Aston , Louise Aus dem Leben einer Frau www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Louise Aston Aus dem Leben einer Frau Vorwort Das Leben ist fragmentarisch ; die Kunst soll ein Ganzes schaffen ! Diese Blätter gehören in Dichtung und Wahrheit dem Leben an , und machen nicht Anspruch auf künstlerischen Werth ! Darum sind sie fragmentarisch , wie diese ganze moderne Welt , aus deren gährenden Elementen sie hervorgegangen , ein Beitrag zur Charakteristik unseres Lebens ! Wer den reichen Zauber der Gestaltung besitzt , und die Idee zu bannen versteht in ewige Formen : der wird nach Maß und Regeln der Schönheit , auch dies zersplitterte , moderne Leben zu einem harmonischen Kunstwerk zusammenfassen , ihm dauernde Bedeutung geben und sich selbst mit ihm unsterblich machen ! Wir andern aber können nur einzelne Blätter , vielleicht Früchte von den Lebensbäumen dieser Zeit pflücken ! Wir schreiben flüchtige Zeilen ; aber wir schreiben sie mit unserem Herzblut ! Findet dies Fragment Anklang , hat der Kern dieses Lebens und sein Schicksal eine allgemeine Bedeutung : so schließt sich vielleicht ein zweites Fragment daran , das manche Entwicklungen weiter führt , und manche » confessions « vollendet . Hamburg , im März 1847 . Louise Aston . 1 Eine alterthümliche Pfarrerwohnung gilt von jeher für das heimathliche Reich der Idylle . Hier quartiert , seit Vossens Louise , die gemüthliche Phantasie der Dichter ihre behaglichen Gestalten ein , welche in dem Comfort eines stillen , in sich befriedigten Lebens das letzte Ziel und den ganzen Werth der Existenz zu erschöpfen wähnen . Etwas Lindenschatten und Abendroth , Mittagessen und Gebet , eine Promenade durch die Kornfelder , die Bereitung des Kaffees und wenn es hoch kommt , eines Hochzeitbettes - das genügt dieser friedlichen Poesie , welche die breite Prosa des Lebens in ihre langathmigen Verse übersetzt . Doch der idyllische Kuhreigen hat in unserer Litteratur ausgetönt , da die Beschränktheit solcher Existenzen auch nicht auf Natur und Wahrheit Anspruch machen kann ; sondern mit Recht als ein affectirtes Ignoriren des Lebens in der Welt und ihrer Geschichte angesehen wird , das Utopien einer spießbürgerlichen Phantasie . Diese Genrebilder ohne Perspective und Hintergrund finden kein Publikum mehr ; denn sie sind poetische Grillen , welche der Wirklichkeit fern liegen . Selbst in das abgeschlossenste Pfarrhaus hinein dringt das Leben mit seinen Beziehungen und Gegensätzen , mit seiner Noth und Bedeutsamkeit ; dringt der Zeitgeist mit seinen Kämpfen und seinen Zielen . In eine solche Pfarrwohnung , die nur äußerlich den idyllischen Frieden zur Schau trägt , während in ihrem Innern das moderne Leben seine socialen Schlachten schlägt , versetzen wir jetzt die Phantasie unserer Leser . Die ersten Strahlen der Maiensonne drangen verstohlen durch zwei kleine , runde Schiebfenster , über welche dichtbelaubte Kastanienbäume die ehrwürdigen Schatten warfen , in ein traulich enges Gemach , und beleuchteten hier eine eigenthümliche Scene . Auf einem altmodischen mit großblumigen Kattun überzogenen Sopha saß ein Greis mit finstern , unheimlichen Zügen . Die kleinen , grauen Augen , der stechende Blick kontrastirten unangenehm mit dem silberweißen Haar , und störten den Eindruck des ehrwürdigen Alters . Vor diesem Greise knieete ein liebliches Mädchen von siebenzehn Jahren . Lichtbraune Locken fielen noch ungeregelt auf den weißen Hals und Nacken nieder , und gaben dem zarten Oval