Alexis , Willibald Die Hosen des Herrn von Bredow www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Willibald Alexis Die Hosen des Herrn von Bredow Vaterländischer Roman Erstes Kapitel . Die Herbstwäsche . Wenn du aus einem langen , bangen Kiefernwalde kommst , der von oben aussieht , wie ein schwarzer Fleck Nachtes , welchen die Sonne auf der Erde zu beleuchten vergessen , und nun fangen sich die hohen Bäume zu lichten an , die schlanken braunen Stämme werden vom Abendroth angesprenkelt , und die krausen Wipfel regen sanft ihre Nadeln in den freier spielenden Lüften , da wird dir wohl zu Muth um ' s Herz . Das Freie , was du vor dir siehst , sind nicht Rebengelände und plätschernde Bäche aus fernen , blauen Bergen über ein Steinbett schäumend , ' s ist nur ein Elsenbruch , vielleicht nur ein braunes Haidefeld , und darüber ziehen sich Sandhügel hinauf , in denen der Wind herrscht , das magere Grün , das von unten schüchtern heraufschleicht , anheulend , wie ein neidischer Hund , der über seinen nackten Knochen noch murrend Wache hält . Eine Birke klammert sich einsam an die Sandabhänge , ein Storch schreitet vorsichtig über das Moor , und der Habicht kreist über den Büschen . Aber es ist hell da , du athmest auf , wenn der lange , gewundene Pfad durch die Kiefernacht hinter dir liegt , wenn das feuchte Grün dich anhaucht , das Schilf am Fließe rauscht , die Käfer schwirren , die Bachstelzen hüpfen , die Frösche ihren Chor anheben , und dein Auge dem Luftzug folgt , der leis über die Haidekräuter streift . Es ist der stille Zauber der Natur , die auch die Einöden belebt ; und ihr Auge ist auch hier , denn dort hinter dem schwarzen , starren Nadelwald liegt ein weiter , stiller , klarer See . Er hüllt sich ein , wie ein verschämtes Weib , in seine dunkelgrünen Ufer , und möchte sie noch fester um sich ziehen , daß kein unberufener Lauscherblick eindringt . Er spiegelt sie wieder in seinem dunklen Wasser , mit ihrem Rauschen , mit ihrem Flüstern . Aber das dunkle Wasser wird plötzlich klar , wenn die Wolken vorüberziehen , ein Silberblick leuchtet auf ; der blaue Himmel schaut Dich an , der Mond badet sich , die Sterne funkeln . Dort ergießt der volle See sein Uebermaß in ein Fließ , das vom Waldrande fort in die Ebene sich krümmt . Hier bespült es Elsenbüsche , die es überschatten und gierig seine Wellen ausschlürfen möchten , sickert über die nassen Wiesen und wühlt sich dort im Sande ein festeres Kiesbett , um Hügel sich windend , an Steinblöcken vorübersprudelnd und durstige Weiden tränkend . Die vereinzelten Kiefern , Vorposten des Waldes , wettergepeitscht , trotzig in ihrer verkrüppelten , markigen Gestalt , blicken umsonst verlangend nach den kühlen Wellen ; nur ihre Riesenwurzeln wühlen sich unter dem Sande nach dem Ufer , um verstohlen einen Trunk zu schlürfen . Wer heut von den fernern Hügeln auf dieses Waldeck gesehen , hätte es nicht still und einsam gefunden . Zuerst hätte ein weißer , wallender Glanz das Auge getroffen , dann ringelten Rauchwirbel empor , und um die schwelenden Feuer bewegten sich Gestalten . Schnee war das Weiße nicht , denn die Bäume rötheten sich zwar schon herbstlich , aber sie schüttelten noch sparsam ihre welken Blätter ab , und die Wiesen prangten noch in kräftigem