Aston , Louise Revolution und Contrerevolution www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Louise Aston Revolution und Contrerevolution Vorrede Die folgenden Blätter führen dem Leser Skizzen aus dem Revolutionsdrama des Jahres 1848 vor . Ich übergebe sie der Oeffentlichkeit , weil dadurch vielleicht hie und da eine kleine Lücke in dem Intriguennetz der Contrerevolution ausgefüllt wird , die es selbst manchem Politiker von Profession unmöglich machte , den rothen Faden , der sich durch das scheinbare Gewirre der revolutionairen und reactionairen Bewegungen unsrer Zeit hinzieht , überall zu folgen . In Rücksicht auf die poetische Darstellung mag statt jeder Entschuldigung für deren Mangelhaftigkeit daran erinnert werden , daß es leicht ist , Romane zu schreiben , wenn der Zeitgeist vor Langerweile den Griffel aus der Hand fallen läßt , mit dem er die Tafeln der Weltgeschichte beschreibt , - sehr schwer aber , wenn er , in den Strudel der gewaltigen Thaten hineingerissen , die Geschichte selber aber in ein romantisches , oft sogar märchenhaftes Gewand zu kleiden gezwungen wird . Je märchenhafter unser heutiges politisches Leben ist , desto weniger bedarf die Darstellung desselben einer Ausschmückung . Ein Vortheil für meinen Leser , wie für mich selbst . Bremen , den 1. Juni . Die Verfasserin . Erstes Buch I Ein milder und sonnenheller Frühlingshimmel blickte zum ersten Male wieder nach dem an Stürmen mancherlei Art so reichen , unfreundlichen Februarmonat auf die Kaiserstadt Wien nieder und lockte Jung und Alt vor die Thore hinaus in die langen , schnurgeraden Alleen , welche die breiten Plätze und Anlagen zwischen der inneren Stadt und den Vorstädten durchschneiden . Es war der fünfte März 1848 . Wer hätte es - nach der unbefangenen und sorglosen Miene dieser rasch durch einander wandelnden Gruppen von Spaziergängern , damals zu schließen gewagt , daß Wien , berühmt durch seine ans Patriarchenthum erinnernde Pietät , mit der es an dem Kaiserhause hing , auf einem Krater der Revolution stand , der in wenig Tagen seinen Schlund öffnen werde , um das Kaiserhaus nebst Pietät , und anderen Sentimentalitäten - fast zu verschlingen . Fast - dieses » Fast « ist der Fluch unsrer Zeit , das Haar , an dem der Teufel der Reaktion das betrogene Volk festhält , um es bald wieder ganz beim Schopf zu fassen und in das alte Joch der Knechtschaft zu spannen . - Auch in Preußen ist ein solches unseliges » Fast « die Mutter einer eklatanten Contrerevolution geworden . - Doch am fünften März waren die guten Wiener freilich noch nicht so klug , denn sie wußten noch gar nicht , was eine Revolution zu bedeuten habe . Vielleicht thue ich jedoch den gemüthlichen Wienern Unrecht ; vielleicht gab es doch Manche unter ihnen , die den im Westen ausgebrochenen Sturm mit ungeheurer Eile seinen Weg nach Osten fortsetzen sahen , und sogar die Minute berechneten , in der er die schöne Kaiserstadt erreicht haben würde . Unter den Spaziergängern , welche die den Exerzierplatz durchschneidende jetzt noch blätterlose Allee hinabschritten , würde des Lesers Aufmerksamkeit besonders von einer Gruppe erregt worden sein , die ich deßhalb , weil das von ihnen geführte Gespräch zum Verständniß unsrer Erzählung nothwendig ist , kurz skizziren will . Sie bestand aus drei Personen , die eine davon , - dem runden , breitkrämpigen Hut , so wie der schwarzen , eigenthümlich geschnittenen Kleidung nach zu urtheilen , ein katholischer Priester - war ein Mann von etwa