Gutzkow , Karl Die Ritter vom Geiste www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Karl Gutzkow Die Ritter vom Geiste Vorwort Es wird eine lange , weite Wanderung werden , lieber Leser , zu der ich Dich auffodere ! Rüste Dich mit Geduld , mit geschäftlosen Sonntagsvormittagen und einem guten aushaltenden Gedächtniß ! Vergiß mir nicht morgen , was ich Dir heute erzählt habe ! Werde nicht müde , wenn Du unabsehbare Ebenen erblickst , sich der Weg zwischen gefahrvolle , nicht endende Gebirgspässe zwängt oder die Landstraße plötzlich sich wie in die Wolken zu verlieren scheint ! Was Du Alles auf dieser Wanderung wirst zu sehen bekommen , die Landschaft und die Dir begegnenden Menschen , ihr Werth , ihr Charakter , ihre Wahrheit .... da sieh zu , wie Dein Geschmack mit ihnen fertig wird ! Ich bitte um Schonung ; aber wenn sie mir von Deiner Strenge verweigert wird , muß ich mir ' s schon gefallen lassen . Nur über die lange Dauer dieser Wanderung , über das weitentrückte , sozusagen atlantische Ziel , über den großen , großen Proviant von Zeit und Geduld , den ich beanspruche , muß ich Dich bitten , mir ein entschuldigendes Vorwort zu erlauben . Thu ' mir nicht von vorn herein das Unrecht an und sage : Ich hätte in meinem über das übliche deutsche Maß hinausgehenden Werke die Franzosen nachahmen wollen ! Der » ewige Jude « , die » Geheimnisse von Paris « sind deshalb geschrieben worden , weil in einer Zeit , wo Alles spricht , Menschen , die geneigt sind zuzuhören , eine Eroberung sind . Diese glücklichen Zeitungseroberer von Paris haben ihre Beute nicht wieder wollen fahren lassen und führten deshalb den Stil ein , den sie von den Taschenspielern auf Jahrmärkten borgten , die ihre Productionen von heute immer mit einer Ankündigung auf morgen schließen . Die Feuilleton-Romane , wie man sie drüben überm Rheine nennt , oder die Fortsetzung-folgt-Romane , wie man sie nennen sollte , sind nur für große Kinder geschrieben , zu denen man sagt : Heute war ' s gewiß schön , morgen wird ' s aber doch noch viel schöner werden ! Also Das nicht , lieber Leser ! Ich wollte wol , unser strenges Publicum ahmte dem französischen an gutem Willen beim Hören und Hinnehmen nach , aber ich selbst bin nur deshalb so lang geworden , weil ich beim besten Willen nicht kurz sein konnte . Sollen wir zurückgezogenen einflußlosen Schriftsteller , die wir doch auch gewohnt sind , den Samen reeller Thatsachen von den Blüten der Erscheinung abzustreifen und in unserer Art auch Etwas für die Geschichte zu thun , die Gründlichkeit nur der Paulskirche und den Protokollen unserer Ständekammern , Interims- und Verwaltungsräthe überlassen ? Schlimm genug , daß man so ernst , so nachdrücklich , so systematisch mit unserer Zeit sprechen muß ! Anekdoten thun ' s nicht mehr . Was ist Euch Boccaccio ? Eine bunte Federflocke vom classischen Wind bewegt ! Es finden sich ihrer allerdings genug , die der Zeit entrinnen wollen und lieber einer vom classischen Wind bewegten bunten Federflocke nachirren , als dem Jahrhundert , das sie hassen ; allein mit diesen mag ich nicht reden . Ich will es mit Denen , die ihrer Zeit vertrauen , Hoffnungen auf sie setzen und die da sagen : Eine Nacht , um ein zweckloses Märchen zu hören , die hab ' ich nicht , aber tausend und eine Nacht , die hätt ' ich und schenke sie Dem , der sie im Scherze lehrend auszufüllen versteht ! Wohlan denn , Du wunderlicher Heiliger , ich halte Dich beim Wort ! Ich sage Dir im Vertrauen , daß eine Nacht und ein Mährchen mich selbst , den Erzähler , nicht befriedigen