Raabe , Wilhelm Die Chronik der Sperlingsgasse www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Wilhelm Raabe Die Chronik der Sperlingsgasse Am 15. November Es ist eigentlich eine böse Zeit ! Das Lachen ist teuer geworden in der Welt , Stirnrunzeln und Seufzen gar wohlfeil . Auf der Ferne liegen blutig dunkel die Donnerwolken des Krieges , und über die Nähe haben Krankheit , Hunger und Not ihren unheimlichen Schleier gelegt ; - es ist eine böse Zeit ! Dazu ist ' s Herbst , trauriger melancholischer Herbst , und ein feiner , kalter Vorwinterregen rieselt schon wochenlang herab auf die große Stadt ; - es ist eine böse Zeit ! Die Menschen haben lange Gesichter und schwere Herzen , und wenn sich zwei Bekannte begegnen , zucken sie die Achsel und eilen fast ohne Gruß aneinander vorüber ; - es ist eine böse Zeit ! - Mißmutig hatte ich die Zeitung weggeworfen , mir eine frische Pfeife gestopft , ein Buch herangenommen und aufgeschlagen , Es war ein einfaches altes Buch , in welches Meister Daniel Chodowiecki gar hübsche Bilder gezeichnet hatte : Asmus omnia sua secum portans , der prächtige Wandsbecker Bote des alten Matthias Claudius , weiland homme de lettres zu Wandsbeck , und recht ein Tag war ' s , darin zu blättern . Der Regen , das Brummen und Poltern des Feuers im Ofen , der Widerschein desselben auf dem Boden und an den Wänden - alles trug dazu bei , mich die Welt da draußen ganz vergessen zu machen und mich ganz in die Welt von Herz und Gemüt auf den Blättern vor mir zu versenken . Aufs Geratewohl schlug ich eine Seite auf : Sieh ! - Da ist der herbstliche Garten zu Wandsbeck . Es ist ebenso nebelig und trübe wie heute ; leise sinken die gelben Blätter zur Erde , als bräche eine unsichtbare Hand sie ab , eins nach dem andern . Wer kommt da den Gang herauf im geblümten bunten Schlafrock , die weiße Zipfelmütze über dem Ohr ? - Er ist ' s - Matthias Claudius , der wackere Asmus selbst ! - Bedächtiglich schreitet er einher , von Zeit zu Zeit stehenbleibend ; jetzt ein welkes Blatt aufnehmend und das zierliche Geäder desselben betrachtend ; jetzt in die nebelige Luft hinaufschauend . Er scheint in Gedanken versunken zu sein . Denkt er vielleicht an den Vetter oder den Freund Hein , an den Invaliden Görgel mit der Pudelmütze und dem neuen Stelzbein , denkt er an die neue Kanone oder an das Ohr des schuftigen Hofmarschalls Albiboghoi ? Wer weiß ! - Sieh ! Wieder bleibt er stehen . Was fällt ihm ein ! ? Lustig wirft er die weiße Zipfelmütze in die Luft und tut einen kleinen Sprung : ein großer Gedanke ist ihm » aufs Herz geschossen « - das große neue Fest der Herbstling ist erfunden der Herbstling , so anmutig zu feiern , wenn der erste Schnee fällt , mit Kinderjubel und Bratäpfeln und Lächeln auf den Gesichtern von jung und alt ! - Wenn der erste Schnee fällt - - - wie ich in diesem Augenblick wieder einmal einen Blick zur grauen Himmelsdecke hinaufwerfe , da - kommt er herunter - wirklich herunter , der erste Schnee ! Schnee ! Schnee ! Der erste Schnee ! - In großen wäßrigen Flocken , dem Regen untermischt , schlägt er an die Scheiben , grüßend wie ein alter Bekannter , der aus weiter Ferne nach langer Abwesenheit zurückkommt . Schnell springe ich auf und ans Fenster . Welche Veränderung da draußen ! Die Leute , die eben noch mürrisch und unzufrieden mit sich und der Welt umherschlichen , sehen jetzt ganz anders aus . Gegen den Regen suchte jeder sich durch Mäntel und Schirme auf alle Weise zu schützen , dem Schnee aber kehrt man lustig und verwegen