Gotthelf , Jeremias Uli der Pächter www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Jeremias Gotthelf Uli der Pächter Vorwort Der erste Teil dieses Buches enthielt die Geschichte eines Knechtes , welcher durch Treue aus einem Knechte zum Meister wurde . Dieser zweite Teil enthält die Geschichte eines Meisters , welcher in den Banden der Welt lag und welchen der Geist wirklich frei machte . Der erste Teil war den Einen zu weltlich ; was nun dieser Teil den Einen oder Andern sein wird , läßt der Verfasser dahingestellt . Der Verfasser behauptet nicht , das Rechte getroffen , sondern bloß das : mit ehrlichem Willen nach dem Rechten gestrebt zu haben . Ob das Publikum billig und damit zufrieden ist , weiß der Verfasser nicht . Mag es aber nun so oder anders sein , so ist das sein Trost , daß ihm , so Gott will , nirgends ein gedankenloses oder feiles Segeln mit herrschenden Winden wird nachgewiesen werden können . Lützelflüh , den 13. Oktober 1848 . Jeremias Gotthelf Erstes Kapitel Eine Betrachtung Drei Kämpfe warten des Menschen auf seiner Pilgerfahrt . Drei Siege muß er erkämpfen , will er dem vorgesteckten Ziele sich nahen , bei seinem Scheiden sagen können : Vater , es ist vollbracht , in deine Hände befehle ich meinen Geist . In einander hinein schlingen sich die drei Kämpfe , doch bald der eine , bald der andere drängt sich in den Vordergrund , bald nach dem Lebensalter , bald nach den Umständen . Wenn der Frühling des Lebens blüht , die Kräfte sich entfalten , das Herz von Wünschen schwellt , die Seele zum Fluge nach oben die Flügel regt , aus dem sichern Hafen des väterlichen Hauses hinaus ins Leben , hinaus auf des trügerischen Meeres Höhe das Schifflein strebt , da wenden die reinsten und edelsten Kräfte sich dem Suchen einer Seele zu , im Ringen nach ihrem Besitz erglänzt zum ersten Male des Mannes göttliche Gestaltung . Es lebt ein tief Gefühl im Manne , und Gott hat es gepflanzt in den Mann , daß er , um zu kämpfen mit des trügerischen Meeres wilden Wellen , um zu besiegen die andringende Welt , eine zweite Seele bedürfe , daß er ein Weib bedürfe , um sich in dieser Welt zu schaffen und zu gründen ein bleibend Denkmal , die schönste Ehrensäule : eine tüchtige Familie , fest gewurzelt in der Erde und kühn und fromm hoch zum Himmel auf die Häupter hebend . Hat er die Seele gefunden , mit welcher vereint er sich getraut ein Haus zu erbauen , eine feste Burg gegen die lockende , andringende Welt , dann will er diese Seele an sich fesseln durch der Ehe heilig Band , welches nur Gott lösen soll . Nur wer des Lebens Bedeutung und seinen Ernst verkennt , das Leben hält für ein Schaukeln auf den Wellen der Lust ohne Ziel und Zweck , nur der verkennt der Ehe hohe Bedeutung , verhöhnt sie als veraltet , als eine morsche Schranke gegen wahre Kultur . Der ist dann aber auch kein Sohn der Ewigkeit , sondern ein Kind des Augenblicks ; wie ein Irrlicht hüpft im Moor , so ist sein Wandel durchs Leben , wie ein Irrlicht versinkt im Moor , so sein Leben im Schlamme der Welt . Hat er das Gefundene errungen , mit sich vereint durch der Ehe heilig Band , dann hat er den ersten Sieg erkämpft . Aber wehe dem , der mit dem Siege allen Kampf zu Ende glaubt . Das Wahren des Sieges ist oft schwerer als desselben Erringen , wie ein rascher , kühner Anlauf leichter ist als ein fest und standhaft Ausharren ; diesen Wahn hat mancher Sieger mit Schmach und Tod gebüßt . Jetzt gilt es , die Ungleichheiten der Seelen auszugleichen , vor der Selbstsucht sich zu hüten und das innere geistige Band , die Liebe , zu wahren , die da langmütig ist und freundlich , sich nicht aufbläht , nicht ungebärdig stellt , nicht das Ihre sucht und sich nicht verbittern läßt . Dem Ehemann beginnt so recht eigentlich der Ernst des Lebens , der