Schopenhauer , Adele Anna www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Adele Schopenhauer Anna Ein Roman aus der nächsten Vergangenheit Erster Theil Meiner Freundin Ottilie von Goethe geb . Freiin von Pogwisch gewidmet . Vorrede Indem ich diese Blätter dem Publikum übergebe , erlaube ich mir die Bitte , sie nicht für eine auf wirkliche Ereignisse basirte Erzählung anzusehen . Stadt , Straße , Umgebung und das nicht mehr vorhandene Haus , in welchem ich selbst meine frühste Kindheit verlebte , Sitten und Ansichten , die man damals in vielen Thüringischen Familien wiederfand , sind dem Erlebten entlehnt ; ich wählte diesen Hintergrund , um meinen Schilderungen eine größere Wahrheit zu sichern ; aber leider habe ich weder eine Familie von Waldau noch einen Bürgermeister Müller mit den Seinen in dieser Umgebung gefunden . Nur Sophie und Duguet sind , wie ich gern eingestehe , naturgetreue Portraits , auf denen ich sorglich geweilt , die ich zu meiner eigenen Freude in dankbarer Erinnerung ausgeführt ; mögen sie im Bilde dieselbe wohlwollende Beurtheilung finden , die diesen trefflichen Menschen im Leben Keiner versagte , der sie kannte . Wo aber ein blos zufälliges Zusammentreffen Aehnlichkeiten durch die sich vervielfältigenden Wiederholungen gleicher Zustände hervorruft , möge man mich nicht zur Portraitmalerin stempeln , ich verwahre mich dagegen : denn ich fühle , daß ich auch nicht die mindeste Anlage dazu habe und nur eine so bestimmt und scharf sich abzeichnende Persönlichkeit wie die unserer alten Diener mich zu einer Charakteristik wirklich gekannter und mir werther Menschen verlockt hat . Das Allgemeine gewährt so vielfachen , so reichen Stoff , daß mir das Umbilden zur Einzelnheit zu angenehm und zu leicht scheint , um es gern mit einer Copie täglicher Begegnungen zu vertauschen . 1806 Draußen wüthete der Krieg mit seinem gräßlichen Gefolge : Brand und Plünderung ; in den Häusern , in denen die beängsteten Einwohner der Stadt sich vor körperlicher Mishandlung und dem Eindringen der feindlichen Krieger zu bergen suchten , herrschte die Beklommenheit eines noch ganz ungewissen Geschicks . Obgleich des Kaisers Befehl , die Erlaubniß zur Plünderung , seit gestern schon zurückgenommen , waren die entzügelten Soldaten nicht zu bändigen , die Ordnung noch nicht herzustellen möglich gewesen . Noch blieben Thor und Thüren fest verrammelt , alle Fenster und Läden geschlossen ; auf dem Steinpflaster der öden , nur von Soldatenhaufen durchzogenen Gassen mischten sich die Spuren des vergossenen Bluts mit den langen weißen Streifen des aus Uebermuth verstreuten Mehls - und immer noch wirbelten die schwarzen Dampfwolken aus dem großen Schutthaufen empor , zu dem eine Reihe Häuser geworden , die der Feind zuerst beim Eindringen über die Kegelbrücke auf Napoleons Befehl angezündet . Wunderbar genug hatte die Flamme , wie eine Riesenfackel , still und gerade fortgebrannt , ohne weiter um sich zu greifen . Ans Löschen hatte Niemand denken können im entsetzlichen Drange des Augenblicks , auch mochte es anfangs verwehrt worden sein - es wußte kaum Einer vom Andern in der Jeden aus allen Winkeln , einer Hydra gleich anstarrenden Angst ! An einem Erkerfenster der Windischen Gasse standen , furchtsam einander umfassend , zwei kleine Mädchen und sahen zu , wie des Nachbars Hofthor mit Flintenkolben eingeschlagen wurde ; da kam die Amme der jüngeren Geschwister und riß die Kinder zurück , dann ließ sie rasch das