Gotthelf , Jeremias Wie Uli der Knecht glücklich wird www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Jeremias Gotthelf Wie Uli der Knecht glücklich wird Eine Gabe für Dienstboten und Meisterleute Erstes Kapitel Es erwacht ein Meister , es spukt in einem Knechte Es lag eine dunkle Nacht über der Erde ; noch dunkler war der Ort , wo eine Stimme gedämpft zu wiederholten Malen » Johannes ! « rief . Es war ein kleines Stübchen in einem großen Baurenhause ; aus dem großen Bette , welches fast den ganzen Hintergrund füllte , kam die Stimme . In demselben lag eine Bäurin samt ihrem Manne , und diesem rief die Frau : » Johannes ! « , bis er endlich anfing zu mugglen und zuletzt zu fragen : » Was willst , was gibts ? « » Du wirst auf müssen und füttern ! Es hat schon halb fünf geschlagen und der Uli ist erst nach den zweien heimgekommen und noch die Stiege herabgefallen , als er ins Gaden wollte . Es dünkte mich , du solltest erwachen , so hat er einen Lärm verführt . Er ist voll gewesen und wird jetzt nicht auf mögen , und es ist mir auch lieber , er gehe so gestürmt mit dem Licht nicht in den Stall . « » Es ist ein Elend heutzutag mit den Diensten , « sagte der Bauer , während er Licht machte und sich anzog , » man kann sie fast nicht bekommen , kann ihnen nicht Lohn genug geben , und zuletzt sollte man alles selbst machen und zu keiner Sache nichts sagen . Man ist nicht mehr Meister im Hause und kann nicht eben genug trappen , wenn man nicht Streit haben und verbrüllet sein will . « » Du kannst das aber nicht so gehen lassen , « sagte die Frau , » das kömmt zu oft wieder ; erst in der letzten Woche hat er zweimal gehudelt , hat ja Lohn eingezogen , ehe es Fasnacht war . Es ist mir nicht nur wegen dir , sondern auch wegen Uli . Wenn man ihm nichts sagt , so meint er , er habe das Recht dazu , und tut immer wüster . Und dann müssen wir uns doch ein Gewissen daraus machen ; Meisterleut sind Meisterleut , und man mag sagen , was man will , auf die neue Mode , was die Diensten neben der Arbeit machen , gehe niemand etwas an : die Meisterleut sind doch Meister in ihrem Hause , und was sie in ihrem Hause dulden und was sie ihren Leuten nachlassen , dafür sind sie Gott und den Menschen verantwortlich . Dann ist mir noch wegen den Kindern . Du mußt ihn ins Stübli nehmen , wenn sie zMorge gegessen haben , und ihm ein Kapitel lesen . « Es herrscht nämlich in vielen Bauernhäusern und namentlich in solchen , die zum eigentlichen Bauernadel gehören , das heißt in solchen , wo der Besitztum lange in der Familie sich fortgeerbt hat , daher Familiensitte sich festgesetzt , Familienehre entstanden ist , die sehr schöne Sitte , durchaus keinen Zank , keinen heftigen Auftritt zu veranlassen , der irgend der Nachbaren Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnte . In stolzer Ruhe liegt das Haus mitten in den grünen Bäumen ; in ruhigem , gemessenem Anstande bewegen sich um und in demselben dessen Bewohner , und über die Bäume schallt höchstens das Wiehern der Pferde , aber nicht die Stimme der Menschen . Es wird nicht viel und laut getadelt . Mann und Weib tun es gegen einander nie , daß es Andere hören ; über Fehler von Dienstboten schweigen sie oft oder machen gleichsam im Vorbeigehen eine Bemerkung , lassen bloß ein Wort , eine Andeutung fallen , daß es die Andern kaum merken . Wenn etwas Besonderes vorgefallen oder das Maß voll geworden ist , so rufen sie den Sünder ins Stübli , und zwar so unvermerkt als möglich , oder suchen ihn bei einsamer Arbeit auf und lesen ihm unter vier Augen ein Kapitel , wie man zu sagen pflegt , und dazu hat der Meister gewöhnlich sich recht vorbereitet . Er liest dieses Kapitel in vollkommener Ruhe , recht väterlich , verhehlt dem Sünder nichts , auch das Herbste nicht , läßt ihm aber auch Gerechtigkeit widerfahren , stellt ihm die Folgen seines Tuns in Bezug auf sein zukünftig Schicksal vor . Und wenn der Meister fertig ist , so ist er zufrieden , und die Sache ist so weit abgetan , daß der Abkapitelte oder die Andern im Betragen des Meisters durchaus nichts spüren , weder Bitterkeit noch Heftigkeit noch etwas anderes . Diese Kapitelten sind meist von guter Wirkung , wegen dem Väterlichen , das darin vorherrscht , wegen der Ruhe , mit welcher sie gehalten werden , wegen der Schonung vor Andern . Von der Selbstbeherrschung und ruhigen Gemessenheit in solchen Häusern vermag man sich kaum eine Vorstellung zu machen . Als der Meister im Stall fertig war , kam Uli auch nach , aber stillschweigend ; sie sagten kein Wort zu einander . Als die Stimme aus der Küchetüre zum Essen rief , ging der Meister alsobald zum Brunnentrog und wusch die Hände ; aber Uli drehte noch lange , ehe er kam . Er wäre vielleicht gar nicht gekommen , wenn die Meisterfrau nicht eigenmündig ihm noch einmal gerufen hätte . Er schämte sich , sein Gesicht zu zeigen , das braun , blau und blutig war . Er wußte nicht , daß es besser ist , sich vor einer Sache zu schämen , ehe man sie tut , als hinterher über eine Sache , wenn sie getan ist ; aber er sollte es erfahren . Über Tisch fiel keine Bemerkung , keine Frage , welche ihn betroffen hätte , nicht einmal spöttische Gesichter durften die beiden Mägde machen , denn der Meister und die Meisterfrau machten ernsthafte . Als aber abgegessen war , die Mägde die Schüsseln hinaustrugen und Uli , der zuletzt fertig war , die Ellbogen ab dem Tisch hob und die Kappe wieder auf den Kopf setzte , also gebetet hatte und auch hinaus wollte , sagte der Meister : » Kumm , los neuis « ging ins Stübli und machte hinter ihnen zu . Der Meister setzte sich oben zum Tischli , Uli blieb an der Türe stehen und machte ein Schafsgesicht , das sich gleich leicht in ein trotziges oder ein reumütiges verwandeln ließ . Uli war ein großer , schöner Bursche , noch nicht zwanzig Jahre alt , von kraftvollem Aussehen , aber mit etwas auf seinem Gesichte , das nicht auf große Unschuld und Mäßigkeit schließen ließ , das ihn im nächsten Jahre leicht zehn Jahre älter konnte aussehen lassen . » Hör , Uli , « hob der Meister an , » so kann das nicht länger gehen , du tust mir zu wüst , dein Hudeln kömmt mir zu oft wieder ; ich will meine Rosse und Kühe Keinem anvertrauen , der den Kopf voll Brönz oder Wein hat , einen Solchen darf ich nicht mit der Laterne in den Stall lassen , und ganz besonders nicht , wenn er noch dazu tubaket wie du , es sind mir schon zu viele Hauser so verleichtsinnigt worden . Ich weiß gar nicht , was du auch sinnest und was du denkst , wo das hinaus soll . « Er hatte noch nichts verleichtsinniget , antwortete Uli , er hätte seine Arbeit immer noch gemacht , es hätte ihm sie niemand zu machen gebraucht , und was er saufe , zahle ihm niemand ; was er versaufe gehe niemand an , er versaufe sein Geld . » Aber es ist mein Knecht , « antwortete der Meister , » der sein Geld versauft , und wenn du wüst tust , so geht es über mich aus und die Leute sagen , das sei aber des Bodenbauren Knecht und sie wußten nicht , was der auch sinne , daß er ihn so machen lasse und daß er so einen haben möge . Du hast noch kein Haus verleichtsinniget ; aber denk , Uli , wär es nicht an einem Mal zu viel und hättest du noch eine ruhige Stunde , wenn du denken müßtest , du hättest mir mein Haus verleichtsinniget , und wenn wir und die Kinder noch darin