Keller , Gottfried Der grüne Heinrich [ Erste Fassung ] www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Gottfried Keller Der grüne Heinrich [ Erste Fassung ] Vorwort Von diesem Buche liegt der erste Band schon seit zwei Jahren , der zweite seit einem Jahre fertig gedruckt , während die Beendigung des dritten und vierten Bandes durch verschiedenes Ungeschick bis vor kurzem verzögert wurde . Absicht und Motive blieben dabei unverändert dieselben wie am ersten Tage der Konzeption , während in der Ausführung während mehrerer Jahre der Geschmack des Verfassers sich notwendig ändern mußte , oder ehrlich herausgesagt : ich lernte über der Arbeit besser schreiben . Die ersten Bogen dieses Romanes datieren noch aus dem Jahr 1847 , die letzten entstanden in diesen Tagen , und die Entstehungsweise des Ganzen gleicht derjenigen eines ausführlichen und langen Briefes , welchen man über eine vertrauliche Angelegenheit schreibt , oft unterbrochen durch den Wechsel und Drang des Lebens . Man läßt den Brief ganze Zeiträume hindurch liegen , man wird vielfältig ein anderer ; aber wenn man das Geschriebene wieder zur Hand nimmt , fährt man genau da fort , wo man aufgehört hatte , und wenn sich auch in dem , was man betont oder verschweigt , der Wechsel des Lebens kundtut , findet sich doch , daß man gegen den , an welchen der Brief gerichtet , und in dieser Sache der alte geblieben ist . Man hat den Brief mit einer gewissen redseligen Breite begonnen , welche eher von Bescheidenheit zeugt , indem man sich kaum Stoffes genug zutraute , um den ganzen schönen Bogen zu füllen . Bald aber wird die Sache ernster ; das Mitzuteilende macht sich geltend und verdrängt die gemütlich ausgeschmückte Gesprächigkeit , und endlich zwingt sich von selbst , und noch gedrängt durch die äußeren Ereignisse und Schicksale , nicht eine theoretische , sondern im Augenblick praktische Ökonomie in die in der Eile besonnene Feder , so daß nur das Wesentliche sich lösen darf aus dem Fluge der Gedanken , um sich gegen den Schluß des Briefes hin wenigstens soviel Raum zu erkämpfen , als nötig ist , mit der warmen Liebe des Anfanges zu endigen . So entsteht freilich nicht ein streng gegliedertes Kunstwerk , aber vielleicht ein um so treuerer Ausdruck dessen , was man war und wollte mit dem Briefe . Eine andere Frage aber ist es nun , ob das Gleichnis hinreiche , eine gewisse Unförmlichkeit vorliegenden Romanes zu entschuldigen oder zu beschönigen . Ich bin weit entfernt , dies versuchen zu wollen ; einzig und allein möchte ich durch das Gleichnis die Hoffnung andeuten , der geneigte Leser werde wenigstens , wenn auch nicht den Genuß eines reinen und meisterhaften Kunstwerkes , so doch den Eindruck einer wahr empfundenen und mannigfach bewegten Mitteilung davontragen . - Besagte Unförmlichkeit hat ihren Grund hauptsächlich in der Art , wie der Roman in zwei verschiedene Bestandteile auseinanderfällt , nämlich in eine Selbstbiographie des Helden , nachdem er eingeführt ist , und in den eigentlichen Roman , worin sein weiteres Schicksal erzählt und die in der Selbstbiographie gestellte Frage gewissermaßen gelöst wird . Der eine dieser Teile ist viel zu breit , um als Episode des andern zu gelten , und so bleibt nur zu wünschen , daß die Einheit des Inhaltes beide genugsam möge verbinden und die getrennte Form vergessen lassen . Über den eigentlichen Inhalt weiß ich hier nichts zu sagen , als daß man das Buch leider als ein Tendenzbuch wird ansehen können , während es in der Tat nur insofern ein solches ist , als es mit Absicht nichts verschweigt , was in den notwendigen Kreis seines Stoffes gehört . Stoff und Form aber will ich hiemit