Lewald , Fanny Eine Lebensfrage www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Fanny Lewald Eine Lebensfrage Von der Verfasserin der Clementine und Jenny Erster Theil I Alfred von Reichenbach , ein Mann in der Mitte der dreißiger Jahre , saß eifrig arbeitend vor dem Schreibtische in seinem Studirzimmer , das , nach den aufgestellten Bücherschränken , Büsten und Bildern zu urtheilen , auf einen Besitzer schließen ließ , der Wissenschaften und Künste liebte und über die Mittel gebot , seinen Neigungen Befriedigung zu verschaffen . Die mächtigen Bäume , welche sein Schloß umgaben , die geschlossenen Jalousien , verbreiteten eine milde Dämmerung in dem Zimmer und trotz der drückenden Wärme eines Sommerabends war es hier frisch und luftig . Eine tiefe Stille herrschte in dem Gemach , nur unterbrochen von dem leisen Geräusch , welches Alfred ' s Feder auf dem Papier verursachte . Er schrieb mit wachsender Schnelle und sein Gesicht zeigte den Ausdruck jener freudigen Begeisterung , den das Gelingen einer Arbeit hervorruft . Da öffnete eine stattliche blonde Frau die Thüre und sagte : es ist drüben so warm in den Stuben , daß man es nicht ertragen kann , ich werde mich mit meiner Arbeit zu Dir setzen . Es war die Frau des Schloßherrn . Er schreckte aus seinen Gedanken empor , sah sie zerstreut einen Augenblick an , nickte mit dem Kopfe und arbeitete emsig weiter . Frau von Reichenbach beachtete das nicht . Sie schob mit Geräusch einen Tisch an das Fenster , rückte einen Stuhl zurecht und zog eine Tapisserie-Arbeit aus ihrem Nähkorbe , wobei Scheere und andere Geräthschaften klappernd zur Erde fielen . Alfred fuhr beunruhigt mehrmals mit der Hand über die Stirn , hielt im Schreiben an , überlas das Fertige , wollte weiter arbeiten , aber er war zerstreut worden , konnte dieselbe Gedankenreihe nicht finden und das Schaffen schritt langsamer vorwärts . Nimm ' s nicht übel , Alfred ! rief die Nähende nach einer kurzen Pause , es ist aber förmlich Nacht in Deiner Stube , ich muß die Jalousien öffnen , ich kann das Muster hier nicht zählen . Die Jalousien , von ihr losgehakt , flogen zurück , das blendende Licht der untergehenden Sonne fiel plötzlich strahlend in das Zimmer , und mißmuthig sagte Alfred : Du weißt , Caroline , wie peinlich und störend mir solch grelles Licht ist , wenn ich arbeite . Was soll ich aber thun , wenn ich die Stiche nicht zählen kann ? wiederholte sie , und fragte bald darauf : Hast Du davon gehört , daß des Inspectors Tochter eine Liebschaft mit einem Studenten hat , seit sie den Winter in der Stadt war ? Laß mich arbeiten , meine Liebe ! bat Alfred , ich möchte das Kapitel gern beendigen . Caroline schwieg einige Zeit , Alfred ' s Feder bewegte sich wieder schneller , da bog seine Frau sich weit aus dem geöffneten Fenster hinaus , und rief einem im Hofe beschäftigten Mädchen in scheltendem Tone die Worte zu : Die Röcke sollen ein für allemal nicht mit Nadeln an den Trockenschnüren befestigt werden ; wie oft soll ich das sagen ? Alfred stand ungeduldig auf , murmelte leise : Ganz unerträglich ! nahm sich dann aber zusammen und fragte ruhig : Wo ist Felix ? Er spielt im Garten . So laß uns auch hinabgehen . Jetzt ? in dieser Hitze ? In den Alleen ist ' s schon schattig . Aber Du wolltest ja arbeiten ? meinte Caroline . Wie kann man so launenhaft sein ! Du hattest mir beim Kaffee ausdrücklich gesagt , wir sollten Dich nicht stören . Deshalb kamst Du wohl herein und plaudertest unaufhörlich ? sagte Alfred im Tone eines