Hahn-Hahn , Ida Gräfin von Sibylle www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ida Gräfin Hahn-Hahn Sibylle Eine Selbstbiographie Erster Band An Fürst Fritz Schwarzenberg Ihnen , mein lieber Fritz , dies traurige Buch ? - Ja , grade Ihnen ! Sie können es aushalten , Sie trift es nicht : Sie haben ein Herz . Hat man das , so giebt es freilich nichts desto weniger Zeiten in denen man dunkle , zweifelnde , verachtende Blicke in das Gewirr des Menschenlebens und auf das lähmende Schauspiel eigener und fremder Schwäche wirft ; aber mit der dem Herzen eigenen Schwungkraft schnellt man den wüsten Ballast von Staub , Moder und Verwelklichkeit fort , gedenkt ihrer als melancholischer Warnung , und fühlt deshalb den goldenen heiligen Faden nicht abgerissen , der unser kleines Wesen an das große , lichte , liebende , ewige Wesen des Alls knüpft . Das Herz ist an sich selbst eine Sonne , die Licht und Wärme , die Leben giebt . Fehlt sie , so herrschen Chaos und Tod , und der Mensch , der dieser Finsterniß anheimfällt , ist unselig , und ich glaube es giebt manche solcher Unseligen in unsrer Welt , die so klug und so kalt ist . Darum , lieber Fritz , wende ich mich recht zu meiner Erquickung in Gedanken an Ihr gutes rasches warmes Herz , und ohne zu erwarten daß Sie als ächter und rechter Lanzknecht die Lanze für meine Ueberzeugungen und Meinungen - welche nicht immer die Ihren sein mögen - einlegen müßten , weiß ich doch daß Sie mir herzlich die Hand schütteln und sagen werden : In der Hauptsache denken wir überein ! - Dresden , den 26. April 1846 . Ida Hahn-Hahn . Wir Alle haben sie gekannt . Sie wohnte zwischen uns , sie lebte mit uns . Bemerkt mögen nur Wenige sie haben , doch jezt , da sie todt ist , werden Manche sich ihrer erinnern . Die Welt ist wie ein Meer : Jeder hat so viel damit zu thun das Schiff seines Lebens durch Klippen und Stürme zu bringen , daß er weder Zeit noch Ruhe noch Theilnahme genug übrig hat , um sie den fremden Lebensschiffen zuzuwenden ; höchstens aus Neugier sieht er einmal flüchtig hin . Kommen aber Trümmer daher geschwommen - starrt aber von einer Sandbank ein gestrandetes Wrack schwarz und formlos empor - tauchen aber aus den Wellen Gegenstände auf , die ein untergegangenes Dasein verrathen : dann fährt man auf , das Interesse erwacht , man mögte wissen welch Schiff hier von den Wogen verschlungen ward , ob es dieses war , ob es jenes war , man sieht beklommen den Trümmern nach , man denkt : so wird auch unser Ende sein ! - Dann wirbeln die Wellen sie fort - und die Gedanken wenden sich wieder den eignen Wegen zu . Es kann den Menschen trösten oder ihn trostlos machen , daß er lebend oder todt keine bleibende Furche durch das Meer des Lebens zieht . Diese Blätter sind Ueberbleibsel eines Daseins welches vor der Zeit Schiffbruch litt ; - vor der Zeit , was die Jahre betrift , die uns ja bis » siebzig oder achtzig « zugemessen - für die also Zustände denkbar sind , welche ihnen Genüsse und Befriedigung verschaffen . Allein viel zu spät für die schauerliche Erschöpfung in der diese Frau ihre Tage hinschleppte . Nichts auf der Welt machte ihr Freude , nichts entlockte ihr ein Lächeln oder eine Thräne , nichts erwärmte ihr Herz oder beflügelte ihren Geist , nichts ruhte sie aus , nichts regte sie an . Sie stand neben ihrem unterminirten und ausgeödeten Leben wie der Genius des Todes jezt neben ihrem Grabe stehen mag : unüberwindlich gleichgültig . Gleichgültig - das war sie ! aber nicht blos für Andere , sondern mehr noch für sich selbst . Es