Otto , Louise Schloß und Fabrik www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Louise Otto Schloß und Fabrik Roman Erster Band Vorwort An dem Tage , wo ein Autor zu seinem Buche die Vorrede schreiben kann , sagt Jean Paul irgend wo , ist er glücklich . Jean Paul hat mit diesem Wort so Recht , wie mit manch ' anderm - ich fühle das jetzt und heute . Aber wenn ein Mensch eine glückliche Stunde hat , wie sie ihm selten kommt , so macht sie ihn öfter stumm , als beredt , so daß er zu all ' denen , welche ihm begegnen , oder zu ihm kommen , nicht anders zu reden weiß , als durch einen herzlichen Druck der Hand . Und so denn auch Euch , meine Leser , jetzt kein Wort weiter , aber Gruß und Handschlag von der Verfasserin . Meißen , im Januar 1846 . I. Die Erziehungsanstalt » Was er mir ist ? O , frage Blumenkelche , Was ihnen wohl der Thau , der sie besprengt ? « Betty Paoli . Zehn Uhr Abends . Um diese Stunde mußten in dem großen Hause des Herrn Doctor Nollin alle Lichter verlöscht und sollten alle Augen geschlossen sein . Und es waren viel schöne Augensterne , die da mit den Lichtern um die Wette zu leuchten aufhören mußten , statt daß manche von ihnen gewiß noch so gern abendlich geschwärmt und geblinkt hätten . Denn mehr als zwanzig junge Mädchen bewohnten dieses Haus auf der breiten , aber etwas einsamen Königsstraße einer Deutschen Residenz zweiter Größe . Herr und Madame Nollin leiteten nämlich ein Institut zur Erziehung und Ausbildung junger Mädchen aus den höheren Ständen . Das Institut war eben so vornehm , als kostspielig eingerichtet und daher auch nur von den Töchtern solcher Familien besucht , welchen Rang und Reichthum einen großen Aufwand gestattete . Dasselbe das erste der Residenz nennen zu können , war der Stolz von Madame Nollin . Zehn Uhr Abends . Auch die junge Gräfin Elisabeth von Hohenthal hatte ihr Licht verlöscht und , der Hausregel folgend , das Lager gesucht . Aber sie richtete sich bald wieder unruhig auf , zog mit der kleinen Hand die Vorhänge ihres Himmelbettes auseinander , streckte das Köpfchen hervor und vom matten Mondlicht unterstützt , blickte und lauschte sie nach der nebenan offen stehenden Thüre , dann rief sie halblaut : » Aurelie ! « Kichernd sprang auf diesen Ruf ein junges , leichtfüßiges Mädchen , in den leichten Schlafrock gehüllt , die niedlichen Pantoffeln , um Geräusch zu vermeiden , in den Händen , herein und warf sich in den Sessel neben Elisabeths Lager . » Nun , gestrenge Herrin , « lachte sie , » da bin ich zu Dero Befehl - ich brenne nämlich vor Neugier , zu wissen , warum Du heute den ganzen Tag so blaß und schmachtend ausgesehen hast , und mit welchen großartigen Plänen Du umgingst , als Du heute Deine Stickerei drei Mal auftrennen mußtest , ehe sie sich vor kritischen Augen sehen lassen konnte - nun beichte - « » Kann man nicht ernsthaft mit Dir reden , Aurelie ? « fegte Elisabeth mit etwas vorwurfsvoller Betonung . » Nun , warum denn nicht ? Wer weiß denn , daß Deine Geständnisse so gewaltig wichtig sind ? Aber wirklich , was hast Du denn ? « und Aurelie , indem sie die letzten Worte mit liebreich theilnehmender Stimme sprach , nahm die Rechte der Freundin zwischen ihre beiden kleinen Hände . » Thalheim , « begann diese , » ist heute abermals außen geblieben - « » Nun , und was weiter ? « » Was weiter ? Wäre nicht dies allein schon genug , um - « » Um Dich zu ärgern ? Möglich ! « sagte Aurelie , indem sie zu gähnen