Paalzow , Henriette von Ste . Roche www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Henriette von Paalzow Ste . Roche Von der Verfasserin von Godwie-Castle Erster Theil Der junge Marquis d ' Anville hatte sich in seine Bibliothek zurückgezogen , und wir finden ihn in einer frühen Morgenstunde , wie es scheint , mit sehr ernsten Angelegenheiten beschäftigt . Bestäubte Aktenstücke , deren vergelbtes Pergament und in Kapseln daran niederhängende Siegel auf wichtige Dokumente schließen lassen , liegen um ihn her auf Stühlen und Tischen , und werden abwechselnd verglichen und geprüft mit Briefen und Papieren , welche einen neueren Ursprung verrathen und zu Notizen veranlassen , die der junge Mann alsdann nachdenkend in ein kleines Buch verzeichnet . Sichtlich sind ernste , fast schwermüthige Gedanken dabei in ihm angeregt , denn die Stirn , die sonst der Wohnsitz der Heiterkeit zu sein scheint , ist umwölkt und trägt die Furchen tiefen Nachdenkens . - Hinter seinem Rücken hat sich indessen die Thür geöffnet , und es naht sich ihm der holdeste Feind trübsinnigen Nachdenkens , seine junge und schöne Gemahlin , deren leichter Schritt sie ihm noch nicht verkündet , während sie selbst mit jugendlicher Schüchternheit zu zagen scheint , und ungewiß , ob sie es wagen darf , ihm zu nahen , sich von dem Ernste seiner Beschäftigungen und dem Ausdruck seiner seitwärts belauschten Züge imponiren läßt . Gern sähe sie sich von ihm bemerkt und herbeigerufen , aber ihre beredten Augen bleiben natürlich , wenn auch auf ihn gerichtet , dennoch geräuschlos , und sie muß sich entschließen , sich selbst anzukündigen . » Ich bin unbescheiden , Dich zu stören , « hebt sie an - » aber ich wußte nicht , daß Du so ernst beschäftigt warst . « Bei dem Klange dieser lieben Stimme richtet der junge Marquis das Antlitz der Redenden entgegen , und als ob ein Sonnenstrahl den Wolkenschleier durchbräche , so leuchtet das entzückte Lächeln der Liebe daraus hervor . » O , Lücile ! « ruft er , ihr die Hand entgegenstreckend , » stets ersehnt , stets erwünscht und zur rechten Stunde , ist nur Deine Entfernung eine Störung für mich . « » Auch wollte ich mich nur als Botin des Frühlings bei Dir melden , « antwortete nun , in völlig sichere Heiterkeit zurückgekehrt , die junge Marquise . » Diese Veilchen , die ihr sehnsüchtiges Herz , der Sonne entgegen , unter dem leichten Reife des alten Mooses hervordrängen , sie tragen in ihrem süßen Dufte das ganze Paradies des Frühlings , sie erinnern mich an ihre Schwestern in der Provence , an die knospenden Buchengänge von Arconville . « » Geliebtes Wesen ! « rief ihr Gemahl - » es liegt zwischen der schönen Wiege unserer ersten glücklichen Tage ein weit abführender Weg , der hier aus diesem Aktenwuste unabweisbar sich entwickelt . Mahnung an den Frühling kömmt mir aber zur rechten Zeit ; er giebt mir Muth , Dir eine Reise vorzuschlagen , die Dich schon jetzt den Freuden des glänzenden Hoflebens entführen wird . « » Wie ! « rief die junge Frau - » verstehe ich Sie recht , Herr Marquis ? Sie schlagen mir vor , den Hof inmitten seiner größten Freuden zu verlassen ? Haben Sie die Liste übersehen , die man gestern in den Zimmern der Königin herumzeigte , die uns wenigstens noch zwölf Bälle , ein Caroussel und einen Maskenscherz von einigen Tagen verspricht ? Haben Sie die prachtvollen Roben und Ballkleider vergessen , mit welchen Sie Ihre Gemahlin beschenkt , und die noch nicht