freundlichen Vorwurfs . Sie schickte sich zu einer Entgegnung an , aber er wiederholte seinen Wunsch , zu dem Sohne hinabzugehen , und bald darauf finden wir die Eheleute in den stattlichen Alleen des Gartens wieder . Der schöne , zehnjährige Felix sprang den Eltern froh entgegen , ward von dem Vater geliebkoset und fing an , von seinen Spielen , von seinen Hunden und von dem Kutscher zu erzählen , während sie durch den Laubgang vorwärtsschritten . Plötzlich hielt der Knabe in seinen Berichten inne , sah dem Vater prüfend in das Gesicht und ging dann schweigend und ruhig neben ihm her . Alfred bemerkte dies Schweigen nicht und schien auch eine gleichgültige Frage seiner Frau zu überhören , so daß sie unmuthig ausrief : Aber wenn Du mich nur hier haben wolltest , damit ich neben Dir hergehe , so hättest Du mich im Hause lassen können , wo ich zu thun hatte . Alfred erwachte aus seiner Zerstreutheit . Vergib ! sagte er , ich habe so plötzlich zu arbeiten aufgehört , da weilt die Seele unwillkürlich noch bei den Vorstellungen , die sie beschäftigten . Ich dachte in diesem Augenblick mehr an die Vergangenheit und an mein Gedicht , als an Euch und an die Gegenwart . Das sah ich , Vater ! bemerkte Felix , und darum war ich lieber still . Ich weiß es gleich , wenn Du an Deine Arbeiten denkst . Dann sehen Deine Augen ganz anders aus , als könntest Du nicht mit ihnen sehen , was um Dich her vorgeht . Bist Du vergnügt , wenn Du Dir Deine Gedichte und Geschichten ausdenkst ? Ja , mein Sohn , und recht vergnügt ! Ich wollte , auch in Deine Brust hätte die Natur den schöpferischen Funken gelegt , der in uns eine neue Welt voll Freuden und Leiden hervorruft . Indeß selbst in den Leiden liegt noch Glück und Schönheit , und wohl Dem , der jenes doppelte Leben kennt , das den Dichter in den Momenten des Schaffens zum glücklichsten Menschen macht , sagte Alfred , zu seiner Frau gewendet . Das ist aber ein sehr einseitiges Glück , meinte diese , von dem Niemand etwas genießt , als nur Du selbst . Für Deine Umgebung bist Du verloren , wenn Du so in das Arbeiten hineinkommst . Ob ich mich mit den Leuten plagen muß , ob ich Verdruß und Aerger habe , danach fragst Du nicht ; Du dichtest ! Und gerade heute habe ich Verdruß gehabt , denn ich habe der neuen Wirthschafterin den Dienst gleich wieder aufkündigen müssen . So ! sagte Alfred gleichgültig und theilnahmlos . Und Du fragst nicht einmal weshalb ? Gewöhnlich , Beste , scheinen mir Deine Gründe für diese sich oft wiederholenden Gewaltmaßregeln nicht ausreichend . Du weißt , ich habe dabei früher stets zu vermitteln , einzuschreiten versucht , jetzt bin ich es müde geworden . Du willst nicht einsehen , daß Du Dir all den Verdruß durch Deine Ungeduld mit den Leuten selbst bereitest ; deshalb lasse ich Dich nach Belieben schalten und ertrage die Unbequemlichkeit , fortwährend neue Dienstboten um uns zu haben . Als ob Dich auch nur Etwas von diesen Unbequemlichkeiten träfe ! als ob ich nicht Alles auf mich nähme ! Ich denke , Du kannst Dich nicht darüber beklagen , daß Du je Deine gewohnte Bequemlichkeit entbehrst , daß ich es Dich je empfinden lasse , welche Plage die schlechten Leute sind ! rief Caroline empfindlich , und Alle schwiegen , bis Felix den Vater bat , den Garten zu verlassen , um durch die Felder auf den Berg zu gehen . Der Vater war es gern zufrieden , indeß die Mutter machte Einwendungen . Sie fürchtete die Wärme , den weiten Weg , ließ sich aber dennoch überreden , ihres Mannes Arm zu nehmen und die