Hackländer , Friedrich Wilhelm von Europäisches Sklavenleben www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Friedrich Wilhelm von Hackländer Europäisches Sklavenleben Erster Band Erstes Kapitel . Der Theaterwagen . Es ist eigenthümlich , theurer und geneigter Leser , daß man beim Beginn einer Geschichte so gern Betrachtungen über das Wetter anstellt , - eigenthümlich , aber durchaus nothwendig . Was wollte man zum Beispiel von einem Gemälde halten , wo sich die Figuren - und wären sie auch noch so interessant - in einer Staffage bewegten , von der man nicht sagen könnte , von welcher der vier Jahreszeiten sie gerade beherrscht werde . Es bringt den Leser nichts so in eine angenehme Stimmung , als wenn er beim Beginn eines Kapitels erfährt , die Sonne habe mit voller Gluth geschienen , der Wind habe gesaust oder der Regen in schweren Tropfen an die Fensterscheiben geklatscht . Bei uns findet er aber von diesen drei ebengenannten Dingen nichts ; unsere einfache und dieses Mal vorzugsweise sehr wahrhaftige Geschichte beginnt im Winter , - jener Jahreszeit , wo man die Natur als erstorben betrachtet , ihr als unschön so gern den Rücken kehrt , um in glänzende , durchwärmte Säle einzutreten und sich an künstlichen Blumen und Freuden zu ergötzen , da man lebendige und natürliche so wenige gefunden . Aber man thut Unrecht , geneigter Leser ; es gibt Wintertage , deren eigenthümliche Schönheit wir nicht vertauschen möchten für den blüthenreichsten Frühlingsmorgen , für den glänzendsten Sommerabend . Wir meinen nämlich einen Wintertag , wo die Erde nach einem Thauwetter oder nach einem gelinden Regen mit schweren Nebeln bedeckt war , wo alsdann diese Nebel durch eine plötzliche Kälte zu dichtem Reif erstarrten , wo sich der Boden mit einem Male weiß bezog , ohne aber verhüllt zu sein durch eine langweilige einförmige Schneedecke , die in ihrem kalten Gleichheitsprinzip Berg und Thal zudeckt und ohne Unterschied begräbt und verbirgt endlose Wiesen und Moorgründe , stille Thäler , kleine Seen und allerliebste Gärten . - Gewiß , jener so plötzlich angesetzte Reif ist wunderbar schön ; jene Verhüllung , wo doch Alles in seiner ursprünglichen Gestalt erscheint , nur mit weißem , feinem Pelze bedeckt . Die dunkle Erde schimmert leicht durch den Flaum , es ist kein Thal , keine Schlucht verdeckt : Alles behält die ihm eigene Gestalt . Dort auf der Wiese scheint weißes Gras zu wachsen ; die kleinen Sträucher sind mit den feinsten Kristallen bedeckt ; wenn man einen Baum ansieht , so möchte man darauf schwören , seine Zweige seien von Zucker und er erwarte nur , wie er da ist , auf irgend eine Weihnachtstafel gesetzt zu werden . Dabei ist die Luft klar und scharf , und wenn du einen Berg hinansteigst , so zieht dein Athem in einer bläulichen Wolke dir voraus ; während du aber durch den Hohlweg gehst , um zu dem Plateau zu gelangen , wo die alte Straße mit der neuen Chaussee zusammentrifft , und wo du die weite , große Stadt übersehen kannst , versäume es ja nicht , rechts und links zu blicken und dir genau zu betrachten einen Stein , einen Strauch , ja jeden Gegenstand , den du willst ; denn wenn du am heutigen glückseligen Tage irgend etwas genau untersuchst , so entdeckst du Zaubereien ohne Ende , ganze Eiswelten in jedem Maßstabe . Hier von der Wand des Hohlwegs herab hingen gestern noch die kahlen erstorbenen Zweige einer Brombeerstaude , naß , fast triefend von dem angesetzten Nebel , heute ist daraus ein Brillantschmuck geworden , würdig , den Hut einer Fürstin zu