Tieck , Ludwig Vittoria Accorombona www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ludwig Tieck Vittoria Accorombona Ein Roman in fünf Büchern Erster Teil Vorwort Schon vor vielen Jahren fiel mir der Name dieser Dichterin , sowie ihr sonderbares Schicksal als merkwürdig auf . Es war im Jahre 1792 , als ich in Dodsley ' s collection of old Plays zuerst die Tragödie Websters las : The white Devil , or Vittoria Corombona . Dieses Schauspiel wurde 1612 in London gedruckt und auch damals oft gespielt . Ich vermute , daß es nach irgendeiner Novelle , die vielleicht um 1600 mag geschrieben sein und die sich jetzt verloren hat , gedichtet wurde , denn es enthält nur eine Anklage und gibt alle Umstände , die uns bekannt sind , in Entstellung wieder . Quadrio erwähnt die Unglückliche im zweiten Bande seiner Geschichte der Poesie und lobt und rechtfertigt sie : nach ihm zitiert sie Tiraboschi in seinem großen Werke nur kurz . Riccoboni in seiner Geschichte der Universität Paduas erzählt ihren Untergang , ebenso Marosini in seiner Venetianischen Geschichte . Auch Lebret erzählt in seiner Geschichte von Venedig die Ermordung Vittorias ; die meisten Nachrichten finden sich aber im Magazin dieses Geschichtschreibers . - Die neuere Darstellung des Herrn E. Münch habe ich erst gesehen , als meine Arbeit schon vollendet war . Dieser wunderbare und tragische Vorfall mußte die Zeitgenossen und ihr Mitgefühl in Anspruch nehmen . Ist die Geschichte ihrer Ermordung , sowie der Bestrafung des Luigi Orsini in vielen Büchern klar und deutlich erzählt , so ist die Ermordung Perettis , ihres ersten Gemahls , um so dunkler , und in allen Umständen und Motiven verwirrt Wahrscheinlich verschwiegen alle Zeitgenossen geflissentlich den Zusammenhang , denn selbst der geschwätzige und erfindungslustige Leti geht nur kurz und eilig über diese Begebenheit hinweg , und scheint es selbst gar nicht gewußt zu haben , daß der Neffe des Kardinals mit der Virginia Accoromboni ( wie Quadrio sie nennt ) vermählt gewesen ist . So war es denn dem Dichter erlaubt , mit seinen Mitteln die Lücken dieser sonderbaren Geschichte auszufüllen und das Dunkel derselben mit poetischen Lichtern aufzuhellen . Vieles in diesem Roman ist aber nicht erfunden , sondern der Wahrheit gemäß dargestellt . So ermordete im J. 1576 in der Nacht des 11. Julius Pietro der Mediceer auf seinem Landhause seine Gemahlin Eleonore von Toledo , und den 16. Julius desselben Jahres starb auf dem einsamen Schlosse des Paul Giordano , Herzogs von Bracciano , dessen Gemahlin Isabella auf rätselhafte Weise . ( S. Galluzzo Gesch . der Großherzoge von Toscana , Bnd . II. ) Ein Gemälde der Zeit , des Verfalls der Italienischen Staaten sollte das Seelen-Gemälde als Schattenseite erhellen , und in das wahre Licht erheben . Diese Vittoria , oder Virginia Corombona oder Accorombona wird , so hofft der Dichter , die Herzen der reinen und starken Gemüter für sich gewinnen , und so die Verleumdung des alten englischen Tragikers verdunkeln , dessen poetischer Wert ( im Gegensatz früherer Tage ) von manchen neueren Kritikern viel zu hoch angeschlagen ist . Dresden , im Julius 1840 . L. Tieck Erstes Buch Erstes Kapitel Es war in dem Jahre des Jubiläums 1575 , als sich die Familie Accoromboni in einem Gartenhause in dem anmutigen Tivoli aufhielt , um dort , während der heißen Monate , die frische Kühle , den Anblick der