zur Hälfte den Neid meiner schönen Rivalinnen erregt haben ? Wollen Sie , daß die Juwelen , um deren Besitz Sie die alte und neue Welt geplündert , die Perlen , nach denen die Wellen des Meeres noch jetzt seufzend am Strande niederstürzen - wollen Sie , daß dieß Alles umsonst für den ersten Debüt Ihrer Gemahlin verwendet ward ? Wissen Sie nicht überdies , daß wir das Taubenpaar aus der Provence heißen , und daß ich dem tugendhaften Versailler Hofe das nie gesehne Schauspiel gab , ein Jahr nach der Hochzeit noch von meinem Gemahle geliebt zu sein ? Wollen Sie , daß ich all ' diesen Triumphen entsage , die mein junges Herz berauschen - und was wollen Sie mir zum Ersatze bieten ? « » Nichts , Lücile , « rief ihr Gemahl mit dem vollen Ausdrucke entzückter Sicherheit - » nichts , als mich - entweder sehr wenig , oder - Alles ? Laß Deine Roben und Juwelen zurück - ich schenke Dir einen Strohut und pflücke Dir selbst die Blumen darauf ! « Die Marquise wandte sich leicht von ihm ab - er folgte dem lieblichen Gesichte - ihre Augen standen in Thränen - aller neckende Muthwille war daraus verschwunden . Als sie schüchtern zu ihm aufblickte , sagte sie mit dem frommen Ernst einer Betenden : » Bin ich nicht zu glücklich ? « » Laß uns dankbar sein und Gott ehren durch ein lebendiges Gefühl unseres Glücks , « sagte der Marquis - » es scheint mir ein schöner Gottesdienst , ein glückliches freudiges Herz sich zu erhalten und sich des Geschenks seines Lebens zu erfreun ! Ich fürchte nicht , daß mir die Kraft darin erlahmen wird , ihm gehorsam und getrost zu bleiben , wenn trübe Tage kommen ; denn ein tugendhaftes Glück läßt die Gaben des Herzens und Geistes unverkümmert empor wachsen . « » Ich fürchte wenigstens für Dich nicht , mein Armand , « sagte die Marquise mit jenem Lächeln der Bewunderung , das die Blüte des schönsten weiblichen Glücks , nur die höchste Achtung in der hingebensten Liebe , giebt - » doch laß ' mich erfahren , wo Du mir die Blumen für meinen Strohhut zu pflücken gedenkst , denn es scheint , in den Wäldern von Arconville wird es nicht sein ! « - » Für die nächste Zeit wenigstens nicht , liebe Lücile ! Meine Gegenwart wird unvermeidlich auf unsern neuen Besitzungen in Languedoc verlangt - ich kann die persönliche Uebernahme dieser Güter nicht länger verschieben , denn obwohl sie mir seit drei Jahren gehören , lehnte ich bis jetzt diesen mir widerstrebenden Akt noch immer von mir ab ; doch sehe ich ein , daß mein Anwalt Recht hat , der mir die Verwirrungen vorstellt , die nothwendig daraus entstehen müssen . « » Sind das die Güter , die Du von dem Grafen Crecy , dem alten finstern Bruder Deiner Mutter erbtest ? « frug die Marquise . » Sie sind ' s , « erwiederte ihr Gemahl - » und selten ist wohl eine Erbschaft , die eine halbe Million betragen mag , mit schwererem Herzen angetreten worden , als diese - ja , ich gestehe Dir , daß ich mich noch nie der Revenüen , die daher kommen , zu einer Erweiterung unseres Etats habe bedienen mögen , daß ich mich mehr als den Verwalter dieser schönen Güter , als den Besitzer ansehe , und ziemlich zu ihrer Verbesserung diese Summen wieder verwendet habe , da die lange trübselige Vernachläßigung derselben dies auch nöthig erscheinen ließ . « » Ich habe Dich noch nie von diesen Besitzungen sprechen hören , « sagte die junge Frau - » obwohl ich wußte , daß sie Dir gehörten , und ein Umstand mich für sie interessirte , nämlich die Nähe von Ardoise , dem Schlosse meiner geliebten Tante Franciska . Doch sage mir , darf ich erfahren , warum sie diesen seltsamen Eindruck auf Dich machen ? « » Es gehörte viel Zeit dazu , Dir den ganzen Inhalt dieses Gefühls zu erklären , « erwiederte der Marquis . » Ich brachte das letzte Jahr seines Lebens bei diesem alten unglücklichen Oheim zu , und er hat vor mir in seinen langen schlaflosen Nächten die Geschichte seines trüben und schuldigen Lebens mit einer Klarheit der Erinnerung , mit einer Schärfe der Combination entwickelt , die die Fähigkeit hohen Alters zu übersteigen schien , und nur dem krankhaften , stets lebendigen Reize seines gequälten Gewissens zuzuschreiben war . Er sah mich allerdings als seinen nächsten Erben an , und darum wünschte er mich in der letzten Zeit seines Lebens , dessen Ablauf er erkannte , um sich zu haben - aber in diesem Wunsche , dessen Erfüllung die Welt nur als die Pflicht des natürlichen Erben nahm , lag weit mehr die Absicht des Unglücklichen , diesen unbestrittenen Erben empfänglich zu machen für den Gedanken eines möglichen Verlustes dieser Erbschaft ; denn der Hauptinhalt dessen , was ich mir vorbehalte , Dir später ausführlich mitzutheilen , ist , daß die Möglichkeit vorhanden , es lebe noch Einer , der nähere Rechte auf diese Besitzungen habe . « » Mein Gott , « rief die Marquise , » wie seltsam ist das ! wie spannst Du meine Neugierde ! und sage , hat sich nach dem Tode des alten Herrn keine Entdeckung machen lassen ? dauert Deine Ungewißheit ohne alle Muthmaßungen fort ? « » Die letzten Anzeichen verlieren sich an der nördlichen Küste von Frankreich , « erwiderte der Marquis - » aber trotz dem , daß ich nach dem Tode des Unglücklichen die sorgfältigsten Nachforschungen anstellen ließ , hat bisher keine auf eine Spur leiten wollen , die irgend eine Entdeckung verspräche ; dessen ungeachtet begreifst Du , daß ich diese Versuche fortsetzen lasse und bisher kein Eigenthums-Gefühl zu diesen Besitzungen haben konnte . Ueberdies sind noch die Erzählungen von den traurigen und finsteren Dingen , von denen die Hauptbesitzung der Schauplatz war , mir zu gegenwärtig , um es wünschenswerth zu machen , mir dort als anerkanntem Besitzer huldigen zu lassen . Und « - setzte er lächelnd hinzu - » wie findet mich meine junge Gemahlin , daß ich grade dorthin ihr den Weg vorschlagen will , und wahrlich ihr keinen andern Aufenthalt anzubieten weiß , als eben jenes alte verwünschte Schloß von Ste . Roche , von dem mehr Spuck- und Gräuelgeschichten die Gegend durchlaufen , als wir in einem Jahre anzuhören vermöchten . « » Nun , « rief Lücile - » ich bin nicht abgeneigt , mich ein wenig zu grauen , wenn ich nur recht vollständig dabei in Sicherheit bin und nicht den ganzen Tag daran zu denken brauche . « - » Auch schreibt mir mein Verwalter , er habe den rechten Flügel des Schlosses , der überhaupt ein neuerer Anbau ist , und eine freiere Aussicht und lichtere Räume gewährt , so viel dies bei der Abneigung der Arbeiter , das Schloß zu betreten , gehn wollte , etwas aufräumen lassen - wogegen Dir zum Grauen jedoch noch genug Veranlassung bleiben wird , da ich aufs Bestimmteste verboten habe , den übrigen Theil des Schlosses anzurühren - bis auf die äußeren Reparaturen der Dächer , Thüren und Fenster . Den linken Flügel mußte ich bis auf Dachbefestigungen auch hiervon ausnehmen , denn dieser steht unter einer besonderen Autorität , die ich zu respektiren habe angeloben