Grün . Schnee war es nicht , denn es blieb nicht liegen ; es flatterte und rauschte auf , hellen Lichtglanz werfend und dann wieder verschwindend . Schwäne waren es auch nicht , die aufflattern wollen , und die Flügel wieder sinken lassen . Das hätten Riesenvögel sein müssen , deren es im Havellande und der Zauche nie gegeben hat . Auch Segel nicht , die der Wind aufbläht und wieder niederschlägt ; denn auf dem Fließe trieben nur kleine Nachen . Auch Zelte nicht , denn es bewegte sich hin und her , und wer näher kam , sah deutlich zwischen den Feuern Hütten aufgerichtet , zierlich von Stroh und rohere von Kiefergebüsch . Eine Lagerung war es , aber der einsame Reisende brauchte sich vor Raubgesellen nicht zu fürchten ; die paar Spieße , die in der Nachmittags-Sonne glänzten , standen friedlich an die Hüttenpfosten oder Bäume gelehnt . Räuber lachen und singen nicht so heitere Weisen , und die Lüderitze lagerten , wenn sie ausritten , auch nicht in entlegenen Winkeln , zwischen Haide und Moor , wo Kaufleute nicht des Weges ziehen . Ja , wär ' s zur Nachtzeit gewesen , der Ort war verrufen , auf unheimliche Weiber hättest du schließen können , die ihre Tränke brauen , wo Keiner es sieht . Aber es war noch ein heller Nachmittag , und eben so hell schallte bisweilen ein frohes Gelächter herüber , untermischt mit anderm seltsamen Geräusch , wie Klatschen und Klopfen . Kurz es war ein Lager allerdings , aber nicht von Kriegsknechten oder Wegelagerern , nicht von Kaufleuten oder Zigeunern , welche die Einsamkeit suchen ; es war ein Feldlager , wo mehr Weiber als Männer waren , und das Feldlager war eine große Wäsche . Von den Sandhöhen nach Mitternacht , deren nackte Spitzen über das Haidegestrüpp vorblickten , konnte man es deutlich sehen . In einem Sattel dieser Sandhügel stand nämlich ein bepackter Karren . Sein Eigentümer , der Krämer , hatte ihn hier untergebracht außer dem Wege , damit kein Späheraug Gäule noch Wagen entdecke , bevor er sich versichert , was da unten vorging . Selbst war er geräuschlos , vorsichtig , auf eine Kiefer geklettert , um auszuschauen , und sein ängstliches Gesicht heiterte sich auf . Denn was er sah , hatte nicht allein gar keinen Anschein von Gefahr , sondern sogar für ihn etwas Lockendes . Der weiße , wallende Glanz kam von den an Seilen trocknenden Leinwandstücken her , die der Wind dann und wann hoch aufblähte . Andere größere Stücke lagen zur Bleiche weithin zerstreut am Fließ , an den Hügelrändern bis in den Wald hinein . Ueberall war Ordnung und das waltende Auge der Hausfrau sichtbar . Jeder , Mägde , Knechte , Töchter , Verwandte und Freunde , bis auf die Hunde hinab , schien sein besonderes Geschäft zu haben . Die begossen mit Kannen , die schöpften aus dem Fließ , die trugen das Wasser . Jene nestelten an den Stricken , welche zwischen den Kieferstämmen angespannt waren ; sie prüften die Klammern ; sie sorgten , daß die nassen Stücke sich nicht überschlugen . Dort hingen gewaltige Kessel über ausgebrannte Feuerstellen und daneben standen Tonnen und Fässer . Aber diese Arbeit schien vorüber ; nur auf den einzelnen Waschbänken , die in das schilfige Ufer des Fließes hineingebaut waren , spülten noch die Mägde mit hochaufgeschürzten Röcken und zurückgekrämpten Aermeln . Es