Kampf mit der Welt . Wahrscheinlich hat er schon lange mit ihr gehändelt , manch Scherzspiel mit ihr getrieben , aber so recht mit Bewußtsein beginnt doch erst jetzt die ernste Schlacht . Dem Feldherrn vor beginnen der Schlacht gleicht der Hausvater am Morgen nach geschlossener Ehe . Wenn bei grauen , dem Morgen am Schlachttage aus seinem Zelte der Feldherr tritt , ist ernst bewegt sein Herz , prüfend schweift sein Auge durchs Gefilde , ermißt die Höhen , erforscht die Schluchten , erwägt die Kräfte , die ruhen hier und dort , schlummern viel , leicht den letzten Schlaf , die bald sich messen werden in graulichem Gewühle . Er überschlägt den Anfang und denkt an das Ende . Während er sinnt und denkt , erwacht um ihn die Welt , Schildwachen rufen , Tritte rasseln , Pferde wiehern , Bajonette blitzen in der aufsteigenden Sonne , Rauch steigt auf , und zum Aufsitzen ruft die Trompete die Reiter . Des Tages Getöne verbreitet sich , es erwacht aus seinen Sinnen der Feldherr . Er rafft sich zusammen , ordnet die Kräfte , ruft zur Schlacht . Über dem Gewirre wacht sein Auge , mit starker Hand lenkt er dasselbe , rollt es auf , zieht es zusammen einem Netze gleich , in welchem der Fischer seine Fische fängt . Er beginnt den Kampf , die Kräfte messen sich , wie ein Wirbelwind wirbelt die Schlacht durch Schluchten , Felder und Berge . Der Donner der Kanonen erfüllt die Luft , blutrot färben sich die Waffen , schwarz und dunkel , ein grausig Leichentuch , legt der Rauch sich über Leichen und Lebendige , verhüllt den Augen der Gebietenden das Wogen der Schlacht . Da bedarf der Feldherr ein scharfes Auge , eine feste Seele , um mit starker , sicherer Hand die Wirbel der Schlacht zu schürzen und zu lösen nach seinem Sinne , sie zu behalten in seiner Macht , daß das Ende der Sieg ist und gebunden und ohnmächtig der Feind zu seinen Füßen liegt . Glänzt endlich auf des Siegers Haupt des Sieges Krone , so gilt es , sie zu bewahren , nicht ein Opfer seiner Siege zu werden , schmählich zu enden . Es ziehen Siege und Kronen gar zu leicht ins Herz hinein , schwellen das Herz , regieren das Herz , trüben den Blick , lähmen die Hand , jagen den Sieger in den Untergang , das Ende so vieler Sieger . Wie der Feldherr vor die Schlacht , trittet vor die Welt der junge Hausvater . Er will ihr abringen eine sichere Stätte , Platz zu einer Ehrensäule ; er prüft die Welt , mißt seine Kräfte , beginnt endlich den Kampf mit den vorhandenen Kräften und im Vertrauen auf sie . Tausende werden rasch niedergerannt von der Welt , verlieren alsbald Mut und Leben ; sie waren nicht befähigt zum Kampfe , ihr Dasein war und ist ein trostloses . Viele ringen immer und kommen nimmer zum Siege . Ihr Dasein ist ein mühseliges , das Schöpfen in ein durchlöchertes Faß , das Rollen des Steines , der immer wieder niederrollt , den Berg hinan ; zu einem festen Sitz kommen sie nicht , die Krone der Ehre schmückt ihre Scheitel nicht , der Welt ringen sie nichts ab , eitel und voll Mühe war ihr Leben , und keine Beute ward ihnen , weder eine äußere noch eine innere . Andere dagegen scheinen glücklich , siegreich zu kämpfen mit der Welt , große Beute von allen Seiten fällt ihnen zu , aber diese Beute ist eben das trojanische Pferd , welches die Mauern ums Herz sprengt , dem verräterischen Feind den Zugang öffnet . Wie die Siege dem Sieger zieht sie ein in des Eroberers Herz , wirft dort zum Herrn sich auf ; zum Knechte wird der Mensch , zu immer neuen Kämpfen hetzt sie den armen Sklaven , jagt ihn gleichsam alle Tage Spießruten ; was er auch erbeuten mag von der Welt , ihren Schätzen und Genüssen : Ruhe und Genügen findet er nimmer , jeder neue Gewinn ist Öl in die alte Gier und Glut , neue Jagd durch die Wüste beginnt an jedem neuen Morgen , bis er endlich