des Angesichts eine süße , träumerische Färbung . Die großen blauen Augen sahen in tiefem Schmerz zu dem Greis empor , während ihre Hände krampfhaft gefaltet auf dem Busen ruhten , als wollten sie den heftigen Schlag des Herzens hemmen . Die ganze Erscheinung des Mädchens hatte etwas Rührendes ; denn ihre Züge waren von jener eigenthümlichen Schönheit , deren Reiz durch den Ausdruck des Schmerzes erhöht wird , denen der Menschenkenner schon im Voraus prophezeiht , daß sie einst den Stempel tiefen Leidens tragen werden . - Die Einrichtung des Gemachs entsprach dem Sinn der Bewohnerinn . Sie war einfach und klar , und entbehrte aller unnützen Zierrathen , mit denen sich sonst die Eitelkeit der Damen zu umgeben pflegt . Ein blankgebohnter Nußbaumtisch , drei geflochtene kleine Rohrsessel , ein Spiegel in Duodezform bildeten mit dem Sopha das ganze Meublement . In einer Ecke lehnte eine Harfe , mit einem halbverwelkten Immortellenkranz geschmückt , während auf dem niedrigen Fenstergesimse wie zum Hohn für das abgestorbene Bild der Unsterblichkeit üppig blühende Geranien und Rosen prangten . Die Wände des Zimmers waren blendend weiß , nur hin und wieder mit schwarzen Kreidezeichnungen dekorirt , denen Nußbaumholz zum rohen Rahmen diente , wahrscheinlich Reminiscenzen aus der frühesten Jugend des Mädchens . Mitten in dieser Einfachheit that es dem Auge fast weh , auf dem Roccoco-Tisch Gegenstände des feinsten Luxus zu finden . In chaotischer Unordnung lagen die kostbarsten Preciosen umher . Ein elegantes , rothes Saffian-Etui ließ einen prachtvollen Rubinschmuck hervorschimmern ; Blonden und Kanten blickten neugierig aus ihren halbgeöffneten Kartons zu einem Atlas-Kleid hinüber , das über der Sophalehne hing , gleich als ob sie sich sehnten , an dem schweren , weißen Gewand als blendender Schmuck zu prangen . » Es ist fest und unwiderruflich , Johanna , « sprach der Greis mit heiserer Stimme ; » heute wirst Du die Gattin des Herrn Oburn . Ich habe mein Wort gegeben ; ich halte mein Wort . Der Mann ist reich , sehr reich ; Du wirst ein glänzendes , vielfach beneidetes Leben führen , da vergißt sich rasch die sentimentale Jugendliebe , das Spiel einer müssigen Phantasie , das vor dem Ernst des Lebens verschwinden muß . Du wirst es mir später Dank wissen , daß ich Dein Geschick gewählt . « » Mir schaudert , Vater , « entgegnete das Mädchen , » wenn ich an den Mann nur denke , von dem man so viel Unheimliches sagt , dessen ganzes Wesen mir widerwärtig ist . Aus seinen Zügen spricht ein Geist , der mir ewig fremd bleiben wird , den ich nicht verstehe , nicht verstehen will , der mir wie eine feindliche Macht gegenübertritt und mein Gefühl empört . Nie , nie könnte ich diesem Manne angehören ! D ' rum , laß mir mein Glück , meinen Frieden , Vater ! Sieh ' , ich bin noch so jung ! Du hast mich so oft Deine holde Blume genannt ! O laß ' mich hier fortblühen ungestört bei Dir , und wachsen und werden , was der innere Trieb gebietet . Dort muß ich verwelken , verdorren - ich fühl ' s - dort ist meine Heimath nicht . Und dann , « fuhr sie fort mit lieblicher Schüchternheit , » Du weißt es ja mein Vater , ich liebe , heiß und innig , habe dem Geliebten das Wort gegeben , ihm allein auf immer anzugehören . Und Du willst mich zwingen , meineidig zu werden , Du , ein Diener des Herrn ? Du mußt es ja wissen , wie fluchwürdig eine Untreue vor Gott ist . « Der Greis hörte in höchster Aufregung die Worte der Tochter an ; doch er bekämpfte die