grüne Rouleau vor den Scheiben nieder . Aber eben jetzt war drüben das Thor gefallen und aus dem Innern des nachbarlichen Hauses erklang lautes Wehegeschrei . Mit einem Satz war die kleine Anna vom Stuhl am Fenster hinab und auf dem Boden , und ehe noch die Amme Leontinen , die ihr zunächst gestanden , aus den Armen zur Erde entlassen konnte , war jene ihrem Blick und Ruf entschwunden . Die Amme scheute vor Allem lauten Verdruß ; sie wandte sich sogleich zu den andern Kleinen , die ruhig in ihren Bettchen neben einander lagen und schlafen sollten , weil es Nachmittagszeit war - zu Mittag war freilich noch gar nicht gegessen worden . Der Vater Anna ' s und der beiden Zwillingsschwesterchen war , als Bürgermeister , noch auf dem Rathhause , wo er sich selber keinen Rath wußte , denn er konnte kein Französisch ; die Mutter stand draußen am Herd und sott Kartoffeln . Anna lief an ihr vorüber und durch den Gang , der das Vorder- und Hinterhaus verband ; aber die Thüre am Ende desselben fand sie verschlossen . Aengstlich klopfte das Kind mit den kleinen Fäusten , rüttelte gewaltsam am Schloß und schrie aus Leibeskräften : Monsieur ! monsieur Capitaine ! St. Luce hatte gehört , ein Zufall ließ ihn gerade in der Nähe sein ; allein nun hinderte auch ihn die abgesperrte Thür , und er begann auf seiner Seite eben so laut zu rufen : Madame , Madame ! öffnen Sie doch ! Geschwind ! Jetzt brachte die vom Lärm geschreckte und aus der Küche hergeeilte Mutter den Schlüssel . St. Luce trat ein ; aber eh ' noch ein Wort unter ihnen gewechselt werden konnte , hatte Anna die Hand des jungen Offiziers erfaßt und riß ihn , in Thränen , Schmeicheleien und Bitten zugleich ausbrechend , heftig mit sich fort in das Vorderzimmer ans Fenster . Ein Blick genügte . Mit einem Sacre dieu ! fuhr St. Luce die Treppe hinab auf die Straße , stieg ebenfalls durch die zerlöcherte Hofthür und trieb nach wenigen Minuten ein halbes Dutzend bärmütziger Kerls mit flachen Säbelhieben desselben Wegs wieder hinaus und vor sich her . Schurken ! schrie er , und der Kaiser , der es verboten hat ! Unsinnige ! Fluchend zerstreute sich das Gesindel ; St. Luce ging wieder in des Bürgermeisters Haus zurück , verrammelte mit Hülfe der Mutter und der Amme die Außenthüre und es ward Alles auf ein Weilchen still . Endlich ertönten drei leise Schläge an einem unteren Fensterladen und eine wohlbekannte Stimme forderte Einlaß . Es war der Vater , aber mit ihm ein Offizier , ein Regimentsarzt , der Majorsrang hatte , als Einquartierung . Der Bürgermeister hatte ihn sich selbst auf dem Bureau zugetheilt . Der erschöpfte Mann setzte sich , noch innerlich bebend von all der Angst und der Sorge , in eine Ecke des Wohnzimmers ; ihm war zu Muthe , als habe er in seinem eigenen Hause und Besitz kein Recht mehr . Die Mutter führte schüchtern den unwillkommenen Gast in die Putzstube , sah aber noch im Schließen der Thüre , wie der Ermüdete sich auf das gute , nur selten benutzte Sopha warf , und kehrte niedergeschlagen zu ihrem Gatten zurück . Und wir haben nichts für ihn zu essen im Hause , nicht einmal Brot ! seufzte sie . Diable ! sagte Monsieur August , der Bediente des Regimentsarztes , ein baumlanger Grenadier . Er hatte die Klage errathen und halb verstanden . Und mein Herr will frühstücken ! fuhr er fort . Frühstücken um ein Uhr Nachmittags ? schluchzte die Amme , die das eine französische Wort unterschied . Gib , was du hast , daß nur Friede bleibt , sagte der