das Gesicht zu . Der erste Schnee ! Der erste Schnee ! An den Fenstern erscheinen lachende Kindergesichter , kleine Händchen klatschen fröhlich zusammen : welche Gedanken an weiße Dächer und grüne , funkelnde Tannenbäume ! Wie phantastisch die Sperlingsgasse in dem wirbelnden , weißen Gestöber aussieht ! Wie die wasserholenden Dienstmädchen am Brunnen kichern ! Der fatale Wind ! - » Gehorsamster Diener , Herr Professor Niepeguck ! Auch im ersten Schnee ? « » Ärztliche Verordnung ! « brummt der Weise und lächelt herauf zu mir , so gut es Würde und Hypochondrie erlauben . Auf der Sophienkirche schlägt ' s jetzt ! - Erst vier ? Und schon fast Nacht ! - » Vier ! « wiederholen die Glocken dumpf über die ganze Stadt . Jetzt sind die Schulen zu Ende ! Hurra - hinaus in den beginnenden Winter : die Buben wild und unbändig , die Mädchen ängstlich und trippelnd , dicht sich an den Häuserwänden hinwindend . Hier und dort blitzt nun schon in einem dunkeln Laden ein Licht auf , immer geisterhafter wird das Aussehen der Sperlingsgasse . Da kommt der Lehrer selbst , seine Bücher unter dem Arm ; aufmerksam betrachtet er das Zerschmelzen einer Flocke auf seinem fadenscheinigen schwarzen Rockärmel . Jetzt ist die Zeit für einen Märchenerzähler , für einen Dichter . - Ganz aufgeregt schritt ich hin und her ; vergessen war die böse Zeit ; - auch mir war , wie weiland dem ehrlichen Matthias , ein großer Gedanke » aufs Herz geschossen « . » Ich führe ihn aus , ich führe ihn aus ! « brummte ich vor mich hin , während ich auf und ab lief , wie verwundert mich auch alle meine Quartanten und Folianten von den Büchergestellen anglotzten , wie spöttisch auch das Allongeperückengesicht auf dem Titelblatt der dort aufgeschlagenen Schwarte hergrinste ! » Ein Bilderbuch der Sperlingsgasse ! « » Eine Chronik der Sperlingsgasse ! « Ein Kinderkopf drückt sich drüben im Hause gegen die Scheibe , und der Lampenschein dahinter wirft den runden Schatten über die Gasse in mein dunkles Fenster und über die Büchergestelle an der entgegengesetzten Wand . Ein gutes , ein glückliches Omen ! Grinst nur , ihr Meister in Folio und Quarto , ihr Aldinen und Elzevire ! Ein Bilderbuch der Sperlingsgasse ; eine Chronik der Sperlingsgasse ! Ich mußte mich wirklich setzen , so arg war mir die Aufregung in die alten Beine gefahren , und benutzte das gleich , um ein Buch Papier zu falzen für meinen großen Gedanken und einen letzten Blick hinauszuwerfen in den ersten Schnee . Bah ! - Wo war er geblieben ? Wie ein guter Diener war er , nachdem er die Ankunft seines Meisters , des gestrengen Herrn Winters , verkündet hatte , zurückgekehrt , ohne eine Spur zu hinterlassen . - - - Ich bin ein einsamer alter Mann geworden ! Die bunten , ewig wechselnden , ewig neuen Bilder dieses großen Bilderbuches , Welt genannt , werden meinen alten Augen dunkler und dunkler ; mehr und mehr verschwimmen sie , mehr und mehr fließen sie ineinander . Ich bin mit meinem Leben da angelangt , wo , wie in jenem Übergang vom Wachen zum Schlaf , die Erlebnisse des Tages sich noch dumpf im Gehirn des Müden kreuzen , wo aber bereits die dunkle , traum-und geistervolle Nacht über alles , Gutes und Böses , ihren Schleier breitet . Ich bin alt und müde ; es ist die Zeit , wo die Erinnerung an die Stelle der Hoffnung tritt . Schaue ich auf aus meinen Träumen , so sehe ich zwar dasselbe Lächeln , dasselbe Schmerzenszucken auf den Menschengesichtern um mich her wie vor langen , blühenderen Jahren , aber wenn auch Freude und Leid dieselben