Alexis , Willibald Ruhe ist die erste Bürgerpflicht www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Willibald Alexis Ruhe ist die erste Bürgerpflicht Vaterländischer Roman Erstes Kapitel . Die Kindesmörderin . » Und darum eben , « schloß der Geheimrath . In seiner ganzen Würde hatte er sich erhoben und gesprochen . Charlotte hatte ihn nie so gesehen . Der Zorn strömte über die Lippen , bis vor dem Redefluß des Kindermädchens die allzeit fertige Zunge verstummte . Sie war erschrocken zurückgetreten , bis sie sich selbst verwundert an der Thüre fand ; aber der Geheimrath schritt noch in der Stube auf und ab . Charlotte hatte leise zu weinen angefangen : » Aber Herr Geheimrath , um solche Kleinigkeit ! « » Eine Kleinigkeit , die Angst besorgter Eltern um ihre Kinder ! - Fünf Stunden von Hause fort ohne eine Sterbenssylbe mir zurückzulassen , und die Kleinen mitgenommen , ohne um Erlaubniß zu fragen ! « » Herr Geheimrath , « schluchzte sie , » haben nie nach gefragt , ich weiß auch gar nicht warum jetzt ! « » Schweige Sie ! « fuhr der Hausherr fort . » Sie hat kein Einsehen , keine Moralität . Sie mißbraucht meine Güte . Sie muß aus meinem Hause . Es haben sich schon Viele gewundert , daß ich Sie noch behielt . Aber Sie schlägt mit Ihrer Unverschämtheit den Boden aus dem Faß . Versteht Sie mich ! Ein Glück noch , daß wir vom Viertelkommissar erfuhren , daß Sie zur Excekution hinaus war , wir hätten sonst gar nicht gewusst , wo Sie geblieben war . « » Wenn das die selige Frau Geheimräthin wüsste , « schluchzte das Mädchen , » das war eine seelensgute Frau . Und wie oft hat sie gesagt : wenn wir nicht wären , mein Mann kümmert sich gar nicht um die Kinder . Ja das hat sie gesagt , nicht einmal , hundertmal . Und haben Herr Geheimrath jetzt auch nur einmal nach den Kindern gefragt ? Das eben aber sagten die selige Frau Geheimräthin : er hat kein Herz für sie ! und es war eine Frau , so sanft wie die himmlische Güte , und viel zu gut für diese Welt , und wer nur ihre stillen Thränen gesehen hat , die sie Nachts vergoß , und darum nahm der liebe Gott sie zu sich , und sie würde sich im Sarge umdrehen , wenn sie wüsste , daß der Herr Geheimrath mir darum solchen Affront anthun . « Charlotte musste die schwache Seite des Hausherrn kennen . Er wandte sich um , und fuhr mit dem Taschentuche über das Auge , ob , um eine Thräne abzuwischen oder die Verlegenheit zu verbergen , laß ich ungesagt . An der Wand hing das Bild der Verewigten , in sehr abgeblassten Wasserfarben gemalt , ein eben so abgeblasster Immortellenkranz darum . Darunter hing eine andere Schilderei , eine Urne , mit einer Trauerweide . Ein Genius senkte eine Fackel . Das Bild war auf Pappe gezogen , und wenn man näher hinzusah , bemerkte man , daß in der Urne ein Medaillon angebracht war , in welchem einige blonde Haare zu einem Namenszuge sich verschlangen . Der Geheimrath nahm es heraus und drückte es an seine Lippen . » O du Unvergessliche ! « sagte er , noch einmal mit dem Tuch über die Augen fahrend . Sein Zorn war gewichen ; in weicherem Tone fuhr er fort : » Aber Charlotte , wie oft habe ich Ihr gesagt , Sie soll mich nicht daran erinnern . Ein Mann in meiner Stellung darf sich nicht den Gefühlen hingeben . Aber Sie weiß das wohl , Sie braucht mich nur an die selige Gute zu erinnern , so tritt mir ' s in die Augen . Sie führt sich auf , als wenn Sie die Hausfrau wäre - und ist doch nur eine - Sie ist eine - « Dem Geheimrath war jetzt wirklich etwas in die Augen getreten , was er daraus fortzuwischen suchte , und darüber in Heftigkeit gerieth . Es war der dicke Staub aus der Schilderei , als er das