Meinhold , Wilhelm Die Bernsteinhexe www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Wilhelm Meinhold Die Bernsteinhexe Der interessanteste aller bisher bekannten Hexenprozesse , nach einer defecten Handschrift ihres Vaters , des Pfarrers Abraham Schweidler in Coserow auf Usedom Vorrede . Indem ich dem Publicum hiemit diesen tiefrührenden und fast romanartigen Hexenproceß übergebe , den ich wohl nicht mit Unrecht auf dem vorstehenden Titelblatte den interessantesten Aller , bis jetzt bekannten , genannt habe , ertheile ich zuvörderst über die Geschichte des Manuscriptes die folgende Auskunft : In Coserow auf der Insel Usedom auf meiner vorigen Pfarre , und derselben , welcher unser ehrwürdiger Verfasser vor länger als 200 Jahren vorstand , befand sich unter einem Chorgestühl der dortigen Kirche und fast zu ebener Erde eine Art Nische , in welcher ich zwar schon öfter einige Scripturen liegen gesehen , die ich jedoch wegen meiner Kurzsichtigkeit und der Dunkelheit des Ortes für verlesene Gesangbücher hielt , wie denn in der That auch deren eine Menge hier umherlag . Eines Tages jedoch , als ich mit Unterricht in der Kirche beschäftigt ein Papierzeichen ... ( in ) den Katechismus eines Knaben suchte , und es nicht sogleich finden konnte , trat mein alter , mehr als achtzigjähriger Küster ( der auch Appelmann hieß , aber seinem Namensverwandten in unserer Lebensgeschichte durchaus unähnlich und ein zwar beschränkter , aber sehr braver Mann wär ) unter jenes Chorgestühl , und kehrte mit einem Folianten zurück , der mir nie zu Gesicht gekommen war , und aus dem er ohne Weiteres einen geeigneten Papierstreifen riß und ihn mir überreichte . Ich griff sogleich nach dem Buche und weiß nicht , ob ich schon nach wenigen Minuten erstaunter oder entrüsteter über meinen köstlichen Fund war . Das in Schweinsleder gebundene Manuscript war nicht blos vorne und hinten defect , sondern leider waren auch aus der Mitte hin und wieder mehrere Blätter gerissen . Ich fuhr den Alten an , wie nie in meinem Leben ; er entschuldigte sich aber dahin : daß einer meiner Vorgänger ihm das Manuscript zum Zerreißen gegeben , da es hier seit Menschen Gedenken umhergelegen , und er öfter in Papier-Verlegenheit gewesen sei , beim Umwickeln der Altarlichte usw. Der greise , halb blinde Pastor hätte es für alte Kirchenrechnungen gehalten , die doch nicht mehr zu gebrauchen seien1 . Kaum zu Hause angekommen machte ich mich über meinen Fund her , und nachdem ich mit vieler Mühe mich ein und durchgelesen , regten mich die darin mitgetheilten Sachen mächtig an . Ich fühlte bald das Bedürfniß mich über die Art und Weise dieser Hexenprocesse , über das Verfahren ja über die ganze Periode , in welche diese Erscheinungen fallen , näher aufzuklären . Doch je mehr dieser bewundernswürdigen Geschichten ich las , je mehr wurde ich verwirrt , und weder der triviale Beeker ( die bezauberte Welt ) noch der vorsichtigere Horst ( Zauberbibliothek ) und andere Werke der Art , zu welchen ich gegriffen hatte , konnten meine Verwirrung heben , sondern dienten nur dazu , sie zu vermehren . Es geht nicht bloß ein so tiefer dämonischer Zug durch die meisten dieser Schaudergeschichten , daß den aufmerksamen Leser Grausen und Entsetzen anwandelt ; sondern die ewigen und unveränderlichen Gesetze der menschlichen Empfindungs- und Handlungsweise werden auch oft auf eine so gewaltsame Weise unterbrochen , daß der Verstand im eigentlichen Sinne des Wortes stille steht ; wie denn z.B. in einem der Originalprocesse , die ein