Scheffel , Joseph Viktor von Ekkehard www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Joseph Viktor von Scheffel Ekkehard Vorwort . Dies Buch ward verfaßt in dem guten Glauben , daß es weder der Geschichtschreibung noch der Poesie etwas schaden kann , wenn sie innige Freundschaft miteinander schließen und sich zu gemeinsamer Arbeit vereinen . Seit Jahrzehnten ist die Hinterlassenschaft unserer Vorfahren Gegenstand allseitiger Forschung ; ein Schwarm fröhlicher Maulwürfe hat den Boden des Mittelalters nach allen Richtungen durchwühlt und in fleißiger Bergmanns arbeit eine solche Masse alten Stoffes zutage gefördert , daß die Sammelnden oft selbst davor erstaunten : eine ganze , schöne , in sich abgeschlossene Literatur , eine Fülle von Denkmalen bildender Kunst , ein organisch in sich aufgebautes politisches und soziales Leben liegt ausgebreitet vor unsern Augen . Und doch ist es all der guten auf diese Bestrebungen gerichteten Kraft kaum gelungen , die Freude am geschichtlichen Verständnis auch in weitere Kreise zu tragen ; die zahllosen Bände stehen ruhig auf den Brettern unserer Bibliotheken , da und dort hat sich schon wieder gedeihliches Spinnweb angesetzt , und der Staub , der mitleidlos alles bedeckende , ist auch nicht ausgeblieben , so daß der Gedanke nicht zu den undenkbaren gehört , die ganze altdeutsche Herrlichkeit , kaum erst ans Tageslicht zurückbeschworen , möchte eines Morgens , wenn der Hahn kräht , wieder versunken sein in Schutt und Moder der Vergessenheit , gleich jenem gespenstigen Kloster am See , von dem nur ein leise klingendes Glöcklein tief unter den Wellen dunkle Kunde gibt . Es ist hier nicht der Ort zu untersuchen , inwiefern der Grund dieser Erscheinung dem Treiben und der Methode unserer Gelehrsamkeit beizumessen . Das Sammeln altertümlichen Stoffes kann wie das Sammeln von Goldkörnern zu einer Leidenschaft werden , die zusammenträgt und zusammenscharrt , eben um zusammen zu scharren , und ganz vergißt , daß das gewonnene Metall auch gereinigt , umgeschmolzen und verwertet werden soll . Denn was wird sonst erreicht ? Ein ewiges Befangenbleiben im Rohmaterial , eine Gleichwertschätzung des Unbedeutenden wie des Bedeutenden , eine Scheu vor irgendeinem fertigen Abschließen , weil ja da oder dort noch ein Fetzen beigebracht werden könnte , der neuen Aufschluß gibt , und im ganzen - eine Literatur von Gelehrten für Gelehrte , an der die Mehrzahl der Nation teilnahmslos vorübergeht und mit einem Blick zum blauen Himmel ihrem Schöpfer dankt , daß sie nichts davon zu lesen braucht . Der Schreiber dieses Buches ist in sonnigen Jugendtagen einstmals mit etlichen Freunden durch die römische Campagna gestrichen . Da stießen sie auf Reste eines alten Grabmals , und unter Schutt und Trümmern lag auch , von graugrünem Akanthus überrankt , ein Haufe auseinandergerissener Mosaiksteine , die ehedem in stattlichem Bild und Ornamentenwerk des Grabes Fußboden geschmückt . Es erhub sich ein lebhaftes Gespräch darüber , was all die zerstreuten gewürfelten Steinchen in ihrem Zusammenhang dargestellt haben mochten . Einer , der ein Archäolog war , hob die einzelnen Stücke gegen ' s Licht und prüfte , ob weißer , ob schwarzer Marmor ; ein anderer , der sich mit Geschichtforschung plagte , sprach gelehrt über Grabdenkmale der Alten , - derweil war ein dritter schweigsam auf dem Backsteingemäuer gesessen , der zog sein Skizzenbuch und zeichnete ein stolzes Viergespann mit schnaubenden Rossen und Wettkämpfern und viele schöne jonische Ornamentik darum ; er hatte in der einen Ecke des Fußbodens einen unscheinbaren Rest des alten Bildes erschaut : Pferdefüße und eines Wagenrades Fragmente , da stand das Ganze klar vor