elendiglicher verendet als der , welcher der Welt nichts abgewonnen hat . Und so wird es jedem ergehen in höherem und geringerem Grade , augenscheinlicher und minder bemerklich , in welchem nicht ein dritter Kampf sich erhoben hat und siegreich , nicht zu Ende geführt , aber doch dem Ende zugeschritten ist . Er ist der höchste der Kämpfe , aber auch der schwerste , es ist der Kampf mit dem eigenen Herzen , der Kampf des neuen Menschen mit dem alten , der Kampf des Geistes mit der Materie . Glücklich gefochten , bringt er aber auch den höchsten Lohn : hier ein Genügen , welches über allen Verstand geht , drüben die Krone der Gerechtigkeit , die Kampfgabe des ewigen Jerusalems . Im Herzen steckt von Anfang an und von Natur der alte Mensch , der da böse ist und verkehrt , Gott und den Nächsten haßt , sich allein liebt , lüstern ist nach der Welt , ihren Genüssen und Schätzen , der da einen Boden hat für alles Unkraut empfänglich , nicht für die Lust allein , absonderlich auch für Neid , Zorn , Haß und Rachgierigkeit . Dieser alte Mensch , vom Fleische geboren , ist es , der von der Welt sich locken läßt und gefangen genommen wird dem Affen gleich , dem man in einer Flasche Nüsse beizt ; in den engen Hals der Flasche zwingt wohl der Affe die leere Pfote , aber die mit Nüssen gefüllte bringt er nicht durch den engen Hals , die Nüsse fahren lassen will er nicht , läßt lieber Freiheit und Leben . Dieser alte Mensch ist der Zwillingsbruder der Welt draußen ; je mehr derselbe der Schwester abgewinnt , desto üppiger schwillt er auf , desto üppiger wird die Welt drinnen , desto größer ihre Gewalt , desto grausiger ihre Tyrannei über die arme Seele , wenn nämlich der dritte Kampf nicht entbrannt ist um die Emanzipation der Seele oder des neuen Menschen , der Kampf um das Himmelreich . Im dritten Kampfe soll eben nämlich der Himmel gewonnen und dieser gezogen werden ins Herz hinein , daß die Welt nicht Platz habe darin , daß man sie hat , als hätte man sie nicht , sie genießt , als genösse man sie nicht , übrig haben davon und Mangel leiden kann daran und beides unbeschwert . Der alte Mensch ist der erste , der erstgeborne , wenn man will . Es schlummert aber im gleichen Gehäuse ein zweiter Mensch , geschaffen nach dem Ebenbilde Gottes , aber gefesselt in dunkler Höhle , gefangen gehalten durch den alten Menschen , dem alten Barbarossa ähnlich , der da auch schlummern muß in dunklem Bergesschoße , bis ihn ein junger Tag zu frischem Heldentume weckt . Der neue Mensch muß eben auch geweckt werden und zwar durch den Geist , dessen Brausen man wohl hört , aber von dem man nicht weiß , woher er kommt noch wohin er fährt . Auf ihm liegt , schwerer als der schwerste Stein auf märchenhaften Schätzen , Moder und Schutt von Welt und Sünde . Gewaltiger als das Wehen der Winde , welche das Gebirge sprengen wollen , das auf den himmelstürmenden Riesen liegen soll , muß der Hauch des Geistes sein , welcher wegfegt Moder und Schnitt von Welt und Sünde , hebt den Stein vom engen Gehäuse , in welchem gefesselt liegt der neue Mensch , ihn kräftigt , daß er sich erhebt , den Kampf mit dem alten Menschen beginnt um den Besitz des Herzens , um des Lebens Ziel und Richtung . Ohne Gott kann hier nicht gekämpft werden , am allerwenigsten glücklich , aber wo Gott mitkämpft , muß der Kampf zum Siege führen . Doch nie zum vollständigen , solange in sterblichem Gehäuse die Seele wohnt ; erst im Grabe , das ist des Christen Hoffnung , versenkt er mit dem Leibe auch Sünde und Sündhaftigkeit . Der alte Mensch , wenn auch vom Throne gestoßen , ergibt sich auch in Fesseln nicht , erhebt alle Tage sich neu , gleich dem Satan , gegen Gott , wie hoffnungslos das Beginnen auch ist . Mit dem letzten Atemzuge erst legt er sich in ewige Ohnmacht . Darum