Arnim , Bettina von Die Günderode www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Bettina von Arnim Die Günderode Den Studenten Die Ihr gleich goldnen Blumen auf zertretnem Feld wieder aufsprosset zuerst ! In fröhlichen Zukunftsträumen der Muttererde huldigt , harrend voll heiligem Glauben , daß endlich Eurer Ahnung Gebild vollende der Genius und Fesseln der Liebe Euch umlege und großer Männer Unsterblichkeit in den Busen Euch säe . - Die Ihr immer rege , von Geschlecht zu Geschlecht , in der Not wie in des Glückes Tagen auf Begeistrungspfaden schweift ; in Germanias Hainen , auf ihren Ebnen und stolzen Bergen , am gemeinsamen Kelch heiligkühner Gedanken Euch berauschend , die Brust erschließt und mit glühender Träne im Aug Bruderliebe schwört einander , Euch schenk ich dies Buch . Euch Irrenden , Suchenden ! Die Ihr hinanjubelt den Parnassos , zu Kastalias Quell ; reichlich der aufbrausenden Flut zu schöpfen den Heroen der Zeit und auch den Schlafenden im schweigenden Tal , schweigend , feierlichen Ernstes die Schale ergießt . Die Ihr Hermanns Geschlecht Euch nennt , Deutschlands Jüngerschaft ! - Dem Recht zur Seite , klingenwetzend der Gnade trotzt ; mit Schwerterklirren und der Begeistrung Zuversicht der Burschen Hochgesang anstimmt : » Landesvater , Schutz und Rater ! « Mit flammender Fackel , donnernd ein dreifach Hoch dem Herrscher , dem Vaterland , dem Bruderbunde jauchzt , und : » Strömen gleich , zusammenrauschet in ein gewaltig Heldenlied . « Ihr , die mit Trug noch nicht nach nichtiger Hoffnung jagtet ! - Wenn der Philister Torengeschlecht den Stab Euch bricht , so gedenket , Musensöhne , daß ihre Lärmtrommel des leuchtenden Pythiers Geist nicht betäubt ; keine Lüge haftet an ihm , keine Tat , kein Gedanke ! Er ist wissend ! - Und lenkt , daß , unberührt von des Gesetzes Zwang , schnellen feurigen Wachstums , das Göttliche erblühe und in der Zeiten Wechsel ein milder Gestirn über Euch hinleuchte . Erster Teil Briefe aus den Jahren 1804-1806 An die Günderode Der Plaudergeist in meiner Brust hat immerfort geschwätzt mit Dir , durch den ganzen holperigen Wald bis auf den Trages , wo alles schon schlief , sie wachten auf und sagten , es wäre schon ein Uhr vorbei , auf dem Land blasen sie abends die Zeit aus wie eine Kerz , die man sparen will . Wie ich erzählte , daß Du mitgefahren warst bis Hanau , da hätten sie Dich all gern hier haben wollen , ein jeder für sich allein , da wär ich doch um Dich gekommen . Durch Dich feuert der Geist , wie die Sonn durchs frische Laub feuert , und mir geht ' s wie dem Keim , der in der Sonn brütet , wenn ich an Dich denken will , es wärmt mich , und ich werd freudig und stolz und streck meine Blätter aus , und oft bin ich unruhig und kann nicht auf einem Platz bleiben , ich muß fort ins Feld , in den Wald ; - in freier Luft kann ich alles denken , was im Zimmer unmöglich war , da schwärmen die Gedanken über die Berg , und ich seh ihnen nach . Alles ist heut nach Meerholz gefahren zum Vetter mit der zu großen Nas , ich bin allein zu Haus , ich hab gesagt , ich wollt schreiben , aber die Hauptursach war die Nas . Eben komm ich aus der Lindenallee , ich hab das ganze Gewitter mitgemacht , die Bäum geben gut Beispiel , wie man soll standhaft sein im Ungewitter , Blitz und Donner hintereinander her , bis sie außer Atem waren , nun ruhen alle Wälder . Ich war gleich naß , und so warm der Regen , hätt ' s nur stärker noch regnen wollen , aber bald war ' s schön Wetter , und der Regenbogen auf dem Saatfeld , ich war wohl eine halbe Stund weit gelaufen und ihm doch nicht näher gekommen , da fiel mir ein , daß man oft denkt , es wär so nah alles , was