Medaillon mit Gewalt wieder in seine Umfassung zu drücken bemüht war . Je mehr er im Aerger darauf schlug , so dichter puderte es ihm ums Gesicht . » Aus dem Haus muß Sie , daß Sie ' s weiß , « schloß er , mit den Augen beschäftigt , aus denen jetzt wirkliche Thränen , aber der Rührung , sich pressten . » Ja , Herr Geheimrath , das werde ich auch , sobald Sie es befehlen , « sagte Charlotte , die ihrerseits die Ruhe wieder gewonnen hatte . » Denn ich kenne meine Schuldigkeit . Aber erst werde ich vors Hallesche Thor gehen , aufs Grab der seligen Frau Geheimräthin , und die Kinder nehme ich mit . Da werde ich mit ihnen weinen , und sie sollen die kleinen Hände falten und ihre Mutter bitten , daß sie ihnen einen lieben Engel vom Himmel schickt , der sie in Schutz nimmt . Denn wissen Sie noch , Herr Geheimrath , wie die selige Frau Geheimräthin auf dem Todtenbette lagen ! Kreideweiß das Gesicht ! Ach Jesus , was wird aus meinen Kindern ! ja das hat sie gesagt ! « » Charlotte ! « sagte der Geheimrath , » Sie weiß , daß ich meine selige Frau innigst geliebt habe , aber die Welt gehört den Lebendigen , sagt der Dichter , und die Todten soll man ruhen lassen . « » Die selige Frau Geheimräthin sollen wohl Ruhe haben , wenn sie aus dem Grabe sehen , wie ' s hier oben zugeht ! Die Frau Geheimräthin , Ihre Schwägerin , kommt auch nicht so oft ins Haus . Aber ich werde mich wohl hüten , und mir die Zunge verbrennen wie damals und sagen was ich denke . Aber was die selige Frau Geheimräthin denkt , wenn die Geheimräthin Schwägerin den Kleinen Zuckerbrod bringt und sie über den Kopf streichelt , das weiß ich . « » Meine Schwägerin ist eine sehr respektable Frau , Charlotte . « » I Herr Jesus , wer redet denn auch gegen sie ? Aber den Blick vergeß ich nicht , auf ihrem Todtenbett , wie die selige Frau zurückschauderte : Ach wie sieht sie die Kinder an ! sagten sie , nämlich die Frau Geheimräthin auf dem Todtenbett . Und so riß sie die Kinder an sich und dann sagte sie : Ach sie hat so spitze Finger ! « » Das waren Visionen , sie war im hitzigen Fieber . « » Aber die Frau Geheimräthin Schwägerin verknifften ordentlich den Mund und sagten : Mein Gott , als ob ich mich um die Bälger risse ! Und dann sagte die Sterbende , und da war sie nicht mehr im Fieber : die Charlotte , die hat wenigstens ein weiches Herz ! - und da hatte die Selige recht , und ich habe die Kinder lieb gehabt , als wenn ' s meine eigenen wären , und wenn ' s nicht die Kinder wären , i da wäre ich ja schon längst aus dem Hause , wo man so mit mir umgeht . « Dem Geheimrath schien unangenehm zu Muthe zu werden , da Charlotte in einen Thränenstrom ausbrach , der nicht mehr zu stillen schien . » Es war ja auch nicht so gemeint , « sagte er endlich , - » Sie soll ja nicht auf der Stelle fort , ich meinte nur - « » Es werden sich schon Andere finden , - o das weiß ich , - ich weiß auch wer . Und wenn die Selige das von oben sieht , wie die Schwägerin mit ihren spitzen Fingern die Kleinen liebkost , dann wird sie Nachts vor des Geheimraths Bette treten , und was sie ihn dann fragen wird - « » Halte Sie doch das Mau - ! Charlotte - liebe Charlotte , Sie ist echauffirt . « Das Kindermädchen war echauffirt , es ließ sich nicht in Abrede stellen . Es waren auch Gründe dafür . Aber der Geheimrath liebte nichts Echauffirtes , nämlich wenn es ihn in seiner Ruhe inkommodirte . Er suchte sie zu beruhigen ; er erklärte die Kündigung für eine Aufwallung , ein Echauffement . Indem er sagte , solche Dinge müsse man bei kaltem Blute überlegen , schob er den Stein des Anstoßes etwas weiter auf den Weg . Da schien ein Friede geschlossen , wenigstens ein Waffenstillstand ; Charlotte weinte nur noch still , der Geheimrath seufzte und mochte wieder an Anderes denken , als er sich erkundigte , was denn die Kinder machten ? Gleich darauf fiel ihm noch etwas anderes ein . » Aber , Charlotte , sage Sie , wie kam Sie nur darauf , und mit den Kindern ! vors Thor zu laufen , dahin ! Eine Hinrichtung ist ein unmoralisches Vergnügen , habe ich Ihr das nicht oft vorgestellt , es ist gegen die Humanität , ein Schauspiel , woran nur der rohe Pöbel Vergnügen finden kann . « » Sie haben schon ganz Recht , Herr Geheimrath , aber Sie hätten die Person sehen sollen , die Marianne ; ganz schlooseweiß war sie , vom Kopf bis zum Fuß , und wie sie die Augen niederschlug , die Hände hielt sie so vor sich gefaltet ! Und der Herr Prediger saß neben ihr , und noch oben sprach er mit ihr , und dann küsste sie ihm die Hand und knixte noch einmal vorher gegen uns Alle . Und die vornehmsten Herren in Thränen . Ach Herr Geheimrath , es war Ihnen etwas , ich sage Ihnen , es ging einem durch Mark und Bein , und Manche dachten , ach wenn du doch auch so sterben könntest , so den Herrn Prediger neben sich und ganz weiß , und Blumen , und die Putzmacherin , Mamsell Guichard an der Stechbahn , hatte ihr ein Tuch mit Spitzen geschenkt und die vornehmsten Personen weinten . Und ich habe sie auch gekannt die Marianne , und eyedem war sie keine schlechte Person . « » Sie hat mir davon erzählt . Aber nun ist sie eine Kindesmörderin . « » Und das ist schlecht von ihr , Herr Geheimrath ; das wird auch kein Mensch abstreiten . Und wir haben ' s ihr alle vorhergesagt . An solchen Kerl sich zu hängen ! Er war noch nicht einmal königlicher Stallknecht , da konnte er noch lange dienen . Und wenn er ' s geworden , ob er sie dann geheirathet hätte ! Wenn ' s denn doch einmal sein sollte , wär ' s nur ein anständiger Herr gewesen , sagte ihre Tante . Der hätte doch fürs Kind bezahlt , und wenn er nicht wollte , da ist das Stadtgericht ! Das weiß ich ja von meiner Cousine . Heirathen oder bezahlen ! sagten der Herr Präsident . Da hat er auch gezahlt jeden Ersten , der Herr Hoflackirer , und wenn ' s bis zum Dritten nicht da war , auf der Stelle Exekution , jeden Monat . Beim zweiten hat er sich gar nicht erst verklagen lassen . Gleich gezahlt , o ' s ist ein sehr reputirlicher Herr , das muß man ihm nachsagen , und wenn ' s dritte kommt , wer weiß , ob sie dann nicht schon unter der Haube ist . Denn seine Alte wird ' s ja nicht mehr lange machen , die hat er nur mit dem Geschäft geheirathet . Und warum sollte er sie nicht ins Haus nehmen ? Ist ja sein purer Profit . Er kommt viel wohlfeiler fort , als wenn er Alimente zahlen muß . Aber ein Begräbniß wird er seiner Alten ausrichten - na , da könnte sich mancher Geheimrath schämen . Nein , das muß man ihm nachsagen , lumpen lässt sich der Herr Hoflackirer nicht ; ist ein sehr reputabler Herr . - Und , wie gesagt , hübsch war die Marianne , so blaß und schön , und das Kind , blutroth hat ' s wie ' ne Schnur um den Hals gehabt . « » Und meine Kinder hat sie mitgenommen . Die unschuldigen Würmer ! Sie Person Sie ! « » Aber Herr Geheimrath , ich weiß auch nicht , wie Sie mir vorkommen . Es ist ja nur , daß die Kinder es einmal gesehen haben . Das ist ja fürs ganze Leben . So was kriegen sie nicht wieder zu sehen . Es soll ja kein Mensch mehr hingerichtet werden . « » Wer hat Ihr das wieder vorgeschwatzt ? « » Sie können ' s mir ganz gewiß glauben , Herr Geheimrath . Das ist die letzte Hinrichtung , hat der König gesagt . Und sie haben ihn beinah zwingen müssen , daß er nur die Feder in die Hand nahm . Die