seiner Seele , und er warf ' s mit kecken Strichen hin , derweil die andern in Worten kramten ... Bei jener Gelegenheit war einiger Aufschluß zu gewinnen über die Frage , wie mit Erfolg an der geschichtlichen Wiederbelebung der Vergangenheit zu arbeiten sei . Gewißlich nur dann , wenn einer schöpferisch wiederherstellenden Phantasie ihre Rechte nicht verkümmert werden , wenn der , der die alten Gebeine ausgräbt , sie zugleich auch mit dem Atemzug einer lebendigen Seele anhaucht , auf daß sie sich erheben und kräftigen Schrittes als auferweckte Tote einherwandeln . In diesem Sinn nun kann der historische Roman das sein , was in blühender Jugendzeit der Völker die epische Dichtung , ein Stück nationaler Geschichte in der Auffassung des Künstlers , der im gegebenen Raume eine Reihe Gestalten scharf gezeichnet und farbenhell vorüberführt , also daß im Leben und Ringen und Leiden der einzelnen zugleich der Inhalt des Zeitraumes sich wie zum Spiegelbild zusammenfaßt . Auf der Grundlage historischer Studien das Schöne und Darstellbare einer Epoche umspannend , darf der Roman auch wohl verlangen , als ebenbürtiger Bruder der Geschichte anerkannt zu werden , und wer ihn achselzuckend als das Werk willkürlicher und fälschender Laune zurückweisen wollte , der mag sich dabei getrösten , daß die Geschichte , wie sie bei uns geschrieben zu werden pflegt , eben auch nur eine herkömmliche Zusammenschmiedung von Wahrem und Falschem ist , der nur zu viel Schwerfälligkeit anklebt , als daß sie es , wie die Dichtung , wagen darf , ihre Lücken spielend auszufüllen . Wenn nicht alle Zeichen trügen , so ist unsere Zeit in einem eigentümlichen Läuterungsprozeß begriffen . In allen Gebieten schlägt die Erkenntnis durch , wie unsäglich unser Denken und Empfinden unter der Herrschaft der Abstraktion und der Phrase geschädigt worden ; da und dort Rüstung zur Umkehr aus dem Abgezogenen , Blassen , Begrifflichen zum Konkreten , Farbigen , Sinnlichen , statt müßiger Selbstbeschauung des Geistes Beziehung auf Leben und Gegenwart , statt Formeln und Schablonen naturgeschichtliche Analyse , statt der Kritik schöpferische Produktion , und unsere Enkel erleben vielleicht noch die Stunde , wo man von manchem Koloß seitheriger Wissenschaft mit der gleichen lächelnden Ehrfurcht spricht , wie von den Resten eines vorsündflutlichen Riesengetiers , und wo man ohne Gefahr , als Barbar verschrien zu werden , behaupten darf , in einem Steinkrug alten Weines ruhe nicht weniger Vernunft als in mancher umfangreichen Leistung formaler Weisheit . Zur Herstellung fröhlicher , unbefangener , von Poesie verklärter Anschauung der Dinge möchte nun auch die vorliegende Arbeit einen Beitrag geben , und zwar aus dem Gebiet unserer deutschen Vergangenheit . Unter dem unzähligen Wertvollen , was die großen Folianten der von Pertz herausgegebenen » Monumenta Germaniae « bergen , glänzen gleich einer Perlenschnur die sanktgallischen Klostergeschichten , die der Mönch Ratpert begonnen und Ekkehard der Jüngere ( oder , zur Unterscheidung von drei gleichnamigen Mitgliedern des Klosters , der Vierte benannt ) bis ans Ende des zehnten Jahrhunderts fortgeführt hat . Wer sich durch die unerquicklichen und vielfältig dürren Jahrbücher anderer Klöster mühsam durchgearbeitet hat , mag mit Behagen und innerem Wohlgefallen an jenen Aufzeichnungen verweilen . Da ist trotz mannigfacher Befangenheit und Unbehilflichkeit eine Fülle anmutiger , aus der Überlieferung älterer Zeitgenossen und den Berichten von Augenzeugen geschöpfter Erzählungen , Personen und Zustände mit groben , aber deutlichen Strichen gezeichnet , viel unbewußte Poesie , treuherzige brave Welt- und Lebensansicht , naive Frische , die