Weerth , Georg Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Georg Weerth Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski Vorspiel Als der Verfasser des Lebens und der Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski die ersten Arabesken seiner wundervollen affen- und ebenteuerlichen Geschichte schrieb , da fiel es ihm im Traume nicht ein , daß zur Belohnung für all die herrlichen Erzeugnisse seines unsterblichen Geistes einst ein Gerichtsvollzieher bei ihm erscheinen werde , um ihn mit würdiger Miene , aber in sehr nachdrücklichem Tone vor den Herrn Instruktionsrichter des Königlich-Preußischen Landgerichtes in Köln zu zitieren . Der Verfasser des Schnapphahnski hielt sich bisher für einen der unschuldigsten Menschen unsres verderbten Jahrhunderts . Er hatte sich oft darüber geärgert - denn nichts ist langweiliger und uninteressanter als die Unschuld . Als er aber den Gerichtsvollzieher sah und den Erscheinungsbefehl , in dem es klar und deutlich zu lesen war , daß er sich binnen zwei Tagen in dem Verhörzimmer des Richters melden solle , widrigenfalls nach der ganzen Strenge der Gesetze gegen ihn verfahren werde - kurz , als er sich davon überzeugte , daß man ihn für nichts mehr und nichts weniger als einen - Verbrecher halte : da sprang er empor mit dem Schrei des Emzückens , mit dem Jubel der Freude ob der endlich verlorenen Unschuld - er warf den Sessel um und den Tisch und alles , was darauf stand , und wäre fast dem Gerichtsvollzieher um den Hals gefallen , um ihn zu herzen und zu küssen , und ein über das andere Mal frohlockte er : » Ich bin ein Verbrecher ! ein Verbrecher ! Verbrecher ! « Die Freude des Verfassers hat sich seitdem in etwa gelegt . Er erschien nämlich wirklich vor Gericht , und es wurde ihm plötzlich sehr seltsam zumute . Das heilige Gerichtsgebäude der fröhlichen Stadt Köln machte trotz alledem einen unangenehmen Eindruck auf ihn . Mit den zwei nach vorn gekrümmten Seitenflügeln schien es ihn wie mit zwei abscheulichen Armen ergreifen und nicht wieder loslassen zu wollen . Und als nun gar rechts einige Erzengel der Gerechtigkeit mit langen Schleppsäbeln und großen häßlichen Schnurrbärten aufmarschierten und links Advokaten , Instruktionsrichter und Landgerichtsräte - alles Leute , die am Abend , im Wirtshause , bei einer Flasche Wein ganz manierlich aussehen - in langen wallenden Talaren , mit weißen Beffchen und altmodischen , höchst schauerlichen Mützen vorbeispazierten : da regte sich mit einem Male eine gewisse Stimme in der Seele des Angeklagten und sprach : » Wehe dir , wenn du etwas Böses getan hast ; mit der heiligen Themis ist nicht zu spaßen ! « Doch was soll ich meinen Lesern die Gemütsbewegungen des unglücklich-glücklichen Verfassers noch weiter schildern - ? Was geht meine Leser der Verfasser an ? - Wenden wir uns daher zu dem Prozesse selbst . Die Anklage lautet auf Verleumdung . Cervantes verleumdete den Don Quijote , Louvet verleumdete den Chevalier Faublas , ich soll den Ritter Schnapphahnski verleumdet haben . Das ist schrecklich ! Hat man den Cervantes gehängt ? Nein . Hat man den Louvet guillotiniert ? Nein . Wird man mich köpfen ? Wer weiß es ? Es wäre schade um mich . Es gibt nichts Schlimmeres auf Erden , als wenn man den Kopf verliert . Einstweilen besitze ich ihn noch , und hin und her habe ich mich besonnen , ob es wohl schon je so etwas gegeben hat , was dem Prozesse Schnapphahnski ähnlich sah . Die heilige Justiz möge mir verzeihen , wenn ich ihr unrecht tue - ich konnte noch