Kurz , Hermann Der Sonnenwirt www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Hermann Kurz Der Sonnenwirt Eine Schwäbische Volksgeschichte Erster Teil 1 » Nun , Meister Schwan , für diesmal ist Er christlich durchgekommen , straf mich Gott ! Ohne Willkomm und Abschied ! Herr Gott von Dinkelsbühl , tut mir fast leid , daß ich Ihm nicht ein paar aus dem ff auf Sein gesundes Leder aufmessen darf , aus purer Freundschaft . Und dazu bloß ein halb Jahr ! Aber ich hoff , so ein heißgrätiger Bursch wie Er wird bald wieder das Heimweh nach unserer lustigen Kartaus bekommen . Aufs Frühjahr spätestens , wenn die Bäum ausschlagen , werden wir wieder die Ehre haben . Ich will derweil ein paar tüchtige Haselstöcke ins Wasser legen , damit sie den gehörigen Schwung und Zug kriegen zum Willkomm , wenn ' s heißen wird : des Ebersbacher Sonnen wirts sein Gutedel ist wieder da . Adjes , Meister Schwan , glückliche Reise und nichts für ungut . « Es war unter dem Tore des Ludwigsburger Zucht-und Arbeitshauses , wo einer der Aufseher einem jungen Menschen dieses spöttische Lebewohl sagte . Dem untersetzten stämmigen Burschen konnte niemand im Ernste den Meistertitel geben , denn er schien kaum zwanzig Jahre alt zu sein . Auch sah er sehr sauer zu der Ehrenbezeigung , die nicht gerade aus wohlwollendem Herzen kam ; sein breites rotwangiges Gesicht spannte sich zu einem trotzigen Ausdruck , den eine tiefe Schramme auf der Stirne noch erhöhte . Er hielt die Augen , wie aus Verachtung , zu Boden geheftet , aber dann und wann schoß er seitwärts einen Blick hervor , der wie ein bloßes Messer funkelte . Der Aufseher gab ihm statt des » Abschieds « , den er ihm gerne zugedacht hätte , einen derben Schlag auf die Schulter und ging lachend hinweg . Der entlassene Sträfling ballte die Faust und sah ihm mit ingrimmigen Blicken nach . Eben wollte er mit einer Gebärde , welche ein nichts weniger als anständiges , aber um so aufrichtigeres Gesinnungsbekenntnis enthielt , dem Zuchthause den Rücken kehren , als er , noch einmal umschauend , einen Gegenstand gewahrte , der den Haß auf seinem derben lebhaften Gesichte plötzlich in das entschiedenste Widerspiel verwandelte . Es war ein Greis , der in der Gebrechlichkeit des Alters an einem Stabe über den Hof gegangen kam ; er trug schwarze Kleidung , und die beiden weißen Überschlägchen , die ihm von der Halsbinde herabhängend auf der Brust spielten , bezeichneten seinen geistlichen Stand . Seine Erscheinung machte einen sichtlichen Eindruck auf alle Begegnenden ; die ausgelassensten Züchtlinge verstummten , als er im Vorübergehen einen Blick auf ihre Arbeiten warf ; der rohe Aufseher wich ihm von weitem aus . Jedem bot er seinen zuvorkommenden Gruß ; er war immer der erste , der das schwarze Käppchen über den spärlichen weißen Haaren lüpfte , und doch sollte es ihm offenbar dazu dienen , sein greises Haupt vor der Herbstluft zu schützen ; denn neben dem Käppchen trug er den dreieckigen Hut unter dem Arm . Der junge Mensch war unter dem Tore des Zuchthauses stehengeblieben . In seinen Mienen zuckte es wie Gewitter und Regenschauer ; aber zum Weinen schienen diese Züge zu derb . Unwillkürlich bewegte er den Fuß , um dem alten Geistlichen entgegenzulaufen ; er besann sich jedoch wieder und blieb schüchtern stehen . Als