Hahn-Hahn , Ida Gräfin von Gräfin Faustine www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ida Gräfin Hahn-Hahn Gräfin Faustine An Bystram Seit fünf Monaten schmachte ich im zwiefachen Kerker der Blindheit und der Krankheit ; seit fünf Monaten hast Du , unermüdlich über mir wachend , mich gepflegt und getröstet , mir Muth und Beruhigung zugesprochen , mir die Thräne aus dem Auge und den Angstschweiß von der Stirn getrocknet , mir Dein Auge und Deine Hand geliehen . Daß ich nicht ganz in Verzweiflung , Stumpfsinn , Apathie untergegangen bin , danke ich Dir . Darum soll dies Buch - das freilich schon vor einem halben Jahr , bis auf die letzte Durchsicht , fertig war , dessen Herausgabe aber doch einen aufglimmenden Funken geistiger Regsamkeit mir verkündet : - darum soll es Deinen Namen wie ein Diadem an der Stirn tragen . Vielleicht ist er das Beste an dem ganzen Buche . Tharand , 14. August 1840 . In Norddeutschland giebt es wol wenig lieblichere Punkte , als die Brühlsche Terrasse in Dresden zur Frühlingszeit . An einem Juniustage , frisch , grün und strahlend wie ein Smaragd , saßen mehre junge Männer vor dem Baldinischen Pavillon , rauchten Cigarren , nahmen Gefrornes oder Kaffee , musterten die Vorübergehenden und schwatzten eine Musterkarte von Unsinn durcheinander , wozu , wie sich von selbst versteht , Pferde , Theater und Frauen das Thema lieferten , - ein Thema , so lange und so oft gebrandschatzt , daß man schwer begreift , wie es noch immer zu neuen Variationen dienen könne . Es war drei Uhr Nachmittags , und daher keine elegante Frau auf der Terrasse zu sehen . Sie speisten oder wollten speisen , und fürchteten die Hitze , die Sonne , obgleich sich kühler , grüner , wehender Schatten über die Terrasse legte . Desto mehr mußte es auffallen , daß eine augenscheinlich dem höhern Stande angehörende Frau allein auf einer Bank saß , den Rücken dem Pavillon zugewendet , ungestört von dem Geschwätz der Männer , und von dem unruhigen , jauchzenden Treiben der Kinder , welche mit und ohne Wärterinnen die Terrasse gleich Ameisen überdeckten . Aber es fiel Keinem auf . Sie mußte also eine Erscheinung sein , die Jedermann kannte , und für die sich Niemand interessirte . Sie zeichnete emsig . Ein Bedienter stand wie eine Statue seitwärts hinter ihr und hielt einen Sonnenschirm so , daß weder ein blendender Lichtstrahl noch ein zitternder Schatten des Laubes Auge , Hand und Papier der Gebieterin treffen konnte . Ihr großes , dunkles Auge flog mit einem schnellen , scharfen Aufschlag hin und her zwischen Gegend und Zeichnung , und die feine Hand , ohne Scheu vor der Luft , der größern Festigkeit wegen des Handschuhs entledigt , folgte gewandt dem Blick . Sie war ganz in ihre Arbeit vertieft . » Lady Geraldin ist heute nach Teplitz abgefahren - das ist meine letzte Neuigkeit , « sagte ein junger Mann aus jener Gruppe . » Ist gar keine Neuigkeit ! « rief ein Anderer , » es war längst bestimmt . « » Aber auf morgen . « » Nein , auf heute . « » Wahrhaftig , auf morgen ! « » Kurz und gut , sie ist fort , « sagte ein Dritter , » und bald wird Dresden ganz ausgestorben sein . Man muß sich auch davon machen . Es ist unerträglich , nichts als gemeine unbekannte Gesichter zu sehen . « » Ich liebe gerade die