Arnim , Bettina von Clemens Brentanos Frühlingskranz www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Bettina von Arnim Clemens Brentanos Frühlingskranz Aus Jugendbriefen ihm geflochten , wie er selbst schriftlich verlangte Und liebes Kind , bewahre meine Briefe , lasse sie nicht verlorengehen , sie sind das Frömmste , Liebevollste , was ich in meinem Leben geschrieben , ich will sie einstens wieder lesen , und in ihnen in ein verschloßnes Paradies zurückkehren . Die Deinigen sind mir heilig ! Heidelberg 1805 Verliere keinen meiner Briefe , halte sie heilig , sie sollen mich einst an mein besseres Selbst erinnern , wenn mich Gespenster verfolgen , und wenn ich tot bin , so flechte sie mir in einen Kranz . Holland 1808 Sr. Königlichen Hoheit dem Prinzen Waldemar von Preußen Lieber Prinz Waldemar So weit ist ' s gekommen zwischen uns beiden , daß ich diese letzte Anrede wage und lieber und naturgemäßer sie finde als die auf der ersten Seite . Ich stehe auf einmal da vor Ihnen , und alle Leute auf dem Markt vernehmen , was ich Ihnen zu sagen habe . Vor so viel Leuten ist man aber nicht aufrichtig , man ist da nur schicklich ; folglich ist ' s wohl nicht schicklich , aufrichtig zu sein . Da man aber einem Prinzen gegenüber durchaus schicklich sein muß , Aufrichtigkeit aber Unschicklichkeit ist , so machen sich Euer Hoheit gefaßt , entweder was Unschickliches zu hören oder was Unaufrichtiges . Wenn ich nun meine Zueignung so begönne : Es ist das aufrichtigste Gefühl der Verehrung und Liebe , was mich bewogen hat , Euer Hoheit dies Buch zu widmen . So würden Sie denken : die Freifrau von Arnim redet dies um der Schicklichkeit willen , denn aus welchen Gründen könnte sie mich so stark verehren ? - Daraus müßte ich auf die Bescheidenheit schließen und auf die Einfachheit Ihrer edlen Natur , die größere Forderungen an sich macht . Fahre ich nun fort und sage : In diesem Buch werden Euer Hoheit viel Analoges mit sich finden ! so könnten die Schicklichkeitsmenschen behaupten , dies sei sehr unschicklich einem Prinzen zu sagen , er habe Ähnlichkeit mit einer Volksseele . Ich darf Ihnen daher gar nichts sagen , denn meine Aufrichtigkeit würde entweder von Ihrer Bescheidenheit verneint oder von dem Schicklichkeitsgefühl der Aristokraten mir verwiesen . Dem Publikum , in welchem ich mich heimisch fühle , das mich angeregt durch seinen Beifall und durch sein Einverständnis mich inspiriert , zu dem kann ich doch wohl reden ohne Einwendung , da Aufrichtigkeit bei diesem auch Schicklichkeit ist . Nun also : ihr Leute auf dem Markt ! - Ich hab dies frühlingsduftende Buch nur dem darbieten können , gegen den ich keinen Zweifel hege , der Feldblumenkranz könne ihm zu gering sein . Ich sage euch aber , ihr Leute auf dem Markt , ihr , deren Gewissen Zeugnis gibt von jenen gefürsteten Fürsten , denen der Lorbeer und die Eiche und die Raute Ehrenkränze tragen , daß gleich in der Brust jener großen Männer auch ihm , der die Huldigung im Feldblumenkranz willkommen heißt , das vaterländisch Edle , der Eifer für Wahrheit , der Glaube an göttliche Dinge , die Würdigung der Volkseigentümlichkeit innewohnen , die sein eigenes Streben mit den Kräften des Gemeingeistes zu allen erhabnen Opfern zusammenschmelzen . Bettine Liebe Bettine ! Noch einmal leb wohl . Ich habe wie immer auf meinem Rückweg noch recht mit Liebe an Dich gedacht und bitte Dich innig , indem Du stets Dich selbst veredelst , diese Liebe zu veredlen und zu erhöhen , von der der größte Teil meines Glückes abhängt , ich habe jetzt außer Dir für keinen Menschen ein ganz lebendiges Interesse , das mir selbst Mut geben kann , mich in die Höhe zu arbeiten . Du gibst mir Kraft und Mut und Aussicht , wenn Du in allem Guten gedeihest , denn Du