juristischer Freund in unserer Provinz aufgestöbert , sich die Relation findet , daß eine Mutter , nachdem sie bereits die Folter überstanden , das heilige Abendmahl genossen und im Begriff ist , den Scheiterhaufen zu besteigen , so sehr alles mütterliche Gefühl bei Seite setzt , daß sie ihre einzige , zärtlich geliebte Tochter , ein Mädchen von fünfzehn Jahren , gegen welche Niemand einen Verdacht hegt , sich in ihrem Gewissen gedrungen fühlt , gleichfalls als Hexe anzuklagen , um , wie sie sagt , ihre arme Seele zu retten . Das Gericht mit Recht erstaunt über diesen , vielleicht nie wieder vorgekommenen Fall , ließ ihren Gesundheitszustand von Predigern und Aerzten untersuchen , deren Original-Zeugnisse den Akten noch beiliegen und durchaus günstig lauten . Die unglückliche Tochter , welche merkwürdiger Weise Elisabeth Hegel hieß , wurde in Folge dieser mütterlichen Aussage denn auch wirklich hingerichtet2 . Die gewöhnliche Auffassung der neuesten Zeit , diese Erscheinungen aus dem Wesen des thierischen Magnetismus zu begreifen reichen durchaus nicht hin . Wie will man z.B. die tiefe , dämonische Natur der alten Lise Kolken in dem vorliegenden Werke daraus ableiten , die unbegreiflich ist , und es ganz erklärlich macht , daß der alte Pfarrer , trotz des , ihm mit seiner Tochter gespielten , entsetzlichen Betruges so fest in seinem Glauben an das Hexenwesen , wie in dem , an das Evangelium bleibt . Die früheren Jahrhunderte des Mittelalters wußten wenig oder nichts von Hexen . Das Verbrechen der Zauberei , wo es einmal vorkam , wurde milde bestraft . So z.B. setzte das Concilium zu Ancyra ( 314 ) die ganze Strafe dieser Weiber in ein bloßes Verbannen aus der christlichen Gemeinschaft ; die Westgothen bestraften sie mit Prügeln , und Carl der Große ließ sie auf den Rath seiner Bischöfe so lange in gefänglicher Haft , bis sie aufrichtige Buße thaten3 . Erst kurz vor der Reformation klagt Innocentius VIII. , daß die Beschwerden der ganzen Christenheit über das Unwesen dieser Weiber , so allgemein und in einem solchen Grade laut würden , daß dagegen auf das Entschiedenste eingegriffen werden müsse , und ließ zu dem Ende 1489 den berüchtigsten Hexenhammer ( malleus malleficarum ) anfertigen , nach welchem nicht blos in der ganzen katholischen , sondern merkwürdiger Weise auch in der protestantischen Christenheit , die doch sonst alles Katholische verabscheuete und zwar mit solchem fanatischen Eifer inquirirt wurde , daß die Protestanten es weit den Katholiken an Grausamkeit zuvor taten , bis katholischer Seits der edle Jesuit J. Spee und protestantischer obgleich erst siebzig Jahre später , der treffliche Thomasius dem Unwesen allmählich Einhalt thaten . Nachdem ich mich auf das Eifrigste mit dem Hexenwesen beschäftigt hatte , sah ich bald ein , daß unter allen diesen , zum Theil so abenteuerlichen Geschichten , keine einzige an lebendigem Interesse meine » Bernsteinhexe « übertreffen würde , und ich nahm mir vor , ihr Schicksal in die Gestalt einer Novelle zu bringen . Doch glücklicher Weise sagte ich mir bald : aber wie ? ist ihre Geschichte denn nicht schon an und für sich die interessanteste Novelle ? Laß sie ganz in ihrer alten ursprünglichen Gestalt ; laß fort daraus , was für den gegenwärtigen Leser , von keinem Interesse mehr , oder sonst allgemein bekannt ist , und wenn du auch den fehlenden Anfang und das fehlende Ende nicht wiederherstellen kannst , so siehe zu , ob der Zusammenhang es dir nicht möglich macht , die fehlenden Blätter aus der Mitte zu ergänzen , und fahre