begann , » es thut mir zwar sehr leid , daß du dadurch verhindert worden bist , Deinen letzten geistreichen Aufsatz vortragen zu können , daß Du heute sein Lob nicht eingeärntet hast - allein hat Deine heutige Sentimentalität keinen andern Grund , als diesen etwas lächerlich ehrgeizigen , so thut es mir wirklich leid um den Schlaf , den ich jetzt versäume . « » Es sollte mir leid thun , hielte ich Dich von irgend einem Vergnügen zurück ; ist Dir der Schlaf ein solches , dann , gute Nacht ! « versetzte Elisabeth kalt und lehnte sich in die Kissen zurück . Aurelie stand stumm auf , öffnete leise das Fenster und sah hinaus . Sie that dies nur , um ein wenig Luft zu schöpfen oder vielmehr um Zeit zu gewinnen , sich mit der Freundin wieder auszusöhnen ; zu schnell wollte sie dieselbe aber nicht versöhnen , um sich selbst Nichts von ihrer eignen Würde zu vergeben . Bald jedoch ward ihre Aufmerksamkeit durch Stimmen , welche sich auf der Straße hören ließen , gefesselt . Zwei männliche Gestalten gingen unten vorüber und die Lauschende hörte die Worte : » So viel ist gewiß , dies ist das Institut , welchem sie angehören , aber wie aus einer so scharfbewachten Heerde gerade die Eine herausfinden , die man im Sinne hat und von der man nicht einmal weiß , ob sie Pauline oder Aurelie heißt - « Das Wort » Heerde « klang Aurelien zwar etwas anstößig , sie konnte es nicht ohne Nasenrümpfen hören , doch als sie ihren eignen Namen verstanden hatte , strengte sie ihr Gehör auf ' s Aeußerste an , um vielleicht noch ein die erregte Neugierde befriedigendes Wort zu vernehmen , und so hörte sie noch eine zweite Stimme sagen : » O , ich habe mir das Engelsgesicht zu deutlich gemerkt , um es je wieder vergessen zu können , wer sie auch sei , wie tyrannisch sie vielleicht auch bewacht sein mag , ich werde Mittel finden , mich ihr zu nähern . « Die erste Stimme ließ darauf ein wieherndes Gelächter vernehmen - darüber schien die vorher friedliche Unterhaltung in ein Gezänk überzugehen , von dem Aurelie , da die Sprechenden sich immer weiter entfernten , kein Wort mehr verstehen konnte . Ueber diesem kleinen Vorfalle vergaß Aurelie ganz und gar , daß sie noch vor ein paar Minuten mit Elisabeth nicht im besten Vernehmen gewesen war - sie trat zu dieser und berichtete , mit einem » Denke Dir « beginnend , umständlich und pathetisch das Erlauschte und stellte in einem langen Wortschwall Tausend Vermuthungen auf , die sich daran knüpfen ließen . Elisabeth hörte geduldig zu und sagte dann lächelnd : » Nun Du ein solches Abenteuer erlebt , bereust Du wohl nicht mehr die wenigen Minuten des verlornen Schlafes ? « Da besann sich Aurelie erst wieder , daß jene ihr vorhin gezürnt und sie sagte weich : » Vorhin wurdest Du mir böse - ich will Dir zugeben , daß mir mit Deinen Worten Recht geschah , und so soll es wieder gehen wie immer - ich bin vorlaut , Du bist stolz - wir gestehen uns dies ein , und ich selbst bin die Erste , welche nachgiebt . So ist denn wieder Alles bei ' m Alten und fiel ich Dir vorhin in ' s Wort , so hast Du nun die Güte , es zu vollenden . « Elisabeth drückte die dargebotne Hand und begann nach einer Weile mit niedergeschlagenen Augen : » Ihr nennt mich eitel und ehrgeizig und die Meisten der Gefährtinnen witzeln über mich . Ich bin es nicht , ich will nur den großen Vortheil nicht unbenutzt lassen , der mir zu Theil geworden , indem ein Thalheim unser Lehrer ist . Ich würde mich dieses