war die feinere Arbeit , die man bis auf die Letzt gelassen , die Jede für sich mit besonderer Emsigkeit betrieb . Da gab es mancherlei Neckereien zwischen dem Schilf . Wollte aber ein Mann in die Nähe dringen , ward er unbarmherzig bespritzt . Ja , einem Herrn im geistlichen Habit , der Miene machte , sich durch das Schilf zu schleichen , ward von eine der losen Dirnen ein ganzer Eimer gegen den Kopf gegossen . Ein Glück , daß er bei Zeiten ausbog ; und mit einem Paar Tropfen auf ' s Gesicht kam er davon , und die Dirne mit einem drohenden Finger . Den andern legte der geistliche Herr schnell auf den Mund , mit einem bedeutungsvollen Blicke , denn er sah die gebietende Hausfrau herankommen . » Ach , meine gnädige Frau von Bredow auf Hohen-Ziatz ! « mit den Worten und einem frohen Athemzuge ließ sich der Krämer schneller , als er hinaufgeklettert , von seinem Baume herab . Darauf ging er an sein Geschirr ; putzte die Pferde und schirrte sie an zum Aufbruch . Die hält ihre große Herbstwäsche ab ; hätte ich das früher gewußt , es hätte was zu verdienen gegeben . » Aber ' s ist ja noch nicht zu Ende , und fällt wohl noch zuletzt was ab . « Er brachte die Hand an die Stirn , und ehe er in den Weg einlenkte , lüftete er die Wagendecke , schnürte und schnallte und packte Unterschiedliches um . Einiges versteckte er , und andere Packete legte er oben auf , wie es ein guter Kaufmann thun muß , der seine Kunden kennt und weiß , was ihnen in ' s Auge sticht und was ihnen mißbehagt . Die große Herbstwäsche war ' s der Frau von Bredow auf Hohen-Ziatz ; » Der Winter ist ein weißer Mann , « sagte sie . » Wenn er an ' s Thor klopft , muß das Haus auch weiß und rein sein , daß der Wirth den Gast mit Ehren empfangen mag . « Ihr Gast , der Dechant , hatte zwar gesagt : » Der Winter ist ein ungebetener Gast ; den stellt man hinter die Thür ; « aber die Edelfrau hatte erwidert : » Das mag vor Alters gepaßt haben , ehrwürdiger Herr , als es noch keine geistliche Herren gab . Itzund wissen drei ungebetene Gäste in jedwed Haus zu dringen ; wie man ' s auch zuschließt , sie finden immer eine Ritze : der Winter , die Wanzen und die Pfaffen . « Der Dechant hatte dazu gelacht ; hatte doch die Edelfrau beim großen Kehraus in der Burg auch sein Bündel mit auf die Wagen werfen lassen , was ihn der Mühe überhob , daß er ' s nach Brandenburg mitnahm , wenn er mit dem einen ungebetenen Gaste , dem Winter , in seine warme Klause zurückkehrte . Eine Herbstwäsche war im Schloß Hohen-Ziatz eine Verrichtung . Eine große Arbeit war es , wo die Knochen sich rühren mußten , aber ein Fest auch . Die Hausfrau meinte , alle tüchtige Arbeit sei immer ein Fest , und wir meinen ' s auch . Wie hatte sie das alte Haus aus- und umgekehrt ; auf Hühnerleitern war sie selbst gestiegen , denn darin traute sie keinem andern Aug , in alle Kammern und Winkel , daß jedes Wollen-und Linnenstück , bis zum geringsten hinab , ein Sonntagsgesicht anlegen sollte . Drei Austwagen waren gepackt worden , und nachdem sie zugeschnürt mit Stricken , und saubere Bastmatten darüber gelegt , hatte sich die Edelfrau selbst auf den vordersten gesetzt . Das war ein Auszug aus der Burg . Die drei Austwagen voran , die Mägde und Töchter der gnädigen Frau auf den zwei andern . Der