Lewald , Fanny Jenny www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Fanny Lewald Jenny Von der Verfasserin von Clementine Bei Gerhard , dem ersten Restaurant einer großen deutschen Handelsstadt , hatte sich im Spätherbst des Jahres achtzehnhundertzweiunddreißig nach dem Theater eine Gesellschaft von jungen Leuten in einem besondern Zimmer zusammengefunden , die anfänglich während des Abendessens heiter die Begegnisse des Tages besprach , allmälig zu dem Theater und den Schauspielern zurückkehrte und nun in schäumendem Champagner das Wohl einer gefeierten Künstlerin , der Giovanolla , trank , welche an jenem Abende die Bühne betreten hatte . Sie soll leben und blühen in ewiger Schönheit ! sagte entzückt der Maler Erlau , und möge es mir vergönnt sein , die Feueraugen und den Götternacken dieses Mädchens immer vor meinen Augen zu haben , wie sie sich mir bei der gestrigen Sitzung zeigten . Ihr seht sie Alle in der falschen , täuschenden Beleuchtung der Bühne , und könnt nicht ahnen , wie schön ihre Farben , wie regelmäßig und vollendet ihre Züge und wie üppig ihre Formen sind . Ich sage Euch , sie ist der Typus einer italienischen Schönheit . Wenn sie nur nicht so verdammt jüdisch aussähe , sagte wegwerfend der junge Horn , der Sohn und Erbe eines reichen Kaufmanns . Ich sagte es gleich zu meinem Vetter Hughes , den ich Ihnen , lieber Erlau ! als einen Mitenthusiasten empfehlen kann , und der für nichts Augen hatte , als für diese Person , die mir wirklich mit all ihrer gepriesenen italienischen , oder sagten Sie orientalischen Schönheit ? im höchsten Grade mißfallen hat . Wir lieben in unserer Familie diese Art von Schönheit nicht , es ist eine uns angeborne Antipathie , und mir wurde erst wieder in England bei den schlanken , blonden Insulanerinnen recht wohl , nachdem ich mich in Havre ein Jahr lang unter jenen kleinen , brunetten Französinnen in der Frankfurter Judengasse geglaubt hatte . A propos , von Judengasse , lieber Ferdinand ! fiel der Vetter , ein geborner Engländer , und erst seit wenig Tagen in dieser Stadt , dem Sprechenden ins Wort , wer war wohl das ganz junge Mädchen in der zweiten Loge rechts von der Bühne ? Sie ist offenbar eine Jüdin , aber es ist ein sehr interessantes Gesicht . Ich kenne die Leute nicht , antwortete der Gefragte . Schämen Sie sich , rief im komischen Zorn der Maler , und verleugnen Sie nicht , wie unser heiliger Apostel Petrus , seligen Andenkens , Ihren Meister und Herrn . Sie sollten den reichen Banquier Meier nicht kennen , bei dessen Vater Ihr Herr Vater die Handlung erlernte , und von dem er die Mittel zu seinem Etablissement erhielt , als er sich in Ihre Mutter verliebte ? Freilich kam Ihr Herr Papa durch diese Heirath in die schönste Mitte der Kaufmannsaristokratie , und mag in der Gesellschaft wohl seine alttestamentarischen Verbindungen vergessen haben . Horn war halb beleidigt , halb verlegen . Ach so ! sagte er , die Meiers hatten die Loge ? Es waren die Meiers ? Die Tochter soll ein hübsches Mädchen werden , eine sehr reiche Erbin , sie steht noch zu Diensten , lieber Vetter ! - Das ist aber auch Alles , was ich von ihnen weiß . So erlauben Sie mir , nahm der Candidat Reinhard , ein schöner , junger Mann , der bis dahin schweigend der Unterhaltung zugehört hatte , die ihm nicht zu gefallen schien , das Wort , so erlauben Sie mir , Ihnen , falls es Sie interessirt , nähere Auskunft über die Familie zu geben . Das Meiersche Haus ist eines der gastlichsten in unserer Stadt , die Mutter eine freundliche , wohlwollende Frau , der Vater ein sehr gescheidter und braver Mann , der ein offenes Herz für die Menschen und die Menschheit hat , und sich lebhaft für Alles interessirt , was es Großes und Schönes gibt . Die Leute haben nur zwei