Ihrigen zu begleiten . Der Knabe lief fröhlich voran und bald hatte man die Höhe erreicht , von der aus sich ein weiter Blick über die großen Reichenbach ' schen Besitzungen eröffnete . Mäßige Hügelketten durchzogen das Land , bald mit üppigen Laubwäldern , bald mit wogenden Getreidefeldern geschmückt , die in goldiger Fülle der Ernte entgegenreiften . Dazwischen schlängelte sich von der Höhe ein Flüßchen hinab , das im Thale einen Kupferhammer trieb und weiter hin einen hellen Teich bildete , der , wie die blaue Wunderblume der Märchenwelt , funkelnd und strahlend aus der Tiefe hervorleuchtete . Glitzernd zitterten die letzten Sonnenstrahlen auf dem ruhigen Gewässer und färbten mit bräunlichem Golde die Spitzen der Bäume , die sich leise unter dem erfrischenden Wehen der Abendluft zu regen begannen . Die ersten langgezogenen Finkenschläge tönten aus den Büschen , Säulen von schwärmenden Mücken sonnten sich in der Luft , und Alles was lebte , schien sich der schönen letzten Tagesstunde mit Glück bewußt zu sein . Alfred blickte lange entzückt umher , schwelgend in Anbetung und Freude . Caroline hatte sich auf einen Stein niedergesetzt , sie war mit den Bändern ihrer Schuhe beschäftigt . Ihr Mann ließ sie ruhig gewähren . Plötzlich , als die Farben immer tiefer wurden , als es überall heller leuchtete , rief er wie im Selbstgespräch : Wie verdient man diese Welt ? wie genießt man all diese Herrlichkeit ? Felix ! siehst Du denn , mein Sohn , wie schön es hier ist ? Siehst Du , wie dort , wo Dein Schwan durch den Teich zieht , lange , lange Goldstreifen sich spiegeln , als Widerschein des Lichtes ? Da streichelt die Sonne mit goldener Hand die feuchte , heiße Wange der müden , entschlummernden Erde , und wünscht ihr gute Ruhe und selige Träume , wie wir es mit Dir machen . Und die Erde wird still und ruhig und träumt von Glück und Frieden ! Wollte Gott , daß morgen , wenn sie erwacht , der Traum Wahrheit geworden wäre , daß - - Hier ist ' s aber vor Mücken nicht zu bleiben ! fiel seine Frau ihm in das Wort , und überhaupt möchte ich zurückgehen , mich drücken die Schuhe und ich will auch der Haushälterin noch etwas sagen . So komm ! sagte Alfred seufzend und , eine düstere Wolke des Unmuthes auf der Stirne , trat er den Rückweg an , seine Frau am Arme führend , die sich fest und schwer darauf lehnte und unablässig über ihre unbequemen Schuhe klagte . II Alfred war der Sohn adliger und edler Eltern . Den Vater hatte er wenig gekannt , die Mutter , welche ihn mit vollster Hingebung erzogen , war gestorben , als er kaum das Jünglingsalter erreicht hatte und Offizier geworden war . Von dieser trefflichen Frau an ein geistiges Zusammenleben mit ihr gewöhnt , fand er nach ihrem Tode sich einsam und verlassen . Die lauten , wüsten Kreise seiner Kameraden zogen ihn nicht an und , in ein kleines Garnisonstädtchen versetzt , führte er ein zurückgezogenes freudloses Dasein , bis ihm in der Liebe neue Hoffnung erblühte . Er hatte eine Wohnung in dem Hause eines adligen Subalternbeamten gemiethet , dessen einzige Tochter , Caroline , für das schönste Mädchen der Stadt galt , das von den Launen einer jungen Stiefmutter viel zu dulden hatte . Alfred bedauerte sie , wollte sie trösten , sie durch seine Theilnahme für ihre Leiden entschädigen . Während dieser Bestrebungen verwandelten sich allmälig sein Mitgefühl und des Mädchens Dankbarkeit in Liebe , die sie sich mit der Befangenheit der ersten Jugend gestanden . Beide waren neunzehnjährig und schön . Alfred ' s