Gefühlsunwerth fühlen , wenn ich nicht danach streben wollte , dies auch zu verdienen - - Aber wie kannst Du denken , nur Eitelkeit sei im Spiel , wenn ich darüber klage , daß Thalheim nicht gekommen ? « » Nun wirklich , « lachte Aurelie pfiffig , » da machst Du ein naives Geständniß , so bist Du wohl gar in Thalheim verliebt ? « » Welch ' einfältiges Wort und welcher noch einfältigerer Gedanke ! Siehst Du dort « , und Elisabeth legte sich mit dem Oberkörper ein wenig vor und deutete mit der Hand nach dem geöffneten Fenster , » siehst Da da oben den kleinen Stern am Himmel , der gerade unter dem Orion steht ? Er ist verschwindend klein gegen dies glänzende Sternbild und Niemand , der jenes nennt , nennt und zählt ihn mit - aber deshalb ist er doch des Orion steter Begleiter . Was wär ' es denn weiter , wenn ich jener kleine Stern wäre und Thalheim mein Orion ? Wenn ich in seiner Bahn ihm nachwandelte , unzertrennlich von ihm und doch immer in derselben Ferne wie ein Stern neben dem andern ? « » Was schwärmst Du wieder ? « » Ja , so seid ihr , « seufzte Elisabeth und wieder den gewöhnlichen Gesprächston annehmend , sagte sie kurz : » Thalheim ' s Gattin ist dem Tode nahe , er will nicht von ihrem Schmerzenslager weichen und deshalb hat er sich bei uns entschuldigen lassen . Aber das ist nicht Alles . Erst gestern , als ich bei meiner Tante zum Besuch war , habe ich dort zufällig gehört , was mich in ' s Innerste bewegt hat . « » Nun , das wäre ? - « » Thalheim soll so arm sein , daß er sich seiner Frau wegen die größten Entbehrungen auferlegt und jetzt durch ihre Krankheit in die größte Noth gestürzt Tag und Nacht allein an ihrem Lager wacht , jeden Dienst ihr leistet und unter den quälendsten Sorgen ringt . Ach , Aurelie , in diesem Augenblick , wo wir friedlich zusammen sprechen , kniet er vielleicht in Verzweiflung , daß er der sterbenden Gattin irgend einen Wunsch nicht erfüllen kann , an ihrem Schmerzenslager , und eine Hand voll elenden Goldes könnte sie zwar nicht dem Leben erhalten , aber es ihr doch leichter machen , zu sterben , und er wäre doch der niedrigsten aller Sorgen enthoben . « » Das thut mir wirklich leid , wenn er so unglücklich ist - Armuth muß doch sehr schlimm zu ertragen sein - Aber wie können wir es ändern ? Einem Bettler könnte man schon helfen - ihm aber nicht . « » Es ist freilich hier nicht so leicht , aber doch nicht unmöglich . - Das ist es , worüber ich heute den ganzen Tag nachgedacht habe . Ich muß aber vor allen Dingen wissen , ob jenes Gerücht von Thalheim ' s Armuth wirklich wahr ist . Ich habe mich heute bei unserm Laufmädchen nach seiner Wohnung erkundigt und erfahren , daß eine Blumenmacherin mit ihm in einer Etage wohnt , zu ihr will ich morgen gehen und hoffentlich erhalte ich da genaue Auskunft , vielleicht wird es mir auch gar durch diese möglich , ihm helfen zu können , oder der Zufall giebt mir irgend ein andres Mittel an die Hand . Willst Du mich nun morgen zu der Blumenmacherin begleiten ? Wir sagen , daß wir zu Deinem Verwandten Obrist Treffurth gehen , schicken an der Hausthüre den Bedienten heim , thun dann erst unsern Gang und begeben uns dann zu Treffurth ' s , wo der Bediente uns wieder abholen mag . Du kannst sie ja morgens von unserm Besuch benachrichtigen , den wir längst versprochen . « Aurelie war mit Allem zufrieden , hatte vermuthlich aber heute weiter keine Lust , noch mehr von Thalheim zu hören , und sagte