dann ganz in dem Ton und der Sprache deines alten Biographen fort , so daß wenigstens der Unterschied der Darstellung und die gemachten Einschiebsel nicht gerade ins Auge fallen . Dies habe ich denn mit vieler Mühe und nach mancherlei vergeblichen Versuchen gethan , verschweige aber , an welchen Orten es geschehen ist , um das historische Interesse der größten Anzahl meiner Leser nicht zu trüben . Für die Kritik jedoch , welche nie eine bewundernswürdigere Höhe als in unserer Zeit erreicht hat , wäre ein solches Geständniß hier vollends überflüssig , da sie auch ohne dasselbe gar leichtlich unterscheiden wird , wo der Pastor Schweidler , oder wo der Pastor Meinhold spricht4 . Von dem jedoch , was ich fortgelassen , bin ich dem Publikum noch eine nähere Nachricht schuldig . Dahin gehören : 1 ) lange Gebete , insofern sie nicht durch christliche Salbung ausgezeichnet waren . 2 ) allgemein bekannte Geschichten aus dem dreißigjährigen Kriege . 3 ) Wunderzeichen in den Wolken , die hie und da sollten geschehen sein , und die auch anderepommersehe Schriftsteller dieser Schreckenszeit berichten , wie z.B. Micrälius5 ; Standen jedoch solche Angaben in Verbindung mit dem Ganzen , z.B. das Kreuz auf dem Streckelberge , so habe ich sie natürlich stehen lassen . 4 ) die Specifikation der ganzen Einnahme der Coserower Kirche vor und während der Schreckenszeit des dreißigjährigen Krieges . 5 ) die Aufzählung der Wohnungen , die nach den Verheerungen des Feindes in jedem Dorf der Parochie stehen geblieben . 6 ) die Angabe der Oerter , wohin dieses oder jenes Mitglied der Gemeinde ausgewandert sei . 7 ) Ein Grundriß und eine Beschreibung des alten Pfarrhauses usw. Auch mit der Sprache habe ich mir hin und wieder einige Veränderungen erlaubt , wie denn auch mein Autor in Sprache und Orthographie nicht recht constant ist . Letztere habe ich mit geringen Ausnahmen beibehalten . Und somit übergebe ich denn dies vom Feuer des Himmels wie der Hölle glühende Werk dem geneigten Leser . Meinhold . Fußnoten 1 Und in der That kommen im Original einige Rechnungen vor , die wohl beim ersten Anblick zu diesem Irrthum verleiten konnten , und außerdem ist die Handschrift schwer zu lesen , und an einigen Stellen vergilbt und verrottet . 2 Auch diesen Prozeß gedenke ich noch herauszugeben , da er ein ungemeines psychologisches Interesse hat . 3 Horst , Zauberbibliothek , VI , 231 . 4 Vorläufige Proben des Ganzen befanden sich bereits in der Christoterpe von 1841 und 42. 5 vom alten Pommernlande , Buch V. Einleitung . Die Abkunft unsers Biographen kann bei dem verloren gegangenen Anfange seiner Schrift nicht mehr mit Genauigkeit bestimmt werden . Er scheint jedoch jedenfalls kein Pommeraner gewesen zu sein , denn einmal spricht er von Schlesien , wo er in seiner Jugend sich befunden ; nennt sodann weit zerstreute Verwandte , nicht blos in Hamburg und Cöln sondern sogar in Antwerpen und verräth vor allen Dingen durch seine süddeutsche Sprache seine auswärtige Abkunft . Hieher rechne ich besonders Ausdrücke als : eim für einem , und die eigne Derivation mancher Adjective z.B. tänein von Tanne , seidin von Seide , eine Sprechweise , die , so viel ich weiß , niemals in Pommern , wohl aber in Schwaben vorgekommen ist . Doch mußte er bei Abfassung seiner Schrift schon lange Zeit in Pommern gelebt haben , weil er fast noch häufiger plattdeutsche Ausdrücke einmischt , ganz wie dies eingeborne Pommersche Schriftsteller der damaligen Zeit auch wohl zu thun pflegen . Da er von altadlicher Herkunft ist , wie er