gedeihest meinem wärmeren Anteil an Dir . Suche Dich über das , was man Dir als Pflicht zumutet , zu erheben , mache , daß alles um Dich zufrieden ist . Was Du mehr in Dir fühlst als das gewöhnliche Bravsein , dafür hat die arme Welt ja doch keine Ordnung , das mußt Du still in Dir bilden und Gott selbst dafür Rechnung stehen und mit der ganzen Harmonie der Gefühle dafür dankbar sein . Es ist dem vorzüglichen Menschen gewiß sehr leicht , alle gewöhnlichen Forderungen zufriedenzustellen , bequeme Dich ein wenig nach der Alltäglichkeit , und sie wird mit ihren Klagen Dir nicht mehr zur Last fallen . Sei fleißig in der Musik und Zeichnung , es sind die unschuldigsten Organe der Güte und Schönheit . Sei Deinen Geschwistern duldsam und verschließe , was Du mir bist , still in Deinem Herzen , denn die meisten Menschen verstehen das nicht und ehren es daher nicht . Du kannst so nur Dir und auch mir großen Schmerz ersparen , weil es weh tut , wenn das Bessre in uns mißhandelt wird durch den Unverstand . Lebe wohl ! Sei recht fleißig am Ofenschirm , damit er bald fertig wird , ich freue mich drauf , daß die Flamme durch sein Gewebe schimmert , und ich klimpere dann auf der Gitarre dazu Lieder und Melodien , die Dein sind . Dein Clemens Lieber Clemens ! Dein freundlich Abschiedsblättchen hat mir die Großmama nicht gegeben , ich hätte es vielleicht nie erhalten , wär ich nicht durch Zufall an den Ort gekommen , wo es lag und schon eröffnet war . Sieh , ich hab Dich so lieb - Du bist so gut - ich möchte Dir alles sagen , um daß Du mir lehrtest , was mich gut und Dir lieb machen kann . Der Anfang Deines Briefchens sagt mir zum letztenmal noch einmal Lebewohl ! - Werde ich Dich denn lange , lange nicht wiedersehen ? und stehe weit zurück von allem , was ich liebe ? - Und andre gehen dazwischen hin und her , die gleichgültig sind für Dich und mich ! - Die Frankfurter Allee hat allen Glanz verloren , sie ist ganz öde in der Nebelluft , denn weil Du jetzt nicht mit dem Abend dort mir entgegenkommst ! - So war doch der Morgen immer auch noch schön , wenn Du am Abend dagewesen warst . Weil Du willst , ich soll früh aufstehen wegen dem Gold der Morgenstunde , so wollt ich es ihr aus dem Mund nehmen und lief früh mit der Dämmerung schon durch die Allee , wo all Deine Tritte in den Kies geprägt und schön bereift waren , wär ich später gegangen , so hätten die Marktleute drauf herumgetrampelt . Ach , die langen Winterwege , die Du gemacht hast , mir zulieb alle ! - Aus dem lustigen Haus , wo die Geschwister und Hausfreunde zusammen Witze machten , heraus über die Schneefelder , auf der kalten , einsamen Hoftreppe , wo wir die Winde zusammen flüstern hörten . Und im Schneegestöber bist Du wieder allein in der Nacht den langen Weg nach Haus gewandert ! - Ja , Du willst , daß ich Dich immer so liebe , wie Du mich liebst . Und wärst Du doch ganz nah bei mir und könnt Dich ans Herz drücken dafür , daß ich in Dir finde , was ich vergebens in andern suchte , ein Gespräch , wo die Seele in der Pforte steht , in ruhender Stellung zwar , aber so hingebeugt zum Nachbar , so sanft lockend , daß der auch sich ausspreche . - Ich war in Sorgen um Deinen langen , einsamen Weg in der Nacht , die Sterne haben wohl noch mit Dir fortgeplaudert ! - Adieu , mein Clemens , leide immer , daß ich ein wenig an Dich schreibe , und wenn meine Briefe auch unbedeutend sind , es macht mich doch so froh ! - Kann ich Dir auch abgebrochene Gedanken schreiben , wie wenn ich mit Dir schwätzte , wo Du mir immer Antwort gabst , eh ich ' s ausgesagt hatte ? - Ach , wie willst Du mir Deine Briefe schicken , die Großmama gibt sie mir vielleicht gar nicht ! Deine Bettine Liebe Bettine ! Daß die Großmutter Dir den kleinen Brief nicht gab , ist mir sehr leid , es wäre schön von ihr gewesen , hätte sie Dich gebeten , daß Du ihr ihn lesen lassest , das hättest Du denn auch mit Freuden getan , übrigens verzeih es ihr in Deinem Herzen , denn sie hat es gewiß gut gemeint . Diesen Brief schicke ich Dir nun frei mit der Post , es tut mir zwar leid , daß ich Deinen lieben Namen muß so offen auf die Post geben , allein es ist besser als ein andrer Weg , er würde ein Winkelweg sein , da doch sich an Dir zu freuen und Dich zu hüten und verstehen zu lernen dem Bruder ganz naturgemäß ist ! - Schreibe mir auch nicht zu heftig , es ist nicht gut , wenn man sich dran gewöhnt , und man tut ' s so leicht , weil es einem wohltut , aber ein solcher Brief ist zu sehr Stimmung , und ein Wort gibt zu sehr das andre , da eigentlich die Seele allein jedes Wort geben soll . Schreibe mir von Euern Scherzen und kindischen Einfällen und kleinen Naseweisheiten . Liebe Deine Geschwister und besonders die um Dich sind , mach Dich ihnen unentbehrlich , mache Dich allen geliebt und geehrt , dann ist Dein Inneres ungestört und Deine äußeren Verhältnisse recht angenehm in der Welt . Spiele brav Klavier , singe , zeichne und lerne , wo Du kannst , nur damit kannst Du Dir Deinen Lebenskreis erweitern . Ich sehe Dich bald wieder , zu Ostern komme ich gewiß , ich bin gar sehr vergnügt hier , und nächstens schreibe ich Dir alles , wie ich hier lebe . Freude , das ist das Höchste , es ist Gesundheit an Leib und Seele , die man gibt und empfängt . Dein Clemens Ob Du mir abgebrochene Gedanken schreiben kannst , wie wenn wir zusammen sprechen ? - Liebes Kind , so gut ich von hier aus Dir nicht ins Wort fallen kann , noch ehe Du ' s gefunden hast , würde ich Dich wohl auch nicht so gut verstehen von so weit . Und dann ist ' s ja auch ein Kunstinteresse , sich voll und bündig ausdrücken zu lernen . Der Schreiber muß zugleich an sich selber schreiben , denn er selbst muß durch den Brief mit sich bekannt werden , Du sagtest mir ja , daß Dir die Welt so unendlich weit vorkomme und Du Dir selber wie verloren darin seist . Und dann sei Dir Dein Lebenskreis wieder so enge , daß Du nur ganz kleine Schritte vorwärts tun könnest . Dies alles kommt daher , daß Du mit Deinem inneren Menschen noch nicht bekannt bist , Du begreifst Dich noch nicht , aber in den Briefen schaust Du in den Spiegel Deiner Seele , darum tut die tiefste Wahrheit Dir selber gegenüber so not , um auf keinen Irrtum zu geraten über Dich selbst . Denn die edle Seele hat eine höchste Bestimmung ! Dieser nachzukommen ist ihre ganze Aufgabe , die Welt ist so voller Ereignisse , ist ein Gewebe , in dem jedes Menschen harmonische Bildung ein notwendiger und haltbarer Faden sein muß . Nicht jeder Faden braucht als sichtbare Figur eingewebt zu sein , aber zur Tüchtigkeit und Festigkeit des Gespinstes trägt jeder bei , der die Wahrheit in sich begründet , ja es ist nicht anders möglich so , als daß er eine Hauptvermittelung aller wesentlichen Entwickelung werde . Doch was ich Dir hier sage , was Deinem Alter und Deinem Gedächtnis nicht angemessen ist , vergiß es wieder , Liebe , und lasse Dir ins Herz geschrieben sein , daß selbst Jugendspiele und Scherze - kurz alles , was Dir hier dem Gesagten gegenüber vielleicht unbedeutend erscheint , nie unbedeutend sein kann , solange es die in überquellender Lebenslust unverwirrten unverwickelten Gedanken hervorsprudeln . An Clemens Clemente ! Zu Ostern willst Du kommen ? Heute haben wir den 22. März ! - Nein , es sind beinah noch vier Wochen . Aber es wird dann schon sehr schön im Garten sein . Ich habe unsre Rasenbank erhöht , das muß früh geschehen , das kurze Gras muß recht dicht wachsen . Unsre Katze hat Junge , sie sind so allerliebst , Clemens , der Frühling