bescheidenst dem ungewissen Stern jedes ersten Versuches anheimstellen . Berlin 1853 Der Verfasser Erster Band Erstes Kapitel Zu den schönsten vor allen in der Schweiz gehören diejenigen Städte , welche an einem See und an einem Flusse zugleich liegen , so daß sie wie ein weites Tor am Ende des Sees unmittelbar den Fluß aufnehmen , welcher mitten durch sie hin in das Land hinauszieht . So Zürich , Luzern , Genf ; auch Konstanz gehört gewissermaßen noch zu ihnen . Man kann sich nichts Angenehmeres denken als die Fahrt auf einem dieser Seen , z.B. auf demjenigen von Zürich . Man besteige das Schiff zu Rapperswyl , dem alten Städtchen unter der Vorhalle des Urgebirges , wo sich Kloster und Burg im Wasser spiegeln , fahre , Huttens Grabinsel vorüber , zwischen den Ufern des länglichen Sees , wo die Enden der reichschimmernden Dörfer in einem zusammenhängenden Kranze sich verschlingen , gegen Zürich hin , bis , nachdem die Landhäuser der Züricher Kaufleute immer zahlreicher wurden , zuletzt die Stadt selbst wie ein Traum aus den blauen Wassern steigt und man sich unvermerkt mit erhöhter Bewegung auf der grünen Limmat unter den Brücken hinwegfahren sieht . Das ganze Treiben einer geistig bedeutsamen und schönen Stadt drängt sich an den leicht dahinschwebenden Kahn . Soeben versammelt sich der gesetzgebende Rat der Republik . Trommelschlag ertönt . In einfachen schwarzen Kleidern , selten vom neuesten Schnitte , ziehen die Vertreter des Volkes auf den Ufern dahin . Auch die Gesichter dieser Männer sind nicht immer nach dem neusten Schnitte und verraten durchschnittlich weder elegante Beredsamkeit noch große Belesenheit ; aber aus gewissen Strahlen der lebhaften Augen leuchtet Besonnenheit , Erfahrung und das glückliche Geschick , mit einfachem Sinn das Rechte zu treffen . Von allen Seiten wandeln diese Gruppen , je nach den Tagesfragen und der verschiedenen Richtung begrüßt oder unbegrüßt vom zahlreichen emsigen Volke , nach dem dunklen schweren Rathause , das aus dem Flusse emporsteigt . Stolz neben diesen Gestalten hin rasseln diplomatische Fremdlinge über die Brücken in wunderlichem Aufputze , und ihre komischen Livreen ergötzen , wie billig , einen Augenblick lang das einfache Volk . Zwischendurch steuert der deutsche Gelehrte mit gedankenschwerer Stirne nach seinem Hörsaal ; sein Herz ist nicht hier , es weilt im Norden , wo seine tiefsinnigen Brüder , in zerrissenen Pergamenten lesend , finstere Dämonen beschwörend , sich ein Vaterland und ein Gesetz zu gründen trachten . Ausgeworfen von der Gärung dieses großen Experimentes , begegnet ihm der Flüchtling mit unsichern , zweifelhaften Augen und kummervollen Mienen und vermehrt die Mannigfaltigkeit und Bedeutung dieses Treibens . Jetzt ertönt das Getöse des Marktes von einer breiten Brücke über unserm Kopfe ; Gewerk und Gewerb summt längs des Flusses und trübt ihn teilweise , bis die rauchende Häusermasse einer der größten industriellen Werkstätten voll Hammergetönes und Essensprühen das Bild schließt . Aus dem pfeilschnell vorübergeflossenen Gemälde haben sich jedoch zwei Bilder der Vergangenheit am deutlichsten dem Sinne eingeprägt rechts schaute vom Münsterturme das sitzende riesige Steinbild Karls des Großen , eine goldene Krone auf dem Lockenhaupt , das goldene Schwert auf den Knien , über Strom und See hin ; links ragte auf steilem Hügel , turmhoch über dem Flusse , ein uralter Lindenhain , wie ein schwebender Garten und in den schönsten Formen , grün in den Himmel . Kinder sah man in der Höhe unter seinen Lautgewölben spielen und über die Brustwehr herabschauen . Aber schon fährt man wieder zwischen reizenden Landhäusern und Gewerben , zwischen