dem Niedergeschriebenen überall das Gepräge der Echtheit verleiht , selbst dann , wenn Personen und Zeiträume etwas leichtsinnig durcheinandergewürfelt worden und ein handgreiflicher Anachronismus dem Erzähler gar keinen Schmerz verursacht . Ohne es aber zu beabsichtigen , führen jene Schilderungen zugleich über die Schranken der Klostermauern hinaus und entrollen das Leben und Treiben , Bildung und Sitte des damaligen alemannischen Landes mit der Treue eines nach der Natur gemalten Bildes . Es war damals eine vergnügliche und einen jeden , der ringende , unvollendete , aber gesunde Kraft geleckter Fertigkeit vorzieht , anmutende Zeit im südwestlichen Deutschland . Anfänge von Kirche und Staat bei namhafter , aber gemütreicher Roheit der bürgerlichen Gesellschaft , - der aller spätern Entwickelung so gefährliche Geist des Feudalwesens noch harmlos im ersten Entfalten , kein geschraubtes , übermütiges und geistig schwächliches Rittertum , keine üppige unwissende Geistlichkeit , wohl aber ehrliche grobe Gesellen , deren sozialer Verkehr zwar oftmals in einem sehr ausgedehnten System von Verbal- und Realinjurien bestand , die aber in rauher Hülle einen tüchtigen , für alles Edle empfänglichen Kern bargen , - Gelehrte , die morgens den Aristoteles verdeutschen und abends zur Erholung auf die Wolfsjagd ziehen , vornehme Frauen , die für das Studium der Klassiker begeistert sind , Bauern , in deren Erinnerung das Heidentum ihrer Vorväter ungetilgt neben dem neuen Glauben fortlebt , - überall naive , starke Zustände , denen man ohne rationalistischen Ingrimm selbst ihren Glauben an Teufel und Dämonenspuk zugute halten darf . Dabei zwar politische Zerklüftung und Gleichgiltigkeit gegen das Reich , dessen Schwerpunkt sich nach Sachsen übertragen hatte , aber tapferer Mannesmut im Unglück , der selbst die Mönche in den Klosterzellen stählt , das Psalterbuch mit dem Schwert zu vertauschen und gegen die ungarische Verwüstung zu Feld zu rücken , - trotz reichlicher Gelegenheit zur Verwilderung eine dem Studium der Alten mit Begeisterung zugewandte Wissenschaft , die in den zahlreich besuchten Klosterschulen eifrige Jünger fand und in ihren humanen Strebungen an die besten Zeiten des sechzehnten Jahrhunderts erinnert , leises Emporblühen der bildenden Künste , vereinzeltes Aufblitzen bedeutender Geister , vom Wust der Gelehrsamkeit unerstickte Freude an der Dichtung , fröhliche Pflege nationaler Stoffe , wenn auch meist in fremdländischem Gewand . Kein Wunder , daß es dem Verfasser dieses Buches , als er bei Gelegenheit anderer Studien über die Anfänge des Mittelalters mit dieser Epoche vertraut wurde , erging wie einem Manne , der nach langer Wanderung durch unwirtsames Land auf eine Herberge stößt , die , wohnsam und gut bestellt in Küche und Keller , mit liebreizender Aussicht vor den Fenstern , alles bietet , was sein Herz begehrt . Er begann , sich häuslich drin einzurichten und durch mannigfaltige Ausflüge in verwandtes Gebiet sich möglichst vollständig in Land und Leute einzuleben . Den Poeten aber ereilt ein eigenes Schicksal , wenn er sich mit der Vergangenheit genau bekannt macht . Wo andere , denen die Natur gelehrtes Scheidewasser in die Adern gemischt , viel allgemeine Sätze und lehrreiche Betrachtungen als Preis der Arbeit herausätzen , wachsen ihm Gestalten empor , erst von wallendem Nebel umflossen , dann klar und durchsichtig , und sie schauen ihn ringend an und umtanzen ihn in mitternächtigen Stunden und sprechen : Verdicht ' uns ! So kam es auch hier . Aus den naiven lateinischen Zeilen jener Klostergeschichten hob und baute es sich empor wie Turm und Mauern des Gotteshauses Sankt Gallen , viele altersgraue ehrwürdige Häupter