nichts finden . Und nähmt ihr die Flügel der Morgenröte und flögt bis zum äußersten Meere : ihr fändet noch keinen zweiten Prozeß Schnapphahnski . Das einzige , was ihm entfernt ähnlich sieht , finden wir aufgezeichnet in dem 11. und 12. Kapitel des 2. Buches der » Erschrecklichen Heldentaten und Ebenteuer Pantagrueli , der Dipsoden König , in sein ursprünglich Naturell wiederhergestellt durch Meister Alcofribas , der Quintessenz Abstraktor « . Ich brauche meinen Lesern nicht zu bemerken , daß dieser Alcofribas niemand anders ist als : Meister Franz Rabelais , der Arzenei Doktoren . Meister Franz schildert uns in dem erwähnten Kapitel seines unübertrefflichen Werkes , für das er ebenfalls weder gehängt , guillotiniert noch geköpft wurde : den Prozeß Leckebock-Saugefist . Um meinen Lesern einen Vorgeschmack von dem möglicherweise zum wirklichen Ausbruch kommenden Prozeß Schnapphahnski zu geben , führe ich das Plädoyer jenes merkwürdigen Falles wörtlich an : » Da sprach Pantagruel zu ihnen : Seid ihr es , die ihr den großen Streit mit einander habt ? - Ja , gnädiger Herr , antworteten sie . - Und welcher von euch ist der Kläger ? - Ich bin ' s , sprach Herr von Leckebock . - Nun , mein Freund , so erzählet uns also Punkt für Punkt euren Handel rein nach der Wahrheit : denn bei dem hohen Sakrament ! wo ihr auch nur ein Wort dran lügt , hol ich den Kopf euch von den Schultern , und will euch weisen , daß man in Rechten und vor Gericht nur die lautere Wahrheit sagen soll . Darum hütet euch also wohl , eurer Sache etwas zuzusetzen oder davonzutun ! Saget an . Da begann denn Leckebock wie folgt : Gnädigster Herr , es ist wohl wahr , daß eine brave Frau meines Hofes Eier zu Markte trug - bedeckt euch , Leckebock , sprach Pantagruel . - Großen Dank , Herr , sagt ' der Junker : doch weiter im Text : zwischen den beiden Wendezirkeln kam sie sechs Kreuzer zenithwärts und einen Stüber , in Betracht daß die Riphäischen Berg dies Jahr sehr unfruchtbar an Gimpel-Schneisen gewesen waren , mittels eines Aufruhrs , der sich zwischen den Kauderwelschen und den Accusirnern erhoben , wegen der Rebellion der Schweizer , die sich auf Pumpzig an der Zahl zum Heereszug gen Neuennadel versammelt hatten , im ersten Loch des Jahres , da man die Supp den Ochsen , und den Jungfrauen den Kohlenschlüssel zum Haberschmaus für die Hund verabreicht ' . Die ganze Nacht ward ( Hand am Pot ) nichts weiter geschafft , als daß man Bullen expediert auf Posten zu Fuß und Knecht zu Roß , um alle Kähn in Beschlag zu nehmen , denn die Schneider wollten ein Blaserohr aus den gestohlenen Flecken machen , den Ocean zu überdachen , der damals nach der Heubinder Meinung mit einem Krautgemüs schwanger ging . Aber die Physici meinten , es wär an seinem Wasser kein Zeichen zu sehen so deutlich wie am Fuß des Trappen , Hellebarden mit Senf zu pappen , wofern nicht die Herren Oberrichter der Syphylis aus Be Moll verböten hinter den Laubwürmern drein zu stoppeln , und also während des Gottesdiensts spazieren zu gehen . Ha , ihr Herren , Gott helf uns weiter nach seinem Rat , und , wider des Unglücks böse Tück zerbrach ein Kärrner nasenstüblings sein Peitsch : denn das Gedächtniß verrauchet oft , wenn man die Hosen verkehrt anzeucht . - Hier sprach Pantagruel : Sacht , mein Freund , nur sacht ! sprecht langsam , ereifert euch nicht . Ich versteh den Kasus ; fahret fort . « Und Leckebock fuhr fort , noch eine halbe Stunde lang zu reden , in bisheriger Weise . Nachdem er sich aber aller seiner Weisheit entledigt