bleiben müßten ? Und was ists mit deiner Arbeit ? Es wär mir lieber , du lägest den ganzen Tag im Bett . Du schläfst ja unter den Kühen beim Melken ein , siehst , hörst , schmöckest nichts und stopfest ums Haus herum , wie wenn du sturm wärest an der Leber . Es ist ein Elend , dir zuzusehen . Da staunest du so gradeaus , daß man wohl sieht , daß du an nichts als an deine Schleipfe sinnest , mit denen du desumetrolet bist . « Er sei mit keinen Schleipfe desumetrolet , sagte Uli , solches nehme er nicht an . Und wenn er ihm nicht genug arbeiten könnte , so wolle er gehen . Aber so sei es heutzutage , man könne keinem Meister mehr genug arbeiten , wenn man schon immer mache ; es sei einer wüster als der andere . Lohn wollten sie je länger je weniger geben , und das Essen werde alle Tage schlechter . Am Ende werde man noch Erdflöh , Käfer und Heustöffel zusammenlesen müssen , wenn man Fleisch haben wolle und etwas Schmutziges ins Kraut . » Hör , Uli , « sagte der Meister , » so wollen wir nicht mit einander reden , du bist noch gstürmt , ich hätte noch nichts zu dir sagen sollen . Aber du kannst mich dauren , du wärest sonst ein braver Bursch und könntest arbeiten . Ich habe eine Zeitlang geglaubt , es gebe etwas Rechtes aus dir , und habe mich gefreut . Aber seitdem du das Hudeln angefangen und das Nachtgeläuf , bist du ganz ein Anderer geworden . Es ist dir an nichts mehr gelegen , hast einen bösen Kopf , und wenn man dir , wie leicht , etwas sagt , so hängst du einem das böse Maul an oder tublest eine ganze Woche lang . Jawohl gibst du dich mit Schleipfen ab , und zähle darauf , du wirst unglücklich ! Du mußt nicht glauben , ich wisse nicht , daß du zu Gnäggerlers Anne Lisi gehst , ihm alles anhängst . Und das ist ja das wüstest Meitli zentum ; es geht bei ihm wie in einem Taubenhaus , es gibt sich mit je , dem Halunk ab , und da bist du ihm gerade der Rechte für dich anzugeben , wenns gefehlt hat , kannst Kindbett halten für Andere , dein Leben lang der Gatter vor der Türe und dein Leben lang mitten in der teuren Zeit sein wie so viel tausend Andere , die es gerade machten wie du und jetzt im Elend sind und in der teuren Zeit . Denn für einen , der nichts vermag , der immer zu wenig hat , der entweder betteln oder Schulden machen oder hungern muß , währet ja die teure Zeit , wie wohlfeil es übrigens sein mag , von Jahr zu Jahr in alle Ewigkeit . Geh jetzt , besinne dich , und wenn du dich nicht ändern willst , so kannst du in Gottes Namen gehen , ich begehre dich nicht mehr . Gib mir in acht Tagen den Bescheid . « Da hätte er sich bald ausbsinnt und brauche nicht acht Tage dazu , brummte Uli im Herausgehen ; aber der Meister tat , als hörte er es nicht . Als der Meister auch hinauskam , fragte ihn die Meisterfrau wie üblich : » Was hast du ihm gesagt , und was hat er wieder gesagt ? « Er habe nichts mit ihm machen können , antwortete der Meister . Uli sei noch ganz aufbegehrisch gewesen , hätte den Rausch noch nicht verschlafen gehabt ; es wäre besser gewesen , wenn man erst den folgenden Tag mit ihm geredet hätte oder am Abend , wenn der natürliche Katzenjammer ihn bereits mürbe gemacht hätte . Nun habe er ihm Zeit gegeben , sich zu besinnen , und wolle jetzt erwarten , was herauskomme . Uli ging bitterbös hinaus , als ob ihm das größte Unrecht geschehen . Er schoß das Werkzeug herum , als ob alles drauf müßte an einem Tage , und die Tiere brüllte er an , daß es dem Meister in alle Glieder kam ; allein er hielt ruhig an sich , sagte ein einziges Mal : » Nume hübschli . « Mit dem andern Gesinde verkehrte Uli nicht , machte ihm auch ein böses Gesicht . Da der Meister nicht vor