Seele schmachtete liebedurstig nach einem Ideale , und freigebig schmückte er in seinem Geiste das junge Mädchen mit allen Vorzügen , die er in ihm ersehnte , die es nicht besaß . Kleine Mißhelligkeiten , die oftmals vorfielen , wurden durch die Küsse und Schwüre der Versöhnungsstunden ausgeglichen ; es war ein Verhältniß , wie viele andere , das sich gleichblieb , bis Alfred die Garnison verließ , um die Kriegsschule in Berlin zu beziehen . Eine Trennung , ohne sichere Aussichten für künftiges Wiedersehen , schien den Liebenden unmöglich . Man entdeckte sich den Eltern und , da dem Vater der stattliche Schwiegersohn , der Stiefmutter die Verheirathung der Tochter willkommen war , erlangte das junge Paar die Einwilligung der Eltern mit dem Versprechen , der begüterte Vater wolle die Verheirathung Carolinen ' s möglich machen , sobald der Lieutenant seine Studien beendet haben würde . In Berlin fand Alfred einen greisen Großonkel , der sich väterlich des strebsamen Jünglings annahm . Er war Domherr , hatte an verschiedenen größeren Höfen gelebt und zeichnete sich ebenso sehr durch Geist und feine Sitten , als durch ein starres Festhalten an den Grundsätzen der katholischen Kirche aus . Von ihm ward Alfred in die gebildeten , kunstsinnigen Kreise der Hauptstadt eingeführt ; unter seiner Leitung suchte er auf jede Weise seinen Geist zu bilden , und der Neigung für Künste und Wissenschaft zu genügen , die er in seinen früheren Verhältnissen nicht befriedigen können . Nachdem dies beglückende Verhältniß ein paar Jahre gedauert hatte , starb der Greis plötzlich und Alfred sah sich , unerwartet zu dessen alleinigem Erben ernannt , in dem Besitze eines bedeutenden Vermögens . Freudig ward die Nachricht der Braut verkündet und die Hoffnung baldiger Hochzeit daran geknüpft ; aber in der Freude seines Herzens hatte der junge Mann eine Bedingung des Testaments nicht beachtet , welche jene Aussicht noch in weite Ferne hinausschob . Das Testament verlangte , daß Alfred sich nicht vor vollendetem vierundzwanzigsten Jahre verheirathen , bis dahin in Berlin bleiben oder reisen , und seine Braut nicht wiedersehen dürfe , bis er nach erlangter Großjährigkeit die Erbschaft angetreten haben würde , welche bis dahin für ihn von den Domherren des geistlichen Stiftes verwaltet werden sollte . Nur mit Widerstreben fügte sich das Brautpaar in das Unabänderliche . Carolinen ' s Klagen über ihre traurigen Verhältnisse zur Stiefmutter suchte Alfred mit Schilderungen der glücklichern Zukunft zu beschwichtigen ; während er jetzt schon mit zärtlicher Großmuth bemüht war , ihr Loos erträglich zu machen und dem sinkenden Wohlstande ihrer Eltern wieder empor zu helfen . Die reichsten Geschenke , die ausführlichsten Briefe , die feurigsten Liebeslieder wurden ihr gesendet ; aber Nichts vermochte sie zu erheitern , Nichts sie von dem Verdachte zu befreien , Alfred vergesse ihrer , und sein Wille müsse die Hindernisse überwinden können , die sich ihrer Verbindung im Augenblicke entgegenstellten . Das sprach sie mit Bitterkeit in jedem ihrer Briefe aus und verminderte dadurch die Sehnsucht , mit welcher er ihnen sonst entgegengeharrt hatte . Bald darauf trat er seine Reisen an . Er sah Länder und Völker und lernte den Menschen verstehen , von dem Palaste des Herrschers bis hinab in die Hütte des Armen . Die Natur hatte ihm eine poetische Auffassungsgabe und eine schöne gestaltende Kraft verliehen . Es trieb ihn also , was er gefühlt und gedacht , für sich und Andere in bleibender