Schopenhauer , Johanna Richard Wood www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Johanna Schopenhauer Richard Wood Roman Die Zeit ist aus den Fugen : Schmach und Gram , Daß ich zur Welt , sie einzurichten , kam ! Hamlet . Erster Theil Der Winter war , gegen Ende des Märzmonats , nach kurzem Scheiden , mit verdoppeltem Inngrimm wiedergekehrt ; gewaltige Eiszapfen schwebten von allen Dächern herab , und flimmerten im klaren kalten Mondenlicht , kristallnen Girandolen vergleichbar . Der alles überkleidende Schnee blitzte , wie mit Diamanten übersäet , unter dem knisternden Fußtritt einzelner Wanderer , die , Pelz , Bart und Haar mit Reif bepudert , ihrer Wohnung zueilten . Öde und vereinsamt lagen Moskaus sonst so lebensreiche Straßen wie ausgestorben da , denn Menschen und Thiere drängten , von grimmiger Kälte getrieben , im Innern der Gebäude , zwischen den wärmenden vier Wänden sich zusammen , die Keiner verließ , den Nothwendigkeit nicht hinaustrieb . In der Vorhalle der großen , aus der Asche wieder aufgestiegenen Kaserne , welche zur Militairschule gehört , standen indessen dennoch zwei junge Männer , ohne die große Kälte anscheinend zu bemerken , in eifrigem Gespräch lange bei einander . Der eine derselben , vom Kopfe bis zum Fuß in reiche Pelze gehüllt , vermochte zwar wohl der rauhen Winterluft Trotz zu bieten , doch nicht so der Andere , eine jugendlich zarte schlanke Gestalt , in der leichten Uniform der Lanzenreiter vom Bug ; und doch war es gerade dieser , der , als ob er die Kälte gar nicht empfände , seinen wohl bepelzten Freund festhielt , und immer wieder - und immer fester an die Brust drückte . Nun , so gehe denn , weil es nicht anders sein kann ! sprach er endlich , indem er sich nicht ohne Anstrengung zusammennahm : mein Freund , mein Bruder , mein Eugen ! gehe zurück zu den Deinen , zurück zum Palast Deines Vaters ! gehe , aber verlaß mich nicht ganz . Reiche mir zuweilen die Freundeshand über die Kluft hin , welche der heutige Abend zwischen uns öffnet , - damit ich nicht ganz verstoßen mich fühle ! setzte er , unwillkürlich sehr weich werdend , hinzu ; und wandte unmuthig sich ab , vielleicht um eine aufsteigende Thräne in seinem Auge zu verbergen . Eugen trat ein Paar Schritte zurück und sah ernst und forschend ihm ins Gesicht . Du bist krank ! rief er , gewiß Richard , Du bist wieder krank , denn mit gesunden fünf Sinnen kannst Du auf solche ganz absurde Gedanken nicht verfallen . Nun , so steige nur gleich in den Schlitten , und fahre mit mir wieder nach Hause ; ich will es bei Deinem Rittmeister schon verantworten . Mein Gemüth , meine Seele sind voll trüber Gedanken und Trennungsweh ' , doch körperlich krank bin ich nicht : erwiederte Richard , wehmüthig lächelnd . Ob Du wunderlich bist ! rief Eugen ; warum geberdest Du Dich denn so ? spricht der Mensch nicht von Kluft ! von Verlassensein ! von lauter Jammer und Noth , als ob Gott weiß was für ein großes Unheil über ihn hereingebrochen wäre ! Kannst Du denn wirklich befürchten , weil Du in der Kaserne jetzt wohnst und nicht mehr bei uns , würde Dir es an irgend etwas mangeln ? recht wie ein Muttersöhnchen , das von Mama weg auf die Hochschule soll , und nun meint es wäre aus mit allem irdischen Glück . Für solch ein Jammerbild wirst Du mich doch nicht halten , rief Richard bitter lächelnd . Freilich nicht , erwiederte ebenfalls lachend Eugen , aber , nimm ' s nicht übel , seit einer Stunde ist dieses das erste vernünftige Wort , das ich von Dir höre . Soll ich Dich abermals daran erinnern , daß Keiner dieser Prüfungszeit , die Du jetzt