wandelten in den Kreuzgängen auf und ab , hinter den alten Handschriften saßen die , die sie einst geschrieben , die Klosterschüler tummelten sich im Hofe , Horasang ertönte aus dem Chor und des Wächters Hornruf vom Turme . Vor allen anderen aber trat leuchtend hervor jene hohe gestrenge Frau , die sich den jugendschönen Lehrer aus des heiligen Gallus Klosterfrieden entführte , um auf ihrem Klingsteinfelsen am Bodensee klassischen Dichtern eine Stätte sinniger Pflege zu bereiten ; die schlichte Erzählung der Klosterchronik von jenem dem Virgil gewidmeten Stilleben ist selbst wieder ein Stück Poesie , so schön und echt , als sie irgend unter Menschen zu finden . Wer aber von solchen Erscheinungen heimgesucht wird , dem bleibt nichts übrig , als sie zu beschwören und zu bannen . Und in den alten Geschichten hatte ich nicht umsonst gelesen , auf welche Art Notker , der Stammler , einst ähnlichen Visionen zu Leibe ging : er ergriff einen knorrigen Haselstock und hieb tapfer auf die Dämonen ein , bis sie ihm die schönsten Lieder offenbartenA1 . Darum griff auch ich zu meinem Handgewaffen , der Stahlfeder , und sagte eines Morgens den Folianten , den Quellen der Gestaltenseherei , Valet und zog hinaus auf den Boden , den einst die Herzogin Hadwig und ihre Zeitgenossen beschritten ; und saß in der ehrwürdigen Bücherei des heiligen Gallus und fuhr in schaukelndem Kahn über den Bodensee und nistete mich bei der alten Linde am Abhang des Hohentwiel ein , wo jetzt ein trefflicher schwäbischer Schultheiß die Trümmer der alten Feste behütetA2 , und stieg schließlich auch zu den luftigen Alpenhöhen des Säntis , wo das Wildkirchlein keck wie ein Adlerhorst herunterschaut auf die grünen Appenzeller Täler . Dort in den Revieren des Schwäbischen Meeres , die Seele erfüllt von dem Walten erloschener Geschlechter , das Herz erquickt von warmem Sonnenschein und würziger Bergluft , hab ' ich diese Erzählung entworfen und zum größten Teil niedergeschrieben . Daß nicht viel darin gesagt ist , was sich nicht auf gewissenhafte kulturgeschichtliche Studien stützt , darf wohl behauptet werden , wenn auch Personen und Jahrzahlen , vielleicht Jahrzehnte mitunter ein weniges ineinander verschoben wurden . Der Dichter darf sich , der inneren Ökonomie seines Werkes zulieb ' , manches erlauben , was dem strengen Historiker als Sünde anzurechnen wäre . Sagt doch selbst der unübertroffene Geschichtschreiber Macaulay : Gern will ich den Vorwurf tragen , die würdige Höhe der Geschichte nicht eingehalten zu haben , wenn es mir nur gelingt , den Engländern des neunzehnten Jahrhunderts ein treues Gemälde des Lebens ihrer Vorfahren vorzuführen . Dem Wunsche sachverständiger Freunde entsprechend , sind in Anmerkungen einige Zeugnisse und Nachweise der Quellen angeführt , zur Beruhigung derer , die sonst nur Fabel und müßige Erfindung in dem Dargestellten zu wittern geneigt sein könnten . Wer aber auch ohne solche Nachweise Vertrauen auf eine gewisse Echtheit des Inhalts setzt , der wird ersucht , sich in die Noten nicht weiter zu vertiefen , sie sind Nebensache und wären überflüssig , wenn das Ganze nicht als Roman in die Welt ginge , der die Vermutung leichtsinnigen Spiels mit den Tatsachen wider sich zu haben pflegt . Den Vorwürfen der Kritik wird mit Gemütsruhe entgegengesehen . » Eine Geschichte aus dem zehnten Jahrhundert ? « werden sie rufen , » wer reitet so spät durch Nacht und Wind ? « Und steht ' s nicht im neuesten Handbuch der Nationalliteratur im Kapitel vom vaterländischen RomanA3 gedruckt zu lesen : » Fragen wir , welche Zeiten vorzugsweise geeignet sein dürften in der deutschen Geschichte das Lokale mit dem Nationalinteresse zu versöhnen , so werden