jener näher kam , zog er die Mütze und trat ihn mit einer linkischen Verbeugung an . Man konnte denken , wenn er ein Hund gewesen wäre , so wäre er mit freudigem Winseln an ihm emporgesprungen und hätte ihm Gesicht und Hände geleckt . So aber war er ein Wesen , um das der Zuchthausaufseher schwerlich seinen Pudel hergegeben hätte , ein entlassener Sträfling , ein unbändiger Mensch , voll Trotz und Roheit ; und doch regte sich in seinem Herzen etwas , das wir auch in den winselnden Tieren ahnen und das die Bibel mit den Worten bezeichnet : das Seufzen der Kreatur . » Mit Verlaub ! « stammelte er , - » ich wollte nur dem Herrn Waisenpfarrer Adieu sagen , weil der Herr Waisenpfarrer immer so gut gegen mich gewesen ist - ich hätt ja nicht fortgehen können ohne das . « Der Waisenpfarrer - denn dieser war es , dem die Seelsorge im Zuchthause oblag - neigte sich mit freundlichem Lächeln zu ihm . Er hatte aus den verlegenen , halb verschluckten Worten des sonst sehr anstelligen Burschen den rechten Kern herausgehört . » So ist Er denn also jetzt frei , Friedrich ? « sagte er zu ihm . » Ich wünsch Ihm von Herzen Glück . Nun gebrauche Er aber auch seine Freiheit so , wie man eine Gottesgabe gebrauchen muß . « » Ich versteh schon , Herr Waisenpfarrer ! « erwiderte der Jüngling , der mit der ersten Anrede seine Beengung weggesprochen und sich in einen Ton bescheidener Zutraulichkeit hineingefunden hatte . » Ich versteh schon . Das ist wie mit dem Wein . Der ist auch eine Gottesgabe . Wenn man aber solche Gottesgabe zu hart strapaziert , so wirft sie den Menschen hin , daß er gleichsam wie vierfüßig wird . Dagegen , wenn man sie mit Maß genießt , so erfreut sie das Herz und macht helle Gedanken im Kopf . Grade so ist ' s auch mit der Freiheit . Wenn man von der über Durst trinkt , so kann sie einen auch wohin werfen , wo zum Beispiel keine Freiheit mehr ist . « Bei diesen Worten wies er mit dem Daumen über die Schulter nach dem Gebäude , das er soeben verlassen hatte , und seine weißen Zähne blinkten lachend zwischen den kirschroten Lippen hervor . » Ja , so ist ' s , mein Freund « , versetzte der Geistliche . » Man pflegt wohl zu sagen : ich nehme mir die Freiheit , das und das zu tun . Das ist nur so eine höfliche Redensart . Mancher aber nimmt sich mehr Freiheit , als er einem andern gönnt , und tut einem andern etwas , was er sich selbst nicht angetan wissen will . Das aber ist zu viel Freiheit , und Er weiß wohl , was zu viel ist , das ist vom Übel . Eigentlich sollten wir unsere Freiheit bloß dazu anwenden , um einander lauter Liebes und Gutes zu tun ; denn wenn die Menschen alle einander dienen würden , dann wäre ja ein jeglicher so wie ein Diener auch wieder ein Herr , und dann wäre die wahre Freiheit in der Welt . « » Ja , wenn alle so wären , wie der Herr Waisenpfarrer , dann wär ' s keine Kunst , ihnen zu dienen . Aber so ist ' s nicht in der Welt . Da ist viel Herzenshärtigkeit und Schlechtigkeit , nicht bloß solche , die den Nebenmenschen übervorteilt , sondern auch Bosheit , die ihm ohne allen Grund die Milch sauer macht , und wenn man auf so einen Giftmichel trifft , so meint eben die Faust gleich , sie müsse ein Wörtlein mit ihm reden . « » Mein Sohn « , sagte der alte Geistliche , » man hat den Verstand dazu , daß man der Faust nicht