zieren , ein Schmuck von Tausenden von Diamantblumen in der phantastischsten Gestalt , und jetzt , wo ein Strahl der Sonne darüber hingleitet , glänzend wie eine ganze Million von Lichtbergen . Ja , so ein Tag verschönert mehr als Frühlingsluft und Sommerhitze ; bemerken wir nicht hier neben uns einen Erdhaufen , gestern noch kahl , mit einigen mageren Grashalmen und zerstreutem Stroh , der heute mit einem Mal eine ganze Eisresidenz geworden ! Weiße Steine bilden eine förmliche Stadt , die rings von Zaubergärten eingeschlossen ist ; man muß nur genau hinsehen und das Ding nicht oberflächlich betrachten . Es sind da Straßen und Plätze mit den regelmäßigsten Alleen von weißbereiften Grashalmen , auch imposante Waldungen ; nur Alles , was im Sommer grün erscheint , ist jetzt weiß und hat eine fabelhafte Form . - Ah ! es ist schade , daß unsere Illusion durch einen Sperling gestört wird , der jetzt plötzlich in die Stadt hineinfliegt und den größten Platz mit seinen beiden Füßen bedeckt . Aber auch er gehört zur Zauberwelt , denn wie er jetzt nach einem Regenwurme pickt , den Kopf in den Reif steckt , ihn wieder empor hebt , und ihn dann mit der Beute hin und her schlenkert , stieben von allen Seiten funkelnde Brillanten davon . Doch gehen wir weiter . Wenn wir uns auch nicht mehr so in ' s Detail einlassen wollen , so erblicken wir doch Sachen , die nicht minder merkwürdig sind . Auf der Spitze des Berges steht eine kleine Laube , vom Ende eines Gehölzes blickt sie in ' s Thal ; ihre Mauern haben eine röthliche Farbe , zwei Fenster funkeln wie Augen . Ueber das Dach schlingen sich wilde Reben , vielleicht auch Geisblatt , und hängen an den Seiten herab , Alles mit Reif überzogen ; sie verleihen der Front des Häuschens , das in der Entfernung wie ein colossales Riesenhaupt aussieht , schneeweißes Haar und silberfarbenen Bart. Es ist täuschend , dies Riesenhaupt , und wenn man es so über den Berg herüberlugen sieht , so wendet man unwillkürlich seinen Blick , um zu sehen , was es da unten Merkwürdiges gebe . Ah ! es ist die große Stadt , die vor uns weit ausgestreckt im Thale liegt ; in allen Farben zeigen sich die Häuser , ein wahres Chaos von Grau , Grün , Roth , Blau , Schwarz mit ebenso vielen Schattirungen und unbeschreiblichen Tönen . Dazwischen heben sich die riesenhaften Thürme zahlreicher Kirchen hervor , sind aber trotz ihrer ausgezeichneten Gestalt nicht deutlich zu erkennen , denn der Nebel von gestern und vorgestern erscheint plötzlich wieder und zieht graue Schleier über die Stadt ; dazu dampfen Tausende von Schornsteinen und Alles das bildet in weniger als einer halben Stunde eine ziemlich dichte Decke , durch welche man nur noch in einzelnen Umrissen die Häusermassen ahnet . Doch wird der Nebel nicht oben bleiben : er sinkt zusehends tiefer und tiefer und gibt uns jetzt einen neuen unbeschreiblich schönen Anblick . Gänzlich verschwunden ist die Stadt und es ist gerade , als ständen wir am Rande eines ungeheuren See ' s - jenes verzauberten See ' s , dessen wir uns aus unserer Kindheit erinnern , in welchem die versunkene Stadt liegt , die wir , wenn wir sie auch nicht sehen , doch hören . An unser Ohr schlägt dumpfes Murmeln und Rasseln , zuweilen rollt es deutlich auf dem Pflaster , und wenn wir noch nicht überzeugt waren , so sind wir es im nächsten Augenblicke , denn viele Uhren schlagen hell und deutlich die vierte Nachmittagsstunde . Da nun aber die vierte Nachmittagsstunde an einem Tage im Monat Dezember nicht weit von der Nacht entfernt ist , so wollen wir unsere Zauberlandschaft verlassen und uns zur Stadt hinab begeben . Fürchte sich der geneigte Leser nicht vor dem Nebel : er scheint artig gegen uns zu sein und sinkt schneller hinab als wir gehen . Schon treten die höheren Gebäude wieder aus der scheinbaren Wasserfluth empor , und jetzt , da wir das Thor erreichen , sind die grauen Schleier mit Hülfe eines leichten Abendwindes zerrissen und wehen nur noch in einzelnen Stücken um unser Gesicht , während sie eilig gen Süden fliehen . Auch die Sonne berührt uns mit einem letzten Blick und färbt die Landschaft rosig und violett . Das Ende einer langen Straße , in der wir wandeln , führt in ' s Freie und zeigt , wie holdselig die Sonne der Erde gute Nacht sagt . In unnennbar süße beruhigende Farben hüllt sich die Landschaft ein , bevor sie in Schlummer sinkt , und wie ein liebendes » Gute Nacht ! « zittert der letzte Strahl der sinkenden Sonne über sie dahin . - Die stattlichen Gebäude zu unserer Rechten empfangen diesen letzten Gruß schon kälter und gesetzter ; es fallen tiefe , scharf ausgeprägte Schatten der gegenüberliegenden Häuser schon auf ihre oberen Stockwerke ; nur Fries und Dach ist noch hell beleuchtet . Diese Schatten steigen langsam empor , wie eine Schlafdecke ; denn wenn sie das ganze Haus eingehüllt haben , kommt die Nacht , und es schließt seine müden Augen . - - Daß die Sonne nun endlich hinter den Bergen niedersinkt , bemerkt man an einer Gaslaterne , die draußen einsam vor dem Thore steht , denn auf ihren Scheiben blitzte noch vor wenig Augenblicken ein helles Licht , ein Licht , das darauf tief röthlich niederstrahlte und plötzlich ganz verschwand . Um vier Uhr Nachmittags und auch noch etwas später sind um diese Jahreszeit die Straßen einer großen Stadt ziemlich belebt ; man besorgt noch seine Gänge vor der einbrechenden Nacht , man schließt viele Gewölbe und Läden , und dann haben auch alle Schulen ihre Thore geöffnet und ausgespieen eine Legion kleiner Vagabunden , die nun in gewisser Beziehung Straßen und Plätze ziemlich unsicher machen . Da werden Trottoirs benützt zu Schleifbahnen , die kleinen Bursche fassen Posto hinter einander , ihre Tornister auf dem Rücken , und wer zufällig mitten zwischen sie hinein und auf das glatte Eis geräth , wird ohne alle Barmherzigkeit niedergerannt . Was die Schneeballen anbelangt , so hat der Himmel bis jetzt ein Einsehen gehabt und gönnte der Jugend noch nicht dieses Vergnügen zum Schaden ihrer Nebenmenschen . In der Nähe der Schule , wenn auch nicht unmittelbar vor dem Hause selbst , ist der Lärmen nun eine Zeit lang am stärksten . Wenn so der ganze Strom aus dem Thore stürzt , so scheint jeden nur die Lust zu treiben , endlich in ' s Freie zu kommen ; sind sie aber draußen , so finden sie sich gleich wieder in einzelnen Gruppen zusammen , einer der Schlimmsten gibt den Ton an , und dann ziehen sie , wie es heißt , nach Hause , in Wahrheit aber auf so großen Umwegen , daß die Glocken schon alle Fünf geschlagen haben , bis die letzten und wildesten mit blauen Nasen und krumm gefrorenen Fingern in das warme Zimmer treten , wo Mama ihnen den Kaffee aufgehoben hat . Auf den Straßen und Plätzen ist es nunmehr wieder ruhiger geworden ; wer draußen nichts zu thun hat , bleibt im geheizten Zimmer ; zum Spazierengehen und Fahren ist es zu spät , und die Zeit , wo man Gesellschaften besucht , noch nicht herangerückt . Es dämmert bereits ; der Laternenanzünder mit seinem langen Stocke , an welchem oben ein kleines Lichtchen sich befindet , läuft