müssen in dem ganzen Umfange , wie dies mein Oheim zu thun sich gelobt hatte . Diese Autorität ist eine alte Frau , welche ihr Leben in diesem Schlosse , und seit einigen fünfzig Jahren in diesem Flügel , oder vielmehr in einer kleinen Behausung vor demselben zubringt , welche Niemand den Einlaß gestattet und von Niemand dazu gezwungen werden kann , - so daß von allen , die dort leben , sich Niemand rühmen darf , das Innere dieses geheimnißvollen Ortes betreten zu haben . Bevor ich die Güter übernahm , hauste sie und ein alter Kastellan in diesem Schlosse , und es war die höchste Zeit , daß eine andere Macht dort einschritt , da das alte Schloß , so fest und fast unverwüstbar es auch erbaut ist , doch bei der gänzlichen Vernachläßigung , die es , wie alle übrigen Besitzungen , erleiden mußte , allgemach immer baufälliger zu werden begann . « » O , wie sehne ich mich nach Ste . Roche ! « rief die junge Marquise - » und wie will ich um das Herz der alten Pförtnerin mich bemühen , daß sie mir Einlaß gewährt in diese geheimnißvollen Gemächer . Doch sage mir nur noch mit einem Worte , ob Du die Geschichte derselben kennst ? « » Ich kenne sie , « erwiederte ihr Gemahl - » doch dringe vorerst nicht in mich , sie Dir mitzutheilen ; es schmerzt mich , diesen Mißlaut in Deine reine Seele zu spielen ! Wie entzückt mich der Gedanke , wenn ich Deinen Zauber empfinde , daß das Böse für Dich nur eine allgemeine inhaltlose Existenz unter den Erscheinungen hat , dessen Dasein Du kennst , ohne daß Dich seine Bedeutung erreichen konnte . Gönne mir das Glück , Dich zu behüten und zu bewahren - laß mich der Engel mit dem feurigen Schwerte sein , der das Paradies Deiner unschuldigen Gedanken bewahrt . « » O , mein Geliebter , « rief die junge Frau - » welch ' ein Wohllaut des Himmels liegt darin , Dir so anzugehören , daß selbst meine Gedanken Deines Schutzes genießen ! Glaubst Du , daß es eine Neugierde gäbe , die stärker wäre , als dies Gefühl ? « » Nein , « erwiederte er ernst und gerührt - » ich weiß es , die Deinige wenigstens nicht - auch denke ich daran , Dir den Inhalt dieser unglücklichen Geschichte später auf eine Weise mitzutheilen , die Dich weniger verletzt . « - » Bis dahin also will ich Gednld haben , die mir leichter noch durch die Aussicht wird , dies schauerliche Geheimniß in seiner Oertlichkeit zu sehen . « - » Doch sieh ' da - Leonce ! « rief der Marquis und eilte seinem Bruder entgegen , der mit der freundlichsten Eilfertigkeit in das Zimmer trat . » Willkommen in Paris , Theurer , Lieber ! Seit wann bist Du zurück ? « » Erst seit diesem Augenblick , « rief der junge Mann und begrüßte herzlich seine liebenswürdige Schwägerin . » Nun in Wahrheit , « rief Lücile , - » lieber Leonce , Sie kommen zur rechten Zeit , mich gegen meinen Gemahl in Schutz zu nehmen ; denken Sie nur , er verlangt , daß ich Paris verlassen soll , da noch Niemand daran denkt , sich auf seinen Gütern zu langweilen , und Paris in der vollen Blüte seiner auserlesenen Freuden steht . - Haben Sie ein ähnliches Anerbieten schon jemals gehört ? und was meinen Sie , daß ich thun oder nur antworten soll ? « » Was Sie bereits gethan oder geantwortet haben , « rief Leonce mit dem Ausdrucke inniger Verehrung ; » denn das Rechte war es gewiß , und ich will es blos wissen , um Sie aufs Neue zu bewundern . « - » Gottlob , « rief die heitere junge Frau - » unser Bruder ist mit vollständig liebenswürdigen Manieren zurückgekehrt ! Glaubt mir , ich erkannte Euch nicht , als Ihr damals von Euren Reisen wiederkamet - auch nicht ein Zug von meinem liebenswürdigen Spielkameraden war geblieben - eine düstere , blasse , seufzende Kreatur war zurückgekehrt , und ich ward entmuthigt , froh zu bleiben , wenn Ihr so still und einsylbig an meiner Seite saßet . « Sichtlich traf die Rede den jungen Mann tiefer , als die sorglose Heiterkeit seiner Schwägerin ahnete - es brach aus den Augen des Jünglings eine so melankolische Glut , er schloß die Lippen so schmerzlich zusammen , daß der Marquis , überrascht von der plötzlichen Veränderung seines Brudes , ihm schnell einige Fragen über die zurückgelegte Reise und den vorgefundenen Zustand seiner Güter that . Leonce arbeitete sich mit sichtlicher Anstrengung aus der Stimmung heraus , die durch die unschuldigen Worte seiner Schwägerin angeregt war , und versicherte seinem Bruder , er habe Alles wohl arrangirt gefunden , könne nicht anders , als seine Verwalter loben und habe für längere Zeit ihre Vollmachten bestätigt . » Aha ! « fiel die Marquise ein - » für lange bestätigt ; das heißt so viel , als : wir haben uns auf lange Zeit von der eigenen Verwaltung losgemacht und sind nicht gesonnen , den alten Ahnenbildern und den Schäferspielen der Gobelin-Tapeten auf dem alten Schlosse Gesellschaft zu leisten . « Leonce lachte . » Es ist wahr , schöne Spötterin , ich muthete mir eine Einsamkeit in so großartiger , aber dennoch melankolischer Umgebung nicht zu - ich bin noch zu jung , sie suchen zu dürfen , ich muß sie sogar fürchten , da ich ihren Zauber nicht lange genießen dürfte , ohne ihm zu unterliegen . Dagegen hilft nur ein sehr muthiges Erfassen des Lebens - ich denke Dienste zu nehmen , oder noch eine weitere längere Reise zu machen - vielleicht , « setzte er hinzu , » nach England . « » Nun , dazu gebe ich nimmermehr meine Erlaubniß ! « rief die junge Marquise . - » Nach England wollt Ihr ? wo die Sonne nie klar , voll und warm Euch bescheint , wo die Stürme des Meeres Euer Gehirn austrocknen , und Eure Empfindungen zum Schweigen verdammt sind vor dem melankolischen Gespräch der Wellen . Niemals , « rief sie mit komischem Pathos , » gebe ich dazu meine Erlaubniß , und diese müßt Ihr doch wohl haben ; da ich das einzige weibliche Haupt dieser , Eurer Familie bin ? « Beide Männer lächelten der guten Laune der liebenswürdigen Frau Beifall zu , der Marquis aber umfaßte zärtlich seinen Bruder . » Du siehst , mein Lieber , welcher Herrschaft wir beide dienstbar sind , ergieb Dich und willige in meinen Vorschlag , Dich uns anzuschließen . Sieh ' , die Reise , die ich vorhabe , wird mir herzlich schwer - ich gehe nach Ste . Roche , und übernehme endlich nach langem Sträuben diese mir fast verhaßten Besitzungen . Lücile hat eingewilligt , mich zu begleiten ; ich möchte ihr zum Lohn für so viel Nachgiebigkeit gern ihren alten Spielkameraden mitführen , denn meine Angelegenheiten werden meine Zeit mehr in Anspruch nehmen , als ihr lieb sein wird . « » Thut das , Leonce , « sagte Lücile - » und ich will schon dafür sorgen , daß Euch die trübseligen Gedanken vergehen , wenn wir uns auch nicht viel auf äußere Hülfsmittel werden verlassen dürfen , da wir in ein wahres altes Gespensterhaus einziehen . « Leonce schwieg noch immer , und der Ausdruck seiner Züge veränderte sich wieder bis zur Düsterheit ; er schien kaum die liebevollen Worte zu verstehen , eigene Gedanken mußten dazwischen