Kinder : einen Sohn , der mein genauer Freund ist , den Doctor Meier , und eben diese Tochter , Jenny Meier , die ich bis vor Kurzem unterrichtet habe . Und ist Niemand da , der die Handlung fortsetzt , wenn der alte Meier , dessen Firma ja sehr bekannt ist , einmal stirbt ? fragte der Vetter . Ja wohl , ein Neffe , seines Bruders Sohn , der auch Meier heißt , und schon lange in der Handlung ist . Man sagt , er werde die Tochter heirathen und das Geschäft einst übernehmen , antwortete Reinhard zögernd . Der Glückliche , ich könnte ihn beneiden , denn das Mädchen ist wahrhaft reizend , rief der Engländer aus . Das denkt Freund Reinhard auch , lachte Erlau , und gewisse Leute wollen behaupten , daß er die junge Dame , nachdem er ihre geistige Ausbildung meisterhaft geleitet , jetzt praktisch in der Conjugation mancher Zeitwörter unterrichte , als da ist : ich liebe , du liebst u.s.w. u.s.w. Werde nicht roth , lieber Reinhard , es ist eine Bemerkung , wie jede andere , und ich theile Deine Neigung und Anhänglichkeit für das ganze Meiersche Haus . Es sind gute und gebildete Leute , und wenn auch die sogenannte Elite der Gesellschaft dort im Hause nicht zu sehen ist , so findet man den größten Theil unserer Gelehrten und Künstler , eine Menge von Fremden , und vortreffliche Unterhaltung bei Meiers . Ich wüßte kein Haus , das ich lieber besuchte , als das ihre . Sie schildern die Familie so anziehend , daß Sie mir fast den Wunsch einflößen , mich in dem Hause einführen zu lassen , sagte Hughes . Nicht doch , William ! fiel Horn ein , meine Mutter würde das sehr ungern sehen , wie kommst Du nur darauf ? Ich bitte Dich , diese Juden hängen wie die Kletten zusammen , und bist Du erst in einem ihrer Zirkel , so steckst Du auch gleich so fest in der ganzen Clique , daß man sich scheuen muß , mit Dir an öffentlichen Orten zu erscheinen , aus Furcht , von Deiner mosaischen Bekanntschaft überfallen zu werden . Die Visite bei Meiers - Würde Ihnen beweisen , daß Ihr Herr Vetter mit seinen Gesinnungen in mancher Beziehung noch tief im Mittelalter steckt , unterbrach Reinhard die Rede , und ich bekenne Ihnen , Herr Horn , daß mir Ihre Aeußerungen nicht nur in unserer Zeit höchst befremdlich scheinen , sondern daß ich sie geradezu für unschicklich halte , nachdem ich Ihnen gesagt habe , daß ich der Familie befreundet bin und sie hochachte . Entschuldigen Sie , ich vergaß , daß Sie Lehrer in dem Hause sind und die Sache also anders ansehen müssen . Ich aber , der ich unabhängig bin , gestehe Ihnen - - - - Gestehen Sie Nichts mehr , Sie haben ja schon so Vieles heute gestanden , rief Erlau dazwischen , was Sie lieber hätten verschweigen sollen . Sie sind ein reicher , junger Kaufmann , sehr elegant , sehr fashionable , was kümmern Sie Geständnisse und Juden ? Mein Gott ! Sie haben nun einmal die Antipathie , und Sie brauchen ja auch nicht zu Meiers zu gehen , Es hat Sie Niemand gebeten - selbst nicht , fügte er halblaut , gegen Reinhard gewendet , hinzu , als vor drei Jahren die Sonntag dort war und der junge Herr alle Segel aufsetzte , um eingeladen zu werden . Ich bitte Dich , Reinhard , ärgere Dich über den Laffen nicht und laß ihn laufen . Die Unterhaltung war zu einem Punkte gekommen , auf dem sie leicht eine verdrießliche Wendung nehmen konnte , da öffnete sich plötzlich die Thüre und ein junger , hübscher Mann , kaum dreißig Jahre alt , trat in das Zimmer . Er war nur mittler Größe , aber kräftig und wohl gebaut , hatte krauses , schwarzes Haar , eine gebogene Nase , ein Paar durchdringend kluge , schwarze Augen , und vor Allem eine hohe , gewölbte Stirn , die beim ersten Anblick den Mann von Geist und Charakter verrieth . Seine Bewegungen waren rasch , wie sein Blick . Er hatte eine gelbliche aber gesunde