würden . Und erzählt ' ich Dir das sinnigste und Arabiens würdigste Mährchen , ich selbst würde in unsern sternenlosen Nächten dessen nicht froh , und wo dem Schöpfer nicht wohl wurde bei einem Werke , da kann ' s dem Beschauer ewig nur weh sein . Schönheit ist ja Ruhe ; Ruhe des Gemüths quillt in den Betrachter vom befriedigten Schöpfer , und der Schöpfer , der hier dies vielleicht übervoll aufgeschossene Werk Dir vorlegt , diesen endlos scheinenden Park mit Seen und Brücken und Wasserfällen , gesteht aufrichtig , daß er jenen einzigen Wassertropfen , der jetzt die ganze Welt abspiegelte , nicht hat finden können . Er weiß wohl , es gibt Dichter , die mit einem Wassertropfen die Welt abspiegeln ; und noch mehr solche , die glauben , diesen Wassertropfen zu besitzen . Er ging auch hinaus vor ' s Thor und nahm von der Flur einen Thautropfen , der glänzte in der Sonne - grün - aber die Welt ist blau . Ein anderer glänzte blau - aber die Welt ist roth . Ein dritter glänzte gelb und grün , und die Welt schillert jetzt in allen Farben . Es ist nichts mehr mit dem Thautropfen , dachte er . Es muß mehr sein und etwas Anderes , wenn auch noch keine Douche und noch kein Regenbad . Macht ihr Geschichte , dachte er , wir wollen Romane schreiben . Er dachte an die Geschichtsmacher von heute , die aus dem Staube der Ruinen neue Tempel bauen wollen . Er dachte an die Flicker und Leimer , in deren Hände die Organisationen gerathen sind , und die uns nachgerade die Lust genommen haben , nur nothdürftig auf ihre Bauplätze zu blicken , mögen sie nun in Paris , Rom , Wien , Berlin oder in Gotha und Erfurt liegen . Baut ihr und flickt an den alten Welten , wir wollen neue bauen , wenigstens in der Idee . Jeder große Münster hat anfangs sein kleines Modell . Die alten Erbauer , wenn sie ein Denkmal bekamen , trugen diese kleinen Modelle in der Hand ; diese mochten nicht schwerer wiegen als so ein Roman von mehr Bänden als üblich , ein Roman in dem neuen Stil , der in der That architektonisch ist , sehr mislich nachzuahmen , und auf den uns Professor Gervinus zu seinem Ärger doch noch ein literarhistorisches Patent geben soll . Denn ich glaube wirklich , daß der Roman eine neue Phase erlebt . Er soll in der That mehr werden , als der Roman von früher war . Der Roman von früher , ich spreche nicht verächtlich , sondern bewundernd , stellte das Nacheinander kunstvoll verschlungener Begebenheiten dar . Diese prächtigen Romane mit ihrer classischen Unglaubwürdigkeit ! Diese herrlichen , farbenreichen Gebilde des Falschen , Unmöglichen , willkürlich Vorausgesetzten ! Oder wer sagte Euch denn , ihr großen Meister des alten Romanes , daß die im Durchschnitt erstaunlich harmlose Menschenexistenz gerade auf einem Punkte soviel Effecte der Unterhaltung sammelt , daß ohne Lüge , ohne willkürliche Voraussetzung , sich alle Bedingungen zu Eurem einzigen behandelten kleinen Stoffe zuspitzen konnten ? Die seltenen Fälle eines drastischen Nacheinanders greift das Drama auf . Sonst aber - lebenslange Strecken liegen zwischen einer That und ihren Folgen ! Wieviel drängt sich nicht zwischen einem Schicksal hier und einem Schicksal dort ! Und Ihr verbandet es doch ? Und was dazwischen lag , Das warft Ihr sorglos bei Seite ? Der alte Roman that Das . Er konnte nichts von Dem brauchen , was zwischen seinen willkürlichen Motiven in der Mitte liegt . Und doch liegt das Leben dazwischen , die ganze Zeit , die ganze Wahrheit , die ganze Wirklichkeit , die Widerspiegelung , die Reflexion aller Lichtstrahlen des Lebens , kurz Das , was einen