Aufwallung seines Innern , die aus seinen feurigen Blicken und seinen Zügen sprach , und erwiederte ruhig : » Höre aufmerksam zu , Johanna ! Was ich Dir jetzt sage , wird Dir jede weitere Einrede ersparen . Ich tadle Dich nicht ; denn auch mir war die Liebe , als ich noch jung war , das Höchste , das einzig Begehrenswerthe , dem man jedes Opfer willig bringen muß . Ich war sehr arm , hatte früh die Eltern verloren , und stand unter der Aufsicht eines Vormundes , eines redlichen , aber strengen Mannes , der mich für den Handwerkerstand bestimmte , weil mir die Mittel zu einer höheren Ausbildung fehlten . Doch ich traute mir Kraft und Talente zu , eine andere Laufbahn zu wählen : und brachte es durch eifriges Studium dahin , daß ich die Universität zu H. beziehen konnte . Ohne Geld , ohne Connexionen , mit dem bittersten Mangel kämpfend , verlebte ich meine Studienjahre . Die Freuden der Jugend , das Glück eines frischen Lebens , die ungehemmte Freiheit der Existenz - mir war das alles unbekannt . Ich suchte diesen Verlust zu verschmerzen , in eifrigem Studium , in begeistertem wissenschaftlichen Streben Ersatz zu finden für ein sonst freudloses Dasein . Aber auch die Schätze der Wissenschaft sind der Armuth verschlossen ; und nur das Gold ist die Zaubersalbe des Abdallah , welche den Zutritt zu ihnen öffnet , und dem Auge erlaubt , in ihre Tiefen zu schauen . Mit großer Mühe mußte ich mich durchkämpfen zu den Quellen des Wissens , welche den begüterten Studenten mühlos und leicht zuflossen . Da schien mir dieses Metall eine Zaubermacht , gegen die anzukämpfen , nutzlos ist , mit der man sich verbünden muß , um das Leben zu besiegen . Seit jener Zeit ist mir der Reichthum ein hohes Gut , das ich gehaßt und doch mit Gier erstrebt ; dem ich nachjagte , während es mich floh , wie mein eigener Schatten . Du , mein Kind , kennst die Noth und den Hunger nicht ! Das waren die Gefährten meiner Jugend , die mich von Tag zu Tag hetzten durch ein Leben , das keinen andern Zweck kannte , als den , sich selbst zu behaupten , sich selbst fortzufristen . Wie oft schlich ich mich des Nachts auf die Aecker der begüterten Bürger , um mit den Früchten des Feldes , dem fremden Eigenthum , mich vor dem Hungertod zu erretten . - Doch auch diese qualvolle Zeit ging vorüber . Ein glänzendes Examen , das ich nach dreijähriger Studienzeit zurücklegte , verschafte mir die Gunst und Empfehlung eines Professors und durch dieselbe eine Hauslehrerstelle in einer gräflichen Familie . Ein achtjähriger Knabe wurde meiner Sorgfalt anvertraut , während ich der fünfzehnjährigen Tochter nur Musikunterricht ertheilen sollte . Hier in diesem Hause war ich täglich den empfindlichsten Demüthigungen ausgesetzt . Die ungebildete , hochmüthige Familie behandelte mich , den Erzieher ihres Kindes , gleich einem Domestiken . Wenn ich oft nahe daran war , das Haus zu verlassen - da tödtete der Gedanke an meine Armuth , an eine Zukunft ohne Mittel und Aussicht , den freien Entschluß . Allmählig fand ich in meinen Zöglingen Ersatz für die bittern Kränkungen , welche die Eltern mir zufügten . Elise , die Tochter des Hauses , machte mir das Leben zum erstenmale wünschenswerth . Unsere gegenseitige Neigung wurde bald zur Liebe ; die Liebe zur heftigsten Leidenschaft , die nicht nur über mich , sondern auch über die Schülerinn maßlosen Jammer brachte . Die Mutter , eine herzlose Kokette , eifersüchtig auf die Reize der Tochter , entdeckte bald mein Verhältniß zu Elisa . Ich