bei verschiedenen Gelegenheiten sagt ; so möchte man vielleicht in den Adelsregistern des siebzehnten Jahrhunderts etwas Näheres über das Geschlecht der Schweidler finden , und mithin auch über sein wahrscheinliches Vaterland ; allein ich habe mich vergebens in den mir zugänglichen Quellen nach jenem Namen umgesehen , und möchte daher vermuthen , daß unser Autor , wie dies so häufig geschah , bei seinem Uebergange zur Theologie , seinen Adel mit Abänderung seines Namens ablegte . Genug ich will hier nicht weitere Hypothesen wagen . Unser Manuscript , in welchem die ansehnliche Zahl von sechs Kapiteln fehlt , und welches auf den nächst vorhergegangenen Blättern unstreitig sich über den Ausbruch des dreißigjährigen Krieges auf der Insel Usedom verbreitet hat , beginnt mit den Worten : » Kaiserliche gehauset « und fährt dann fort wie folgt : - - Koffer , Truhen , Schränke waren allesammt erbrochen und zuschlagen , auch mein Priesterhemd zurissen , so daß in großen Aengsten und Nöthen stände . Doch hatten sie mein armes Töchterlein nit gefunden , maßen ich sie in einem Stall , wo es dunkel war , verborgen , denn sonst sorge ich , hätten sie mir noch mehr Herzeleid bereitet . Wollten die räudigen Hunde doch schon meine alte Ilse ein Mensch bei schier 50 Jahren angehen , hätte es ihnen ein alter Kornett nicht gewegert . Dankete dahero meinem Schöpfer , als die wilden Gäste wegkwaren , daß ich allermeist mein armes Kind vor ihren Klauen geborgen , wiewohl kein Stäublein Mehl , kein Körnlein Getreide noch ein Stücklein Fleisch bei eines Fingers Länge mehr fürhanden , und ich nit wußte wie ich mein und meines armen Kindes Leben weiter fristen söllte . Item dankete Gott , daß ich noch die vasa sacra geborgen , welche ich gleich mit den beiden Türstehern als , Hinrich Seden und Claus Bulken von Uekeritze in der Kirchen vor dem Altar vergrübe , Gott die Obhut empfehlend . Weil nun aber , wie bemeldet , ich bittern Hunger litte , so schrieb an Se . Gestrengen den Herrn Amtshauptmann Wittich von Appelmann auf Pudgla1 daß er umb Gotts und seines heiligen Evangeliums willen in sollich schwerer Noth und Trübsal mir zukommen ließe , was Se . Fürstliche Gnaden , Philippus Julius mir an Praestandis vom Kloster zu Pudgla beigeleget , als nämlich 30 Schffl . Gerste und 25 Mark Silbers , welche Sr. Gestrengen mir aber bis nunmehro gewegert . ( Denn er war ein fast hart und unmenschlicher Mann sintemalen er das heilige Evangelium und die Predigt verachtete , auch öffentlich und sonder Scheue seinen Spott über die Diener Gottes hatte , nämblich , daß sie unnütze Brodtfresser wären , und Lutherus den Schweinestall der Kirchen nur halb gesäubert . Gott bessers ! - ) Aber er antwortete mir nit , und ich wäre schier verschmachtet , wenn Hinrich Seden nicht für mich im Kapsel2 gebetet . Gott lohn ' s dem ehrlichen Kerl in der Ewigkeit ! Er wurde dazumalen auch schon alt und hatte viel Plage von seinem bösen Weibe , Lise Kollken . Dachte gleich , daß es nit sonderlich gehen würd , als ich sie traute ; angesehen sie im gemeinen Geschrei war , daß sie lange mit Wittich Appelmann in Unzucht gelebet , welcher von jeher ein rechter Erzschalk und auch absonderlich ein hitziger - - - Jäger gewest , denn so etwas gesegnet der Herre nicht . Selbiger Seden nun brachte mir 5 Brodte , 2 Würste und eine Gans , so die alte Paalsche in Loddin ihm verehret , item eine Seite Speck von Hans Tewert dem Bauern . Müchte ihn aber vor seiner Frauen schützen , welche die Hälfte hätte vor ihr behalten wollen , und da er sich