deshalb der Freundin herzlich , aber schnell gute Nacht und legte sich zur Ruhe . Sie überließ sich den Gedanken über die am heutigen Abend gehörten Worte , die ihr anmuthige heitre Bilder vor die Seele zauberten , bis der Schlaf dieselben in wirrer gaukelnder Weise fortsetzte . Aber aus Elisabeth ' s Augen schlich leise eine Thräne nach der andern und bis zum Morgengrauen entwarf sie sinnend einen Plan nach dem andern , wie sie ihren Zweck , Thalheim zu helfen , erreichen könne , und doch ward jeder dieser Pläne wieder von ihr verworfen . - Elisabeth war das einzige Kind eines Grafen von Hohenthal . Schön , begabt mit einem glänzenden Verstande und mannichfachen Talenten war sie der Eltern Stolz ; all ihr Streben , ihr Ehrgeiz war auf diese gerichtet . Schon frühe war es dahin gekommen , daß fast jeder von Elisabeth ' s Wünschen als Befehl galt , daß Alles im väterlichen Hause sich ihr unterordnete . Es konnte nicht anders kommen , als daß sie , dadurch irre geleitet , schon in früher Jugend etwas Herrisches und Gebieterisches annahm , das besonders die schwache , aber engelmilde Mutter zuweilen erschreckte und für das künftige Glück der theuern Tochter besorgt machte . Ein Hauslehrer und eine Gouvernante hatten Elisabeths Erziehung bis zu ihrer Confirmation geleitet ; so war sie einsam , ohne Jugendgespielinnen , ohne Lerngefährtinnen aufgewachsen auf dem einsamen Stammschloß ihres Vaters . Den alten Grafen hielt auf denselben mittelalterliche Grille fest . Er konnte sich nicht mit dem neuen Zeitgeist befreunden , welcher allen alten Vorurtheilen , mithin auch der Würde des alten Adels den Krieg erklärt hat und seinen Feldzug gegen denselben allmälig immer siegreicher fortsetzt . Deshalb lebte er zurückgezogen auf seiner Herrschaft Hohenthal , wo er die ihn Umgebenden noch als seine Unterthanen betrachten und in ehrfurchtsvoller Ferne von sich halten konnte , wo man ihn trotz seines Stolzes , da er gerecht , freigebig und wohlthätig war , wie einen Vater und Fürsten verehrte und aus ehrfurchtsvoller Ferne mit Hochachtung zu ihm aufsah . Er hatte sich besonders , seit der Regent seines Vaterlandes diesem die mehr abgenöthigte als freiwillig verliehene Constitution gegeben hatte , nicht wieder entschließen können , in der Residenz zu erscheinen , welche durch die veränderte Zeitrichtung auch ein ganz verändertes Ansehen und Leben gewonnen hatte . Die Gräfin Hohenthal , die von fürstlicher Herkunft war , theilte die stolzen aristokratischen Ansichten ihres Gatten , doch in ihr hatten sie eine mehr poetische Grundlage und prägten sich auch poetisch und deshalb minder verletzend als bei dem prosaischen Grafen in ihrem sanften Charakter aus . Wenn der Graf mit allen neuen Zeitbestrebungen grollte , welche auf eine Ausgleichung der Verhältnisse , auf das Zunichtwerden veralteter Vorurtheile hinarbeiten , welche der Aristokratie die Uebermacht entreißen und bald jede frühere Willkühr und Ungebühr ihr unmöglich machen , war die Gräfin vorzüglich deshalb mit der Gegenwart zerfallen , weil alle jene äußern Lebensverherrlichungen , welche früher nur bei den höchsten Ständen zu finden gewesen , jetzt auch Eigenthum der bürgerlichen Stände wurden , welche , wie die Gräfin meinte , dieselben misbrauchten . Die Geldaristokratie , diese Geburt der neuen Zeit , die Macht in den Händen der Industriellen war es , welche ihr vornämlich die neue Zeit verhaßt machte , so daß auch sie , halb mit