ist nicht mehr zu leugnen , die Reben weinen . Es ist ja auch in wenig Zeit schon Mai , aber doch in vier Wochen erst , denn dann ist gewiß das schönste Wetter . Ich soll von meinem Tagewerk Dir schreiben und was wir Geschwister zusammen treiben . Heut war ich den ganzen Tag im Garten , ich hab ja am Tag , wo Du fort bist , am Abend noch ein Beet umgegraben und hab Salat hineingesäet , er ist schon heraus , ich mußte eine Strohdecke drauflegen gegen unzeitigen Frost . Ich will mir doch nichts mehr von den Menschen weismachen lassen ! Und statt am Abend mir Vorwürfe zu machen , daß ich alles besser wissen will , bin ich am frühsten Morgen schon auf , wo die ganze Welt noch schläft , und beobachte sie , erst kommen die Tauben , sie baden sich und trinken am Brunnen zwischen den Steinen das Wasser , ich hab sie gelockt auf der Haustreppe mit gestohlenem Futter ! Morgenstund hat Gold im Mund , darum soll ich früh aufstehen , meinst Du . - Es war noch ganz nebelig und verschlafen , doch bald fiel das Gold der Morgenstunde schräg in die Straße , in den Hausgiebeln gingen die Fenster auf , da wohnen die jungen Mädchen , die wollen auch Morgenluft schlucken , ich ging um die Ecke am Kanal längs den Gärten , da sind so viel Veilchen , man steckt sie in den Busen , sie duften Dir ein Weilchen , es ist ihre Sprache . Als ich vom frühen Spaziergang heimging , sah ich den Bäckerjungen laufen , er schellte am Haus , wo die Emigranten wohnen , der Duc de Choiseul guckte aus dem Fenster und kaufte Milchbrot , ich wollte ihn nicht beschämen und kehrte wieder um ; als ich zum zweitenmal zurückkam , trat die Milchfrau ans Fenster , die ihm die Milch abmaß . Da kamen noch viele Milchtöpfchen zu allen Fenstern heraus ; einer , der sich von Spitzbuben umringt sieht , kann sich nicht ängstlicher durchschleichen als ich zwischen dem Milchhandel dieser vornehmen Emigranten , ehemals waren sie von einer großen Valetaille umringt , die sich wieder bedienen ließ von allerlei Gesindel , und nun sind sie eingerichtet in eigner Person wie kompendiöse englische Reisenecessaire , wo man alles beisammen hat , selbst das Überflüssige . Ist ' s möglich , daß man ein Heer von Müßiggängern beschäftige mit Angelegenheiten , die nur der Müßiggang notwendig macht ? Sie malen , sie schleifen in Glas , sie sticken Blumen auf Bandschleifen , sie drechseln , sie überschwemmen das Land mit närrischen Künsten , und die Großmama wundert sich , daß unter allen keine Gelehrten sich finden . Deine Bettine Liebe Bettine ! Ich komme in ein paar Wochen wenigstens auf einige Tage nach Frankfurt , und Du bist eigentlich die Ursache , freue Dich darauf und habe mir recht viel zu sagen . - Was Du einmal in Offenbach schriebst , lese ich noch oft mit vielem Genuß , es ist mir wie ein ewiger Brief von Dir . Ich bitte Dich , bring alle jene Gedanken , die Dir selbst auffallen , zu Papier , es ist eine schöne Gewohnheit , und wenn man einstens in ganz andern Verhältnissen ist , so sind solche Blätter liebliche Andenken verfloßner Frühlinge . Ich kannte ein recht liebes Mädchen , die arm und von geringen Eltern war , sie konnte nicht schreiben und bezeichnete alles , was ihr am meisten auffiel , mit Blumenblättern , die sie zu solchen Zeiten gebrochen hatte , diese Blätter hätte sie nachher um vieles nicht gegeben , als sie schreiben konnte und für eine gescheite Frau galt , ja , diese Blumenblätter sind mir lieber als das , was sie nachher schrieb ; denn an denen kann sie ihre Fortschritte sehen , an dem Folgenden nur , wie sie stehenblieb . Dies letztere wird nun nie bei Dir der Fall sein , Du wirst nie stehenbleiben , Du wirst ewig fortfahren , Deine Seele zu bilden . Diese Bildung besteht nicht sowohl in Kenntnissen , die man uns