gewegert , hätte sie ihn vermaledeiet und die Kopfgicht angewünscht , so daß er gleich ein Ziehen in der rechten Wangen verspüret , welches jetzunder fast hart und schwer geworden . Für solcher erschröcklichen Nachricht entsetzte ich mich , wie einem guten Seelenhirten geziemet , fragende : ob er vielleicht gläubete , daß sie in bösem Verkehr mit dem leidigen Satan stünde , und hexen könnte ? Aber er schwiege und zuckete mit den Achseln . Ließ mir also die alte Lise rufen welche ein lang , dürr Mensch , bei 60 Jahren war , mit Gluderaugen , so daß sie Niemand nit gerade ins Antlitz schauete , item mit eitel rothen Haaren wie sie ihr Kerl auch hatte . Aber obwol ich sie fleißig auf Gotts Wort vermahnete gab sie doch keine Stimme , und als ich endlich sagete : Willtu deinen Kerl wieder umböten3 ( denn ich sahe ihn auf der Straßen vor das Fenster , allbereits als einen Unsinnigen rasen ) oder willtu , daß ich ' s der Obrigkeit anzeige , gab sie endlich nach und verspräche , daß es bald sölle besser mit ihm werden ; ( was auch geschach ) item bat sie , daß ich ihr wölle etwas Speck und Brod verehren , dieweil sie auch seit dreien Tagen kein ander Fleisch und Nahrung mehr zwischen den Zähnen gehabt , denn ihre Zunge . Gab ihr mein Töchterlein also ein halb Brod , und ein Stück Speck bei zweer Händen Länge , was ihr aber nicht genugsam bedünkete , sondern mummelte zwischen den Zähnen , worauf mein Töchterlein sagte : bistu nicht zufrieden , alter Hexensack , so packe dich und hilf erst deinem Kerl , schaue wie er das Haubt auf Zabels Zaun geleget und mit den Füßen vor Wehetage trampelt , worauf sie ginge , doch abermals zwischen den Zähnen mummelnde : » Ja , ich will ihm helfen und dir auch ! « Fußnoten 1 Schloß auf Usedom , früher ein berühmtes Kloster 2 Allmosen in der Gemeinde eingesammelt . 3 umzaubern . Capitel 7. Wie die Kaiserlichen mir alles Uebrige geraubet , auch die Kirchen erbrochen und die vasa Sacra entwendet ; item was sonsten fürgefallen . Nach etzlichen Tagen , als unsere Nothdurft fast verzehret , fiel mir auch meine letzte Kuh umb ( die andern hatten die Wülfe , wie oben bemeldet , allbereits zurissen ) nicht ohne sonderlichen Verdacht , daß die Lise ihr etwas angethan , angesehen sie den Tag vorhero noch wacker gefressen . Doch lasse ich das in seinen Würden , dieweil ich Niemand nit verleumbden mag ; kann auch geschehen sein durch die Schikkung des gerechten Gottes , deßen Zorn ich wohl verdienet hab ' - Summa : ich war wiederumb in großen Nöthen und mein Töchterlein Maria zuriß mir noch mehr das Herze durch ihr Seufzen , als das Geschreie anhub : daß abermals ein Trupp Kaiserlicher nach Uekeritze gekommen , und noch gräulicher denn die ersten gemarodiret , auch das halbe Dorf in Brand gestecket . Derohalben hielt ich mich nicht mehr sicher in meiner Hütten , sondern nachdem in einem brünstigen Gebet Alles dem Herrn empfohlen , machte mich mit meinem Töchterlein und der alten Ilsen auf , in den Streckelberg 1 wo ich allbereits ein Loch , einer Höhlen gleich , und trefflich von Brommelbeeren verrancket uns ausersehen , wenn die Noth uns verscheuchen söllte . Nahmen daher mit , was uns an Nothdurft des Leibes geblieben , und rannten mit Seufzen und Weinen in den Wald , wohin uns aber bald die alten Greisen und das Weibsvolk mit den Kindern folgten , welche ein groß Hungergeschrei erhoben . Denn sie sahen , daß sich mein Töchterlein auf einen Stubben satzte , um ein Stück Fleisch und Brod verzehrete , kamen also die kleinen Würmer mit ausgereckten Händeleins