Roman , wenn er eine Wahrheit aufstellte , fast immer sogleich widerlegte und nur eine Thatsache gelten , siegen ließ , die alte Wahrheit von der - unwahren , erträumten Romanenwelt ! Der neue Roman ist der Roman des Nebeneinanders . Da liegt die ganze Welt ! Da ist die Zeit wie ein ausgespanntes Tuch ! Da begegnen sich Könige und Bettler ! Die Menschen , die zu der erzählten Geschichte gehören , und die , die ihr nur eine widerstrahlte Beleuchtung geben . Der Stumme redet nun auch , der Abwesende spielt nun auch mit . Das , was der Dichter sagen , schildern will , ist oft nur Das , was zwischen zweien seiner Schilderungen als ein Drittes , dem Hörer Fühlbares , in Gott Ruhendes , in der Mitte liegt . Nun fällt die Willkür der Erfindung fort . Kein Abschnitt des Lebens mehr , der ganze runde , volle Kreis liegt vor uns ; der Dichter baut eine Welt und stellt seine Beleuchtung der der Wirklichkeit gegenüber . Er sieht aus der Perspective des in den Lüften schwebenden Adlers herab . Da ist ein endloser Teppich ausgebreitet , eine Weltanschauung , neu , eigenthümlich , leider polemisch . Thron und Hütte , Markt und Wald sind zusammengerückt . Resultat : Durch diese Behandlung kann die Menschheit aus der Poesie wieder den Glauben und das Vertrauen schöpfen , daß auch die moralisch umgestaltete Erde von einem und demselben Geiste doch noch könne göttlich regiert werden . Ein solcher Versuch , die zerstreuten Lichtstrahlen des Lebens in einen Brennpunkt zu sammeln , ist die Geschichte , die ich Dir , lieber Leser , hier aufgerollt habe . Sie ist in den Thatsachen und dem sozusagen allegorischen Rahmen nicht neu , aber neu in der Verknüpfung . Kurz konnte sie ihrer Natur nach nicht werden , denn um Millionen zu schildern , müssen sich wenigstens hundert Menschen vor Deinen Augen vorüberdrängen . Denke nur immer , daß der Zweck und die Aufgabe so lautet : Die Missionaire der Freiheit und des Glaubens an die Zeit sind es ihren Gemeinden schuldig , ihnen zu zeigen , wie die ganze Fülle des Lebens von ihrem neuen Lichte beschienen sein kann und wie es sich noch mit den alten Lungen athmen lasse , überall , in jedem Winkel Gottes , den der neue Luftzug der Idee , der Pfingstzeit neues Windeswehen bestreicht . Die äußere Welt ist durch Künstlerhand allein nicht zu ändern . Laßt vorläufig unsere Minister und die Soldaten dafür sorgen ! Aber die innere Welt , die , welche Jeder in seiner Brust trägt , die kann schon eine umfassende , in allen Höhen und Tiefen des Lebens aus einem Gesichtspunkte betrachtete und eine festbegründete sein . Diese Allseitigkeit war mein Ziel . Ich sage nicht , daß ich ein Panorama unserer Zeit geben wollte . Wer vermöchte Das ? Die Aufgabe wäre nicht zu lösen , und anmaßend erklänge es , wollte sich ihrer Jemand anheischig machen . Aber ein gutes Stück von dieser unserer alten und neuen Welt sollte aufgerollt werden , eins , gerade groß genug , um ein Menschenleben zu ermuntern , daß es nicht verzage , sondern getrost in dem einen Geiste der Freiheit und Hoffnung fortwandle und sich die laufenden , tagesüblichen Bedrängnisse der innern Überzeugung nicht zu sehr verdrießen lasse . Laß Dich denn also von mir , lieber Leser , in diesen Blättern einspinnen , wie der werdende Schmetterling sich in den Cocon spinnt , wo er Blatt und Baum , auf dem er hülflos kroch , preisgibt und sich wie in dem Vortraum seines neuen Lichtlebens begräbt . Die Kunstrichter mögen richten ; die voreilige Kritik mag Dir die Lust nehmen wollen , dem Erzähler zu folgen ; achte ihrer nicht und bleibe treu