wurde in einer entehrenden Weise , die meinen Namen an den Pranger stellte , aus dem Hause gejagt . Ohne eine andere Stellung zu finden , irrte ich lange Zeit in der Welt umher , im Herzen verzehrende Liebe , von Noth und Sorge treu begleitet . Die bewegtesten Schicksale waren an mir vorübergegangen ; - Jahre voll Arbeit und Mühe lagen hinter mir ; - ich hatte tüchtig mit dem Leben gerungen , bis ich diese Pfarrstelle erhielt , ein bescheidenes Loos , das meine Existenz sicherte ; ohne mein Streben nach höheren Lebensgenüssen jener Welt , die der Reichthum zu schaffen vermag , zu befriedigen . Meine Liebe war nicht erloschen - unter allen Kämpfen des Lebens dachte ich mit Sehnsucht an den kurzen Traum meines Glücks . Sechs Jahre lang hatte ich nichts von der Gräfinn gehört ; ich glaubte sie längst vermählt , und hätte ihr keinen Vorwurf daraus gemacht , wenn sie mir ihr gegebenes Wort gebrochen . Da hörte ich von einem Freund , daß , jedem Zwang , allen Mißhandlungen zum Trotz , mir die Geliebte treu geblieben und mein in unveränderter Liebe gedenke . Diese Nachricht machte mich unaussprechlich glücklich . So geliebt , um seines Selbst wegen so geliebt zu sein , ist für den Mann ein berauschendes Glück , das mir alle Ruhe und Ueberlegung raubte . Ich fand Mittel , mich der Gräfinn zu nahen . Sie wollte mein Weib werden , mir der Eltern Liebe , Rang und Reichthum zum Opfer bringen ; und ich war nicht edel genug , dies Opfer abzulehnen . Ohne den Segen der Eltern wurde Elise meine Gattinn - Deine Mutter . « - Erschöpft hielt hier der Greis einige Augenblicke inne ; dann fuhr er bewegter fort : » Aus großer , alles bezwingender Liebe war diese Ehe geschlossen worden ; dennoch war sie nicht glücklich . Glaube mir , Mädchen , Liebe beglückt nur auf kurze Zeit ! Deine Mutter ist edel und liebenswürdig ; - dennoch waren wir Beide elend ; deine Mutter , weil sie alle gewohnten Annehmlichkeiten des Lebens entbehren mußte ; ich , weil ich nicht im Stande war , sie ihr zu verschaffen . So sind uns freudlose Jahre vorübergegangen , welche mir die traurige Lehre gaben , daß unter bedrückten äußern Verhältnissen jede Hoffnung auf Glück getäuscht wird . Das Glück kehrt nur bei den Glücklichen ein ! Du bist mein einziges Kind - die Erfahrung meines Lebens soll Dir zum Heile werden ! Du sollst einer jugendlichen Täuschung nicht den wahren Genuß des Daseins opfern ! Ich muß Dich schützen vor all ' dem Jammer , den Deine Mutter erlebt . « Mit sichtlicher Spannung hatte Johanna den Worten des Vaters gelauscht , und schien in einer kurzen Pause über ihren Inhalt nachzudenken . Aus ihren Zügen sah man , daß dies Denken ein Erleben war , das ihr Wesen in seinen innersten Tiefen faßte ; daß sich in diesem Augenblick die ganze Zukunft bedeutsam in ihr zusammen drängte . Plötzlich begann sie mit jener Entschiedenheit , welche , wie mit einem gewaltsamen Ruck , alle Zweifel abschüttelt : » Deine Geschichte , Vater , paßt nicht auf mich ! Ich bin keine Gräfinn , bin an Entbehrungen gewöhnt . Mir wird ein einfaches Leben genügen . Und dann - « fuhr sie fast feierlich fort , - » meine Mutter war Dir treu ; auch ich werde meiner Liebe treu sein , als ihre echte Tochter . Ich lasse mich nicht verhandeln gegen schnödes Gold ; ich kenne etwas Edleres , als dies Metall - meine Liebe ! Ich schwöre Dir ' s - nie werd ' ich Oburns Gattin ! « Alle Heftigkeit , die der Greis bisher bezwungen , kam nun bei ihm zum Ausbruch . » So wagst Du , mit mir zu