ist ja Alles gleich vorüber ! - sprach sie mit ihrer tonlosen Stimme und ihrem Marmorantlitz , und Körperleiden die Andere wahnwitzig machen würden , erpreßten ihr keine Klage . Als sie im Sarge lag fiel mir dieser gleichgültige Ausdruck ganz unsäglich schmerzlich auf . Die Züge der Todten pflegen fast immer mit Frieden und Milde gleichsam überstralt zu werden , so daß unschöne schön - entstellte und zerwühlte versöhnt erscheinen . Ein gewisser majestätischer Ausdruck von besiegten Leiden macht das Todtenantlitz zugleich rührend und glorreich . Sie hatte ihn nicht , denn sie hatte keine Leiden besiegt , die Leiden hatten sich nur von ihr zurückgezogen ; und wo kein Sieg ist keine Verklärung . Als ich die Blätter las in welche sie ihr Leben verzeichnet hat und welche ich auf ihren Wunsch nach ihrem Tode empfing , war es mir als sähe ich einen einsamen Vogel auf einer kahlen Felsenklippe im Meer sitzen , der eine melancholische monotone Weise singt , die er der Brandung rings umher abgelauscht und der Unermeßlichkeit die ihn umgiebt angepaßt hat . Die Eindrücke ihrer ersten Jugend , die träumerischen , sehnsuchtsvollen , unbestimmten , großartigen Bilder , welche am Meeresufer , in Buchen- und Eichenwäldern , in Herbstnebeln an ihr vorüber gezogen sind , haben ihrer Seele die entsprechende Färbung aufgedrückt , und ihre Phantasie über alles Maß hinaus entwickelt . Sie hatte sich so gewöhnt in ihren Träumen zu leben , daß die Wirklichkeit ihr überall nüchtern und blaß erschien ; und weil die Phantasie ihr den Genuß des Unerreichbaren bot , so ließ sie das Erreichbare matt und traurig fallen , hielt es nur für Täuschung des Herzens oder Irrthum des Verstandes , und suchte und suchte - erst mit Sehnsucht , dann mit Verzweiflung , dann mit Entmuthigung - das unbekannte Gut , das sie überall wahrzunehmen wähnte und nirgends fand . Nun liegt sie still und kühl gebettet in ihrer Heimat auf einem Hügel dessen runde Kuppe einen Busch von Eichen trägt . Unausgesetzt tönt das Brausen der See herüber , eben so monoton in ihrer Bewegung wie die stille grüne Landschaft rings umher monoton in ihrer Ruhe sich ausbreitet . Inmitten der Eichengruppe deckt ein Würfel von Granit ihr Grab , und auf demselben stehen die drei Worte : » Sibylla wach auf ! « Langsam und mit großen Qualen zieht sich das Leben von mir zurück und ich weiß es . Wäre irgend eine Spur von Trauer , Schmerz oder Bedauern in mir , so wäre das keine günstige Stimmung um mein Leben wahr zu beschreiben . Der Abschiedsschmerz könnte auf mich wirken wie die Glut der untergehenden Sonne auf das Auge : möge die Erde noch so fahl und grau sein , das Abendroth verklärt sie ! und so könnte auch mir Manches sich schöner darstellen als es war . Oder wären jubelnde Hofnungen in mir , sänge meine Seele im Glauben Psalmen , in der Liebe Hymnen : so würde ich den Tod mit feuriger Sehnsucht begrüßen und auch dann die Erde und meine Vergangenheit wie einen Tummelplatz kindlicher Spiele betrachten wohin sich der Blick mit Wehmuth wendet . Aber so ist es nicht mit mir ! ich lebe ohne Interesse für mich , daher habe ich auch keine Theilnahme für meinen Tod . Alles hört auf : Alles ! Kein Gedanke ist wechsellos , keine Empfindung dauernd , kein Wille anhaltend , kein Gefühl unvergänglich ; der Wunsch stirbt in der Erfüllung , das Verlangen im Genuß , der Schmerz an der Erschöpfung , die Freude am Ueberdruß , das Glück an der Langenweile - kurz Alles an unsrer Unvollkommenheit . Die Summe unsrer Gedanken und Gefühle , und der aus ihnen sich