eilig durch die Straßen , und selbst ernsthafte Vorübergehende unterbrechen zuweilen einen Augenblick ihren Gang , um zuzusehen , wie die Flamme so plötzlich emporstrahlt . Auch die Läden erleuchten sich nach und nach , und helles Licht zeigt die ausgelegten Stoffe in doppelt schönen Farben und verlockt allenfallsige Käufer . Um diese Zeit , geneigter Leser , rollt ein Wagen über die Straßen der Stadt , meistens durch jene Viertel , wo sonst nicht viele Equipagen zu sehen sind . Dieser Wagen , eine breite Glascalesche , kommt aus den königlichen Marstallsgebäuden und ist gewöhnlich bespannt mit zwei Rappen ; auf dem Bock sitzt ein alter Kutscher mit weißen Haaren in einen dicken blauen Mantel gehüllt und mit ziemlich mürrischem Gesicht . Als dieser Würdige am heutigen Tage die Zügel in die Hand nahm , fragte er einen Bedienten im blauen Ueberrock , der im Begriff war , hinten aufzuklettern : » Wird Alles geholt ? « worauf dieser erwiderte : » Alles . « - So rollt der Wagen dahin , und der Bediente hintenauf hält sich bequem an den Riemen desselben fest und schlenkert sanft hin und her ; er hat im Gegensatz zum Kutscher ein freundliches , stets lächelndes Gesicht , und er würde seinem Collegen gern ein Wort mittheilen , doch weiß er wohl , daß er von dem da vornen keine Antwort bekommt . In den entlegeneren Straßen , wohin der Wagen fährt , hält er meistens vor den kleinsten , unscheinbarsten Häusern . Dort springt der Bediente vom Tritt herab , zieht heftig an einer Klingel , die außen am Hause angebracht ist und wartet alsdann , während der alte Kutscher seine Zügel nachläßt , noch ein paar Zoll mehr zusammensinkt und die Peitsche auf den Schenkel aufstützt . Nachdem die Klingel ertönt , öffnet sich irgendwo im Haus ein Fenster , ein Kopf sieht heraus und es wird herabgerufen : » Gleich , gleich , Schwindelmann ! Ich will nur meinen Kaffee austrinken ; « oder : » Ich packe gerade meinen Korb zusammen . « Darauf brummt der Kutscher etwas in den Bart , Schwindelmann aber pfeift eine Melodie und hüpft von einem Fuß auf den andern , um sich warm zu machen . Bald nachher hört man Tritte auf der Treppe des kleinen Hauses ; die Thüre öffnet sich und ein junges Mädchen erscheint in derselben , fest in ein großes Tuch oder einen Mantel gewickelt , während hinter ihr eine Schwester oder eine Mutter ein großes Paket , einen Korb oder dergleichen im Arme hat , welchen Schwindelmann sogleich übernimmt und in den Wagen befördert . Dann läßt er den Tritt herunter , und wenn der Wagen dicht am Hause vorgefahren oder die Straße gerade trocken ist , so hüpft die junge Dame , die unter der Hausthüre steht , gewöhnlich mit einem einzigen Sprung in den Wagen . Ist es aber schmutzig oder die Calesche hat nicht recht herangekonnt , so sagt das Mädchen auf der Hausschwelle : » Schwindelmann , sei artig « , und dann lacht Schwindelmann , hebt sie so leicht auf , wie vorhin das Paket und befördert sie mit einer schwingenden Bewegung in den Wagen , schließt den Schlag und läßt sogleich weiter fahren . Das geschieht so an vier bis fünf Häusern nach einander , und da hiebei der Wagen durch eben soviel junge Damen angefüllt wird , so tritt Schwindelmann an den Schlag und fragt : » Haben wir noch Platz zu Einer oder Zwei , oder müssen wir heimfahren ? « Er jetzt auch wohl hinzu : » Es wird kalt heute Abend und der alte Andreas möchte früh nach Haus ! Ihr könnt wohl ein Bischen zusammenrücken . « Und dann lachen die drinnen meistens laut auf , es kreischt auch hie und da Eine , die ein wenig