Wasserfälle und die schöne Aussicht auf den stürzenden Teverone und die zauberischen Hügel der reichen Landschaft zu genießen . Die Mutter der Familie , eine große stolze Matrone , noch im Alter kräftig und nicht ohne Spuren ehemaliger Schönheit , regierte , obgleich nicht reich , ihr Haus mit so vieler Umsicht und Kenntnis , daß Anstand und Fülle sich zeigte , und Fremde gern in dieser Familie verweilten , wo sie Bildung , musikalisches und poetisches Talent und selbst Gelehrsamkeit antrafen . Diese Mutter , eine edle Römerin von hoher Gestalt , war die beseelende Kraft des Hauses , denn ihre mächtige Gegenwart gebot allen Bekannten und Fremden Ehrfucht . Sie war stolz auf ihre edle Abkunft , sowie auf ihre Kinder . Sie stammte von einem alten adlichen Geschlecht , und ihr Gatte Accoromboni war in Rom ein angesehener Rechtsgelehrter gewesen , der für die Großen , sowie den Staat die wichtigsten Angelegenheiten verwaltet , bedeutende Prozesse mit Ehren geführt und gewonnen hatte . Schon dessen Vater hatte als Rechtsgelehrter die Liebe und Achtung der Römer gewonnen und beide Männer standen in vielfachem Verkehr mit Fürsten , den Patriziern und den berühmten Gelehrten und Schriftstellern in allen italienischen Staaten . So war das Haus der Accoromboni bekannt und besucht , und selten kam ein ausgezeichneter Fremder nach Rom , der sich nicht der stattlichen Mutter der Familie hätte vorstellen lassen . Die meiste Befriedigung fand die hohe Frau aber in ihrer Familie und in Gesellschaft ihrer Kinder . Der älteste Sohn war durch seine Beschützer , unter welchen der große Kardinal Farnese obenan stand , schon Abt , und die Mutter rechnete darauf , ihn bald als Bischof begrüßen zu können , wohl gar etwas später ihm im Purpur des Kardinals ihre Verehrung zu bezeigen , denn er war als Gelehrter geachtet und als feiner Weltmann beliebt . Marcello , der zweite Sohn , war wild und unbändig , streifte oft viele Tage im Gebirge umher , ohne nachher der Mutter Rechenschaft abzulegen , wo und mit wem er seine Zeit zugebracht habe . Sosehr die Mutter mit dem stolzen Blick aus dem großen blauen Auge alle Menschen zur Ehrfurcht und gewissermaßen zum Gehorsam zwang , sowenig vermochte sie über das starre Gemüt dieses Marcello , der sich zu erniedrigen glaubte , wenn er einem Weibe gehorchte . Sie hatte allen ihren Einfluß anwenden wollen , diesem Unbeugsamen die Stelle eines Hauptmanns in der Garde des Papstes zu verschaffen , er selber aber hatte am meisten dagegen gearbeitet , weil er seine Freiheit noch nicht aufopfern und sich keiner Disziplin fügen wollte . Flaminio , der jüngste Sohn , schien ganz das Gegenteil von jenem . Er war schmiegsam , fein gebaut , zart in seinem Wesen , fast mädchenhaft , ein verehrender Diener seiner Mutter , deren Wink und Blick ihm Gebote waren . So war er der Geschäftige , alles Besorgende im Haushalt , der Aufseher der Dienerschaft , der Bote über Land , der Ratgeber anderer Jünglinge und der Liebling junger Mädchen , um deren Wohlwollen er aber , so freundlich er in seinem Betragen war , sich nicht sonderlich bemühte . Denn es schien , daß er seine ganze Liebe dem jüngsten Wesen in der Familie , seiner holdseligen Schwester Vittoria , oder Virginia , wie sie auch zuweilen genannt wurde , zugewendet hatte . Ein Fremder , der sie beobachtete , hätte ihn eher für den verliebten Bräutigam , als den Bruder der lieblichen