entwickelnden Bestrebungen und Handlungen , bildet unser Leben : da dessen sämtliche Bestandtheile vergänglich sind , wohin denn sollen wir das Unvergängliche verlegen ? in welchen verborgenen Winkel unsers Seins könnte es sich eingenistet haben ? und der Tod , der jene Bestandtheile und ihre Wechselwirkung auflöst , sollte im Zersetzen das Unvergängliche gestalten oder herausbilden ? - Man hoft es . - Ich habe mir die Hofnung abgewöhnt ! - Welche Enttäuschungen und Täuschungen mich dahin geführt haben will ich aufzeichnen , und da ich gleichgültig gegen mich selbst bin , so kann ich höchst gelassen meine Irrthümer , Fehler und Verrechnungen betrachten . Ob sie für Andere eine warnende Lehre sein können , weiß ich nicht ; aber erschrecken kann wol mein Bekenntniß : ich hatte Alles was man Glück im edelsten Sinn nennt , und war dennoch nicht einen einzigen Tag meines Lebens ganz glücklich , weil ich ein absolutes Glück , nämlich das Bewußtsein von dessen Unwandelbarkeit und Unsterblichkeit begehrte ; das relative genügte mir nicht . Daher war ich außer dem Gleichgewicht mit den Gesetzen , welche das menschliche Leben bedingen und beherrschen . Ich grämte mich keine Göttin zu sein , die Vergangenheit , Gegenwart und Zukunft als Ewigkeit in ihrem Busen trägt - und darüber versäumte ich tüchtig als Mensch zu werden . In unsrer Zeit liegt etwas Bethörendes , wie in aller Schrankenlosigkeit . An den Grundgesetzen rütteln heißt nicht sie überflügelt haben ; nach den Grundursachen forschen heißt nicht sie ergründet haben ; dennoch traut Derjenige sich Beides zu der es versucht hat , und reichen die Flügel alsdann doch nicht zum Schwung aus - und ist der Grund alsdann doch weiter nichts als Triebsand hier und ein finstrer Schacht dort : so unterwirft er sich nicht demüthig der Erkenntniß , sondern er trotzt oder verzagt . Mir ist eins und das andere widerfahren . Zuweilen sag ' ich mir ich sei dazu prädestinirt gewesen ; Organisation , Erziehung , Schicksale wirkten auf einen Punkt zusammen , und das war nicht der aus welchem sich ein segenvolles friedliches Dasein entwickelt . Im grünen Holstein am Strande der Ostsee bin ich geboren . Eine reiche Erbtochter war meine Mutter ; mein Vater ein armer fränkischer Edelmann , der ihr zu Liebe die heitern rebenumlaubten Hügel am Main mit dem Sitz auf ihrem nordischen Stammschloß vertauschte . Das Rauschen des Sturmes in den knorrigen Aesten der alten Eichen , das Krächzen der Raben die auf ihnen Schutz suchten , das Brausen der Brandung die bis in den Garten schlug - waren meine Wiegenlieder . Am Tage Aller Seelen bin ich geboren . Ich war ein Spätling in der Familie ; eine Schwester war zehn , ein Bruder sieben Jahr älter als ich , und ich schloß die Reihe der Kinder . Ich entsinne mich keines Eindrucks noch Ereignisses aus meinen ersten Lebensjahren . Später , wo mir die Erinnerung auftaucht , beginnt sie mit unbestimmten Leiden . Ich war von krankhafter Reizbarkeit : ein Wort , ein Blick , ein Lächeln genügte um mir trostlose Thränen zu entlocken . Bei einem drei- oder vierjährigen Kinde darf unmöglich von dem Herzen die Rede sein ! so waren denn also die Nerven von so bebender Erregbarkeit , daß sie durch Nüancen des Tons und Ausdrucks erschüttert wurden , welche ich jezt nicht mehr zu bezeichnen vermag . Um diese Reizbarkeit zu schonen ging man nachsichtsvoller mit mir um als ich es verdienen mogte . Ich hatte meine Eltern lieb , meine Schwester war mir ziemlich gleichgültig , an meinem Bruder hing ich mit grenzenloser Zärtlichkeit : das