antrittst , beim Anfange seiner militairischen Carrière sich entziehen kann ? und auch daß es Mittel giebt , sie in gewissen Fällen sehr abzukürzen ? Du kennst meinen Vater , an seiner herzlichen Liebe zu Dir kannst Du nicht zweifeln , also - fasse Muth , sei vernünftig und hoffe das Beste . Ein schwerer Seufzer , der hörbar den tiefsten Tiefen seiner Brust sich entwand , war Richards Antwort . Eugen sah zweifelnd ihn an , und blieb still und gedankenvoll vor ihm stehen . Richard , sprach er nach kurzem Schweigen sehr sanft , beinahe verlegen , es muß heraus , was ich auf dem Herzen habe ; bereuest Du gerade diese Bahn zu Deinem ferneren Fortkommen Dir erwählt zu haben ? Ist dem so , wie eine leise Ahnung in meiner Seele behaupten will ? Warum solltest Du Dich scheuen , es Deinem Freunde schnell und offen zu gestehen . Es war Deine eigne Wahl , Niemand hat versucht sie leiten zu wollen . Aber in der Ferne sehen die Dinge anders aus als in der Nähe , und man mißversteht oft sich selbst und das eigne Herz . Nein , nein , und Tausendmal nein ! rief Richard mit großer Heftigkeit ; ich bin kein wankelmüthiger Knabe , kein schwankendes Rohr . Ich habe alles wohl durchdacht , geprüft , überlegt , als ich den einzigen Weg einschlug , der mir , dem Namenlosen , dem Armen , eine entfernte Möglichkeit bot , ihn dem hohen Fürstenhause einigermaßen zu nähern , dem Du , dem die Deinen angehören , zu dem auch ich einst durch meine seltsame Stellung verleitet - - . Ach ! laß jene qualvollen Tage mich vergessen ! Laß mich hoffen , Zeit und Glück werden mir günstig sein . Und wahrlich , fuhr er , sich plötzlich hochaufrichtend , mit warmer Begeisterung fort : wahrlich , stellt sich mir die Gelegenheit , stellt sie sich mir , in welcher Gestalt es sei , ich werde nicht schwachmüthig sie mir entschlüpfen lassen . Bei der Stirnlocke will ich die Flüchtige schon zu fassen und zu halten wissen . Ich erreiche das Ziel , das ich mir gesetzt , oder gehe unter im Streben danach . Bravo ! bravo ! so ist es Recht , so gefällst Du mir ; erwiederte Eugen und schüttelte ihm kräftig die Hand . In kurzen flüchtigen Worten ermahnte er ihn nochmals , so guten Muthes zu beharren ; erinnerte , daß er Morgen zur Mittagstafel erwartet werde , um selbst zu berichten wie seine neue Wohnung ihm gefalle , und daß Helene fest darauf rechne , noch vorher die gewohnte musikalische Übungsstunde mit ihm zu halten . Dann warf Eugen sich in den schon längst seiner harrenden Schlitten , und jagte wie auf Sturmesflügeln davon . Richard starrte in die kalte schweigsame Mondnacht hinein , bis seinem Auge die flüchtige Freundesgestalt entschwunden , und auch der letzte Ton des silbernen Schellengeläutes verhallt war . Dann wandte er sich , und stieg langsam die zu seinem Zimmer führende Treppe hinan . Auf alles , was in demselben zu seiner Bequemlichkeit beitragen konnte , war mit liebender Sorgfalt Rücksicht genommen . Zwischen Schlaf und Wachen harrte im Vorsaal der alte Paul seiner Befehle , ein treuer Diener , der schon seiner Kindheit gepflegt hatte , und ihm jetzt zur Bedienung zugegeben worden war . Vom großen Ofen ging eine überall gleichverbreitete wohlthätige Wärme aus , wohlverwahrte Doppelfenster hielten das Eindringen der rauhen Winterluft ab , und ein dicker Teppich deckte den Fußboden . Auch fehlte es weder an einem mit seinen Lieblingsschriftstellern wohl besetzten Bücherschranke , noch an einem bequemen Schreibtische . Richard wollte der thätigen Theilnahme sich freuen , mit der hier für ihn , den dunkeln Fremdling , gesorgt worden war ; aber das sonst so warme , jedem