dem Leben zerfallen , es wünschenswerth fand , von seinen weitern Kreisen sich zurückzuziehen . Der nächste Nachbar ihrer Besitzungen trug jedoch noch unausgesetzt nicht wenig dazu bei , sie in der Trauer über die Sitten und aristokratischen Vorrechte entschwundener Zeiten zu bestärken . Es war dies Herr Christian Felchner , welcher vom Vater des jetzigen Grafen Hohenthal , als dieser durch einen Prozeß , den erst der Sohn gewann , seine Vermögensumstände sehr zerrüttet sah , ein ansehnliches Stück der zu den Hohenthal ' schen Gütern gehörigen Ländereien gekauft und sie zur Anlegung einer großen Wollfabrik benutzt hatte . Graf Hohenthal , besonders durch seine Gattin dazu aufgemuntert , hatte dem Fabrikbesitzer enorme Summen geboten , um wenigstens theilweise und so viel , als irgend möglich , wieder den früher zu seinen Gütern gehörigen Grund und Boden in seinen Besitz zu bekommen - allein Christian Felchner war nicht der Mann , der , wo er einmal sich angesiedelt , sich wieder vertreiben ließ , nicht der Mann , der je seine Ansprüche vor den Forderungen einer Aristokratie der Geburt gemäßigt hätte . Auf die Anträge des Grafen gab Christian Felchner nur kurz zur Antwort : er könne durchaus nicht darauf eingehen ; und als jener seine Anerbietungen noch steigerte und nachdrücklicher zu machen suchte , traf er eines Tages an einer Stelle , die seinen Park begränzte und in Felchner ' s Besitz war , eine Menge Arbeiter daselbst beschäftigt . Bald erhob sich an diesem Platz eine neue Spinnerei und bald schallte das Getöse der arbeitenden Dampfmaschinen weit hinüber in die stillsten Plätze des gräflichen Parkes , und die Fabrikarbeiter verzehrten an seinen mit prachtvollen Blumen und majestätischen Baumgruppen verschöntem Ausgang ihr Frühstück unter derben Scherzen oder rohem Gezänke . Der nächste Umgang des Grafen Hohenthal war ein Herr von Waldow , Rittmeister außer Dienst , dessen Rittergut auf der andern Seite das Eigenthum des Fabrikanten begrenzte . Herr von Waldow hatte während eines flotten Militärlebens ungleich mehr ausgegeben , als eingenommen , und um sich seinen guten Namen zu bewahren und zugleich sein glänzendes Leben fortsetzen zu können , ließ er willig von seinem Besitzthum ein Stück nach dem andern an Felchner gelangen , so daß dessen Besitzthum sich immer weiter ausbreitete , und was Hohenthal ihm an seiner Westgrenze gern wieder streitig gemacht hätte , das trat im Osten Waldow mit Vergnügen an Terrain ihm ab . - So verging Elisabeth ' s Kindheit einsam im Schloß des Vaters , ohne daß eine Gespielin dieselbe erheitert hätte . Lehrer und Gouvernanten , welche man ihr hielt , betrachtete sie nicht als Personen , denen sie Gehorsam schuldig sei , sondern als solche , welche ihrem Willen sich zu fügen hätten . Bei ihren bedeutenden Geistesgaben und Talenten , verbunden mit einem angebornen Triebe nach Wissen , und einem früh erwachten Ernste und geistigen Stolz entwickelte sie sich früh und schnell , so daß die , welche ihre Erziehung leiteten , dies Geschäft dennoch belohnend fanden , obwohl Elisabeth immer eigenwillig , oft herrisch sich gegen sie zeigte und zeigen durfte . So war sie siebzehn Jahr alt geworden , als eine Verwandte ihrer Mutter , Baronin von Treffurth , mit ihrer Tochter Aurelie auf einige Zeit nach Hohenthal zu Besuch kam . Aurelie war zwei Jahr jünger als Elisabeth , weniger schön , weniger talentvoll und lernbegierig als diese - aber lebendiger , kindlicher , heitrer . Frau von Treffurth bewohnte ebenfalls ein einsames Landgut und hatte deshalb beschlossen , die Erziehung ihrer ältesten Tochter in dem ersten Institut der Residenz vollenden zu lassen . Aureliens Abgang dahin war bereits bestimmt , und da sie und Elisabeth einander liebgewonnen hatten , so gab die Letztere bald den Wunsch zu erkennen , das elterliche Schloß auf einige Zeit mit jenem Institut zu vertauschen . Gräfin Hohenthal vernahm dies mit Freuden , denn sie hoffte auf diese Weise vielleicht den stolzen Eigenwillen ihrer Tochter brechen und im Kreise gleichfühlender Gespielinnen sie sanfter und zufriedener werden zu sehen , wie sie bis jetzt war . So kam es , daß Elisabeth und Aurelie in Nollins Institut zusammen waren . Als Elisabeth bei ihrer Ankunft sich die Namen ihrer Gefährtinnen hatte nennen lassen , ward bei jedem derselben ein » Comtesse « - » Baronesse « u.s.w. vorgesetzt , nur eines dieser Mädchen nannte man ihr kurzweg als Pauline Felchner . Als Elisabeth die Genannte befremdet mit kaltem Blicke maß , sagte ein schnippisches Fräulein bitter : » Sie werden einander wohl nicht kennen , obwohl Sie eigentlich Nachbarinnen sind , denn Fabrikant Felchner ' s Dampfmaschinen hört man ja wohl bis in das Schloß des Grafen Hohenthal lärmen . « » Nein , wir kennen uns nicht , « versetzte Elisabeth kalt . » Es wäre auch anders nicht möglich , « nahm Pauline erröthend und mit bebender Stimme das Wort , » denn seit meiner frühesten Kindheit , wo ich mutterlos ward , bin ich vom Vaterhaus entfernt gewesen . Desto mehr , « fügte sie hinzu , indem ihre sanften blauen Augen unwillkührlich naß wurden , » sehne ich mich nun dahin zurück . « Ward Pauline als das einzige bürgerliche Mädchen unter so vielen hochgeborenen zurückgesetzt und von diesen selbst geringschätzig behandelt , oder doch wenigstens allen Andern nachgesetzt , so hegte Elisabeth noch ein anderes Vorurtheil gegen sie ; ihre Kameradin sollte die Tochter desselben Fabrikherrn sein , dessen Nachbarschaft mit dem Hohenthal ' schen Schloß für dessen Besitzer schon so unbequem , als widerwärtig war . Zwar verschmähte es Elisabeth , die sanfte , bescheidne Pauline gleich den andern Mädchen absichtlich zu kränken und sich fühlbar über sie zu erheben , allein sie hielt sich immer fern von ihr , eine Annäherung schien zwischen Beiden unmöglich und sie waren gegenseitig nicht da für einander . Dies konnte Paulinen von Elisabeth aber weniger verletzen , als von jeder Anderen , denn für Elisabeth schienen überhaupt nur die Wenigsten da zu sein , nur an Aurelie schloß sie sich mit Wärme an , aber doch immer nur so , daß diese die geistige Ueberlegenheit Jener fühlte , sich ihr freiwillig unterordnete und ihr auch sonst in Allem zu Willen war . II. Ein Geständniß » Herz ward vom Herzen blutend losgerissen , Und jetzt auf meinem Sterbelager muß Ich Deines Anblicks süßen Trost vermissen . « Betty Paoli . In derselben Nacht , in welcher Elisabeth und Aurelie den Namen Thalheim flüsterten , wachte der , von dem sie sprachen , einsam und sorgenvoll am Krankenlager der Gattin . Eine düster brennende Lampe beleuchtete matt das kleine Gemach . Die Fenster waren dicht verhangen . In der Nische des einen hing ein hölzerner Vogelbauer , dessen kleiner Inwohner zuweilen das bunte Köpfchen aus der dichten Federhülle hervorsteckte , als wolle er sehen , ob es noch nicht bald tage . Hie und da sang er auch leise