Dörfern und Weinbergen dahin , die Obstbäume hangen ins Wasser , zwischen ihren Stämmen sind Fischernetze ausgespannt . Voll und schnell fließt der Strom , und indem man unversehens noch einmal zurückschaut , erblickt man im Süden die weite schneereine Alpenkette wie einen Lilienkranz auf einem grünen Teppich liegen . Jetzt lauscht ein stilles Frauenkloster hinter Uferweiden hervor , und da nun gar eine mächtige Abtei aus dem Wasser steigt , so befürchtet man die schöne Fahrt wieder mittelalterlich zu schließen ; aber aus den hellgewaschenen Fenstern des durchlüfteten Gotteshauses schauen statt der vertriebenen Mönche blühende Jünglinge herab , die Zöglinge einer Volkslehrerschule . So landet man endlich zu Baden , in einer ganz veränderten Gegend . Wieder liegt ein altes Städtchen mit mannigfachen Türmen und einer mächtigen Burgruine da , doch zwischen grünen Hügeln und Gestein , wie man sie auf den Bildern der altdeutschen Maler sieht . Auf der gebrochenen Veste hat ein deutscher Kaiser das letzte Mahl eingenommen , eh er erschlagen wurde ; jetzt hat sich der Schienenweg durch ihre Grundfelsen gebohrt . Denkt man sich eine persönliche Schutzgöttin des Landes , so kann die durchmessene Wasserbahn allegorischerweise als ihr kristallener Gürtel gelten , dessen Schlußhaken die beiden alten Städtchen sind und dessen Mittelzier Zürich ist , als größere edle Rosette . So haben Luzern oder Genf ähnliche und doch wieder ganz eigene Reize ihrer Lage an See und Fluß . Die Zahl dieser Städte aber um eine eingebildete zu vermehren , um in diese , wie in einen Blumenscherben , das grüne Reis einer Dichtung zu pflanzen , möchte tunlich sein indem man durch das angeführte , bestehende Beispiel das Gefühl der Wirklichkeit gewonnen hat , bleibt hinwieder dem Bedürfnisse der Phantasie größerer Spielraum , und alles Mißdeuten wird verhütet . Unser See bildet scheinbar ein weites ovales Becken , welches aus den bläulichen Farbenabstufungen des umgebenden Gebirges nur ahnen läßt , daß in der Ferne da und dort das Wasser in Buchten ausläuft und in den verschiedenen Seitentälern neue Seen bildet . Aus dem Hintergrunde der klaren Gewässer steigt die mächtige Gletscherwelt empor , senkt sich dann , im Kranze um den See herum , zum flachern Gebirge herab , bis sich dieses in zwei schönen Bergen schließt , welche den mäßigen Strom zwischen sich durchtreten lassen , in das ebene Land hinaus . Am jenseitigen Berge , der seinen sonnigen runden Abhang , dem Süden zugewendet , aus dem See erhebt , liegt die Stadt hingegossen , fast von seinem Scheitel bis in das Wasser herunter , daß ihr steinerner Fuß sich noch in die spülende Flut hineintaucht . Vom diesseitigen Berge aber , welcher aus schroffen waldbewachsenen Felsen besteht , kann man in die Stadt hinein und hinüber schauen , wie in einen offenen Raritätenschrein , so daß die kleinen fernen Menschen , die in den steilen alten Gassen herumklimmen , sich kaum vor unserm Auge verbergen können , indem sie sich in ein Quergäßchen flüchten oder in einem Hause verschwinden . Es ist eine seltsame Stadt , mit einem altergrauen Haupte und neuen glänzenden Füßen . Denn der Verkehr und das tätige Leben haben unten am Ufer , wo die befrachteten Schiffe ab- und zugehen , nichts Altes und Unbequemes gelassen und die Steinmasse fortwährend erneuert , während das Alter sich am Berge hinaufflüchtete , mitten an demselben , auf einem platten Vorsprunge in der kühlen byzantinischen Stadtkirche ausruhte und oben zuletzt auf der halbzerfallenen Burg stehenblieb . Seinen innigen Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Leben beweist es jedoch in den riesenhaften Burglinden , welche ewig grün ihre Aste zu einem mächtigen Kranze verschlingen hoch über der Stadt , unmittelbar unter dem Himmel . Wo der Fluß sich schon merklich verengt und seine eigene Strömung annimmt , steht noch ein malerisches festes Brückentor und sendet eine lange hölzerne Brücke herüber , bedeckt von einem altertümlichen Dache , dessen Gebälke mit Schnitzwerk und verblichenen Schildereien überladen ist . Diesseits empfängt sie wieder ein grauer Turm , und aus diesem hervor führen mehrere Wege , teils dem Flusse entlang nach der Fläche hinaus , teils auf jähen Steigen auf den Felsenberg . An dessen Mitte ragt ebenfalls ein beträchtliches Plateau hinaus ; es trägt , wie es oft bei Flußstädten vorkommt , eine Art Anhängsel oder kleinern Teil der Stadt , bestehend aus einem Kastell und ehemaligen Kloster , deren innere Räume und Höfe vollständig mit Gräbern angefüllt sind , da sie der Stadt schon seit Jahrhunderten zum Kirchhofe dienen . Die Gebäude aber enthalten ein Irrenhaus , ein Armenhaus oder Hospital und dergleichen mehr . Seltsam und düster haben sich Tod und Elend zwischen dem alten winklichten Gemäuer eingenistet , aus dessen Dunkelheiten die herrliche schimmervolle Landschaft das Auge um so mehr blendet . Und über die Gräber hin führt der Weg dann vollends , sich durch efeubewachsene Nagelflühe emporwindend , auf den Berg , wo er sich in einem weitgedehnten prächtigen Buchenwalde verliert . Unter einer offenen Halle dieses Waldes ging am frühsten Ostermorgen ein junger Mensch ; er trug ein grünes Röcklein mit übergeschlagenem schneeweißen Hemde , braunes dichtwallendes Haar und darauf eine schwarze Samtmütze , in deren Falten ein feines weiß und blaues Federchen von einem Nußhäher steckte . Diese Dinge , nebst Ort und Tageszeit , kündigten den zwanzigjährigen Gefühlsmenschen an . Es war Heinrich Lee , der heute von der bisher nie verlassenen Heimat scheiden und in die Fremde nach Deutschland ziehen wollte ; hier heraufgekommen , um den letzten Blick über sein schönes Heimatland zu werfen , beging er zugleich den Akt eines Naturkultus , wie es häufig bei hoffnungsreichen und enthusiastischen Jünglingen geschieht . Sowenig , außer dem tiefen ruhigen Strömen des Flusses , ein Ton in dieser Frühe hörbar wurde , ebensowenig war an der weiten tiefen himmlischen Kristallglocke der leiseste Hauch eines Wölkleins zu sehen . Der weite See verschmolz mit den Füßen des Hochgebirges in eine blaugraue Dämmerung ; die Schneekuppen und Hörner standen milchblaß in der Frühe . Als Heinrich an den Rand des Waldes trat , überflog der erste Rosenschimmer der nahenden Sonne die geisterhaften Gebilde ; über dem letzten einsamen Eisaltar glimmte noch der Morgenstern . Indem unser Knabe starr nach ihm hinsah , tat er einen jener stummen , flüchtigen Gebetseufzer , die , wenn sie in Worte zu fassen wären , ungefähr so lauten würden Das ist sehr schön , o Gott ich danke dir dafür , ich gelobe , das Meinige auch zu tun ! Wo und wer du auch seist , habe Nachsicht mit mir , du weißt , wie alles kommt in deiner Welt , übrigens mache mit mir , was du willst ! Die Brust des jungen Menschen hob und senkte sich sehr stark ; aber seine Seele war so keusch , daß er vor allem pathetischen Verweilen , vor aller Selbstgefälligkeit solcher Augenblicke floh , ehe sich obige wenigen Sätze in seinem Sinne deutlich entwickeln konnten . Also drehte er sich wie der Blitz auf seinem Absatze herum und eilte , nach Norden und Westen zu schauen . Die Sonne war aufgegangen ; während im Süden die Alpenkette nun im fröhlichsten hellsten Golde glänzte , hatte das westliche und nördliche flache Land , gegen das Rheingebiet hin , die Rosenfarbe