Erscheinung halten sollen . Diese Vittoria glänzte wie ein Wunder , oder wie eines jener Bilder aus der alten Zeit , die der entzückte Beschauer , einmal gesehn , niemals wieder vergessen kann . Kaum in das siebenzehnte Jahr getreten , war sie fast schon so groß wie ihre Mutter , ihr Antlitz war blaß und nur mit leichter Röte gefärbt , die oft , bei selbst schwacher Bewegung des Gemütes völlig entfloh , oder sich , schnell wechselnd , so seltsam erhöhte , daß sie dann als ein anderes , dem vorigen fast unähnliches Wesen erschien . Ihr zart geformter Mund glühte in rubinroter Farbe ; sein Lächeln unendlich erfreuend , sein Zürnen oder Schmollen erschreckend . Die längliche , sanft gekrümmte Nase hatte den edelsten Charakter im Oval des schönen Antlitzes , und die Augenbrauen fein gezogen , dunkelschwarz , belebten den Ausdruck des feurigen Auges . Ihr Haar war dunkel , und hatte im Lichte Purpurschimmer , es floß geregelt über Nacken und Schulter : saß sie nach denkend , die langen schneeweißen Finger in die Fülle des Haares halb vergraben , so hätte Tizian kein holderes Modell zu seinem schönsten Bildnisse antreffen können . Aber weder Tizian , noch irgendein Maler hätten den Blick des Auges , das fast schwarz zu nennen war , den Ausdruck und das Feuer desselben auch nur schwach andeuten können . Dieser Ernst des Blickes , dieser Tiefsinn , dann wieder die aufblühende Freundlichkeit übten einen seltsamen Zauber , das Zornfeuer war selbst dem Frechen unerträglich . Es war ein liebliches Naturspiel , daß die langen Augenwimpern fast blond , oder gelb waren , so daß sie wie Strahlen in der Bewegung blitzten , oder so wundersam schimmerten , wie jene lichten Goldstrahlen , die wir zuweilen an altgriechischen Bildnissen der Minerva wahrnehmen . Wie mit beschränkten Mitteln die verständige Mutter Julia allen ihren Kindern auch eine gute Erziehung , Unterricht und Wissenschaft hatte geben können , so war doch Vittoria , diese hohe Erscheinung , ihr Liebling , und diejenige , auf welche sie ihre stolzesten Hoffnungen gründete . Sie selber war oft über den früh gereiften Verstand dieses ihres Kindes erstaunt , sie mußte das Gedächtnis bewundern , in welchem Vittoria alles Gelesene und Gelernte aufbewahrte , wie sich die Mutter nicht weniger des Talentes erfreute , welches aus den Versen der Tochter hervorleuchtete . Die Familie saß im Saale beisammen , als Marcello seinen Hut und Mantel nahm , den Degen umgürtete , und von der Mutter Abschied nehmen wollte , indem diese mit ernster Miene fragte : » Wohin wieder ? « » Freunde , Bekannte besuchen « , erwiderte der ungestüme Jüngling ; » der Morgen ist so schön , und ihr alle werdet mich nicht vermissen . « » Man hat mir sagen wollen « , erwiderte die Mutter , » du haltest im Gebirge mit dem verdächtigen Ambrosio Umgang . Der rohe Mensch soll ja mit jenen Banditen in Verbindung stehn , die in der Gegend von Subiaco streifen . « » Ei ! meine Mutter « , sagte Marcello , » man nennt heutzutage alles Banditen , was nicht Schulmeister , Priester , oder Advokat ist . Und doch plündern diese oft mehr , als jene freien Menschen die sich zuzeiten aus sehr gegründeten Ursachen mit dem langweiligen Staate überworfen haben , und unter denen man angesehene Grafen , tugendhafte Leute , ja Männer antrifft , die von fürstlichen Häusern abstammen . « » Mein Sohn « , sagte Julia sehr ernst und nahm dem