vierzig und einigen Jahren . Aus seinem magern , aber starkknochigen und bleichen Gesicht , dessen Muskeln selbst beim Sprechen in unveränderter Ruhe blieben , traten als Hauptzüge vorzüglich eine große Entschiedenheit neben eben so großer Besonnenheit hervor . Das Haar , welches unter der breiten Krämpe seines schwarzen Rundhutes schlicht herabfiel , war schwarz und von großer Feinheit . Der Schnitt seiner edelgeformten Nase ließ auf eine sehr ernste Stirn schließen , die jetzt großentheils ebenfalls vom Hute überschattet wurde . Am charakteristischsten aber waren die tiefliegenden schwarzen Augen , in denen sich eine fast unnatürliche Mischung von Leidenschaft und Kälte , Schärfe und Sanftheit , List und Gutmüthigkeit abspiegelten . Fügen wir noch hinzu , daß der Mann , wir wollen ihn Pater Angelicus nennen , beim Gehen eine etwas gebückte Haltung hatte , so weiß der Leser von dem äußern Erscheinen desselben , - und weiter wissen wir jetzt selbst nichts von ihm - genug . Die beiden Begleiterinnen des frommen Herru zeigten dem Anscheine nach ein sehr verschiedenes Interesse an dem Gespräch . Denn während die Aeltere - eine junge Frau von etwa 27-30 Jahren - mit gespannter Aufmerksamkeit den mit einer absichtlich tonlos gehaltenen Stimme gesprochenen Worten lauschte , schritt ihre jüngere Begleiterin mit theilnahmloser Miene und , ob aus Zerstreutheit oder Gleichgültigkeit , war schwer zu entscheiden , zu Boden geschlagenen Augen neben ihnen her . Ueberhaupt war nicht leicht ein größerer Unterschied zwischen zwei Freundinnen zu finden . Beide hatten ein schönes dunkelbraunes Haar und tiefblaue Augen , aber das Haar Alicens umschattete mit seinen tausend wallenden Löckchen eine erhabene , freie Stirn , während das ihrer Freundin Lydia glatt und gescheitelt die Schläfe bedeckte . Beide waren von anziehender Schönheit , aber wie verschieden war der Typus der Schönheit Alicens von der Lydias . Jene leuchtend , intelligent , fast ritterlich stolz um sich blickend - : der Charakter eines seines eigenen Werthes bewußten und in diesem Bewußtsein starken Weibes ; diese verschleiert , in sich zurückgezogen , von beinahe melancholischer Bescheidenheit - der Charakter eines nur in seiner innern - vielleicht vereinsamten - Welt hinein lebenden Mädchens . - Und doch umschlang diese beiden Frauen ein Band unzerstörbarer Freundschaft , geknüpft durch gemeinsame Erfahrungen , durch gemeinsamen Schmerz . Es war ein Band , dessen Knoten unter dem Deckel eines Sarges verborgen war , das Herz eines Mannes , den sie beide einst glühend geliebt - Alice bis zur Verachtung der Männer , Lydia bis zum Wahnsinn . » Jetzt habe ich Ihnen Alles mitgetheilt « - fuhr der Pater nach einer Pause sein Gespräch wieder aufnehmend fort - » Alles wenigstens , was Ihnen zu wissen nöthig . Hier sind die beiden Briefe . Diesen hier geben Sie in dem ersten Städtchen jenseits der Grenze auf die Post , - den zweiten an den Probst Bergmann müssen Sie bis nach Berlin mitnehmen und dort eigenhändig Seiner Hochwürden überreichen . - Wann werden Sie reisen ? « - » Wenn es nothwendig ist , noch heute Abend - doch wie ? dieser Brief lautet , wie ich sehe , an die Herzogin von Nagas - « Ein lautes Gelächter schien zu dieser mit unendlichem Muthwillen accentuirten Frage einen Commentar zu liefern , dessen Sprache dem gelehrten Pater jedoch völlig fremd war . Indessen verschmähte er es , sich durch eine Frage darüber aufzuklären , sondern wiederholte nur , indem er Anstalt machte , von seinen Begleiterinnen Abschied zu nehmen , noch einmal die Worte Alicens : » Also noch heute Abend . « » Wenn es nothwendig ist , habe ich gesagt . Und dann , ich besinne mich eben , - nein , heute Abend geht es nicht , aber morgen früh bestimmt . « Eine kleine Falte legte sich bei diesen Worten Alicens zwischen die dunkeln Augenbrauen des Paters . Nach einer Pause sagte er , einen kurzen aber forschenden Blick auf das Gesicht seiner schönen Begleiterin werfend : » Verzeihen Sie meine Indiscretion - aber bei den großen Ereignissen , denen wir in kurzer Zeit entgegen gehen , müssen dergleichen kleinliche Bedenken wichtigeren Motiven nachstehen - Sie haben heute Abend um 9 Uhr ein Rendez-vous verabredet . Darf ich fragen , mit wem ? « Die flüchtige Röthe , welche Alicens Wangen bei Erwähnung des Rendez-vous bedeckte und welche mehr durch Ueberraschung über die Mitwissenschaft des Paters , als durch die Verlegenheit , in welche sie etwa hätte gesetzt werden können , hervorgerufen schien , machte bald ihrer gewöhnlichen , halb schalkhaften , halb schwermüthigen Miene Platz , als sie mit dem natürlichsten Tone der Welt erwiederte : » Glauben Sie , daß ich conspirire , Pater ? « » Ich habe das nicht gesagt . Indessen liegt darin nichts Unwahrscheinliches . Sie wollen mich also in dies Geheimniß nicht einweihen ? « » Du lieber Himmel - - das große Geheimniß , was zwischen der liebenswürdigen Alice und dem ebenso liebenswürdigen Fürsten Lizinsky verhandelt werden könnte . « Der Name Lizinsky brachte eine ebenso plötzliche als gewaltige Veränderung in dem Antlitz des Paters hervor . Sein früher bleiches Gesicht verlor alle noch übrige Farbe . Seine bisher marmornen Züge wurden plötzlich beweglich , als zuckten in seinem Innern Blitze , deren Widerschein in ihnen abglänzte . - Doch bedurfte dieser gegen Aufregungen aller Art abgehärtete Mann nur eine kurze Minute , um über die Gewalt der Leidenschaften , welche jener Name in ihm entfesselt , vollständig Herr zu werden . Nur einige Schweißtropfen , welche auf seiner Stirne perlten , ließen die Größe des innern Kampfes ahnen . » Also der Fürst - Lizinsky ist hier ? « - sprach er mit der ihm eigenthümlichen Ruhe in Ton und Geberde . » Und was finden Sie Auffallendes darin , daß Lizinsky in Wien ist ? « fragte Alice , die sich die ungeheure Aufregung , in die ihr geistlicher Freund durch jenen Namen versetzt wurde , gar nicht erklären konnte . - » Steht etwa der Fürst bei Ihnen ebenfalls in dem Verdachte , daß er conspirire - - vielleicht mit mir conspirire ? « - setzte sie laut lachend hinzu . Der Pater blickte sich besorgt um . Es war Niemand in der Nähe , der die letzten Worte hätte hören können . » Sprechen Sie nicht so laut . Sie wissen noch nicht , was zuweilen an einem Namen hängt , doch das ist jetzt Nebensache . « Es trat eine Pause ein , in welcher der Pater über das nachzudenken schien , was er in Folge der eben gemachten Entdeckung gegen Alice beobachten müsse . Noch war er zweifelhaft , ob Alice wüßte , daß eine Beziehung zwischen dem Fürsten Lizinsky und der Herzogin von Nagas existire . Wüßte sie hievon Nichts , so wäre es vielleicht besser , darüber zu schweigen , wenn nicht die Möglichkeit zu nahe lag , daß dem Fürsten bei dem heutigen Rendez-vous der Brief an die Herzogin zufällig in die Augen fallen könnte . Er hätte den Brief zurückfordern können , allein dies würde Alicen jedenfalls aufmerksam gemacht und sie vielleicht zur unmittelbaren Entdeckung geführt haben . Auch hatte sie ja die Adresse bereits gelesen und konnte sich durch eine einzige Frage an den Fürsten völlig darüber aufklären . Dies aber mußte unter jeder Bedingung verhindert werden . Andrerseits aber schien Alice in der That etwas davon zu wissen . Wenigstens sprach für diese Vermuthung der Umstand , daß das Lesen der Adresse an die Herzogin sie zugleich an das auf heute Abend mit dem Fürsten verabredete Rendez-vous erinnerte . - Des Paters Entschluß war gefaßt . » Sie kennen « - sprach er mit so leiser Stimme , daß Lydia , auch wenn sie , statt ihrer völligen Indifferenz , dem Gespräche die gespannteste Aufmerksamkeit gewidmet hätte , keinen Laut davon vernahm - » Sie kennen das Verhältniß , welches zwischen dem Fürsten und der Herzogin besteht ? « » Besteht ? - bestand wollen Sie sagen , frommer Vater - « erwiederte sie mit schelmischer Miene . Der Pater sah sie mit großen Augen an . Darauf schüttelte er unter ironischem Lächeln den Kopf : » Sie dürften sich diesmal im Irrthum befinden , theuerste Freundin . Die Bande , welche den Fürsten an jene Frau fesseln , sind nicht Ketten von Rosen und Vergißmeinnicht , sondern von Perlen und Diamanten . « » Sie sind heute nicht galant gegen mich , Pater . Indeß Vertrauen um Vertrauen . Sie gehen mit einem Plane in Betreff Lizinskys um . Doch ! Doch ! Mich überzeugt Ihre verwunderte Miene nicht vom Gegentheil . Also wir sind in gleichem Falle . Auch ich habe meinen Plan . Tauschen wir unsre Geheimnisse aus . Die Frucht unsrer Aufrichtigkeit kann möglicherweise ein Bündniß auf Leben und Tod werden . « » Auf Leben und Tod « - wiederholte langsam der Pater , indem er einen Finger auf ' s Kinn legte , was er immer that , wenn er zu einem wichtigen Entschlusse kommen wollte . - » Wohl , es sei , doch unter einer Bedingung , daß ich , versteht sich - unsichtbarer - Zeuge des Gesprächs bin , welches sie heute Abend mit ihm führen werden . « » Gut , daß Sie schon vorhin Ihre Indiscretion befürwortet haben . Ein frommer Diener der Kirche Zeuge eines Rendez-vous zweier zärtlich Liebenden . Das Verlangen ist wenigstens originell . Ich willige ein . « Der Pater drückte ihr die Hand . » Was meinen Plan oder vielmehr den der Kirche betrifft - denn ich handle hier nur als Diener der Kirche - so beschränkt sich derselbe darauf , das unsittliche und fast unnatürliche Verhältniß zwischen den beiden vorhin erwähnten Personen aufzulösen . « » Und zu welchem Zwecke wird dieser Plan verfolgt ? « Der Pater lächelte : » Das geht über unsre Verabredung hinaus . « » Es ist wahr . Indessen liegt der Schlüssel neben dem Räthsel . Die Herzogin ist über die Funfzig hinaus , kinderlos und Besitzerin eines ungeheuern Vermögens , das sie , im Falle kein Fremder darauf Anspruch macht , nicht abgeneigt ist , zu milden Stiftungen zu verwenden . Habe ich richtig gerathen , mein frommer Freund ? « » In der That , Sie sind der Wahrheit ziemlich nahe gekommen . Doch nun zu Ihrem Plane . « » Ha , das ist etwas ganz Anderes , tief angelegt , künstlich construirt , von unberechenbaren Folgen - kurz ein Riesenwerk . « » Wenns gelingt « - sagte halb zweifelnd , halb spöttisch der Pater . Die stolze Gestalt Alicens richtete sich noch höher auf , als sie mit dem Lächeln des Triumpfs auf den Lippen und einer unnachahmbar graziös gebieterischen Handbewegung erwiederte : » Es wird gelingen . - Hören Sie mich an , Pater . Sie kennen mich noch nicht , darum will ich mich Ihnen so zeigen , wie ich bin . Wir haben beide ein Geheimniß , wir sind bereit , eins gegen das andere auszutauschen ; ich weiß wohl , daß im Falle des Verrathes meinerseits mein Leben keinen Papierschnitzel werth ist . - Unterbrechen Sie mich nicht , genug , ich weiß es und sage es nur deshalb , weil ich mit Ihnen in demselben Falle mich befinde . Sie sind eine Macht , eine ungeheure Macht : sie heißt die allein seligmachende Kirche . Wohlan , auch ich bin eine Macht , ein Weib , schutz-und hülflos , wie ich hier neben Ihnen herschreite , wage ohne Bangigkeit den Kampf mit Ihrer allein seligmachenden Kirche aufzunehmen . - Diese Macht heißt : Aristokratie und Proletariat . Haben Sie mich verstanden , frommer Vater ? « Der Pater war nachdenklich geworden . Nach einer Pause sagte er : » Fahren Sie fort ! « » Sie haben mich also verstanden ? « » Wozu die Frage ? Ich habe Sie verstanden ! « » Und Sie wollen noch wissen , was mein Plan mit dem Fürsten Lizinsky ist ? - « sagte Alice mit einer gewissen spöttischen Verachtung in Ton und Blick . » Gehen Sie , ich habe Ihnen mehr Talent in der höhern Intrigue zugetraut . - Leben Sie wohl ! « Alice nahm den Arm Lydiens und entfernte sich mit ihr schnell durch eine Nebenstraße , während der Pater , ihr nachsehend , die Worte vor sich hinmurmelte : » Dieses Weib müssen wir gewinnen oder - vernichten . « Er hüllte sich in seinen langen schwarzen Mantel und verlor sich in der Menge . II Wir hatten den frommen Vater Angelicus in der Altstadt verlassen , wo er in den dichten Haufen , welche die Quais der Donau sich hinabwälzten , unsren Augen entschwunden war . Wir finden ihn bald darauf jenseits des Flusses , in der Leopoldstadt wieder , wie er mit langen Schritten , die , obgleich keinesweges den Schein von Eile verrathend , ihren Besitzer doch sehr schnell weiter beförderten , auf den Gasthof zum » goldenen Lamm « zusteuerte . Hier angekommen , fragte er den Portier , ob kein Brief für ihn abgegeben sei . » Nein , ehrwürdiger Herr « - erwiederte dieser , respektvoll die goldbetreßte Kappe ziehend . - » Hat auch Niemand in meiner Abwesenheit nach mir gefragt ? « Der Pater schien mit der Antwort auf diese Frage , die ebenfalls verneinend ausfiel , unzufrieden und wollte sich eben nach seinem Zimmer begeben , als des Portiers Zuruf ihn zur Rückkehr bewegte . » Eines habe ich vergessen , ehrwürdiger Herr ; aber es ist auch kaum der Rede werth . Es war allerdings Jemand hier , der nach Ihnen fragte ; aber da es ein zerlumpter junger Bursche war , der wahrscheinlich nur betteln - » Gerade den erwartete ich « - unterbrach der Pater den verblüfften Thürsteher . - » Ich bin , « sagte er , seinen Fehler bemerkend mit salbungsvollem Ton hinzu , » für die Hungrigen und Entblößten immer zu Hause . Ihr habt Unrecht gethan , ihn hart fort zu weisen . « » O , habe ich gesagt , daß ich ihn hart fort gewiesen ? Nein , ehrwürdiger Herr , das sei ferne von mir . Ich glaube übrigens , daß er nicht weit sein wird , denn solch Lumpengesindel lungert überall umher . « Der Pater warf einen strafenden Blick auf den menschenfreundlichen Thürsteher , der diesen zum Schweigen brachte und befahl , ihm den armen Knaben sofort zuzuführen , sobald er sich zeigen werde . Brummend und kopfschüttelnd kehrte der Portier wieder in seine Klause zurück und war eben im Begriff , sich dem vorhin unterbrochenen Schlummer von Neuem hinzugeben , als ihn ein Klopfen am Fenster seiner Bude abermals störte . » Ach , da bist Du ja wieder , Du kleiner schwarzer Taugenichts « - fuhr er auf - » hast