geblieben sind auf der alten Mutter Erde : die Gesichter selbst sind mir fremd - ich bin allein ! - Allein - und doch nicht allein . Aus der dämmerigen Nacht des Vergessens taucht es auf und klingt es ; Gestalten , Töne , Stimmen , die ich kannte , die ich vernahm , die ich einst gern sah und hörte in vergangenen bösen und guten Tagen , werden wieder wach und lebendig ; tote , begrabene Frühlinge fangen wieder an zu grünen und zu blühen ; vergessener Kindermärchen entsinne ich mich : ich werde jung und - fahre auf und - erwache ! Versunken ist dann die Welt der Erinnerung , mich fröstelt in der kalten , traurigen Gegenwart , drückender fühle ich meine Einsamkeit , und weder meine Folianten noch meine anderen mühsam aufgestapelten gelehrten Schätze vermögen es , die aufsteigenden Kobolde und Quälgeister des Greisenalters zu verscheuchen . Sie zu bannen , schreibe ich die folgenden Blätter , und ich schreibe , wie das Alter schwatzt . Für einen Freund will ich diese Bogen ansehen , für einen Freund , mit dem ich plaudere , der Geduld mit mir hat und nicht spöttelt über Wiederholungen - ach , das Alter wiederholt ja so gern - , der nicht zum Aufbruch treibt , wo die vertrocknete Blume irgendeiner süßen Erinnerung mich fesselt , der nicht zum Bleiben nötigt , wo ein trübes Angedenken unter der Asche der Vergessenheit noch leise fortglimmt . Eine Chronik aber nenne ich diese Bogen , weil ihr Inhalt , was den Zusammenhang betrifft , gar sehr jenen alten naiven Aufzeichnungen gleichen wird , die in bunter Folge die Begebenheiten aus Vergangenheit , Gegenwart und Zukunft erzählen : die jetzt eine Schlacht mitliefern , jetzt das Erscheinen eines wundersamen Himmelszeichens beobachten ; die bald über den nahen Weltuntergang predigen , bald wieder sich über ein Stachelschwein , welches die deutsche Kaiserin im Klostergarten vorführen läßt , wundern und freuen . Und wie die alten Mönche hier und da zwischen die Pergamentblätter ihrer Historien und Meßbücher hübsche , farbige , zierlich ausgeschnittene Heiligenbilder legten , so will auch ich ähnliche Blätter einflechten und durch die eintönigen , farblosen Aufzeichnungen meiner alten Tage frischere , blütenvollere Ranken schlingen . Ich , der Greis - der zweiten Kindheit nahe , will von einem Kinde erzählen , dessen Leben durch das meinige ging wie ein Sonnenstrahl , den an einem Regentage Wind und Wolken über die Fluren jagen ; der im Vorbeigleiten Blumen und Steine küßt und in derselben Minute das glückliche Gesicht der Mutter über der Wiege , die heiße Stirn des Denkers über seinem Buche und die bleichen Züge des Sterbenden streifen kann . Ich schreibe keinen Roman und kann mich wenig um den schriftstellerischen Kontrapunkt bekümmern ; was mir die Vergangenheit gebracht hat , was mir die Gegenwart gibt , will ich hier , in hübsche Rahmen gefaßt , zusammenheften , und bin ich müde - nun so schlage ich dieses Heft zu , wühle weiter in meiner schweinsledernen Gelehrsamkeit und kompiliere lustig fort an meinem wichtigen Werke De vanitate hominum , einem ausnehmend - dicken Gegenstande . Am 20. November Ich liebe in großen Städten diese ältern Stadtteile mit ihren engen , krummen , dunkeln Gassen , in welche der Sonnenschein nur verstohlen hineinzublicken wagt ; ich liebe sie mit ihren Giebelhäusern und wundersamen Dachtraufen , mit ihren alten Kartaunen und Feldschlangen , welche man als Prellsteine an die Ecken gesetzt hat . Ich liebe diesen Mittelpunkt einer vergangenen Zeit , um welchen sich ein neues Leben in