man gern erreichen möcht , und wie man mit allem Eifer doch nicht näherrückt . Wenn nicht die Schönheit vom Himmel herab uns überstrahlt , von selbst ihr entgegenlaufen ist umsonst , - ich hab den ganzen Nachmittag verlaufen , eben kommen sie schon angefahren . Sonntag Gestern ging ich noch allein in der Dunkelheit durchs Feld . Da fiel mir wieder ein alles , was wir am Sonntag von Frankfurt bis Hanau im Wagen zusammen geredet haben ; - wer von uns beiden zuerst sterben wird . Jetzt bin ich schon acht Tag hier , unser Gespräch klingt noch immer nach in mir . » Es gibt ja noch Raum außer dieser kleinen Tags- und Weltgeschichte , in dem die Seel ihren Durst , selbst etwas zu sein , löschen dürfe « , sagtest Du . - Da hab ich aber gefühlt , und fühl ' s eben wieder und immer : wenn Du nicht wärst , was wär mir die ganze Welt ? - Kein Urteil , kein Mensch vermag über mich , aber Du ! - Auch bin ich gestorben schon jetzt , wenn Du mich nicht auferstehen heißest und willst mit mir leben immerfort ; ich fühl ' s recht , mein Leben ist bloß aufgewacht , weil Du mir riefst , und wird sterben müssen , wenn es nicht in Dir kann fortgedeihen . - Frei sein willst Du , hast Du gesagt ? - Ich will nicht frei sein , ich will Wurzel fassen in Dir - eine Waldrose , die im eignen Duft sich erquicke , will die der Sonne sich schon öffnen und der Boden löst sich von ihrer Wurzel , dann ist ' s aus . - Ja , mein Leben ist unsicher ; ohne Deine Liebe , in die es eingepflanzt ist , wird ' s gewiß nicht aufblühen , und mir ist ' s eben so durch den Kopf gefahren , als ob Du mich vergessen könntest , es ist aber vielleicht nur , weil ' s Wetter leuchtet , so blaß und kalt , und wenn ich denk an die feurigen Strahlen , mit denen Du oft meine Seele durchleuchtest ! - Bleib mir doch . - Bettine An die Bettine Ich habe die Zeit über recht oft an Dich gedacht , liebe Bettine . Vor einigen Nächten träumte mir , Du seist gestorben , ich weinte sehr darüber und hatte den ganzen Tag einen traurigen Nachklang davon in meiner Seele . Als ich den Abend nach Hause kam , fand ich Deinen Brief ; ich freute mich und wunderte mich , weil ich glaubte , einen gewissen Zusammenhang zwischen meinen Träumen und Deinen Gedanken zu finden . Gestern abend ist Clemens hier angekommen , ich wollte , Du wärst hier , es würde ihm viel behaglicher und heimlicher sein , ich glaube , wenn Du nicht bald hierher kömmst , so geht er nach Trages . In diesem ganzen Brief ist wohl noch kein einziges Wort , was Dich erfreut ? Du drehst das Blatt herum und siehest , ob nicht eine Art von russischem Kabriolett gefahren kommt ; aber es will nichts kommen ; weißt Du , warum ? Weil ich Ihn in der ganzen Zeit nur zwei Minuten gesehen habe ; weil Er geritten kam , und weil Er kein vernünftiges Wort gesprochen hat . Sei lustig , Bettine , und laß Dir nicht mit Kabrioletts im Herzen herumfahren . Grüße den Savigny recht freundlich von mir , erinnere ihn doch zuweilen an mich , ich habe ihn sehr lieb , aber nach Trages komme ich doch nicht . Tue mir den Gefallen und frage die Sanchen , ob ich nicht einen Chignonkamm und eine Kette in Trages hätte liegen lassen ? - Wenn Du noch nicht bald wieder zu uns kommst , so schreibe mir wieder , denn ich habe Dich lieb , sage mir auch , wie Ihr lebt . Karoline Grüße doch auch die Gundel von mir . Auf meiner Heimfahrt von Hanau hab ich das Gespräch gedichtet , es ist ein bißchen vom Zaun gebrochen . - Ich wollt , die Prosa wär edler , das heißt : ich wollt , sie wär musikalischer ; es enthält viel , was wir im Gespräch berührt haben . Du schreibst mit mehr Musik Deine Briefe , ich wollt , ich könnt das lernen . Die Manen SCHÜLER . Weiser Meister ! Ich war in den Katakomben der Schwedenkönige , ich nahte mich dem Sarg des Gustav Adolf mit sonderbarem schmerzlichem Gefühl , seine Taten gingen an meinem Geist vorüber , ich sah zugleich sein Leben und seinen Tod , seine überschwengliche Tatkraft und die tiefe Ruhe , in der er schon dem zweiten Jahrhundert entgegenschlummert ; ich rief mir die grausenvolle Zeit zurück , in der er lebte , mein Gemüt glich einer Gruft , aus der die schwankenden Schatten der Vergangenheit heraufsteigen . Ich weinte so heiße Tränen seinem Tod , als sei er heute erst gefallen . Dahin ! Verloren ! Vergangen ! sagte ich mir , sind dies des großen Lebens Früchte alle ? - Ach ! - Ich mußte die Gruft verlassen , ich suchte Zerstreuung , ich suchte andre Schmerzen , aber der unterirdische trübe Geist verfolgt mich , ich kann die Wehmut nicht loswerden , die wie ein Trauerflor über meine Gegenwart sich legt , dies Zeitalter ist mir nichtig und leer , sehnlich und gewaltig zieht mich ' s in die Vergangenheit dahin ! Vergangen , so ruft mein Geist . O möcht ich mit vergangen sein und diese schlechte Zeit nie gesehen haben , in der die Vorwelt vergeht , an der ihre Größe verloren ist . - LEHRER . Verloren ist nichts , junger Schüler , und in keiner Weise , nur das Auge vermag nicht des Grundes unendliche Folgenkette zu übersehen . Aber willst du auch dies nicht bedenken , du kannst doch nicht verloren nennen und dahin , was so mächtig auf dich wirkt ; - dein eigen Geschick , die Gegenwart bewegen dich so heftig nicht wie das Andenken des großen Königs , lebt er da nicht jetzt noch mächtiger in dir als die Gegenwart , oder nennst du nur Leben , was im Fleisch und im Sichtbaren fortlebt , und ist dir dahin und verloren , was noch in Gedanken wirkt und da ist ? - SCHÜLER . Wenn es Leben ist , so ist es doch nicht mehr als Schattenleben , dann ist die Erinnerung des Gewesenen mehr als die bleiche Schattenwirklichkeit . LEHRER . Gegenwart ist ein flüchtiger Augenblick , sie vergeht , indem du sie erlebst , des Lebens Bewußtsein liegt in der Erinnerung , in diesem Sinn nur kannst du Vergangnes betrachten , gleichviel ob es längst oder eben nur vorging . SCHÜLER . Du sprichst wahr ! - So lebt denn ein großer Mensch nicht nach seiner Weise in mir fort , sondern nach der meinen . Wie ich ihn aufnehme , wie und ob ich mich seiner erinnern mag ? - LEHRER . Freilich lebt das nur fort in dir , was dein Sinn befähigt ist aufzunehmen , insofern es Gleichartiges mit dir hat , das Fremdartige in dir tritt nicht mit ihm in Verbindung , darauf kann er nicht wirken , und mit dieser Einschränkung nur wirken alle Dinge . Wofür du keinen Sinn hast , das geht dir verloren wie die Farbenwelt dem Blinden . SCHÜLER . So muß ich glauben , nichts gehe verloren , da alle Ursachen in ihren Folgen fortleben , daß sie aber nur wirken auf das , was Empfänglichkeit oder Sinn für sie hat . - Der Welt mag genügen an diesem Nichtverlorensein , an dieser Art fortzuleben , mir ist es nicht genug , ich möchte zurück in der Vergangenheit Schoß , ich sehne mich nach unmittelbarer Verbindung mit den Manen der großen Vorzeit . LEHRER . Hältst du es denn für möglich ? - SCHÜLER . Ich hielt es für unmöglich , als noch kein Sehnen mich dahin zog , gestern hätte ich noch jede Frage danach für töricht gehalten , heute wünsche ich schon , die Verbindung mit der Geisterwelt wäre möglich , ja mir deucht , ich wäre geneigt , sie glaublich zu finden . LEHRER . Mir deucht , die Manen des großen Gustav Adolf haben deinem innern Auge zum Lichte verholfen . So vernehme mich denn . So gewiß alles Harmonische in Verbindung stehet , es mag sichtbar oder unsichtbar