bleiben fort und fort so bedeutsam die Worte : Wachet und betet , daß ihr nicht in Versuchung fallet ! Je schwächer der Bruder darum ist , desto mehr verliert die Schwester , die Welt draußen , ihre Macht über den Menschen , sie hat nicht mehr Platz im Herzen , sie regiert nicht mehr , sondern wird regiert . Der Kampf mit ihr nimmt in dem Maße ab , als der gegen den alten Menschen sich dem Siege nähert . Wer also kämpfet , der ist ein guter Kriegsmann Jesu Christi , darf hoffen , gekrönt zu werden ; des Lebens Bestimmung hat er erfüllt , das ewige Leben ergriffen , darf befehlen seinen Geist in des Vaters Hände . Oh , groß und wunderbar ist des Lebens Bedeutung und eng und schwer durch das Leben der Weg , der zum Ziele führt ! Oh , und wie leichtfertig und vermessen schlendern die Menschen durchs Leben , als ob sie weder Ohren noch Augen hätten , keinen Verstand , die Tage mit Weisheit zu zählen , als ob sie hundert Leben hätten , hundertmal von vornen wieder beginnen könnten , wenn eins in Liederlichkeit , Torheit und Sünde schmählich zu Ende gelaufen , als ob der Glaube abgeschafft sei und erlaubt , nach vieltausendjähriger Erfahrung erst sich zu bekehren , durch hundert verlorne Leben endlich klug geworden . Heil denen , welchen in diesem Leben Augen und Ohren aufgehen und das rechte Verständnis kommt , daß mitten in der Welt der Himmel errungen werden muß , wenn wir die Liebe bewahren , die Welt überwinden , den Himmel jenseits schauen wollen , daß wir Gott hienieden finden , unser Herz seine Herberge werden muß , wenn er droben uns herbergen , unser Teil werden soll in alle Ewigkeit ! Zweites Kapitel Der Antritt der Pacht Dieses alles dachte Uli nicht , als er am Morgen nach seiner Hochzeit vor das Haus trat , unwillkürlich am Brunnen vorbei hinter das Haus schritt , von wo man einen großen Teil des Hofes übersah , aber Ähnliches regte sich doch in ihm . Ein Weib hatte er errungen , ein besseres gab es nicht , das wußte er . Aber vor ihm stund nun die Welt , an dieser besaß er so viel als nichts ; das bedachte er , und bange ward es ihm . Er hatte sie angefaßt , diese Welt , den Kampf mit ihr begonnen , die Pacht um ein großes Gut war geschlossen , in wenig Tagen mußte er sie antreten , übers Jahr mehr als achthundert Taler Zins ausrichten , und diese achthundert Taler überstiegen sein Vermögen . Woher sie nehmen , wenn das Glück nicht auf seiner Seite stund , wem die Welt stärker war als er , ihm nichts ablassen wollte von ihren Schätzen , ihm entriß , was er bereits hatte ? Bangen kam über ihn , des Bangens Unruhe fuhr ihm in die Glieder , trieb ihn durch die Ställe , trieb ihn ums Haus herum , bis er wieder stillestund hinter demselben . Äcker und Wiesen rechnend übersah , rechnete und rechnete , daß ihm Hören und Sehen verging darob , daß er nicht wußte mehr , stund er auf dem Kopfe oder auf den Füßen , die Rechnungen sich verschlangen in einander , daß er nicht mehr wußte , wo der Anfang war , geschweige daß er das Ende finden konnte . Plötzlich wurde er umschlungen ; hochauf fuhr er , als ob es wirkliche Schlangen wären . Es war auch eine an Klugheit , aber eine ohne Gift und Galle , wie wir jedem Christen eine ins Haus wünschen möchten ; es war Vreneli , das freundlich vor ihn trat , traulich ihm ins Auge sah , beide Hände ihm auf die Schultern legte und sagte : » Aber Uli , Uli , hast die Ohren verloren ? Das Frühstück steht auf dem Tische , dreimal rief ich dir und allemal lauter und allemal umsonst . Uli , lieber Uli , fange mir nicht schon an mit Sinnen und Rechnen , weißt nicht , wie leicht man sich erst verrechnet und dann hinter , sinnet ? Laß uns beten und arbeiten , das Andere auf Gott stellen , der soll unser Rechenmeister sein . Der wird schon rechnen , daß es gut kömmt , und der