lehrt , als in der eigentlichen Erkenntnis . Eine gebildete Seele ist die , die alle Kenntnisse , die sie hat , wie der bloße Mensch seine Sinne anwendet , alles um sich herum zu vernehmen und zu beurteilen . Der bloße gesunde Mensch hört , sieht , fühlt , spricht ; dem Gebildeten aber wird das Gehör zur Musik , das Gesicht zur Malerei , das Gefühl zur Gestalt und die Sprache zur schönen gebildeten Sprache , alle seine Bildung und seine Liebe zu verkündigen . Drum sei hübsch fleißig und fröhlich , treibe alles recht so von selbst , ohne irgend gleich darauf zu denken , wie das und jenes , was das eigentliche Ende davon ist , dabei herauskomme ; das Ende einer jeden Kenntnis sind wir selbst , die Menschen und unser erhöhtes Talent , sie zu lieben , zu begreifen und uns ihnen verständlich zu machen . Lebe wohl . Dein Clemens Lieber Clemens ! Clemens , Du hast mich mit Deinem Brief übereilt ; ich wollte Dir ja noch mehr schreiben , letzt am Donnerstag gab ich den Brief so schnell auf die Post , weil ich ' s nicht erwarten kann , daß Du meinen Brief hast , er ist ja bloß eine Liebkosung meiner Seele , von der Du willst , daß sie durch ihre harmonische Bildung in das Gewebe der Weltereignisse sich mit als ein notwendiger Faden einwirke , und Du meinst , es ist zu schwer für mich , das zu verstehen ? - Lieber Clemens , dies alles spricht ja laut genug und täglich und stündlich zu mir ! - Aber ! - Freilich , ein großes Aber fährt aus blauer Luft ein Blitz auf mich ein ! Und ich schäme mich , meine Gedanken vor Dir auszusprechen . Wie soll ich denn anfangen ? - Ja , ich müßte Dir von meiner Verwundrung sprechen über alles , was ich sehe und höre in der Welt ! Über die Lehren , die jene Leute mir geben , die mich zu einem angenehmen und liebenswürdigen Mädchen erziehen wollen . Das kommt mir aber gar nicht angenehm , sondern sehr horribel vor , was andre Leute wohlerzogen oder gebildet nennen . Ach , und Du meinst , ich könnte diesen Anstandsforderungen genug tun ? - Ach , Clemens , weißt Du , daß mich dies alles ganz dumm macht ? - Ich verstehe entweder Deine Briefe nicht , oder alles , was Du willst , läuft stracks dem zuwider , was jene heischen ! - Und ist das nicht eine sklavische Art des Seins , vor andern Menschen sich zu benehmen , und wird die Seele sich nicht an das Knechtische gewöhnen , die den Konvenienzen auf Kosten ihrer reineren Gefühle nachgibt ! - Ich bin so ärgerlich , es hat mich was gekränkt . Das junge Mädchen , was uns sticken lehrt , ist eine Jüdin , sie heißt Veilchen , es ist ein recht liebkosender Name , und ich fand letzt das erste Sträußchen ihrer Namensvettern zusammen , da ging ich ganz früh zu ihr , um sie damit zu überraschen , ich fand sie auf der Treppe mit dem Besen in der Hand , sie war beschämt , ich aber gleich nahm ihr den aus der Hand und sagte : » Ach , lassen Sie mich auch ein bißchen kehren . « Da kam so früh schon , denn es war noch nicht sieben Uhr , der Hofmeister vom Eduard Bethmann vorbei , der mußte es der Tante gesagt haben , daß er mich vor der Haustür eines Juden auf offner Straße kehrend fand - ich muß jetzt lachen ; denn es ist auch recht lächerlich - ich will Dir die derbsten Ausdrücke von der Tante ihrer Merkuriale ersparen , sie meinte nur , ich sei verloren , für ein besseres Dasein verloren , ich habe mich gänzlich weggeworfen ! Vous n ' avez point de pudeur , point de respect humain , on vous trouve balayer la rue main en main avec une juive ! Ich mußte lachen ! Nein , ich konnte nicht anders . Du weißt , ich fürchte die Tante und mag sie nicht gerne beleidigen oder reizen ! Cachez vous devant le monde , qu ' on ne lise point sur votre front les deshonorants signes de votre effronterie . Ach , ich mußte noch einmal lachen , die Tante ging hinaus ! Ich hätte sie gern wieder gutgemacht , keine Möglichkeit , ich fühlte , daß ich mich nicht ernsthaft stimmen konnte . Die Bahn war plötzlich gebrochen , ich glaube , ich werde nie wieder dazu kommen , ihre Anstandsregeln zu respektieren . - Ach , und wenn Du wüßtest , wie hübsch es bei dem lieben Veilchen war ! - Da war alles schon so sauber im Stübchen , ein kleiner Kaminherd , auf dem brannte ein Feuerchen , dabei kochte das Frühstück für den Großvater , der saß dabei und strich seinen langen weißen Bart durch die Finger , Veilchen stickt ein Goldmuster sehr schön in einen rosinfarbenen Sammet , so nennt sie ein sanftes Braunrot in ihrer Judensprache . Die Arbeit ist bestellt , und sie bekommt dann viel Geld , wenn es fertig sein wird . Sie ernährt ihren Großvater und zwei seiner Urenkel , die Waisen von dem gestorbnen Bruder , denen ist die Veilchen ganz wie eine Mutter , ich half ihr sticken , es ward recht gut , denn ich hab Augenmaß und mache die Stiche sehr egal . Alles , was mit dem Geld angefangen werden soll ! - 20 Louisdor ! - Da ist so viel zu bestreiten in der Haushaltung , vom Hemd bis auf die Schuhe und Schüsselchen und Töpfchen , und der Herd , der eingefallen ist , und die Ofenplatte geplatzt ; das muß geflickt werden und das Wohnzimmerchen frisch geweißt , wo die Leute eintreten , um die Arbeit zu bestellen . Veilchen ist von der Gattung Mädchen , die einen Nelkentopf vor ihrem Fenster pflegen und Absenker machen und endlich einen ganzen Flor daraus ziehen , die auch wohl ein Myrtenbäumchen zur Blüte bringen , aber kein Kränzchen daraus winden . Es wär auch schade , meinte sie heut morgen und lächelte . - Wir waren so vergnügt zusammen beim Sticken , ich fädelte die Flittern und Goldbouillon auf einen langen Faden , da ging die Arbeit viel geschwinder ; wenn sie solche Hilfe hätte , meinte sie , dann würden die Sorgen ihr nicht so leicht über den Kopf wachsen ; ich bat sie , daß sie mich alle Frühmorgen mit soll sticken lassen , dann wird ' s gewiß acht Tage früher fertig . Früh um vier Uhr geht schon die Sonne auf , da kann ich sticken bis acht Uhr , dann muß ich zur Großmama zum Frühstück - jetzt wird ' s aber die Tante nicht erlauben , denn weil ich die Gass ' gekehrt hab - und sollt ich ' s heimlich tun , das wirst Du mir nicht erlauben , und sollt ich ' s gar unterlassen ? das will ich nicht . Mein Wort brechen , einem Mädchen , was seinen Großvater ernährt und seine Geschwisterkinder ? - Sie weiß nichts davon , zum Tanze zu gehen oder schön geputzt in Kleidern auf den Freier zu warten . Und ich wollte da ein kleines unschuldiges Fädchen anspinnen ins Gewebe der Welt , ein einzig klein Fädchen , und - nein , ich soll ' s abreißen , weil sich ' s nicht schickt . Ach ! wo soll ich in der ereignisvollen Welt meinen Faden anknüpfen , wenn das Einfachste gegen den Anstand ist ! - Wer hat diese Lügen gemacht ? - Denn das sind wirkliche Lügen , nach denen ich mich niemals richten werde ! Ach , wenn Du hier wärst , Clemens , Du würdest vielleicht es der Tante so vernünftig darstellen , daß sie nichts dagegen haben könnte . Ich hab noch viel zu erzählen , aber nicht heut , jetzt lauf ich in den Garten mit dem Spitz , es ist schon Nacht , ich fürcht mich nicht , wenn der Hund bei mir ist . - Am 25. März . Jeden Nachmittag kommt der Herzog , der blinde Herzog von Aremberg , mit einem großen Pack Revolutionsblätter , Sieyès , Mercier , Pétion , noch andre , die mit großem Ernst am Weltgeschick weben . Das klingt ein in meine verneinende Seele gegen alles , was ich in der Welt gewahr werde , sie beweisen und heben den Schleier von aller Verkehrtheit . Abends , wenn alles fort ist , spricht die Großmama mit mir , Mirabeau sei ein Komet , der