hatte , setzte er sich und murmelte : » Demnach , Gestrenger , bitt ich schön , Euer Hoheit woll in dieser Sach erkennen und sprechen was Rechtens ist , nebst Kost , Zinsen und Schadenersatz . « Da erhob sich Herr von Saugefist ; er räusperte sich vierundsechzigmal und erwiderte : » Gnädigster Herr , und ihr andern Herren , wenn die Bosheit der Menschen so leicht nach kategorischem Urtheil erkannt würd ' , als man die Mücken im Milchnapf sieht , so würd ' das Vier-Ochsen-Land von den Ratzen nicht so zerfressen sein als es ist , und manche zu schimpflich gestutzte Ohren würden annoch auf Erden sein . Denn obschon was die Geschicht des Facti und den Buchstaben anbetrifft , des Gegners Bericht auf ein Härlein wahr ist , so sieht man doch gleichwohl , meine Herren , die Listen , Schlich und die feinen Häklein , und sieht wo der Hund begraben liegt . Ey heilige Dam ! man kann den Schnabel nicht mit Kuhmist heitzen , ohne sich Winterstiefel zu kaufen , und die Schaarwach kriegt ein Klystier-Decoct oder den Kackstoff . Muß man derhalb die hölzernen Bratspieß schmoren ? Doch der Mensch denkt und Gott lenkt , und wenn die Sonne hinunter ist , sitzt alles Vieh im kühlen Schatten . Anno Sechs und dreißig kaufte ich mir noch einen Fuchsschwanz . Er stand fein hoch und kurz : die Woll ' so ziemlich , aber gleichwohl hing der Notar sein Cetera daran . Ich bin kein Studierter , aber im Buttertopf , wo die vulkanischen Instrument besiegelt wurden , ging das Gerücht , der gepökelte Ochs , der spüret den Wein in stockfinsterer Mitternacht ohn Licht aus , und stäcke er auch zu unterst im Sack des Kohlenbrenners . Zwar ist an dem , daß die vier Ochsen , von denen die Rede ist , einigermaßen ein kurzes Gedächtniß hatten , doch was die Murrner anbetrifft , so hätten sie auch bei der Hundshochzeit zum Garaus geblasen und der Notar hätte auf kabbalistisch seinen Rapport darüber erstattet , daß sechs Morgen Wiesenland keine drei Flaschen Dinte geben . « So sprach auch Saugefist noch eine lange Weile . Als er aber ebenfalls ausgeredet , » erhub sich Pantagruel , rief alle Präsidenten , Räth und Doctores zusammen , und sprach zu ihnen : Wohlan ihr Herren , ihr habt nun vivae vocis oraculo den Handel gehört , davon die Red ist ; was dünkt euch dazu ? Und sie antworteten : Freilich haben wir ' s gehört , aber wir verstanden für ' n Teufel auch nicht ein Wörtlein davon . Bitten Euch demnach una voce unterthänigst um die Gunst , daß Ihr nach Eurer Einsicht wollt das Urthel sprechen . « Da nahm Pantagruel das Wort und sprach : » Auf Vernehmen , Anhörung und reifliches Erwägen des Streites der Herren von Leckebock und Saugefist , erkennt das Gericht , daß in Betracht dessen und dessen und in Erwägung , daß die Glas-Molken auf nächsten Mai in Mitten August zahlbar sind , und die Guttural-Beinschellen durch Heu verstopft werden müssen , jene zu leisten schuldig sind und Freund wie vor , ohne Kosten , aus Ursach . Also lautete die Fällung des Urtheils und beide Theile gingen zufrieden mit dem Bescheid von dannen , welches schier ein unglaublich Ding war : denn seit dem großen Regen hätt ' man noch nicht erlebt und wird ' s auch schwerlich in dreizehn Jubeljahren erleben , daß zwo uneinige Parteien in einem Rechtsstreit ebenmäßig das Endurtheil gut heißen sollten . Die übrigen anwesenden Räthe und Doctoren aber saßen dort wohl noch an drei Stunden steif und starr in stummer Verzückung , außer sich für Staunen ob des Pantagruels übermenschlicher Weisheit , welche sie aus Entscheidung dieses