getreten sein . » Gieb es auf , Armand , « sagte die Marquise - » auf diesem Gesichte steht kein Ja ! Das ist die Miene , die ich mehr fürchte , als Dein Geisterschloß - und kann er uns nur mit ihr begleiten , so behüte mich Gott , daß ich ihn mitnehme , er zöge die Geister wie mit Magneten an sich , anstatt er mir helfen soll , sie abzuwehren . « » Leonce , « sagte der Marquis zärtlich besorgt , » Du bist wirklich seltsam ! « » Vergebt mir , « rief Leonce , sich jetzt emporraffend - » ich habe sehr Unrecht ! Gewiß , Ihr habt Ursache mir zu zürnen , mich thöricht und undankbar zu schelten - aber glaubt mir , auch für mich ist eine wichtige Zeit gekommen - ich stehe auf dem Punkte , auf welchem man sich fürs folgende Leben eine Richtung geben oder ihrer für immer entbehren muß . Ich bedarf der Thätigkeit , um mich zu zerstreuen - Zerstreuung soll hier nicht Zeit-Tödtung heißen , ich fände sie sonst wohl in Paris - sie soll das Anbauen , Anranken , Durchdringen des Kerns des höheren Lebens bezeichnen , und kann ich dann nicht glücklich , will ich doch eines besseren Schicksals werth sein . « - Er war wieder blaß geworden bei diesen Worten , und von der tiefsten Bewegung ergriffen , drückte er sich einen Augenblick in die Arme des Marquis . » Es scheint mir , ich habe keine Zeit zu verlieren « , fuhr er ruhiger fort ; » daher blieb ich bei Eurem Vorschlage zweifelhaft , und das Nachdenken , worin er mich versetzte , ist mir nachtheilig . « » Und jetzt müßt Ihr mit , Leonce ! « rief die Marquise munter dazwischen - » eben habe ich es entschieden . Ueber Lebenspfade , höhere Richtungen und wie Ihr das alles nennt , entscheidet man am besten auf Reisen - nicht auf so hastigen und ungestümen Reisen , als junge Männer machen , wenn sie allein sind , sondern auf solchen , wo man , in bequeme Kutschenkissen gedrückt , an der Seite irgend einer guten , geschwätzigen , launenhaften , lustigen Frau , dahin rollt - außer Thätigkeit gesetzt , doch dem Zwecke gemäß sich verhält , also ohne Gewissensbisse zum müßigen Nachdenken übergehen kann , wenn die Nachbarin sich müde geschwatzt , oder über ihre Reisekleider nachdenkt , oder ihre Sieste hält - da , mein lieber Leonce , tritt der Moment ein , wo uns große Gedanken kommen - Lebensrichtungen sich von selbst offenbaren , und ohne den schwerfälligen Wust , den Stadt- und Zimmerluft umhängen ; vielmehr wird da Alles klar , hell und heiter , wie die Luft , die uns umströmt , wir vergessen nicht , daß das Leben , das wir mit mystischer Spekulation ergründen wollen , vor allen Dingen schön ist , und es keine sanftere Wiege giebt , als in den Mutterarmen der Natur - und in diese Wiege sollt Ihr , Leonce , und diese Hand legt Euch hinein , trotz des Mißverhältnisses der Größe - denn Euch fehlt etwas - Gott weiß , was ! - das muß erst heil werden , ehe Ihr entscheidende Schritte thut . « Mit innigem Wohlgefallen betrachtete der Marquis seine holde Gemahlin , die ihm so ganz aus dem eigenen Herzen gesprochen hatte . Freundlich drückte er ihre deklamirenden Hände . - » Ich danke Dir , Lücile , daß Du ihm Alles gesagt , was ich dachte ; laß ' mich hinzufügen , « fuhr er gegen Leonce fort , » daß Dich jetzt in dieser Stimmung zu verlassen , mir fast unmöglich sein würde , und da ich doch kaum bleiben könnte , es mein einziger Trost ist , Dich mit mir zu führen . Rechne darauf , daß Du mit Deinen direktesten Freunden reisest , die Dir ganz allein überlassen