sprechen , thörichtes Kind ? Bist Du nicht mein Geschöpf ? Ist nicht mein Wille Dir Gesetz ? Du mußt ihm gehorchen ; denn ich bin Herr über Dich ! Es bleibt dabei : heute Abend wirst Du dem Herrn Oburn ehlich angetraut ! Ich will es und befehle es ! « Bei diesen Worten blitzte es im Auge der Tochter dämonisch auf ; das blühende Antlitz wurde marmorbleich ; doch fest und ruhig erhob sie sich ; sah den Vater durchdringend scharf an , und sprach mit Bestimmtheit : » Aber ich - ich will es nicht ! So weit gehen die Rechte eines Vaters nicht , einer flüchtigen Laune die Jugend , ja das ganze Leben eines Kindes zu opfern . Hier hört der Gehorsam auf , und mir allein gebührt die Entscheidung . O sieh ' mich nicht so zornig an , als zöge ich mit diesen Worten auf ewig eine Scheidewand zwischen unsere Herzen ! Ich bin jung - noch sehr jung - kenne die Welt und ihre Freuden nicht ; dennoch ahnt es mir , daß es ein Glück geben muß , ein Glück der Liebe und des Genusses , in das sich zu versenken höchste Befriedigung ist ! Und ich will glücklich sein , mein Herz hat die Kraft dazu , die Kraft , in der Seligkeit aufzugehn . Das fühl ' ich jetzt , denn Du verurtheilst mich , des Lebens unschätzbarste Güter einem ungeliebten Manne hinzuopfern , dessen verlebte Züge nur das Todesurtheil aussprechen über meine Jugend . Mich reizt nicht all ' diese Pracht der äußern Existenz , die seelenlos auch der Seele nichts zu bieten vermag , sie nur fesseln kann in blendender Sklaverei . Nie werde ich diese Fesseln ertragen ! « Bei diesen Worten nahm sie mit zitternder Hand eine schwere goldene Kette vom Tisch ; und ihre zarten Finger rüttelten und spielten gedankenlos mit den Ringen und Gliedern des prächtigen Geschmeides . Doch über den Greis kam der Sturm des Unwillens , und unterbrach gewaltig die kurze Pause sprachlosen Erstarrens , in das ihn die Rede der Tochter versetzt . Die unbeherrschte Leidenschaft triumphirte ! An dem braunlockigen Haar riß er die Tochter wild hin und her , und stieß sie dann mit den Füßen von sich , in maßlosem Zorn ausrufend : » Ungerathene ! Ich fluche Dir ! « Erschöpft , todesmatt , mit blauen Lippen und festgeschlossenen Augen sank der Greis , nach diesem Ausbruch der Wuth , ohnmächtig auf das Sopha zurück . Der gellende Schrei : » Mein Vater ist todt , « tönte in dem sonst so stillen Pfarrhaus wider . 2 Es war Mittag geworden . Schwüler drangen die Sonnenstrahlen durch die Fenster , die sie des Morgens nur angenehm erhellt hatten . Todtenstille herrscht in dem Gemach . Noch liegt der Kranke bewußtlos da . Eine Matrone steht vor ihm , reibt die erstarrten Hände , küßt die blauen Lippen , um sie zu erwärmen , und sieht , nach dem vergeblichen Versuch , trostlos zum Himmel empor . Der Arzt steht neben ihr , und prüft ruhig nach seiner goldenen Cylinderuhr den Pulsschlag des Kranken . Dann unterbricht er das Schweigen ; » Es war ein Nervenschlag , verehrte Frau , der ihren Gatten getroffen . Doch hoffen Sie - seine Erstarrung wird nachlassen ; er wird zum Leben zurückkehren ; nur fürchte ich , mit einer Lähmung mancher edeln Organe ! « Mit einem seligen Lächeln schaute die Frau den glückverheißenden Arzt an . So traurig auch das Ende seiner Rede war - sie hatte es überhört ; und nur die Worte : » er wird zum Leben zurückkehren « , freudig aufgefaßt und ihrem Gedächtniß eingeprägt . Sorgsam nahm sie ihre Hand aus der kalten Hand des Greises , schlich leise in eine Ecke des Zimmers , wo die Tochter lang ausgestreckt auf