erste Gefühl dessen ich mir bewußt geworden bin , gehörte ihm . Wir waren unzertrennlich so weit seine Lectionen und der Unterschied des Alters und Geschlechts es gestatteten . In einem leichten Wägelchen mit zwei kleinen Pferden von der Insel Oeland fuhr er mich spazieren ; auf einem dieser Pferde lehrte er mich reiten indem er nebenher ging , und als ich etwas sicherer und ungefähr acht Jahr alt war , durfte ich auf meinem kleinen Oeländer mit ihm wirklich spazieren reiten . Zuweilen begleitete uns der Vater ; aber das war uns nicht sehr angenehm , denn in seiner Gegenwart extemporirten wir nicht so unverlegen als unter vier Augen die Komödien , welche wir beständig mit einander spielten . Der Unterricht den mein Bruder genoß bot uns Stoff dazu . Bald war er Hector und ich Andromache ; bald war er ein Ritter der im Turnier von einer Königin - oder ein Troubadour der von seiner Dame den Preis erhält ; und hatte ich eben das holde Fräulein dargestellt , so verwandelte ich mich schleunigst in die Aehrenleserin Ruth , welche durch die Hand des Boas beglückt wird , oder in Arria , die sich mit einem majestätischen » Non dolet « den Dolch ins Herz stößt . Tancred und Clorinde war unser Lieblingsspiel zu Pferde ; der Moment meines Todes rührte mich bis in die innerste Seele ! aber nichts , nichts übertraf unser beider Entzücken , wenn mein Bruder den geblendeten Belisar und ich den Knaben seinen Führer darstellte ; dann irrten wir Hand in Hand durch die verwachsenen waldigen Partien des Parks , oder auf den schmalen Fußsteigen zwischen den Feldern , oder im hohen Wiesengras umher , langten auf irgend einem jener baumbewachsenen Hügel an , die man dort zu Lande Hünengräber nennt , setzten uns nieder , - und nun mußte ich dem blinden Belisar die Landschaft beschreiben , welche sich vor uns ausbreitete ; aber nicht die holsteinische Landschaft die ich wirklich sah , sondern Byzanz mit seiner Propontis , oder Rom mit seiner Campagna , oder Neapel mit seinem Golf - wozu mein Bruder mir durch Bilder und Erzählungen zuvor das Material geliefert hatte . Bisweilen war ich zerstreut und unaufmerksam ; dann fiel mein Belisar aus der Rolle und half mir zurecht um nicht Capri und Ischia mit den Prinzeninseln zu verwechseln ; hatte ich ihn aber durch eine treue Schilderung seiner innern Bilder ergötzt ; so versetzten wir uns aus dem Traumleben der Gegenwart in das der Zukunft , und mein Bruder schilderte mir wiederum die Reisen die er zu machen beabsichtige , wenn er seine Studien vollendet habe . » Aber Du mußt mich mitnehmen , Heinrich ! « rief ich wehmüthig wenn er so recht im Zuge war mir Gott weiß welche Herrlichkeiten auszumalen . » Das versteht sich , Sibylle ! entgegnete er zuversichtlich ; wenn Du fünfzehn Jahr alt bist ziehen wir in die weite Welt . « Und in meinem Sinn schnürte ich schon mein Bündelchen und sah mich um nach einem Wanderstab . Der Winter war unsre seligste Freudenzeit ! dann froren die Canäle zu , welche in allen Richtungen den weitläuftigen Park durchschnitten , und wir liefen darauf Schlittschuh - eine Uebung die mein Bruder mir gleichfalls beigebracht hatte . Abends , wenn die weiße Erde , der blaue Himmel , die bereiften Bäume und das spiegelblanke Eis vom Mond und vom Frost wie versilbert flimmerten - dann hinaus ! Heinrich rechts ich links auf den Canälen , ein Punkt bestimmt wo wir zusammentreffen wollten und dann fort wie der Vogel , wie der Wind ! Ach , das war ein Jubel ! Oder wir verfolgten , jagten und haschten uns , und fuhren dann Hand in Hand weiter , oder Arabesken und unsre Namenszüge in das Eis hinein . Oder wir führten dann Elfentänze aus - wie wir unsere Evolutionen nannten , denn ohne phantastische Spiele in unsren Vergnügungen hätten uns diese nur die halbe Freude gewährt . Die Eltern , ein alter Hofmeister , ein junger Musiklehrer , eine Engländerin halb Gouvernante halb Gesellschafterin , und wir drei Kinder , endlich eine Menge von Dienstboten wie man sie auf dem Lande in reichen Häusern oft recht überflüßig zu halten pflegt - das war unsre Hausgenossenschaft . Besuch kam selten , und noch seltener wurde eine Gesellschaft zum Mittagsessen gebeten . Beides war ein Ereigniß in unserm stillen Leben , aber für mich ein höchst widerwärtiges . Bei den Diners wurde ich von der Tafel ausgeschlossen und einsam in die Kinderstube verbannt ; und den fremden Besuchen gegenüber verging ich fast vor Angst und Schüchternheit . Hätte ein Tancred oder ein Hector , eine Fee oder eine Prinzessin mich angeredet , so würde ich schon geantwortet haben , allein mit diesen Menschen , die mir Alle so bekannt aussahen und so fremd waren , fühlte ich mich grenzenlos verlegen . Zeit und Verhältnisse waren auch nicht von der Art um eine fröhliche Geselligkeit zu begünstigen : die Franzosenherrschaft lastete auf Deutschland wie die Schwüle eines Gewitters . Jeder fühlte so könne und dürfe es nicht bleiben , während er sich doch bang nach der Explosion umschaute , welche einem besseren Zustand vorhergehen mußte . Ich war zu jung um die traurigen und finstern Gespräche der Erwachsenen über diesen Punkt zu verstehen ; aber meine Schwester mag wol eine sehr trübe und freudlose Jugend gehabt haben . Plötzlich wurde aber Alles anders ! es hieß nun gebe es Krieg gegen die Franzosen . Ein Neffe meiner Mutter , ein Hannoveraner , der grade bei uns zum Besuch war , verlobte sich im Gefühl künftiger Siege mit meiner Schwester , und eilte die Rosen der Liebe mit dem Lorbeer des Helden zu durchflechten . Alles war in Begeisterung , Alles jauchzte der Befreiung entgegen , Alles war bereit Blut und Leben dran zu setzen . Wir feierten die gewonnenen Schlachten , bewunderten die verbündeten Monarchen , priesen Landwehr , freiwillige Jäger , hanseatische Legion , Kosaken ; vergingen in Angst und Mitleid bei der Belagerung Hamburgs , und jauchzten bei dem Einzug in Paris . Es war solcher Schwung und solche Bewegung in das wirkliche Leben gekommen , daß mein Bruder und ich unser Phantasieleben darüber vergaßen , und unsre Helden des Alterthums und der Romantik in den Schatten stellten neben all den glorreichen Namen von lebenden Fürsten und Feldherren . Paul , der Verlobte meiner Schwester schrieb aus Paris wie aus einem Wunderlande , einer Feenwelt . Im Lauf des Sommers kam er zurück und brachte mir Bonbons mit von so unbegreiflicher Schönheit , daß ich sie wie Kunstwerke anstaunte ohne den Muth zu haben auch nur einen einzigen zu verzehren . Ebenso reizend waren die Geschenke , welche er meiner Schwester machte , und seine Erzählungen übertrafen nun gar Alles was ich je von Herrlichkeiten geträumt hatte . Nur das Wort zu hören » Palais royal « machte mir einen ganz zauberischen Eindruck . Die Verlobten sprachen von einer Hochzeitreise nach Paris ; zum ersten Mal in meinem Leben beneidete ich meine Schwester ! - An ihren Bräutigam schloß ich mich mit einer Art von Leidenschaft , weil er durch seine Erzählungen meiner Phantasie Nahrung bot . Ich hielt mich zu ihm so viel ich konnte , und er war immer sehr freundlich gegen mich - was der armen Amalie nicht