böse Kummer und das plaghafte , ängstliche Wesen , welches immer auf dem Trocknen ertrinken will und an der Sonne erfrieren , kommen nicht an uns . Uli , lieber Uli , wollen wir ? « frug Vreneli fast wehmütig und streckte ihm die Hand dar . Uli schlug ein , folgte zum Frühstück , aber heiter ward doch sein Gesicht nicht . Wahrscheinlich wußte er auch kaum so recht , was er seinem Weibchen versprochen hatte . Es gibt gar viele Menschen , welche sich von einem Gedankenzuge , der sich ihrer bemächtigt hat , kaum mehr losmachen können . Der Gedankenzug reißt sie dahin , und wenn sie schon Rede und Antwort geben , so wissen sie doch nicht worauf und was . Sie sind wie Solche , die in einem Eisenbahnzug dahinfahren und ihre Lieben schreien ihnen nach und sie schreien den Lieben zurück , aber Keines weiß , was geschrieen wird . Es ist aber wirklich dem guten Uli zu verzeihen , wenn seine Gedanken gefangen und unwillkürlich in einer Richtung dahingerissen wurden , seine Lage war auch darnach . Vor ihm stund in nächster Nähe der Tag , wo er , wie man heutzutage zu sagen pflegt , ein Geschäft übernehmen sollte , welches weit , weit über sein Vermögen , das er so schwer und langsam erworben , ging , ihn in Jahresfrist ohne Wunder und absonderliche Greuel zugrunde richten konnte . Nun , Vielen hätte dieses nichts gemacht . Hunderte springen , wenn sie nur irgend , wie ein Geschäft erblicken , mit beiden Beinen hinein , Tausende gar mit dem Kopf voran , ohne sich zu kümmern , mögen die Beine nach oder nicht . Uli gehörte nicht zu dieser Rasse . Uli hatte eine der bedächtigen Berner Naturen und war nicht demoralisiert durch den Zeitgeist , das heißt durch den Schwindelgeist der Zeit . Er besaß tausend Gulden , zirka sechshundert Taler . Vermögen legt der Berner gerne auf solides Unterpfand an , ehedem bloß auf dreifaches , jetzt nimmt man schon mit nur doppeltem vorlieb . Uli aber setzte das seine aufregen und Sturm , auf Hagel und Dürre , auf Blitz und Seuche . Nicht bloß konnte ihm alles verloren gehen , sondern namentlich wenn Unglück in die Ställe brach , konnte er zwei- , dreimal mehr verlieren , als er besaß . Dann war nicht bloß der beste Teil seines Lebens scheinbar verloren , sondern der Rest desselben schien kaum hinreichend , sich dürftig von dem Schlage zu erholen . So ist es wohl erlaubt , daß es einem bange wird ums Herz , daß Vertrauen und Sorgen mit einander ringen . Wem es nicht so geht , der müßte wirklich sehr leichtfertig , neumodisch genaturt sein . Die Vorbereitungen zur Übernahme wurden allmählich getroffen . Joggeli und seine Frau ließen nach und nach in den Stock schleppen , was sie behalten wollten , und Vreneli half treulich der Base einhausen , war ihr Kind nach wie vor , und wenn es auch das Eigene darob versäumen mußte , verzog es doch keine Miene . Es fanden sich eine Unmasse von Dingen vor , welche Uli nicht brauchte und Joggeli nicht . Diese wurden sämtlich in eine große Kammer zusammengetragen und aufgestapelt . An einer Steigerung hätte man daraus eine Summe gelöst , welche eine herrliche Erquickung für den Baumwollenhändler gewesen wäre . Aber auf der Glungge sollte keine Steigerung abgehalten werden . Überhaupt in allen soliden Häusern liebt man das Alte mehr als das Neue , Kleider verkauft man nicht . An jedes Stück knüpfen sich Erinnerungen , und an diese Erinnerungen knüpfen sich Lehren und Erfahrungen , und gar mancher Bauer zieht aus seiner Rumpelkammer und allen Winkeln seines Hauses weit mehr Weisheit ein als englische Lords und deutsche Gelehrte aus den kostbarsten und größten Bibliotheken , angefüllt mit Büchern , gebunden in Schweinsleder oder halb oder gar ganz Franzband . Das Inventar von dem Geräte und dem Viehstand war groß , und die Schatzung , obgleich alles äußerst