so schweren und kitzlichen Handels klar erkannten . Und säßen noch allda , wenn man nicht Essig und Rosenwasser die Fülle gebracht hätte , zu Erweckung ihrer fünf Sinne und Lebensgeister , da denn Gott ewig Lob für sei . - « So weit Alcofribas , der Quintessenz Abstraktor . Vor dem Prozeß der Herren Leckebock und Saugefist gab es keinen ähnlichen : und nach ihm gab es nur den des berühmten Ritters Schnapphahnski . Erwarten wir von ihm das Möglichste . Öffentlich werde ich an den meistbietenden Advokaten die Ehre , mich zu verteidigen , verkaufen lassen . Unsterblich kann er sich machen durch meine Verteidigung ! Denn meinen Prozeß werde ich besingen , in Jamben , in Daktylen , in Trochäen , » In Spondeen und Molossen , In antiken Verskolossen - « , der Gegenwart zur Lust , der Nachwelt zu unauslöschlichem Gelächter . Köln , Dezember 1848 Georg Weerth I Schlesien Sage mir , Muse , die Taten des vielgewanderten Mannes , Welcher so weit geirrt , nachdem aus Berlin man verbannt ihn ; Vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat , Auch bei Don Carlos so viel ' unnennbare Leiden erduldet . Gewiß ! Vater Homer , der weißbärtige griechische Barde , würde nicht den edlen Odysseus , nein , er würde den edlen Ritter Schnapphahnski besungen haben , wenn Vater Homer nicht zufällig in einer Zeit gelebt hätte , wo man weder Klavier spielte noch Manila-Zigarren rauchte , wo man weder an Berlin noch an Don Carlos dachte . Homer ist tot . Ich lebe . Das letztere freut mich am meisten . Was Homer nicht tun konnte : ich tue es . Homer besang den Odysseus - ich verherrliche den Ritter Schnapphahnski . Seltsame Vögel gab es auf Erden - von Adam an bis auf Heinrich Heine . Adam wurde im Paradiese geboren und war ein Mensch ; Heine sah das Licht der Welt in Düsseldorf und ist ein Gott - nämlich ein Dichter . Heine wohnt in Paris - dies wissen alle schönen Frauen . Viel artige poetische Kinder zeugte er . Sein jüngster Sohn ist aber ein Bär . Und dieser Bär heißt Atta Troll . Nächst dem Großen und dem Kleinen Bären dort oben am Himmel ist dieser Atta Troll der berühmteste Bär unserer Zeit . Meine Leser müssen mir nicht zürnen , daß ich von den Griechen plötzlich auf die Bären komme - die Hauptsache ist aber , daß Atta Troll in genauem Zusammenhange mit dem Ritter Schnapphahnski steht . In zauberisch-poetischen Nebel gehüllt , sehen wir nämlich in Heines klingendem Gedichte den Ritter Schnapphahnski zum ersten Male über die Bühne schreiten . Ein komisches zweibeiniges Wesen , in eine Bärin verliebt , der Finanznot blasse Wehmut auf den Wangen , beraubt seiner Kriegskasse von 22 Silbergroschen und die Uhr zurückgelassen im Leihhause von Pampeluna ! Schattenhaft , wie ein Jäger der wilden Jagd , huscht der edle Schnapphahnski an uns vorüber ; wir möchten ihn festhalten , einen Augenblick ; wir möchten ihm noch einmal ins Auge schaun , ihn noch einmal vom Wirbel bis zur Zehe betrachten , den geisterhaften , den interessanten Mann - aber fort ist er , ehe wir ' s uns versehen , und erstaunt fragen wir uns : Wer ist dieser Schnapphahnski ? Lieber Leser , sei nicht unbescheiden ! » Zwar alles weiß ich nicht , doch viel ist mir bewußt ! « Höre zu , was ich dir von Schnapphahnski erzählen werde ; es ist Zeit , daß der edle Ritter aus seinem zauberisch-poetischen Nimbus heraustritt ; an den Zipfeln seines Frackrocks zerre ich ihn vor das große Publikum . Wie schlafende Riesen liegen hinter uns die verrauschten Jahrhunderte , tot und stumm . Aber alte Historiker , bücherbestaubt