geängstete Hausherr . Gib doch nur um Gottes willen ! Du hast ja die eine Wurst und backe etwa einen Eierkuchen , nur mache mir den Major nicht verdrießlich ! Er ist unsere Sauvegarde und schützt uns vor der Plünderung ! Die Mutter eilte fort . Und wir hatten seit gestern früh nur Kartoffeln , sprach Anna , da kann er auch wol zufrieden sein . Unterdessen hatte der Major den Grenadier gerufen und fluchend den Befehl , ein Frühstück zu schaffen , wiederholt . Die Bürgermeisterin nahm nun die sechsjährige kleine Leontine , die ruhig mit ihrer Puppe spielte , auf den Arm . Willst du wol dem Major sagen , Leontinchen , daß wir nichts Besseres im Hause haben , daß die Soldaten schon vorgestern Alles weggenommen ? Sie trug das Kind zum Major ; das Dienstmädchen folgte mit Eiern , Wurst und einer sauern Gurke , dem Lieblingsessen der Thüringer . Laut lachend blickte der Major auf die Gruppe . Was will uns denn die Närrin ? rief er aus . Die Mutter brachte zitternd ihre Worte auf Deutsch an , der kleine Dolmetscher auf ihrem Arme wiederholte sie in reinem Französisch . Schwere Bomben ! sagte der Major , noch immer lachend , du fingerlanger Schatz sprichst Französisch ? Weil ma bonne eine Französin ist , erwiderte eifrig das Kind , und ich rathe dir sehr , dich nicht über dein Frühstück zu beklagen , sonst bekommst du Schelte ! Alle Wetter ! Und wo ist denn diese saubre Bonne ? Nun , bei der Mama ! Und die Mama ? Drüben im Hinterhause , wo wir wohnen . Und nun sehe mir einer den Dummkopf von Bürgermeister , der uns hier einquartiert ! Die Magd und die Hausfrau hatten indessen das spärliche Mahl auf den Tisch gestellt , Anna trat mit den Kartoffeln hinzu . Ich spreche auch Französisch , sagte sie , aber nur ein bischen . Der Offizier sah auf . Ich bitte sehr um Verzeihung ! fuhr Anna mit unbeschreiblicher Anmuth fort , indem sie die Kartoffeln vor ihn hinstellte und mit der andern Hand eine kleine einladende Bewegung machte . Kreuz Donnerwetter ! August ! sieh mir einmal nach , was all dies Geträtsch eigentlich soll ? Und August machte Kehrt , ward aber von Niemand zurechtgewiesen und brachte also nach zwei Minuten einen zitternden Beutlergesellen , der im Waschhause , hinter den Waschgefäßen versteckt gelegen , und mit ihm ein hübsches in Thränen zerfließendes Dienstmädchen , die er auch unten gefunden . Ist das deine Mama ? lachte der Major Leontine an . Aber das war zu viel für Anna ' s Herz . Sag ihm doch , Leontine , bat sie , daß deine Mama eine fremde Dame ist , und daß ihr im Hinterhause nach der Esplanade zu wohnt , und sag ihm , daß dies nur eure Marie ist , und daß meine Mutter dich geholt hat , weil du Französisch sprichst . Leontine that ihr Bestes . Ah ! Deine Mutter ist eine vornehme Dame ! und der da ? fuhr der Major fort , indem er auf den Beutler zeigte . Ei , das ist ja unser Liebhaber ! erwiderte Leontine ganz ernsthaft . Nun aber war es um des Herrn wie um des Dieners Fassung geschehen . Beide brachen in ein homerisch-unauslöschliches Gelächter aus . Eine Flut von Witzen und Zweideutigkeiten überschüttete den armen Beutlergesellen mit einer Verlegenheit , die ihm helle Schweißperlen ins Gesicht trieb und um so peinlicher war , da weder er noch die übrigen Anwesenden ein Wort von dem Allen verstanden . Nur die beiden Kinder belustigte die Scene und Anna lachte herzhaft mit . Unterdessen hatte der Major gegessen und eine mitgebrachte Flasche Wein geleert ; der gute Humor prädominirte . Rasch sprang er