ihren Willen läßt . Und es kommt nur darauf an , daß man einem Menschen seine gute Seite abgewinnen lernt . Eine gute Seite hat auch der Schlimmste . Wenn man aber einmal diese gefunden hat , so ist ' s , als hätte man den Schlüssel zu einer sonst verschlossenen Türe , und wenn man hineingeht , so trifft man oft auf Dinge , die man gar nicht hinter dieser Türe gesucht hätte . Da ist zum Exempel ein gewisser Friedrich Schwan . Den hat man mir geschildert als einen rohen , verworfenen Burschen , dessen Herz keiner guten Regung fähig sei - Faust in Sack ! Die Leute urteilen eben nach der Außenseite - und wie ich ihn nun selber kennenlernte , da fand ich in ihm einen Menschen , dessen Herz wie ein wild aufgeschossenes Reis ist , trotzig und aufrührisch gegen jedes rauhe Lüftchen , weich und geschmeidig gegen jeden freundlichen Sonnenstrahl , einen Menschen , der gegen harte Worte und Behandlungen störrisch bleibt und den man mit Güte um den Finger wickeln kann . Ist ' s nicht so ? « » Ja , so ist ' s , Herr Waisenpfarrer « , antwortete der junge Mensch verlegen und gerührt . » Nun , das ist aber auch keine Kunst , gegen Gute gut zu sein . Wenn ' s weiter nichts wäre als das , so würden wir ja durch die breite Pforte in den Himmel eingehen , statt durch die schmale . « » Das ist wahr , Herr Waisenpfarrer « , erwiderte der junge Mensch bedenklich . » Aber wenn alle Menschen unterdiensthaft gegeneinander wären , wie Sie vorhin gesagt haben , so wäre es gerade dasselbe Ding . « » Allerdings . Aber da die Menschen im allgemeinen bis jetzt nicht geneigt sind , uns die Himmelspforte so breit und bequem zu machen , so dürfen wir deshalb der schmalen nicht untreu werden . Wir müssen gegen unsere Nebenmenschen gerade so liebreich und dienstfertig sein , wie sie eigentlich gegen uns sein sollten , unangesehen , ob sie es sind oder nicht . Vielleicht gewinnen wir sie dadurch und bewegen sie , unser Beispiel nachzuahmen . « » Ja , ja , Herr Waisenpfarrer « , fiel der junge Mensch lebhaft ein , » das ist gerade , wie wenn ein ungebautes Stück Feld umgebrochen werden soll . Da kommt es nur drauf an , daß einmal ein Anfang gemacht wird , der für den Fortgang und fürs Fertigwerden Bürgschaft gibt , und ist also ein kleines umgepflügtes Flecklein fast schon so wichtig wie das ganze künftige Neubruchland . « » Er hat mich gar wohl gefaßt « , versetzte der alte Herr mit freundlichem Lächeln . » Wenn das Reich Gottes auf Erden erscheinen und ihm die Stätte bereitet werden soll , so tut es zuerst not , daß ein Kern von guten Menschen gezogen wird , von welchen die Güte und der Segen allmählich auf die andern übergehen kann . Die müssen aber festhalten wie ein Häuflein Streiter , von denen der Ausgang einer Schlacht abhängt . Ja , mein Sohn « , fuhr er fort und legte ihm die abgemagerte Hand auf dieselbe Schulter , welche vorhin der Aufseher so unsanft berührt hatte , » da muß man den Pflug über das trotzige Herz gehen lassen , da muß man eine Beleidigung nicht mit Tätlichkeiten erwidern , die ins Zuchthaus führen . Vielmehr , wer zu jenen Kerntruppen gehören will , der muß gegen seinen Feind gar noch ein gutes Wort und ein freundlich Gesicht aufzuwenden haben , und was noch weit mehr heißen will , es muß ihm sogar von Herzen gehen . « Der Jüngling , der irgendeinen