Junker Hans Jochem wollte eine Leiter ansetzen , daß Evchen und Agnes leichter hinaufkämen . Frau Brigitte hatte es aber nicht gelitten ; wie ein Ritter auf ' s Pferd müsse zur Noth sonder Steigbügel und Prallstein , so sei eine große Wäsche der Dirnen ihr Ehren- und Schlachttag ; müßten sich selbst zu helfen wissen , sonst wäre es nichts mit ihnen . Und ehe Hans Jochem zuspringen konnte , waren Evchen und Agnes auf den großen Zeugwagen hinauf , und lachten den Junker von oben aus . Drei Austwagen vorauf , der vorderste von zwei Knechten mit Pickelhauben und Spießen geführt , dazu ein Hornbläser , um den eine Koppel Hunde klaffte . Dahinter noch andere Wagen mit Bottichen , Kesseln , Stroh , Bänken , Decken , Fässern , Körben und was zur Lebens Nothdurft diente , vollauf . Die Frau sprach lächelnd zu denen , die sich drob wunderten : Du sollst dem Ochsen , der da drischt , das Maul nicht verbinden . Und hintenan und zur Seiten Reiter und Fußgänger mit Jagdspießen , Armbrüsten ; ja einer trug sogar einen schweren Muskedonner . So zogen sie über die krachende Zugbrücke unter Musik und Gelächter , und der Thürmer blies ihnen noch eine Weise nach bis sie im Walde verschwunden waren . Daß sie Hunde und Spieße und gar ein Feuergewehr mitnahmen , und bald ein Dutzend rüstiger Männer bei einem Geschäfte waren , das anderwärts nur die Frauen angeht , darüber wird Niemand sich wundern , der weiß , wie es zu Anfang des sechszehnten Jahrhunderts in der Mark Brandenburg aussah . Wer außer den Mauern einer Burg oder Stadt war , und er trug nicht den Bettlermantel um die nackten Schultern , that recht , wenn er den Leib umgürtete , auch wenn der Stahl dann etwas zu lang hinter dem Manne klirrte . Denn zu jeder guten Verrichtung gehört , daß der sie verrichtet , in Sicherheit schaffe . Aber daß auch Dieser und Jener von der Sippschaft , deß Hände zu fein waren , um die Seile zu spannen oder die Laken aufzuhängen , ja daß sogar ein geistlicher Herr mitzog , könnte verwundern , wenn wir nicht eben wüßten , was es mit einer großen Herbstwäsche dazumal im Edelhofe von Hohen-Ziatz für Bewandtniß hatte . Die Räume zwischen den Lehmwänden und Steinmauern waren viel zu eng für eine solche Verrichtung . Wo sollte das fließende Wasser herkommen , wo die freie Luft zum Trocknen und wo der Rasen zum Bleichen ? Unsere Vorväter liebten die festlichen Zusammenkünfte im Freien , und wie es vor Alters gewesen , mußte es in Hohen-Ziatz noch heute sein . Da zog denn mit , wem ' s in den Mauern zu beklommen war , wer Scherz liebte und Spiel und Jagd und Neckerei ; denn etwas davon fiel immer ab . Aber auch Gottesfurcht mußte dabei sein , meinte der Dechant und die Edelfrau auch , nur daß Jeder etwas Anderes dabei meinte . Außerdem war es der Hausfrau auch vielleicht nicht unangenehm , einmal unumschränkte Herrin zu sein ; denn war sie es zwar , wie der böse Leumund sagte , auch im Schlosse , so war sie es doch nur durch Klugheit und Kunst , hier nach alten Rechten ; denn wer in aller Welt will einer Frau die unumschränkte Herrschaft bei der Wäsche abstreiten , wenn schon kein Gesetz sagt , daß es so sein soll . Und welche Herrin sie war ! Sie trug keinen Federbusch und keine Schürze , aber jeder Fremde fand sie auf hundert Schritt heraus . Das