frohen Gefühl offne Herz lag für jetzt wie todt und erstarrt ihm in der Brust . Mit einer gewissen Ängstlichkeit suchte er nach irgend etwas , das ihn lebhaft genug anregen könne , um die innere Trostlosigkeit zu bekämpfen , die immer mächtiger werdend , sich seiner ganz zu bemeistern drohte ; da fiel in einer etwas dunkeln Ecke des Zimmers eine schön gearbeitete Schatulle ihm auf , die er bis dahin übersehen , und zugleich erinnerte er sich eines Schlüssels , den Eugen , ehe er von ihm ging , ihm übergeben und zu sichrer Aufbewahrung anempfohlen hatte . Unbeschreiblich freudig überrascht , erkannte er in dem zierlichen Behältniß ein sonst hochgehaltenes Eigenthum der Fürstin Eudoxia , der Mutter Eugens . Es war das Meisterstück eines jungen Ebenisten , der unter dem Schutze ihres Gemahls sich kürzlich in Moskau niedergelassen hatte ; ein Kästchen von Ebenholz , mit einem gleich Diamanten blitzenden stählernen Netze überzogen . Aus jedem der hellpolirten Stahlplättchen leuchtete , wie aus so vielen freundlichen Augen , ein Strahl jener sonnenhellen Tage seiner Jugendzeit ihm entgegen , die er in banger Vorahnung mit dem heutigen geschlossen gewähnt , und eine Thräne der reinsten gefühltesten Freude umdunkelte sein Auge , als er vor dem Inhalte des Kästchens stand , beinahe laut aufjauchzend , wie ein glückliches Kind vor der unerwartet reichen Weihnachtsbescheerung . Im kleinen Raum lag hier seine ganze glückliche Knaben- und Jünglingszeit ausgebreitet vor ihm ; von den mit mühseliger Künstlichkeit aus Rennthierknochen geschnitzten Figürchen der Lappländer an , die er einst als vortreffliche Meisterstücke bewundert hatte , bis zu den glänzenden Terzerolen des Fürsten Alexis , Eugens älterem Bruder , zu denen er oft in kindischer Sehnsucht seufzend hinaufgeblickt , und dem prächtigen , mit Rubinen und Smaragden besetzten Türkendolch , sonst Eugens liebstes Eigenthum , das ohne seine Erlaubniß Niemand zu berühren , kaum anzublicken wagte . Dicht daneben kauerten auch die kleinen glattköpfigen Chinesen von Speckstein in einer Ecke beisammen , die viele Jahre lang auf einem Ecktischchen im Zimmer der Fürstin Eudoxia ihren Platz gehabt hatten , und wurden von ihm als kleine stumme Gesellen seiner glücklichsten Stunden mit einer Art von Rührung begrüßt . Denn nur wenn er ganz ausgezeichnet folgsam und fleißig gewesen war , wurde es ihm erlaubt , zu den Füßen seiner hohen Pflegemutter damit zu spielen . Nichts von Allem fehlte , was in früher Jugend ihm besonders werth oder bedeutend erschienen . Da war die eigne Uhr des väterlichen Beschützers seiner Kindheit , des Fürsten Andreas ; wie oft hatte dieser sie geöffnet , um dem auf seinem Knie sich schaukelnden Knaben das feine innere Räderwerk derselben bewundern zu lassen ! Auch das einfache Taschenbuch , das er täglich in dessen Händen gesehen ; Richard war in diesem Augenblicke zu bewegt , um den reichen Inhalt desselben zu bemerken . Da war auch noch eine kunstreiche Stickerei von den eignen Händen der Fürstin Eudoxia , eine von der Fürstin Natalie , der ältesten Tochter jenes edlen Paares , gezeichnete Landschaft , ein silberner Becher vom Fürsten Konstantin , ihrem verlobten Bräutigam ; Richard hatte einst bei diesem den Becher gesehen , und die schöne getriebene Arbeit daran bewundert . Sogar keines der entfernteren Mitglieder der Familie hatte sich davon ausgeschlossen , ihn , der so lange in ihrer Mitte gelebt hatte , durch ein Andenken an vergangne Tage zu erfreuen . Der Tisch war bald mit einer Menge jener eben so zierlichen , als größtentheils unbrauchbaren kleinen