den Andern ihm abkapitelt hatte , so mochte er seine eigene Schande ihnen nicht auskramen , und weil er nicht mit ihnen gemeinsame Sache machte , so hielt er dafür , daß sie auf des Meisters Seite , seine Gegner seien , nach dem tiefwahren Spruch : » Wer nicht für mich ist , der ist wider mich . « Es machte ihm also hier niemand den Kopf groß , und er hatte nicht Gelegenheit , sich zu verreden : dieser und jener solle ihn nehmen , wenn er eine Stunde länger hier bleibe , als bis seine Zeit aus sei . Nach und nach wichen die Wein- und andern Geister aus ihm , und immer schlaffer wurden seine Glieder . Die frühere Spannung machte einer unerträglichen Mattigkeit Platz . Diese Mattigkeit blieb aber nicht nur im Leibe , sondern sie ging auch in die Seele über . Und wie dem matten Leib alles , was er tut , schwer und peinlich ist , so nimmt die matte Seele auch alles schwer , was sie getan hat und was ihr bevorsteht . Worüber sie früher gelacht , darüber möchte sie jetzt weinen , und was ihr früher Lust und Freude gemacht , das macht ihr jetzt Gram und Kummer , und in was sie früher mit beiden Beinen gesprungen , über das möchte sie sich die Haare vom Kopfe reißen , ja den ganzen Kopf ab dem Leibe . Wenn diese Stimmung über der Seele schwebt , so ist sie unwiderstehlich , und über alles , was dem Menschen in Gedanken kömmt und was ihm sonst vorkömmt , wirft sie ihren trüben Schein . Während Uli , solang der Wein in ihm war , über den Meister sich geärgert hatte , kam ihm nun , als der Wein aus ihm war , der Ärger über sich selbsten . Er ärgerte sich nicht mehr über den Meister , der ihm das Hudeln vorgehalten , sondern über sich , daß er gehudelt . Es kamen ihm die dreiundzwanzig Batzen in Sinn , die er an einem Abend durchgebracht , an denen er nun fast vierzehn Tage arbeiten mußte , ehe er sie wieder hatte . Er ärgerte sich über die Arbeit , die er deshalb tun mußte , über den Wein , den er getrunken , den Wirt , der ihn gebracht usw. Er dachte an das , was ihm der Meister von Gnäggerlers Anne Lisi gesagt ; es ergriff ihn immer mehr eine Angst , die ihm den Schweiß auf die Stirne trieb . Jetzt kam ihm manches an diesem Meitschi verdächtig vor ; und mußte er es wohl heiraten ? Er mußte ohne Unterlaß daran sinnen , sich das Für und Wider denken , und wenn er es im Schweiße seines Angesichtes dahin gebracht hatte , sich zu überreden , daß alles nichts sei , keine Gefahr vorhanden , oder wenn er sich ein untrüglich Mittel ausgedacht hatte , wie er sich bei vorhandener Gefahr und wenn Anne Lisi ihn ansuche , herausleugnen wolle , und er sah auf tausend Schritte ein Weibervolk gegen das Haus kommen , so fielen alle seine Pläne und Tröstungen zusammen wie ein Haufen Stroh , in den das Feuer kömmt , die Beine schlotterten ihm vor Angst , und er floh in den Stall oder auf die Bühne . Er sah hinter jedem Fürtuch Anne Lisi , und wenn jemand an die Haustüre klopfte , so fuhr er zusammen wie Aspenlaub und meinte , Anne Lisi stehe draußen und wolle ihn herausrufen lassen . Und wie sollte er heiraten ? Er hatte ja kein Geld , war Schneider und Krämer noch die letzte Bekleidung schuldig , hatte nur drei gute Hemder und vier böse . Und wer sollte ihm das Einzuggeld leihen , wer ihm die Hochzeitkleidung bezahlen , und wie sollte er Weib und Kind durchbringen und die Schulden bezahlen , da er sich jetzt alleine nicht helfen konnte ? Ob diesen Gedanken verlor er allen Sinn , vergaß alles , machte alles verehrt . Er war unbehaglich , unzufrieden mit sich selbsten , daher auch unzufrieden mit allen Menschen , der ganzen Welt ; er gab niemand ein gutes Wort , und nichts war ihm recht . Es dünkte ihn , die