sein , so gewiß sind auch wir in Verbindung mit dem Teil der Geisterwelt , der mit uns harmoniert . Ähnliche Gedanken verschiedener Menschen , auch wenn sie nie voneinander wußten , ist in geistigem Sinn schon Verbindung , der Tod eines Menschen , der in solcher Berührung mit mir stehet , hebt sie nicht auf ; der Tod ist ein chemischer Prozeß , eine Scheidung der Kräfte , aber kein Vernichter , er zerreißt das Band zwischen mir und ähnlichen Seelen nicht , aber das Fortschreiten des einen und das Zurückbleiben des andern kann wohl diese Gemeinschaft aufheben , wie einer , der in allem Trefflichen fortgeschritten ist , mit dem unwissend gebliebnen Jugendfreund nicht mehr zusammenstimmen wird . Du wirst dies leicht ganz allgemein und ganz aufs besondere anwenden können . SCHÜLER . Vollkommen ! - Du sagst , Harmonie der Kräfte ist Verbindung , der Tod hebt diese Verbindung nicht auf , da er nur scheidet und nicht vernichtet . LEHRER . Ich fügte hinzu , das Aufheben dessen , was diese Harmonie bedingt , müßte auch notwendig diese Verbindung aufheben - eine Verbindung mit Verstorbenen kann also statthaben , insofern sie nicht aufgehört haben , mit uns zu harmonieren . SCHÜLER . Ich kann es fassen . LEHRER . Es kommt nur darauf an , diese Verbindung gewahr zu werden . Bloß geistige Kräfte können unsern äußern Sinnen nicht offenbar werden , sie wirken nicht durch Aug und Ohr , sondern durch das Organ , durch das allein eine Verbindung mit ihnen möglich ist ; durch den innern Sinn , auf ihn wirken sie unmittelbar . Dieser innere Sinn , das tiefste und feinste Seelenorgan , ist bei fast allen Menschen unentwickelt und nur dem Keim nach da . - Das Weltgeräusch , der Menschheit Handel und Wandel , der nur oberflächlich und nur die Oberfläche berührt , lassen es zu keiner Ausbildung , zu keinem Bewußtsein kommen , so wird es nicht erkannt , und was sich zu allen Zeiten in ihm offenbarte , hat viele Zweifler und Schmäher gefunden , und bis jetzt ist sein Empfangen und Wirken nur in seltnen Menschen die individuellste Seltenheit . - Ich will nicht ungeistigen Gesichten und Geistererscheinungen das Wort reden , aber ich fühle deutlich , daß der innere Sinn so hoch angeregt werden kann , daß die innere Erscheinung vor das körperliche Auge treten kann , wie auch umgekehrt die äußere Erscheinung vor das geistige Auge tritt ; so brauch ich nicht durch Betrug oder Sinnentäuschung alles Wunderbare zu erklären , doch weiß ich , man nennt in der Weltsprache diese innere Entwicklung der Sinne Einbildung . Wessen Geistesauge Licht auffängt , der sieht dem andern unsichtbare , mit ihm verbundene Dinge . Aus diesem innern Sinn sind die Religionen hervorgegangen , und so manche Apokalypsen alter und neuer Zeit . Aus dieser Sinnenfähigkeit , Verbindungen wahrzunehmen , die andere , deren Geistesauge verschlossen ist , nicht fassen , entsteht die prophetische Gabe , Gegenwart und Vergangenheit mit der Zukunft zu verbinden , den notwendigen Zusammenhang der Ursachen und Wirkungen zu sehen . Prophezeiung ist Sinn für die Zukunft . Man kann die Wahrsagerkunst nicht erlernen , der Sinn für sie ist geheimnisvoll , er entwickelt sich geheimnisvoller Art ; er offenbart sich oft nur wie ein schneller Blitz , der dann von dunkler Nacht wieder begraben wird . Man kann Geister nicht durch Beschwörung rufen , aber sie können dem Geist sich offenbaren , das Empfängliche kann sie empfangen , dem inneren Sinn können sie erscheinen . - Der Lehrer schwieg und sein Zuhörer verließ ihn . Mancherlei Gedanken bewegten sein Inneres , und seine ganze Seele strebte , sich das Gehörte zum Eigentum zu machen . An die Günderode Du weißt , daß der Bostel