war ein Blick , ein Falke sieht nicht schärfer . Wenn sie auf einer Anhöhe stand , den linken Arm nachlässig in die Seite gestemmt , die Rechte , die sonst mit dem Schlüsselbund spielte , ruhig niederhängend , die Füße ein wenig auseinander , und die Schuhe darunter , die den Boden um einen halben Zoll eindrückten , und ihr Hals lugte aus dem Mieder , der wie ein Panzer saß , da sah die Frau von Bredow doch wie ein Feldherr aus , der sein Heer musterte , und die Mägde sprachen : » Unsere Gestrenge , die versteht ' s. « Das sagten sie auch , nur in einem andern Ton , wenn sie faul oder nachlässig gewesen , oder etwas so gethan , wie die Frau von Bredow meinte , daß es nicht geschehen müsse . Stand sie zwar , wie wir sahen , fest auf dem Boden , wenn sie sah , daß Alles im Schick war , so war sie doch wie das Wetter herunter , wo etwas außer Schick kam . Lang reden und zurechtweisen liebte sie nicht , und wo sie meinte , daß einer schwer hörte , da hielt sie auch die paar Worte noch für zu viel . Noch wußte der verdrossene Knecht nicht eigentlich , wie es gekommen , aber jetzt hörte er vortrefflich und verstand Alles , und rieb nur ein klein wenig das Ohr oder die Schulter . Eine so rührige Frau war die Frau von Bredow . Loben that sie nicht viel , sie hielt ' s vom Ueberfluß , denn daß Jeder thäte , als er muß thun , hielt sie für Lohn ' s genug ; aber wem sie mal auf die Schulter klopfte , wenn sie durch die Reihen ging , dem war es wie ein Tropfen starken Weines , der nach langer Mattigkeit und Bangigkeit durch die Adern rinnt und die Glieder wieder stärkt . So war es mit der Herbstwäsche am Lieper Fluß bestellt . Eine gute Stunde abwärts von der Burg war das Lager , und ein dichter Wald und ein tiefer , weiter Morast lagen dazwischen ; also mußte im Lager nicht allein gewaschen und gebleicht , auch gekocht und gebettet , gesungen und gebetet und gewacht werden , alle Vorrichtungen , wie es einer Stadt Art und Sitte ist . Das Gebet verrichtete am Morgen der Dechant für Alle , wenn die Schelle über der Hütte der Edelfrau läutete ; das Waschen und Kochen geschah einen Tag , wie den andern , das Singen und Spielen machte sich von selbst und für das Wachen sorgte die Frau von Bredow . Kein Zigeunerbub hätte einen Strumpf von der Leine , kein Fuchs aus dem Korbe ein Huhn stehlen dürfen . Eine Woche , weniger denn einen Tag , dauerte schon die Wäsche . Vor dem Klopfen und Klatschen waren die Fische aus dem Fluß auf eine Meile entflohen . Von den hohen Kieferstämmen , wo sie nisten , hatten zu Anfang die Fischreiher mit ihren langen , gelben Schnäbeln neugierig herabgeschaut . Da gab es Jagd und Kurzweil für die jungen Burschen . Vor den Bolzen und Pfeilen , die durch ihre luftigen Burgen sausten , hielten die zähen Thiere aus ; selbst wenn der Pfeil einem den Flügel durchbohrt , wenn sein Herzblut hinabträufte , er gab in banger Todesangst nicht nach , er krallte sich an dem Ast fest , bis die Bolzen wie der Hagel kamen , und endlich Holz , Leib und Gefieder mit einander hinabstäubten und splitterten . Aber des Lärmens war ihnen doch zu viel geworden . Wie viele hunderte auch am ersten Tage über den Wipfeln gekreist , mit ängstlichem Geschrei fortflatternd und wiederkommend , ob der Wirrwarr unten kein Ende nähme ; das Klopfen und Hämmern , das Spritzen und Wringen , das Klatschen und Schwenken , das Singen und Lachen hielten sie nicht aus , und am dritten Tage hatten die Thiere den Menschen Platz gemacht und die Luft war still . Auch die Frösche auf der Wiese schwiegen am Tage ; nur wenn Abends die Feuer ausgingen und der Gesang verstummte , wenn die hölzernen Klöpfel ruhten und das Wasser im Fließ still fortrann , sich erholend von der Arbeit des Tages , dann mischte sich ihr dumpfes Geächze mit dem Schnarchen der Mägde , mit dem Geheul der Rüden , die den aufgehenden Mond anbellten , und dem Winde , der gegen die Wäsche an den Seilen schlug , und die Kieferstämme , daran sie gebunden waren , knarren machte . Nun am sechsten Tage , es war der Samstag , war die Arbeit zumeist gethan , und ehe denn die Abendmette von den fernen Kloster-Thürmen von Lehnin über die Wälder klänge , sollte aufgepackt werden . Die Morgensonne am Tag des Herrn sollte keinen Strumpf mehr an den Leinen anröthen , und die erste Mondsichel schon einen wüsten Lagerplatz bescheinen . Wie eifrig waren die Mägde , die Klammern abzustecken , die Körbe zu häufen und die Bleichstücke zu wenden ; was hasteten sich die Knechte , die Stricke von den Bäumen zu lösen und zusammenzurollen , und schon rüttelten sie an den Pfosten der Hütten , um zu prüfen , wie fest sie noch säßen . Auch das Zeichen zum Aufbruch erscheint als ein Fest dem , der zu lange beim Feste saß ; ist doch jede Veränderung dem Menschen willkommen , wann er des Genusses überdrüssig wird . Die Edelfrau sah zufrieden auf das Werk hin , und wie zu ihren Füßen die Haufen immer größer wurden , reine saubere Tücher , auf welche die Nachmittagssonne mit milder Wärme schien . » Ich glaube in der ganzen Zauche geräth in keinem Edelhofe die Wäsche wie bei meiner Frau von Bredow , wie pur weiß das ist ! « sagte der Dechant , der sich vom Feldtisch erhob , wo er mit einem Edelmann aus zinnernem Becher gewürfelt hatte . » Die Hexen hier bleichen ' s , « sprach der Junker , der sich auch erhob , ein Mann in mittleren Jahren , der aber etwas älter aussah , als er sein mochte . Sein blonder Bart spielte in ' s Röthliche , seine krausen Haare in ' s Grau über ; sein Gesicht war nicht grob , aber auch nicht fein , die Züge schlaff , aber aus den hellblauen , matten Augen schielte zuweilen ein lauernder Blick . » Die Hexen hier bleichen ' s , « sagte er , » der Ort ist verwünscht . Das weiß jedes Kind . Muß Einer den Muth haben wie meine Base , daß sie ' s mit den Unholden aufnimmt . « » Hat ' s Euch in den Nächten aufgelegen , Vetter Peter Melchior ? « » Ich trug mein Amulet . Aber an solchem Platz waschen lassen ! Es haben ' s Leute gesehen , wenn auch diesmal nicht , doch vor Jahren , nächtig , wenn sie aufwachten . Zwei graue , hagere Weiber mit langen Spinnebeinen schritten über ' s Zeug mit Gießkannen , und draus kamen pure Strahlen Mondenschein . Davon kann das Zeug wohl weiß werden , aber - « » Aber , Peter Melchior , Ihr wißt ja , daß der ehrwürdige Herr alle Morgen seinen Segen darüber spricht . « » Wird die Wäsche etwa davon weiß ! Der Dechant spricht gewiß auch seinen Segen über die Würfel , wenn er doppelt , und der heckt , denn er trägt ihn jedesmal blank in der Tasche fort , aber die Würfel