Meisterfrau koche expreß schlecht und alles , was er nicht gerne habe , der Meister plage ihn mit unnötiger Arbeit , die Pferde seien alle koldrig , und die Kühe täten ihm expreß alles zuleid , was sie konnten , seien die dümmsten Kühe , die auf Gottes Erdboden Gras fräßen . Hätte er Geld gehabt oder nicht die Begegnung von Gnägerlers Anne Lisi befürchtet , er wäre aus Trotz und Angst dem Wein nachgelaufen , um Groll , Gram , Mißmut in ihm zu ertränken . Nun mußte er zu Hause bleiben , zeigte sich so wenig als möglich vor den Leuten und fuhr alle Augenblicke in den Stall , wenn er ein Weibsbild von weitem sah . Wem es vielleicht auffallen mag , daß Uli solche Angst vor Anne Lisi hatte , daß seine Liebe zu demselben so schnell vergangen schien , dem muß ich bemerken , daß Uli gar keine Liebe hatte . Er gehörte unter die vielen , vielen Bursche , welche aus Großtuerei die leidige Sitte des Kiltganges treiben so früh möglich , welche dabei ohne Gewissensbisse , ich mochte fast sagen ganz gedankenlos , alles treiben , was Lust und Gelegenheit ihnen darbieten , welche ohne Ahnung von Gefahr flattern um das Licht wie die Fliegen und auf eine , wenn man dieser Leute Gedankenlosigkeit nicht kennte , fast unglaubliche Art aufschrecken , wenn die notwendigen , natürlichen Folgen eintreten , wenn ein Mädchen sie der Vaterschaft beklagt , aufschrecken wie Menschen , die man mit verbundenen Augen an einen Abgrund geführt , ihnen die Binde erst abnimmt , wenn man sie hineinstößt . Bei ihnen wird nie Liebe sichtbar , sobald ein Mädchen sie anklagt ; sie fliehen die Mädchen , mit welchen sie früher so zärtlich getan , sie so oft zu Gast gehalten , nicht nur , sie hassen sie recht eigentlich . Und dies wollen die Mädchen trotz tausendfältiger Erfahrung nie begreifen , die Mädchen , welche mit ihrer lästerlichen Willfährigkeit , ja Zutäppigkeit sich Huld und Liebe zu erwerben und zu erhalten meinen . Der Bauer und seine Frau ließen den Burschen machen ; es war , als ob sie sich nicht um ihn kümmerten . Es war aber nicht so . Die Frau hatte ein paar Male zum Manne gesagt : Uli tue doch so wüst , sie hätte ihn noch nie so gesehen ; ob er ihm wohl nicht zu scharf zugesprochen ? Der Mann wollte das nicht glauben ; Uli sei ja nicht über ihn allein böse , sondern über die ganze Welt , sagte er . Er glaube , er sei eigentlich am meisten böse über sich selbst und lasse es nun an Andern aus . Am Sonntag wolle er mit ihm noch einmal reden , so könne es nicht mehr gehen , das müsse nun einmal halten oder brechen . Er solle es aber doch nicht zu grob machen , sagte die Frau . Daneben sei Uli nicht der Schlimmste ; man wisse , was man an ihm habe , aber nie , was man bekomme . Zweites Kapitel Ein heiterer Sonntag in einem schönen Baurenhause Der Sonntag kam am Himmel herauf , hell , klar , wunder schön . Die dunkelgrünen Gräslein hatten mit demantenen Kränzlein ihre Stirnen geschmückt und funkelten und dufteten als süße Bräutlein in Gottes unermeßlichem Tempel . Tausend Finken , tausend Amseln , tausend Lerchen sangen die Hochzeitlieder ; weißbärtig , ernst und feierlich , aber mit den Rosen der Jugend auf den gefurchten Wangen , sahen die alten Berge als Zeugen auf die holden Bräutlein nieder , und als Priesterin Gottes erhob sich hoch über alle die goldene Sonne und spendete in funkelnden Strahlen ihren Hochzeitsegen . Der tausendstimmige Gesang und des Landes Herrlichkeit hatten den Bauer früh geweckt , und er wandelte andächtigen Gemütes dem Segen nach , den ihm Gott beschert hatte . Er durchging mit hochgehobenen Beinen und langen Schritten das mächtige Gras , stund am üppigen Kornacker still , an den