sehr zu gefallen schien , denn sie schickte mich zuweilen mißmuthig fort . Auch Heinrich war nicht so gut gelaunt wie sonst . Der Knabe wuchs in den Jüngling hinein , alle Uebergangsepochen müssen sich durch Stürme ringen . Aber das wußte ich damals nicht . Ich konnte nicht begreifen weshalb Heinrich gar nicht so lustig und fröhlich wie sonst - und nicht so bereit mit mir zu spielen war . Als ich ihn einmal mit Bitten plagte , rief er verdrießlich : » Ach Sibylle , Du bist mir ganz unangenehm geworden ! ich kann ' s nicht leiden , daß sich die Mädchen immer verlieben und heirathen wollen . Amalie - nun ja , die ist schon neunzehn Jahr alt , da läßt man ' s hingehen ! aber Du ! solch ein winziges Ding und schon verliebt .... und noch dazu in den Bräutigam Deiner Schwester ! O schäme Dich ! das hätte ich nie von Dir gedacht . « Ich brach in ein Jammergeschrei aus . Ich sei nicht verliebt ! ich würde mich nie verlieben und nie heirathen ! - Mein Bruder beschwichtigte mich , aber zum ersten Mal hatte er mich tief verletzt . Der Wiener Congreß und die Vorbereitungen zu Amaliens Hochzeit wurden auf gleiche Weise unterbrochen - nämlich durch Napoleons Rückkehr nach Frankreich . Wieder brach der Krieg aus ; wieder trat der Verlobte in die Reihen , und diesmal erklärte Heinrich er wolle und müsse auch gegen die Franzosen kämpfen ; er sei im siebzehnten Jahr , groß und stark , Jüngere als er hätten den vorjährigen Feldzug mitgemacht . Es sei eine Schmach in solchem Augenblick bequem und sicher im Vaterhaus zu sitzen . Verweigere man ihm die Erlaubniß , so würde er heimlich fortgehen . Man mußte sie ihm gewähren und er ging mit Amaliens Bräutigam fort ! Das waren entsetzliche Tage ! meine Mutter und Schwester in Verzweiflung , Klagen und Thränen ; mein Vater in banger stummer Sorge , alle Hausgenossen beängstigt und gedrückt ; aber ich in einem Zustand von Bewilderung der mich fast aufrieb . Ich konnte nicht essen , nicht lernen , nicht spielen , nicht schlafen . Ich sah mich wachend und träumend umringt von Schlachtgetümmel , und vor mir Heinrich verwundet , blutig , sterbend . Meine Nerven geriethen in solchen Aufruhr , daß ich laut schrie wenn eine Thür schnell geöfnet wurde oder wenn ein Diener plötzlich eintrat . Doch beachtete man nicht sehr meinen krankhaften Zustand , der auch nicht lange währte , indem die Schlacht von Waterloo den Krieg beendete , und baldige Rückkehr der jungen Krieger verhieß . Gott , welche Sehnsuchtsqual erduldete ich bis sie nun endlich da waren ! und als sie kamen verfiel ich in einen solchen Taumel von Jubel und Entzücken , daß ich wie besinnungslos in Heinrichs Armen hing . Er war noch größer geworden , aber so dünn und schmal aufgeschossen , so ganz ohne Haltung und Kraft , daß seine Gestalt einen beklemmenden Eindruck machte . Indessen - er war da ! gesund , freudig , unverwundet ! man wähnte alle Gefahren überstanden zu haben , und abermals wurde Amaliens Hochzeitsfest bestimmt . Da klagte Heinrich eines Morgens über Kopfschmerzen , über Schwere und Schwäche in allen Gliedern ; - er bekam das Nervenfieber , und am einundzwanzigsten Tage war er todt . Mein Vater und Amalie erkrankten Beide an seinem Sterbetag und die gräßliche Krankheit riß sie binnen wenig Wochen ins Grab . Am Tag Aller Seelen wurden sie bestattet , und ich wurde zehn Jahr alt ! Meine arme Mutter , im seelischen und physischen Lebensorganismus an der Wurzel erschüttert , verfiel in den allerkläglichsten Zustand . Die Nachtwachen , die Todesangst um das Geliebteste während sieben