wir wohl zunächst das eigentliche Mittelalter ausschließen müssen . Selbst die Hohenstaufenzeit läßt sich nur noch lyrisch anwenden , ihre Zeichnung fällt immer düsseldorfisch aus . « Auf all die Einwände und Bedenken derer , die ein scharfes Benagen harmlosem Genießen vorziehen , und den deutschen Geist mit vollen Segeln in ein alexandrinisches oder byzantinisches Zeitalter hineinzurudern sich abmühen , hat bereits eine literarische Dame des zehnten Jahrhunderts , die ehrwürdige Nonne Hroswitha von Gandersheim , im fröhlichen Selbstgefühl eigenen Schaffens die richtige Antwort gegeben . Sie sagt in der Vorrede zu ihren anmutigen Komödien : » Si enim alicui placet mea devotio , gaudebo . Si autem pro mei abiectione vel pro viciosi sermonis rusticitate nulli placet : memet ipsam tamen iuvat quod feci « . Zu deutsch : » Wofern nun jemand an meiner bescheidenen Arbeit Wohlgefallen findet , so wird mir dies sehr angenehm sein ; sollte sie aber wegen der Verleugnung meiner selbst oder der Rauheit eines unvollkommenen Stils niemanden gefallen , so hab ' ich doch selber meine Freude an dem , was ich geschaffen ! « Heidelberg , im Februar 1855 . Fußnoten A1 Ekkehardi IV. » Casus , S. Galli « , cap . 3. , bei Pertz , » Mon . « , II , 98. A2 Vgl. das Gedicht » Poetennot « , Bd . 1 , S. 244 dieser Ausgabe . A3 Julian Schmidt , » Geschichte der deutschen Literatur im 19. Jahrhundert . « 1. Band , S. 424 ( Leipzig 1853 ) . Erstes Kapitel . Hadwig , Herzogin von Schwaben . Es war vor beinahe tausend Jahren . Die Welt wußte weder von Schießpulver noch von Buchdruckerkunst . Über dem Hegau lag ein trüber , bleischwerer Himmel , doch war von der Finsternis , die bekanntlich über dem ganzen Mittelalter lastete , im einzelnen nichts wahrzunehmen . Vom Bodensee her wogten die Nebel übers Ries und verdeckten Land und Leute . Auch der Turm vom jungen Gotteshaus Radolfszelle war eingehüllt , aber das Frühglöcklein war lustig durch Dunst und Dampf erklungen , wie das Wort eines verständigen Mannes durch verfinsternden Nebel der Toren . Es ist ein schönes Stück deutscher Erde , was dort zwischen Schwarzwald und Schwäbischem Meer sich auftut . Wer ' s mit einem falschen Gleichnis nicht allzu genau nimmt , mag sich der Worte des DichtersA1 erinnern : » Das Land der Alemannen mit seiner Berge Schnee , Mit seinem blauen Auge , dem klaren Bodensee , Mit seinen gelben Haaren , dem Ährenschmuck der Auen , Recht wie ein deutsches Antlitz ist solches Land zu schauen . « - wiewohl die Fortführung dieses Bildes Veranlassung werden könnte , die Hegauer Berge als die Nasen in diesem Antlitz zu preisen . Düster ragte die Kuppe des hohen Twiel mit ihren Klingsteinzacken in die Lüfte . Als Denkstein stürmischer Vorgeschichte unserer alten Mutter Erde stehen jene schroffen malerischen Bergkegel in der Niederung , die einst gleich dem jetzigen Becken des Sees von wogender Flut überströmt war . Für Fische und Wassermöven mag ' s ein denkwürdiger Tag gewesen sein , da es in den Tiefen brauste und zischte , und die basaltischen Massen glühend durch der Erdrinde Spalten sich ihren Weg über die Wasserspiegel bahnten . Aber das ist schon lange her . Es ist Gras gewachsen über die Leiden derer , die bei jener Umwälzung mitleidlos vernichtet wurden ; nur die Berge stehen noch immer , ohne Zusammenhang mit ihren Nachbarn , einsam und trotzig wie alle , die mit feurigem Kern im Herzen die Schranken des Vorhandenen durchbrechen , und ihr Gestein klingt , als säße noch ein Gedächtnis an die fröhliche Jugendzeit drin , da sie zuerst der Pracht der Schöpfung entgegengejubelt . Zur Zeit , da unsere Geschichte anhebt , trug der hohe Twiel schon Turm und Mauern , eine feste Burg . Dort