Geräthschaften aus Bronze und Vermeille bedeckt ; glänzendes Spielzeug für große Kinder , das die Mode überall , besonders aber in Rußland eingeführt hat . Denn ungeachtet der unglaublichen Fortschritte , die dieses , die erste Grenze höherer Kultur erst vor kurzem überschritten habende Volk während des Laufes der letzten hundert Jahre gemacht hat , neigt sein Geschmack sich noch immer mit einer Art kindlicher Naivität dem zu , was die alten Griechen barbarisch zu nennen pflegten . So suchen nur Eltern ihren Sohn , Geschwister ihren Bruder , über eine nothwendig gewordene Entfernung aus dem väterlichen Hause zu trösten und zugleich ihr Andenken in ihm lebendig zu erhalten : rief es laut in seinem Herzen . Seit über seine wahre Lage ihm die Augen aufgegangen waren , konnte er es sich leider nicht mehr verhehlen , daß er ein Fremdling unter Fremden aufgewachsen sei ; doch diese traurige Wahrheit drückte ihn nicht mehr zu Boden ; er hatte die Überzeugung gewonnen , geliebt zu sein , und diese erhob ihn wieder ; sie tröstete ihn über Alles , was er früher entbehrt hatte , ohne es zu empfinden . Ungeachtet der vor ihm ausgebreiteten Reichthümer schien Richard aber doch noch etwas zu vermissen ; er suchte und suchte mit steigender Ängstlichkeit , bis er endlich auf dem Grunde der Schatulle ein ziemlich zerlesenes Büchelchen fand , eine englische Taschenausgabe des Vicar of Wakefield , und in demselben als Buchzeichen ein Stückchen blaues Silberband . Alles übrige war nun vor seinen Augen verschwunden ; die auf dem Tische ausgebreiteten Herrlichkeiten mochten liegen bleiben wie sie lagen , er warf mit seinem Funde sich in den nächsten Sessel , und schien eifrig die unscheinbaren Blätter zu studiren . Ob er wirklich darin las ? wer mag das sagen . Nun , Bruderherz , spielst Du auch hier noch immer den Gelehrten ? rief eine tiefe sonore Stimme neben ihm , und ein leichter Schlag auf die Achsel begleitete die Frage . Richard blickte auf ; Iwan Yakuchin , Unteroffizier des Regiments , zu welchem auch er von heute an gehörte , stand vor ihm , ein ihm sehr lieber , wenn gleich nicht alter Bekannter ; denn Iwan war erst seit wenigen Monaten aus dem südlichern Rußland nach Moskau gekommen . Er war an Leib und Seele ein roher Diamant , dieser Iwan ; ein treues , tapfres , redliches Gemüth , dessen seltnen Werth Richard auf den ersten Blick erkannt hatte ; obgleich er weit davon entfernt war , ihn seinem weit höher gebildeten Freunde Eugen gleichzustellen , dessen ganzes Wesen durch die zartesten , innigsten Bande dem Seinigen auf das unzertrennlichste verzweigt war . Iwan aber hatte mit seinem heißen , liebebedürfenden , durch die erste Trennung vom väterlichen Heerde schmerzlich verletzten Herzen , sich an die Brust des Jünglings geworfen , dessen milde edle Erscheinung ihn unwiderstehlich anzog ; er war nicht gewohnt , das was in seinem Gemüthe vorging , bis auf gelegenere Zeit weltklug zu verbergen , und Richard war eben so wenig dazu geeignet , eine ihm entgegenstrebende Neigung hart und kalt von sich abzuweisen . Nicht nur als Kamerad , auch als Nachbar komme ich in dieser späten Stunde Dich zu begrüßen ; denn wenn gleich weite Hallen , lange Korridors und einige Höfe zwischen uns liegen , so wohnen wir doch eigentlich unter einem Dach , sprach Iwan und schüttelte treuherzig dem Freunde die Hand . Was bin ich froh , Dich der parfümirten , vornehmen Atmosphäre endlich entronnen zu sehen , in welcher ein geheimes Etwas unser Einem , mir wenigstens , immer den Athem versetzt ! fuhr er fort . Jetzt erst , Herzensbrüderchen , wirst Du recht aufleben , wenn Du fühlst und einsiehst , was es sagen will , sich selbst angehören , sich nach eigner Willkür regen und bewegen , frei von den tausend Banden , mit welchen jene Kneesen , Fürsten , oder wie man sie nennen will ... Vater und Mutter , Brüder und Schwestern , sind , die Du meinst , mir gewesen ; sie sind es mir noch , und werden es bleiben , und ich will auf keine Weise sie schelten hören : fiel Richard heftig mit zornblitzenden Augen ihm ein . Und wenn ich sie nie wiedersähe , und wenn sie ihre Hand ganz von mir abzögen , sie bleiben das Kleinod meines Herzens , an dem ich hänge , fester als am eigenen Leben . Habe ich nicht , außer diesem , ihnen alles zu verdanken ? und ich will sie nicht verunglimpfen hören , nicht durch den Schatten eines sie herabsetzenden Gedankens . Nun nun ! nun nun ! erwiederte Iwan sehr gutmüthig , ereifre Dich nicht , ich meine es ja nicht böse . Ich will mich ja gern fügen , wenn man mir nur das Verständniß öffnet . Ich kenne ja nichts , bin hier noch nagelneu , weiß noch von gar nichts ; nicht einmal wer Du eigentlich bist . Als ich auf der Reitbahn zum erstenmale Dich sah , hätte ich Dich beinahe auch für so ein Fürstenkind gehalten . Und vielleicht bist Du es auch , denn hier sieht es doch gewaltig fürstlich aus ! rief er plötzlich , indem er jetzt erst den mit glänzenden Geschenken bedeckten Tisch gewahr wurde . Was für Reichthümer ! Hilf Gott , dergleichen kommt mir nicht einmal im Traume vor . Richard , in der noch nicht verklungenen Freude seines Herzens , und zugleich froh dem Gespräch dadurch eine andre Wendung geben zu können , beeiferte sich seinem Freunde mit der größten Gefälligkeit jedes Stück einzeln zu zeigen , und ihm den Gebrauch von manchem derselben zu erklären . Denn der gute Iwan war ein ebenso großer Neuling in Hinsicht dessen , was die elegante Welt unentbehrlich nennt , als des Lebens in und mit ihr . Zugleich nannte Richard bei jedem der Geschenke ihm den Namen des Gebers , und suchte bei einigen derselben ihm begreiflich zu machen , durch welche Nebenbedeutung diese einen unschätzbaren Werth für ihn erhielten . Iwan sah und hörte alles mit der größten Aufmerksamkeit an : Brave Leute , gute Leute , vornehm aber gut , murmelte er dabei in abgebrochnen Sätzen vor sich hin ; ja wohl Eltern und Brüder für Dich , mußt sie ehren und lieben , Du kannst nicht anders . Nachdem Iwan alles sattsam betrachtet und bewundert hatte , ausgenommen den Vicar of Wakefield , der ihm nicht gezeigt worden war , und dem er auch wohl kein Interesse abgewonnen hätte , setzten beide Freunde in immer traulicher werdendem Gespräch sich zu einander hin . Iwan erzählte von seinen früheren Verhältnissen ; von seinem alten Vater , einem wackern Landmanne am Fuße des Kaukasus , von seiner fleißigen , noch im höheren Alter im Haushalte rührigen Mutter ; von seinen vielen Schwestern und Brüdern , sogar von seinen vielen Hunden , die er alle hatte daheim lassen müssen , und nur einen mitnehmen dürfen . Er war so jung , so einfach auferzogen , hatte so weniges erlebt , daß ihm alles bedeutend erschien . Auch Richarden ging , in der Stille der Nacht , das ohnehin sehr bewegte Herz auf ; auch er ergoß sich in offnem Vertrauen gegen seinen Freund ; und als Iwan zu später Nachtzeit ihn verließ , konnte er nicht mehr darüber klagen , daß er nicht wisse , wer Richard eigentlich sei . Sally ! mach ' endlich Feierabend : setz ' Dich zu mir , und lass ' uns unser Butterbrod und unsern Krug Porter gemüthlich mit einander verzehren , ich habe viel Neues Dir mitzutheilen , und mich über mancherlei mit Dir zu