Widersacher im Geiste vor sich stehen sehen mochte , trat bei dieser Zumutung betreten einen Schritt zurück . Die Größe der Aufgabe war ihm augenscheinlich schwer aufs Herz gefallen . - » Aber « , sagte er , » da wird mancher denken , wie es im Evangelium heißt : das ist eine harte Rede , wer kann sie hören ? « Der Greis lächelte . » Mein junger Freund ist sehr bibelfest « , versetzte er , » ich bemerke das heut nicht zum erstenmal . Die besten Kernsprüche , die schönsten Liederverse hat er fest im Kopfe behalten , aber ob auch in einem feinen Herzen ? Das ist nun die Frage . Diese schönen Stellen , welche die Jugend in den Schulen auswendig lernt und oft recht gedankenlos dahersagt , sind Samenkörnern zu vergleichen . Nun ist es zwar um ein Samenkorn ein edles Ding , aber der aufgewachsene Baum und seine Früchte sind doch noch etwas ganz anderes . Oh , mein lieber Friedrich , ich fürchte « - bei diesen Worten hob er liebreich den Finger gegen ihn auf - , » ich fürchte , dieses trotzige Gemüt muß noch durch Leiden gebeugt und recht umgebrochen werden , wenn es ein Boden werden soll , darin der Same zu Früchten aufgehen kann . Mein Sohn , habe Er immer den vor Augen , von dem wir jene Sprüche überkommen haben , der nicht schalt , da er geschlagen ward , und nicht dräuete , da er litt . Ich will Ihm aber nicht mit einem Male ein Werk auflegen , das für manche zartere Seelen noch zu schwer ist . Fange Er im Kleinen an , mein lieber Sohn . Strebe Er , sanftmütig zu werden . Denke Er immer zur rechten Zeit daran , den aufquellenden Zorn zu bezähmen ; denn der Zorn hat einen bösen Urahn , den Mörder von Anbeginn , und wenn man ihn herausläßt , so gleicht er der Kugel , von der das Sprichwort sagt : wenn sie aus dem Rohr ist , so ist sie des Teufels . Vor allem aber will ich Ihm eines ans Herz legen . Er ist vermöglicher Leute Kind , und in einem Wirtshause fallen manche Brocken ab . Benütze Er diese Gelegenheit , um Gutes zu tun und nach Seinen Kräften den traurigen Unterschied , der in der Welt ist , ein wenig auszugleichen . Er kann , ohne Seinen Vater zu übervorteilen - und das darf Er ja nicht tun ! - , manchem armen Schlucker etwas zufließen lassen . Ich sage das nicht , daß Er meinen soll , Er könne sich ein Verdienst vor Gott damit erwerben . Aber der rechte Glaube wird auch immer die rechten Werke gebären , und hinwiederum , wer die rechten Werke tut , der setzt zugleich sein Inneres in die rechte Verfassung , wie sie vor Gott sein soll ; denn Gutes tun macht ein gelindes Herz . Deshalb , mein Sohn « , beschloß er mit einem unbeschreiblich heitern und scherzhaften Lächeln , » will ich Ihm , da Er noch so jung ist , nicht zumuten , daß Er gleich als Flügelmann unter jene Kerntruppen tritt , von denen ich gesprochen habe . Suche Er nur zuerst als Marketender bei ihnen anzukommen , dann kann Er sich allmählich weiter aufdienen , bis - « Ein Geräusch unterbrach ihn , das ihm den frommen Scherz aufs kläglichste verbitterte . Unzweideutige Schläge hallten von dem untern Stockwerk her , dem der Geistliche und sein aufmerksames Beichtkind nahe standen . Sie folgten mit unerbittlicher Regelmäßigkeit aufeinander , so daß der Greis die schwache Hand ausstreckte , als ob diese abwehrende Gebärde der Grausamkeit ein Ende machen könnte . Man hörte