junge schöne Königin hat geweint . Und da hat er sie gefragt : Aber Louise , warum weinst Du denn ? Denn unter sich sagen sie immer du ! und es kommt Einer zum Andern , ohne daß die Kammerherren anklopfen und sie melden , und darüber ist die Hofmarschallin , die alte Gräfin Voß , ganz aufgebracht . Aber das thut nun nichts . Es wird Alles noch ganz anders werden , sagen sie ; und gar nicht wie beim Dicken . Die Livreen werden auch anders . Und alle Menschen sollen Brüder sein , und alle Frauenzimmer Schwestern ... « Der Geheimrath intonirte , wie durch eine Erinnerung geweckt , plötzlich das Lied , indem er mit den Fingern auf dem Knie den Takt schlug : » Wir Menschen sind ja alle Brüder . Vereinigt durch ein heilig Band , Du Schwester mit dem Leinwandmieder , Du Bruder mit dem Ordensband ! « Das Kindermädchen warf einen schlauen Blick : » Gestern hinterm Gitterfenster auf dem Hofe - da sangen ' s Herr Geheimrath viel lauter . « Die Erwähnung schien dem Geheimrath unangenehm : » Das versteht Sie nicht . Es ist allerdings gegen die Humanität , einen Menschen ums Leben zu bringen . Aber , wie gesagt , das versteht Sie noch nicht , und das ist nur unter uns , und wie sollten wir denn die Spitzbuben los werden und die atrocen Menschen . Laß Sie sich also so was nicht einbilden , und die Königin - « » Ja , Herr Geheimrath , die Königin , das weiß ich expreß von Jemand , der es weiß , vom Commissar die Köchin , die hat beim Doktor , der die Hoflakaien kurirt , vorher gedient , und da hat sie ' s von der Mamsell , die beim Hofmarschall ist , mit eigenen Ohren gehört , zum König hat sie ' s gesagt , die Königin , sie könnte ihm ja keinen Kuß geben , weil seine Hände voll Blut wären , und nur diesmal , hat er gesagt , hätte er ' s thun müssen , weil ' s eine Kindesmörderin wäre , nämlich von wegen des Beispiels , weil ' s sonst Alle thäten . Aber dann soll Keiner mehr geköpft werden , und dies ist das letzte Mal , und darum verdienten ' s wohl die Kinder , daß ich sie hinführte , denn es soll auch gar kein Blut mehr fließen , und kein Krieg mehr sein , auf der ganzen Welt nicht , und der König hat ' s gesagt . « » Aber sage Sie mal , Sie ist doch eine vernünftige Person « - der Hausherr war aufgestanden , um ihr zu beweisen , daß sie diesmal unvernünftig sei . Das ist überall eine schwierige Aufgabe , wo die Person , welcher man es beweisen will , sich für vernünftig hält . Sie musste überdem eine gute Royalistin sein ; denn auf die Vorstellung des Geheimrathes , daß so etwas gar nicht in des Königs Macht stehe , ja nicht in des Kaisers , auch nicht in der Macht des großen Feldherrn und Konsuls der Franzosen , erklärte sie , wozu denn ein König wäre , wenn er das nicht mal könne ! Der König könne aber noch weit mehr , wenn er nur wolle ; es gäbe aber Personen , die viel klüger sein wollten , als der König , und alles besser wissen und machen , und sie wisse auch , was sie gehört , und könnte manches sagen was Mancher nicht gern hörte . Und wer nur gestern Abend sein Ohr aufgehabt hätte im hintersten Hofe und unterm Gitterfenster gehorcht , was die Gefangenen gesungen . Davon könnte manches Vögelchen Lieder singen , die Manchermann gar hässlich klingen würden ! » Sie unverschämtes - ich glaube gar , Sie hat getrunken ! « » Ich getrunken ! Habe ich das um den Herrn Geheimrath verdient , als ich gestern Abend gar nicht sah , wie Sie die Treppe herauskamen , die kleine Hintertreppe , und nicht wussten , wo die Thür war ? Ich getrunken ! Ein Glas Weißbier setzten mir der Herr Wachtmeister von Prinz Louis-Dragonern vor , und das trank ich , der Kinder wegen , denn wir waren außer