des Morgens angenommen , besonders wo sich die laublosen , für diese Farbe empfänglichen Waldungen und violetten Brachfelder dehnten ; was junggrünes Saatland war , schimmerte mehr silbergrau in der Ferne . Von Schnee war außer dem Gebirge keine Spur mehr zu finden ; aber das wenige Grün war noch trocken und taulos . Die Tiefe des Himmels und mit ihr das Gewässer waren jetzt blau und das Land sonnig geworden . Nur der untere Teil der Stadt und der Fluß lagen noch im Schatten , und letzterer ging tief grün , und bloß die länglich ziehenden Spiegel seiner Wellen warfen von ihren glattesten Stellen etwas Blau zurück . Heinrich Lee sah in seine Vaterstadt hinüber . Die alte Kirche badete im Morgenschein , hie und da blitzte auch ein geöffnetes Fenster , ein Kind schaute heraus und sang , und man konnte aus der Tiefe der Stube die Mutter sprechen hören , die es zum Waschen rief . Die vielen Gäßchen , durch mannigfaltiges steinernes Treppenwerk unterbrochen und verbunden , lagen noch alle im Schatten , und nur wenige freiere Kinderspielplätze leuchteten bestreift aus dem Dunkel . Auf allen diesen Stufen und Geländern hatte Heinrich gesessen und gesprungen , und die Kinderzeit dünkte ihm noch vor der Türe des gestrigen Abends zu liegen . Schnell ließ er seine Augen treppauf und - ab in allen Winkeln der Stadt herumspringen , die traulichen Kinderplätze waren alle still und leer wie Kirchenstühle am Werktag . Das einzige Geräusch kam noch vom großen Stadtbrunnen , dessen vier Röhren man durch den Flußgang hindurch glaubte rauschen zu hören ; die vier Strahlen glänzten hell , ebenso was an dem steinernen Brunnenritter vergoldet war , sein Schwertknauf und sein Brustharnisch , welch letzterer die Morgensonne recht eigentlich auffing , zusammenfaßte und sein funkelndes Gold wunderbar aus der dunkelgrünen Tiefe des Stromes herauf widerscheinen ließ . Dieser reiche Brunnen stand auf dem hohen Platze vor dem noch reichern Kirchenportale , und sein Wasser entsprang auf dem Berge diesseits des Flusses , auf welchem Heinrich jetzt stand . Es war früher sein liebstes Knabenspiel gewesen , hier oben ein Blatt oder eine Blume in die verborgene Quelle zu stecken , dann neben den hölzernen Röhren hinab , über die lange Brücke , die Stadt hinauf zu dem Brunnen zu laufen und sich zu freuen , wenn zu gleicher Zeit oben das Zeichen aus der Röhre in das Becken sprang ; manchmal kam es auch nicht wieder zum Vorschein . Er pflückte eine eben aufgehende Primel und eilte nach der Brunnenstube , deren Deckel er zu heben wußte ; dann eilte er die unzähligen Stufen zwischen wucherndem Efeugewebe hinunter , über den Kirchhof , wieder hinunter , durch das Tor über die Brücke , unter welcher die Wasserleitung auch mit hinüberging . Doch auf der Mitte der Brücke , von wo man unter den dunklen Bogen des Gebälkes die schönste Aussicht über den glänzenden See hin genießt , selbst über dem Wasser schwebend , vergaß er seinen Beruf und ließ das arme Schlüsselblümchen allein den Berg wieder hinaufgehen . Als er sich endlich erinnerte und zum Brunnen hinanstieg , drehte es sich schon emsig in dem Wirbel unter dem Wasserstrahle herum und konnte nicht hinauskommen . Er steckte es zu dem Federchen auf seiner Mütze und schlenderte endlich seiner Wohnung zu durch alle die Gassen , in welche überall die Alpen blau und silbern hineinleuchteten . Jedes Bild , klein oder groß , war mit diesem bedeutenden Grunde versehen vor der niedrigen Wohnung armer Leute stand Heinrich still und guckte durch die Fensterlein , die , einander entsprechend , an zwei Wänden angebracht waren , quer durch das braune Gerümpel in die blendende Ferne , welche durch