berathen . So ungefähr hatte zwölf oder dreizehn Jahre vor jenem Abende in dem kleinen englischen Fabrikstädtchen Nottingham , Master Wood , ein guter ehrlicher Strumpf-Fabrikant , seiner noch in ihrem Haushalt beschäftigten Ehefrau zugerufen . Ohne diesen letzten Zusatz hätte Mißtreß Wood ihren lieben Herrn und Gebieter wohl noch ein halbes Stündchen warten lassen . Zwar waren die Kinder schon zu Bette gebracht , die Taubenpastete für den morgenden Sabbath , dieses größte Festtagsgericht der englischen Kleinbürger , war bis zum Abbacken fertig , die Rhabarber-Torte ebenfalls , die Keine so trefflich zu bereiten wußte als sie : es war jedoch Sonnabend , am folgenden Tage wurden einige Gäste aus der Nachbarschaft erwartet , und die ordnungsliebende Hausfrau hätte gar zu gern vor Schlafengehen noch dieses und jenes besorgt . Aber Master Wood hatte ihr Neues zu erzählen , und verlangte obendrein ihren Rath , ein Fall der sich nicht oft ereignete ; was in aller Welt konnte das bedeuten ! dieser Gedanke besiegte jede ihrer Bedenklichkeiten . In aller Geschwindigkeit warf sie noch eine Hand voll Cayenne-Pfeffer in die Pastete , band ihre Küchenschürze ab , rückte vor dem Spiegel ihre Haube zurecht , und saß nach zwei Minuten mit dem allerfreundlichsten erwartungsvollsten Gesicht neben ihrem Mann , an dem bereits gedeckten Abendtisch . Beide befanden sich in jener heitern zufriednen Stimmung , wie sie der in England dem stillen Genusse häuslichen Wohlbefindens besonders geweihte Samstagabend erfordert , dieser freundliche Vorläufer des ernsteren , halb dem Gottesdienst , halb der Langenweile gewidmeten Sonntags . Master Wood hatte , wie der pünktliche Geschäftsmann an diesem Tage immer that , seinen Arbeitern ihren Lohn ausgezahlt , seine Wochenrechnungen abgeschlossen , und war mit dem Ertrage derselben zufrieden . Mißtreß Wood freute sich auf die einer arbeitsvollen Woche folgende Sonntagsruhe , auf den morgen zu erwartenden Besuch ihrer Verwandten , auf das neue Bonnet , mit welchem sie in der Kirche zu erscheinen gedachte . Mann und Frau waren gute , redliche , fleißige Leute , denen es , bei ziemlich beschränkten Mitteln , nicht leicht wurde , sich und ihre vierzehn Kinder anständig und ehrlich durch die Welt zu bringen , von denen das älteste achtzehn , das jüngste anderthalb Jahre alt war . Solche zahlreiche Familien sind indessen in Großbritannien , besonders beim Mittelstande , nichts Ungewöhnliches ; und das Ehepaar war mit seiner Lage ganz zufrieden . Der Hausvater hätte freilich gern , durch einige Vermehrung seines Kapitals , seinem Geschäft eine größere Ausdehnung gegeben ; war aber doch herzlich froh , wenn bei möglichstem Fleiß von seiner , bei möglichster Sparsamkeit von seiner Frau Seite , es am Ende des Jahres ihm gelang , beide Enden zusammenzubringen , wie er es nannte ; das heißt , wenn seine Ausgaben seine Einnahme nicht überstiegen . War er aber vollends so glücklich gewesen eine kleine Summe erübrigt zu haben , die er zu seinem Kapital schlagen konnte , so hätte er in dem Augenblicke gewiß nicht mit dem Lord Mayor von London getauscht . Nach Beendigung des frugalen Mahles zog Master Wood , mit einiger Umständlichkeit , einen dicken Brief hervor , und machte Anstalt ihn seiner Frau vorzulesen ; denn kein Engländer wird während der Mahlzeit von Geschäften sprechen ; auch hatte Mißtreß Wood äußerlich ganz gelassen , wenn gleich vor innerer Ungeduld brennend , diesen Zeitpunkt abgewartet . Das Schreiben war von einem bedeutenden Correspondenten ihres Mannes , dem reichen und angesehenen Strumpfhändler Smith in London