hier ist , - der läuft mir immer nach und sagt : » Bettine , warum sind Sie so unliebenswürdig ? « - Ich frag : » Wie soll ich ' s machen , um liebenswürdig zu sein ? « - » Sein Sie wie Ihre Schwester Loulou , sprechen Sie ruhig mit einem und bezeigen Sie doch nur ein klein wenig Teilnahme an , was man Ihnen sagt , aber wenn man Sie auch aus Mitleid wie ein Mädchen , das schon was bedeutet , behandlen wollt , es ist nicht möglich . Sie haben nicht weniger Unruh als eine junge Katz , die einer Maus nachläuft ; derweil man Ihnen die Ehre antut , mit Ihnen zu sprechen , klettern Sie auf Tisch und Schränken herum , Sie steigen zu den alten Familienporträten und scheinen weit mehr Anteil an deren Gesichter zu nehmen als an uns Lebenden . « - » Ja , Herr von Bostel , das ist bloß , weil die dort so ganz übersehen und vergessen sind , weil kein Mensch mit denen spricht , da geht ' s mir grade , wie es Ihnen mit mir geht . Aus Mitleid , weil ich übersehen bin , sprechen Sie mit mir jungem Gelbschnabel , und das steckt mich an , daß ich dasselbe Mitleid mit den alten gemalten Perücken haben muß . « - » Aber sagen Sie , sind Sie gescheut ? - Wie wollen Sie Mitleid haben mit gemalten Bildern ? « - » Ei , Sie haben ' s ja auch mit mir ! « - » Nun ja , aber die Bilder empfinden ' s doch nicht . « - » Ei , ich empfind ' s auch nicht . « - » Aber bei Gott , ich bemitleide Sie , - Sie sind auf dem Weg närrisch zu werden . « - Ich hätt Dir die Dummheiten nicht erzählt , wenn ' s nicht einen großen Lärm gegeben hätt , der Clemens wollte das vom guten Bostel nicht haben , sie redeten so heftig hin und her von Schelmufsky und dem Großmogul , und im kleinen Häuschen , wo sie zusammen hingegangen waren , ward es so laut , daß es sich von weitem wie Streit anhörte , ich ging hinunter und wartete , bis der Bostel herauskam , der war ganz erhitzt , ich nahm alles auf mich und bat um Verzeihung , daß ich so unartig gewesen sei , und was weiß ich , was ich alles sagte , bis er endlich versprach , mit dem Clemens nicht mehr bös zu sein , und wenn ich meine Unart eingestehe , so wolle er mir verzeihen . - Ich gestand alles zu , dachte aber doch heimlich , was der vor ein possierlicher Kerl wär ; der Clemens kam dazu , da ward von beiden Seiten die Schuld auf mich geschoben ; ich ließ es ohne Widerspruch geschehen und besänftigte beide , sie gaben einander die Hand und mir gute Lehren . Die Menschen sind gut , ich bin es ihnen von Herzen , aber wie das kommt , daß ich mit niemand sprechen kann ? - Das hat nun Gott gewollt , daß ich nur mit Dir zu Haus bin . - Die Manen les ' ich immer wieder , sie wecken mich recht zum Nachdenken . Du meinst , daß Dir die Sprache nicht drin gefällt ? - Ich glaub , daß große Gedanken , die man zum erstenmal denkt , die sind so überraschend , da scheinen einem die Worte zu nichtig , mit denen man sie aufnimmt , die suchen sich ihren Ausdruck , da ist man als zu zaghaft , einen zu gebrauchen , der noch nicht gebräuchlich ist , aber was liegt doch dran ? Ich wollt immer so reden , wie es nicht statthaft ist , wenn es mir näher dadurch kommt in der Seel , ich glaub gewiß , Musik muß in der Seele walten , Stimmung ohne Melodie ist nicht fließend zu denken ; es muß etwas der Seele so recht Angebornes geben , worin der Gedankenstrom fließt . - Dein Brief ist ganz melodisch zu mir , viel mehr wie Dein Gespräch . » Wenn Du noch nicht bald wieder zu uns kommst , so schreibe mir wieder , denn ich habe Dich lieb . « Diese Worte haben einen melodischen Gang , und dann : » Ich habe die Zeit über recht oft an Dich gedacht , liebe Bettine ! Vor einigen Nächten träumte mir , Du seiest gestorben , ich weinte