das jenseitige Fenster der Stube glänzte . Er sah bei dieser Gelegenheit den grauen Kopf einer Matrone nebst einer kupfernen Kaffeekanne sich dunkel auf die Silberfläche einer zehn Meilen fernen Gletscherfirne zeichnen und erinnerte sich , daß er dieses Bild unverändert gesehen , seit er sich denken mochte . So spielte dieser Jüngling wie ein Kind mit der Natur und schien seine bevorstehende , für seine kleinen Verhältnisse bedeutungsvolle Abreise ganz zu vergessen . Allein plötzlich fiel es ihm schwer aufs Herz , als er nun vor seinem düstern Vaterhause stand und die Mutter ihm ungeduldig aus dem Fenster winkte . Schnell eilte er die engen Treppen hinauf , den Wohngemächern der Haushaltungen vorbei , die alle im Hause wohnten . » Wo bleibst du denn so lang ? « empfing ihn die Frau Lee , eine geringe Frau von etwa fünfundvierzig Jahren , an welcher weiter nichts auffiel , als daß sie noch kohlschwarze schwere Haare hatte , was ihr ein ziemlich junges Ansehen gab ; auch war sie um einen Kopf kleiner als ihr Sohn . » Da habe ich schon angefangen , deinen Koffer zu packen , weil du sonst vor Abgang der Post nicht mehr fertig würdest . « Heinrich guckte in den Koffer ; mit richtigem Sinn hatte die gute Frau Mappen und Bücher auf den Boden gebreitet ; nur hatte sie mit weniger Zartheit verschiedene Bogen und Papiere nicht genugsam zusammengeschichtet , so daß einige derselben an den Wänden des Koffers gekrümmt wurden , was der Sohn eifrig verbesserte . Für Papier haben die meisten Hausfrauen überhaupt nicht viel Gefühl , weil es nicht in ihren Bereich gehört . Die weiße Leinwand ist ihr Papier , die muß in großen , wohlgeordneten Schichten vorhanden sein , da schreiben sie ihre ganze Lebensphilosophie , ihre Leiden und ihre Freuden darauf . Wenn sie aber einmal ein wirkliches Briefchen schreiben wollen , so findet sich kaum ein veraltetes Blatt dazu , und man kann sich alsdann mit einem hübschen Bogen Postpapier und einer wohlgeschnittenen Feder sehr beliebt bei ihnen machen . Auch hier erwies es sich , daß die Mutter eigentlich die schweren Gegenstände zuunterst gepackt hatte , um die zwölf schönen neuen Hemden zu schonen , welche sie jetzt hineinlegte . » Trage doch recht Sorge für deine Hemden « , sagte sie , » ich habe das Tuch selbst gesponnen ; siehst du , diese sechs sind fein und schön , sie stammen aus meinen jüngeren Jahren , diese sechs hingegen sind schon gröber , meine Augen sind eben nicht mehr so scharf . Alle aber sind schneeweiß , und wenn du auch , während sie noch gut sind , feinere Kleider anschaffen könntest , so darfst du doch meine Wäsche dazu tragen , weil es anständige und ehrbare Leinwand ist . Wechsle recht gleichmäßig ab , wenn du sie der Wäscherin gibst , damit nicht ein Teil zuviel gebraucht wird , und verfasse immer einen genauen Waschzettel . Und daß du mir nur das Weißzeug und dergleichen mehr estimierst als bisher und nichts verzettelst ! Denn bedenke , daß du von nun an für jedes Fetzchen , das dir abgeht , bares Geld in die Hand nehmen mußt und es doch nicht so gut bekömmst , als ich es verfertigt habe . Wenigstens untersteh dich nicht mehr und wische deine kotigen Schuhe auf Spaziergängen mit neuen Taschentüchern ab , welche du nachher wegwirfst , wie du neulich getan hast ! Halte auch deine zwei Röcklein gut und ordentlich und hänge sie immer in den Schrank , anstatt sie zu Hause anzubehalten und halbe Tage lang so zu lesen , wie ich dich schon oft ertappt habe . Besonders wenn du sie ausbürstest , fahre nicht mit der Bürste darauf herum wie der Teufel im Buch Hiob , daß du alle Wolle abschabst ! « » Das verwünschte Kleiderputzen « , entgegnete hierauf der Sohn , welcher unterdessen beim Ausbreiten der Kleidungsstücke seine Hände auch immer unnützerweise im Koffer hatte , » das verwünschte Kleiderputzen wird überhaupt nun ein Ende nehmen ; denn wenn man in der Fremde ist und sich eine ordentliche Wohnung mieten muß , so bekommt man die Bedienung mit in den Kauf . Es reut mich jeder Augenblick , den ich mit dem widerlichen Geschäft zugebracht habe . « » Das ist wieder der Hans Obenhinaus ! « rief etwas heftig die Mutter , » Bedienung ! ich sage dir , lasse dich lieber nicht bedienen , wenn du dich dadurch billiger einrichten kannst . Ich sehe nicht ein , warum du nicht selbst deine Sachen in Ordnung halten solltest , während du sonst stundenlang in die Berge hineinstarrst ! « » Das verstehst du halt nicht ! « hätte Heinrich fast gesagt , fand es aber für gut , die Worte zu verschlucken und sich dafür mit dem festen Vorsatze zu wappnen , hinfüro keine Schuhbürste mehr anrühren zu wollen . Das undankbare Kind vergaß hiebei gänzlich , wie rührend ihn die Mutter oft überrascht hatte , wenn er beim Antritt irgendeiner kleinen Reise , oder wenn Fremde im Hause waren , seine Schuhe glänzend gewichst fand , just wenn er mit Seufzen und falscher Scham vor dem Besuche an das verhaßte Geschäft gehen wollte . Indessen war Frau Lee besorgt , noch eine Menge Kleinigkeiten auf die geschickteste Weise in dem Koffer unterzubringen . Dann brachte sie ein mächtiges Stück feine Seife , wohl eingewickelt , eine zierliche Nadelbüchse , Faden und Knöpfe aller Art in einem artigen Schächtelchen , eine Schere , eine gute neue Kleiderbürste , unterschiedliche Tuchabschnitzel , welche seinen Kleidungsstücken entsprachen , zusammengerollt und mit einem Bindfaden vielfach umwunden , und die sie ihm ja nicht zu verlieren empfahl , indem ein gewandter Schneider die Existenz eines Rockes mit dergleichen manchmal um ein volles Jahr zu fristen vermöge . Sie geriet hiebei wieder in einigen Konflikt mit dem Sohne , welcher alle vorhandenen Lücken für die verschiedenen Bruchstücke einer alten Flöte , für ein Lineal , eine Farbenschachtel , einen baufälligen Operngucker usw. in Beschlag nehmen wollte . Ja , er machte , obgleich er kein Mediziner war , doch einen vergeblichen Versuch , einen defekten Totenschädel , mit welchem er seinem Kämmerchen ein gelehrtes Ansehen zu geben gewußt hatte , noch unter den Deckel zu zwängen . Die Mutter jagte ihn aber mit widerstandsloser Energie von dannen , und man behauptet , daß das greuliche Möbel nicht lange nachher einem ehrlichen Totengräber bei Nacht und Nebel nebst einem Trinkgelde übergeben worden sei . Sie schlossen mit Mühe den vollgepfropften Koffer ; denn auch das Kind der unbemitteltsten Eltern , wenn es aus den Armen einer treuen Mutter scheidet , nimmt immer noch etwas weniges über seine Bedürfnisse hinaus mit und ist in einem gewissen Sinne wohlausgestattet . Die Tage sind traurig , wo diese Ausstattung , diese warme Hülle sich nach und nach auflöst und verliert und mit bitteren , oft reuevollen Erfahrungen durch wildfremdes Zeug ersetzt werden muß . Während Heinrich noch eine große , schwere Mappe einwickelte , die ganz mit Zeichnungen , Kupferstichen und altem Papierwerk angefüllt war , sein wanderndes Museum , besorgte seine Mutter das Frühstück und ermahnte ihn , unterdessen noch bei den Hausgenossen Abschied zu nehmen . Das Haus gehörte ihr und war ein hohes altes bürgerliches Gebäude , dessen unterstes Geschoß noch in romanischen Rundbogen , die Fenster der mittleren im altdeutschen Stil und erst die zwei obersten Stockwerke modern , doch regellos gebaut waren . Alles war düster und geschwärzt . Drei oder vier Handwerkerfamilien