Farbe , und war modern , doch ganz einfach gekleidet . Kaum war er in das Zimmer getreten , als Erlau und Reinhard ihm mit dem Ausruf : Guten Abend , Meier , gut daß Du kommst ! entgegen gingen . Er wandte sich aber , die Begrüßung nur flüchtig erwidernd , an Horn , und sagte : Ich komme eben aus dem Hause Ihrer Eltern . Ihr Fräulein Schwester hat sich den Fuß beschädigt , als sie nach der Rückkehr aus dem Theater aus dem Wagen stieg . Man hat mich holen lassen , es ist jetzt Alles in Ordnung , durchaus nichts zu befürchten , und ich freue mich , daß ich Sie hier treffe , denn ich glaube , man erwartet Sie zu Hause . - Guten Abend , und schön , daß ich Euch noch finde , fuhr er , gegen die Freunde gewendet , fort , und setzte sich zu ihnen nieder . Horn machte ein paar besorgte Fragen , die von Doctor Meier beruhigend beantwortet wurden , dann brach jener auf , und William wollte ihn begleiten . Erlau indessen , der niemals genug Leute beisammen haben konnte , und dem der Engländer gefiel , redete ihm zu , bei ihnen zu bleiben , um noch ein paar Stunden zu plaudern . Im Hause Ihres Onkels können Sie Nichts nützen und hier , sagte er , haben wir Gelegenheit , Sie unserm Freunde , dem Doctor Meier , von dem wir vorhin sprachen , vorzustellen , also bleiben Sie immer hier . William war das zufrieden , und Horn empfahl sich dem kleinen Kreise , indem er William versicherte , er beneide ihn um den Genuß , in so vortrefflicher Gesellschaft noch länger zu bleiben , dabei warf er einen spöttischen Blick auf Meier , den dieser nicht sah , da er Horn den Rücken zugewendet hatte , und den Reinhard mit verächtlichem Achselzucken erwiderte . Ein Kellner räumte die leeren Bouteillen , die gebrauchten Gläser fort , und setzte eine volle Flasche vor die Zurückbleibenden hin . Erlau , Reinhard und William , die schon seit einer Stunde beim Weine saßen , geriethen allmälig in eine immer munterere Laune , gegen welche Meier ' s Ruhe eigenthümlich abstach . Vor Allen konnte Erlau ' s ausgelassene Fröhlichkeit sich nicht genug thun ; ein Witz folgte dem andern , ein Toast dem andern . Alt-England soll leben ! rief er aus , mit seinen freien Institutionen , mit seinem edlen Lord auf dem Wollsack , seiner magna Charta und seinen Constables und Beefsteaks , und Sie sollen leben und leben immer mit uns , wie heute , Mr. Hughes . Der Toast wurde erwidert . Hughes trank auf die Einheit Deutschlands ; Reinhard ließ die deutschen Frauen leben , Erlau vor Allen die Schauspielerin , von der schon früher die Rede gewesen war , und Meier gab sich dem Treiben hin , wie ein Erwachsener , der mit Kindern spielt . Er nahm äußerlich Theil daran , während ihn im Innern offenbar ein anderer Gegenstand beschäftigte , und er in ein Hinträumen versank , aus dem Erlau ' s Ruf : Meier , die Deinen sollen leben ! ihn aufstörte . Schweigend und nur mit dem Kopfe nickend dankte dieser , und trank sein Glas aus . Damit war aber Erlau noch nicht zufrieden . Mein Gott ! Du unerträglich ernsthafter Doctor und Misanthrop , gibt es denn nichts mehr auf der Welt , was Dich aus Deiner philosophischen Philisterlaune herausreißen kann ? - Ich erschöpfe mich in hinreißender Geistreichheit , ich verschwende die beste Laune , den allerbesten Wein an Dir , und Du nimmst meine Liebenswürdigkeit , die doch heute ganz außerordentlich ist , hin , wie ein Bettler das tägliche Brot , ohne Freude und Genuß , und gießt den edlen Wein hinunter , gedankenlos , als gälte es , das harte tägliche Brot mit langweiligem Wasser hinabzuspülen . Ich werde irre an Dir , Doctor ! Was fehlt Dir , was denkst Du , was meinst Du ? Soll ein Gott vom Himmel steigen , um Dir zu beweisen , daß die Welt die beste ist , in der auf ödem Kalkfelsen dieser Göttertrank zu wachsen vermag ? in der auf allen Wegen die schönsten Blumen erblühen , und in manchen alten Häusern die hellsten Mädchenaugen blitzen ? Sünder , gehe in Dich , und thue Buße , und rufe mit mir : Die Weiber sollen leben ! - und - ha ! nun hab ' ich ' s , was ihn wecken wird ; steht auf , ihr Weisen , und trinket mit mir ! Meier , Deine Schwester soll leben ! - Reinhard und Hughes standen auf , und der Letztere rief lebhaft : Ja ! das schöne Mädchen mit dem dunkeln Flammenblick soll leben und immer leben ! - Auch Reinhard , in dem noch mancher Widerhall seiner Studentenjahre nachtönte , erhob sein Glas , und bereitete sich , es gegen die andern Gläser klingen zu lassen , nur Meier blieb ruhig sitzen und sagte : Seit wann ist es Sitte , daß man bei Zechgelagen auf das Wohl unbescholtener Mädchen trinkt ? Ich werde es wenigstens nicht leiden , daß der Name meiner Schwester in meiner Gegenwart im Weinhause entweiht werde . Setzen Sie sich , meine Herren ! den Toast nehme ich nicht an . - Dieser ruhige , ernste Ton schien Erlau plötzlich abzukühlen , während er den Engländer in lebhafte Bewegung versetzte . Er ging rasch auf Meier zu , und rief : Verzeihen Sie mir , mein Herr ! aber Sie müssen mein Freund werden ! Wir Engländer haben sonst nicht das Herz auf der Zunge - aber Ihr Deutschen seid unsere Stammverwandten . Ihr wißt es , was sweet home und a blushing maid dem Herzen sein können - Sie wissen es vor Vielen gut , darum schlagen Sie ein , Doctor ! ich bin dessen nicht unwerth ! Meier that , wie Jener es verlangte , und that es gern , denn es lag so viel Ehrenhaftes in dem Gesicht des Fremden , daß es augenblicklich für ihn einnahm . Auch Reinhard schüttelte ihm die Hand und man trank auf die Dauer und das Gedeihen des neuen Bundes . Dadurch blieb Erlau allein stehen ; er goß zwei Gläser voll , nahm in jede Hand eins derselben und sprach in affectirter Traurigkeit : Auf das U folgt gleich das Weh , das ist die Ordnung im A B C - auf jeden Augenblick voll Wonne eine Ewigkeit von langer Weile , denn ich schwöre Euch ! die rechte , wahrhafte Ewigkeit wird erst recht langweilig sein . Auf jede liebenswürdige Sünde folgt bei Euch eine unausstehliche Bußfertigkeit . Anathema ! über das ausgeartete Geschlecht , das nicht begreift , wie man sündigt aus süßer , inniger Ueberzeugung ; dem nur en passant ein kleines , bornirtes Sündchen in den Weg kommt , und das nie jenes großartige Gebet des edlen Russen begriff und gläubig zu beten vermochte : Herr ! führe mich in Versuchung , damit ich unterliege ! - Hier stehe ich allein , ich fühle es , in einer verderbten Zeit , in der mich Niemand versteht , und so muß ich für mich allein den Toast ausbringen : Gott erhalte mich in meiner geliebten Sündhaftigkeit , worauf ich dies Glas ausleere - und hole der Teufel Eure verdammte Tugend , bei der man nicht an ein hübsches Mädchen denken und ihm Glück wünschen darf , ohne eine Ladung Moral und ein Fuder Gefühl in den Kauf zu bekommen . - Dabei leerte er das zweite Glas , und sagte verdrießlich , während die Andern herzlich lachten : und nun könnt Ihr Alle ruhig nach Hause gehen , nachdem Ihr mich mit Eurer abgeschmackten Sentimentalität um meine beste Laune gebracht habt . Geht nach Hause und schlaft wie die Ratten und träumt tugendhaft - ich werde noch nach dem Fenster der göttlichen Giovanolla wandeln , und sehen , ob dieser süße Strahl der Liebe , der , Gott sei Dank ! keine Heilige ist , noch über der Erde leuchtet , oder ob er sich schon hinter den Wolken des Schlummers verborgen hat , und mir erst morgen wieder als Stern und Sonne aufgehen will . - Beiläufig könnte ich dann diesen unsern Insulaner in das Haus seines Onkels geleiten , in sein sweet home , damit er uns nicht auf den Querstraßen des Lebens verloren