werden , was Du für nöthig halten wirst , ihnen mitzutheilen . « » Abgerechnet , « lachte Lücile , » was ich ihm gelegentlich ablocke oder ablausche . « » So bleibt mir denn keine Wahl , « rief Leonce , und sein tragischer Ton verhieß noch wenig Sinn für die heitereren Anklänge seiner jungen Beschützerin . » So will ich denken , Ihr seid mein Schicksal ; nehmt mich mit Nachsicht hin , ich will Eurer Liebe ganz vertrauen - ja , ich folge Euch ! Aber versprecht mir , daß Ihr mich nicht aufhalten wollt , wenn ich Euch später doch sage , daß ich fort muß . « » Ich verspreche nichts , als mich jetzt zur Reise zu rüsten , « rief die Marquise , » und Eures Winkes gewärtig zu sein . Richtet jetzt Alles zu meinem Wohlgefallen ein ; denn ich will mir einen Vorrath von Einfällen und Capricen sammeln , an denen Ihr beide genug zu thun haben sollt . « Hold grüßend entschlüpfte sie den Brüdern . Als die Thüre sich hinter ihr schloß , warf sich Leonce stürmisch in die Arme seines Bruders . » Glücklicher , Glücklicher ! « rief er - » Dir haben die Engel in der Wiege gelacht , als sie Deiner Zukunft dies Geschenk verhießen ! Dich trennten keine Vorurtheile , keine Launen des Zufalls von dem einzigen und höchsten Wunsche Deines Herzens ! « » So ist es , Leonce , « sagte der Marquis fast verlegen über diese Rede - » und ich hoffe , wir sind beide unter guten Zeichen geboren ; auch Du wirst glücklich werden . « Leonce schüttelte leise den Kopf . Beide trennten sich zu den nöthigen Anordnungen der Abreise . Die Strahlen der Frühlingssonne erhellten die keimende , knospende Erde , und schienen das Geschäft ihrer Entwickelung mit dem Eifer eines Gebers zu betreiben , der sich seines Reichthums bewußt ist und das Glück , womit er den Bedürftigen überschüttet , zu sehen trachtet . Fast hätte man von Stunde zu Stunde die Blätter und Halme zählen können , die sich aus ihren warmen Strahlen zu erschaffen schienen , und ein Tag verhieß schon für den nächsten die süßesten Wunder . Wir finden ein Auge in dem Bereiche , dem wir uns nahen , das mit besonders theilnehmendem Ausdrucke diesem Naturtreiben zusah , und Geist und Herz daran zu erquicken trachtete . In einem von der Sonne erwärmten Gartensaale saß in der offenen Thüre Franciska , Gräfin d ' Aubaine , in friedlicher Stille und Einsamkeit . Die breiten Buchen- und Lindenwege , die Ardoise zieren und den Park mit dem kleinen Flecken , der dazu gehört , durchschneiden , gaben mit ihren durchsichtigen hellgrünen Blättchen schon eine feine Schattenlinie auf die dazwischen durchblickenden Wiesen und Rasenplätze , die vom Schlosse aus durch jene phantastisch geschnittenen Hecken unterbrochen waren , welche die Architektur fortzupflanzen trachten , den wirklichen Gestaltungen der Natur entgegen tretend . Das alte Herrenhaus von Ardoise lehnte seinen Rücken gegen die wildreichen Wälder dieser schönen Besitzungen , und trennte und schützte es gegen die an seinen Grenzen hinlaufende Landstraße . Es hatte daher den doppelten Vorzug einer ungestörten Einsamkeit und einer leicht zu unterhaltenden Kommunikation mit den nahe liegenden Ortschaften und Nachbargütern . Die Gräfin d ' Aubaine wußte jetzt beide Vorzüge wohl zu schätzen , wenn in früheren Jahren eine bestimmte Richtung ihres Innern ihr den ersteren als den vorherrschendsten bei der Wahl ihres Aufenthaltes hatte erscheinen lassen . Bis zum Tode ihrer Aeltern hatte sie abwechselnd hier und auf deren Stammschlosse