Form fest zu halten und auf Zureden eines Freundes gab er einen Band von Liedern und Gedichten heraus , die er in begeisterten Stunden geschrieben hatte . Als er nach Verlauf einiger Jahre in die Heimath zurückkehrte , begrüßte ihn das Mitgefühl des deutschen Vaterlandes , das die Versuche des jungen Dichters wohlwollend willkommen hieß ; aber er entriß sich schnell dem verlockenden Treiben der großen Welt , um zu seiner Verlobten zu eilen . Wer jedoch beschreibt seine Empfindungen , als er die Ersehnte wiedersah ? In den beständigen Reibungen mit der Stiefmutter , in den kleinlichen Verhältnissen eines Landstädtchens war der mädchenhafte , jugendliche Reiz , der auch die weniger begabten Frauen liebenswürdig macht , gänzlich entschwunden , und Alfred fühlte sein Herz erstarren in dem Begegnen mit der Braut . Der Gedanke , mit ihr zu brechen , regte sich in ihm , aber er unterdrückte ihn schnell ; denn er hatte ihr sein Wort verpfändet , sie hatte ihre Jugend im Vertrauen darauf durchlebt und ihr Vater war verarmt . Daneben wachte auch die Erinnerung an die erste Zeit ihrer Liebe mächtig in ihm auf . Er wähnte , Caroline bilden , sie zu sich erheben zu können . In dieser Erwartung ward ihre Ehe geschlossen , und noch am Hochzeitstage führte er die junge Gattin in sein Schloß , das mit gebildetem Schönheitssinn für ein poetisches Zusammenleben eingerichtet worden war . Aber seine Hoffnungen täuschten ihn . Carolinen ' s Herz war nicht böse , es fehlte ihr nicht an Verstand , sie liebte ihren Mann auf ihre Weise , aber sie war kalt und herb , und Alfred entdeckte bald eine Kluft zwischen sich und ihr , die sie weit von einander trennte . Die Weise , in der er , bei großer praktischer Tüchtigkeit , Welt und Leben geistig erfaßte , seine Bestrebungen für Menschenwohl im Großen , sein ganzes Wollen und Wirken lagen außer den engen Grenzen , in denen der Geist seiner Frau sich bewegte . Seine ganze Richtung erschien ihr phantastisch , sie fühlte , daß sie ihm nicht folgen , ihm nicht genügen könne , daß er mehr verlange , als sie ihm sei . Das machte sie eifersüchtig , launenhaft und reizbar , und selbst die Geburt eines Sohnes brachte keine vollständige Annäherung zuwege , obgleich beide Eltern mit gleicher Liebe an dem Kinde hingen . Häusliches Unbehagen führte die Gatten vom Lande nach der Stadt , wo sie eine Weile zu leben versuchten ; Carolinen ' s Eifersucht trieb sie wieder auf das Land zurück . In immer neuen Verstimmungen flossen die Jahre dahin , und die Mißhelligkeiten steigerten sich , seit die Erziehung des zehnjährigen Sohnes die religiösen Ansichten der Eltern einander gegenüberstellte . Alfred und seine Frau waren beide katholisch ; während aber Jener einem reinen Deismus huldigte , hing Caroline streng an dem äußern Kultus der römischen Kirche und suchte , unter Anleitung ihres Beichtvaters , eines Kaplan Ruhberg , vom Domstifte zu Maria-Gnad , das in der Nähe des Schlosses lag , auch Felix zu dem äußern Gottesdienste anzuhalten , was ganz gegen die Ansicht ihres Mannes verstieß . Caroline , an beständigen Streit mit der Stiefmutter gewöhnt , war gegen das Verletzende der oft wiederkehrenden Zerwürfnisse zwischen sich und ihrem Manne nicht allzu empfindlich , während sein feineres Gemüth beständig darunter litt und bei jedem neuen Anlasse schmerzlicher blutete , so daß das Leben an der Seite seiner Frau ihm bald zu einer drückenden Bürde wurde , gegen die er nur in rastloser Thätigkeit Trost und Zerstreuung fand . Schulen und Fabriken