sehr darüber und hatte den ganzen Tag einen traurigen Nachklang davon in meiner Seele . « Ich auch , liebstes Günderödchen , würde sehr weinen , wenn ich Dich sollt hier lassen müssen und in eine andre Welt gehen , ich kann mir nicht denken , daß ich irgendwo ohne Dich zu mir selber kommen möcht . Der musikalische Klang jener Worte äußert sich wie der Pulsschlag Deiner Empfindung , das ist lebendige Liebe , die fühlst Du für mich . Ich bin recht glücklich ; ich glaub auch , daß nichts ohne Musik im Geist bestehen kann , und daß nur der Geist sich frei empfindet , dem die Stimmung treu bleibt . - Ich kann ' s auch noch nicht so deutlich sagen , ich meine , man kann kein Buch lesen , keins verstehen oder seinen Geist aufnehmen , wenn die angeborne Melodie es nicht trägt , ich glaub , das alles müßt gleich begreiflich oder fühlbar sein , wenn es in seiner Melodie dahinfließt . Ja , weil ich das so denke , so fällt mir ein , ob nicht alles , solang es nicht melodisch ist , wohl auch noch nicht wahr sein mag . Dein Schelling und Dein Fichte und Dein Kant sind mir ganz unmögliche Kerle . Was hab ich mir für Mühe geben , und ich bin eigentlich nur davongelaufen hierher , weil ich eine Pause machen wollt . Repulsion , Attraktion , höchste Potenz . - - Weißt Du , wie mir ' s wird ? - Dreherig - Schwindel krieg ich in den Kopf , und dann , weißt Du noch ? - Ich schäm mich , - ja ich schäm mich , so mit Hacken und Brecheisen in die Sprach hineinzufahren , um etwas da herauszubohren , und daß ein Mensch , der gesund geboren ist , sich ordentliche Beulen an den Kopf denken muß und allerlei physische Krankheiten dem Geist anbilden . - Glaubst Du , ein Philosoph sei nicht fürchterlich hoffärtig ? - Oder wenn er auch einen Gedanken hat , davon wär er klug ? - O nein , so ein Gedanke fällt ihm wie ein Hobelspan von der Drechselbank , davon ist so ein weiser Meister nicht klug . Die Weisheit muß natürlich sein , was braucht sie doch solcher widerlicher Werkzeuge , um in Gang zu kommen , sie ist ja lebendig ? - Sie wird sich das nicht gefallen lassen . - Der Mann des Geistes muß die Natur lieben über alles , mit wahrer Lieb , dann blüht er , - dann pflanzt die Natur Geist in ihn . Aber ein Philosoph scheint mir so einer nicht , der ihr am Busen liegt und ihr vertraut und mit allen Kräften ihr geweiht ist . - Mir deucht vielmehr , er geht auf Raub , was er ihr abluchsen kann , das vermanscht er in seine geheime Fabrik , und da hat er seine Not , daß sie nicht stockt , hier ein Rad , dort ein Gewicht , eine Maschine greift in die andere , und da zeigt er den Schülern , wie sein Perpetuum Mobile geht , und schwitzt sehr dabei , und die Schüler staunen das an und werden sehr dumm davon . - Verzeih mir ' s , daß ich so fabelig Zeug red , Du weißt , ich hab ' s mit meinem Abscheu nie weiter gebracht , als daß ich erhitzt und schwindelig geworden bin davon , und wenn die großen Gedanken Deines Gesprächs vor mir auftreten , die doch philosophisch sind , so weiß ich wohl , daß nichts Geist ist als nur Philosophie , aber wend ' s herum und sag : Es ist nichts Philosophie , als nur ewig lebendiger Geist , der sich nicht fangen , nicht beschauen noch überschauen läßt , nur empfinden , der in jedem neu und ideal wirkt , und kurz : der ist wie der Äther über uns . Du kannst ihn auch nicht fassen mit dem Aug , Du kannst Dich nur von ihm überleuchtet , umfangen fühlen , Du kannst von ihm leben , nicht ihn für Dich erzeugen . Ist denn der Schöpfernatur ihr Geist nicht gewaltiger als der Philosoph mit seinem Dreieck , wo er die Schöpfungskraft drin hin und her stößt , was will er doch ? - Meint er , diese Gedankenaufführung sei