und grün bebrillt , und naseweise Poeten prickeln und stacheln sie bisweilen mit ihren spitzigen Federn , und dann fahren sie empor , sie heben ihre Köpfe , sie öffnen den Mund , und halb im Traume erzählen sie uns brockenweis ihre klugen und ihre törichten Geschichten - wie es gerade kommt , und bleischwer sinken sie wieder zusammen . Glücklicherweise habe ich es nicht mit den schlafenden Riesen der Jahrhunderte zu tun . Es handelt sich nur um die Vergangenheit des Ritters Schnapphahnski , und lieblos werde ich sie mit meiner Feder emporstacheln , damit die Welt doch endlich sieht , was sie an ihrem Ritter hat , damit unser Schnapphahnski doch endlich zur rechten Anerkennung gelangt . Das Dasein Schnapphahnskis gleicht einer bunten Arabeske . Manchmal wird es euch an die Aventüren des Chevalier Faublas erinnern ; bald an eine Episode aus der Geschichte des Ritters von der Mancha , bald an die Glanzmomente eines Boscoschen Taschenspielerlebens . Zärtlicher verliebter Schäfer , rasender Raufbold , Spieler , Diplomat , Soldat , Autor - alles ist dieser Schnapphahnski - ein liebenswürdig frecher Gesell . - Doch zur Sache ! Schnapphahnski ist von Geburt ein Wasserpolacke . Ich bitte meine Leser , nicht zu lachen . Schnapphahnski ist ein wunderschöner Mann , den manches allerliebste Frauenzimmerchen recht gern in den kohlschwarzen Bart hineinküssen würde . Der Ritter ist nicht groß , aber er ist hübsch und kräftig gebaut . Ein kleiner , schmaler Fuß , ein rundes Bein , eine gewölbte Brust , ein stolzer Kopf mit schwarzem Knebel- und Schnurrbart , flink und gewandt : das ist der Ritter Schnapphahnski . Ein Mann wie gedrechselt , mit funkelnden Augen , höhnischen Lippen und aristokratisch weißen Händen . Im Monat Mai seines Lebens war der junge , schöne Wasserpolacke Freiwilliger in dem 4. ( braunen ) Husarenregimente , dessen Stamm in O. in Schlesien stand . Das lautet wieder ganz prosaisch . Aber man denke sich den jungen Fant , dessen Fuß nur auf den Teppich oder in den silbernen Bügel trat , in knapper Uniform , die Reitpeitsche in der Hand , den ersten dunklen Flaum des Bartes auf den zarten Wangen , die Gewandtheit eines jungen Katers in jeder Bewegung und die Lüsternheit blitzend aus beiden Augen - und man wird gestehen müssen , daß es eben kein Wunder war , wenn er einen gewissen Eindruck auf die schöne Gräfin S. machte . Die schöne Gräfin S. verliebte sich in den braunen Husaren . Weshalb sollte sie nicht ? Wär ich die Gräfin S. , ich hätte es auch getan . Der jugendliche Freiwillige war gar zu reizend . Schon damals zeigte sich bei ihm die Gabe der Rede , jenes Talent , was ihm später von so unendlichem Nutzen war , mit dem er so manchen stillen Landtagsabgeordneten in haarsträubendes Erstaunen setzte . Die Worte flossen ihm so glatt von den Lippen , und eine jede Phrase begleitete er so ausdrucksvoll mit der schneeweißen Hand , daß die arme Gräfin zuletzt nicht mehr widerstehen konnte und sich ihrem Husaren auf Gnade und Ungnade ergab . Glücklicher Ritter ! Er durfte seinen jungen Schnurrbart auf die kußlichsten Lippen ganz Schlesiens drücken . Kaum der Schule entlaufen und schon ein Alexander , der eine Welt , ein Herz eroberte ! Soweit war alles gut . Daß Schnapphahnski ein gräfliches Herz stahl : niemand wird ihm das verdenken ; und daß er seine Gräfin küßte : nun , das war seine verfluchte Schuldigkeit . Denn der Mensch soll küssen ! In flammender Frakturschrift steht dies geschrieben in den rosigen Abend- und Morgenwolken . Der Mensch