werden immer brauner . « » Der Segen des Herrn schafft das Beste in allen Dingen , « fiel der Dechant ein , und wollte , wie er zu thun pflegte , die Hände vor dem wohlgerundeten Bauche falten , aber es traf ihn einer der feinen schlauen Blicke der Ehefrau , welche bisweilen auf die , welche sie trafen , eine ähnliche Wirkung übten , als wenn ihre nicht feinen Hände mit der Wange einer Magd in Berührung kamen . Sie lächelte und der Dechant lächelte auch , worüber er die fromme Bemerkung verschlucken mußte , zu der sich sein Mund schon gespitzt hatte . » Wer sähe meiner Frau von Bredow den Schelm an , der unterweilen aus ihrem Auge blitzt . « » Ich meine ein Schelm sieht den andern , « entgegnete sie , » und wenn man in manchem Haus aufräumen thäte , fände man mancherlei darin , was nicht darin gehört , z. B. in einem Priesterhaus die Weiberröcke . « Der Dechant , welcher die Augen jetzt wirklich niederschlug , wollte von dem Gesetz anheben , welches zwar besage - aber die Edelfrau ließ ihn nicht zu Worte kommen . Wir wissen nicht , was gerade jetzt ihr die Laune zur Strafpredigt für den langjährigen Hausfreund eingab , der doch ihrer Wäsche so treulich beigestanden hatte . » Das Gesetz sagt , « unterbrach sie ihn , » thue recht und scheue Niemand , und wenn du schmutzig bist , wasche dich . Wasser fließt überall und Jeder hat Hände zum Reiben , aber er muß nicht reiben , wie Pilatus that . Wer ein gut Gewissen hat , braucht nichts zu verstecken , aber wem was im Schrank thut hängen , da es nicht sein soll , der muß die Thüre schnell zuschlagen , wenn Einer ' nein sieht . Blank gescheuert hat Mancher ; ja von außen , aber wie es drinnen aussieht , das kommt auch einmal an den Tag . « » Nur zu , Muhme , « rief lachend der Junker Peter Melchior , » wasch ihn einmal recht , er schenkt ' s uns auch nicht , wenn er auf der Kanzel steht . « » Dem Tage , welchen unsere verehrte Wirthin meint , wird der Gerechte , wenn auch mit Bangen , doch mit Vertrauen entgegenblicken . « » Na , hochwürdiger Herr ! « hub Frau von Bredow an und sah ihn recht scharf aus ihren großen Augen an . » Wenn an jenem Tage alle die Unterröcke , so in den Priesterschränken in die Winkel sich verkriechen , oben am Himmel hängen werden bei der großen Wäsche in Gottes Sonnenlicht , da möchte ich sehen wie die Herren vom Clerus den Kopf aufrichten wollen . Da könnt ihr schwenken lassen alle Eure Weihrauchskessel , daß den lieben Engelein die Augen thränen , ' s ist zu viel . Da muß Petrus die Hände über ' m Kopf zusammenschlagen und rufen : Herr Gott Vater , wenn wir das gewußt , daß sie auch das Kinderzeug mitbringen , ich hätte ihnen ja das Himmelsthor nicht aufgeschlossen . « » Und Sanct Petrus schloß es dennoch auf , und das Unreine und Sündhafte fällt ab , wie der Thau von den Pflanzen , wenn Gottes Sonne strahlt . Das ist das Mysterium , die unerforschliche Weisheit und Gnade des Herrn , daß er in seiner großen Haushaltung , der Welt , wo Alles Ordnung ist , auch seine Geweihten bisweilen sündigen läßt , aber nur zu seinen unerforschlichen Zwecken . Ich mag sagen , es geschieht zuweilen , ihnen unbewußt , aber er weiß es und weiß warum . Und wenn dann ihr Herz bange schlägt vor der Sündenlast , die sie darauf wähnen , da mit einem Zauberschlag