fremden Gesichter , welche wie Wandervögel jetzt hindurch und in die Bäder ziehen . « » Ah , fremde Gesichter ! das ist etwas ganz Andres ! die lieb ' ich auch , und die kennt man sehr schnell . Ich meinte die unbekannten , die Nobody ' s , den Bodensatz der Gesellschaft , Namen , die man sich hundertmal wiederholen läßt , ohne im Stande zu sein , sie zu behalten , Gestalten , die Anspruch darauf machen , gegrüßt zu werden , weil man sie in irgend einem Salon coudoyirt hat - und von solchen wimmelt Dresden plötzlich , wie die Nacht von Gespenstern . « » Ich bedaure jeden , der gezwungen ist den Sommer hier zuzubringen . « » Und gestern Abend ist Graf Mengen angekommen . Der Gesandte hat nur darauf gewartet , um seine Badereise anzutreten - so bleibt er denn solo soletti ! - Freilich .... reiten kann man überall , und auch allein ist ' s amüsant . « » Beneidenswerth ! - Und wo werden Sie hingehen ? « » Unbestimmt noch ! hie und da aufs Land , zu Freunden - später nach Teplitz . Wenn Fürst Clary Wettrennen veranstalten wollte , wie sie doch jetzt in jedem civilisirten Lande Europa ' s , und ziemlich an jedem Ort , wo fashionable Gesellschaft sich zusammenfindet , Mode sind : so würde der dortige Aufenthalt bedeutend gewinnen . Das Terrain wäre vortrefflich ; die Wiener würden auch ihre Pferde schicken . Unbegreiflich , daß der Clary den Vortheil nicht einsieht . « » Kennen Sie den Graf Mengen ? « - wurde gefragt . » Ich sah ihn heut ' früh bei Feldern , seinem Universitätsfreunde , aber nur einen Augenblick . Wir wurden einander genannt - dann ging er zu seinem Gesandten . « » Wie sieht er aus ? hat er gute Manieren ? « » Ich denke , er muß pompös zu Pferd sitzen . « » Aber , lieber Centaur , « rief Einer , » im Zimmer , im Salon kann man nicht zu Pferd sitzen , und muß sich doch präsentiren . « Der Centaur , der nichts Schmeichelhafteres kannte , als diesen Beinamen , sagte : » Wer gut reitet , präsentirt sich überall und immer gut , hat Gewandtheit , Kraft , Haltung , Ungezwungenheit - kurz Alles , was ein Cavalier bedarf . « » Auch Verstand ? « » Auch Verstand ! die Pferde sind kluge , schlaue , pfiffige , tückische Bestien , haben viel Aehnlichkeit mit den Weibern , müssen gehorchen lernen , auf den Wink , der geringsten Bewegung . Es gehört viel Verstand dazu , ein tiefes Studium und ernste Beharrlichkeit , ihnen Gehorsam einzuimpfen . « » Den Weibern oder den Pferden ? « » Beiden ! Der Umgang mit diesen ist gleichsam die Elementarschule zum Verkehr mit jenen . « » Ich gratulire Deiner künftigen Gemahlin , lieber Centaur . « » Hat noch Zeit ! bin noch nicht firm genug « - war die Antwort . » Da kommt Feldern mit einem Fremden , wahrscheinlich Graf Mengen , « unterbrach Jemand das geistreiche Gespräch . » Richtig , er ist ' s ! « rief der Centaur ; » ich parire , er ist ein excellenter Reiter . « Neben dem kleinen , blonden , schmächtigen , zierlichen Feldern , der Hände hatte , weiß und zart wie ein Frauenzimmer , und ein Gesicht freundlich lächelnd , wie ein vierzehnjähriges Mädchen - ging ein großer Mann , schlank und dunkel wie eine Tanne , vom Scheitel bis zur Sohle ernst und fest wie aus Erz gegossen ; aber die ganze Erscheinung wunderbar gelichtet , erleuchtet fast , durch seine Augen , welche