soll küssen ! In kleiner Schrift stehet es geschrieben auf dem Blatt jeder Rose , jeder Lilie . Schnapphahnski küßte , und er gehorchte dem Gesetz , das mehr als die Frakturschrift der brennenden Wolken und mehr als die kleine Schrift der Lilien und der Rosen die Lippen einer Gräfin verkündigten , einer liebenswürdigen schlesischen Gräfin . Wie gesagt , bis zu diesem Augenblicke konnte man Schnapphahnski nicht den geringsten Vorwurf machen : er liebte und er ward geliebt , er küßte und er wurde geküßt . Der edle Ritter war aber nicht zufrieden mit dem Schicksal gewöhnlicher Sterblicher ; abenteuerlich juckte es in seinen Knochen ; er überredete die Gräfin zur Flucht , er entführte sie . - Der Ritter stand also in der dritten Phase seines Unternehmens . Zuerst geliebt , dann geküßt , und nun entführt . - Alle Ehemänner werden ihn des letztern wegen ernstlich tadeln ; so etwas ist unhöflich ; ein Weib entführen : das ist nicht recht ; einen armen Ehemann mit seinen Hörnern und mit seinem Gram allein zurückzulassen , das ist hartherzig und unpolitisch ; namentlich unpolitisch , denn wollte man jede Helena entführen , wie viele Städte würden da nicht das Schicksal Trojas teilen ? welches Elend würde über die Welt kommen ? Paris , Wien und Berlin würden in Rauch und Flammen untergehen - aller Spaß hörte auf , mit den Nationalversammlungen hätte es ein Ende , und mancher edle Ritter Schnapphahnski würde vergebens seine Beredsamkeit an den Mann zu bringen suchen . Aber unser brauner Husar mit den prallen jugendlichen Schenkeln und den lüsternen Augen dachte weder an die Vergangenheit noch an die Zukunft , als er die schlesische Helena lächelnd hinauf in den Wagen hob , um eiligst das Weite zu suchen . Weshalb sollte er auch an die Zukunft denken ? War die Gegenwart nicht schön genug ? Ach , so herrlich fuhr es sich an der Seite des himmlischen Weibes . Die Vögel sangen , die Blumen schauten verwundert zu den Liebenden empor , und die Rosse trabten hinweg ventre à terre , und ihre Mähnen flatterten im Winde . Die Küsse , die man in solchen Augenblicken küßt , müssen nicht mit Millionen zu bezahlen sein . Glücklicher Schnapphahnski ! Während er die Lust des Daseins schmeckte , lief dem geprellten Ehemanne gewiß bei jedem Kusse , ohne daß er wußte weshalb , ein eisiges Frösteln über den Nacken . Wo war doch dieser Ehemann ? Es ist wirklich merkwürdig , die Ehemänner sind tausendmal zu Hause , wenn es sich um eine wahre Lumperei handelt , aber der Teufel weiß , wie es kommt , daß sie stets abwesend sind , wenn es sich um ihre Frisur dreht . Wer weiß , was aus der Frisur des Grafen S. geworden wäre , wenn nicht der Kutscher der Liebenden , ein tressengeschmückter Kerl mit gewichstem Schnurrbart und schrägsitzendem Hute , plötzlich die Zügel der Rosse fest angezogen und , vom Bock hinunter und an den Wagenschlag springend , dem schönen Paris , dem braunen freiwilligen Husaren Schnapphahnski mitgeteilt hätte , daß ganz gegen die Fabel der ehrenwerte Ehemann , der Herr Menelaos , der Graf S. , soeben im Begriff sei , ihnen aufs gemächlichste entgegenzureiten . Man kann sich die Stimmung Schnapphahnskis denken ; er begriff nicht , wie die unsterblichen Götter so unverschämt sein konnten , dem lustigsten Husaren ganz Schlesiens auf so erbärmliche Weise in den Weg zu treten . Aber in den gefährlichsten Momenten zeigt sich die Bravour eines sinnreichen Junkers am eklatantesten . » Gräfin « , sprach er zu der zitternden Helena , » ich werde dich ewig im Herzen tragen . Aber