dem Estrichboden lag . Segnend legte sie die Hand auf des Mädchens Haupt , und sprach weich : » Johanna , mein Kind , wache auf ! Dein Vater wird nicht sterben - Gott ist uns gnädig ! Er läßt diesen Kelch an Dir vorübergehen . Doch bete , bete , Kind , daß auch die Lippen noch den Fluch zurücknehmen , den sie über Dich ausgesprochen ; denn Vaterfluch ist eine schmerzliche Mitgift für ' s Leben . « Mit irren Mienen richtete sich das junge Mädchen auf , strich sich die ungeordneten , thränenfeuchten Locken von der Stirn , und erwiederte klanglos : » Was soll ich thun , Mutter ? Soll ich beten - soll ich heute noch Oburns Weib werden ? Mein Muth , mein Herz ist gebrochen . Dieser unselige Morgen hat mich willenlos gemacht . Ich bin bereit - laß ' die Hochzeitglocken läuten - flicht mir den Brautkranz ! « Zitternd an allen Gliedern sank sie zurück in ihren Stumpfsinn ; und kein äußeres Zeichen gab den innern Kampf der Seele kund . Wieder waren einige bange Stunden vorübergegangen , Stunden , die ein ganzes Leben voll Freude quitt machen . Da hob der Greis matt die Augenlieder auf ; die Lippen regten sich ; er versuchte zu sprechen ; - doch die Zunge war auf immer gelähmt ! 3 Ein fröhliches Posthorn schmetterte in der Ferne . Näher kam ' s und näher , zum einsamen Pfarrhaus hinan . Bald hielt ein eleganter englischer Reisewagen , den vier prächtige schwarze Rosse zogen , vor demselben still , Herr Oburn , der glückliche Bräutigam , sprang jugendlich keck aus dem Wagen , und stürzte auf das Zimmer seiner Braut zu , wie ein Raubvogel auf seine Beute . Am Abende dieses Tages standen die Thüren der altmodischen Dorfkirche weit offen . Der mit hölzernem Schnitzwerk verzierte Altar war reich mit Kränzen und mit frischem , grünen Laube geschmückt ; zwei Wachskerzen brannten auf kolossalen Messingleuchtern . Eine Bibel , in schwarzem Sammet eingebunden , lag auf dem Betpult , vor dem zwei rothe , dem Anschein nach neu angeschaffte Sammetsessel standen . An dem Weg von der Kirche bis zum Pfarrhaus , der mit weißem Sand und Blüthen bestreut war , bildeten die festlich geputzten Dorfbewohner ein Spalier , durch welches das Brautpaar nach alter Observanz , hindurch gehen mußte . Jetzt ertönte das Geläute der einzigen Glocke ; ein Zeichen , bei dem sich alle Blicke nach der Thüre der Pfarrwohnung richteten . Gravitätisch überschritt Herr Oburn die Schwelle , und überschaute das Volk mit triumphirendem Blick . Seine Persönlichkeit gab der Menge zu mancherlei Bemerkungen Veranlassung , in denen der idyllische Witz der Landleute sich mit vielem Behagen erging . Herr Oburn war ein Mann von 50 Jahren , klein und fett , mit einem würdevollen Hängebauch , einem vollen , aufgedunsenen , dunkelrothen Gesicht , mit einer unförmlichen , großen Nase , neben der sich eine zweite kleinere , wie eine Tochterloge , etablirt hatte . Beide waren mit den Farben von Burgunder und Rum malerisch schattirt . Die Stirne , gewiß von der Natur dazu bestimmt , in diesem Gesicht die beste Parthie zu sein , war durch veilchenblaue Adern , die dick hervorquollen und sich kreuzten , wie Heereszüge auf strategischen Karten , unangenehm entstellt . Um den gemeinen breiten Mund zog sich ein Lächeln grober Sinnlichkeit , das an ein thierisches Grinsen erinnerte . Um das Gesicht würdig einzurahmen , fiel spärliches rothes Haar , genial vernachlässigt , von dem ziemlich kahlen Scheitel auf die Schläfe herab . Dies Meisterwerk der Natur war durch eine modisch-elegante Kleidung