Athem , weil die Leute so grausam drängten , und so hob der Herr Wachtmeister die Kinder über die Lyceumshecke , und ich quetschte mich durch die Hecke , und da sagte der Wachtmeister , ich sollte erst einen Pomeranzen mit ihm über die Lippen nehmen , weil ich so echauffirt wäre . Das kann der Wirth im blauen Himmel bezeugen ; der sagte , wir zerträten ihm seine Hecke und er war betrunken . Aber wo wären wir alle , und die lieben Kinder , die schrien , daß es ein Gotts Erbarmen war ; aber der Wachtmeister gab ' s dem Wirth , daß er mäuschenstill ward . Ich hätt ' s nicht gerathen , mit dem anzufangen . Er hat die Rheincampagne mitgemacht und trägt noch eine Kugel in der Schulter , Alles für seinen König ! sagt er , und wenn Friede bleibt , kriegt er eine Civilanstellung . « Es war eine Veränderung in dem Geheimrath vorgegangen . Von Zorn keine Spur mehr in seinem Gesichte , als er aus der emaillirten Dose ein lange Prise Spaniol nahm , und mit dem Battisttuch den Tabak , der sich ausgestreut , von den Kleidungsstücken abklopfte , und » Ja , ja , so geht ' s in der Welt ! « sagte . Man sah , zwischen Beiden hatte ein langer Verkehr eine Verständigung hervorgebracht , die gewissermaßen in hieroglyphischen Ausdrücken sich Luft machte . Und Jeder verstand den Andern . Offenbar war er an etwas erinnert worden , was er nicht liebte , und ebenso offenbar , daß Charlotte auf einen andern Gegenstand übergesprungen war , entweder , um ihm die Verlegenheit abzukürzen , oder weil dieser Gegenstand für sie einen Zweck hatte . Und doch schien der Geheimrath nicht recht zu wissen , was er sagen sollte , indem er mit einem Finger um den andern ein Rad schlug . » Ja , sieht Sie , Charlotte , « sagte er , » wer das wüsste , ob Friede bleibt , oder ' s wieder losgeht . - Und hat Sie auch das bedacht , ein Kavallerist riecht immer nach dem Stall « - wollte er sagen , oder hatte es gesagt - Zweites Kapitel . Die Geheimräthin mit den spitzen Fingern . - Als die Seitenthür aufging , und die Geheimräthin Schwägerin hereinrauschte . Rauschte , sage ich , denn ihr hellseidenes Kleid , obgleich die Schleppe abgeschnitten , bauschte noch immer in reichen Falten hinter ihr . » Ich hoffe doch nicht zu derangiren , « sagte die Dame , als der Geheimrath in einiger Verlegenheit aufsprang , und die Spanioldose auf die Erde fiel . Wenn sich Charlotte in Verlegenheit gefühlt , fand sie Gelegenheit , sie zu verbergen , indem sie die Dose auflangte , und mit dem zusammengefegten Tabak in der Schürze das Zimmer verließ . » Wie kann meine theure Frau Schwägerin mich überraschen ! « sagte der Ueberraschte . » Die Ueberraschung ist nicht ganz meine Schuld , denn der Herr Schwager hörten in dem konfidentiellen Gespräch , was ich zu meinem Bedauern stören musste , nicht mein Klopfen . Da musste ich endlich , ohne auf die Invitation zu warten , eintreten , denn ich liebe nicht das Lauschen . « Er drückte in verbindlicher Weise ihre Finger an die Lippen und führte sie auf das Canapé . Ob die Finger besonders spitz waren , kann ich für jetzt nicht sagen , denn sie waren in Tricothandschuhen versteckt , und während die eine Hand an den Lippen des Geheimraths ruhte , umfasste die andere den Fächer , um das Spiel zu beginnen , was bei einer Konversation auf dem Canapé nothwendig ist . Aber das ganze Gesicht war , was man spitz nennt . Vielleicht hätte man auch die kleine Gestalt der Dame so nennen mögen , indeß war ein Etwas darin , entweder nenne ich es Anmuth oder Elasticität , was diesen Eindruck verwischte , Alabasterarbeit hätte ein Dichter oder Künstler gesagt , der erst der Hauch des Gedankens oder Gefühls