übermütigen Sohne den Hut aus der Hand , den sie auf den Tisch legte : » du sprichst , wie ein unbesonnener Knabe , der weder mit Welt noch Moral bekannt ist : magst du kindisch bleiben , wenn das dein Stolz ist , nur das vergiß niemals , daß dein herrlicher Vater , so wie dein verehrter Großvater Advokaten waren . « » Gewiß nicht « , sagte Marcello , » stehn doch ihre Namen in so manchem verdrießlichem Buche verzeichnet , daß man schon deshalb versucht wird , ein ganz entgegengesetztes Metier zu ergreifen . « Hastig riß er den Hut vom Tische hinweg , und sprang so eilig aus der Tür , daß der Mutter die beginnende Rede auf der zürnenden Lippe erstarb . Flaminio stand auf und schloß die Türe wieder , die der Fortstürmende in seiner eilenden Hast offen gelassen hatte . Vittoria sah von ihrem Buche auf , um mit einem sanften Lächeln dem Auge der Mutter zu begegnen . » Was denkst du , mein Kind ? « fragte Julia . » Ich bin schon seit lange der Überzeugung « , antwortete die Tochter , » daß man den Burschen gewähren lassen muß . Er sucht einen männlichen Stolz und Trost darin , dir nicht zu gehorchen , sondern zu widersprechen : je mehr du also ermahnst , je mehr sucht und findet er Gelegenheit , das zu tun , was du verbietest . Zeigst du dich seinetwegen unbekümmert , so wird er von selbst zur Vernunft zurückkehren , weil er sich dann einbilden kann , als freier Mensch zu handeln . « » Wenn nur nicht vorher Unglück geschieht « , bemerkte die Mutter seufzend . » Das , wie alles , muß man der Vorsehung anheimstellen « , sagte Vittoria , » denn er ist doch der Erziehung und Ermahnung entwachsen . « » Woher nur « , fing die Mutter wieder an , » hat der Knabe diese Unbändigkeit ? Sein Vater war milde und sanft , nachgiebig , folgsam , ein Feind alles wilden ungestümen Wesens : die Ruhe und Gesetztheit selbst . - Von wem ? « » Gewiß von dir « , sagte Vittoria lachend . Die Mutter stand auf , ging nach dem Fenster , sah in die Landschaft hinaus , kehrte dann um , betrachtete die Tochter ganz nahe mit großen Augen und sagte kurz und schneidend : » Von mir ? « Vittoria ließ sich nicht irremachen , schloß ihr Buch , legte es in die Kapsel und sagte ruhig : » So denke ich mir die Anstammung dieses tobenden Blutes . Dein fester Sinn , dein großes , starkes Gemüt , dein edles Wesen , das für seine Überzeugung Blut und Leben hingeben würde , ist in ihm als Mann in diese jugendliche Roheit umgeschlagen , die sich später selber erziehn wird . War ich doch auch ein wildes Kind , und gewiß warst du nicht allzu zahm , als du noch mit deinem Püppchen spieltest . « » Du magst recht haben « , antwortete die Mutter , » mir ist der Gedanke noch nicht eingefallen . Freilich vergessen wir nur allzuleicht in späteren Verhältnissen , wie wir in unsern frühesten Jahren waren . Ich habe da wieder den Camillo Mattei gesehen « , fing die Matrone von neuem an ; » er schien auf unser Haus zuzugehn : ich weiß nicht , was er immer hier will . « » Er ist ja ein allerliebstes Kind « , sagte Vittoria erfreut ; » man neckt sich mit ihm so hübsch , er ist dabei so ehrlich und treu , daß man ihn liebhaben muß . « - » Was soll er uns ? « fragte Julie , und wendete das Haupt unwillig ab ; » er ist unwissend , einfältig , von geringem Herkommen ; nun liegt er schon dem armen Weltpriester , seinem Ohm , seit Wochen zur Last : kann er nicht nach Rom zu seinen Eltern , den Bürgersleuten