kein Geschrei , sondern nur ein dumpfes Knurren , in welchem jedoch der menschliche Ton zu unterscheiden war . Dieses Knurren , das sich in Zwischenräumen wiederholte , machte den Vorgang weit unheimlicher , als wenn die lautesten Wehklagen ihn begleitet hätten . Der junge Friedrich ballte die Faust gegen das Gebäude . » Diese Prügelhunde ! « rief er , » es ist ihnen nur wohl , wenn sie zuschlagen können . « Der Waisenpfarrer legte ihm wieder die Hand , die aber diesmal zitterte , auf die Schulter . » Mein Sohn « , sagte er , » die Menschen haben es mit der Sünde verdient , daß der Schmerz und das Wehtum in die Welt gekommen ist . Wo aber Strafe ist , heißt es , da ist Zucht , und wo Friede ist , da ist Gott . « Die Schläge hallten dazwischen fort . Der Greis brach mit einem tiefen Seufzer die Unterredung ab . » Nun lebe Er wohl , mein lieber Friedrich « , sagte er . » Gott sei mit Ihm auf allen Seinen Wegen . Denke Er an das , was ich Ihm gesagt habe , damit wir uns fröhlich und ebendarum niemals mehr an diesem Orte wiedersehen . « Er drückte ihm die Hand und wankte , so eilig als er es vermochte , an seinem Stabe dahin . Zwar hatte auch er die Meinung seinerzeit ausgesprochen , daß durch grausame Züchtigungen der Wille Gottes erfüllt und sein Kommen vorbereitet werde , aber er schien doch nicht gern dabei zu sein und hatte es in diesem Augenblick wohl tief empfunden , daß das Reich Gottes , so wie er es verstand , noch sehr ferne sei . Der junge Friedrich aber blieb unter den Fenstern des Zuchthauses stehen und lauschte dem Geräusch der Pein , vor welchem sein ehrwürdiger Beichtiger entflohen war . Er fühlte zwar nicht geringe Entrüstung über die Gewalt , die hier einem Menschen angetan wurde , aber der Schmerz des Armen verursachte ihm , der selbst schon manchen derben Puff ausgehalten hatte , kein besonders zartes Mitgefühl . Die Schläge hörten endlich auf . Bald hernach öffnete sich die Türe , und von einer unsichtbaren Hand geschleudert , kam ein Mensch herausgeflogen . Der Stoß war nicht eben sanft gewesen , doch hie der Hinausgeworfene sich wie eine Katze auf den Füßen . Sein Gesicht zeigte trotz der zigeunerischen Farbe die Spuren überstandener Anstrengung , es war dunkelrot , und ein schielendes Auge gab diesen jugendlichen Zügen einen furchtbaren Ausdruck . Der junge Zigeuner , der soeben einen rauhen Abschied durchgemacht hatte , schüttelte sich am ganzen Leibe , er kehrte sich gegen das Zuchthaus um , streckte die Zunge , so lang er konnte , heraus und ging dann gemächlich seiner Wege . » Ich glaub , sie haben dich mit ungebrannter Asche gelaugt , und das scharf « , sagte Friedrich , als er an ihm vorüberkam . » Ich glaub auch « , war die trockene Antwort des Zigeuners , der einen Blick aus seinem scheelen Auge über den Frager hinlaufen ließ und sich von dannen machte . Friedrich , der auf den Burschen neugierig geworden war , folgte ihm von weitem nach . Aber erst als sie Ludwigsburg mit seinen vornehmen regelrechten Straßen hinter sich hatten , wagte er , die Gesellschaft des verachteten Zigeuners aufzusuchen . Dieser schien nachlässig vor sich herzuschlendern , und doch hatte er Mühe , gleichen Schritt zu halten und ihn endlich einzuholen . » He , wohinaus , Landsmann ? « schrie er ihn an . » Dem Hohenstaufen zu « , antwortete der Zigeuner seitwärts herüber , ohne sich in seinem Gange aufhalten zu lassen . » Dann haben wir ja schier gar einen Weg « , sagte Friedrich , an seiner Seite gehend . » Der meinige führt nach Ebersbach . « » Da können wir wenigstens eine Strecke weit beisammenbleiben « , erwiderte der Zigeuner . Die beiden jungen Burschen gingen nun mit wackeren Schritten durch die Ebene und dann jenseits des Neckars über die Anhöhen hin , welche zwischen diesem und der Rems liegen , und machten nach einer tüchtigen Wanderung bei einem einsamen Wirtshäuschen halt , wo Friedrich seinen Gefährten zu Gaste lud . Eine Flasche vom Saft des Apfels und ein Rettich , der den Sommer überlebt hatte , war alles , was ihm ein paar gesparte Pfennige aufzutischen erlaubten . Die vorgerückte Jahreszeit ließ sich so mild an , daß die beiden Wanderer im Freien auf der verwitterten Bank unter dem alten Apfelbaum ihr Mahl verzehren konnten . Hungrig und durstig griffen sie zu und ließen sich ' s nach der Weise der Jugend schmecken . Wie lustige Sperlinge genossen sie der wiedererlangten Freiheit , schalten auf das Gefängnis , von dem sie herkamen , spotteten über die Schwachheiten der Aufseher und erzählten sich lose Streiche , womit sie deren Wachsamkeit umgangen hatten . Unter Plaudern und Lachen war die Flasche nur allzubald geleert . Sie kehrten alle Taschen um , bis sie in der erdenklich kleinsten Münze , aber auch mit dem erdenklich größten Jubel die nötige Summe zusammengebracht hatten , um eine zweite zu bestellen . » Wie bist du denn eigentlich « , fragte Friedrich unter dem Einschenken , » in den Gasthof zur Kardätsche geraten ? Mit bloßem Vagabundieren hast doch so jung nicht so hoch in die Wolle avancieren können . « » Nein « , erwiderte der Zigeuner unbefangen , » ich hab krumme Finger gemacht . « » Pfui « , rief Friedrich , » Stehlen , das ist was Hundsgemeines , heißt das , wenn - « » Von z ' wegen was seid Ihr hineingekommen ? « unterbrach ihn der Zigeuner etwas rasch . Ungeachtet des Ärgers über die biderbe Bemerkung vergaß er nicht , daß sein Genosse der herrschenden Nation angehörte und daß er den größeren Teil der Zeche bezahlt hatte : Grund genug , ihn in der majestätischen Mehrzahl anzureden . - » Man wird Euch auch nicht bloß um der Kostbarkeit willen hinter Glas und Rahmen aufgehoben haben . « » Ich hab einen durchgeprügelt und das lederwindelweich . Der Heuchler gab dann vor , er könne den Arm nicht mehr gebrauchen . Es war aber erlogen , und so schickten sie mich eben auf ein halb Jahr an das Örtchen , von dem man nicht gern red ' t. « Der Zigeuner machte ein unbefriedigtes Gesicht . » Und habt Ihr Euch niemals an fremdem Eigentum vergriffen « , fragte er , » daß Ihr da so auf dem höchsten Gaul sitzen könnt ? Seid Ihr niemals einem andern in die Äpfel gegangen oder in die Kirschen ? Denn « , setzte er eifrig hinzu , » Stehlen ist Stehlen , das sag ich . « » Ja , meinem Vater bin ich wohl über die Kirschen gegangen und auch über die Geldlade . Aber das ist was anderes , das geht ja vom eigenen und heißt eben vor der Zeit geerbt . Das ist nicht gestohlen . Stehlen heißt , wenn man fremden Leuten das Ihrige nimmt , und das ist eine Schmählichkeit . « » Wenn bei uns einer « , versetzte der Zigeuner höhnisch , » seine Eltern bestehlen würde , so könnte seines Bleibens nicht mehr sein ; der ärgste Spitzbube würde ihn verachten und anspeien . Bei uns ist es Sitte , daß man die Eltern ehrt und liebt und daß man ihnen eher zubringt , als daß man sie bestiehlt . Dafür lassen sie es aber auch an ihren Kindern nicht fehlen , sie geben ihnen den letzten Bissen vom Munde weg , und deshalb ist es gar nicht möglich , daß so etwas bei uns vorkommt . Ist mir auch eine ganz besondere Lebensart , daß ich einen Fremden schonen soll , der mich nichts angeht , und soll mich dagegen an meinem Vater vergreifen , der mir der Nächste ist in der Welt . Das bring mir ein anderer in den Kopf , mir ist es zu hoch . Kommt mir gerade vor , wie wenn im Krieg einer sich von den Feinden abwenden wollte und auf seine Freunde schießen . « Friedrich war betroffen . Sein gesunder Verstand sagte ihm , daß etwas Wahres an dieser Ansicht sei , und doch konnte er sie nicht zugeben , da sie den Sitten und Gewohnheiten , unter denen er aufgewachsen , völlig widersprach . Die beiden jungen Leute stritten eifrig und konnten sich lange nicht verständigen . Darin waren sie zwar einer Ansicht , daß auf die » Herrschaft « keine strengen Begriffe von Eigentum anzuwenden , daß die Tiere im Walde , die Fische im Wasser eigentlich Gemeingut seien ; aber über den Rest des großen Kapitels vom Mein und Dein konnten sie nicht einig werden . » Stehlen und Stehlen ist zweierlei « , rief Friedrich zuletzt . » Geh du nach Ebersbach und frag von Haus zu Haus , ob die Leut nicht einen Unterschied machen , und die Leut müssen doch auch wissen , was sie tun . Überall gilt ' s für eine größere Schande , wenn einer einem Fremden was stiehlt , als wenn er ' s den Eigenen nimmt ; denn da bleibt ' s ja in der Familie . « » Dann sollte man ihn auch in der Familie abmurxeln « , sagte der hartnäckige Zigeuner , » und jedem davon ein Stück zum Kochen geben , wenn eure Gesetze so schlecht sind , daß sie bloß den einen Diebstahl strafen , den andern aber nicht . « » Oha « , sagte Friedrich , » umgekehrt ist auch gefahren . Selbiges ist anders . Die Gesetze , die sind so überzwerch wie du , die behaupten auch , Stehlen sei Stehlen . Wie es herauskam , daß ich meinem Vater ein paar hundert Gulden genommen hatte , die er mir nicht gutwillig geben wollte , um in die Fremde zu gehen , da taten sie mich geschwind nach Ludwigsburg zum Wollkardätschen , ob ich gleich erst ein unverständiger vierzehnjähriger Bube war . Damals hab ich auch gelernt , was der Willkomm und Abschied für höfliche Komplimente sind , und hab empfunden , wie es patscht , wenn Haselholz und Hirschleder zusammenkommen . « Der Zigeuner schlug ein lustiges Gelächter auf . » Aber nicht wahr « , rief er triumphierend , » mit einem solchen Leibschaden noch stundenlang drauflos marschieren und dann auf einem hölzernen . Bänkchen herumrutschen , das könnt auch nicht ein jeder . « » Nun , nun « , entgegnete Friedrich , » man merkt ' s dessenungeachtet wohl , wo du dermalen deine schwache Seite hast . Du sitzt ja so windschief da , als wenn das Bänkchen unter dir brennte , die armen Seelen in der Hölle , die auf dem Glufenhäfelein sitzen , können nicht öfter wechseln und nicht possierlicher den Fuß an sich ziehen . Aber das muß man dir lassen : mannlich hast du dich gehalten . Wenn ich nur