hatte Herr Burkhard gehaust , der Herzog in Schwaben . Er war ein fester Degen gewesen und hatte manchen Kriegszug getan ; die Feinde des Kaisers waren auch die seinen , und dabei gab es immer Arbeit : wenn ' s in Welschland ruhig war , fingen oben die Normänner an , und wenn die geworfen waren , kam etwann der Ungar geritten , oder es war einmal ein Bischof übermütig oder ein Grafe widerspenstig , - so war Herr Burkhard zeitlebens mehr im Sattel als im Lehnstuhl gesessen . Demgemäß ist erklärlich , daß er sich keinen sanften Leumund geschaffen . In Schwaben sprachen sie , er habe die Herrschaft geführt , sozusagen als ein Zwingherr , und im fernen Sachsen schrieben die Mönche in ihre Chroniken , er sei ein kaum zu ertragender Kriegsmann gewesen1 . Bevor Herr Burkhard zu seinen Vätern versammelt ward , hatte er sich noch ein Ehgemahl erlesen . Das war die junge Frau Hadwig , Tochter des Herzogs in Bayern . Aber in das Abendrot eines Lebens , das zur Neige geht , mag der Morgenstern nicht freudig scheinen . Das hat seinen natürlichen Grund2 . Darum hatte Frau Hadwig den alten Herzog in Schwaben genommen ihrem Vater zu Gefallen , hatte ihn auch gehegt und gepflegt , wie es einem grauen Haupt zukam , aber wie der Alte zu sterben ging , hat ihr der Kummer das Herz nicht gebrochen . Da begrub sie ihn in der Gruft seiner Väter und ließ ihm von grauem Sandstein ein Grabmal setzen und stiftete eine ewige Lampe über das Grab ; kam auch noch etliche Male zum Beten herunter , aber nicht allzuoft . Dann saß Frau Hadwig allein auf der Burg Hohentwiel ; es waren ihr die Erbgüter des Hauses und mannigfalt Befugnis , im Land zu schalten und zu walten , verblieben , sowie die Schutzvogtei über das Hochstift Konstanz und die Klöster um den See , und hatte ihr der Kaiser gebrieft und gesiegelt zugesagt , daß sie als Reichsverweserin in Schwaben gebieten solle , solange der Witwenstuhl unverrückt bleibe . Die junge Witib war von adeligem Gemüt und nicht gewöhnlicher Schönheit . Aber die Nase brach unvermerkt kurz und stumpflich im Antlitz ab , und der holdselige Mund war ein wenig aufgeworfen , und das Kinn sprang mit kühner Form vor , also , daß das anmutige Grüblein , so den Frauen so minnig ansteht , bei ihr nicht zu finden war . Und wessen Antlitz also geschaffen , der trägt bei scharfem Geist ein rauhes Herz im Busen und sein Wesen neigt zur Strenge . Darum flößte auch die Herzogin manchem ihres Landes trotz der lichten Röte ihrer Wangen einen sonderbaren Schreck ein3 . An jenem nebligen Tag stand Frau Hadwig im KlosettA2 ihrer Burg und schaute in die Ferne hinaus . Sie trug ein stahlgrau Unterkleid , das in leichten Wellen über die gestickten Sandalen wallte , drüber schmiegte sich eine bis zum Knie reichende schwarze Tunika ; im Gürtel , der die Hüften umschloß , glänzte ein kostbarer Beryll . Ein goldfadengestricktes Netz hielt das kastanienbraune Haar umfangen , doch unverwehrt umspielten sorgsam gewundene Locken die lichte Stirn . Auf dem Marmortischlein am Fenster stand ein phantastisch geformtes dunkelgrün gebeiztes Metallgefäß , drin brannte ein fremdländisch Räucherwerk und wirbelte seine duftig weißen Wölklein zur Decke des Gemachs . Die Wände waren mit buntfarbigen gewirkten Teppichen umhangen . Es gibt Tage , wo der Mensch mit jeglichem unzufrieden ist , und wenn er in Mittelpunkt des Paradiesgartens gesetzt würde , es wär ' ihm auch nicht recht . Da fliegen die Gedanken mißmutig von dem zu jenem und wissen nicht , wo sie anhalten sollen , - aus jedem Winkel grinst ein Fratzengesicht herfür , und wenn einer ein fein Gehör hat , so mag er auch der Kobolde Gelächter vernehmen . Man sagt dortlands , der schiefe Verlauf solcher Tage