an ihre Füße gestoßen wurde ; da aber die Calesche breit ist und die Mädchen den alten Andreas gut leiden können , so drücken sie sich zusammen und machen noch Platz für Zwei , Drei , so daß der Wagen oft mit Acht dahinrollt , nicht mitgerechnet ein paar kleine Kinder , die unterwegs ebenfalls noch mitgenommen werden , die sich aber sehr dünn machen und rechts und links am Schlage stehen bleiben müssen . Die Pakete und Körbe allein verursachen dem ehrlichen Schwindelmann einige Verlegenheiten . Wenn es gutes Wetter ist , weiß er sich zu helfen ; er bepackt alsdann die ganze Decke der Calesche , schiebt dem brummenden Andreas auch zuweilen eines der Passagierstücke auf den Sitz , er selbst nimmt nicht selten einen großen Korb auf den Kopf , das heißt , wenn es unterdessen dunkel geworden ist , und so rollt der Wagen dahin , die Pferde langsam trabend , Andreas mürrisch und verdrießlich , und die junge weibliche Welt im Innern meistens lustig und heiter und tausend gute und schlechte Witze machend . Diese Equipage aber , geneigter Leser , die du in der Residenz wöchentlich mehrere Male zwischen vier und fünf Uhr Nachmittags bei dir vorüberrollen siehst , ist der Theaterwagen , von Leuten mit wenig Witz und viel Behagen auch der Thespiskarren genannt , seiner Abstammung nach eine geborene Hofcalesche , die so lange für die Ehrendamen und Ehrenfräulein benützt wurde , bis diese kostbaren Wesen behaupteten , nicht länger mit Ehren darin fahren zu können . An dem Nachmittage nun , wo unsere Geschichte beginnt , fuhr der Theaterwagen abermals und ziemlich früh durch die Straßen . Es wurde an diesem Abend ein neues Ballet gegeben , und das ganze große tanzende Personal mußte zusammengeholt werden . Der Wagen war schon ziemlich besetzt und Schwindelmann trat an den Schlag , um sich zu überzeugen , daß noch für Jemand Platz da sei , oder genugsam guter Wille , um zusammenzurücken . » Wen holen wir noch ? « fragte eine Stimme aus dem Wagen . » Mamsell Clara , « antwortete der Theaterdiener . » Ah ! die Prinzessin ! « lachte eine andere Tänzerin aus dem Wagen . » Die vornehmen Plätze sind besetzt ; sie wird sich mit einem Rücksitz bequemen müssen . « Und eine Dritte fügte hinzu : » Ich fürchte , Mamsell Clara wird es übel nehmen , wenn wir sie einladen , als Sechste bei uns zu sitzen . « Schwindelmann konnte unter Umständen grob werden , bevor aber dies geschah , zupfte er sich selbst an einem seiner Ohren , als wenn er sagen wollte : » Mäßige dich . « Heute that er auch also , mäßigte sich aber nicht , sondern entgegnete mit ziemlich lauter Stimme : » Spart doch euer Geschwätz ; wenn Jede von euch auch nur halb so zufrieden wäre wie die Clara , so brauchte man in der Garderobe ein paar Ankleiderinnen weniger , und wir würden in der halben Zeit fertig . Pfui Teufel ! so ein Aufheben zu machen ! - Wollt ihr oder wollt ihr nicht ? « » Ich habe im Grunde nichts dagegen , « sagte lachend eine Stimme aus dem Wagen . Zwei Andere erwiderten : » Ich auch nicht , wenn sie sich behelfen will . « Und eine Vierte rief : » Ich weiß was Neues : die Clara hat ein Verhältniß mit dem Schwindelmann ; die wird protegirt , « - ein schlechter Witz , über den aber alle Fünf in Ermangelung eines bessern laut hinaus lachten . Unterdessen schlug Schwindelmann brummend und murrend den Schlag zu , und der Wagen rollte durch ein paar Straßen , um endlich vor einem alten , aber ziemlich großen Hause zu halten . Dies Gebäude mit hohem , spitzem und ausgezacktem Giebeldach hatte vier Stockwerke , rechnete