Mont Réal gelebt . Dies war ihrem Bruder zugefallen , und nachdem sich auch ihre jüngste Schwester , die Mutter der Marquise d ' Anville , an den Grafen Maurepas vermählt hatte und dessen Güter bewohnte , zog die Gräfin Franciska vor , in Ardoise ihren Wohnsitz zu nehmen . Sie war unvermählt geblieben - und ohne , daß über die Erlebnisse ihrer Jugend etwas Bestimmtes bekannt gewesen wäre , genoß sie von Aeltern , Geschwistern und Freunden die stille ehrende Schonung , mit der man das unverschuldete Mißgeschick betrachtet , und die Fügsamkeit in ihren Willen , die man so gern den kleinen Rettungsmitteln widmet , womit ein blutendes , aus dem natürlichen Kreise des Lebens verschlagenes , Herz sich zu schützen sucht . - Auch war die Rücksicht , die sie unaufgefordert ihren Angehörigen auferlegte , keine schwer zu leistende . Ihre Seele war durch das Erlebte den schönen Gang einer wahren Resignation gegangen ; losgelöst von eignen Hoffnungen und Wünschen , suchte sie sich in keiner äußeren Erscheinung mehr , und war um so hingebender und theilnehmender für die Zustände um sich her . - Selbst ihr vorherrschendstes Bedürfniß : Ruhe , befriedigte sie nie auf Unkosten einer freundlichen Hingebung an die gelegentlichen Anforderungen , sich gesellig zu erweisen - und die ganze tiefe umfassende Erfahrung des Unglücks , die ihr geworden , diente ihr nur , ähnlichen Zuständen mit Rath und Theilnahme zu begegnen . Sie kannte keine größere Wohlthat , als den Anblick glücklicher Menschen , sie nannte sich scherzend darin eine Epicuräerin , und ließ nicht ahnen , wie sie das Unglück aufsuchte und sich ihm hinzugeben verstand , wenn um sie her in dem weitläufigen Schlosse der Frohsinn zu herrschen schien , den sie sowohl zu wecken und zu unterhalten verstand . Ihre eigene , frühzeitig von Kummer gezeichnete Gestalt konnte nicht mehr das zeigen , was sie gern bei Andern sah . In der Mitte des Lebensalters , trug sie doch das Ansehn einer Matrone ; nur ihre hohe Gestalt war fein und schlank und von dem edelsten Anstande getragen . - Die einst so schönen braunen Locken waren schon in Silbergrau verwandelt und bildeten den Uebergang zu dem völlig erblaßten stillen Angesichte , dessen tiefgedrückte Augenbrauen und niedergezogene Mundwinkel die rührenden Züge eines Kummers darstellten , der Zeit gehabt hatte , die reichste Schönheit zu seiner Repräsentantin umzuwandeln . Sie trug immer einfache schwarze Kleidung , und die Mode ging unbeachtet an ihr hin , wie sie es unbeachtet zuließ , daß ihre alte Kammerfrau von Zeit zu Zeit in nicht störenden Anordnungen ihr nachzukommen suchte . Angebetet von ihren Dienstleuten , war sie das Kleinod der Familie , und wie man einen kostbaren Schmuck wohlverwahrt läßt , seinen täglichen Genuß nicht wagend , sich des schönen Besitzes sicher wissend , so unterbrachen alle die heilige Ruhe der Tante nur selten , des erwärmenden Gefühls gewiß , daß sie ihnen lebe , sich ihnen nie zu entziehen strebe . Diese stille Abgeschiedenheit sollte jedoch eben an dem Tage , wo wir uns in Ardoise einführen , eine kleine Umwandlung erleiden , denn die Gräfin d ' Aubaine war in Erwartung einer jungen Gefährtin ihrer künftigen Tage . Der frühe Abend hatte sie in ihre oberen Gemächer geführt , wo die leichte Glut eines Kaminfeuers und der helle Schein der Kerzen noch die Beschäftigungen des Winters zurückrief . Einige Stunden später fuhr ein verschlossener Reisewagen mit den Livreen