dem Dich einhüllenden Gespinnst , bis dem weitern Verlaufe zu die Hülle bricht , und in anschauender Prüfung meiner Absicht auch Dein Geist mit bunten Hoffnungen und heitern Glaubensschwingen in jene Gemeinschaft der Getreuen und Vesten , der Ritter vom Geiste , aufsteigt , von deren Schicksalen diese Blätter erzählen . Dresden , am Pfingsttage 1850 . Karl Gutzkow . Erstes Buch Erstes Capitel Das Kreuz und das Kleeblatt An einem heißen Sommernachmittage saß ein junger Mann , von summenden Käfern umschwärmt , das Haupt auf eine über die Knie ausgebreitete Mappe beugend , vor einer einfachen ländlichen Dorfkirche , um sie zu zeichnen . Die Formen des bescheidenen und doch ehrwürdigen Gebäudes wiesen auf einen ziemlich alten Ursprung hin . Leicht und schlank sprang der spitze Thurm in die blaue Ätherhöhe . Die alten grüngerosteten Glocken hingen in Öffnungen , deren Ränder ein zierlich geschweiftes steinernes Blätterwerk schmückte , willkommener Schlupfwinkel für ein Heer von Spatzen , das den Thurm lärmend umschwirrte . Das Schiff wölbte sich mit hervorspringenden Fensternischen mehr rund als länglich um den Glockenthurm , dessen Portal ein großes , halb in das Mauerwerk eingebrochenes Kreuz zierte . Dieser einfache Bau , umgrenzt von grünen Haselnußhecken und gehütet gleichsam von zwei alten Lindenbäumen vor der Eingangspforte , schnitt sich an dem duftreinen Horizont so gefällig , so lieblich ab , daß man dem jungen , über seiner Arbeit träumenden Künstler nicht verargen konnte , sich daraus für sein Skizzenbuch allein schon eine Erinnerung zu erhalten . Aber der alterthümliche Reiz dieser Scene wurde noch durch die Trümmer eines Gebäudes erhöht , das einst dicht an der Kirche mit ihr fast verbunden mußte gestanden haben . Noch waren einzelne verwitterte Mauern hier und da übrig geblieben und nun auf löbliche Weise zum Umbau des Friedhofs verwendet . Überall , wo eins der alten Trümmer aufhörte , begann in der Umzäunung des stillen Ruheplatzes immer ein einfacher , freilich etwas zerfallener Bretterzaun , bis diesen wieder ein morsches Stück alter Mauer mit noch halb erhaltenen Fenstern ablöste , deren Trümmer sich in das innere lauschige Gezweig von weißen , würzig duftenden Fliederbäumen , die sie überschatteten , verloren . Kirche und Friedhof lagen auf einer mäßigen , grasbewachsenen , mit weißen Sternblümchen wie bestreuten Anhöhe , die eine Fernsicht auf diejenige große und berühmte deutsche Hauptstadt erlaubte , welche der Schauplatz der nachfolgenden Mittheilungen sein wird . Der junge Maler war nach einfachem Mittagsmahle auf dies bescheidene Dörfchen - es hieß Tempelheide - von der großen lärmenden Stadt hinausgewandert , hatte sich , rings den Hügel musternd , die günstigste Stelle für seinen Plan auserlesen , und zeichnete die Kirche und den Friedhof aus einem Interesse , das nicht blos ein künstlerisches genannt werden konnte . Er wußte nämlich , daß diese Trümmer Reste eines alten Tempelhofs waren . Das große Kreuz über der Kirche , in eigenthümlicher Form , bewies , daß einst die Tempelritter , die hier gewohnt hatten , auch die Gründer und Erbauer dieser Kirche waren . In seinen Jugenderinnerungen selbst an ein altes Templerhaus , die Zierde seiner im Harz gelegenen Vaterstadt , vielfach gemüthlich verwiesen , nahm er um so lebendigeres Interesse an diesen ehrwürdigen historischen Resten , als ihm auch sein erstes Probestück beim Eintritt in die große Genossenschaft der sozusagen losgesprochenen Künstler , Jakob Molay ' s Feuertod , so brav gelungen war , daß er schon jetzt