wurden auf seinen Gütern gegründet , Noth und Elend schwanden von seinen Besitzungen , er sah sich nach wenig Jahren von frohen , dankbaren Menschen umgeben und sein großer , ererbter Reichthum nahm mächtig zu . Er wußte , daß er seine Pflicht that , und er that sie gern . Aber je mehr er es fühlte , wie er in dem Gelingen dieser Bestrebungen , in seinen dichterischen Erfolgen und vor Allem in dem fröhlichen Heranwachsen seines Sohnes , alle Mittel zu dem vollkommensten Glück besitze , um so schmerzlicher entbehrte er in der Mutter dieses Knaben die gleichfühlende Gefährtin , die all das Gute mit ihm theilen sollte , und um so größer ward die Entfernung , die ihn geistig von ihr trennte . Was blieb ihm also übrig , als sich endlich vor dem Unerreichbaren entsagend zu bescheiden ? Alles , was er erlangen konnte , war eine verhältnißmäßige Ruhe , und diese strebte er also an . Er gab den Launen Carolinen ' s so weit als möglich nach , ließ sie in ihrer Neigung für Luxus gewähren , er aber lebte seinen Pflichten , seinen Arbeiten und seinem Sohne . III Noch klang die Erinnerung an die letzten Streitigkeiten in Alfred ' s mißmuthiger Stimmung fort , als schon ein neues Unwetter an seinem Ehehimmel heraufzog . Er hatte eine bestimmte Menge von Lebensmitteln festgesetzt , welche allwöchentlich an diejenigen Gutsinsassen vertheilt werden sollten , die durch Alter oder Krankheit zur Arbeit unfähig geworden waren . Jahre lang hatte diese Maßregel ruhig fortbestanden , jetzt aber trat plötzlich der Verwalter mit der Frage an ihn heran , wie er es künftig mit der Austheilung dieser Unterstützung zu halten habe , da er mit dem dazu bewilligten Quantum nicht mehr auszureichen vermöge . Woran liegt das , fragte Alfred , grade jetzt , wo der Gesundheitszustand bei dem schönen Wetter vortrefflich und alle Welt bei der Ernte beschäftigt ist ? In dieser Zeit pflegte doch sonst die Nothwendigkeit der Unterstützung sehr gering zu sein und die Sommermonate mußten den Winter übertragen helfen . Gnädiger Herr ! wendete der Verwalter ein , sonst hatten wir die wöchentlichen Sendungen in ' s Kloster Maria Gnad nicht zu machen . Nach Maria Gnad ? In ' s Kloster ? Was soll das heißen ? Ich meine die Sendung , die ich seit einigen Wochen dort hin schaffen muß . Alfred sah den Verwalter überrascht an , faßte sich aber schnell , den Zusammenhang errathend , und sagte : Ja so ! - nun , ich will das überlegen . Ich werde Ihnen morgen den Bescheid geben , wenn Sie in der Frühe zu mir kommen . Mit dieser Weisung empfahl sich der Verwalter und Alfred eilte zu seiner Frau . Hast Du den Befehl gegeben , fragte er , regelmäßige Lieferungen von Lebensmitteln nach Maria Gnad zu machen ? Ich sehe nicht ein , entgegnete Caroline , die gerade Antwort umgehend , weshalb Du allein Dir das Recht aneignest , Wohlthaten zu spenden ; weshalb ich nicht Theil an den guten Werken haben soll , auf meine Weise ? Daß Du nicht Theil daran nahmst auf vernünftige Weise , hat mich oft genug verdrossen ! entgegnete er ihr . Wie häufig habe ich Dir gesagt , Du könntest wahre Wohlthaten thun auf unsern Gütern , wenn Du Deinen Einfluß auf die Frauen der Leute verständig geltend machen wolltest . Du könntest mir die Hälfte der Arbeit abnehmen , die mir die Gewöhnung der Einwohner zu verständigem Gebrauch ihrer Mittel verursacht ! Ich wollte Dich so gern als die Schöpferin des Guten verehren lassen , das hier allmälig geschieht . Immer bist Du mir dann aber mit kleinlicher Sparsamkeit , mit pietistischen