und der Anfang desselben kam der guten Frau zwar ganz angenehm , aber keinesweges besonders merkwürdig oder interessant vor . Es enthielt einige Bestellungen im Fache ihres Gatten , deren Ausführung freilich einen ziemlich bedeutenden Vortheil abzuwerfen versprach . Jetzt , Sally , gieb Acht , nun kommt das Beste , rief Master Wood , indem er das Blatt umschlug , und zugleich seine Frau bemerken ließ , wie bis dahin der Brief von dem Handlungsdiener seines geehrten Gönners und Freundes , der nun folgende Zusatz aber von ihm selbst eigenhändig geschrieben sei ; dann las er : » Seit unsrer ersten kommerziellen Verbindung , werther Sir , besonders aber seit ich Sie und Ihre Familie persönlich kennen lernte und von Ihnen eingeladen wurde , bei einem Ihrer Söhne Pathenstelle zu vertreten , habe ich mir immer gewünscht , durch mehr als bloße Worte mein aufrichtiges Wohlwollen und meine Theilnahme Ihnen zu beweisen , und die Gelegenheit dazu hat sich gestern ganz unerwartet gefunden . Sir John Murray , mein sehr ehrenwerther Freund , dessen großes Übergewicht an der Londoner Börse Ihnen gewiß nicht unbekannt ist , und mit dem ich zuweilen von Ihnen und der zahlreichen Familie gesprochen , mit welcher es dem Herrn gefallen Sie zu segnen , hat mir , in Hinsicht auf Sie , einen Vorschlag gethan , der mir zu annehmbar scheint , als daß man vernünftiger Weise nicht darauf eingehen dürfe . Ein sehr vornehmer russischer Großer , ungefähr das , was man in unserm Lande einen Lord und Pair des Reiches nennen würde , hat durch den berühmten Banquier Groß in St. Petersburg an unsern Sir John den Auftrag ergehen lassen , ihm einen acht bis zehnjährigen englischen Knaben , von guter ehrbarer Familie , herüberzuschicken , den er mit seinen eigenen , ungefähr im nämlichen Alter stehenden Kindern erziehen lassen will , damit diese , gleichsam spielend , auf leichte Weise von ihm englisch reden lernen . Denn Sie müssen wissen , werther Sir , unsre Sprache wird auf dem Kontinente , besonders aber in Rußland , mit jedem Jahre beliebter , und es ist dort in großen Häusern gebräuchlich , junge Ausländer , besonders englische oder deutsche Knaben , zu dem nämlichen Zwecke in ihren Familien aufzunehmen . Sir John , dem meine Vorliebe für Sie und die Ihrigen nicht unbekannt ist , kam gleich nachdem er diesen Auftrag erhalten zu mir , um sich zu erkundigen , ob einer Ihrer Söhne sich vielleicht zur Erfüllung desselben eignen möchte , fügte aber hinzu , daß kein langes Bedenken hier statt finden könne , sondern im Gegentheil der Entschluß gleich auf der Stelle gefaßt werden müsse . Die schon weit vorgerückte Jahreszeit möchte einer so bedeutenden Seereise nicht lange mehr günstig genug bleiben , um sie mit vollkommner Ruhe und Sicherheit unternehmen zu können ; überdem liegt das nach Petersburg bestimmte gute Schiff , der Delphin , in diesem Augenblicke segelfertig auf der Themse , dessen Kapitain , der mir und Sir John wohlbekannte Simon Hill , ganz der Mann dazu ist , das Kind unterwegs wohl zu verpflegen , und ungefährdet an Ort und Stelle zu bringen . Vor Allem bitte ich Sie , werther Freund , bei diesem Vorschlage , auch nicht auf die allerentfernteste Weise , an entehrende Dienstbarkeit zu denken . Ihr Sohn wird gewiß nicht den jungen russischen Lords zur Aufwartung beigegeben ; er soll weder ihr Tiger , wie unsre Dandys das nennen , noch ihr Jokey werden , sondern , in allen Stücken ihnen gleich gehalten , alle Vortheile einer liberalen Erziehung mit ihnen zugleich genießen , wie nur sehr reiche und vornehme Eltern sie ihren Kindern zu gewähren