angelaufen und schrieen : uck hebben , uck hebben2 . Wannenhero da mich solch groß Leid billig jammerte , meinem Töchterlein nit wehrete , daß sie alles Brod und Fleisch so vorräthig unter die hungrigen Kindlein vertheilete . Erst mußten sie aber dafür » Aller Augen « 3 beten , über welche Wort ich dann eine tröstliche Ansprach an das Volk hielte , daß der Herr , welcher jetzunder ihre Kindlein gespeiset auch Rath wissen würde ihren eigenen Bauch zu füllen , möchten nur nit müde werden ihm zu vertrauen . Aber sollich Trost währete nicht lange . Denn nachdeme wir wohl an die zween Stunden in und um der Höhlen uns gelagert , huben die Glocken im Dorfe so kläglich an zu gehen , daß es einem Jeglichen schier das Herze brach , angesehen auch dazwischen ein laut Schießen , item das Geschrei der Menschen und das Bellen der Hunde erschallete , so daß männiglich gießen kunnte , der Feind sei mitten im Dorfe . Hatte dannenhero genug mit den Weibern zu tüschen4 daß sie nicht durch ihr unverständig Lamentiren dem grimmigen Feind unsern Schlupfwinkel verrathen möchten , zumalen als es anfing schmockig zu riechen , und alsobald auch die helle Flamme durch die Bäume glitzerte . Schickete derohalben den alten Paassch oben auf den Berg daß er umbherlugen sollt , wie es stünde , hätte sich aber wohl zu wahren , daß man ihn nicht vom Dorfe erschaue , anerwogen , es erst zu schummern begunte . Solliches versprach er und kam alsbald auch mit der Bothschaft zurücke , daß gegen 20 Reuter aus dem Dorfe gen die Damerow gejagt wären aber das halbe Dorf in rothen Flammen stünd . Item erzählete er , daß durch seltsame Schickung Gottes sich sehr viel Gevögel in den Knirkbüschen5 und anderswo sehen ließ , und meinete , wenn man sie nur fangen künnte , daß sie eine treffliche Speiß vor uns abgeben würden . Stieg also selbsten auf den Berg , und nachdem ich alles so befunden , auch gewahr worden daß durch des barmherzigen Gottes Hülf das Feuer im Dorfe nachgelassen , item daß auch mein Hüttlein wider mein Verdienst und Würdigkeit annoch stünde , stieg ich alsbald herunter , tröstete das Volk und sprach : der Herr hat uns ein Zeichen gegeben und will uns speisen , wie einst das Volk Israel in der Wüsten , denn er hat uns eine treffliche Schaar von Krammetsvögeln über die wüste Sehe gesendet , welche aus jedem Büschlein burren , so man ihm nahet . Wer will nun in das Dorf laufen und schneiden die Mähnhaare und den Schwanz von meiner gefallenen Kuh wegk , so hinten auf der Wörthe liegt . ( Denn Roßhaare hatte es im ganzen Dorf nicht , dieweil alle Roß vom Feinde längst genommen oder erstochen waren . ) Aber es wollte sich Niemand nit finden angesehen die Angst noch größer war , denn der Hunger , als meine alte Ilse anhub : so will ich schon gehen , denn ich fürchte mich nit , dieweil ich auf Gottes Wegen bin , gebet mir nur einen guten Stock . Als ihr nun der alte Paassch seinen Stecken hingereichet , begunte sie vor sich zu singen . » Gott der Vater wohn uns bei « , und verlief sich bald in das Gebüsche . Hierzwischen vermahnete ich nun das Volk , alsbald Hand anzulegen , kleine Rüthlein zu den Dohnen zu schneiteln und Beeren zu suchen , dieweil es Mondschein ware , und allwärts viel Gänseflieder auch Ebereschen auf dem Berge stunden . Die kleinen Kindlein aber hütete ich mit meiner Marien , dieweil die Gegend nicht sicher für Wülfen war . Hatten derohalben ein lustig Feuer angemacht , umb welches wir uns setzten und dem kleinen Volk die Gebot verhöreten , als es hinter uns knisterte und knasterte , und mein Töchterlein mit den Worten : proh dolor , hostis ! 