macht er die Brust frei . Das befleckte Kleid , dessen wir uns schämen , fällt wie Plunder vor seinem Hauche , und dieweil wir noch zittern vor dem Glanz , der uns umgiebt , reicht er uns die Hand und spricht : Tretet ein , denn ihr seid rein . « » Ohne Wäsche , Dechant ? « » Wer wäscht die Nebel fort am Herbstmorgen , wer das schmutzige Winterkleid der Erde , und der Frühling steht da vor dem Herrn in seinem reinen Blumenkleide , von würzigen Düften umsäuselt ? Des Menschen Hand hat nichts dazu gethan . « » Dechant , ich meine , in jedem guten Haus ist Reinlichkeit die erste Tugend , und wer sich auf Erden nicht gewaschen hat , der kommt auch nicht rein in den Himmel . Wie ' s in einem geistlichen Haus steht , das weiß ich nicht , dafür laß ich Andere sorgen . Aber wenn ich zu sorgen hätte , wißt Ihr , was ich thäte ? « » Nur zu , Base , « rief der Junker , die Hände reibend , » steckt ihn in den Waschkessel . « » Ach was ihn allein ! Da müßte ein Kessel sein wie der Müggelsee , und die ganze Clerisei hinein mit allen Euren Salben und Oel , Aebte , Bischöfe , Klöster , Nonnen und Mönche . Und Lauge dazu , bitter salzige und umrühren wollte ich - « » Kochen , Base ! Ein Feuer darunter , daß der Gottseibeiuns heizen müßte , sonst werden sie nicht rein . « » Das Wasser würde schwarz werden , schon von Euren kleinen Versteck-Sünden , von der Eitelkeit , der Hoffart , dem Fraß , der Gleisnerei und Spiel und Trunk . Aber Wasser ist genug in der Mark . Abgeschäumt , ich würfe Euch in einen neuen See . Da sötte ich aus Eure Fleischessünden , doch das ist noch nicht das größte , Eure Habsucht und Herrschsucht und wie Ihr verredet und verlästert , und nun wieder umgerührt . « » Base , das überlaßt dem Teufel , « fiel Peter Melchior ein . » Ihr hieltet den Geruch nicht aus . Laßt dem Gottseibeiuns , was ihm gehört , ihm ist ' s ein Opferduft . « Der Dechant hatte mit freundlicher Ruhe der Edelfrau zugehört , ohne auf die roheren Ausfälle des Ritters zu achten . » Auf diese Weise würden wir also rein werden vor den Menschen . Wenn wir aber so ausgebleicht vor dem Herrn erschienen , ob uns dann Petrus noch das Himmelsthor öffnen würde ? Ob er nicht vielmehr spräche : Ihr seid zwar rein vor den Menschen , aber die Gnade , die ich Euch mitgab , ist auch ausgebleicht . Ich erkenne Euch nicht mehr als die , welche ich aussandte . Vor mir waret Ihr rein , auch in Euren Flecken . Weil Ihr Euch von den Menschen nach deren Wohlgefallen waschen und putzen ließet , so kehret zu ihnen zurück . Mir gehört Ihr nicht mehr an . « » Da wäre vielleicht etwas dran , « entgegnete die Frau nach einigem Besinnen . » Aber Ihr wißt auch dem Petrus ein X für ein U zu machen , denn das ist Eure Hauptsünde , das Wortverdrehen . Aus Süß macht Ihr Sauer und aus Sauer Süß , je wie ' s Euch frommt ; und was Euch frommt , das macht Ihr zu Gottes Willen . Und was Ihr uns zeigt , ist nicht , was Ihr versteckt habt , und wenn Ihr einen guten Zweck habt , nämlich was Ihr so nennt , o da wißt Ihr zu schwänzeln und mit den Augen zu zwinkern und mit der Zunge zu schlängeln , bis Euch der Teufel auf den Buckel nimmt und hinträgt . Und das ist alles schön und gut um der guten Absicht willen . « Der Dechant wurde der Mühe zu antworten durch einen kleinen