alles entzündet , was sich ihm nähert . Das Große in ihm verstehen lernen , adle die Seele , sie macht Auszüge aus seinen Briefen , sie gibt mir eine Nadel , damit soll ich ins Heft stechen , welchen Satz ich treffe , den soll ich als Gedenkspruch bewahren , sie hatte diese Sätze selbst alle gesammelt und war überzeugt , ich werde mit der Nadel nicht unrecht stechen , aber ich stach in : » Die Macht der Gewohnheit ist eine Kette , die selbst das größte Genie nur mit vieler Mühe bricht , « und die Großmama stutzt , ob ich den Satz nicht gar selbst erfunden hab . Nein , liebe Großmama , hier steht er , ich bin nicht Mirabeau , aber sein Geist ist mir ins Blut gegangen , er wird mich ewig mahnen , nicht von der Gewohnheit abzuhängen . Die liebe Großmama ! Adieu , mein Clemens , und schreib , daß du kommst . Deine Bettine Liebe Bettine ! Ich kann für Deinen lieben Brief Dir nicht besser danken , als wenn ich Dir sage , daß ich die Woche nach Ostern bei Dir in Offenbach bin , Du kannst Dich insgeheim für Dich drauf freuen , denn Du weißt nur mit mir allein , daß ich komme . Ich habe heute einen Brief von der Großmama erhalten , sie hält viel von Dir und möchte alles auf Dich übertragen , was ihr wünschenswert scheint , sie hat mir wieder ihren Wunsch geäußert , Du möchtest Latein lernen . Du kannst es ja ihr zur Liebe eine Zeitlang lernen . Obschon die Sprache nichts enthält für Menschen und Vieh , sie ist hölzern und eingebildet , mit einer Wohlbeleibtheit , die in ihrer langen Toga sich auf den Bauch schlägt , um auf ihre Würde anzuspielen , und der Klang , der dabei herauskommt , ist ihre ganze Wohlredenheit ; die Großmutter läßt von dem Gedanken nicht los , Deine Sprachfähigkeit durch Latein auszubilden , ich hab ihr vorgeschlagen , sie soll Dich lieber die Derwisch- , Fakiren- , Bonzen- und Brahminensprache lassen lernen , wo so viel grillenhafte Superfeinheit drin ist , die an die mehrere hundertundzweiundneunzigsilbige Wörter grenzt und eine Rangordnung eingeführt hat der Konsonanten als Aristokraten , die den bürgerlichen Vokalen gar den Eintritt nicht gestatten nd lssn ns s ws hnn gfllt xpngrn ns brll , s dß mnchml n Wrrwrr ntstht , dß kn Tfl drs klg wrdn knn . Gib Dir Mühe , der Großmama das Leben so viel als möglich zu versüßen , und lieber als ein bißchen Latein gelernt , ihre Begeisterung dafür kann unmöglich lang dauern , doch ist ' s schön , daß ihre Seele immer nur im Gewand des Erhabnen sich wohl fühlt , und wir können beide uns drüber freuen . Denn in welcher Luft könntest Du besser atmen als da , wo der Gemeinheit Dorn und die Nessel böser verleumderischer Zungen nicht wachsen kann . Die Großmutter schreibt mir auch von Mirabeau , gegenüber stellt sie den Grandison als Ideal eines sittlich moralischen Charakters , das grenzt ans Komische . Sie läßt sich von Dir die Abhandlung Mirabeaus über Staatsgefängnisse übersetzen und schreibt , daß es Dich sehr interessiere . Das hab ich nicht von Dir geahnt . Aber Kind , ist es nicht etwas Einbildung oder Eitelkeit von Dir ? - So oft haben wir in vertrauten Gesprächen alles vom Herzen weggeplaudert , was uns lieb und leid war ; - und meine Seligkeit war abends auf dem Heimweg , daß ich mich besann über Dich ! - - Wie auf dem Grund eines Sees die Fische mutwillig durcheinanderspielen , so konnt ich Deine Gedanken spielen sehen auf dem klaren Grund Deiner Seele ! Und war mein einzig Glück , und nun klingt ' s anders . Und ich lausche in die Nacht hinein , und ich höre Mirabeau , Pétion , Mercier ; das lautet ja wie die dumpfe Sturmglocke , nein , das ist ja nicht das sanfte Läuten meiner Abendglocke , wo Du die Gedanken ausfliegen ließest wie Bienen nach den Feldblumen ? - Bedenke , liebstes Kind , daß Denken die Heimat der