man aber die Wohnungen in benanntem hohem Giebel dazu , sechs Etagen , in welchen jedoch wenigstens fünfzehn Familien wohnten . Abends , wenn die Fenster beleuchtet waren , sah dies Haus aus wie eine Kaserne oder eine Fabrik , hatte auch sonst mit diesen beiden einige Aehnlichkeit , denn hier hörte man ein ewiges Summen und Rauschen , und den ganzen Tag lief Groß und Klein geschäftig die alten , ausgetretenen Treppen auf und ab . Schwindelmann sprang von seinem Tritt herab , zog an einer Glocke , die außen angebracht war , und kaum ertönte der Klang , als sich auch schon oben hoch im Giebelfelde ein Fenster öffnete und eine schwache , zitternde Stimme herabrief : » Gleich , gleich - sie kommt schon . « » Sie wird sich wieder recht abhetzen , « sagte nachdenkend Schwindelmann , worauf die Fünf in dem Wagen ein abermaliges Gelächter erhoben , welches ihnen aber von dem Theaterdiener die Bemerkung eintrug , daß sie sammt und sonders keine Schwäne seien . Jetzt öffnete sich die Hausthüre und zwei Gestalten wurden sichtbar , eine größere und eine kleinere . Die größere war Clara , die kleinere ihre sechsjährige Schwester , die ein Paketchen unter dem Arm hatte , während die Tänzerin selbst ein größeres trug , das auch Schwindelmann sogleich mit außerordentlicher Sorgfalt abnahm . » Hast du die Näherei ? « fragte Clara darauf ihre kleine Schwester . » Gib sie her , mein Herz , und geh ' hinauf , es ist kalt . « Darauf beugte sie sich zu dem Kinde nieder , nahm das Paketchen aus ihrer kleinen Hand und strich ihr leicht über das Haar , ehe sie in den Wagen stieg . Schwindelmann drückte den Schlag zu und sagte zu dem Kutscher : » In ' s Theater ! « worauf der Wagen davonrasselte . Clara hatte sich leicht in eine Ecke gedrückt und sprach mit einer ruhigen und sanften Stimme : » Ich kann in der Dunkelheit nicht sehen , wer von euch da ist , ich sage euch aber insgesammt guten Abend , und es thut mir wahrhaftig leid , daß ihr meinetwegen so eng zusammenrücken müßt . « » O , wir sind das schon gewöhnt , « entgegnete die Tänzerin ihr gegenüber . Und eine Andere versetzte : » Wenn du nur nicht immer so furchtbar viel Gepäck mitbrächtest . Was thust du denn heute wieder mit den zwei Paketen ? « » In dem großen sind meine Tanzröcke , « erwiderte schüchtern das Mädchen , » und in dem kleinen - - ja , darin habe ich eine Arbeit . « » Eine Arbeit ? « lachte eine Stimme aus der andern Ecke . » Bei deinem Fleiße mußt du am Ende noch reich werden . « Clara antwortete nur mit einem tiefen Seufzer , und da der Wagen , der bis jetzt auf einer chaussirten Straße gefahren war , das Pflaster erreichte , so wurde die Conversation plötzlich abgeschnitten . Wenige Minuten nachher fuhr Andreas bei einem großen Gebäude vor und hielt dicht an einer erleuchteten Treppe . Das Aussteigen ging wie das Einsteigen vor sich , nur in umgekehrter Ordnung ; zuerst empfing Schwindelmann die Pakete und Körbe , dann half er den Eigenthümerinnen aussteigen . Clara , die zuletzt kam , wurde auch hier von dem Theaterdiener wieder einigermaßen begünstigt . » Da Sie zwei Pakete haben , « sprach Schwindelmann , » so will ich Ihnen eins hinauftragen . « Hierauf schloß er den Wagen , sagte dem Kutscher , er müsse um neun Uhr wieder kommen und erstieg hinter den Tänzerinnen die Treppen . Zweites Kapitel . Schwarze und rothe Schleifen . Wenige unserer geneigten Leserinnen werden schon in einer Theatergarderobe gewesen sein . Von den Lesern gar nicht zu reden ; denn für sie sind die Ankleidezimmer , namentlich die des