zurückkehren , um seine Schulstudien fortzusetzen ? « » Laß ihn , liebe Mutter « , bat Virginia , » er gefällt mir , und uns allen im Hause ; unsere Familie ist als eine gastfreundliche bekannt ; sollen wir bei diesem guten Mattei eine Ausnahme machen ? Frage nur unsre Amme , oder unsern alten Guido , wie gut und lieb dieser immer freundliche Camillo ist . « Die Mutter zwang sich heiter zu erscheinen , als Camillo eintrat , sich demütig verbeugte und schüchtern stehnblieb , bis sich Flaminio zu ihm gesellte , und ihm einen Sessel in seiner Nähe anbot . » Camillo « , fing Vittoria an , » Ihr habt neulich die Zeichnungen von den Bildern sehen wollen , die der Kardinal Farnese in seinem neuen Schlosse Caprarola von Zuccheri hat malen lassen : seht , hier ist das schöne Buch , er hat es uns gestern geschickt . « Camillo blätterte und sagte dann etwas beschämt : » Ich verstehe zuwenig von diesen großen und sinnreichen Sachen . Und an diesen Kämpfen und Schlachten kann ich mich vollends nicht erfreuen . Freilich wohl , die Schlacht des Konstantin , oder Attila von Raffael - « » Läppischer Mensch ! « rief Vittoria , halb zürnend und halb lachend , » wenn er mit Raffael kommt , muß sich alles verkriechen . Und doch meint der Kardinal wohl , und sein Maler noch mehr , er könne es mit dem jungen Manne und seinen vatikanischen Zimmern aufnehmen , und stehe auf der Leiter der Kunst noch einige Stufen höher . Und diese Bilder hier aus dem Saale des Schlafs und der Träume sind auch echt poetisch ; diese herrlichen Erfindungen werden immer als Muster gelten können . « » Kann alles sein « , erwiderte Camillo etwas verdrießlich : » es ist aber ein so schöner klarer Morgen , und dabei noch gar nicht heiß , daß wir lieber mit den verehrten Damen einen Spaziergang machen sollten . « Die Mutter nahm ihren Sonnenhut , und Vittoria folgte ihrem Beispiel . » Gehn wir dann nach der Villa Este « , sagte die Matrone , » und besehen einmal wieder die Herrlichkeiten des neuen Palastes und alle die Künste und Schönheiten des Gartens . « » O nein ! « rief Vittoria unwillig , » alle diese kleinen Springbrunnen und Bildchen in Marmor , so fein gelegt und geschnitzt - wären nicht die Zypressen hingesetzt , die doch dazwischen ein ernstes Wort reden , so wäre diese Anstalt ganz unerfreulich . Nein ! hin zu den allerliebsten Wasserfällen ! Zu Mäcens Villa , der Neptuns-Grotte , da löst sich unser Herz und Gemüt , und die liebliche , unendlich schöne Natur faßt mich wie ein großer Dichter vertraulich bei der Hand , und sagt mir so herzliche , rührende , erhebende und lustige Dinge in mein horchendes Ohr , wie sie in keinem Buche und in keiner Handschrift stehn . « Flaminio führte die Mutter und Camillo ging an der Jungfrau Seite . Man konnte es ihm ansehn , daß er sich neben der hohen schönen Gestalt beschämt und klein fühlte , und doch zugleich geschmeichelt , daß er mit ihr so vertraulich wandeln durfte . Als sie in die Nähe der Wasserfälle gekommen waren , setzte sich die Mutter mit ihrem Sohne in den Schatten der Olivenbäume , und ließ ihr Auge sinnend an den Formen der schönen ölbekränzten Hügel umherschweifen . Vittoria aber sprang an ihr vorüber , um sich in der Nähe des Wassers zu ergötzen . » Wie vieles wißt Ihr « , fing Camillo leise an , » wie Unermeßliches - und ich - - « » Laßt alle den Kram « , rief Vittoria übermütig und ging schneller . » O seht die