noch ein paar übrige Kreuzer hätt , so ließ ich dir einen Kirschengeist zum Einreiben kommen . « » Einreiben ! Wer wird auch die Gottesgabe so sündlich verschwenden ! Den Kirschengeist muß man innerlich brauchen , von innen heraus kuriert er noch einmal so schnell . « » Das glaub ich dir ! « lachte Friedrich . » Überhaupt hab ich schon oft gedacht , ihr Zigeuner müsset ein gutes Fell haben , stich- und kugelfest . Man könnt ' s , schätz ich wohl , zum Überzug für ein schwaches Gewissen brauchen . « » Es dient oft auch dazu . Ja , eine gute Haut , die muß der Zigeuner haben , und hartgesotten muß er sein , wenn er solch mühseliges Leben aushalten soll . Frost und Hitze muß ihm gleichviel gelten . Halbnackt muß er gehen können , wenn ihm der gefrorne Schnee unter den Füßen kracht , und die schwerste Bürde muß ihm wie ein Flaum sein , wenn ihn die Sonne mittags auf die Glieder sticht . Sein Lager ist unter Gottes freiem Himmel , und in böser Nacht hat er ' s nicht immer so gut , daß er auch nur im Hüterhäuschen unterkriechen kann . Oft hat er nur einen Baum zum Obdach , unter dem schläft er zufrieden , wenn der Sturm durch die Äste fährt und die Blätter schüttelt , daß ihm der kalte Regen auf die Stirne tropft . « » Herr Gott « , rief Friedrich mit rauher Rührung , » ich kann doch auch was vertragen , aber so ein Leben muß ja den besten Mann umbringen ! Mußt du nicht selber sagen , daß es vernünftiger wäre , wenn ihr das Heidenleben aufgäbet , eine christliche Ordnung anfinget und ließet euch mit andern ehrlichen Christenmenschen in Handel und Wandel ein ? Wer ein paar tüchtige Arme hat und einen Kopf , der sie regiert , der wird nicht sobald mit leerem Magen ins Bett gehen und nicht im kalten Regen schlafen dürfen . « » Wir sind so gute Christen wie ihr « , versetzte der junge Zigeuner eifrig , » es mag sich fragen , ob wir nicht besser sind ? Aber wie wollten wir denn mit euch leben ? Ihr stoßt uns ja aus und wollt keine Gemeinschaft mit uns haben . Wie kann der Zigeuner , dem ihr mit Verachtung die Türe weiset , sein ehrlich Brot bei euch verdienen ? Ich bin aus einer Familie , die schon seit zweihundert Jahren hier im Württembergischen , dann im Deutschherrischen drunten und in den beiden Markgrafschaften am Rheine drüben hin und wieder zieht . Nun fehlt es uns zwar dort nicht an Bekanntschaften , aber ich möchte doch auch in all diesen Landen einen einzigen Menschen sehen , wenn unsereiner z.B. käme und ihm sagte : Ich will ein ander Leben führen und ein ordentliches Wesen anfangen , da bin ich , nimm mich auf , teile dein Haus und dein Brot mit mir , soviel als dir meine Dienste wert sein mögen - den Menschen möcht ich sehen , der darauf sagen würde : Tritt ein und bleibe bei mir . Auch unter den Unsrigen möcht ich den Menschen sehen , dem es im Schlaf einfallen könnte , eine solche Bitte zu tun . Denn jeder weiß die Antwort im voraus und weiß , wie man beiderseits voneinander denkt . Das ist jetzt eben einmal von Anbeginn so und wird auch nicht mehr anders werden . Ich weiß wohl , ein mancher von den Meinigen ist eines bösen Todes gestorben , und wie könnte es auch anders sein ? Das Element , in dem einer lebt , ist natürlicherweise auch zuletzt sein Tod . Das ist allenthalben so . Wer sein Leben lang im Hanfsamen sitzt wie ein freier