gehe , und seine warme Seele nicht erstarre in kalter Winternacht . - Gute Nacht , liebe Söhne ! Gute Nacht , Meier - kommen Sie , Herr Hughes ! - Mit diesen Worten brach er auf und die Gesellschaft ging aus einander . Wo warst Du gestern , Eduard ? fragte Jenny Meier am nächsten Morgen ihren Bruder , als dieser in das Wohnzimmer seiner Eltern trat , in welchem die Familie frühstückend beisammen saß . Wir hatten Dich zum Thee erwartet , und Du kamst nicht ! Auch im Theater bist Du nicht gewesen ! Steinheim war bei mir , und unser Joseph , und wir plauderten eine Weile ; dann wollte ich mit ihnen hinauf kommen , und Eure Rückkehr aus dem Theater erwarten , wurde aber plötzlich in das Haus des Commerzienraths Horn gerufen , wo sich die Tochter den Fuß gebrochen hatte , als sie aus dem Theater kam . So gingen meine Gäste fort , und ich sprach nachher , als ich den Verband angelegt hatte und nach Hause gehen wollte , bei Gerhard ein , fand dort Bekannte , und blieb noch eine Stunde sitzen ! Mein Gott ! rief die Mutter , hat sich das schöne Mädchen schwer beschädigt ? Du hörst es ja , antwortete der Vater , sie hat den Fuß gebrochen , und ein schwerer Fall , ein ganz verzweifelter muß es wohl sein , wenn der alte Horn sich entschloß , gerade Eduard rufen zu lassen . Das kannst Du nicht behaupten , lieber Mann ! Eduard ist doch , obgleich einer der jüngern Mediciner , in den ersten Häusern der Stadt Hausarzt , sowohl bei Christen , als bei Juden ; und Du weißt selbst , wie ungemein zuvorkommend ihm überall begegnet wird , und wie sehr man für ihn eingenommen ist ! Ich weiß es wohl , und es freut mich , daß er sich diese Stellung errungen hat , aber eben so wohl weiß ich , daß es jener ganzen Clique gewiß die höchste Ueberwindung gekostet hat , den jüdischen Arzt in ihre engern Kreise zu ziehen . Sie entschuldigen sich vor sich selbst mit dem Nutzen , den er ihnen gewährt , und doch ! wer weiß , ob Eduard überall den gleichen Empfang fände , wenn er sich mit einer Jüdin verheirathete , und für seine Frau dieselben Rücksichten verlangte , als für sich ? Den einzelnen jungen Mann nehmen sie allenfalls gern auf . Eine Familie ? da würden sie vielleicht Bedenken haben . Das glaube ich nicht , sagte die Mutter , im Gegentheil , ich bin überzeugt , daß Eduard nur zu werben braucht , um eine Frau , aus welchem christlichen Hause er wollte , zu bekommen , und ich kann es nicht leugnen , daß ich nichts sehnlicher wünsche , als ihn recht bald eine solche Verbindung schließen zu sehen ! Der Vater lächelte , und Eduard erwiderte : Eine Verbindung der Art , liebe Mutter , werde ich nie eingehen , das weißt Du wohl . Ich werde mich niemals taufen lassen , und Deine ehrgeizigen Hoffnungen für mich , mit denen Du in der Zukunft eine große Laufbahn voll Ehrenstellen , Orden und Würden für mich erblickst , werden sich schwerlich jemals verwirklichen . Es sei denn , daß eine neue Zeit für uns heraufkäme . Die zu schaffen Du Dich berufen fühlst , mit Steinheim , Joseph und Andern , fiel Jenny ein . Ich bitte Dich Eduard , nur beim Frühstück verschone mich mit Politik , nur die eine Tasse Kaffee lasse mich ohne politische Zuthaten genießen . Vater ! verbiete ihm überhaupt , schon beim Frühstück vernünftig zu sein . Er hat ja dazu seine große Praxis , und den ganzen , langen Tag , der Morgen muß für uns sein . Der Vater gab scherzend den gewünschten Befehl und fragte , ob Eduard nicht wisse , wie man bei Horn ' s darauf gekommen sei , gerade ihn rufen zu lassen . Ihr Hausarzt , der alte Geheimrath , fand den Fall sehr bedenklich , berichtete der Sohn , that sehr ängstlich , und daher bestand das Fräulein selbst darauf , sich von ihm nicht den Verband anlegen zu lassen , und verlangte , man solle nach mir schicken . Wenigstens