Lichtstreifen auf den Gegenstand zu werfen schienen , den sie anblickten ; übrigens aber vornehm gleichgültig , zerstreut selbstbewußt in Haltung und Manieren - kalt übersehend , spöttisch abwehrend in Wort und Ausdruck für die Masse , jedoch dem Einzelnen nie Huldigung oder Bewunderung versagend - so trat Graf Mario Mengen auf . Feldern machte ihn mit all den jungen Männern bekannt . Einige empfingen ihn neugierig zudringlich , Andere thaten gleichgültig gegen den Fremden , den Uneingeweihten in das Geschwätz und die Interessen ihrer Coterie . Mario ließ Alle schwatzen , gähnen , rauchen , setzte sich mit untergeschlagenen Armen , und blickte in die lachende Gegend hinein . » Da zeichnet ja die Gräfin Faustine « - sagte Feldern plötzlich . » Aber wo ist denn Andlau ? « fragte Einer ; » fast eine Stunde ist sie allein hier , mich wundert , daß er das zugiebt . « » Daß er es erträgt ! « rief ein Andrer . » Nun , nun ! « sagte der immer begütigende Feldern , » sie sind ja nicht Beide aneinander geschmiedet . « » Glauben Sie nicht , Feldern , daß sie heimlich verheirathet sind ? « » Nein , denn sie könnten es ja wol öffentlich sein , wenn sie wollten . « » Wer kann ' s wissen ! das Ding hat gewiß seinen Haken . « » O ganz gewiß ! « rief ein Dritter ; » z.B. den eigenwilligen Kopf der Gräfin Faustine selbst , die , um etwas ganz Apartes zu haben , in der Stille bestimmt tausend Martern ertrüge - natürlich ohne sich selbst oder Andern zu gestehen , daß es in der That Martern sind . « » Es ist wahr , sie hat ihre eigenen und eigenthümlichen Allüren « - sagte Feldern . » Ein Beispiel hat mich ungeheuer frappirt , entgegnete der Andre . » Sie trug den ganzen Winter hindurch in allen großen Soireen ein und dasselbe Kleid . « » In allen Soireen ! sie geht doch wenig in die Welt . « » Kann sein ! aber wenn sie ging , so trug sie ihr himmelblaues Atlaskleid . Zuerst war das ganz gut ; aber es ist doch wunderlich , öfter als drei- bis viermal genau im nämlichen Anzug zu erscheinen . In Italien herrscht die Sitte , daß Mütter ihre Kinder unter den besondern Schutz der Madonna stellen und sie deshalb in deren Farbe , hellblau , kleiden - ein Jahr , eine Reihe von Jahren , immer , je nachdem sie es gelobt haben . Ich fragte die Gräfin Faustine , ob sie ein solches Gelübde gethan . Nein , sagte sie , aber das der Bequemlichkeit . - Ist dies natürlich bei einer Frau - ich frage ! « Indem erhob sich Faustine , gab dem Bedienten das Zeichenbuch und nahm den Sonnenschirm . Dann stand sie ungefähr eine Minute lang an der Balustrade der Terrasse . Sie trug ein ganz schlichtes weißes Percale-Kleid , den Hals umschließend , auf die Füße herabfallend . Kein buntes Band , keine Schleife , kein Shawl zerschnitt die Gestalt und störte den harmonischen Eindruck ihrer statuenmäßigen Proportionen . Ein tiefer weißer Taffthut verbarg ihr Haar , fast ihr Gesicht . Sie wandte sich langsam . Es sah aus , als bildeten die grünen Bäume ein Laubdach für Andere , einen Tempel für sie . Sie ging mit dem Anstand einer Königin an den Männern vorüber , die sie freundlich grüßte , als sie Bekannte unter ihnen wahrnahm . » Wer war die Dame ? « fragte Graf Mengen lebhaft . » Eben die Gräfin Faustine , von der wir sprachen . « » Eine Fremde ? « » Ja ; doch seit einigen Jahren hier etablirt . « » Verheirathet ? « » Gewesen . - Vielleicht . - Man weiß nicht . - Wittwe . - Unverheirathet . « - Erscholl es von allen Seiten . Mengen warf den Kopf herum : » Die Herrn sind guter Laune . « » Auf Ehre ! reine Wahrheit was wir sagen ! « » Das Wahrste und Einfachste , « sprach Feldern , » ist indessen doch , wenn man sagt , daß Gräfin Faustine Obernau Wittwe ist . « » Kennst Du sie ? « fragte Mengen . » Recht gut . « » Ist sie liebenswürdig ? kann ich sie auch kennen lernen ? - Nimm nicht übel , daß ich die insipideste aller Conversationen , eine fragende , mache ! Dem Fremden muß man das verzeihen . « » Ueber diese Frau , « nahm ein Anderer das Wort , » könnte man noch ein Paar hundert Fragen thun , wenn es der Mühe lohnte , und Jeder würde eine andere Antwort geben , weil ein Feld von allerlei Möglichkeiten bei solchem Verhältniß aufgethan ist . Aber eben weil ein solches Verhältniß statt findet , kann man ja alle Fragen von Hause aus sparen . « » Wann werden Sie dem König vorgestellt , Graf Mengen ? « fragte Einer . » Ich denke , Sonntag , wenn er von Pillnitz herein kommt . « » Ist der Wiener Hof von großer Ressource für die Gesellschaft ? « » Von gar keiner ! mit einer Cour hat die Gesellschaft , mit ein Paar Kammerbällen hat der Hof seine Pflicht abgethan . « » War das diesjährige Pferderennen glänzend , und wessen Pferd siegte ? « fragte der Centaur . » Ich meine , es war ein Lichtensteinsches . « » Das wissen Sie nicht einmal gewiß ! ich hoffe , Graf Mengen , daß Sie ein Liebhaber der Pferde sind . « » O ja , « sagte Mengen gelangweilt , » nur nicht der Gespräche über sie . Sobald ich meine Pferde hier habe , will ich die Gegend weidlich durchstreifen . « » Graf Mengen ! « rief der Centaur mit überquellendem Herzen ; » gleich vom ersten Augenblick an hab ' ich das in Ihnen vorausgesetzt . Ich hab ' eine horrende Freude , daß mich mein erster Blick in diesem Punkte nie trügt . « Er packte seine Hand und schüttelte sie . Die Uebrigen lachten und neckten den Centauren mit seinem untrüglichen Urtheil . Kein Demosthenes wäre im Stande gewesen , dem Gespräch über Pferde eine andere Wendung zu geben . Mengen stand auf . » Die Speisestunde meines Ministers « - sprach er grüßend , und ging . » Nun , Feldern , « riefen Alle durcheinander , » heraus damit ! erzählt , erzählt ! von seinen Verhältnissen , seinen Umständen , seiner Carriere ! » Mein Gott , « sagte Feldern , » davon giebt es nichts Besonderes zu erzählen ! Er macht die diplomatische Carriere wie jeder Andere und wie er auch seine Studien machte - auf ganz gewöhnlichen Wegen , ohne besondere Protection . Und ob er Vermögen hat , weiß ich nicht ! In Göttingen hatte er bald vollauf Geld und bald nichts ; aber immer war er , als befehle er über Goldminen und verachte sie nur . Einmal kam ein Prinz dahin und brachte die Mode der kostbaren und eleganten Stöcke mit . Wir schafften uns Alle dergleichen an . Mengens Fonds mochten niedrig stehen , er hatte keinen . Da sagte er einmal bei Tisch : Bah ! wer mag denn den Tambour-Major spielen und einen Stock mit blankem Knopf tragen ! - Es kam uns vor , als habe er uns zu Tambour-Majors dadurch ernannt . - Die prächtigen Stöcke verschwanden . « » Solch ein