Farbe und Bewegung giebt . Weder jung noch alt , weder schön , noch eigentlich hübsch , konnten doch ihre dunkeln kleinen beweglichen Augen , wenn sie aus den blonden Augenbrauen besondere Blicke schossen , anziehen . Es war schwer zu sagen , wovon diese Blicke sprachen , ob von Verstand , Gefühl , Sinnlichkeit , ob sie stachen , suchten , lockten , ob sie aus einer beglückten oder zerissenen Brust kamen . Sie konnten einen sehr verschiedenen Glanz annehmen , nur nicht den der ursprünglichen Wahrheit , jenen Glanz , der auf den ersten Blick einnimmt und überzeugt . Man sah in diesen Augen , daß sich die Gedanken und Gefühle erst sammeln mussten , um ihrem Blick den Ausdruck zu geben , den sie wollte . Es war überhaupt etwas Besonderes in der Frau ; es lag in ihrem Wesen Ruhe und Unruhe . Man konnte sie in diesem Augenblick für sehr bedeutend , im nächsten für ein gewöhnliches Weib halten . Ihre Kleidung war einfach aber gesucht ; zwischen der zu Grabe getragenen Rokokomode und dem griechischen Ideal , das Mode geworden . Kurze eng anschmiegende Aermel , ein weit ausgeschnitten Kleid mit kurzer Taille , die eine rosaseidne Schärpe noch mehr hervorhob , aber ein Ueberwurf um die Schultern und die langen Handschuhe suchten die Entfaltung der griechischen Nacktheit wieder zu verbergen . Der Geheimrath entschuldigte sich wegen seiner Toilette . Er hatte Ursache . Die Geheimräthin sagte lächelnd , sie hätte für dieses Aeußerliche keinen Sinn . Aber während er seine Füße in den Pantoffeln zu verstecken suchte , ohne sich doch der Bemerkung enthalten zu können , daß er sich von ihnen nicht trennen könne , weil sie noch von seiner seligen Frau gestickt wären , verbarg die Geheimräthin keineswegs ihre sehr zierlichen Füße auf dem Schemel , als sie mit der sanften , fast süßen Stimme , durch die nur zuweilen ein seiner , schneidender Ton fuhr , sagte : » Man muß gestehen , daß der Herr Schwager die Treue gegen die selige Geheimräthin bis zum Exceß kultiviren . « » Und wie geht es denn meinem theuern Bruder , dem Geheimrath ? « seufzte er . » Wir haben uns so lange nicht gesehen . Ach Gott , wir Geschäftsmänner ! « » Er ist in seinen Büchern vergraben . « » Er kultivirt nicht das Leben , « fiel der Hausherr ein . » Ich hatte immer gehofft , daß eine so spirituelle Frau ihm einen Elan geben würde . « » Passons là-dessus , « sagte die Geheimräthin , mit einer eigenthümlichen Bewegung des Fächers . » Ich begreife freilich zuweilen nicht , warum eigentlich die Männer auf der Welt sind , die sich nichts aus ihr machen . Aber ich bin gewissermaßen in seinem Auftrage hier . « » Von einem Gelehrten wie er weiß ich diese Attention zu schätzen . Warum musste er aber neulich wieder ablehnen ? Zu einer einfachen Suppe , à la fortune du pot , ein Paar gute Freunde nur . « » Lupinus sagt , er verdirbt sich bei Ihnen immer den Magen . « » Scherz , Scherz ! Spanische Suppen kann ich freilich nicht vorsetzen , auch ist mein Malaga , mein Hochheimer , kein Falerner . Nichts als was ein armer Mann bieten kann . Müssen uns alle nach der Decke strecken , aber herzlich gegeben und - gut gekocht . « » Wenn Ihre Charlotte will , kocht sie trefflich , « sagte die Geheimräthin mit einem jener Blicke , von denen wir sprachen - » Sie werden sich schwer von ihr trennen können , « setzte sie langsam hinzu . » Sie werden sich vielleicht nie von ihr trennen wollen . « Der Blick und die Beobachtung hatten für den Geheimrath etwas , was ihn aus seiner Ruhe brachte . » Liebste Schwägerin , in meiner Lage - in meinen Dienstverhältnissen , begreifen Sie , muß ich dann und wann kleine Diners arrangiren - man muß sich