rühre gewöhnlich davon her , daß man frühmorgens mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett gesprungen sei , was bestimmtem Naturgesetz zuwider . Die Herzogin hatte heute ihren Tag . Sie wollte zum Fenster hinausschauen , da blies ihr ein feiner Luftzug den Nebel ins Angesicht ; das war ihr nicht recht . Sie hub einen zürnenden Husten an . Wenn Sonnenschein weit übers Land geglänzt hätte , sie würde auch an ihm etwas ausgesetzt haben . Der Kämmerer Spazzo war eingetreten und stand ehrerbietig am Eingang . Er warf einen wohlgefälligen Blick auf seine Gewandung , als wär ' er sicher , seiner Gebieterin Augen heut auf sich zu lenken , denn er hatte ein gestickt Hemde von Glanzleinwand angelegt und ein saphirfarbiges Oberkleid mit purpurnen Säumen , alles nach neustem Schnitt ; erst gestern war des Bischofs Schneider von Konstanz damit herübergekommen4 . Der Wolfshund dessen von Fridingen hatte zwei Lämmer der Burgherde zerrissen , da gedachte Herr Spazzo pünktlichen Vortrag zu erstatten und Frau Hadwigs fürstliches Gutachten einzuholen , ob er in friedlichem Austrag sich mit dem Herrn des Schädigers vergleichen oder am nächsten Gaugericht Wehrgeld und Buße einklagen solle5 . Er hub seinen Spruch an . Aber eh ' und bevor er zu Ende gekommen , sah er , daß ihm die Fürstin ein Zeichen machte , dessen Bedeutung einem verständigen Mann nicht fremd bleiben konnte . Sie fuhr mit dem Zeigefinger der Rechten erst nach der Stirn , dann wies sie mit gleichem Finger nach der Tür . Da merkte der Kämmerer , daß es seinem eigenen Witz anheimgestellt sei , nicht nur den Bescheid wegen der Lämmer zu finden , sondern auch sich mit möglichster Beschleunigung zu entfernen . Er verbeugte sich und ging . Mit heller Stimme rief Frau Hadwig jetzt : » Praxedis ! « - Und wie ' s nicht sogleich die Stufen zum Saal herauf huschte , rief sie noch einmal schärfer : » Praxedis ! « Es dauerte nicht lange , so schwebte die Gerufene ins Klosett herein . Praxedis war der Herzogin in Schwaben Kammerfrau , von griechischer Nation , ein lebend Angedenken , daß einst des Byzantiner Kaisers Vasilius Sohn um Hadwigs Hand geworben6 . Der hatte das des Gesangs und weiblicher Kunstfertigkeit erfahrene Kind samt vielen Kleinodien und Schätzen der deutschen Herzogstochter geschenkt und als Gegengabe einen Korb erbeutet . Man konnte damals Menschen verschenken , auch kaufen . Freiheit war nicht jedem zu eigen . Aber eine Unfreiheit , wie sie das Griechenkind auf der schwäbischen Herzogsburg zu tragen hatte , war nicht drückend . Praxedis war ein blasses feingezeichnetes Köpfchen , aus dem zwei große dunkle Augen unsäglich wehmütig und lustig zugleich in die Welt vorschauten . Das Haar trug sie in Flechten um die Stirn geschlungen ; sie war schön . » Praxedis , wo ist der Star ? « sprach Frau Hadwig . » Ich werd ' ihn bringen « , sagte die Griechin . Und sie ging und brachte den schwarzen Gesellen , der saß so breit und frech in seinem Käfig , als wenn sein Dasein im Weltganzen eine klaffende Lücke auszufüllen hätte . Der Star hatte bei Hadwigs Hochzeit sein Glück gemacht7 . Ein alter Fiedelmann und Gaukler hatte ihm unter langwieriger Mühsal einen lateinischen Hochzeitsgruß eingetrichtert ; das gab einen großen Jubel , wie beim Festschmaus der Käfig auf den Tisch gestellt ward und der Vogel seinen Spruch sprach : » Es ist ein neuer Stern am Schwabenhimmel aufgegangen , der Stern heißt Hadwig , Heil ihm ! « und so weiter . Der Star war aber tiefer gebildet . Er konnte außer dem gereimten Klingklang auch das Vaterunser hersagen . Der Star war auch hartnäckig und konnte seine Grillen haben , so gut wie eine Herzogin in Schwaben . Heute mußte dieser eine Erinnerung an