verhüllt . Der schwarze , feine Anzug , die Weste und Kravatte von weißem Atlas , suchten nach Kräften mit dem Gesichtsteint zu harmoniren , dem das feste Zuschnüren der Halsbinde zu der traurigen Aehnlichkeit mit einem gekochten Krebse verhalf . Das ganze Bild erinnerte an den Mann im feurigen Ofen , obgleich jeder Anstrich alttestamentlicher Salbung fehlte . An der Seite dieses Feuerkönigs schwankte ein bleiches Engelsbild , ein Mädchen mit dem höchsten Liebreiz geschmückt , voll Harmonie und Ebenmaaß . Ein echter Madonnenkopf mit unaussprechlich schönen Augen , einer kleinen , feingeschnittenen Nase , und einem Munde , den die Grazien um sein Lächeln hätten beneiden können ; eine hohe , schlanke Figur , an der dennoch jede Form , rund und weich , eine selbstständige Vollendung erstrebte ; Hals , Hand und Fuß von seltener Schönheit - alles das schien diesem Wesen von der Natur mitgegeben , auf daß es beglückend in Liebe glücklich sei . Darum empörte der Anblick des Zerrbildes , das , wie ein wahrer Popanz , an der Seite dieses schönen Menschenbildes , einhertrottirte . Heute war das feine Roth , das sonst die jugendlichen Wangen zierte , verschwunden , der Mund festgeschlossen , und das Auge blickte starr und regungslos umher . Ein weißes Atlaskleid umgab in malerischen Falten die frischen , edeln Glieder ; ein Kranz von blühenden Myrthen schmückte die hohe Stirn - sonst war alles an ihr schmucklos und einfach . Während das ungleiche Brautpaar der Kirche zuschritt , sprach sich in den verschiedensten Aeußerungen , in Lauten der Bewunderung und des Spottes , die Stimme des Volkes aus . Ein pietistischer Prediger , den man rasch aus der Nachbarschaft herbeigeholt , hielt eine salbungsvolle Traurede , durchdrungen von überschwänglichem Christenthum ; und suchte besonders die große Güte des lieben Gottes nachzuweisen , die sich der Braut so sichtbar offenbarte , indem sie ihr einen mit Glücksgütern vielfach gesegneten Ehegemahl zu Theil werden ließ . Als endlich die Ceremonie zu Ende war , und der Prediger nach christlichem Gebrauch die Worte der Bibel vorlas : » und er soll dein Herr sein , « da zuckte es schmerzhaft um die Lippen der Braut ; und als sie das ewigbindende Ja ! aussprach , da richtete sie die Augen gegen den Himmel , ein Blick , aus dem das verzweiflungsvolle Bewußtsein sprach , daß sie mit diesem Wort ihr Leben zu einem ununterbrochenen Opferfeste mache . Die Ehe war geschlossen . Es war ein schöner , warmer Maiabend ; der Vollmond stand groß am Himmel , die Blumen dufteten stärker und zarter ; Nachtigallen sangen süße Lieder der Liebe ; die Natur war still und ruhig , und schwelgte in ihren ewiggleichen Harmonieen , als wäre sie bewußt des sichern Gesetzes , das ihren wandellosen Kreislauf beherrscht . Was kümmerte es sie , daß ein Herz gebrochen , ein junges Leben gemordet war ? Eine Stunde später hielt der Reisewagen des Herrn Oburn vor der Thüre . Koffer und Schachteln , mit Garderobe und Weißzeug , der einzigen Aussteuer der eben vermählten Madame Oburn , wurden in den bequemen Wagen gebracht . Herr Oburn sah den Vorkehrungen gemüthlich zu , rieb sich seelenvergnügt die weichlichen und doch unzarten Hände , spielte mit der übermäßig dicken Uhrkette , und sah mit widerlichem Lächeln von Zeit zu Zeit auf seine Uhr . » Gott sei Dank , « murmelte er vor sich hin , » der langweilige Tag neigt sich zu Ende , und näher kommt die Stunde , in der mein Weib ganz mein eigen wird . Wie will ich schwelgen in