langer Wochen , die herzzernagende Sorge , der herzzerspaltende Schmerz am Sarge des Gatten in voller Kraft - und der Kinder in voller Blüte des Lebens ; die Verzweiflung des Verlobten und meine wilde unsinnige Traurigkeit : das Alles überwältigte sie . Eine gänzliche Lähmung der Nerven , die zu Zeiten mit den heftigsten Nervenkrämpfen abwechselte , machte ihre fernere Existenz zu einer langen , trostlosen Qual . Sie lag auf dem Sopha oder im Bett , mußte gehoben , getragen , angekleidet und gespeist werden , war hülflos wie ein kleines Kind , behielt zwar immer ihre geistigen Fähigkeiten , konnte sich aber in keiner Weise beschäftigen und manchmal aus Schwäche nicht drei Worte im Tage sprechen . So vegetirte sie in gänzlicher Unfähigkeit sich mit mir zu beschäftigen ; - aber ich begann sie leidenschaftlich zu lieben . Mein Vormund schlug vor mich in eine berühmte Pension nach Altona zu bringen ; Amaliens Verlobter : mich im Hause seines Vaters in Hannover erziehen zu lassen , der ein Stiefbruder meiner armen Mutter war ; aber ich bat auf meinen Knien und mit solchen fanatischen Ausbrüchen von Schmerz mich nicht von ihr zu trennen , daß Niemand den Muth hatte darauf zu bestehen . Ich blieb bei ihr , d.h. ich blieb ungefähr allein auf der Welt . Heinrichs Hofmeister und die gute Miß Johnson besorgten meine Erziehung . Der Musiklehrer , Herr Sedlaczech , pflegte mein geringes , musikalisches Talent . Mit diesen drei guten Menschen lebte ich . Bei zehn Jahren war ich also , was den Schmerz betrift , fast durch alle Stadien des Gefühls gegangen : der Vater und die Geschwister todt , die Mutter abgestorben , und ehe ich den Bruder und in ihm den Gegenstand einer tiefen innigen und ausschließlichen Liebe verlor , hatte ich die fürchterliche Trennung aushalten müssen , die mir um so grauenhafter erschien als ich sie für die Grundursach seines Todes hielt . Die Vergänglichkeit des Lebens und des Glücks war mir in der grellsten Gestalt entgegen getreten ; aber die Unvergänglichkeit der Gefühle schien mir ein Naturgesetz . So drücke ich mich jezt aus um meine damalige Empfindung wiederzugeben , über welche ich , wie sich von selbst versteht , gar nicht reflectirte , die sich aber in dem Lebensplan offenbarte , den ich mir für meine Zukunft machte : ich wußte daß ich die alleinige Erbin eines großen Vermögens und Herrin der schönen Besitzung war auf der ich lebte . Ich wollte nie unser Schloß Engelau verlassen , mich nie von meiner kranken Mutter und von den Gräbern meiner Dahingeschiedenen trennen , ihr Andenken wollte ich durch ein frommes wolthätiges Leben ehren , gleichsam in ihrem Namen Gutes thun , mich nicht verheirathen , und jung sterben nachdem ich meiner Mutter die Augen zugedrückt . Ich nahm entschlossen den Schmerz zu meinem unwandelbaren Gefährten an . Das Alles ist entsetzlich unreif und dümmlich , ich weiß es wol ! - aber es ist doch seltsam daß das unreife Kind durch den Instinkt die Unwandelbarkeit der Gefühle als die Würde des Daseins begreift , und daß die eine wie die andre dem reifen Menschen verloren geht . Erfahrungen , o Erfahrungen ! sie sind die Entzauberer und wenn man mir spricht von der Weisheit die sie geben , so schüttele ich trübe den Kopf und entgegne : Ja ! aber um den Preis der Seligkeit ! denn Seligkeit ist Ruhe in einer ewigen Gewißheit - gleichviel in welcher , aber in einer , heiße sie Liebe , heiße sie Andacht , heiße sie Unsterblichkeit , heiße sie Fortschritt ; - knüpfe sie sich an die Erde oder den Himmel , an Gott oder die Menschen , an