billig , machte Uli die Haare zu Berge stehen , Man denke sich zum Beispiel nur acht Kühe und jede durchschnittlich zu sechzig Talern . Dieses Inventar überstieg mehr als um das Vierfache Ulis Vermögen , mußte zu vier Prozent verzinset und später allfälliger Abgang ersetzt werden . Uli hatte großen Vorteil dabei , aber bedenklich war es doch in alle Wege . Endlich kam der verhängnisvolle fünfzehnte März , an welchem , wie man zu sagen pflegt , Uli Nutzen und Schaden angingen . Es war ein schöner , heller Märztag , und doch kam er allen trüb und unheimlich vor . Es tat allen weh , die Alten ausziehen zu sehen . Als man ihr Hinterstübchen ausräumte und namentlich das große Bett hinüberschleppte , war es fast , als trage man ihnen einen großen doppelten Sarg voran . Die Base hatte den ganzen Tag das Wasser in den Augen , aber lauter heitere , aufmunternde Worte im Munde , sie hatte eine Gewalt über sich , welche allen Gebildeten zu wünschen wäre . Man sah es ihr an , sie betrachtete dieses Überziehen aus dem großen Hause in das kleine als eine Vorübung auf das Beziehen des allerkleinsten Häuschens , welches Armen und Reichen aus wenig Brettern zusammengeschlagen wird . In diesem kleinen Häuschen schläft man auch , doch wie wohl oder wie übel , das weiß Gott . Als aber das alte Ehepaar zum erstenmal in ihrem großen Bette im Stocke schlafen wollte , da wollte der Schlaf nicht kommen ; er war nicht gewohnt , sie hier in diesem Stübchen zu suchen . Ob Joggeli es zürnete , wissen wir nicht , es schien fast , als sei die Nacht ohne Schlaf ihm willkommen , um seiner Alten alle ihre Sünden bis weit in die Urwelt hinauf vorzuhalten und sie für alle Folgen derselben verantwortlich zu machen , nicht bloß bis auf Kinder und Kindeskinder , sondern bis drei Tage nach dem Jüngsten . Die gute Alte schwieg lange , endlich lief es ihr doch über . » Ich hoffte , « sagte sie , » wenn dir die Last abgenommen werde , so werdest du einmal mit Gott , dir selbst und der Welt zufrieden . Aber wie ich leider sehen muß , bleibst du immer der gleiche Stürmi . Du hättest eigentlich zu einem armen Mannli , einem Korbmacher oder Besenbinder geraten und dreizehn oder neunzehn lebendige Kinder haben sollen , dann hättest du klagen können , vielleicht daß Gott es gehört hätte . Aber jetzt ists nur ein böser Geist , der dich immer klagen läßt , und der ist mit mir hinübergekommen und wird bei uns bleiben sollen . Ich muß mich versündigt haben , daß ich mich damit muß plagen lassen . In Gottes Namen , ich muß es so annehmen . Unser Herrgott wird doch hoffentlich bald finden , jetzt sei es Zeit . Warum ich nicht von dir lief , als ich noch junge Beine hatte , die laufen konnten , und so weit weg , als sie mich tragen mochten , das begreife ich noch auf die heutige Stunde nicht . Jetzt trüge Fortlaufen nicht viel mehr ab , und meine alten Beine trügen mich kaum so weit , daß mir dein Stöhnen und Klagen um nichts oder wieder nichts nicht noch zu Ohren käme , besonders wenn der Wind ein wenig ginge . « Das wollte Joggeli doch fast gemühen . » Wer laufen will , kann , « sagte er , » ich will niemand dawider sein , und mit Nachlaufen werde ich niemand plagen . Wenn ich schon wollte , täten es meine Beine nicht ; wenn andere ausgestanden hätten , was sie , sie wären auch froh , an die Ruhe zu kommen . « Ihm wäre es je eher je lieber . Gutes hätte er nie viel gehabt , und was ihm noch warte , könne denken , wer Verstand habe . Jetzt vermöchte er doch noch seinen Sarg schwarz anstreichen zu lassen , gehe es länger so , sei es wohl möglich , daß man froh sei , wenn man noch so viel bei ihm finde , um die ersten besten rohen Bretter zu bezahlen . » Du bist doch immer der Wüsteste , wirst dich versündigen wollen , daß es keine Art hat « , sagte seine