wohlgeordneten Pflanzplätzen , dem sanft sich wiegenden Flachse , betrachtete die schwellenden Kirschen , die von kleiner Frucht starrenden Bäume mit Kernobst , band hier etwas auf und las dort etwas Schädliches ab und freute sich bei allem nicht nur des Preises , den es einsten gelten , nicht nur des Gewinnes , den er machen werde , sondern des Herren , dessen Güte die Erde voll , dessen Herrlichkeit und Weisheit neu sei jeden Morgen . Und er gedachte : wie alles Kraut und jedes Tier jetzt den Schöpfer preise , so sollte es auch der Mensch tun , und mit dem Munde nicht nur , sondern mit seinem ganzen Wesen , wie der Baum in seiner Pracht , wie der Kornacker in seiner Fülle , so der Mensch in seinem Tun und Las sen. » Gott Lob und Dank ! « dachte er , » ich und mein Weib und meine Kinder , wir wollen dem Herren dienen , und er braucht sich unser nicht zu schämen . Wir sind wohl auch arme Sünder und haben nur einen geringen Anfang der Gottseligkeit , aber wir haben doch ein Herz zu ihm und vergessen ihn nie einen ganzen Tag lang und essen nichts , trinken nichts , daß wir ihm nicht danken , und nicht nur mit Worten , sondern von Herzensgrund . « Aber wenn er des Uli gedachte und wie der liebe Gott ihn so fürstlich ausgestattet mit Gesundheit und Kraft und wie Uli seines Schöpfers so ganz vergesse , so schnöde seine Gaben mißbrauche , so wurde er ganz wehmütig und stund oft und lange still , sinnend , was er ihm wohl sagen solle , daß er wie , der werde ein Preis seines Schöpfers . Es war ihm an seiner eigenen Seele viel gelegen , darum an den Seelen Anderer auch , und wie er teilnahm , wenn ein Knecht oder eine Magd am Leibe krank war , so schmerzte es ihn auch , wenn er ihre Seelen in Gefahr sah , und wie er für kranke Diensten den Doktor kommen ließ , so suchte er auch ihre kranken Seelen zu doktern . So was ist nicht immer der Fall . Den meisten Menschen ist an den eigenen Seelen nichts gelegen , darum auch an den Seelen der Andern nicht . Das ist ein Grundübel dieser Zeit . So verweilete sich der Bauer unvermerkt , und die Mutter hatte schon lange gesagt , sie wollte zum Essen rufen , wenn der Ätti da wäre . Als er zur Küchetüre ein kam mit der freundlichen Frage , ob sie gekochet hätten , und als ihm die freundliche Antwort wurde , man hätte schon lange essen können , wenn er dagewesen wäre , mit wem er sich wohl wieder verdampet hätte , und als er ernsthaft sagte : » Mit dem lieben Gott . « so kam seiner Frau fast das Augenwasser , und sie sah ihn gar sinnig an , während sie den Kaffee einschenkte und die Mägde die Knechte riefen und das Essen auf den Tisch stellten . Aus tiefem Schweigen heraus frug der Bauer : » Wer geht zKilche ? « Die Frau sagte , sie habe es im Sinne und deswegen schon züpfet , damit sie zu rechter Zeit hinkommen möge , und in ihre Stimme fielen mehrere Kinderstimmen : » Mutter , ich will mit ! « Zwei Knechte aber und zwei Mägde blieben stumm . Auf die Frage , ob denn Keines gehen wolle , fehlte es dem Einen an den Schuhen , dem Andern an den Strümpfen . In Keinem war der Trieb , zu gehen , aber Ausreden dagegen in Menge . Da sagte der Bauer : So könne das nicht mehr gehen ; das komme ihm doch streng vor , daß sie zu jedem Geläuf Zeit hätten , aber nie zum Kilchengehen . Am Morgen sei Keins vom Hause wegzubringen , und am Nachmittag sei es , wie wenn man sie mit Kanonen davon wegschösse , und bis am späten Abend sei Keins mehr zu sehen . Das sei ihm eine schlechte Sache , wenn man nur Sinn hatte für alles Narrenwerk , aber keinen für seine arme Seele . Und er wolle ihnen gerade heraus sagen , daß kein Meister einem Dienst trauen könne , der Gott aus