heilige Offenbarung oder ingeborne Ueberzeugung ; - gebe sie uns Kraft oder Geduld , Energie oder Resignation , Muth oder Frieden ; - o gleichviel ! gleichviel ! nur ruhen in einer ewigen Gewißheit .... nur glauben ! denn allein der Glaube giebt Ruhe und diese Ruhe ist Seligkeit . Also bei zehn Jahren glaubte ich an mich und richtete danach mein Leben ein . Engelau umfing und beschloß für mich die Welt ; ich wollte Alles lernen und wissen , was sich auf Gegenstände und Menschen bezog die mich umgaben . Ich war von einer fürchterlichen Wißbegier um auf den Grund der Dinge zu kommen . Durch praktische Anschauung und wo möglich durch hülfreiche Thätigkeit machte ich mich mit allen Vorkommenheiten des Landlebens vertraut . Ich verfolgte das Weizenkorn von dem Punkt wo es in die Furche gestreut , bis zu dem wo es zu einem Backwerk verbraucht wird . Auf dem Felde und der Küche wußte ich gleich gut Bescheid . Mit dem Gärtner trieb ich eifrigst die Bestellung des Gartens , Blumen- Gemüse-Obstzucht , neue Anlagen , Baumpflanzungen . Ich kannte die Angelegenheiten des Hühnerhofes und der Milchwirthschaft - aber nicht aus oberflächlicher kindischer Neugier , sondern wirklich mit dem Trieb ihr kleines Räderwerk - das mir damals unsäglich wichtig schien - gründlich zu verstehen . Schreiben und rechnen zu lernen war mir ein Greuel , und nichts bewog mich dazu als die Aussicht dereinst selbst die Gutsrechnung zu führen . Der Hofmeister ließ mich gewähren und plagte mich nicht sehr mit Schulstunden . » Sie haben Champagner im Kopf , kleine Sibylle , sagte er mir einmal , Sie müssen nur Schwarzbrot dazu essen damit Sie im Gleichgewicht und bei Gesundheit bleiben . « Und dann ging er mit mir durch die Felder und in den Wald und ans Meer , und erzählte mir die Naturgeschichte nicht aus todten Büchern sondern aus frischer freier Anschauung , so daß sich jede Erklärung mit einem Bilde verbunden in mein Gedächtniß prägte . Das nannte er » Schwarzbrot « , der liebe freundliche Mann , weil ich es ohne dürre Ceremonien von Schulzwang genoß ! Ach , für mich wäre Umgang mit Kindern , mit Altersgenossen und Spielgefährten , das wahre gesunde » Schwarzbrot « gewesen ! - Die gewöhnlichen Kinderspiele kannte ich nicht ; mit Puppen langweilte ich mich . Ich selbst war eigentlich Heinrichs Puppe gewesen und hatte mit ihm die Spiele getrieben , die ihm zusagten und die weit über mein Alter hinaus gingen . So konnte ich mich auch unmöglich mit einer Puppenküche befassen , nachdem ich in unserer Küche schon ganz ernsthaft Hand angelegt und manchen Pfannkuchen verbrannt hatte . Mein Onkel schickte mir eine solche zum Weihnachtsgeschenk . Alles Geschirr darin war von Meissner Porzellan und auf Spiritus konnte darin gekocht werden . Ich betrachtete sie mit Interesse - ungefähr so wie ich später einmal das Coliseum in Kork gearbeitet betrachtete - und stellte sie als eine recht merkwürdige Nachahmung der Wirklichkeit in meinem Zimmer auf . Ach ! das Kind muß zwischen Seinesgleichen in der Kinderstube aufwachsen ; da ist der Erdboden und der Horizont wie sie für die schwache Pflanze taugen . Meine Kinderstube aber war Engelau und zwischen alternden Menschen wuchs ich einsam auf ! Von der Wiege an bin ich über ein Paar Stufen der Lebensentwickelung hinweggerissen , und so kommt es daß ich zwar ein Kindesalter , doch keine eigentliche Kindheit gehabt habe . Bei zehn Jahren war mir zu Muth als müsse ich das Leben meiner Dahingeschiedenen fortsetzen und das meiner Mutter ergänzen . Es vergingen Tage in denen ich sie