Tieck , Ludwig Der junge Tischlermeister www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ludwig Tieck Der junge Tischlermeister Novelle in sieben Abschnitten Erster Teil Vorwort Es ist ein bekanntes Sprichwort : daß auch Bücher , größere wie kleinere , ihre Schicksale haben . So waren es nur unvermutete Hindernisse , Störungen und Zufälle , welche veranlaßten , daß gegenwärtige Novelle nicht schon vor vielen Jahren den Lesern mitgeteilt wurde . Der Plan zu dieser Erzählung ist geradezu einer meiner frühesten Entwürfe , denn er entstand schon im Frühjahr 1795 . Der Wunsch , klare und bestimmte Ausschnitte unsers echten deutschen Lebens , seiner Verhältnisse und Aussichten wahrhaft zu zeichnen , regte sich lebhaft in mir . Cervantes ' Novellen hatten mich schon damals begeistert . Manche andere Entwürfe wurden ausgeführt , und drängten diese Novelle , welche meine früheste war , und den Anlaß zu den spätern gab , zurück . Erst im Jahre 1811 begann ich die Ausarbeitung , die jetzt sich mehr ausdehnte und bunter ausfiel , als es im ersten Entwurfe lag . Rasch schritt ich vor , und damals , wenn das Werk geendigt worden , war mancher Gedanke über Zünfte , Bürgerlichkeit und dergleichen mehr an der Tagesordnung ; vieles gewissermaßen neu und noch unbesprochen . Die Ruhe aber fand sich nicht , um die Aufgabe zu vollenden , doch wurde schon im Jahre 1819 das , was geschrieben war , der Presse übergeben , und ich hoffte , mit dem Sommer meinem befreundeten Verleger das ganze Werk dessen Druck er sogleich begann , übersenden zu können . Diese Erfüllung ist aber jetzt erst eingetreten , und so bietet sich nun die Erfindung , so früh begonnen , so oft verzögert und so spät vollendet , dem Wohlwollen des Lesers . Ein ähnliches Schicksal traf » den Aufruhr in den Cevennen « . Er wäre jetzt statt dieses Werkes erschienen , wenn mich nicht diese Laune aus meiner Jugend zu lebhaft angeregt hätte , sie fortzusetzen und zu beschließen . Da zu jenem unterbrochenen Werke längst alles vorbereitet ist , so darf ich hoffen , auch dies dem Publikum nächstens übergeben zu können . Wenn die jüngere ungestüme Welt mich jetzt so oft aufruft und schilt , ich soll lernen , erfahren , mitgehen , verstehen und fassen , und ich werfe einmal Blicke in diese Produkte meiner neuesten und frischesten Zeitgenossen , so kann ich mich des Lächelns nicht erwehren , weil so viele großen Entdeckungen und Wahrheiten schon längst in meinen Schriften , zum Teil den frühesten , stehen . Ich darf mir wohl das Zeugnis geben , daß ich immerdar forsche und mehr lerne , je älter ich werde ; aber - wie Goethe auch schon einmal das veraltete Sprichwort auf sich anwendet - man soll oft erfahren und über das erstaunen , als über wichtige Entdeckung , was man schon längst an den Schuhsohlen abgelaufen hat . - Oberflächliche Allseitigkeit war mir immer verhaßt . Nur in seinem wahren Beruf kann der Mensch stark sein , irgendwo muß er ganz zu Hause sein und fest stehen ; ich aber glaube nicht , daß ich mir willkührlich meine Kreise zu enge gezogen habe . Es ist wohl nicht unbillig , von Rezensierenden , die mich tiefsinnig tadeln wollen , zu erwarten , daß sie meine Schriften gelesen haben . Da ich die Form der Novelle auch dazu geeignet halte , manches in konventioneller oder echter Sitte und Moral Hergebrachte überschreiten zu dürfen ( wodurch sie auch vom Roman und dem Drama sich bestimmt unterscheidet ) , so mache ich in dieser Beziehung nur auf jene Andeutung aufmerksam , welche die Vorrede zum eilften Bande meiner gesammelten Schriften beschließt . Dresden , im April-Monat . L. Tieck Erster Abschnitt Leonhard , der junge Tischlermeister , lehnte sich aus dem Fenster , schaute in den alten Nußbaum hinauf und übersahe dann seinen Hof . Der Dunst von den Brettern , welche zum Trocknen aufgestapelt waren , das Zwitschern der Schwalben , die auf und ab , von und zu ihren Nestern flogen , ein ferner Gesang aus einem Dachstübchen der nächsten Straße herüber , der rote Schimmer der untergehenden Sonne , der im Wipfel des Baumes sich bewegte , dessen Geräusch mit dem Abendliede einzustimmen schien : alles bewegte des jungen Mannes Herz auf eine seltsame Weise , und er fühlte sich