Frau . » Schweigen wird am besten sein , es weiß sonst kein Mensch , was du noch stürmst . « Darauf drehte die Mutter sich gegen die Wand und blieb stumm . Joggeli mochte gifteln und klönen , so stark und so lange er wollte . Drüben im großen Hause ging es anders zu . Die Bauart des Hauses brachte es mit sich , daß die Meisterleute im Hinterstübchen wohnen mußten . Dasselbe war gleichsam des Hauses Ohr , jeder Schall aus Kammern und Ställen , von vornen und hinten , schien dort landen zu müssen ; das ist kommod für einen rechten Hausmeister ! Uli und Vreneli mußten dieses Stübchen auch beziehen , aber sie taten es ungern , sie schämten sich fast , als Knecht und Magd nun zu schlafen , wo früher der Meister und die Meisterfrau . Sie kamen sich wirklich im Stübchen als so gar nichts vor , und auch bei ihnen wollte der Schlaf nicht einbrechen . » Ja , ja , « stöhnte Uli , » es wäre schön hier und im Winter bsonderbar warm , da ließe sich sein . Wenn es nur immer währte , aber das Ändern tut weh . Wenn man am Ende doch wieder in eine kalte Kammer muß , so wäre es hundertmal besser , man hätte sich nie an ein warmes Stübchen gewöhnt . « Aber zwängt sei zwängt , und jetzt müsse man es nehmen , wie es sei . So jammerte Uli ähnlich wie Joggeli , der Unterschied war bloß der , daß sein Jammer nicht aus einem zähen , verhärteten Herzen kam , sondern aus einem jungen , warmblütigen , demütigen , welches sich in seine höhere Stellung nicht finden konnte . In einem solchen finden gute Worte noch gute Stätte . An solchen ließ es auch Vreneli nicht fehlen , tröstete , so gut es konnte , sprach vom Werte des Hofes , von seinem guten Willen , von dem Vertrauen zu Gott , der alles wohl machen werde , daß Uli die Ruhe kam und er andächtig mit Vreneli beten konnte ; darauf kam leise der Schlaf gezogen , hüllte die Beiden in seinen dicksten Schleier , und als die Sonne kam , schlummerten Beide noch süß und fest darin , und lange ging es , bis ihre Strahlen die Schläfer zu wecken vermochten . Hui , wie Beide auf die Füße fuhren , als vor ihren langsam sich öffnenden Augen plötzlich der helle Tag stund in vollem , sonnigem Gewande ! Draußen polterte das Gesinde , prasselte das Feuer , gackelten bereits die Hennen , und Meister und Meisterfrau hatten sich noch nicht gerührt . Wohl , da schämten sie sich und durften fast nicht aus dem Stübchen . Sie hatten sich wohl schon mehr als einmal verschlafen , aber so ungern es wirklich doch nie gehabt als heute . Wie die Leute das auslegen würden , dachten sie . Der Frühling ist eine herrliche Zeit , eine ahnungsreiche , wonnevolle . Darüber werden doch wohl die Parteien von allen Farben einig sein , wie weit sie sonst auseinandergehen mögen ! Wie prosaisch und trocken ein Bauer auch sein mag , im Frühling wird ihm doch das Herz größer und er denket weiter als die Nase lang . Er hat es seinen Äckern . Wiesen und Gärten gegenüber wie ein Vater , der mitten in einem Dutzend blühender Kinder steht . Was wird aus ihnen werden , was werden sie für Früchte tragen ? muß er unwillkürlich denken . Wie der Kinder Gesichter blühen , Gesundheit ihre Glieder schwellt , blühen und schwellen Freude und Hoffnung in seiner Seele . So hat es auch der Landmann , besonders der junge , welcher noch nicht manchen Frühling auf eigene Rechnung erlebt hat . Jede Pflanzung wird ihm zum Kinde , und je üppiger sie grünt und blüht , desto üppiger grünen und blühen seine Hoffnungen . Der Frühling , von welchem wir sprechen , war ein ganz eigen von Gott gespendeter , als wollte er die Probe machen , ob die Menschen so weit in der Aufklärung gekommen , daß sie zu begreifen imstande seien , sie selbst könnten keinen solchen machen , auch sei es unmöglich , daß er von ungefähr käme , sondern daß er von Gottes väterlicher