liniengraden , parademäßig aufmarschierten Straßen und Plätzen angesetzt hat , und nie kann ich um die Ecke meiner Sperlingsgasse biegen , ohne den alten Geschützlauf mit der Jahreszahl 1589 , der dort lehnt , liebkosend mit der Hand zu berühren . Selbst die Bewohner des ältern Stadtteils scheinen noch ein originelleres , sonderbareres Völkchen zu sein als die Leute der modernen Viertel . Hier in diesen winkligen Gassen wohnt das Volk des Leichtsinns dicht neben dem der Arbeit und des Ernsts , und der zusammengedrängtere Verkehr reibt die Menschen in tolleren , ergötzlicheren Szenen aneinander als in den vornehmern , aber auch öderen Straßen . Hier gibt es noch die alten Patrizierhäuser - die Geschlechter selbst sind freilich meistens lange dahin - , welche nach einer Eigentümlichkeit ihrer Bauart oder sonst einem Wahrzeichen unter irgendeiner naiven , merkwürdigen Benennung im Munde des Volks fortleben . Hier sind die dunkeln , verrauchten Kontore der alten gewichtigen Handelsfirmen , hier ist das wahre Reich der Keller- und Dachwohnungen . Die Dämmerung , die Nacht produzieren hier wundersamere Beleuchtungen durch Lampenlicht und Mondschein , seltsamere Töne als anderswo . Das Klirren und Ächzen der verrosteten Wetterfahnen , das Klappern des Windes mit den Dachziegeln , das Weinen der Kinder , das Miauen der Katzen , das Gekeif der Weiber , wo klingt es passender - man möchte sagen , dem Ort angemessener - als hier in diesen engen Gassen , zwischen diesen hohen Häusern , wo jeder Winkel , jede Ecke , jeder Vorsprung den Ton auffängt , bricht und verändert zurückwirft ! - Horch , wie in dem Augenblick , wo ich dieses niederschreibe , drunten in jenem gewölbten Torwege die Drehorgel beginnt ; wie sie ihre klagenden , an diesem Ort wahrhaft melodischen Tonwogen über das dumpfe Murren und Rollen der Arbeit hinwälzt ! - Die Stimme Gottes spricht zwar vernehmlich genug im Rauschen des Windes , im Brausen der Wellen und im Donner , aber nicht vernehmlicher als in diesen unbestimmten Tönen , welche das Getriebe der Menschenwelt hervorbringt . Ich behaupte , ein angehender Dichter oder Maler - ein Musiker , das ist freilich eine andere Sache - dürfe nirgend anders wohnen als hier ! Und fragst du auch , wo die frischesten , originellsten Schöpfaugen in allen Künsten entstanden sind , so wird meistens die Antwort sein : in einer Dachstube ! - In einer Dachstube im Wineoffice Court war es , wo Oliver Goldsmith , von seiner Wirtin wegen der rückständigen Miete eingesperrt , dem Dr. Johnson unter alten Papieren , abgetragenen Röcken , geleerten Madeiraflaschen und Plunder aller Art ein besudeltes Manuskript hervorsuchte mit der Überschrift : Der Landprediger von Wakefield . In einer Dachstube schrieb Jean-Jacques Rousseau seine glühendsten , erschütterndsten Bücher . In einer Dachstube lernte Jean Paul den Armenadvokat Siebenkäs zeichnen und das Schulmeisterlein Wuz und das Leben Fibels ! - - Die Sperlingsgasse ist ein kurzer , enger Durchgang , der die Kronenstraße mit einem Ufer des Flusses verknüpft , welcher in vielen Armen und Kanälen die große Stadt durchwindet . Sie ist bevölkert und lebendig genug , einen mit nervösem Kopfweh Behafteten wahnsinnig zu machen und ihn im Irrenhause enden zu lassen ; mir aber ist sie seit vielen Jahren eine unschätzbare Bühne des Weltlebens , wo Krieg und Friede , Elend und Glück , Hunger und Überfluß , alle Antinomien des Daseins sich widerspiegeln . » In der Natur liegt alles ins Unendliche auseinander , im Geist konzentriert