auf , nahm Leontine auf den Arm , gab dem Beutlergesellen einen Tritt in den Rücken und trieb ihn vor sich her zur Thür hinaus . Komm , mein Liebchen , wir wollen deine Mutter besuchen ! In tödtlicher Angst folgte die Hausfrau mit Annen an der Hand . Auch die Annemarie wollte ihren Schatz nicht aus den Augen verlieren . Man hatte , wie schon erwähnt , der Ordnung halber den Gang gesperrt , der oben die beiden Wohnungen verband ; ungern wollte die Bürgermeisterin ihn anzeigen , dennoch konnte sie dem Fremden das Kind um so weniger allein überlassen , als es ihr anvertraut war . Mit bittenden sanften Vorstellungen suchte sie den Offizier , der sie nicht im mindesten beachtete , von seinem Vorhaben abzubringen ; umsonst , und so gelangte die ganze Karavane auf die Hausflur , die zwar in Verbindung mit dem Gange stand , aber auch eine Treppe hatte , die , abgesondert von demselben , in den Hof führte . Hier wohnt Wilhelm , sagte im Vorüberkommen Leontine . Sogleich machte der Major Anstalt , in die verschlossene Stube zu dringen . Der Liebhaber warf sich in Todesangst dem Helden zu Füßen und flehte um Schonung . Imbécille ! brüllte der Franzose , indem er ihm einen zweiten Fußtritt gab . Monsieur August hatte dem Flehenden längst einen großen Stubenschlüssel aus der Tasche gezogen , mit dem er ganz gelassen das Zimmer öffnete . Außer dem Bett und Handwerkszeuge des armen Burschen , war nichts in der Kammer zu sehen , und nun wurde der in seinen Erwartungen getäuschte Major alles Ernstes böse , weil er sich genarrt glaubte ; daß der arme Beutler sein Bischen Geld unter den Wurzeln eines abgeblühten Nelkenstockes verborgen , der im Winkel stand , fiel ihm eben so wenig ein wie Allen , die vor ihm da gewesen . Unter vielen , von allen Seiten unverstandenen Reden rückte indessen der kleine Haufe , der jetzt muthig voraneilenden Leontine nach , durch Hof und Schuppen , eine andere Treppe hinan , und plötzlich standen Alle in dem von Frau von Waldau bewohnten Hinterhause , in einer Küche und vor einer appetitlichen dicken Französin von etwa sechs und dreißig Jahren , die mit Hilfe einer Magd Tassen und Gläser aufwusch . Oho ! sagte Madame Sophie , da bekomme ich ja viele Zuschauer beim Gläserspülen . Ist das deine Mutter ? fragte der Major . Das ist ma bonne Sophie ! jubelte Leontine ihr in die Arme laufend . Mein Herr , Madame nimmt jetzt keinen Besuch an , sagte ganz trocken Madame Sophie . Das wollen wir einmal sehen ! donnerte der Major . Sophie erschrak doch ein wenig ; sie versicherte , sie wolle nachfragen , ob Madame zu sprechen sei - da öffnete sich eine gegenüberstehende Thüre . Frau von Waldau ! rief die Bürgermeisterin . Ach , es ist nicht meine Schuld , gnädige Frau ! Frau von Waldau trat den Eindringenden ruhig entgegen . Es war eine stattliche gelassene Erscheinung , nicht schön , nicht häßlich , mit der sichern und vornehmen Würde der Haltung , die man bei unserer weiblichen Aristokratie oft findet und die meistens sogar der Zügellosigkeit imponirt . Rasch hatte sie sich mit der Bürgermeisterin verständigt , und ehe noch der Major das Zudringliche seines Eintritts irgend bevorworten konnte , war diesem St. Luce aus einer offenen Nebenthüre entgegengekommen , hatte seine Hand ergriffen und ihn in aller Form der Frau Baronin von Waldau vorgestellt . Die Scene auf dem Verbindungsgange , die Gewalt , mit welcher er sein Erscheinen hier erzwungen , Alles wurde durch das besonnene Betragen jener Beiden