wohl schon gewittert , daß Se . Ehrwürden zurückgekehrt ist , he ? « Der Angeredete war ein Knabe von etwa 15 Jahren . Sein wunderlich finsteres Aussehen und der frühreife Ernst in seinen dunkeln braunen Zügen mußte einen - man wußte nicht ob anziehenden oder abstoßenden - Eindruck auf Jeden , der ihn zum ersten Male sah , machen . Sein langes rabenschwarzes Haar fiel in vollen und glänzenden Locken auf den braunen Hals und Schultern herab , die von einem zerrissenen Hemdkragen nur schlecht verhüllt wurden . Seine übrige Kleidung war sonst fragmentarisch : ein Paar faltige , weiße , weite Beinkleider von grober Leinwand und eine abgetragene blaue Sammetjacke mit kurzen Schößen und blanken Messingknöpfen . In je schlechterem Zustande sich diese Stücke befanden , um so mehr stach davon eine rothseidene Schärpe ab , welche der Knabe sich um den Leib gewunden und deren mit goldenen Franzen besetzte Enden kokett über die linke Hüfte herabhingen . Ein italienischer Strohhut , den er in diesem Augenblicke in der Hand hielt und ein Paar Schnürstiefeln , die noch in passablem Zustand waren , vollendeten die Toilette des Knaben . » Pater Angelicus ist zu Hause ? « - fragte er mit dem Accent eines Südländers , ohne die Höflichkeiten des Portiers eines Wortes zu würdigen . - » Welche Nummer ? « » Nummer 21 , vorn heraus , eine Treppe « - brummte der Portier . Mit einigen raschen Sprüngen eilte er die Treppe hinauf und öffnete , ohne anzuklopfen , mit geräuschloser Hand die Thür und verschloß sie in derselben Weise . Darauf ging er langsamen Schrittes auf den Pater zu , welcher , an einem eleganten Büreau sitzend und mit Schreiben beschäftigt , entweder das Eintreten des Knaben gar nicht gehört hatte , oder , mit seiner Weise schon bekannt , sich darüber nicht verwunderte . » Buen tio « - sagte der Knabe , indem er sich mit einem Knie auf den Teppich an der Seite des Paters niederließ und einen Kuß auf dessen Hand drückte . Pater Angelicus wandte seinen Kopf und sah mit einem Blick leidenschaftlicher Zuneigung auf das schwarzlockige Haupt in seinem Schooße herab . » Bist Du endlich gekommen , Salvador ! - - Was macht Inés , Deine Mutter ? Hat sie mir nicht geschrieben ? « - Salvador richtete sich empor und griff in seine Schärpe . Aus den Falten der rechten Seite zog er einen zierlichen Brief . » Allá , Sennor « - sagte er , dem Pater den Brief überreichend . Dieser beschaute mit der größten Sorgfalt das Siegel , dessen Wappen aus zwei Rosen bestand , darüber eine Grafenkrone , darunter die Worte : El no tiene fortuna ni go tampoco1 . Er lächelte bitter , als er diese Worte las und erbrach darauf den Brief . - » Gut « - sagte er mit zufriedener Miene - » Wann wird die Sennora hier eintreffen , Salvador ? « - » Noch heute Abend « - erwiederte der Knabe in seiner Muttersprache , obwohl er deutsch verstand und sprach , so bediente er sich desselben doch nur im Nothfalle . » Und sie ist wohl , mein Sohn , nicht wahr ? « - fragte der Pater , jetzt ebenfalls spanisch redend , mit einer an Zärtlichkeit grenzenden Milde . - » Este corazon orgulloso no se puede rompes2 , « erwiederte Salvador mit zitternder Stimme , indem sich seine Augen senkten . » O tio « - fuhr er fort , indem plötzlich seine schlanke Gestalt sich aufrichtete und sein Nacken die schwarzen Locken zurückwarf - » Ich bin stolz auf meine Mutter . Wann aber wird der Tag kommen , wo die stolze Inés sagen kann : Ich bin stolz auf meinen Sohn « - Seine Augen sprühten ein vulkanisches