sich das Universum in einem Punkt « , dozierte einst mein alter Professor der Logik . Ich schrieb das damals zwar gewissenhaft nach in meinem Heft , bekümmerte mich aber nicht viel um die Wahrheit dieses Satzes . Damals war ich jung , und Marie , die niedliche kleine Putzmacherin , wohnte mir gegenüber und nähte gewöhnlich am Fenster , während ich , Kants » Kritik der reinen Vernunft « vor der Nase , die Augen nur bei ihr hatte . Sehr kurzsichtig und zu arm , mir für diese Fensterstudien eine Brille , ein Fernglas oder einen Operngucker zuzulegen , war ich in Verzweiflung . Ich begriff , was es heißt : Alles liegt ins Unendliche auseinander . Da stand ich eines schönen Nachmittags , wie gewöhnlich , am Fenster , die Nase gegen die Scheibe drückend , und drüben unter Blumen , in einem lustigen , hellen Sonnenstrahl , saß meine in Wahrheit ombra adorata . Was hätte ich darum gegeben , zu wissen , ob sie herüberlächele ! Auf einmal fiel mein Blick auf eines jener kleinen Bläschen , die sich oft in den Glasscheiben finden . Zufällig schaute ich hindurch nach meiner kleinen Putzmacherin , und - ich begriff , daß das Universum sich in einem Punkt konzentrieren könne . So ist es auch mit diesem Traum- und Bilderbuch der Sperlingsgasse . Die Bühne ist klein , der darauf Erscheinenden sind wenig , und doch können sie eine Welt von Interesse in sich begreifen für den Schreiber und eine Welt von Langeweile für den Fremden , den Unberufenen , dem einmal diese Blätter in die Hände fallen sollten . Am 30. November Der Regen schlägt leise an meine Scheiben . Was und wer der sonderbare lange Gesell ist , der vorgestern da drüben in Nr. elf eingezogen ist , in jene Wohnung , wo auch ich einmal hauste , wo einst auch der Doktor Wimmer sein Wesen trieb , hab ich noch nicht herausgebracht . - Es ist recht eine Zeit , zu träumen . Ich sitze , den Kopf auf die Hand gestützt , am Fenster und lasse mich allmählich immer mehr einlullen von der monotonen Musik des Regens da draußen , bis ich endlich der Gegenwart vollständig entrückt bin . Ein Bild nach dem andern zieht wie in einer Laterna magica an mir vorbei , verschwindend , wenn ich mich bestrebe , es festzuhalten . Oh , es ist wahrlich nicht das , was mich am meisten fesselt und hinreißt , was ich auf das Papier festbannen kann ; - ein ganz anderer Maler müßte ich sein , um das zu vermögen . Das verschlingt sich , um sich zu lösen ; das verdichtet sich , um zu verwehen ; das leuchtet auf , um zu verfliegen , und jeder nächste Augenblick bringt etwas anderes . Oft ertappe ich mich auf Gedanken , welche aufgeschrieben kindisch , albern , trivial erscheinen würden , die aber mir , dem alten Mann , in ihrem flüchtigen Vorübergleiten so süß , so heimlich , so beseligend sind , daß ich um keinen Preis mich ihnen entreißen könnte . Nur das Konkreteste vermag ich dann und wann festzuhalten , und diesmal sind es Bilder aus meinem eigenen Leben , die ich hier dem Papier anvertraue . Was ist das für eine kleine Stadt zwischen den grünen buchenbewachsenen Bergen ? Die roten Dächer schimmern in der Abendsonne ; da und dort laufen die Kornfelder an den Berghalden hinauf ; aus einem Tal kommt rauschend und plätschernd ein klarer Bach , der mitten durch die Stadt hüpft , einen kleinen Teich bildet , bedeckt am Rande mit Binsen und gelben Wasserlilien , und in einem andern Tal verschwindet . Ich kenne das alles ; ich kann die Bewohner der meisten Häuser mit Namen nennen ; ich weiß , wie es klingen wird , wenn man in dem spitzen , schiefergedeckten Turm jener hübschen alten Kirche anfangen wird zu läuten . Habe ich nicht oft genug mich von den Glockenseilen hin und her schwingen lassen ? Das ist Ulfelden , die Stadt meiner Kindheit - das ist meine Vaterstadt ! Und schau , dort oben in dem Garten , der sich von jenem zerbröckelnden , noch stehenden Teil der Stadtmauer aus den Berg hinanzieht , gelagert unter einem blühenden Holunderstrauch , die drei Kinder . Da sitzt ein kleines Mädchen mit großen , glänzenden Augen , dem wilden Franz aus dem Walde zuhörend . Franz Ralff , aufgewachsen im Wald und jetzt in der Zucht bei dem Vater der kleinen Marie , dem strengen lateinischen Stadtrektor Volkmann , erzählt , ein gewaltiges angebissenes Butterbrot in der Hand , kauend und zugleich durch seinen eigenen Vortrag gerührt , eine seiner wunderbaren Geschichten , die er aus der Waldeinsamkeit mitgebracht hat und mit denen er uns kleines Volk stets zum » Gruseln « brachte oder zu bringen versuchte . Und nun sieh da , im Grase ausgestreckt , da bin auch ich , der kleine Hans Wachholder , der Sohn aus dem Pfarrhause , blinzelnd zu dem blauen Himmel hinaufschauend und den kleinen weißen » Schäfchen « in der reinen Luft nachträumend . Die Glocken der heimkehrenden Herden erklingen zwischen den Bergen , ringsumher summt und tönt unendliches Leben , im Gras , in den Bäumen , in der Luft ; und das Kinderherz verstellt alles , es ist ja noch eins mit der Natur , eins mit - Gott ! Aber warum öffnet sich nicht dort unten die braune Tür , die aus dem hübschen , vom Weinstock übersponnenen Hause mit den hellglänzenden Fenstern in den Garten führt ? Wo ist der alte Mann mit den ehrwürdigen grauen Haaren , der da allabendlich seine Blumen zu begießen pflegt ? Wo ist - wo ist meine Mutter ? Meine Mutter ! Keine freundliche Stimme antwortet ! Ich selbst habe ja graue Haare . Vater und Mutter schlummern lange in ihren vergessenen , eingesunkenen Gräbern auf dem kleinen Stadtkirchhof zu Ulfelden . Jüngere Geschlechter sind seitdem hinabgegangen . Plötzlich verändert sich das sonnige , sommerliche Bild . Da ist schon die große Stadt ! Diesmal ist es nicht Frühling , nicht blühender Sommer , sondern eine stürmische , dunkle Herbstnacht ; - vielleicht wird eine ähnliche auf den heutigen Tag folgen . - In dieser Nacht sitzt hoch oben in einem kleinen , mehr drei- als viereckigen Dachstübchen ein Student vor einem gewaltigen schweinsledernen Folianten , über welchen er hinwegstarrt . Wo wandern seine Gedanken ? Draußen jagt der Wind die Wolken vor dem Monde her , rüttelt an den Dachziegeln , schüttelt den zerlumpten Schlafrock , welchen der erfinderische Musensohn , um sich und seine Studien ganz von der Außenwelt abzusperren , vor dem Fensterkreuz festgenagelt hat - kurz , gebärdet sich so unbändig , wie nur ein Wind , der den Auftrag hat , das letzte Laub von den Bäumen in Gärten und Wäldern zu reißen , sich gebärden kann . Lange hat der Musensohn in tiefe Gedanken versunken dagesessen ; jetzt springt er plötzlich auf und dreht mir das Gesicht zu - - - das bin ich wieder : Johannes Wachholder , ein Student der Philosophie in der großen Haupt- und Universitätsstadt . Sehr aufgeregt scheint der Doppelgänger meiner Jugend zu sein ; mit so gewaltigen Schritten , als das enge , wunderlich ausstaffierte Gemach nur erlaubt , rennt er auf und ab . Plötzlich springt er auf das Fenster zu , reißt den improvisierten Vortang herunter und läßt einen prächtigen Mondenstrahl , der in diesem Augenblick durch die zerrissenen Wolken