbeifahren an Langen-Nauenheim wollte die Frau Hauptmännin sich über den Dorfsegen ergötzt haben , der gerade aus dem Schulhause strömte , an den lachenden , fröhlichen Kindern , und am meisten hätte ihr » Lieb-Jettchens « Erscheinung gefallen , die die Kinder gerade aus der Thür entließ und jedem , der nicht Ordre parirte , tüchtig - sie erzählte das soeben lebendig und mit manchem wohlwollenden , leider im Husten erstickenden Hi ! Hi ! wieder , - einen » Starnicksel « mit auf den Weg gab . Denn Ordnung muß sein ! röchelte die Hauptmännin , als der Eimer ihrer Stimme wieder aus dem Brunnen herauskam , und fügte dann nach und nach hinzu : Sitz aber gerade , Kind ! Schlag nicht die Beine so übereinander , du langes Ding ! Ja , sauge doch nicht an den Nägeln , Kerl ! Guck mir doch nicht zum Schlag hinaus , wenn ich dir ' s nicht befohlen habe , du - ! Ach was , ach was ! Nenne mich meine liebe gnädige Frau ! Hm , Hm ! Lieb-Jettchen ! Zieh mir einmal die Schuhe aus , ich glaube , es ist mir ein Stein hineingekommen ! Kind , kratz mir ein bissel den Rücken , ich glaube , ich habe was aufgegriffen unter euch verfluch - oder s ' ist mein gewöhnlicher Rhevmatismus ! So , Jette ! So ! Ha ! ha ! Ein solcher Name ! Lucinde ! Wer soll das aussprechen ! Solche Schullehrermucken ! Halt dich gerade ! Sitz nicht so krumm ! So ! Brav ! Wir werden schon einig werden ! Lucinde that mit Ergebung alles , was ihr befohlen wurde . Die gnädige Frau von Buschbeck hatte bei ihrer letzten Bewunderung des Langen-Nauenheimer Kindersegens dem Vater den Vorschlag gemacht , diese unter allen hervorragende Erscheinung in die große Stadt mitzunehmen , sie wie ihr Kind zu behandeln , sie ausbilden , erziehen , in Musik und Sprachen , schönen Künsten und Wissenschaften unterrichten zu lassen . Lucinde hatte dem überraschten und geschmeichelten Vater gelobt , dieser wunderbaren Frau , die auf den Feldern hier Kapitalien » liegen « hatte , unbedingt zu folgen und sich zu fügen , in allem , in jedem , und so ihr Glück zu machen , » was man in Langen-Nauenheim bekanntlich nicht machen könne « , wie er dann selbst hinzusetzte . Lucinde hatte dabei gedacht : » Wie weit Amerika ist ( wo manche Langen-Nauenheimer schon versucht hatten ihr Glück zu machen ) weiß ich ! « Sie dankte daher auch , nach dem Ausdruck ihres Vaters , » ihrem Schöpfer « , daß eine solche Frau sich gefunden , die sie so ohne weiteres und geradezu innerhalb fünf Stunden aus dem Nest mit sich heraus und in die Welt nahm . Um elf Uhr hatte die fremde Dame den oft bewunderten » Kindersegen « wieder bewundert , um ein Viertel auf zwölf Uhr die Vorschläge gemacht , um vier Uhr kam sie von den Gütern zurück , auf denen sie Kapitalien » liegen « hatte , die Bedenkzeit , die sie gelassen , war verstrichen , der erste Widerstand Lucindens nicht hartnäckig , ausgenommen was ihre Tauben anbelangte . Diese , wie gesagt und wie wir auf dem Verdeck hören können , nahm sie mit , und so hatte Lucinde nicht einmal vorher noch dem Pfarrer , bei dem sie in » Kinderlehre « ging , oder der Frau Pfarrerin Abschied gesagt , ja nicht einmal gegessen und getrunken . Das Letztere war vorläufig das Schlimmste . Sie suchte der gnädigen Frau den Stein aus dem Schuh , sie kratzte ihr den Rücken , sie hörte nicht blos auf Jettchen , sondern