Freunde - man muß die Gönner warm halten . Einer hilft dem Andern . Es geht einmal nicht anders . « » Das begreife ich vollkommen , « sagte die Schwägerin mit dem gedehnteren Tone , » aber zu Ihren Diners bestellen Sie ja die Schüsseln beim Koch Corsika . « » Das wohl , in der Regel wenigstens , - indessen - « » Essen Sie auch gern zu Hause gut . Und damit Sie immer gut gekocht bekommen , ist Ihnen darum zu thun , daß Charlotte immer bei guter Laune ist . Der Kalkul ist richtig , nur verdenken Sie es Ihrer Familie nicht , wenn sie einen andern macht - « » Welchen , meine verehrteste Schwägerin ? « » Mon beau-frère , « sagte die Geheimräthin , mit dem Fächer einige kurze bedeutungsvolle Schläge durch die Luft führend , » die Familie hofft , daß Sie ihr nicht den Chagrin anthun werden , die Person zu heirathen . « Der Geheimrath wurde roth , aber nicht sehr , er klatschte mit beiden flachen Händen auf die Kniee und seufzte : » Ja - man wird doch auch mit jedem Jahr älter . Und eine Pflege wie ich sie nur wünschen kann . « » Herr Geheimrath , aber eine Mesalliance ! « » Mais , ma belle soeur ! Adam war unser Aller Vater . Neulich am Klavier , ich hätte meine Schwester embrassiren mögen , Sie sangen es zu allerliebst : Als Adam grub und Eva spann Wer war denn da - der erste Geheimrath ? « Er begleitete es durch ein angenehmes Gelächter . » Es ist also vollkommener Ernst ! « » Ernst , theuerste Schwägerin ! Ich hielt ' es für einen deliciösen Scherz , wenn es von der Kanzel stürzte : Der königliche Herr Geheimrath Lupinus mit der ehrsamen Jungfrau Charlotte Philippine , Katharine , Tochter des ehrbaren - , was weiß ich , wer ihr Vater war , wenn sie einen hat . Ma belle soeur , wie hätten sie die Köpfe zusammen gesteckt , wie wären sie aus dem Dom gestürzt ! Diese Gruppen unter den Pappeln , Nachmittags die Kaffeeklatsche . Und nun denken Sie sich , Schwägerin , Charlotte und ich im Wagen und unsre Vorfahrvisiten ! Vierzehn Tage kein ander Gespräch . Und das Hochzeitmenuett ! Sanft gebannt - an ihre Hand - durchs Leben - schweben ! « Die Dame war sehr ruhig geworden : » Mais , mon beau-frère , warum haben Sie es aufgegeben ? « » Mon Dieu , wer sagt Ihnen , daß ich es aufgab ! « » Ein witziger Einfall , über den man nachdenkt , ist keiner mehr . « » Es geht doch nichts über einen sublimen Verstand . Ich werde mich hüten , sie zu heirathen . « » Ich bin jetzt ganz getröstet , wenn Sie es thun . Wirklich , lieber Schwager . Die Person hat gute Eigenschaften und Ihre Erziehung - « » Wenn ich sie heirathe , ist die Erziehung aus , « zischelte er ihr laut ins Ohr . » Sobald der Hochmuthsteufel in sie schießt , kocht sie nicht mehr , pflegt mich nicht mehr . Kurzum sie ist nicht mehr was sie ist , und darum müsste mich ja der - Excus ! wenn ich meine gute Charlotte aufgäbe , um eine schlechte Geheimräthin draus zu machen . - Man wirft so gemüthliche Redensarten hin , möglich , es könnte sein - wenn nur nicht das und das wäre , wünscht ihr den besten Mann , aber klopft ihr auf die Schulter , sich nicht zu übereilen , es würde sich wohl noch alles anders und besser finden , als Mancher denkt . Et caetera . « Nach einer Pause , während sie auf ihre spitzen Finger gesehn , sagte die Geheimräthin : » Aber die Person ist auch klug . Sie merkt es . Lieber Schwager , kein Mann ist so klug , daß nicht eine Frau , die er beständig um sich hat , ihm die schwache Stunde abmerkt . Schlingen sind nun einmal die Waffen unserer Schwäche ; es ist in der Natur . Entweder entschließen Sie sich und heirathen sie , oder brechen Sie schnell . « » Das kann ich nicht , c ' est absolument impossible !