zu den sichersten Hoffnungen der neuern Malerkunst gerechnet werden konnte . Dankbarkeit auch gegen den glücklichen Gegenstand seines Bildes , den Märtyrertod der alten französischen Tempelherren , hatte ihn hierher nach dem Dörfchen Tempelheide geführt , wo auch einst Tempelherren gehaust , auch einst Tempelherren jene Kirche und das Profeßhaus gebaut hatten , von dem noch jene malerischen in den Friedhof verlorenen Trümmer hinterblieben waren . Wie Siegbert Wildungen - so hieß unser junger Maler - auf einem Stein unter einer Brombeerhecke längst Platz genommen hatte und im nothdürftigen Schatten des stachlichten Gebüsches endlich einmal auch seinen breitrandigen Calabreser lüftete , um die blonden lockig fallenden Haare von der erhitzten Stirn zurückzustreichen , bemerkte er plötzlich , daß er nicht allein war . Aus dem gelben Kornfelde , das die Öffnung zwischen dem Hügel und dem Aufgang zu einem nahegelegenen herrschaftlichen Parke ausfüllte , erhob sich , gähnend und wie nach gehaltener Mittagsruhe sich reckend , eine Gestalt , die weder oben dem herrschaftlichen Wohnhause , noch unten dem Dorfe anzugehören schien . Es war , so weit man sie im Liegen beurtheilen konnte , eine lange hagere Figur im leichten Sommerrock wie Siegbert , aber die Pantalons verwaschen , an den Knieen hervorstehend , das Hemd zerknittert , die Halsbinde weggeworfen und die Weste fast zu kurz und wie verschnitten . Die seltsame Gestalt , die sich aus dem Korn , in dem sie geschlafen hatte , herauswand , war jung und wie es schien verwöhnt bequem . Der Mittagsschläfer gähnte mit mehr Behaglichkeit , als er würde empfunden haben , wenn ihn der Bauer , dem das Kornfeld gehören mochte , in der Verwüstung seines Eigenthums betroffen hätte . Wie er den Maler entdeckte , stützte er , wieder lang sich hinwerfend , den Kopf auf den Arm und schickte sich an , in größter Ruhe seinen Nachbar keck zu beobachten . Die rechte Hand steckte er dabei behaglich in die Seitentasche seiner Pantalons ; die linke kratzte sich die Ähren aus dem etwas röthlich kurzgeschorenen Haar . Statt den Maler anzureden , pfiff er sich eine Melodie , die nicht zu den gewöhnlichen gehörte und Bekanntschaft mit den Modeopern verrieth . Siegbert Wildungen war der neuesten Opern sicher unkundiger , als jener bequeme und in seinen Blicken fast zudringliche dreiste Gesell . Während Siegbert in seiner Zeichnung fortfuhr und das Zifferblatt des Thurmes bald den vollen Schlag der fünften Stunde voraus anzeigte , hörte man einen Wagen in der Nähe . Eine herrschaftliche Kutsche fuhr von der Allee , die zur Stadt führte , die Anhöhe herauf und hielt vor dem Eingangsportal des in Siegbert ' s Rücken liegenden herrschaftlichen Gartens . Er hatte des geschmacklosen kleinen Schlosses , das dem Besitzer von Tempelheide zu gehören schien , anfangs wenig Acht gehabt . Der Park , der es einschloß , schien ihm von vielem Nadelholze fast zu düster ; nur ein sonderbares Etablissement am Rand desselben oberhalb des Kornfeldes hatte ihm ein Lächeln abgelockt . Es war ein großer hölzerner Regenschirm oder ein Riesenpilz , dessen Dach eine unter ihm gedeckte kleine Mittagstafel vor der Sonne schützte . Der Besitzer des Schlosses nennt unstreitig diesen Regenschirm oder Pilz seinen chinesischen Pavillon , hatte er sich gedacht und dabei eingestanden , daß ein Abendimbiß in dieser freien Luft , beim würzigen Hauche der düstern Tannen des Parkes , dem Dufte des weißen Flieders und der Linden von der Kirche her , bei alledem höchst erfreulich und ländlich-anmuthig sein konnte . Sein Nachbar schielte schon lange von Zeit zu Zeit nach dem Pavillon hinauf und dem weißen gedeckten Tische und den Gläsern und Tellern , dem Silberzeuge , den Messern und Gabeln , und sein Schweigen brechend , rief er , auf die dreißig Schritte , die er von der Brombeerhecke etwa entfernt war , in gutem geschultem Deutsch , die satirischen , auf die Kutsche bezüglichen Worte hinüber : In der alten Carrête da haben sie gewiß schon Ziethen aus dem Busch begraben . Siegbert Wildungen verstand ganz gut , daß die » Carrête « die eben angefahrene Kutsche sein sollte , blickte aber nicht hin . An ihrem Gepolter schon hörte er , daß sie baufällig und altmodisch sein mußte . Sie aber auf den alten Ziethen » aus dem Busch « zurückzuführen , das war eine Landesanschauung , die ihm , obgleich er demselben Staate angehörte , nicht gleich ganz geläufig war . Er beantwortete die Bemerkung nicht . Nach einer Pause lachte der junge Rothhaarige wieder hell auf und sagte : O Je ! O Je ! Die alten Schindmähren hat schon Methusalem gefahren . Siegbert Wildungen fühlte sich vom Ton des Sprechers und noch mehr von seiner Absicht , ein Gespräch anzuknüpfen , nicht eben angenehm berührt und antwortete wieder nur durch ein leichtes Aufblicken . Es schien ihm so unwürdig , sich gleichsam auf Geheiß eines solchen Menschen umwenden zu sollen und seine selbstgenügsamen Witze beifällig zu bestätigen . Dennoch regte ihn unwillkürlich die Vorstellung von Pferden , die schon Methusalem gefahren hätte , an , und es half nichts , er mußte nun über seine Mappe hin wenigstens zu dem Gesellen im Kornfelde einmal hinüberlugen . Als dieser mit spähendem Auge das erwachende Interesse des Malers bemerkte , fuhr er , wie dadurch ermuthigt , fort : Fallen Sie nicht , Excellenz ! Immer langsam voran , altes schweinsledernes Porcus Juris ! So ! Kommen Sie zum Handkuß bei Ew . Gnaden , Phylax und Sultan ? Kätzchen darf auch guten Tag sagen ? Miau ! Miau ! Und der schwarze Spitzbub , der Rabe , hui ! was der ihm wol ins Ohr geplauscht hat von Galgen und Rad ! Ein Compliment von Kühnapfel und Tschech ? Nicht wahr , Du alter Küster vom Rabenstein ! Jetzt wird wol gefrühstückt ? Laßt ' s Euch gut schmecken ! Prosit die Mahlzeit ! Während dieser sonderbaren , mit scharfem maliziösen Ton vorgetragenen Worte schnarrte die alte Thurmuhr Fünf . Siegbert konnte jetzt nicht umhin , sich völlig umzuwenden und sich die Scene anzusehen , die ihm ebenso barock geschildert worden war . Die mehrerwähnte Kutsche fuhr eben am Gartenstackete entlang , um in die entfernter liegende Hofthür einzulenken . Im Garten und vor dem Schlosse sah er Niemand mehr . Schade , daß Sie zu spät kamen , sagte Siegbert ' s immer zutraulicher werdende Bekanntschaft . Wer stieg denn aus ? fragte Siegbert nach einer Weile mit einem ruhigen und sanften Tone . Der , dem das Schloß da gehört , antwortete der Fremde , kennen Sie ihn nicht ? Gibt ' s vielleicht einen Herrn von Tempelheide ? bemerkte Siegbert . Tempelheide ? Das nicht ! Da wohnt der alte von Harder im Sommer . Wer ist der alte von Harder ? fragte Siegbert , ohne in seiner Arbeit aufzuhören . Es gibt zwei Excellenzen von Harder . Eine junge und eine alte . Also die Excellenzen von Harder kennen Sie nicht ? Da sind Sie fremd . Die junge Excellenz verwaltet die königlichen Gärten , wie Erzengel Michael das Paradies , aber blos mit der Gießkanne und dem Rechen in der Hand . Der Alte aber trägt ' s Schwert und die bekannte Wiegeschale . Der ist bei uns Gottes wirklicher Stellvertreter auf Erden , wenigstens was die zeitliche