stupendes Uebergewicht kann auf der Universität jeder Raufbold haben . « » Das war er nicht . Er schlug sich , wenn er mußte und dann tüchtig ; aber nie suchte er Händel . « » Wir wollen doch sehen , ob der Legationssecretär die Suprematie des Studenten hier wird geltend machen wollen und können . « » Er scheint Lust dazu zu haben . « » Ich glaube nicht , « sagte Feldern , » er hat Lust aus der untergeordneten in eine unabhängige Stellung zu kommen , freie Hand zu haben . Seinen alten Minister wird er wol etwas tyrannisiren , allein die Fanfaronaden der Burschenzeit liegen zu weit ab , um sie in die gegenwärtigen Zustände zu verflechten . « » Wenn er sich poussiren will , muß er eine Ministertochter heirathen - anders geht ' s heutzutag nicht . « » Oder nicht heirathen , das hilft bisweilen auch . « » Wie das ? wie so ? - Das ist bequemer noch ! - Wem ist das passirt ? « » Einem meiner Vettern ! er war verlobt mit der Tochter eines Allmächtigen , und die Vermählung schon festgesetzt . Da kommt ein immens reicher , dummer Russe ; die Braut faßt die heftigste Leidenschaft für ihn , die er , so gut er kann , erwiedert . Erklärungen , tragische Scenen zwischen Braut und Bräutigam ! Letzterer tritt natürlich zurück , denn er ist der Aermere , folglich der Ungeliebte . Aber er hat eminenten Kopf , Schlauheit , Talent , Scharfsinn ; der Ex-Schwiegerpapa will all diese guten Gaben nicht gegen sich im Felde wissen , so wird mein Vetter bei siebenundzwanzig Jahren Gesandter in Stockholm und einer eiteln Närrin los und ledig . « » Verdammtes Glück ! - Und das letzte größer als das erste ! « » Rücksichten regieren die Welt « - sagte Feldern bedachtsam . » Aber sie geniren teufelmäßig ! « - rief ein Anderer . » Ich habe das nie finden können , « entgegnete Feldern ; » Rücksichten sind die Geleise , in welchen der Wagen der Gesellschaft ruhig und sicher fährt , ohne mit andern zusammen zu stoßen , zu zertrümmern und zertrümmert zu werden . « » Aber es giebt breitspurige Wagen . « » Nun , die halten halbe Spur , und sind nach einer Seite wenigstens geschützt . « Die Cigarren waren geraucht , die Tassen und Becher geleert , die Gespräche erschöpft . Jeder schlenderte seiner Wege ; die Meisten zur Sieste . In Faustinens Wohnung herrschte tiefe Stille . Sie lag an der Promenade ; da gab es kein Wagengerassel , kein Pferdegestampf , kein Marktweibergeschrei , nichts , was an den Tumult und das Bedürfniß erinnert . Die Fenster des Salons - lange Glasthüren , welche auf den Balcon führten - waren geöffnet und die Jalousien geschlossen , damit nur das scharfe Licht , nicht die Luft verbannt sei . Auf einer Ottomane saß der Baron Andlau und blätterte ziemlich unaufmerksam in einem Buch - denn er wartete . Nichts auf der Welt ist störender als die Erwartung , sogar von den geringfügigsten Dingen . Von dem Moment an , wo man wartet , ist man trotz aller Fähigkeiten , Kräfte und Sinne nichts als ein Schütze , der von der ganzen Erde nichts sieht und weiß außer dem schwarzen Punkt in der Scheibe . Andlau wartete auf Faustine . Warum kommt sie nicht ? sprach er zu sich selbst ; sollte ihr irgend etwas zugestoßen sein ? Warum ging ich nicht mit ihr - mein Kopfweh wäre nicht ärger worden ! Warum ließ ich sie überhaupt gehen in dieser