Bedenken entgegengetreten ; und nun befiehlst Du , ohne mich zu fragen , plötzlich Sendungen in das Kloster zu machen , die meinen arbeitsamen Leuten entzogen werden , um drüben die faulen Mönche fett zu füttern ! Um von den frommen Herren an fromme , gottgefällige Christen vertheilt zu werden , die sich durch christlichen Wandel des Beistandes würdig machen , fiel ihm Caroline fest ins Wort . So lange Du Deine Leute in dem unkirchlichen Leben bestärkst , so lange Du sie ermunterst , an den heiligen Tagen zu arbeiten und die Messe zu versäumen , so lange kann Deine Wohlthätigkeit nicht die meine sein ; und sie wird auch keinen Segen bringen weil ihr der Segen des Himmels fehlt . Immer das alte Einerlei ! rief Alfred verdrießlich . Daß ich doch endlich die Mittel begreifen lernte , durch die alle Lehren der Pfaffen Eingang bei Dir finden , während Du bei meinen Vorstellungen , meinen dringendsten Bitten taub bleibst ! Warum bleibst Du taub bei meiner flehentlichen Bitte , Felix , wenigstens im Christenthum , von dem würdigen jungen Manne unterrichten zu lassen , den Kaplan Ruhberg uns vorschlägt ? Weil ich nicht will , daß man den gesunden Verstand des Knaben mit unklaren Begriffen verdunkle ; weil er ein verständiger Mensch werden soll und kein Heuchler , wie Ruhberg und sein Gehilfe es sind . Ehe ich diesen jungen Mann in meinem Hause dulde , lieber - Lieber ? - fragte Caroline spöttisch . Zwinge mich nicht , das Härteste zu sagen ! rief Alfred , als der Diener erschien und den Besuch einer adligen Dame von dem Nachbargute meldete . Sehr willkommen ! sagte Caroline und ging freundlich , als ob nichts Unangenehmes sie berührt hätte , der Gemeldeten entgegen , die gleich darauf eintrat . Alfred hatte das Zimmer verlassen , er fühlte sich nicht gestimmt zu gleichgültig heiterem Gespräch . Mit dem Gaste zugleich kam aber auch Felix herein . Sein glühendes Gesicht strahlte vor Freude und er wollte eilig durch das Zimmer laufen , als die Mutter , nachdem sie die Baronin begrüßt , ihn bei der Hand nahm und , ihn betrachtend , ausrief : Aber um Gottes willen , Felix ! wie siehst Du aus ? Wo hast Du Schuhe und Strümpfe gelassen ? Wie hast Du Deine Blouse zugerichtet ! Ich habe Ihren Sohn eine tüchtige Strecke vom Schlosse gefunden , bemerkte die Baronin , während sie dem verlegen schweigenden Knaben die Wange streichelte , und ich habe ihn in meinem Wagen hierher gebracht , da er es doch wohl nicht gewohnt ist , ohne Schuhe und Strümpfe einher zu gehen . Der ganze Unmuth Carolinen ' s , den der Streit mit ihrem Manne in ihr zurückgelassen hatte , wendete sich nun gegen den Knaben . Was ist das wieder für ein gottloser Streich ! rief sie heftig . Du machst mir nichts als Verdruß und Schande , Du folgst nie ! Sehen Sie , Beste , wie er aussieht ! Es ist der ungerathenste Knabe von der Welt ! Mutter ! sagte Felix leise , der arme Junge sah so elend aus , er hat das Fieber und einen lahmen schlimmen Fuß . Ich dachte , der Vater würde nicht böse sein , es war wirklich nicht weit von hier , und er hatte bis nach Heindorf mit dem schlimmen Fuß . Und ich sage Dir , Du sollst Deine Sachen nicht jedem Bettelbuben schenken und nicht barfuß umherlaufen wie ein Bauernjunge ! Mache , daß Du hinauskommst , und lasse Dich ankleiden , Du ungerathenes Kind ! - Damit schob sie den Knaben nach der Thüre , mit so unvorsichtiger Heftigkeit , daß er auf dem glatten Fußboden stolperte und gefallen wäre , hätte nicht Alfred ihn in seinen Armen aufgefangen , der hinzueilte , als