6 auf und im die Höhlen sprang . Aber es waren nur die rüstigen Kerls , so im Dorfe verblieben , und nun kamen , uns Bothschaft zu bringen , wie es alldorten stünde . Dahero rief ihr gleich zu : emergas , amici7 wo sie denn auch mit großen Freuden wieder herfürsprang und bei uns zum Feuer niedersaß . Allsobald verzählete nun mein Fürsteher Hinrich Seden was derweilen fürgefallen , und wie er nur durch sein Weib Lise Kolken sein Leben geborgen . Jürgen Flatow , Chim Burse , Clas Peer und Chim Seideritz aber wären erschlagen , und läge letzterer recht auf dem Kirchsteig . Zwölf Katen hätten die grimmigen Mordbrenner in Asche geleget und wär es nit ihre Schuld , daß nicht das ganze Dorf draufgegangen angesehen der Wind ihnen nicht gepasset . Hätten zum Hohn und Gespötte die Glocken dazu geläutet , ob Niemand kommen wöllt und löschen , und als er und die andern jungen Kerle herfürgesprungen hätten sie die Musqueten auf sie abgedruckt , aber mit des großen Gotts Hülfe Niemand nit getroffen . Darauf wären seine Gesellen über die Zäune gesprungen , ihn aber hätten sie erwischet , und schon das Gewehr über ihm ausgerecket , als sein Weib Lise Kollken mit eim andern Trupp aus der Kirchen herfürgetreten , und ihnen gewinket daß er Ruhe gehabt . Lene Hebers aber hätten sie in ihrem Wochenbett erstochen , das Kindlein gespießet und über Claas Peers Zaum in den Nessel geworfen , wo es annoch gelegen , als sie abgelaufen . Wäre jetzunder im ganzen Dorf derohalben keine lebendige Seele mehr , und noch schwerer ein Bissel Brods , so daß , wenn den Herrn nit ihre Noth jammerte , sie alle des elendiglichen Hungertodes würden sterben müssen . ( Da sage nun Einer : das wöllen Christenmenschen sein ! ) Fragte nunmehro , als er schwiege ( mit wie viel Seufzen jedoch , kann man leichtlich gießen ) nach meiner Hütten , wovon sie aber nichts wußten , als daß sie annoch stünde . Ich dankete dannenhero dem Herrn mit einem stillen Seufzerlein und alsobald den alten Seden fragend was sein Weib in der Kirchen gemachet , hätte ich schier vergehen mügen für großem Schmerz , als ich hörete , daß die Lotterbuben , als sie heraußer getreten die beiden Kelche nebst den Patenen in Händen getragen . Fuhr dahero die alte Lise fast heftig an , welche nun auch angeschlichen kam durch das Buschwerk , worauf sie aber trotziglich zur Antwort gab : daß das fremde Volk sie gezwungen die Kirche aufzuschließen , da ihr Kerl ja sich in den Zaum verkrochen , und Niemand Anders nit da gewesen . Selbige wären sogleich für den Altar getreten , und da ein Stein nicht wohl gefuget ( was aber eine Erzlüge war ) hätten sie alsobald angefangen mit ihren Schwertern zu graben , bis sie auch die Kelche und Patenen gefunden . Könnte auch sein daß ein Anderer ihnen den Fleck verrathen . Möchte dahero ihr nicht immer die Schuld beilegen , und sie also heftig anschnautzen . Hierzwischen kamen nun auch die alten Greisen und Weiber mit trefflich vielen Beeren an , item meine alte Magd mit dem Kuhschwanz und den Mähnhaaren , welche verzählete , daß das ganze Haus umbgewühlet , die Fenster zuschlagen , die Bücher und Scripturen auf der Straßen in den Koth getreten und die Thüren aus den Hespen gehoben wären . Solliches aber war mir ein geringer Leid , denn die Kelche , dahero nur das Volk vermahnete Biegel und Schneere zu machen , umb am nächsten Morgen mit des barmherzigen Gotts Hilfe unser Jagdwerk zu vollenführen . Klöbete dahero selber die Rüthlein bis um Mitternacht und