unruhige Töne im Schlafe . Eine große Stutzuhr , deren prachtvolles Gehäus von Silber und Alabaster auffallend von der einfachen , ja armseligen Meublirung der Stube abstach , folgte mit hellem , forttönendem Klange den fliehenden Minuten . Außer ihr und den einzelnen Lauten des Vögelchens vernahm man Nichts , als die langen , unruhigen Athemzüge der Kranken . In der dunkelsten Ecke des Gemaches saß der Gatte der Kranken in einem schwarzen Lehnstuhl . Sein Arm stützte sich auf eine Seitenlehne des Sessels , so daß die emporgehaltene Hand das müde herabgesenkte Haupt trug . Thalheim mogte einige dreißig Jahre zählen . Die Züge seines Antlitzes waren von männlicher Schönheit und antiker Regelmäßigkeit ; aber aus den leichten Furchen seiner hohen , breiten Stirn , Furchen , welche nur der Schmerz gezogen haben konnte , war bald zu lesen , daß manch hartes Geschick den Mann getroffen haben mogte , und die Blässe seines Antlitzes , das dunkle Feuer , das in seinen tiefblauen Augen brannte , das schmerzliche Zucken um den Mund , das die Oberlippe emporzog und ihn halb öffnete , so daß man eine Reihe großer mormorweißer Zähne gewahrte , deutete auch jetzt auf ein schmerzlichbewegtes Innere . Bei All ' dem aber konnte Thalheim ' s Anblick auch in seiner jetzigen niedergebeugten Stellung weniger Mitleid , als Ehrfurcht erwecken . Etwas Unaussprechliches , Unnennbares prägte sich in seiner Gestalt , auf seinem Gesichte aus , etwas Heiliges , Unüberwindliches . Er stand jetzt auf , denn die Kranke , welche er im Schlummer glaubte , hatte sich jetzt plötzlich rasch aufgerichtet und rief ungeduldig : » Johannes ! « Im Augenblick stand er geräuschlos neben dem Bett und legte sanft seine Hand auf die fieberheiße seines Weibes , indem er flüsterte : » Willst Du etwas , gute Amalie ? « » Sterben ! « ächzte sie , indem sie beide Hände vor ihre Stirn schlug und das Haupt auf ihre Kniee legte . So zusammengebeugt seufzte sie laut und ungeduldig unter ihren Schmerzen . Er legte ihr die in einander gewühlten Kissen wieder zurecht , schlang den Arm sanft um ihre Schultern und wollte sie zärtlich aufrichten . Aber sie zuckte zusammen , als mache seine Berührung ihr Schmerz , verzog den Mund bitter und flüsterte ein zurückweisendes : » Geh ! « und : » Laß ! « Thalheim nahm seinen Arm zurück und blieb eine Weile schweigsam stehen , seine Augen weilten unverändert mit zärtlicher Theilnahme auf der Kranken , die jetzt ihren Kopf aufrichtete , und hastig flehend sprach : » Nur einen Wunsch erfülle mir noch , damit ich sterben kann - « auch mit bitter ' m Tone hinzufügte : » Du kannst es - er kostet kein Geld . « Thalheim warf einen Blick an die Decke des Zimmers , einen Blick , der den Himmel suchte - aber es schien kein Himmel über ihm zu sein , sein Blick traf nur die graue Decke . Amalie war schon lange krank , und er war arm - diese Armuth wagte er Niemand einzugestehen , denn in der Stadt , in der er jetzt lebte , hatte er keine Freunde , die er um Hülfe hätte angehen können , und Bekannte in Anspruch zu nehmen , war er zu stolz . Sein Gehalt reichte nur gerade hin , ihn mit Weib und Kind zu ernähren , weiter nicht - die lange Krankheit hatte ihn bereits in Schulden und Verbindlichkeiten verwickelt , die ihm unerträglich waren , und um sie nicht noch zu mehren , um nicht sich und seine Familie noch immer tiefer in eines jener Labyrinthe des Elends zu führen , aus welchen der Rückweg so schwer zu