alte Zeit durch den Sinn geflogen sein , der Star sollte den Hochzeitsspruch sagen . Der Star aber hatte seinen frommen Tag . Und wie ihn Praxedis ins Gemach trug , rief er feierlich : » Amen ! « und wie Frau Hadwig ihm ein Stück Honigkuchen in den Käfig reichte und schmeichelnd fragte : » Wie war ' s mit dem Stern am schwäbischen Himmel , Freund Star ? « da sprach er langsam : » Führe uns nicht in Versuchung ! « Wie sie aber zur Ergänzung seines Gedächtnisses ihm zuflüsterte : » Der Stern heißt Hadwig , Heil ihm ! « - da fuhr der Star in seiner Melodie fort und intonierte würdig : » Erlöse uns von dem Übel ! « » Fürwahr , das fehlt noch , daß auch die Vögel heutigentages unverschämt werden « , rief Frau Hadwig , » Burgkatze , wo steckst du ? « und sie lockte die schwarze Katze herbei , der war der Star schon lange ein Dorn im Auge , mit funkelnden Augen kam sie geschlichen . Frau Hadwig erschloß den Käfig und überantwortete ihr den Vogel , der Star aber , dem schon die scharfen Krallen das Gefieder zausten und etliche Schwungfedern geknickt hatten , ersah noch ein Gelegenheitlein und entwischte durch einen Spalt am Fenster . Bald war er verschwunden , ein schwarzer Punkt im Nebel . » Eigentlich « , sprach Frau Hadwig , » hätt ' ich ihn auch im Käfig behalten können . Praxedis , was meinst du ? « » Meine Herrin hat bei allem recht , was sie tut « , erwiderte diese . » Praxedis « , fuhr Frau Hadwig fort , » hol ' mir meinen Schmuck . Mich gelustet , eine goldene Armspange anzulegen . « Da ging Praxedis , die immerwillige , und brachte der Herzogin Schmuckkästchen . Das war von getriebenem Silber , mit starken unfertigen Strichen waren etliche Gestalten darin angebracht in erhabener Arbeit , der Heiland als guter Hirt und Petrus mit dem Schlüssel und Paulus mit dem Schwert , samt allerhand Blattwerk und reich verschlungener Zierart , als wenn es früher zur Aufbewahrung von Reliquien gedient hätte . Es war durch Herrn Burkhard eingebracht worden , doch sprach er nie gern davon , denn er kam zu selber Zeit von einer Fehde heimgeritten , darin er einen burgundischen Bischof schwer überrannt und niedergeworfen hatte . Wie die Herzogin das Kästchen aufschlug , gleißten und glänzten die Kleinodien mannigfalt auf dem roten Sammtfutter . Bei solchen Denkzeichen der Erinnerung kommen allerhand alte Geschichten herangeschwirrt . Auch das Bildnis des griechischen Prinzen Konstantin lag dort , zierlich , geleckt und sonder Geist vom Byzantiner Meister auf Goldgrund gemalt . » Praxedis « , sprach Frau Hadwig , » wie wär ' s geworden , wenn ich deinem spitznasigen , gelbwangigen Prinzen die Hand gereicht hätte ? « » Meine Herrin « , war Praxedis ' Antwort , » es wäre sicher gut geworden . « » Ei « , fuhr Frau Hadwig fort , » erzähl ' mir etwas von deiner langweiligen Heimat , ich möchte mir gern vorstellen , was ich für einen Einzug in Konstantinopolis gehalten hätte . « » O Fürstin « , sprach Praxedis , » meine Heimat ist schön « - wehmütig ließ sie ihr dunkles Aug ' in die neblige Ferne gleiten - » und solch trüber Himmel wenigstens wär ' Euch am Ufer des Marmormeers für immer erspart . Auch Ihr hättet den Schrei des Staunens nicht unterdrückt , wenn wir auf stolzer Galeere dahingefahren wären : an den sieben Türmen vorbei , da heben sich zuerst die dunklen Massen , Paläste , Kuppeln , Gotteshäuser , alles im blendend weißen Marmor , aus den Brüchen der Insel Prokonnesos , groß und stolz steigt die Lilie des Meeres aus dem blauen Grunde auf , dort ein dunkler Wald von Zypressen , hier die riesige Wölbung der hagia Sophia , auf und ab das weite Vorgebirg ' des Goldenen Horns ; gegenüber am asiatischen Gestade grüßt eine zweite Stadt , und als