da wir eine ansehnliche Zahl gefertiget , ließ ich den alten Hinrich Seden den Abendseegen beten , den wir alle knieende anhöreten , worauf ich endiglichen noch ein Gebet that , und das Volk sodann vermahnete , die Männer apart und die Weiber auch apart sich für die Kälte ( Dieweil es schon im Monat Septembri war und fast frisch von der Seekante herwehete ) in dem Buschwerk zu verkriechen . Ich selbsten stieg aber mit meinem Töchterlein und der Magd in die Höhlen , hatte aber noch nicht lange geschlummert , als ich den alten Seden fast heftig wimmern hörete , weilen ihn die Kolik überfallen , wie er klagte . Stand dahero wieder auf und gab ihm mein Lager , und setzte mich wieder zum Feuer , und schneitelte Dohnen , bis ich ein halb Stündchen entschlief und der Morgen anbrach , worauf es besser mit ihm worden war , und ich nun auch alsobald mich aufmachte und das Volk zum Morgenseegen weckte . Diesesmal thät ihn der alte Paassch kunnte aber nit recht hineinkommen , weshalb ich ihm aushelfen mußte . Hatt ' er ihn vergessen oder thats die Angst , das lasse ich ungesagt . Summa . Nachdem wir All recht inniglichen gebetet , schritten wir alsofort zum Werk , keilten die Dohnen in die Bäume und umbhingen sie mit Beeren , unterdessen mein Töchterlein der Kinder hüthete , und Brummelbeeren vor sie zum Frühstück suchete . - Nun soll man aber wissen , daß wir quer durch den Busch gen den Weg nach Uekeritze hin keileten , und da merke nun männiglich wieder die sonderbare Gnadenschickung des barmherzigen Gotts . Denn als ich mit dem Beil in der Hand ( es war Seden sein Beil , so er in der Frühe aus dem Dorfe gehohlet ) in bemeldeten Weg trate , nehm ich auf der Erden ein Brod wahr , bei eines Armes Länge , worauf ein Rabe pickete , und welches sonder Zweifel ein kaiserlicher Reuter Tags vorhero aus seinem Schnappsack verloren , dieweil noch frische Roßtrappen im Sande dabei stunden . Knöpfe mir es also heimlich über den Wanst , so daß Niemand nichtes merkete , obschon bemeldeter Paassch dicht hinter mir schritt , item alle Andern in nicht gar guter Ferne ihm folgeten . Als wir nun so die Dohnen bestellet in großer Frühe , hatte es schon gegen die liebe Mittagszeit eine so große Menge Vögel darinnen , daß Käthe Berow welche mir zur Seiten schritt , als ich sie abbande , dieselben in ihrem Schurzfleck fast nit zu lassen mußte , und auf dem andern Ende der alte Pagels auch nit viel weniger aus seinem Brustlatz und Rocktaschen herfürlangte . Mein Töchterlein satzte sich also mit den andern Frauensvolk hin , das Gevögel zu rupfen , und da es an Salz gebrach , ( denn dessen hatten die Meisten von uns lange nicht mehr gekostet , ) vermahnete sie ein Paar Männer , zur Sehe zu steigen , und in einem Grapen , so noch von Staffer Zuter geborgen war , ein wenig gesalzen Wasser zu hohlen , was sie auch thäten . In solchem Wasser tunketen wir nunmehro die Vöglein und brieten sie darauf bei einem großen Feuer , wobei uns allen schon vom dem süßen Geruch das Maul zu wässern begunnte , da wir so lange keiner Speisen nicht gekostet . Sage dahero als alles fertig , und das Volk sich auf der Erden gelagert hat : nun schauet wie der Herr sein Volk Israel in der Wüsten noch immerdar mit frischen Wachteln speiset , sollt er nun ein Uebriges thun , und uns auch ein Stücklein Mannabrod vom Himmel senden , was meinet ihr , würdet ihr dann jemalen müde werden zu gläuben , und nit vielmehr alle Noth , Trübsal , Durst und Hunger williglich tragen , so er euch förder nach seinem gnädigen Willen auferlegen söllte