so wahr ich Schnapphahnski heiße und vom reinsten preußischen Adel bin : höhere Rücksichten gebieten mir , in diesem Augenblicke auf dich zu verzichten , damit nicht aus deinem Raube ein zweiter Trojanischer Krieg entspringe , städteverwüstend und hinraffend der Edlen viel aus der preußischen Heerschar . Steige daher hinab auf die Landstraße , wo dich ein zärtlicher Gatte mit den liebenden Armen umfangen wird , um dich zurückzuführen gen O. in Schlesien , wo das 4. Regiment der braunen Husaren steht , ein Regiment , dem ich auf ewig Lebewohl sage . « Schnapphahnski schwieg , und sein Herz klopfte wilder - der Herr Menelaos kam immer näher . Mochte die Träne von den Wimpern der schönsten aller Frauen rieseln - galant bot ihr der kühne Ritter den schützenden Arm und hob sie hinab . Schnapphahnski selbst kehrte aber zurück in die harrende Karosse ; der Kutscher strich seinen Bart und : » Treibend schwang er die Geißel , und rasch hin trabten die Rosse « - und Schnapphahnski ward nicht mehr gesehen . Was sagen meine Leser zu dieser Geschichte ? Ist sie nicht wert , von einem preußischen Homer besungen zu werden ? Der Raub der Helena unterscheidet sich von dem Raub der Gräfin S. nur durch die Pointe . Der erstere endete damit , daß Troja in Flammen aufging , der andere fand darin seinen Schluß , daß der Graf S. , indem er seine Gemahlin nach Hause zurückführte , den jungen Schnapphahnski den - Stöcken seiner Lakaien empfahl . Armer Schnapphahnski ! - Rächenden Gespenstern gleich stehen hinfort die Bedienten des Grafen S. vor der Seele des irrenden Ritters . In der Stille des Gemaches , in dem Lärm der Gassen hat er keine Rast und keine Ruh . - O die Bedienten des Grafen S. ! O die verfluchten Lakaien aus O. ! Die Jahre sind geschwunden , und glücklich würde Schnapphahnski sein - sitzt er nicht endlich mit den Männern des Jahrhunderts auf ein und derselben Bank ? lauscht nicht ein ganzes Volk seinen tönenden Worten ? Aber ach , will er sich seines Schicksals freuen , da zuckt er , da schrickt er zusammen , denn sieh , durch das Wogen der Versammlung , über die Köpfe seiner Bewundrer schaut es plötzlich wie ein Gesicht aus O. , wie ein Bedienter des Grafen S. - und tief verhüllt der edle Ritter sein erbleichendes Antlitz . II Troppau Zu den Eigenschaften eines Ritters ohne Furcht und Tadel gehört nicht nur ein kleiner Fuß , eine weiße Hand , ein kohlschwarzer Schnurrbart , ein herausforderndes Profil , eine halbe Million , ein Dutzend Liebschaften - nein , auch ein Duell . Ein glücklich überstandenes Duell verleiht dem Menschen einen eigentümlichen Reiz . Ich rate einem jeden , sich wenigstens einmal in seinem Leben auf 14 Schritt mit Pistolen zu schießen . Das ist eine herrliche Sache . Die Frauen werden ihm artiger und die Männer werden ihm höflicher entgegenkommen . Man weiß , er hat seine Sporen verdient , er hat den Kugeln getrotzt , er hat sich als Mann gezeigt - kann man den Frauen ein größeres Vergnügen machen , als wenn man ihnen beweist , daß man ein Mann ist ? So auch dachte der Ritter Schnapphahnski , als er nach seinem unsterblich schönen Abenteuer mit der Gräfin S. wohlweislich den Weg zwischen die Beine nahm und sich auf eine unglaublich schnelle Weise aus dem Staube machte . Halte Gott vor Augen und im Herzen ! heißt es in der Bibel . Halte die Lakaien des Grafen S. vor Augen und im Herzen ! summte es in die Ohren Schnapphahnskis . Er sah ein , daß ihm in Schlesien weder Rosen noch Lorbeeren , sondern nur Hasel- und Heinebüchenstöcke sprießen