Ballets , vor , während und nach einer Vorstellung vollkommen verschlossene und unzugängliche Orte , wir wollen nicht sagen ein verbotenes Paradies , obgleich sich auch hier wie dort ein Hüter befindet : vor der Balletgarderobe freilich nicht mit flammendem Schwerte , wohl aber mit großem Stock , angehörend einem alten invaliden Portier von ziemlich mürrischem Gemüthe , und auf die Privilegien der Theaterankleidezimmer eifersüchtig wachend wie ein alter Türke . An ihm scheitert alle Bestechung , und nur wir vermögen es vermittelst der Macht , die uns verliehen , den geneigten Leser unsichtbar einzuschwärzen . Diese Balletgarderobe besteht aus drei ineinandergehenden großen Zimmern ; in jedem befinden sich mehrere Ankleidespiegel , rechts und links mit Armleuchtern versehen , die aus der Wand heraustreten und aus welchen Gasflammen brennen . Diese Armleuchter sind zum Drehen eingerichtet , um dem Spiegelglas eine größere oder kleinere Helle zu verleihen ; an den Wänden dieser Zimmer befinden sich kleine , weiß angestrichene Kästen , die wie eben soviele Kommoden aussehen , nur daß sie statt der Schubladen Doppelthüren haben . Jedes dieser Schränkchen ist mit dem Namen der Tänzerin versehen , der es angehört , und hier verwahrt sie die nothwendigen Gegenstände zum täglichen Gebrauch , die sie nicht jedesmal mit nach Hause nehmen will . Es ist das wie der feldkriegsmäßig verpackte Tornister eines guten Soldaten , und enthält alle Mittel für unvorhergesehene Fälle . Da befinden sich neuere und ältere , engere und weitere Tanzschuhe , sowie Vorrathsbänder zu denselben , ein paar Tricots zum Auswechseln , falls irgend ein Unglück geschähe , kleine Lappen und Flecken von verschiedenen Sorten , Nadeln und Faden von allen möglichen Größen und Farben . Auch die Theatertoilettegegenstände sind hier verwahrt : rothe und weiße Schminke , Pomade , Kämme , Haarnadeln , eine Schachtel voll Magnesia zum Pudern und die nothwendige Pfote eines verstorbenen Hasen , um die weiße Schminke auf dem Gesicht gleichmäßig zu vertheilen . Es mag ungefähr fünf Uhr sein , und der letzte Wagen , den wir begleitet , hat mit seinem Inhalte das weibliche Balletpersonal vollständig zusammengebracht . In den drei Zimmern befinden sich vielleicht vierundzwanzig junge Mädchen , die lachend und plaudernd durcheinander rennen , sich ihrer Mäntel und Halstücher entledigen , ihre verschiedenen Anzüge ordnen und nun mit Hülfe der Ankleiderinnen daran gehen , sich von unten herauf anzuziehen . Sonderbar ist es , daß die Gespräche , namentlich aber Scherzen und Lachen , so lange nicht zum rechten Durchbruch kommen wollen , bis die Kleider und Unterröcke den Tricots und enganliegenden Leibchen nicht Platz gemacht haben . Ist aber erst die ganze leichtfüßige Schaar unten vollständig gerüstet und bis zur Taille mit den enganliegenden Tricots versehen , so scheint ein anderer Geist in sie gefahren zu sein , und Spässe , eigenthümliche Attitüden und unaussprechliche Pas wechseln so drollig ab und werden mit so schallendem Gelächter begleitet , daß sich oftmals die Oberanzieherin veranlaßt sieht , die Hauptschuldigen durch ihre Brille fest anzusehen und ernstlich um Aufhören des Spektakels zu ersuchen . Hierauf wird aber das leise Gekicher und die anscheinend harmlosen Spässe doppelt eifrig fortgesetzt . Ein lauter Schrei erhebt sich dazwischen , denn es wurde heftig an eine der Thüren geklopft ; es ist Monsieur Fritz , der Theaterfriseur , der sich von außen erkundigt , ob er eintreten dürfe . Alsbald setzen