sogar schon auf Jette , nun aber bekannte sie auch , daß sie nichts gegessen und getrunken hätte . Na , das war ja gerade das , wonach die Frau Hauptmännin schon lange hatte fragen wollen , denn ihrerseits behauptete sie auch , zwar nicht Hunger , aber Durst zu haben , doch im nächsten Orte gäbe es ein vortreffliches Wirthshaus , und daselbst ein vortreffliches Bier ; und als sie näher kamen , entdeckte sie , daß sie einen andern Ort gemeint hatte ... das Wirthshaus da , das kenne sie , - da wäre alles schlecht , das Bier , die Milch , und da ihr selbst der Durst inzwischen vergangen war , so schickte sie die Jette blos an den Brunnen . Die hatte nun wieder kein Gefäß und trank aus der hohlen Hand . Daß sie auch Hunger hatte , war in der liebevollen und gründlichen Erörterung über ihren Durst vergessen worden . Es war schon Abend , als die Kutsche endlich in der Residenz anlangte . Die Laternen brannten schon ; nach Ansicht mancher Opponenten der Communalverwaltung düster und sparsam ; für Lucinden war es Feenbeleuchtung . Der arme Tropf sah sich wirklich an den himmelhohen Gebäuden , an den Lichtern , an den Carrossen und vielen Menschen » satt « , wenn auch die Frau Hauptmännin , als die müde Kalesche so schlaftrunken über das Straßenpflaster hintaumelte , jetzt ein Nachtessen , das sie sogar ins Französische übersetzte und Souper nannte , in glänzende Aussicht stellte . Die Passagiere hielten dann in einer der lebhaftesten Straßen an . Lucinde und der junge Wagenlenker luden das Gepäck ab , auch die Eier , auch die Zwetschen , auch den Bienenhelm , und vor allem den Taubenschlag . Alles kam durch gemeinschaftliche Anstrengung drei Treppen hinauf . Niemand oben empfing sie . Lucinde mußte vor einer verschlossenen Thür die Herrlichkeiten hüten , bis die Frau Hauptmännin nachgekommen war . Sie kam mit den heftigsten Verwünschungen über die Höhe des Trinkgeldes , das der kleine Knirps von Kutscher gefordert hatte . Dazu die drei Treppen ; sie brauchte Zeit , bis sie sich sammeln und das Vorlegeschloß ihrer Wohnung prüfen konnte . Nachdem dies geschehen , genug gerüttelt und gerasselt war , schloß sie auf . Lucinde trat in einen kleinen Gang , zu dessen Rechten die Küche lag . Hier machte die vornehme Dame Licht und beaufsichtigte den weitern Transport des Mitgebrachten . Beim Verschließen der Eier im Küchenschrank beleuchtete sie einen steinhart gewordenen Laib Brot . Ja so ! sagte sie . Unser Souper ! Da , Jettchen , rasch ! Flink ! Drüben im Laden ! Wo ist denn meine Börse ! Hole - hier ! Lucinde sollte rasch hinunterspringen und gegenüber in einem Laden frisches Brot holen , auch von nebenan Butter und von noch weiter nebenan aus einem Keller Rettiche , die sehr delicat schmeckten , wenn man , sagte Frau von Buschbeck , einen Salat draus machte mit Essig und Oel ... Wie das alles so wonnig mundete ! Als aber Lucinde schon im Gehen war und noch einmal zurückkam , weil sie ja das Geld vergessen hatte , sagte die freundliche , liebevolle Dame : Kindchen , bist doch wol zu müde , auch zu fremd , und wirst es nicht finden ! Und nun schnitt sie schon von dem alten Brote vor und holte aus einem andern Schranke mit kostbarem Porzellan von buntgemaltem meißener Rococo ein allerliebst geformtes Näpfchen , freilich nur mit Salz gefüllt . Aber » Salz und