Feuer und seine Hand fuhr krampfhaft nach seinem Herzen . - Der Pater folgte dieser Bewegung mit aufmerksamem Auge . - » Ruhig , Salvador , mein Sohn . Es wird die Zeit kommen . Siehst Du dort den Vollmond sich aus den dunkeln Fluthen der Donau erheben ? Wohlan , höre , was ich Dir sage . Bevor er zum 5. Male um diese Zeit an dieser nämlichen Stelle steht , wird Dein Dolch das Herzblut dessen getrunken haben , der das Herz Deiner Mutter gebrochen hat . « » Este corazon orgulloso no se puede rompes « - murmelte der Knabe , indem er langsam die Hand von der Schärpe sinken ließ . - » Du hast ihn nie gesehen , Salvador ? « - » Nie . « » Du wirst ihn heute sehen , Salvador . « Der Knabe taumelte einen Schritt rückwärts . Sein Gesicht überzog eine Leichenblässe . Seine Brust hob sich in krampfhaften Zuckungen . Abermals fuhr er mit der Hand nach der linken Seite . Dann lächelte er verächtlich , kreuzte die Arme über einander und sprach mit verhaltener Stimme , als wollte er seine innere Bewegung verbergen : » Ich höre tio « - » Du bist ein braver Junge , Salvador - und Deiner Mutter würdig . - Was ich Dir zu sagen habe , ist kurz . Heute Abend halb 9 Uhr wirst Du mich in die Stadt begleiten . Du wirst mich in ein Haus hineingehen sehen und mich dort erwarten . Du wirst mich mit einem Manne , der mir zur rechten Seite gehen wird , wieder herauskommen sehen . Auf der Donaubrücke werde ich ihn verlassen . Sieh ihn Dir genau an , Salvador . Dieser Mann ist ' s , den Du suchest . « Die intelligenten Augen des Knaben waren mit ängstlicher Sorgfalt auf die Lippen des Paters geheftet gewesen , als wolle er jede Silbe tief in sein Inneres einsaugen . » Und was soll ich mit dem Manne thun , Sennor ? « - » Du wirst suchen , in seinen Dienst zu treten , Salvador . « Einen halb ängstlichen , halb verachtenden Blick des Knaben übersehend , fuhr er fort : » Hier hast Du Geld , Du wirst Dich davon kleiden , wie es hier Sitte ist . Du begreifst , mein Sohn , daß Dein jetziger Aufzug Dich nur auffällig macht und Verdacht erregt . Gedenke Deiner Mutter und des Gelübdes , welches Du mir abgelegt . - Und nun lebe wohl , um 1 / 2 9 Uhr findest Du mich hier . « Salvador war während der Rede des Paters in einem tiefen innerlichen Kampfe begriffen . Die letzten Worte aber schienen seinen Entschluß befestigt zu haben ; denn er küßte mit heftiger , leidenschaftlicher Innigkeit die Hand des frommen Vaters und war bald darauf ebenso geräuschlos , als er gekommen , aus der Thür verschwunden . Pater Angelikus aber schien in tiefes Nachdenken versunken . Ein Seufzer endlich , der unwillkürlich , wie ein schwermuthsvoller Gruß an ehemaliges Glück , seiner Brust entstieg , brachte ihn wieder zum Bewußtsein der Gegenwart zurück . Er nahm den Brief , küßte ihn mit einer Inbrunst , die man von diesem verknöcherten kalten Manne , in dem alle Leidenschaften längst abgestorben schienen , nicht erwartet hätte , und legte ihn dann sorgfältig in eine verschließbare Brieftasche , die er sofort zu sich steckte . - Darauf setzte er sich - es war indeß dunkel geworden - in die Ecke des Sophas und überließ sich von neuem seinen Träumereien . - III In einem kleinen , aber höchst geschmackvoll eingerichteten Boudoir im zweiten Stocke eines der elegantesten Häuser der » Wallzeile « finden wir unsere beiden Freundinnen , Alice und Lydia wieder . Während diese , in nachlässiger Stellung in einen Polsterstuhl gelehnt , mit der Linken auf den Tasten eines Kisting ' schen Flügels