alltäglichen Wunder dieser Landschaft und diese Wasser , diese Märchen und goldenen Fabeln , die es nicht müde werden , sich immer wieder selbst alles das poetische Zeug vorzuerzählen , und die uns doch , sosehr wir sie auswendig wissen , immer neu bleiben . Hier laßt uns Kinder sein , wahre Kinder , die sich immer in ihrem Spielwerk vergessen . « Indem lief ihr ein Kaninchen vorüber , in den Berg hinein . Vittoria sprang ihm nach , und warf einen buntgefärbten Ball , den sie bei sich trug , dem kleinen weißen Tiere nach . Der Ball rollte den Hügel hinab , nach dem Flusse zu , der sich hier mit Brausen von bedeutender Höhe in die Tiefe stürzte , und mit seinem Strudel unten einen Trichter bildete , den viele die Grotte des Neptun nannten . Aus Furcht , der Ball möchte vom Strudel fortgeführt werden , rannte sie so eilig hinab , daß Camillo ihr kaum folgen konnte , aber auch so unbesonnen , daß sie , unten angelangt , und sich zu eilig und stark nach dem glänzenden Spielzeuge hinabbeugend , wirklich in den tosenden Strudel stürzte . Überwältigt und besinnungslos schrie Camillo laut auf und stürzte sich nach , erfaßte die schöne Gestalt , die sich nur eben noch an einem vorragenden Gesteine festhielt , fiel hart auf das Geklipp , und rang sich mit der Beute , Brust an Brust verzweifelnd gedrängt , empor : er gewann Kraft , und schneller , als es sich spricht , hatte er sich mit ihr gerettet . Unbewußt und mit der Verzweiflung Riesenkraft trug der Kleinere die größere Gestalt fort , zwar nur wenige Schritte empor , aber doch enfernt genug , um in Sicherheit im blitzenden Grase neben der Geretteten ruhen zu können . Die Strahlen des nahen Wasserfalles spritzten , abstäubend vom fernen Fels wie Staub , oder gewebter farbiger Glanz über ihre Körper und Angesichter . Leichenblaß , aber still lächelnd , saß Vittoria im Grase , dankbar blickte sie ihren Retter an , und reichte ihm die zitternde Hand . Camillo , erschrocken noch und entzückt , taumelnd , betäubt , küßte die dargebotene schöne Rechte mit Inbrunst . - » Wie kann ich dir lohnen ? « fragte sie . - » So ! « rief er aus , indem der Blöde , Verschämte , brennende Küsse auf die schönen Lippen drückte . - Sie schwieg , wehrte ihn nicht ab , und nur , als der Berauschte von neuem und heftiger begann , wandte sie das Antlitz ab und schlug ihn lächelnd mit den glänzenden Fingern auf seinen heißen Mund . Jetzt besann er sich , und es wurde ihm nun erst möglich , sie zu sehn und zu betrachten . Der Hut war mit dem Balle in den Wogen verlorengegangen , die schwarzen Locken des Haares waren aufgelöst , noch floß und triefte das Wasser vom Haupte , der schöne Busen mit seinen jugendlichen festen Marmorhügeln war fast ganz frei und glänzte blendend im lichten Dämmer , das Baum und Fels lieblich verbreiteten , an Leib und Hüfte schmiegte sich , die herrliche Form bezeichnend , das nasse Gewand , und so erschien sie dem Jüngling , wie man wohl die Nymphen der Quellen in schönen Gemälden abbildet , oder Amphitriten selbst , die hehre Gemahlin des göttlichen Neptun , der sie vielleicht vor wenigen Augenblicken von Liebe betört in seiner Grotte hatte zu sich entraffen wollen . Sie erfreute sich des Spiels , welches die Sonnenstrahlen in Dunst und Nebel des stäubenden Wassers trieben , denn viele glänzende Regenbogen tanzten und wogten wie selbstständige Wesen im aufgelösten Kristall . » Sieh , Camillo ! « rief sie freudig aus , » ich halte die Fabel und das Unmögliche hier sichtbar in meiner Hand . Ja , ich kann sogar , so spielen die Geister der Natur , dir sichtlich und körperlich diese bunt glänzende Woge hinreichen , das lachende Kind der Sonne . Und sieh ! zu meinen Füßen spielen ebenso im Grase die lieblichen , neckischen Gespenster , die Tages-Irrlichter , die dem Apollo mit freundlicher Widerspenstigkeit aus dem Dienst gelaufen sind . Und nun noch , Freund , hat uns der Waldvogel von drüben zum besten , der schreit ein höhnendes Triumphlied , als wenn wir ins Wasser gefallen wären , um uns unter die Fische anwerben zu lassen . « » Aber « , sagte Camillo zögernd und warnend , » wir müssen zur Mutter zurück und nach Hause ; du wirst dich erkälten , und davon und vom Schreck krank werden . « » Der Schreck ist längst verschwunden « , sagte sie , indem sie sich zögernd erhob und ihr Busentuch ordnen wollte , dessen Verlust sie erst jetzt mit einer kleinen Beschämung gewahr wurde . » Ja wohl müssen wir zurück « , sagte sie dann mit leiser Stimme . - » Müssen wir ? - O über alles dies Müssen in unserer Alltagswelt . Freilich , die Fabel fliegt fort mit Schmetterlingen , Schwalben und Nachtigallen , wir kommen immer an das letzte Wort auch des schönsten Gedichtes , machen das Buch zu und legen es in den hölzernen Schrank . Nach dem herrlichsten Gesang erschallt die heisere Stimme des elenden Dieners , und ladet die Gesellschaft an den Eßtisch . Muß denn das alles so sein ? Oder könnten wir nicht mit einem Gott oder einem hohen Geist ein Pactum schließen , daß es anders sich gestaltete ? « Camillo sah sie mit großen Augen an , und führte sie an der Hand den hohen und steilen Berg hinauf . Flaminio kam ihnen oben mit der Mutter schon entgegen . Wie erschraken beide , als ihnen Camillo mit kurzen , eiligen Worten das Abenteuer und die überstandene Gefahr erzählte . Flaminio erblaßte und ward so schwach , daß er sich an einen Baum lehnen mußte . Die Mutter ergoß sich in Danksagung und Lob Camillos über seine Kühnheit und Geistesgegenwart . » Kommt mit uns « , beschloß sie , » teuerster Freund , kleidet Euch um , Flaminio wird Euch von seinen Kleidern geben , wärmt Euch in einem Bett , trinkt glühenden Wein und laßt Euch unsre Pflege gefallen . « » Nein ! nein ! « rief Camillo , » Eure Güte und huldreiche Freundlichkeit erkenne ich mit Dank , aber ich bedarf sie nicht . Ich fühle vom Wasser nichts , die Sonne scheint warm , ich laufe zu meinem Oheim , der gar nicht weit ist , und kleide mich um . Meine Wonne , daß ich Euch so habe dienen und Euch Eure herrliche Tochter retten können . Ein unverdientes Glück ! « So lief er fort , und die Matrone , ohne zu sprechen , führte ihre Kinder nach ihrem Hause . Vittoria war nachdenkend und Flaminio tief gerührt . Als Camillo zu seinem alten Oheim kam und ihm die sonderbare Begebenheit erzählte , sagte der verdrießliche Mann : » Immer Kindereien getrieben , die zum größten Unheil ausschlagen können . Wenn ihr nun beide ertrunken und vom Strudel verschlungen wärt ! Ich hab es dir schon oft gesagt : der Umgang mit diesem hochmütigen Volke ziemt dir einfachem Bürgerkinde nicht . Was kannst du von ihnen erlangen ? Du wirst mit deinem Stande unzufrieden werden und deine Zeit verlieren , und wenn du jeden Tag mit Leib-und Lebensgefahr einen von ihnen aus dem Wasser ziehst , hast du keinen Dank