ihren jungfräulichen Reizen ! Wahrhaftig , sie ist schön , und werth , meine Frau zu sein ! « Und sich zum Diener wendend , fuhr er fort : » James , höre ! Du giebst dem Postillon dreifaches Trinkgeld , wenn er mich rasch , sehr rasch zur nächsten Station führt ; Du nimmst ein Pferd , reitest meinem Wagen voraus ; jage , so rasch Du kannst , wenn auch das Pferd drauf geht - darauf kommt es nicht an - nur schnell , schnell wie der Teufel ! Bestelle im Hotel Zimmer zur Nacht für mich und meine Frau ; hörst Du , James , so schön wie möglich ! Ich hab ' ja Geld ; ich kann ' s bezahlen ! Nur schnell , schnell ! Ich komme gleich nach mit meiner Frau ! « Während dieses Gesprächs verweilte die Heldinn unserer Erzählung allein in dem stillen , freundlichen Gemach , in welchem wir ihre erste Bekanntschaft gemacht haben . Ihr Auge haftet unverwandt auf der Stelle , wo am Morgen der alte Vater den Fluch über sie ausgesprochen . Sie wirft sich auf die Kniee , faltet die Hände und will beten ; doch ihr fehlen die Worte - sie kann es nicht ; ihr Elend ist zu groß selbst für die Gnade des Himmels . Thränenlos sieht sie sich um in den unbegränzten Räumen , die sie seit frühester Jugend bewohnt . Hier hatte sie ein kurzes , ideales Liebesglück genossen ; und durch die Reihe der Jahre hindurch verfolgte sie träumerisch alle Wünsche und Hoffnungen , die hier in traulicher Dämmerstunde ihre Brust geschwellt . Nun lag alles hinter ihr - abgeschlossen , ein Paradies , aus dem sie verbannt war . Sie blätterte in dem Buch dieser schönen Vergangenheit , in welches das Leben noch nicht seine ehernen Lettern geprägt ! Noch war es ein Stammbuch voll duftiger , zarter Blätter , Blumen der Freundschaft und Liebe ; auch manches unbeschriebene Blatt mit bedeutungsvollen Zeichen , über das die Ahnung hinaus in die unbestimmte Ferne zog ! Dies Buch war geschlossen auf immer ; das Evangelium ihrer Jugend durfte nur noch in der Erinnerung leben ! » O , könnte ich nur weinen ! « seufzt sie , und schlägt mechanisch einige Töne auf der Harfe an , als könnte sie dadurch eine mildere Stimmung heraufbeschwören , und bewußtlos geht sie dann in eine ihr unendlich theuere Melodie über . Diese Töne versetzen sie außer sich ; ihr ganzer Körper zittert krampfhaft ; jede Fiber bebt ; ihr Wesen ist im Innersten erschüttert - und doch bleibt das Auge trocken ; keine Thräne kühlt die innere , verzehrende Glut . Noch einmal faltet sie ihre Hände zum Gebet - dann springt sie unheimlich rasch auf , und ruft : » Beten kann ich nicht - wohlan so will ich fluchen . Es giebt keinen Gott der Liebe ; warum leide ich sonst : Wenn die Gnade des Himmels nicht allgemein ist , wie sein Regen und sein Sonnenschein ; wenn sie nicht auch zu mir und meinen Schmerzen segnend herniedersteigt : dann ist sie ja nichts , als ein Traum der Glücklichen , die ihr süßes Vorrecht in so schöne Bilder kleiden . Ich will nicht länger zu diesen Träumen schwören . Meine Träume hat die Wirklichkeit zertrümmert , die Wirklichkeit dieser Welt und ihre eherne Macht ! Wohlan , so will ich sie anerkennen , und mit ihr kämpfen um jeden Fuß breit Landes , den ich mir umschaffen will in ein Paradies . « » Für die Welt , die den Sieg davongetragen über mein Herz , « fuhr sie feuriger fort , » für die Welt nur will ich leben . Das Geld , mit dem der Seelenhandel getrieben wird , dem ich die Ideale meiner Jugend geopfert , ist ja der Schlüssel zu dem Reich dieser Welt , zu allen Quellen des Genusses und der Freude