er die keifende Stimme der Mutter in dem Nebenzimmer hörte . Er hieß die Baronin in gewohnter edler Form willkommen , aber Caroline unterbrach ihn : Da siehst Du nun selbst einmal die Folgen Deiner genialen Erziehung an dem Knaben ! sagte sie . Fast eine Stunde vom Schlosse hat ihn die gute Baronin gefunden und ihn in dem saubern Aufzuge hierhergebracht . Hieltest Du ihm den Lehrer , den ich Dir heute wieder vorschlug , dann kämen solche Dinge auch nicht vor . Der zurecht gewiesene Vater versuchte die Sache lächelnd und leicht aufzunehmen . Ich finde in der That nicht , daß der Knabe ein so großes Unrecht gethan hat , sagte er . In der Umgegend umherzulaufen , haben wir ihm stets erlaubt , da er für seine Jahre selbstständig und vernünftig ist ; und daß er einmal seine Schuhe aus Mitleid fortgab und eine halbe Stunde barfuß einherging , das wird ihm gar nichts schaden . Mag er sehen , wie es dem Armen thut . Ich meine auch , versetzte begütigend die Baronin , der dieser Auftritt natürlich sehr unangenehm sein mußte , Sie nehmen die Sache viel zu streng , liebste Freundin ! Ihr Felix darf mehr noch als andere Knaben eine gewisse Ungebundenheit zeigen und seinen augenblicklichen Eingebungen folgen . Er ist ja der Sohn eines Dichters und seine Augen sehen aus , als ob viel von dem väterlichen Genius auf ihn übergegangen wäre . Aber die versöhnenden Worte der Baronin brachten eine ganz entgegengesetzte Wirkung hervor . Caroline nahm es übel , daß sie ihr nicht beistimmte , daß , wie gewöhnlich , die Meinung der Fremden sich für ihren Mann entschied . Wenn ich nur nicht dies ewige » ein Dichter ! « hören müßte ! rief sie in einem Tone , der nun ihrer Seits auch scherzhaft klingen sollte , während er die äußerste Gereiztheit verrieth . Wenn die Leute nur wüßten , wie unbequem solche poetische Naturen im täglichen Leben sein können , wie die prosaische Umgebung von der Poesie , von ihrer Freigeisterei , und von ihren Ueberspanntheiten bisweilen leiden muß . Du schmeichelst mir eben nicht , Caroline ! unterbrach sie Alfred , und die Baronin bemerkte , man höre wohl , daß Frau von Reichenbach nur scherze ; aber sie beachtete die Weisung nicht . O , ich schmeichle und heuchle nie ! rief sie , und es ist , wie ich es sage , glauben Sie mir das ! Die Menschen werden durch die Poesien eines Dichters entzückt ; aber während er dichtet , fällt alle Sorge für Haus und Hof , alle Noth mit der Erziehung , alle häusliche Plage auf die Frau , denn für solche Kleinigkeiten hat ein Dichter nicht Sinn und nicht die Zeit . Kommt er dann endlich aus dem Studirzimmer heraus , so soll die poetische Welt auch im Leben ausgeführt werden ; Alles , was nicht damit in Uebereinstimmung ist , heißt ungroßmüthig , kalt und kleinlich . Gewiß , Sie kennen das nicht . Caroline war so heftig erregt , daß ihre Stimme zitterte , die Baronin , welche es nicht wissen konnte , daß vor ihrer Ankunft ein lebhafter Streit stattgefunden hatte , war in der peinlichsten Verlegenheit . Alfred ' s Farbe wechselte während dieser Scene mehrmals schnell , doch versuchte er seinen Zorn niederzukämpfen und der Sache eine schicklichere Wendung zu geben . Mit erzwungenem Lächeln sagte er : Da sehen Sie , gnädige Frau ! wie unsere kleine poetische Glorie bei näherer Betrachtung ein Feuer ist , das alles häusliche Glück verzehrt ! Indeß ist es wohl nicht so arg . Es wäre ja zu traurig , wenn Das , was unser Glück ist , zur Plage unserer Lieben würde . Meine Frau fällt mir ins Fach , sie dichtet heute