umherphantasirte und sich in die Aufsuchung der melancholischsten Mollübergänge zu vertiefen schien - ging Alice , die Hände über die Brust gekreuzt und gesenkten Hauptes mit raschen , aber durch die elastische Weichheit des Teppichs bis zur Unhörbarkeit gedämpften Schritten das Zimmer auf und nieder . Es war Abend , aber der herrliche Vollmond , welcher bereits die Thurmspitzen der über die jenseitige Häuserreihe hinausragenden Stephanskirche versilberte , hatte das Azur des unbewölkten Abendhimmels mit einem so intensiven Lichtglanz getränkt , daß der Reflex desselben das Zimmer hinlänglich erhellte . Mochten es die abgebrochenen tiefschwermüthigen Accorde sein , welche Lydia den Saiten des Instruments entlockte - oder waren es vielleicht die wunderbaren Tinten , welche das falbe Mondlicht in das Zimmer warf , oder war die Spannung , worin Alice durch das bevorstehende Gespräch versetzt wurde , davon Ursache : sie befand sich in einer sonderbaren , an Unruhe grenzenden Aufregung . Die Töne des Instruments klangen immer sanfter und schienen sich aus mannichfachen Verschlingungen endlich in eine wohlthuende Harmonie auflösen zu wollen , als sie plötzlich in einem schreienden Disaccord , der das ganze Instrument erzittern machte , schlossen . - Mit einem Schrei des Entsetzens war Lydia aufgesprungen und stand nun unbeweglich mit geisterhaftbleichem Gesichte da , die starren Augen auf die rothseidenen Vorhänge des Alkovens gerichtet , die in diesem Augenblicke , gerade vom vollen Mondenlichte bestrahlt , sich zu bewegen schienen . Alice hatte sich erschreckt umgewandt : Was ist ' s ? Was hast du , Lydia ? - fragte sie . Lydia antwortete nicht . Alice trat auf sie zu und legte die Hand auf ihre eiskalte Stirn : da hob sich die Brust der Unglücklichen in einem tiefen Seufzer : aus ihren Augen perlten zwei große Thränen nieder und ihr Kopf senkte sich in die Hand der Freundin . - Du bist nicht wohl , mein Kind - sagte Alice liebevoll - Du solltest Dich zur Ruhe legen . Lydia schüttelte den Kopf . Sie schlug ihre Augen , in denen eine verzehrende tiefe Schwärmerei glänzte , zum Himmel auf , machte sich sanft von der Umarmung der Freundin los und verließ langsam das Zimmer . - Sie wird wieder beten gehen - murmelte Alice . In diesem Augenblicke klopfte es an die Thür . - Endlich - sagte Alice für sich - als der Pater Angelikus mit leisem Tritte die Schwelle überschritt , offenbar verwundert über die Dämmerung , welche im Zimmer herrschte . - Sie sind allein - fragte er , vorsichtig sich im Zimmer umschauend . Alice schellte . Ein Diener brachte Lichter und verließ lautlos , wie er gekommen , das Zimmer . - Mein armer , frommer Freund - sagte sie , ohne die Frage des Paters zu berücksichtigen , mit ihrer gewohnten liebenswürdigen Ironie , deren Bitterkeit sie durch die sentimentale Weichheit des Tones zu lindern wußte - - Weshalb bedauern Sie mich ? - antwortete , einen mißtrauischen Blick auf das Gesicht Alicens heftend , der Pater . - Sie sind ein schlechter Menschenkenner , Angelikus , und , was die Folge davon ist , ein noch schlechterer Seelenarzt . Sie glaubten das arme Kind heilen zu können durch den Glauben an die alleinseligmachende Kirche , nicht wahr ? - Nun ? - Nun , ob sie Glauben hat , weiß ich nicht ; aber daß Sie ihr eine tüchtige Portion Aberglauben eingeflößt haben , so daß sie jetzt im Schooße ihrer alleinseligmachenden Kirche Gespenster sieht , das weiß ich . Der Pater blickte die schöne Frau durchdringend scharf an . - -