erzählte mir der Commerzienrath es so , ich weiß nicht , ob , um mir begreiflich zu machen , daß er selbst es nicht gethan hätte , oder um mir mitzutheilen , welch schmeichelhaftes Vertrauen die Tochter in mich setze . Ist sie so schön , als sie zu werden versprach ? Ich habe sie in der Schule gekannt , sagte Jenny ; aber spiele nicht den kalten , gefühllosen Arzt , der nichts sieht , als die Krankheit , fügte sie hinzu . Sie ist so schön , daß selbst der Kälteste sich an ihrem Anblick freuen muß , antwortete er ; dabei war sie so geduldig bei dem großen Schmerz , so liebenswürdig gegen die Umgebung , so dankbar gegen mich , daß ich ganz für sie eingenommen bin . Ich würde es sehr bedauern , wenn sie nicht völlig herzustellen wäre . Jenny war ganz glücklich , den Bruder so erwärmt zu sehen , und meinte , die Kranke könne sich glücklich schätzen , die werde gewiß sorgsamer und besser als manche Königin behandelt werden , aber Eduard möge sich bei der Kur nicht zu sehr anstrengen , damit er sich nicht etwa selbst eine Herzkrankheit zuziehe , die leicht unheilbar sein könnte . Nun kam auch Joseph Meier , der Neffe , welcher ebenfalls im Hause wohnte , dazu . Er war fast in gleichem Alter mit Eduard , doch ließ sein düsteres Wesen ihn älter erscheinen als er war . Er hatte ein kluges Aeußere , ohne hübsch zu sein , weil er sehr unregelmäßige Züge hatte , und gewöhnlich etwas mürrisch aussah . Nur selten flog ein Lächeln über das markirte Gesicht und verbreitete ein mildes Licht über die Augen , die eigentlich höchst gutmüthig waren , aber fast immer brütend zur Erde blickten . Joseph und Eduard waren von Kindheit an die besten Freunde gewesen , und hatten , einander gegenseitig ergänzend , sich zu dem gebildet , was sie geworden waren , zu tüchtigen Menschen , Jeder in seiner Art. Nur fehlte Joseph das liebenswürdige Wesen , der schöne ungezwungene Anstand , die Eduards Erscheinung so angenehm machten ; und vor Allem hatte dieser eine angeborene Beredsamkeit , während Joseph in den meisten Fällen nur kurz und abgebrochen sprach . Natürlich wurde bei Josephs Ankunft das eben Mitgetheilte wiederholt und nochmals besprochen . Er ließ sich das Ganze ruhig erzählen , und sagte dann mit seinem gewöhnlichen sonderbaren Lächeln : O ja , so sind sie , wenn sie Dich brauchen , können sie recht liebenswürdig sein . - Aber höre doch einmal , wie sie von Dir reden , wenn sie unter sich sind . - Frage einmal , ob sie Dich für ebenbürtig halten ? Diese Aeußerung , eben jetzt ausgesprochen , wo man in so guter Laune war , verstimmte die Uebrigen sichtlich . Jenny , die das düstere Wesen des Vetters nicht liebte , war die Erste , die ihren Verdruß äußerte , indem sie ihm den Caffee mit den Worten reichte : Da ! Du Störenfried ! trinke nur , damit Du nicht brummen kannst . - Auch Madame Meier schien unzufrieden . Der Vater fing an , die Zeitungen zu lesen , die Joseph mitgebracht hatte , und nur der Doctor plauderte noch eine Weile mit ihm fort ; dann entfernten sich die drei Männer , um an ihre Geschäfte zu gehen , und nur Mutter und Tochter blieben zurück . Joseph wird doch von Tag zu Tag unerträglicher , sagte die Letztere , er wird immer finsterer , immer abstoßender , und ich freue mich auf kein Fest , auf nichts mehr , sobald er dabei ist , weil ich weiß , daß er mir jede Freude stört . Und doch glaube ich , wandte die Mutter ein , daß es kaum ein reicheres , edleres Herz gibt , als das seine . Ich wüßte Niemand , der so freudig Alles für seine Geliebten zu opfern bereit wäre , Niemand , der es mit mehr Anspruchslosigkeit thäte als er . Auch achten wir Alle ihn von Herzen , haben ihn sehr lieb , und es thut mir leid , daß Du Dich nicht in seine Eigenheiten schicken kannst . Können ? mein Gott ! können