eine unwiderstehliche Art , dem Naturgeist nahzukommen ? Ich glaub einmal nicht , daß die Natur einen solchen , der sich zum Philosophen eingezwickt hat , gut leiden kann . » Wie ist Natur so hold und gut , die mich am Busen hält . « - So was lautet wie Spott auf einen Philosophen . Du aber bist ein Dichter , und alles , was Du sagst , ist die Wahrheit und heilig . » Man kann Geister nicht durch Beschwörung rufen , aber sie können sich dem Geist offenbaren , das Empfängliche kann sie empfangen , dem innern Sinn können sie erscheinen . « Nun ja ! Wenn es auch die ganze heutige Welt nicht faßt , was Du da aussprichst , wie ich gewiß glaub , daß es umsonst der Welt gesagt ist , so bin ich aber der Schüler , dessen ganze Seele strebt , sich das Gehörte zum Eigentum zu machen . - Und aus dieser Lehre wird mein künftig Glück erblühn , nicht weil ich ' s gelernt hab , aber weil ich ' s empfind ; es ist ein Keim in mir geworden und wurzelt tief , ja ich muß sagen , es spricht meine Natur aus , oder vielmehr , es ist das heilige Wort » Es werde « , was Du über mich aussprichst . - Ich hab ' s jetzt jede Nacht gelesen im Bett und empfind mich nicht mehr allein und für nichts in der Welt ; ich denk , da die Geister sich dem Geist offenbaren können , so möchten sie zu meinem doch sprechen ; und was die Welt » überspannte Einbildung « nennt , dem will ich still opfern und gewiß meinen Sinn vor jedem bewahren , was mich unfähig dazu machen könnte , denn ich empfinde in mir ein Gewissen , was mich heimlich warnt , dies und jenes zu meiden . - Und wie ich mit Dir red heute , da fühl ich , daß es eine bewußtlose Bewußtheit gebe , das ist Gefühl , und daß der Geist bewußtlos erregt wird . - So wird ' s wohl sein mit den Geistern . Aber still davon , durch Deinen Geist haucht mich die Natur an , daß ich erwach , wie wenn die Keime zu Blättern werden . - Ach , eben ist ein großer Vogel wider mein Fenster geflogen und hat mich so erschreckt , es ist schon nach Mitternacht , gute Nacht . Bettine An die Bettine Es kömmt mir bald zu närrisch vor , liebe Bettine , daß Du Dich so feierlich für meinen Schüler erklärst , ebenso könnte ich mich für den Deinen halten wollen , doch macht es mir viele Freude , und es ist auch etwas Wahres daran , wenn ein Lehrer durch den Schüler angeregt wird , so kann ich mit Fug mich den Deinen nennen . Gar viele Ansichten strömen mir aus Deinen Behauptungen zu und aus Deinen Ahnungen , denen ich vertraue , und wenn Du so herzlich bist , mein Schüler sein zu wollen , so werd ich mich einst wundern , was ich da für einen Vogel ausgebrütet habe . Deine Erzählung vom Bostel ist ganz artig , nichts lieber tust Du , als die Sünden der Welt auf Dich nehmen , Du trägst keine Last an ihnen , sie beflügeln Dich vielmehr zu Heiterkeit und Mutwillen , man könnte denken , Gott habe selber sein Vergnügen an Dir . Aber dahin wirst du es nicht bringen , daß die Menschen Dich als etwas Bessers achten , als sie selber sind . Doch wie auch Genie sich Luft und Licht mache , es ist immer ätherischer Weise , und wär es selbst den Ballast des Philistertums auf den Flügeln tragend . In solchen Dingen bist Du gebornes Genie , darin kann ich nur Dein Schüler sein und trachte auch mit großem Fleiß Dir nachzukommen , es ist ein spaßiges In-die-Runde-laufen , daß während Dich jedermann so oft über Deine sogenannte Inkonsequenzen verklagt , ich heimlich mir Vorwürfe mache , daß mein Genie hierzu nicht ausreicht . - » Sorglos über die Fläche weg , wo vom kühnsten Wager die Bahn Dir nicht vorgegraben Du siehst . « - Immerhin nur das einzige tue mir , und fange nicht alles untereinander an , in Deinem Zimmer sah es aus