sich die Damen des ersten Zimmers durch umgeworfene Mantillen oder Tücher , sowie durch Tanzröcke , die provisorisch über den Schooß gelegt werden , in gehörige Verfassung , um den eintretenden jungen unglücklichen Mann gehörig empfangen zu können , was übrigens nicht ohne einiges Gekreisch abgeht . Wir sagen : unglücklichen jungen Mann , und zwar aus doppelten Gründen , denn einmal ist es keine Kleinigkeit , vierundzwanzig junge Mädchen zur Zufriedenheit zu frisiren , und anderentheils hat Monsieur Fritz den Versuch gemacht , gegen die eine oder die andere der hübschen Tänzerinnen gelegentlich zu avanciren , was ihm nun bei jeder Veranlassung auf ' s Schonungsloseste vorgehalten wird . Der Theaterfriseur und Schneider werden seltsamer Weise von den Tänzerinnen meistens für Wesen gehalten , welche der Liebe unfähig sind , für geschlechtslose Geschöpfe , und es ist eigentlich sehr gut , daß diese Ansicht besteht , denn sonst wäre des Zierens und Genirens kein Ende . Monsieur Fritz ist also eingetreten ; die Thüre zum zweiten Zimmer wird geschlossen , weil man dort noch nicht so weit angezogen ist , und das Frisiren nimmt unter Scherzen und Lachen seinen Anfang . Aber man muß nicht glauben , daß Alle in diesen lustigen Ton mit einstimmen , daß es Allen gleichgültig ist , wenn die umgeworfene Mantille zufällig von den Schultern herabrutscht , wenn der Friseur das Haar lockt oder ein Diadem aufsetzt . Nein , diese Stunde des Anziehens und später des Heraustretens vor die Lampen , vor das versammelte Publikum , sind für manche dieser armen Mädchen Stunden der bittersten Qual , ja tiefen Herzeleids . Man wird sagen : warum brauchen sie Tänzerinnen zu bleiben ? Sie sind es ja aus freiem Willen geworden . - Doch ist diese Ansicht eine vollkommen falsche ; ihr Wille wurde und wird nicht gefragt . Da ist eine Mutter in dürftigen Verhältnissen , die hat zwei kleine hübsche Mädchen ; da sie aber für das tägliche Brod zu Haus arbeiten muß und keine Magd anschaffen kann , um ihre armen Kinder , wie so viele Reiche und Glückliche , zu beaufsichtigen und zu verpflegen , so betrachtet sie die Balletschule als eine gute Gelegenheit , die Kinder zu versorgen und bedenkt nicht , wie theuer dieselben dieser erste Schritt meistens zu stehen kommt Die kleinen Mädchen werden untersucht , ob sie gerade Glieder haben , auch hübsche Augen und gesunde Zähne , und dann werden sie eingeschrieben zu einem äußerlich oft glänzenden , aber innerlich meistens erbärmlichen Leben . Anfangs betrachtet man Alles mit dem glücklichen Leichtsinn der Jugend ; die kleinen Wesen freuen sich , wenn sie in den engen Tricots mit einem goldenen Gürtel hinaus dürfen , und ahnen nicht , daß all ' dieses glänzende Schmuckwerk goldene Ketten sind , die sie zu Sclavinnen machen und an ein bewegtes , ja wildes Leben fesseln . Dies Bewußtsein kommt erst nach einigen Jahren und meistens wenn es zu spät ist , wenn die Tänzerin nichts Anderes gelernt hat und allein auf den Balletsaal und die Bühne angewiesen ist , um von der geringen Gage sich und oft noch Eltern und Geschwister zu erhalten . Es ist dies ein Leben , in vielen Fällen schlimmer als das einer wirklichen Sclavin ; ist diese traurig , ist ihr Herz von Kummer und Schmerz zerrissen , so ist es doch ihrem Herrn gleichgültig , ob sie die Lippen zusammenbeißt , ob eine Thräne über ihre Wange herabträufelt ; aber die Tänzerin muß lachen , muß vor den Lampen eine Glückseligkeit heucheln , wenn auch ihr Herz darüber brechen möchte . - Es ist wahr , eine Sclavin wird