fällt , herein . » Marie ! Marie ! « flüstert mein Schattenbild leise , die Arme gegen ein schwach erleuchtetes Fenster drüben ausstreckend , gegen dessen herabgelassene Gardine der kaum bemerkbare Schatten einer menschlichen Gestalt fällt , und - - Es ist eine gefährliche Sache , in den Momenten ungewöhnlicher Aufregung - sei es Freude oder Schmerz , Haß oder Liebe - sich dem klaren , weißen Licht des Mondes auszusetzen . Das Volk sagt : Man wird dumm davon . Wirklich , wundersame Gedanken bringt dieser reine Schein mit sich ; allerlei tolles Zeug gewinnt Macht , sich des Geistes zu bemächtigen und ihn unfähig zu machen , fürderhin gemütlich auf der ausgetretenen Straße des Alltagslebens weiterzutraben . » Man wird dumm davon ! « -Zauberhafte Aussichten in phantastische , nebelhafte Gründe öffnen sich zu beiden Seiten ; nie gehörte Stimmen werden wach , locken mit Sirenensang , flüstern unwiderstehlich , winken den Wanderer ab vom sicheren Wege , und bald irrt der Bezauberte in den unentrinnbaren Armidengärten der Fee Phantasie . » Ich liebe dich « , flüstert mein Schattenbild , » ich will dich reich , ich will dich glücklich , ich will dich berühmt machen , ich will « - der schreibende Greis kann jetzt nur lächeln - » die Welt für dich gewinnen , Marie ! « Mehr noch flüstert mein Doppelgänger , die Stirn an die Scheiben drückend , hinüber nach dem kleinen Stübchen , wo die Jugendgespielin , fortgerissen von dem kalten Arm des Lebens aus der waldumgebenen , friedlichen Heimat , einsam in der dunkeln , stürmischen Nacht arbeitet , als ein anderer Schatten seine Träume von Glück und Ruhm durchkreuzt . Da ist eine andere Gestalt ; schwarze , dichte Locken umgeben ein sonnverbranntes Gesicht , die Augen blitzen von Lebenslust und Lebenskraft , es ist der Maler Franz Ralff , der , aus Italien zurückkehrend , voll der göttlichen Welt des Altertums und voll der großen Gedanken einer ebenso göttlichen jüngern Zeit , den Freund umarmt . Und weiter schweift mein Geist . - Ich sehe noch immer die junge Waise in ihrem kleinen Stübchen unter Blumen arbeitend . Ich sehe zwei Männer im Strom des Lebens kämpfen , ein Lächeln von ihr zu gewinnen ; und ich sehe endlich den einen mit keuchender Brust sich ans Ufer ringen und den schönen Preis erfassen , während der andere weitergetrieben , willenlos und wissenlos auf einer kahlen , skeptischen Sandbank sich wiederfindet . - Ich sehe mich , einen blöden Grübler , der sich nur durch erborgte und erheuchelte Stacheln zu schützen weiß , bis er endlich , nach langem Umherschweifen in der Welt , hervorgeht aus dem Kampf , ein ernster , sehender Mann , der Freund seines Freundes und dessen jungen Weibes . Ich lebe durch kurze Jahre von schmerzlich süßem Glück ; ich sehe während dieser Jahre eine feine blondlockige Gestalt lächelnd , wie unser guter Genius , Franz und mich umschweben und ihre schützende Hand ausstrecken über seine leicht auflodernde Wildheit und meine hinbrütende Traurigkeit ; - ich sehe bald ein kleines Kind - Elise genannt in den Blättern dieser Chronik - des Abends aus den Armen der Mutter in die des Vaters und aus den Armen des Vaters in die des Freundes übergehen , mit großen , verwunderten Augen zu uns aufschauend - - - Plötzlich hört der Regen auf , an die Fenster zu schlagen ; ich schrecke empor - es ist späte Nacht . Einen letzten Blick werfe ich noch in die Gasse hinunter . Sie ist dunkel und öde ; der unzureichende Schein der einen Gaslaterne spiegelt sich in den Sümpfen des Pflasters , in den Rinnsteinen