finden ist , hatte er der Kranken hie und da einen jener grilligen Wünsche unerfüllt lassen müssen , an denen Kranke gewöhnlich so reich sind , und deren Erfüllung ihnen weder Erleichterung noch Freude giebt , deren Verweigerung sie aber unmuthig macht . Thalheim hatte das Bewußtsein , daß er mit Aufopferung aller seiner Kräfte Alles für seine Frau that , was ihm irgend möglich war . Er hatte nie ein Wort des Dankes , der Anerkennung von ihr verlangt , denn er sagte sich , daß er nur seine Pflicht thue , - aber statt eines milden Liebesblickes , nach dem er sich sehnte , gab sie ihm Vorwürfe . - Aber jener einzige Blick aufwärts und ein schnell wieder unterdrücktes Zucken um den Mund war Alles , wodurch er einen Moment seiner heftigen innern Bewegung einen Ausdruck geben mußte , er sagte mit unveränderter Freundlichkeit : » Und welchen Wunsch hast Du ? Gewiß , ich werde Alles aufbieten , ihn Dir zu erfüllen ! « » Du weißt , daß ich sterben muß , « begann sie milder , als sie vorhin sprach , und er fiel ihr in ' s Wort und rief : » O , sprich nicht so ! « Aber sie bat weiter : » Unterbrich mich nicht , um mich zu schonen , es ist mir ja Erleichterung , wenn ich einmal frei sprechen darf . Suche mir das nicht zu verheimlichen , was ich ja doch wünschen muß . Laß mich reden . Höre mir zu . Du hast es selbst mit angesehen , wie oft der Tod zu mir gekommen ist - er packte mich , warf mich hin und her , daß ich vor unsäglichen Schmerzen stöhnen und wimmern mußte , wie ein Kind - aber die Stunde ging vorüber , und der Tod mit ihr - ich blieb immer noch sein zuckendes Opfer - und nun ist es mir klar geworden , warum ich nicht sterben kann - ich soll nicht unversöhnt aus dem Leben gehen . Ich bedarf der Verzeihung zweier Menschen , an denen ich mich schwer vergangen habe - Deiner und seiner - - - « Sie hielt inne - er sah sie fragend an und sprach kein Wort . Nach einer Pause fuhr sie fort : » Johannes ! - Auf dem Sterbebette lass ' mich nicht mehr heucheln . Nicht aus Liebe ward ich Dein Weib - in diesem Herzen hat ewig nur das Bild eines Andern gelebt ! « sie sprach die letzten Worte kaum hörbar und mit niedergeschlagenen Augen , dann aber heftete sie dieselben weitgeöffnet ängstlich auf ihren Gatten , um zu erforschen , welchen Eindruck dieses Geständniß auf ihn mache . Ueber seine ganze Gestalt rießelte es wie ein eisiger Schauer - seine Hände ließen die Bettpfoste los , auf die sie sich vorhin gestützt hatten - er sah auf sie , eben so starr , eben so fest , wie sie auf ihn - doch lag ein ungläubiges Forschen in diesem Blick und eine innige Zärtlichkeit , welche flehte : nimm das Wort zurück - ich verstehe Dich nicht . Sie hielt diesen vertrauenden Liebesblick nicht aus , und indem sie ihr Gesicht abwendete , schrie sie auf : » Fluch mir lieber ! Ich kann das eher ertragen , als Deine Engelmilde , als Deine blindvertrauende Liebe - - ich habe Dich geachtet , ich habe Ehrfurcht vor Dir gehabt - ich habe mir tausend Mal gesagt , daß Du edler , besser seiest , als all ' die andern Männer - auch als er - mein Geist hat es mir gesagt , nicht mein Herz - mein Verstand , aber nicht mein Gefühl - und so habe ich Dich niemals lieben können , wie Du Dich geliebt glaubtest - niemals wie ihn - - und so habe ich doppelt gefehlt , an ihm , dem ich die Treue brach , und an Dir , dem ich Liebe heuchelte - ich habe Euch Beide unglücklich gemacht , Ihr müßt mir Beide vergeben , damit ich versöhnt