davon . Das geht mit Kardinälen und Baronen um ; wenn der hochnasige Abt , der älteste Bruder einmal herkommt , sieht er mich kaum über die Achsel an . Der lange Mensch wird mir niemals etwas zu Gefallen tun , sosehr ich mich auch vor ihm demütige . - Jetzt in deine Kammer da hinein ! Zieh dich aus , kriech ins Bett , daß du warm wirst , ich will dir das Essen hineinschicken . « Camillo gehorchte ihm gern , nur um mit sich allein zu sein . Fast ohne zu wissen , was er tat , kleidete er sich aus , legte sich nieder , und träumte die Begebenheit immer wieder von neuem . » Gott im Himmel ! « sprach er zu sich selbst : » wer bin ich ? Und sie hat mich du genannt . Diesem himmlischen Munde habe ich Küsse rauben dürfen , und , ich habe es im Taumel wohl gefühlt , sie hat mich wiedergeküßt . Nachher wendete sie sich weg , aber wie freundlich , wie zärtlich ! Und das Angesicht ! der Busen ! O was kann Marmor , Farbe nachbilden , wenn die Wahrheit , das Leben sich uns nahe und wirklich so hinstellt ! - Ich habe gelebt . - Diesen Körper nahe am meinigen gefühlt , gedrückt , das Pochen ihres Herzens empfunden . - Und - der eine Augenblick - wo sich das Gewand weghob im Emporringen , und Bein und Knie sich entblößten . - Kann ich diesen Glanz je wieder vergessen ? Wird die Erinnerung daran mich nicht elend , wohl gar rasend machen ? - Wie matt ist Licht und Schimmer und Farbe und glänzendes Weiß gegen den Glanz und die Herrlichkeit , die uns der Körper eines schönen Weibes offenbart ! Und diesen Himmel , einmal geschaut , will das Auge immer wieder sehn . - Wozu noch leben ? Diese Momente kehren niemals , niemals wieder . - Hätte ich nicht vielleicht besser getan , mich mit ihr vom Strudel nieder in den ewig dunkeln Abgrund hinunterwälzen zu lassen ? Sie zu morden , statt sie zu retten ? Wissen wir denn , was der Tod ist ? Mir wäre er Wollust , Himmel , Seligkeit gewesen , wenn auch im Grauen der Verzweiflung . « So phantasierte Camillo und konnte weder den Schlaf finden , noch wirklich wach sein . Zweites Kapitel Da die Familie Accoromboni sehr viele Bekannte und Freunde hatte , vorzüglich im nahen Rom , so war es natürlich , daß alle diejenigen , die von ihnen wußten , bald durch das Gerücht jene Begebenheit erfuhren , und zwar mit Übertreibungen , so daß manche glauben mußten , die junge und schöne Vittoria sei der Welt durch einen frühzeitigen Tod entrissen worden . Die Mutter , welche ihre tiefe Rührung verbarg , da sie die Äußerung einer jeden Schwäche scheute , hoffte den jungen Camillo bald wiederzusehn , und ihm noch einmal Dank zu sagen , und bei ihm selbst zu erforschen , auf welche Art sie ihm vielleicht auf seinem künftigen Lebenswege nützlich sein könne . Als er aber nicht erschien , ward sie besorgt , und Vittoria noch mehr , daß der Jüngling wohl erkrankt sein könne , denn sie konnten nicht glauben , daß er , ohne von ihnen Abschied zu nehmen , nach Rom zurückgereiset wäre . In dieser Erwartung sagte die Mutter zur Tochter an einem Morgen : » Mein Kind , es ziemt sich nicht , daß wir uns um den jungen Menschen , dem wir dein Leben zu danken haben , so gar nicht kümmern . Er ist arm , seine Eltern , wie ich gehört habe , leben in der Stadt nur sehr kümmerlich , man sagt , daß er sich dem geistlichen Stande widmen soll , wir müssen also irgendeine Summe ihm oder seinen Eltern einhändigen , damit er seine Studien bequemer fortsetzen