würde ich es schon , aber ich will es gar nicht . Das ist es eben , was mich betrübt , mein Kind ! - Dies ewige ich will und ich will nicht , dies unfügsame in Deinem Wesen , das ist es , was mich über Dich besorgt macht . Als Du geboren wurdest , und ich Dich auf meinem Schooße heranwachsen sah , habe ich oft zu Gott gebetet , er möge alles Unheil von Dir abwenden . Bisher ist mein Gebet auf fast wunderbare Weise erhört worden , und doch sehe ich es mit Schmerz , daß wir Menschen Gott eigentlich um nichts bitten dürfen , weil wir nicht wissen , was uns frommt . So hättest Du mir also lieber Unglück wünschen sollen ? fragte die Tochter lächelnd . Zu Deinem wahren Heile wäre es vielleicht besser gewesen . Ich schloß von meinem Herzen auf das Deine , und darin irrte ich . In Dir ist der Charakter Deines Vaters , der feste , starke Sinn , und Eduards Einfluß hat diese Charakter-Richtung in Dir noch mehr ausgebildet . Vom Glück verzogen , von uns Allen mit der nachgiebigsten Liebe behandelt , hast Du es nie gelernt , Dich in den Willen eines Andern zu fügen ; was man an Dir als Eigensinn hätte tadeln sollen , das haben Vater und Bruder als Charakterfestigkeit gelobt , und ich begreife , daß Dir Joseph zuwider ist , weil er allein Dir entschieden und mit Nachdruck entgegentritt . Trotzdem weiß ich , daß er Dich mehr liebt , als Viele , die Dir schmeicheln . Bei den Worten reichte die milde Frau der Tochter die Hand . Diese nahm sie , drückte einen Kuß darauf , und saß eine Weile schweigend bei ihrer Arbeit . Man sah es ihrem lieblichen Gesichte an , daß irgend ein Entschluß , ein Gedanke sie beschäftigte ; auch legte sie plötzlich die Arbeit bei Seite , sah ganz ruhig die Mutter an und sagte mit einer Stimme , der man nicht das Geringste von der Bewegung anmerkte , die ihre Züge verriethen : Mutter ! den Joseph heirathe ich niemals . Niemals , Mutter ! - Sage ihm das , und auch dem Vater . Ich weiß , daß Ihr es wünschet , daß Joseph es erwartet und mich nur erzieht , um eine gute Frau an mir zu haben ; die Mühe aber kann er sparen . Sieh , fuhr sie fort , und ihre Fassung verlor sich mehr und mehr , so daß sie zuletzt bitterlich weinte , sieh , gute Mutter ! was Dein Beispiel , Deine Geduld , und Vater und Eduard , die ich so lieb habe , nicht über mich vermochten , das kann Joseph , den ich gar nicht liebe , gewiß nicht von mir erlangen . Ihr sagt oft , ich sei noch ein Kind , ich werde erst in einigen Wochen siebzehn Jahre , aber solch ein Kind bin ich nicht mehr , daß des Cousins rauhe , befehlende Art mich nicht verletzte . Andere haben mich auch getadelt , aber sie verlangen nicht das Unmögliche von mir . Dort die große , hohe Pappel im Garten biegt der Wind hin und her , und meinen kleinen , stacheligen Cactus hat er gestern mitten durchgebrochen , weil er sich nicht beugen konnte . So ist mein Herz ! Es mag Euch starr , rauh und häßlich erscheinen , aber es kann , so hoffe ich , Blüthen tragen , die Euch freuen . Man kann mein Herz brechen , aber es niemals zu schwächlichem Nachgeben , zu schwankender Gesinnung überreden - und das schwöre ich Dir , lieber will ich sterben , als Joseph ' s Frau werden . Laut schluchzend warf sie sich vor die Mutter nieder und barg das Gesicht in ihren Schooß . Erschreckt über so viel unerwartete Leidenschaftlichkeit schlang die besorgte Mutter die Arme um das geliebte Kind und versuchte auf alle Weise es zu beruhigen . Sie versicherte Jenny , daß sie allerdings glaube , der Vater würde ihre Verbindung mit Joseph gern sehen , doch sei es ihm nie in den Sinn gekommen , jemals ihrer Neigung Zwang anzuthun . Sie solle selbst über ihre Zukunft entscheiden ; sie wisse ja , daß die Eltern keinen andern Wunsch hätten , als das Glück ihrer Kinder - aber Alles war