so gänzlich ausgelöscht , daß der Major selbst kaum sich dessen zu erinnern vermochte . Frau von Waldau versicherte sehr höflich , er sei ihr willkommen ; und da in der jetzt Alles umwogenden Unruhe ein friedliches Asyl mehr denn je als Bedürfniß erscheine , so habe sie gesucht , ein solches in ihren Zimmern sich zu bewahren , wobei ihr die Galanterie und Ritterlichkeit seiner Landsleute zu Hilfe gekommen . Wenn es erst gelungen sein würde , die tobenden Massen noch in etwas mehr zu beschwichtigen , hoffe sie ihn bei längerem Verweilen auch bei sich in ihren kleinen Abendcirkeln zu sehen ; für den Augenblick sei freilich noch Alles zu aufgeregt . Der Major stotterte einige unbehülfliche Phrasen und begann Leontinens Liebenswürdigkeit zu preisen , was ihn glücklich in Zug und zu Erwähnung des Liebhabers brachte , der eigentlich sein Kommen veranlaßt haben sollte . Die gnädige Frau lächelte , erklärte in zwei Worten , wie die Liebschaft des geängsteten Beutlergesellen zu einer ihrer Mägde diesem den Spitznamen verschafft habe ; und ehe noch der Major es selbst wußte , hatten er und St. Luce sich beurlaubt und dieser ihn in sein Quartier zurückbegleitet . Und nun , lieber Major , bitte ich Sie , der Baronin , die unter den ganz besondern Schutz des Prinzen Murat gestellt ist , im Nothfall jeden Beistand angedeihen zu lassen , wenn ich selbst meinem Regiment folgen muß , sagte St. Luce , sich anmuthig verbeugend ; es scheint daß diese Dame in großem Ansehen steht ! Daß er selbst mit unsäglicher Mühe und Aufopferung Frau von Waldau den erwähnten Schutz und eine Sauvegarde verschafft , davon sagte er kein Wort . Der Major biß sich in die Lippen und murmelte blos : Ich werde dir ' s gedenken , mein Bester ! Die nächsten Tage führten eine Art Stille herbei , die , wie ein trübes Wasser , ihre Tücke barg . Die Plünderer schienen zur Disciplin zurückgekehrt , auf den Straßen war Alles ruhig ; nur geordnete Regimenter durchzogen sie und glänzende Offiziere des nun angelangten Generalstabes sah man auf- und niederreiten . In den Häusern aber blieb die rohe Gewalt noch eben so entfesselt , als sie früher es gewesen ; einzelne Mishandlungen fanden immer noch statt , nur war der Unfug minder merkbar . In diesen einzelnen Fällen aber zeigten sich Kenntniß der Sprache und billiges Gewähren gleich unwirksam , da die jetzigen Forderungen nicht durch das Bedürfniß des Augenblicks , sondern nur durch Frechheit und Uebermuth erzeugt sein konnten . Leontine war nicht wieder zu Bürgermeister Müllers hinübergekommen . Frau von Waldau ängsteten die rüden Späße und Liebkosungen des Majors , und Madame Sophie , die sich selbst mit vollem Recht Servante-maitresse im Hause titulirte , hatte schon gestern ihre Meinung gesagt , folglich blieb Leontine zu Hause , und Müllers mußten ohne Dolmetscher sich behelfen . Anna war den ganzen Tag betrübt gewesen , am Morgen war St. Luce auf seinem schönen Schimmel fortgeritten mit seinem Regiment . Nun fiel ihr mit einem Male ein , daß er ein Franzose sei und also nach ihres Vaters Ausspruch zu den bösen Leuten gehöre , die das ganze Land unglücklich machten . Es war ihr unbegreiflich , daß er , so gut und schön , irgend Jemand unglücklich machen sollte ; und sie wäre gern zu Waldaus hinübergegangen , um Leontinen zu fragen , die Mutter hatte ihr aber die Kleinen zu hüten gegeben , weil die Amme Kinderzeug wusch . Der Vater war wieder auf dem Einquartierungsbureau . Anna erzählte den Geschwistern , als sie nebenan den Major sehr lustig lachen und singen hörte . Leise schlich sie hinzu - die Thür war blos angelehnt - noch leiser schob die kleine Hand sie zurück . Aber , Monsieur Major ! was machst du denn mit der Mutter Shawl ? und die Kette ! und die weißen Spitzen - Mutter ! Mutter ! brach das arme Kind in lautes Weinen aus . Die Mutter kam und blieb versteinert an der Schwelle stehen . Der Major ließ sich nichts anfechten . Das wird meiner kleinen Freundin Spaß machen ! sagte er ; und die Herrlichkeiten verschwanden in seinen Mantelsack . Die arme Bürgermeisterin nahm ihr schluchzendes Kind in die Arme und beschwichtigte es mit Küssen ; sie konnte nicht reden - kaum ein Seufzer entglitt den zitternden Lippen ; es war ihr zu Muth , als sei sie nirgend mehr sicher in der Welt . Anna aber riß sich los : Böser Major , rief sie französisch aus , das gehört meiner Mutter ! und streckte die Hand nach den verlornen Schätzen aus . Ah , kleiner Naseweis ! Was geht ' s dich an ? schrie ihr der Major entgegen . Dich soll ja - - Eh noch die zagende Mutter das Kind an sich zu reißen vermochte , hatte es Monsieur August auf den Arm genommen und tänzelte mit ihm zur Thüre hinaus . Nun , nun , mein Herzchen , stille ! ich gebe dir etwas anderes . Da ! sagte er , indem er sie niedersetzte und von einer Schnur , die er um den Hals trug , eine goldne Berlocke löste , die er ihr gab . Bah ! nimm sie nur ! Sie ist mit vollem Rechte mein ! Der sie getragen , liegt auf dem Felde der Ehren ! Nimm , nimm ! und zur Mutter gewendet , fuhr er plötzlich ganz leise fort : Ah ! nix sag , Madame ! Monsieur le Major bös ! bös ! dazu machte er eine erklärende sprudelnd heftige Bewegung und war fort , ehe noch die Räthin vom Schreck sich erholte . Mutter und Kind weinten . Anna hielt die Berlocke an ' s Licht . Mutter , Mutter ! ob er die auch andern Leuten genommen hat ? und die Kleine wollte hinaus , sie ihm wiederzugeben , aber Monsieur August war nirgends zu finden . Als am Abend der Vater heim kam und die Mutter ihm den Unfall klagte , war auch der Major über alle Berge . Anna hatte die Berlocke behalten ; es war ein zierliches Posthörnchen von Gold , eine der damaligen Modespielereien , die man häufig an der Uhr trug ; sie hatte fest beschlossen , sie Monsieur August zurückzugeben , wenn er wiederkäme , und sie deshalb an einem Bändchen um den Hals gehängt . Das Kind konnte sich gar nicht denken , daß man auf immer fortgehen , immer fortbleiben könne ; sie hatte nie an Reisen oder Abschied gedacht . Leontine war viel weniger entwickelt , als ihre kleine Freundin ; die äußern Erlebnisse zogen noch wie Guckkastenbilder an ihrer Seele vorüber . Sie erzählte , daß jetzt alle Abende eine Menge Offiziere zur Mama , Thee zu trinken , kämen , und daß Madame Sophie ihn im Gesellschaftszimmer bereiten müsse . Und die alte Fräulein Wallstädt von oben kommt auch , schloß sie . Aber wo ist denn dein Vater ? fragte Anna . Der sitzt noch im Dachstübchen , er kommt nicht und Mama hat mir streng verboten , von ihm zu reden . Und Duguet ? O , Duguet soll sich gar nicht sehen lassen , versicherte die Kleine . Sophie hat gesagt , die Franzosen würden ihr ihn gleich wegnehmen , wenn sie ihn fänden , weil er auch ein Franzose sei . Kurios , sagte Anna , daran habe ich noch nie gedacht ! So ? fuhr Leontine altklug fort ; sie sagt , er müßte dann Soldat beim Kaiser werden , und dann hätte sie keinen Mann mehr ! Lieber Waldau , ich bin ' s , sagte