heißen Tageszeit ! - Er nahm den Hut und wollte ihr entgegen ; da hörte er ihren Schritt auf der Treppe , und er sprang auf und öffnete ihr die Thür . Es wurde ganz hell in dem verfinsterten Gemach , als sie eintrat . Faustine warf ihren Hut auf den einen Tisch , ihr Zeichenbuch auf den andern , sich selbst auf ein Sopha und sagte : » Lieber Anastas , das wird ein hübsches Bild werden ! aber müde bin ich - todtmüde ! « » Warum strengst Du Dich so an ? muß das Bild denn nothwendig eine so heiße Sonnenschein-Beleuchtung haben ? « » Ganz nothwendig ! « - sagte sie und stand auf ; » ich bin auch schon ausgeruht , und heut Abend mußt Du mit mir nach der Neustadt hinüber ! ich will mir recht einprägen , wie der Fluß und die Kirchen im Mondlicht aussehen . Das wird ein Gegenstück dazu . « » Hier ist ein Brief an Dich , « sagte Andlau und nahm ihn vom Schreibtisch ; » nach dem Wappen zu urtheilen , von Deinem Schwager . « » Richtig ! « rief Faustine und las : » Geehrteste Frau Schwägerin ! Ihrem erfreulichen Schreiben vom 24. huj . zu Folge , entnehmen wir aus demselben Ihre gütige Absicht , uns im Lauf des Monat Junius mit Ihrem schmeichelhaften Besuch zu erfreuen . Da mein jüngstgebornes Söhnchen am 10. desselben Monats die Taufe empfangen soll , so vereinigen meine liebe Frau und ich unsre Bitte und Wunsch dahin , daß es Ihnen gefallen möge , eine Pathenstelle bei selbigem Knäbchen zu übernehmen , und es am 10. Junius , Mittags um 2 Uhr , in meiner Kirche zu Oberwalldorf über die Taufe zu halten . Ihre Mitgevattern werden sein : die Frau Baronin von Feldkirch , geborne Gräfin Hagen auf Mühlhof , und mein Bruder Clemens von Walldorf , welcher sich , nachdem er seine Studien zu Würzburg und Jena seit Ostern vollendet hat , bei mir aufhält , um die Landwirthschaft praktisch zu studiren , was ein ganz ander und viel wichtiger Ding ist , als es theoretisch zu thun . Meine Kinder befinden sich sämmtlich wohl und munter , was unter allen Umständen mit Dankbarkeit anzuerkennen ist , aber dann ganz besonders , wenn man sieben hat und auf dem Lande , fern von ärztlicher Hülfe , wohnt . Auch meine liebe Frau ist , Gottlob ! so wohl wie man es nur wünschen kann , denn die Wochenbetten sind ihr bereits zur Gewohnheit worden , wie Tag und Nacht . Sie trägt mir die herzlichsten Grüße für die liebe Schwester auf . Ich aber , verehrte Frau Schwägerin , unterzeichne mich als Ihren treuergebenen Schwager und Bruder und ganz gehorsamen Diener , Maximilian von Walldorf . « » Nun gut ! « sagte Faustine , » auf ein Paar Tage früher oder später kommt es Dir wol nicht an . Laß uns übermorgen reisen ! Bis Coburg zusammen , dann Du nach Kissingen , ich nach Oberwalldorf , und in der ersten Hälfte des Julius hole ich dich ab , und fort nach Belgien . « Andlau machte keine Einwendung . Er war mit Allem zufrieden , was ihr genehm war , und da sie meistentheils auf nichts und Niemand in der Welt Rücksicht nahm , als auf ihn allein , so muß man ihm diese Zufriedenheit als ein außerordentliches Verdienst anrechnen ; denn die Masse der Menschen ist am verdrießlichsten , wenn man die größte Rücksicht auf sie nimmt . Faustine sagte : » Es ist nur eine Trennung von vier bis fünf Wochen , die uns bevorsteht ; aber dennoch , Anastas , bin ich