wider . Eine verhüllte Gestalt schleicht langsam und vorsichtig dicht an den Häusern hin . Von Zeit zu Zeit blickt sie sich um . Geht sie zu einem Verbrechen oder geht sie , ein gutes Werk zu tun ? Eine andere Gestalt kommt um die Ecke ; - ein leiser Pfiff - » Du hast mich lange warten lassen , Riekchen ! « » Ich konnte nicht eher , die Mutter ist erst eben eingeschlafen ... « Ein in der Ferne rollender Wagen macht das übrige unhörbar . Die Figuren treten aus dem Schatten ; ich sehe Ballputz unter den dunkelen Mänteln . Sie verschwinden um die Ecke , und ich schließe das Fenster . So endet das erste Blatt der Chronik , die wie die Geschichte der Menschheit , wie die Geschichte des einzelnen beginnt mit - einem Traume . Am 2. Dezember Es ist heute für mich der Jahrestag eines großen Schmerzes , und doch trat heute morgen der Humor auf meine Schwelle , schüttelte seine Schellen , schwang seine Pritsche und sagte : » Lache , lache , Johannes , du bist alt und hast keine Zeit mehr zu verlieren . « Jener sonderbare lange Mensch von drüben , im abgetragenen grauen Flausrock , einen ziemlich rot und schäbig blickenden Hut unter dem Arme , klopfte an meine Tür , kündigte sich als der Karikaturenzeichner Ulrich Strobel an , breitete eine Menge der tollsten Blätter auf dem Tische vor mir aus und verlangte , ich solle ihm für den Winter - den Sommer über bummele er draußen herum - eine Stelle als Zeichner bei einem der hiesigen illustrierten Blätter verschaffen . Er behauptete , meinen dicken Freund , den Doktor Wimmer in München , sehr gut zu kennen , und malte wirklich als Wahrzeichen das heitere Gesicht des vortrefflichen Schriftstellers sogleich auf die innere Seite des Deckels eines daliegenden Buches . Ich versprach dem wunderlichen Burschen , dessen Federzeichnungen wirklich ganz prächtig waren , von meinem geringen Ansehen in der Literatur hiesiger Stadt für ihn den möglichst besten Gebrauch zu machen , und er schied , indem er in der Tür mir die Hand drückte , mich süß-säuerlich anlächelte und sagte : » Sie tun sehr wohl , mich so zu verbinden , verehrtester Herr , denn als braver Nachbar würde ich doch manche angenehme Seite an Ihnen entdecken , die , zu Papier gebracht , sich sehr gut ausnehmen könnte . Gute Nachbarn werden wir übrigens diesen Winter hindurch wohl sein , teuerster Herr Wachholder , denn - Sie sehen gern aus dem Fenster , eine Eigentümlichkeit aller der Leute , mit welchen sich auf die eine oder die andere Weise leicht leben läßt . Guten Morgen ! « Um eine originelle Bekanntschaft reicher kehrte ich zu meiner Chronik zurück mit der Gewißheit , dem Meister Strobel von Zeit zu Zeit darin wieder zu begegnen . Am Nachmittag Es ist heute Jahrestag . Ich werde die Erinnerung nicht los , sie verfolgt mich , wo ich gehe und stehe . Es war ein ebenso trüber , regenfarbiger Winternachmittag wie jetzt , als ich traurig dort drüben in jenem Fenster saß - vor langen Jahren - , dort drüben in jenem Fenster , von welchem aus mir eben der Zeichner Strobel zunickt - und traurig hinaufblickte zu der grauen , eintönigen Himmelsdecke . Die Gasse sah damals wohl nicht viel anders aus als heute ; doch sind viele Gesichter , deren ich mich noch gar gut erinnere , verschwunden und haben andern Platz gemacht , und nur einzelne , wie zum Beispiel der alte Kesselschmied Marquart im Keller drunten , der heute wie vor so vielen Jahren lustig sein Eisen hämmert , haben sich erhalten in diesem ununterbrochenen Strom des Gehens und Kommens . Diese sind denn auch