würden , daß er in der Gegend von O. nie auf einen grünen Zweig kommen , sondern daß die grünen Zweige oder vielmehr die grünen Prügel nur auf ihn herunterkommen würden , und er zweifelte aus diesem Grunde daran , daß er es länger als Freiwilliger des 4. ( braunen ) Husarenregiments in O. aushalten könne , und , mit einem Worte , der edle Ritter entfernte sich , Schnapphahnski nahm reißaus . Ach ! Noch so jung und doch schon so unglücklich ! Der edle Ritter hätte über sich selbst weinen mögen . Aber was war gegen das häßlich-unerbittliche Schicksal zu machen ? Der allmächtige Schöpfer Himmels und der Erden kann das Geschehene nicht ungeschehen machen ; selbst der Kaiser Nikolaus ist ohnmächtig in diesem Punkte ... Schnapphahnski begriff , daß er die schöne Gräfin S. keck entführt und daß er sie feige verlassen hatte . Die Schande stand über seinem Leben so offenbar , wie die Sonne leuchtend über der Welt steht , und es handelte sich nur noch darum , wie man diese Sonne der Schmach am besten in den undurchdringlichsten blauen Dunst der Lüge verstecken könnte . Ein Mann wie Schnapphahnski , wenn er eine Flasche Champagner getrunken , drei Zigarren geraucht und sich sechsmal verliebt im Spiegel angesehen hat , ist nie um eine erbauliche , glaubhafte Lüge verlegen . Der edle Ritter war keineswegs ein solcher Narr , daß er schon von vornherein an seinem erfinderischen Haupte verzweifelte . » Bin ich nicht Schnapphahnski , ein Mann wie ein Engel ? « rief er , den jugendlichen Schnurrbart streichend und das ganze Firmament messend mit den flammenden Blicken . Unser Ritter hatte recht . Gewandt und hübsch machte er aus dem Abenteuer mit der Gräfin S. die schönste Duellgeschichte , eine Geschichte , so verwickelt , so verteufelt verzwickt , daß zuletzt niemand mehr daraus klug wurde - die Lakaien des Grafen S. ausgenommen . Die überstandene Gefahr eines erlogenen , aber nichtsdestoweniger frech ausposaunten Duells sollte die nackte Schmach eines feigen Entrinnens in etwa verhüllen . Die Welt sollte glauben , daß der edle Ritter unglücklich geliebt und daß er sich furchtbar geschossen habe - mit einem Worte , Schnapphahnski tat alles , was ein ehrlicher Mann tun kann , um aus einer schlechten Sache eine brillante Historie zu machen , und keck stürzte er sich wieder in den Strudel der vornehmen Welt - natürlich eben nicht in der Nähe der Lakaien des Grafen S. Mit ihrem Erfinder reiste auch die Fabel in die Welt hinein , und wie sie von Mund zu Munde ging , da nahm sie natürlich auch an Abenteuerlichkeit zu , so daß unser Schnapphahnski nach kaum einem Vierteljahre schon weit und breit als einer der wütendsten Raufbolde , als einer der schrecklichsten Duellanten seiner Zeit bekannt war . Unser Ritter war glücklich ; aber ach , er hatte vergessen , daß es nichts Gefährlicheres auf Erden gibt als Ruhm . Unberühmte Leute können die besten Gedichte machen , die schlechtesten Prozesse gewinnen und die ausgezeichnetsten Reden halten : man verzeiht ihnen das alles ; aber wehe dir , wenn du ein bekanntes Haupt bist , da paßt man dir auf die Finger , und du magst dich drehen und wenden , wie du willst , es sitzt dir irgendein Teufelskind im Nacken und erinnert dich daran , daß du ein sehr sterblicher und vergänglicher Mann bist . Der edle Ritter Schnapphahnski fand sein Teufelskind , den Kobold seines Lebens , in einem gewissen Grafen , in einem Manne , der zeit seines Lebens die Menschen lieber lebendig als tot fraß , lieber mit Haut und Haar als gestooft oder abgekocht