traurig , als wären es eben so viel Jahre . Trennung ist Trennung ! auf die Länge der Zeit , auf die Weite des Raums kommt es gar nicht dabei an . In drei Tagen , wo ich dich nicht sehe , nicht höre , nichts von Dir weiß , kannst Du und kann ich eben so gut zu Grunde gehen , als wenn wir auf immer getrennt wären . Ist denn das Wiedersehenwollen eine Bürgschaft des Wiedersehens ? « » Gewiß , Faustine ! meinst Du , daß etwas Anderes uns trennen könne , als unser Wille ? « » O ja ! « sagte sie melancholisch . » Ja ? « rief er heftig ; » ja ? nun , wenn Du das glaubst , so sind wir schon getrennt . « » Der Tod , « sprach sie , » nimmt auf keinen menschlichen Willen Rücksicht ; er hat seinen eigenen Gang . « » O der Tod , Faustine ! .... Du wirst nicht sterben , und wenn ich sterbe .... « - » So sinke ich Dir nach ! Du hast Recht , Anastas , das ist kein Tod und keine Trennung . « Sie hatte sich zu ihm auf die Ottomane gesetzt , und legte nun ihr weiches , frisches , blühendes Haupt auf seine Schulter und ihre gefalteten Hände in seine Linke , während er sie mit dem rechten Arm umschlang . Er berührte leise mit den Lippen ihre Stirn und sah auf sie herab mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Zärtlichkeit , Andacht und Freude . Er hatte ein Gesicht mit scharfgezeichneten Zügen , mit Spuren von starker Leidenschaft , von ernsten Gedanken ; aber wenn der Blick seines großen blauen Auges auf Faustine fiel , so verklärte sich dies strenge Auge und die schneeweiße Stirn , welche es überwölbte , auf eine Weise , die Keiner ahnte , der ihn nicht mit ihr gesehen ; denn seine breiten , dunkeln Augenbraunen und sein glänzend schwarzes , feines Haar , das sich schlicht um seine Stirn legte , verbunden mit einem durchdringenden , klaren Blick , gaben ihm einen Ausdruck von ungewöhnlicher Strenge . Nur Faustine hatte ihn aus innerer Freudigkeit lächeln gesehen ; denn für sie war er Alles , was sie bedurfte , und in jedem Augenblick , wo sie es bedurfte : Vater oder Freund , Lehrer oder Geliebter , lächelnd oder warnend , ermahnend oder scherzend , sorgend oder liebend , und wie an ihre sichtbare Vorsehung lehnte sie sich an ihn . Ihre fliegende Phantasie ward in Schranken gehalten durch seine Klarheit , ihre reizbare Beweglichkeit durch seine Ruhe . Bisweilen fühlte sie sich beängstigt durch das Uebergewicht , welches besonnene Charactere immer über phantastische haben , und sagte scherzhaft : » Wie jene Sclavinnen des Orients als Zeichen ihrer Knechtschaft nur eine kleine goldene Fessel in der Hand tragen , die wie ein Schmuck aussieht , so ist auch Deine Liebe wol ein Schmuck , aber doch eine Fessel . « » Die du nothwendig brauchst , um nicht in alle vier Winde zu verflattern « - entgegnete Andlau . » Und dann verdien ' ich es auch nicht besser , « sagte sie , » habe eine ächte Sclavennatur , und liebe da am meisten , wo ich am meisten tyrannisirt werde ; und zwar so sehr , daß ich die Menschen gar nicht begreife , welche extraordinär genug lieben , um sich gar nicht um das Liebste zu kümmern , ihm sein Glück gönnen , ohne es theilen , seine Freude ohne sie genießen , seine Wege ohne sie verfolgen zu wollen . Aus lauter Liebe lassen sie das Liebste laufen ; was bleibt da der Gleichgültigkeit übrig ? Ich