flüsternd eine weiche Stimme und ein leiser Finger klopfte an die Thür des Dachstübchens . Wie lange , liebes Kind , willst du mich eigentlich hier gefangen halten ? sagte Waldau , der Eintretenden herzlich die Hand bietend . Mich dünken die Gefahren dort unten für dich weit größer , als die mich bedrohenden . Nicht im mindesten , erwiderte sie lachend , es sei denn , daß du für mein Herz fürchtest ; denn allerdings muß ich , inmitten all der Angst und Unruhe , die liebenswürdige Wirthin machen und alle Abend fünf bis sechs Offiziere bei mir sehen , die mir unsre Einquartierung zuschleppt , und sehr schöne Leute obendrein ! O Josephine ! seufzte Waldau , die Hand über die Augen legend , welch eine furchtbare Zeit ! Dich unter den Feinden , den rohen Scherzen den Bravaden dieser Schergen unsers Vaterlandes ausgesetzt - und mich hier , im Dachkämmerchen , versteckt , wie einen Feigling , wie einen Hospitalkranken , Aussätzigen oder Narren ! Und bist du etwa nicht krank , Waldau ? O ja , an meinen sechsundsechzig Jahren und den tausend Erfahrungen , die sie mir aufgewälzt ! - Aber hast du denn nun ordentlich warm zu Mittag gegessen , Kind ? Und ein wenig närrisch bist du auch , lieber Freund , fuhr sie , die Frage überhörend , fort . Deine Koblenzer Thorheit , die jugendliche Excentricität , die dich antrieb , dich als Beschützer der Emigranten auszusprechen , hat wie die meisten Kinderkrankheiten späte und böse Folgen hinterlassen . Josephine ! ich war damals ein Mann ! Als ich nach Paris kam - doch , unterbrach er sich selbst , lassen wir das ! Wenn die gute alte Wallstädt , die ich , als einzige Dame meines Bereichs , nicht missen kann , mich nur nicht den ganzen Tag von dem unterhalten möchte , was die Soldaten bei ihr geplündert haben ! - Die Langeweile ist auch keine kleine Qual , sagte , ablenkend , Josephine . Ist ihr denn so viel weggekommen ? fragte Waldau . Keine Stecknadel ! In unserm Hause ist gar nicht geplündert worden , und nur theilweise drüben bei Bürgermeisters , wo unter andern der saubre Major , den mir St. Luce noch zu guterletzt präsentirte , eine Kommode ausgeräumt hat . Glaube mir , Sophiens Kochen und Backen während der Schlacht , die Vorräthe , die wir aufgekauft hatten , und der überraschende Empfang , der den Plünderern ward , haben Wunder gethan . Nach einem Tage voll Blut und Kampf einen für sie gedeckten Tisch finden , das ist eine Verlockung , der es wahrhaftig schwer ist , bösen Willen entgegenzusetzen . Diese Frau ist unser guter Engel . Aber du ? du hattest bis gestern nur Kartoffeln ? Bewahre , lieber Freund , ich hatte auch eine Tafel Chokolade zum Nachtisch . - Und heute ? - fuhr er fort , in zärtlicher Bewunderung ihres heitern Muthes ihre Hände an sein Herz drückend - und heute ? Nun , heute mußt du Sophien fragen ; du weißt , daß ich mich nicht um die Details der Wirthschaft bekümmern darf ! Ich habe aber gestern von Duguet gehört , daß sogar für unsre Herzogin - Uebertreibung ! Die Menge , denen die edle Frau den Schutz ihrer fürstlichen Nähe gewährte , hatte vielleicht die Vorräthe aufgezehrt ; die Franzosen hatten die Bäckerläden geplündert und zerstört , die vorräthigen Mehlsäcke auf den Gassen ausgeleert - wo sollten die Leute sogleich das Brot hernehmen , oder den Muth , es zu backen ? Bei uns hat man am ersten Tage für sie nach einer Flasche alten Wein gefragt ; schade daß ihn die Kerls schon allen ausgesoffen ! Josephine ! den ganzen Keller ? Oui , mon ami ! Bis auf ein Fäßchen Malvasier und weißen Burgunder , den Sophie irgendwo , in ihrer Tasche glaube ich , versteckt hat . Fünf hundert Flaschen ! Haben uns gerettet , Waldau ! Das sind Nebendinge . Als ich dich glücklich überredet hatte , in dies Dachstübchen zu ziehen , da war alles gut ! Nur einen Augenblick , als die Kanonenkugeln wie Scheeren die Bäume unter unsern Fenstern beschnitten und die Zweige gegen die Scheiben anschlugen , war mir bange ! Armes Kind ! sagte Waldau bewegt , hätte ich dich nicht in mein Leben gerissen ! So würde ich auf andre Weise gelitten haben ! Lieber Freund , wer darf in unsrer Zeit auf ruhige Tage hoffen ? Daß du durch frühere Begünstigung der Emigrationen , durch deine Freundschaft mit Turgot und Chateaubriand die Augen auf dich gezogen , ist halb vergessen ; das Schlimmste , glaube mir , sind deine Artikel im Tartarus . Indessen geht Mancher , dem das Herz ängstlich schlug , jetzt sorgenlos umher und spielt den Vermittler zwischen den Feinden und den der Sprache nicht mächtigen Stadtbehörden . Warum sollten wir mehr zu fürchten haben als sie ? Weil ich nicht so handeln werde . Thut nichts , dafür hast du eine gar gescheite Frau ! Habe nur noch ein klein wenig Geduld , ich habe dir bei allen Bekannten ein wunderschönes Podagra angelogen ! Und die Offiziere ? Halten mich für eine reiche Witwe . Sophie benimmt sich vortrefflich , sie ist abwechselnd die Hausfrau , wenn Gemeine kommen und Duguet gerufen wird , oder meine Gesellschafterin , meine Haushälterin , ich glaube sogar meine Duegna . Sie singt mit ihren Landsleuten Nationallieder in lüttich ' schem Dialekt , die Gott verstehen mag . Es klopfte wieder leise und Madame Sophie erschien mit der Hälfte eines gekochten Huhns , hinter ihr die beiden Kinder . Eh ! Sophie , wo hast du das her ? riefen wie aus einem Munde beide Gatten . Dame ! erwiderte Sophie , mit großer Gewandtheit den Tisch mit Silber deckend , man ist nicht umsonst eine Lütticherin . Man hat seinen Landsmann . Siehst du ! sagte lachend Frau von Waldau , so macht sie es den ganzen Tag . Die gute Seele ist eine wahre Perle in dieser Zeit . Ich glaube , sie fühlt sich im gewohnten Element , sie die Revolution erzeugte . Die Kinder unterbrechen das Gespräch . Mitten in Kriegesnoth und allgemeiner Sorge breiteten Bildung und Anmuth eine Art Friedensasyl um die Leidenden . Aber auch das angenehme angewöhnte Gefühl der Wohlhabenheit hatte Theil an der Gestalt des Augenblicks . Daheim traf die von Waldaus rückkehrende Anna die Mutter oft in Thränen . Seit dem Eindringen der feindlichen Truppen wollte das Wirthschaftgeld nirgend mehr zureichen . Manches war , in den ersten Tagen der Drangsale vernachlässigt , weggekommen , durch die Plünderer fortgeschleppt ; nun zeigten sich von allen Seiten Bedürfnisse , es mußte Vieles neu angeschafft werden ; alle Ausgaben hatten sich vergrößert und das Einkommen sich nirgend gemehrt . Der Bürgermeister war ein ängstlicher Mann , rechtlich in hohem Grade , dagegen um den Pfennig handelnd und sorgend . Die Mutter war dadurch gewohnt , das Geld zu manchem kleinen Putz- oder Kleidungsstück von ihrem Wirthschaftsümmchen abzusparen , jetzt mußte es einzeln dem Vater für alles Fehlende abgefordert werden ; es ward ihr ungern , oft mit Vorwürfen gegeben . Anna war erst acht Jahre alt , aber sie fühlte mit der Mutter ; - und wenn sie eben drüben gewesen war bei Waldaus , fühlte sie es noch tiefer . Wenn ich groß bin , will ich reich