Gerechtigkeit anbetrifft . Also wol der Justizminister ? Beinahe , aber noch mehr ! Es ist der Präsident des Obertribunals ! Neunzig Jahr alt ! Halbblind , wie ' s Madame Themis verlangt , wackelig wie ihr Wiegebalken . Die Der schon alle hat köpfen lassen , die würden drüben nicht auf den Kirchhof hin können ! Ein Todesurteil bestätigen , ist ihm wie ' ne Prise Schnupftaback nehmen . Die Leute haben großen Respect vor ihm ; mir kommt er aber kindisch vor . Man muß ihn nur sehen , wenn er mit Hunden und Katzen , besonders aber , wenn er mit einem gewissen Raben spricht . Wer neunzig Jahr alt geworden ist unter den Schlechtigkeiten der Menschen , bemerkte Siegbert , doch angezogen von der abgerissenen Rede des Nachbars , Dem ist nicht zu verdenken , daß er uns vernünftige Zweibeine längst satt hat und sich mit den unvernünftigen Thieren unterhält . Thut er denn Das ? Der Nachmittagsschläfer pfiff sich statt der Antwort ein Lied , reinigte seinen Hut und band die Halsbinde um , dann sagte er , als hätte er die Frage erst überlegt : Schlechtigkeiten ? Schlechtigkeiten ist manchmal so - so - bei der Handthiererei , dem Rechtsverdrehen . Er sang dann weiter . Nach einer kleinen Pause , die nun auf die letzten mit großer Bitterkeit gesprochenen Worte auch Siegbert machte , bemerkte dieser ruhig fortzeichnend : Haben Sie wol einen Proceß verloren ? Einen ? Mitunter ein Dutzend , antwortete der Fremde und setzte pfiffig hinzu : Noch öfter aber welche gewonnen . Gerade wegen der gewonnenen Processe legt sich der Respect vor der Justiz . Aber ' s Obertribunal ist gut ; es kommt nur darauf an , daß Einer soviel Lunge , d.h. Geldbeutel hat , um sich nicht außer Athem zu laufen , bis er bei der neunzigjährigen Unparteilichkeit da oben angekommen ist . Siegbert antwortete nicht ; auch der Fremde schwieg eine Weile , ordnete sein Hemd , zog an seinen Pantalons , an denen er die gelösten Sprungriemen wieder befestigte , zog eine Taschenbürste und strich sich sein röthliches Haar . Als diese Toilette , die er immer noch im Liegen machte , vorüber war , warf er , auf Siegbert ' s Arbeit deutend , leicht hin : Sie zeichnen die Kirche ? Ist denn die Kirche da hübsch ? Das müssen Sie doch selbst beurtheilen können , erwiderte Siegbert , ein wenig empfindlich über diese Bemerkung , die fast spöttisch klang . Wie soll ich Das wissen ! antwortete der Fremde . Hübsch ? Der Münster in Strasburg soll hübsch sein . Er ist groß , und der Dom in Köln soll noch größer werden . Auch unser Dom ist schön - Hm , hm - Die Kirche da ! Ei ja ! Die Linden machen sich ganz artig und bei Mondenschein läßt sich ' s vielleicht noch schöner an ! Dann präsentirt man so was einer schönen Demoiselle , die legt ' s in ihr Album und schreibt darunter : Liebe mich , ich liebe dich - junger Maler - blondes Haar - Calabreser - gestern kennen gelernt , heute geliebt - morgen vergessen . Kennen Sie solche Albums ? Diese wieder mit großer Bitterkeit gesprochenen fast fein satirischen Worte aus dem Munde eines sich doch so roh geberdenden Menschen überraschten Siegbert . Waren ihm schon seine frühern Äußerungen befremdlich gewesen , so widersprach doch diese letzte so sehr der Vorstellung , die man von dem Bildungsgrade eines wie ein Vagabond sich ankündigenden Menschen haben konnte , daß er voll Erstaunen fragte : Haben Sie sich in der großen Welt bewegt ? Wie so ? lachte der Fremde höhnisch und stand jetzt auf . Indem er seine Kleider abputzte , die Weste zuknöpfte , den zerknitterten Hut bürstete , erschien er , wenn auch kleiner , doch