dem Sinn geschlagen habe und Gott untreu geworden sei . Wenn ein Mensch Gott untreu sei , ob man dann erwarten könne , daß er Menschen treu sein werde ? So wolle er es aber nicht , und heute hätten sie gar keinen Grund , daheim zu bleiben , nur um ums Haus herumzustopfen . Zudem habe er Sachen zu verrichten . Er müßte vierzig Pfund Salz haben ; das könnten die beiden Mägde holen und einander ablösen . Hans Joggi ( der andere Knecht ) solle in die Mühle und fragen , wann man Spreuer haben könne ; er wollte lieber nicht allemal auf Bern fahren , und der Müller gäbe seine eigenen Spreuer ihm selber und nicht andern Leuten . » Aber Vater , « sagte die Mutter , » wer kochet dann zMittag , wenn du alles fortjagst ? « » He , « sagte » der Vater , ds Annebäbeli ( sein zwölfjähriges Mädchen ) kann dazu sehen , es muß sich auch gewöhnen , daß man ihm etwas überläßt , und hat noch Freude daran . Uli muß mit mir daheim bleiben ; ich weiß nicht , was es mit dem Kleb geben kann , er fängt an einzufallen und hat vorhin so trätschet ; ein Kalb ist manchmal ungesinnet da , und dann geht es bös , wenn niemand dabei ist . « Zu den Worten schaute er die Mutter gar ernsthaft an . Da fiel dieser ein , daß der Vater mit Uli allein sein wolle , um mit ihm zu reden , und daß er deswegen alles fortschicke , damit die gwundrigen Jungfern nicht ihre spitzigen Ohren an Orten hätten , wo sie nicht sollten . Und sie musterte also bald die beiden Mägde , die gar langsam herumdrehten und es sichtbar an den Tag legten , wie zuwider es ihnen sei , in die Kirche zu gehen und sich jetzt schon zu waschen und zu strählen , aus Furcht , nachmittags sehe man ihnen beides nur noch halb an und die schön glatt und rot geriebene Haut sei wieder gelb und schlumpelig geworden . Und zweimal eigentliche Toilette zu machen , ist bei Baurenmägden doch noch nicht Brauch , Gottlob ; sie sehen höchstens im Spiegel nach , so oft es sich schickt , wie das Ding noch hält und ob das Trädeli vorn an der Stirne noch schön kruslet sei . Dem Knecht war es auch nicht recht : Er hatte noch nicht bartet , sagte er , und sein Messer haue nichts ; er hätte gedacht , diesen Sonntag überzuspringen und es dann während der Woche schleifen zu lassen . Allein der Meister sagte , er könne diesmal seine Rustig nehmen und hier in der Stube barten , er selbst könne es nachher machen . Diese Befehle waren unwiderruflich , aber ihnen zu folgen , ging hart . Die Mutter mußte zehnmal mahnen . Bald wußte eine den Waschlumpen nicht , die Andere hatte einen ihrer Sonntagstrümpfe vernistet , und als sie den endlich fand zwischen dem Strohsack und der Bettstatt , sah sie zu ihrem Schrecken , daß sie ihren bessern Lumpen nicht hätte , und der war nirgends zu finden . Sie hätte fast Mut gehabt , dem Bauer zu trotzen und nicht zur Kirche zu gehen ; allein die Andere , mit der sie zufällig heute einig war , warnte sie und versprach ihr , den ihren ihr zu leihen , wenn etwa Not an Mann kommen sollte , da man in der Kirche nicht wohl weder in die Finger noch in das Fürtuch die Nase stecken dürfe . Die Bäurin war schon lange fertig , hatte ihrem Johannes » Bhüet dih Gott ! « gesagt und » Machs nit z ' ruch ! « , dem Annebäbeli anbefohlen , nicht zu viel Holz anzulegen , das Fleisch sei von einer jungen Kuh und der Pfarrer mache zuweilen wohl lang , besonders wenn zu taufen sei , und stund mit zweien Kindern , von denen das eine , ein Bube , das Psalmenbuch trug , vor dem Hause , und immer waren die Mägde noch nicht da : der einen wollte sich das Mänteli nicht recht schicken , und die andere ribsete noch an einem Schuh , der halt nicht glänzender werden wollte , als es