vermögen . Hat er dereinst das dazu gehörige Alter erreicht , so kann er fest darauf rechnen , im dortigen Lande durch die edle Familie , in welcher er aufgewachsen , eine anständige , seinen Wünschen und Talenten angemessene Versorgung zu erhalten , oder für seine Zukunft wohl ausgestattet , in sein Vaterland zurück gesandt zu werden wenn er , als ächter Britte , dieses vorziehen sollte . Die einleuchtend großen Vortheile dieses Anerbietens können Ihrem guten soliden Verstande unmöglich entgehen . Nicht nur daß Sie dadurch den mit jedem Jahre zunehmenden Ausgaben für die Erziehung eines ihrer Söhne überhoben werden ; was bei einer so zahlreichen Familie keinesweges unbedeutend ist ; ihr Sohn gewinnt dadurch auch eine Aussicht für sein ferneres Fortkommen in der Welt , wie Sie ihm solche , auf dem gewöhnlichen Wege , schwerlich gewähren könnten . Daher schmeichle ich mir mit der Hoffnung in Ihrem Sinne gehandelt zu haben , indem ich auf das Anerbieten Sir Johns , der auf augenblickliche Entscheidung drang , in Ihrem Namen eingegangen bin , und alles Weitere mit ihm verabredet und festgestellt habe . Da mir wohlbekannt ist , wie sehr jede Entfernung von Hause durch Ihre Geschäfte Ihnen erschwert wird , so soll mein Ihnen wohlbekannter Handlungsdiener , James Cox , nächste Mittwoch mit der Mailkutsche bei Ihnen eintreffen , um meinen Pathen Richard abzuholen , und zu mir nach London zu bringen . Er steht gerade in dem gewünschten Alter von circa acht Jahren , und möchte vermöge seiner hübschen Gestalt , seines aufgeweckten Wesens , und seiner übrigen guten Anlagen , für unsern Plan am besten sich eignen . Für die Garderobe des kleinen Reisenden werde ich Sorge tragen ; ich werde mit allem , was er für die Reise nöthig haben wird , ihn versehen . Ist er einmal am Orte seiner Bestimmung angelangt , so muß er ohnehin nach dortigem Landesgebrauche gekleidet werden . Ungeachtet der in die Augen springenden großen Vortheile , welche die Annahme meines Vorschlags Ihnen gewähren muß , versichre ich Sie dennoch , werther Freund , daß ich dieselbe als einen , mir persönlich gewährten Beweis Ihres Vertrauens und Ihrer Achtung ansehen und zu schätzen wissen werde . Zum Zeichen dieser meiner guten Gesinnung erbiete ich mich jetzt aus eignem Antriebe , Ihnen einen Kredit auf die volle Summe auszustellen , deren Sie , wie Sie bei unsrer letzten Zusammenkunft äußerten , bedürfen würden , um Ihrem Geschäft eine größere Ausdehnung zu geben , und durch Erwerbung eines bedeutenden Vermögens zu Ehren und Ansehen gelangend , es binnen kurzem Ihrem hochmüthigen Nachbar Bird wenigstens gleich zu thun . Auch Sir John beauftraget mich Ihnen zu melden , daß er von nun an sich gern bereitwillig zeigen werde , Ihnen bei vorkommenden Gelegenheiten nützlich und hülfreich zu sein . Das Nähere hierüber mögen Sie vorläufig mit unserm James Cox besprechen , der nicht ermangeln wird , sich nächste Mittwoch mit der Mailkutsche bei Ihnen einzustellen . Sollten Sie aber , freilich ganz gegen mein Erwarten , für gut finden , meine für Sie gethanen Schritte zu mißbilligen , und mein und Sir Johns Anerbieten von sich abzuweisen , so ist es nothwendig , daß Sie in der nämlichen Stunde , in welcher Sie dieses Schreiben erhalten , eine Staffette mit Ihrer abschlägigen Antwort an mich abfertigen ; der nächste Tag wäre dazu schon zu spät . Auch kann ich nicht umhin Ihnen offen zu gestehen , daß von Ihrer Seite ein solches Verkennen meines guten Willens mir höchst empfindlich und unangenehm wäre , und obendrein mich , von Seiten Sir Johns , mancherlei Verdrießlichkeiten aussetzen