bewohnten seit langen Jahren in guter Eintracht mit der Frau Hausmeisterin das Haus . Bei ihnen trat Heinrich nacheinander ein und sagte sein Lebewohl . Die braven Leute wünschten ihm mit herzlicher Teilnahme alles Glück und ermahnten ihn , nicht zu lange in der Welt herumzufahren , sondern bald wieder zu ihnen und zu der Mutter zurückzukehren . Die glückliche Festtagsruhe , in welcher er die zufriedenen und nach nichts weiter verlangenden Menschen antraf , trat ihm ans Herz , und er bat sie , seiner Mutter , die nun ganz allein sei , mit Rat und Tat beizustehen . Die ernsthaften Hausväter , den sonntäglichen Seifenschaum um Mund und Kinn , versicherten , daß seine Bitte unnötig sei , holten bedächtig aus ihren bescheidenen Pulten einen harten Taler hervor und drückten denselben dem Scheidenden mit diplomatischer Würde verdeckt in die Hand . Obgleich er , nach der Behauptung seiner Mutter , ein Obenhinaus war , so durfte er doch durch diese bürgerliche schöne Sitte sich nicht beleidigt finden . Auch lag ein rechter Segen in diesem sauer erworbenen und mit ernstem Entschlusse geschenkten Gelde ; es schien Heinrich die ersten Tage seiner Reise hindurch , wo er es zuerst gebrauchte , um seine Hauptkasse zu schonen , als ob es gar nicht ausgehen wollte . Endlich saß er seiner Mutter beim Frühstück gegenüber , auf dem Stuhle , auf welchem der dreijährige Knabe schon geschaukelt hatte . Es war nun alles getan und vorbereitet ; ein Mann hatte den Koffer nach der Post geholt - es war eine Totenstille in der Stube . Die Morgensonne umzirkelte die altertümlichen , ererbten Porzellantassen , welche Heinrich schon zwanzig Jahre lang durch die Hände seiner Mutter gehen sah , ohne daß je eine zerbrochen wäre . Es war ein feierlicher Moment gewesen , als er für würdig erfunden ward , sein Kinderschüsselchen mit einer dieser bunten und vergoldeten Tassen versuchsweise zu vertauschen . Frau Lee hätte ihrem Sohne noch gern allerlei gesagt ; aber sie konnte mit ihm gar nicht sentimental sprechen , sowenig als er mit ihr . Endlich sagte sie schüchtern und abgebrochen : » Werde nur nicht leichtsinnig und vergiß nicht , daß wir eine Vorsehung haben ! Denke an den lieben Gott , so wird er auch an dich denken , und mach , daß du bald etwas lernst und endlich selbständig werdest ; denn du weißt genau , wieviel du noch zu verbrauchen hast und daß ich dir nachher nichts mehr werde schicken können , das heißt , wenn es dir übel ergehen sollte , so schreibe mir ja , solange du weißt , daß ich selbst noch einen Pfennig besitze , ich könnte es doch nicht ertragen , dich im Elend zu wissen . « Der Sohn schaute während dieser Anrede stumm in seine Tasse und schien nicht sehr gerührt zu sein . Die Mutter erwartete aber keine andern Gebärden , sie wußte schon , woran sie war , und fühlte sich etwas erleichtert . Ach , du lieber Himmel ! dachte sie , eine Witwe muß doch alles auf sich nehmen ; diese Ermahnungen zu erteilen , dazu gehört eigentlich ein Vater , eine Frau kann solche Dinge nicht auf die rechte Weise sagen ; wenn das arme Kind nicht zurechtkommt , wie werde ich die Sorge mit dem gehörigen klugen Ernste vereinigen können ? Heinrich aber war jetzt mit seinen Gedanken schon weit in der Ferne ; die Neugierde , die Hoffnung , Lebens- und Wanderlust hatten ihn mächtig angewandelt , und die Ungeduld übernahm ihn . Er sprang auf und sagte » Jetzt muß ich gehen , leb wohl , Mutter ! « Die Tränen stürzten ihr in die Augen , als sie ihm die Hand gab , und er fühlte , als er vor ihr her die vier Treppen hinabeilte , daß sein Gesicht ganz heiß wurde , aber er bezwang sich . Die Hausgenossen kamen auch noch unter die Haustüre ,