stattlicher als vorhin und zeigte sich als ein junger blasser Mann mit hellblauen scharf durchdringenden Augen , zartem Teint und fast weiblichen Gesichtsformen . Er war nicht so groß , als er im Korn liegend erschien . Alles an ihm war schmächtig , zart , unausgebildet . Er schien im Anfang der zwanziger Jahre zu sein , während um den Mund , um die bitter sich zuweilen aufwerfenden Lippen viel ältere Erfahrungen zuckten . Das ganze Erscheinen war verstört , überwacht , wie an einem Menschen , der den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tage macht . Sie denken wol Wunder , was Einer sein muß , sagte er die Augen fast verletzt zusammenkneifend , um von Albums zu sprechen ? Dazu braucht man nur ein Buchbinder oder ein Bedienter zu sein . Ein Lakai , der nicht ganz auf den Kopf gefallen ist , könnte bessere Geschichten erzählen , als die er seinem Fräulein aus der Bibliothek zum Lesen holen muß . Übrigens bin ich weder ein Buchbinder noch ein Lakai . Adieu ! Siegbert erschrak . Er war gutmüthig genug , dem Fremden , der wirklich ging , nachzurufen : Wer hat Sie denn für etwas so Geringes gehalten ! Bleiben Sie doch , Sie empfindlicher Mann ! Seine Worte verhallten aber . Der Fremde war schon den Hügel hinaufgestiegen , weniger , wie es schien , um sich ganz zu entfernen , als um dort oben sein zweckloses Schlendern fortzusetzen . Siegbert machte sich nun Vorwürfe , ihn verletzt zu haben . Er gehörte zu den rücksichtsvollen Naturen , die Jeden gern in seiner Art gewähren lassen . Dazu kamen seine Begriffe über die sittliche Hebung der niedern Stände , die Ideale , die auch er , wie jetzt soviel edle und träumerische Menschen , sich über die mögliche Änderung der bisherigen Zusammensetzung unserer Gesellschaft gebildet hatte . Betriffst du dich nicht immer , klagte er sich in Gedanken selber an , auf dem Widerspruch , daß du wol die Menschheit im Ganzen und Großen liebst und den Menschen selbst geringschätzest ! Du fühlst mit dem Unterdrückten , hassest diese ungerechte Vertheilung der Erdengüter , bewunderst die wohlmeinenden Geister , die das Geld abschaffen wollen , um von dem Ersatz dafür Jedem soviel zu geben , als er für sein Dasein braucht , und jedes mal , wenn du wirklich mit dem Volke in Berührung kommst , wird es dir so schwer , über schlechte Kleider , entstellte Mienen , rohe und menschenscheue Manieren hinwegzukommen ! Siegbert war über sich selbst so misgestimmt , daß er aufstand und seine Arbeit für beendigt erklären wollte . In diesem Augenblick sah er von der Seite des Schlosses her auf den Pavillon zuschreiten eine schwarz gekleidete nicht junge Dame , die einen uralten gebückten Greis am Arme führte . Ein gleichfalls alter Diener folgte in bescheidener Entfernung . Unstreitig war dies der Präsident des Obertribunals , der wol jetzt erst unter dem Dach des Pavillons sein Mittagsmahl nehmen wollte . Die sanftblickende Dame ging schweigend , in liebevoll herabgebeugter Haltung , neben dem Greise , der noch in würdiger schwarzer Amtstracht , an den heißen Sonnenstrahlen seine Freude zu haben schien . Langsam die Stufen zum Pavillon hinanschreitend , nahm er Platz vor einem der gedeckten Couverts , die sorgende Begleiterin an dem zweiten Couvert . Der kleine sauber gedeckte Tisch war nur für zwei Personen , höchstens noch einen Gast berechnet . Ein solcher saß auch schon am Tisch , kein Mensch , sondern ein großer Rabe , der mit seinem Schnabel die Ordnung des Tisches nachzumustern schien und mit klugem Ernst sich umschaute , ehe er von einigen Körnern pickte , die auf