halt ' es mit der exclusiven Liebe ! « Da ihr Geist immer Nahrung und Anregung bei Andlau fand , und seine Seele für sie der Inbegriff aller Vollkommenheit war , so drückte seine Ueberlegenheit sie auch nur in den seltenen Fällen , wo ihr Wille sich durch den seinen beeinträchtigt glaubte . Aber wenn sie sich die Mühe nahm zu überlegen , so sagte sie immer : » Du hast wirklich Recht . « Indessen kam es selten bei ihr zur Ueberlegung . Sie that wie und was Andlau wünschte , sobald seine Meinung die ihre überwog . Außerdem handelte sie nach Laune , aus Leidenschaft , aus Eingebung , was immer eine mißliche Sache ist , und wenn die Natur auch die allerreinste . Faustine hatte eine solche ; Grundsätze jedoch hatte sie nicht . » Wenn ich die Grundsätze nur begreifen könnte , « sagte sie oft , » so wollte ich sie mir ja sehr gern zu eigen machen . Allein Jeder hat seine ganz besondern und ganz possirlichen . Der Eine spricht : ich stehe alle Morgen um sechs Uhr auf , das ist mein Grundsatz . Der Andere : ich erziehe meine Kinder durch Prügel , das ist mein Grundsatz . Der Dritte : ich lasse die Leute schwatzen , was sie mögen , bekümmere mich um nichts und thue , was ich will - das ist mein Grundsatz . Mit Letzterem bin ich gewiß ganz einverstanden ; nur sehe ich nicht ein , weshalb eine so natürliche Denk- und Handlungsweise mit dem pomphaften Wort Grundsatz belegt werden solle . « » Die Grundsätze sollen uns ja keineswegs eine unnatürliche , sondern eine edle , unserm Wesen entsprechende Richtung geben , « sagte Andlau , » und uns helfen diese Richtung zu verfolgen , soviel es in menschlicher Kraft steht , wenn es uns auch schwer wird - eben weil wir sie als die erforderliche und nothwendige zu unserer Entwickelung erkannt haben . « » Sie machen starr und unbeugsam ! « rief Faustine . » Wo sie fehlen , giebt ' s Leichtsinn und Flatterhaftigkeit « - sagte Andlau lächelnd . » Wenn ich mir nun auch vorgenommen habe , auf der Chaussee zu gehen , warum soll ich nicht aus dem dicken Staube oder von den harten Steinen auf die Wiese nebenbei , und zu meinem Ziel spazieren ? ich komme ja angenehmer hin . « » Aber Du kannst Dir im Thau nasse Füße und den Schnupfen holen ; oder ein breiter Graben sperrt Deinen Pfad und Du mußt umkehren ; oder ein Schmetterling lockt Dich seitab ; oder Du kommst eine Minute später an , und diese eine ist zu spät . « » Ich hab ' auch einen Grundsatz , « sprach Faustine ernsthaft . » Und der wäre ? « » Nie mit Dir zu disputiren , weil ich immer den Kürzern ziehe , was gewiß sehr demüthigend ist . « Doch auch dieser war nur ein momentaner Einfall . In ihrem Charakter waren viele Anomalien und manche Schatten ; doch der vorherrschende Zug ihres ganzen Wesens war eine Liebenswürdigkeit , die jene ausglich und diese überstrahlte . Worin ihre Liebenswürdigkeit bestand , konnte man nicht definiren - vielleicht blos darin , daß sie natürlich und ohne Ansprüche war , und von Niemand weder Lob , noch Beifall , noch Huldigung verlangte . Die tiefe Sorglosigkeit über den Erfolg ihrer Erscheinung oder ihres Gesprächs gab ihr eine solche Frische , daß um alltägliche Handlungen , um gewöhnliche Worte ein reizender Schmelz gehaucht war , wie er auf frischgepflückten Früchten liegt . Es ist ein Hauch ,