beklemmt , als die Schatten sich überall verbreiteten , so daß er im Nachsinnen seine junge Frau nicht bemerkte , die neben ihn getreten war , und ihn jetzt mit einem sanften Schlage aus seiner Träumerei erweckte . » Wo warst du mit deinen Gedanken ? « fragte sie ihn freundlich . Er küßte sie herzlich und sagte : » Ich weiß es selbst nicht , liebe Friederike , ich dachte wohl eigentlich nichts , und jetzt erst , da du mich zur Besinnung gebracht hast , ist es mir möglich , von meinen Empfindungen etwas zu wissen . Du erinnerst dich , mit welcher Sehnsucht wir im vorigen Winter das Frühjahr erwarteten , mit ihm die neue Einrichtung , den Ankauf der Hölzer , den Aufhau der Schuppen , die Erweiterung meines Gewerbes , und alles ist nun da , besser , reicher , wohlhabender , wie ich es nur wünschen konnte , und indem ich nun jetzt so über meinen Besitzstand hinblickte , in der Ferne die Gesellen arbeiten hörte , und mir aus allen diesen Brettern gleichsam schon alle die Mobilien entgegentraten , die daraus gefertigt werden können , und mir war , als hörte ich das Geld klingen , das mir dafür gezahlt würde , um wieder Bretter einzukaufen , und so immer fort - wurde mir so bänglich zu Sinne , daß ich aus Wehmut auf das Zwitschern der Schwalben hörte , und fast weinen mußte , als das Abendlied der alten Wollspinnerin von drüben herübertönte . So ist es ; aber was es ist , kann ich selbst nicht sagen . « » Nichts ist es « , sagte Friederike lachend , » als daß du ein wunderlicher Kauz bist und bleibst . Aber darum lieb ich dich nur um so mehr , daß du nicht bist wie alle Menschen . In der Kindheit konnte mich wohl auch solche Furcht anwandeln , mitten unter meinen Befreundeten eine unaussprechliche Bangigkeit . So hatte mein Oheim sein Haus fertig gebaut , und das Hintergebäude war beinah auch schon vollendet . Wir Kinder hatten vor dem Oheim den allergrößten Respekt , die Bauanstalt kam uns sehr ehrwürdig vor , alles , was wir sahen , sprach davon , wie von etwas höchst Wichtigem , und alle die Maurer , Tischler , Zimmerleute und Anstreicher schienen mir mit ihrem Klappern , Tünchen und Hämmern das Erhabenste , was man in dieser Welt erleben könne . Einen Feierabend spielten wir zwischen den Spänen im Nebengebäude , wir entdeckten da tausend kindische Schätze , und indem ich durch eine Tür krieche , die mit Gerüsten verbaut war , um aus einem anderen Zimmer Klötzchen , Stücke Blech und Hobelspäne in meiner Schürze zu sammeln , überfiel mich in der dämmernden Einsamkeit , unter den stummen Geräten und Gestellen die sonderbarste Angst , eine Furcht vor etwas Unbekanntem , und dabei ein fast lächerliches Gefühl , als wenn der reiche Oheim und sein Bau , und alle seine Arbeiten und Anstalten etwas durchaus Albernes , Läppisches und Unnützes seien , so daß ich mich mit schreiendem Gesang zu meinen Gespielen zurückarbeitete , und mir den ganzen Abend , auch bei den Lichtern , war , als könne ich die vorige Welt nicht wiederfinden . Eine alte Magd , der ich beim Schlafengehen meine Empfindungen mitteilen wollte , meinte , ich würde wohl den Baugeist gesehen oder gehört haben . Der Abend ist mir nachher noch oft eingefallen , und freilich muß ich manchmal lachen , wenn ich den übertriebenen Ernst so vieler Menschen sehe und ihre ängstliche Geschäftigkeit , und daß alles doch wieder vergeht , und wenn man über dies dunkle Wesen ängstlich werden möchte , so nenne ich es immer mit meiner alten Magd den Baugeist , und bin beruhigt . Es ist doch immer so lustig und schön , wenn die Menschen brav arbeiten . « » Laß uns sehen , was Franz macht « , antwortete Leonhard , und sie gingen beide in ein anderes Zimmer , wo der Knabe neben seinem Lehrer saß und eifrig die Landkarte betrachtete . Deutschland war aufgeschlagen , und der alte Magister suchte ihm die Einteilung der Kreise , den Lauf der Flüsse und den Zusammenhang der Gebirge deutlich zu machen . » Recht in der Mitte Germaniae « , sagte er eben , » liegt allhier das alte Noricum , oder Nürnberg , welches darum billigerweise die Hauptstadt des deutschen Reichskörpers sein sollte . « Leonhard beugte sich über den Knaben und sah mit in die Karte . » Ein herrliches Land ist Franken « , fing er an ; » und vor allen das Bambergische und die Ufer des Mains . « - » Sind wohl dorten gewesen ? « fragte der Magister . - » Lange Zeit « , antwortete der Meister , » und wunderbar war alles dort nebeneinander , so verschieden und doch so schön vereinigt . Nürnberg in der Mitte , als der Sitz der Kunst und des Gewerbfleißes , eine alte ehrwürdige Stadt mit ihren Denkmälern , das lustige Anspach ; das schöne Bayreuth mit dem nahen finstern Fichtelgebirge , das sandige Erlangen , und nicht fern davon die herrlichen Täler von Streitberg und Muggendorf mit ihren Ruinen und Naturwundern ; seitwärts das warme , helle , liebliche Bamberg , mit der unendlich schönen Aussicht von seinem zerstörten Schlosse , mit seinem ehrwürdigen Dom ; dann die schönen Wälder bei Ebrach , und bald dahinter das Weinland Würzburg , und die schönen Wildnisse des Spessart ; nicht fern das reizende Bischoffsheim , hinten Mergentheim , Heilbronn , und die Schlösser an der Jaxt , der Tauber und dem Neckar , die Pfalz hinunter . « » Wo wir aber schon die Grenze Franconiae überschritten haben ! « sagte der Magister . - » Gewiß « , antwortete Leonhard , » nur rissen mich die Jugenderinnerungen hin . « Er seufzte , und verfolgte auf der Landkarte den Lauf der Ströme . » Herr Leonhard « , fuhr der Magister fort , » könnten selber den Sohn in Geographia unterrichten , da Sie alles , oder das meiste gesehen haben , es würde ihm zweifelsohne deutlicher werden , da die eigene Anschauung sich leichter mitteilt ; freilich müßte ich wohl , wenn er erwachsener ist , wieder in das Mittel treten , um ihm die ältere Länder-Einteilung und was Austrasia und Neustria gewesen , historisch zu erklären . « Man wollte sich zum Abendessen in das größere Zimmer begeben , als der Altgeselle des Gewerkes mit seinem Spruch hereintrat und ankündigte , daß zwei Fremde eingewandert wären , die Leonhard , nachdem er auf die herkömmliche Weise geantwortet hatte , annahm , weil sich sein Gewerbe mit jeder Woche vergrößerte . Die Fremden sollten am folgenden Tage einziehen und der Meister , seine Frau und der Magister nebst Franz gingen in die andere Stube , die schon erleuchtet war , und wo vier Gesellen und drei Lehrburschen ihrer warteten . Leonhard setzte sich , zu seiner Linken der Magister und neben diesen die Frau , welcher der Knabe folgte , an einen runden Tisch ; neben dem Knaben standen die Bursche , und rechts vom Meister saßen die Gesellen in der Ordnung , in der sie früher oder später in sein Haus gekommen waren . Ein kurzes Tischgebet wurde gesprochen , und die Mahlzeit unter fröhlichen Reden vollendet . Die Gesellen erzählten von dem einen Fremden , welchen sie schon kannten , und mit dem der älteste in Augsburg gearbeitet hatte ; man rühmte ihn als geschickt , tadelte aber sein unordentliches Wesen und seine Liebe zum Trunk , wodurch er zu nichts kommen könne , und ohnerachtet seines guten Verdienstets immer nur schlecht in Kleidern einhergehe . Leonhard erzählte manche unglückliche Beispiele ähnlicher Art , und beklagte , daß durch Leichtsinn und schlechte Gewohnheit sich nur zu oft die geschicktesten und sonst fleißigsten Menschen ein trauriges Alter zubereiteten . Der Magister sprach nur selten , und wenn es geschahe , meist in lateinischen Sprüchen , wobei er jedesmal den jüngsten der Gesellen scharf ansah , weil dieser ihn zuweilen lächelnd von der Seite betrachtete , und der Alte Spott in seinen Blicken zu lesen glaubte . Auch war es zu entschuldigen , wenn die Gestalt des Magisters komisch auffiel , und besonders jüngern Leuten Veranlassung zum Lachen gab . Sein altes Gesicht war feierlich und voll Runzeln , und verriet mehr Jahre , als er wirklich verlebt hatte ; er trug noch ( was schon anfing selten zu werden ) eine Perücke , die aber niemals gepudert war , oft ungekämmt und zerzaust schien und fast nie gerade saß , zwei Schleifen eines engen Halstuches hingen ihm über der Brust , die Weste prangte mit schwarzen Knöpfen von Gagat , am langschößigen Rock aber trug er Schleifen nach Art der Wiedertäufer , und zinnerne ziemlich große Schnallen glänzten von seinen Füßen . In allen seinen Gebärden suchte er den Gelehrten darzustellen , und um nicht in den Anstand und die Sprache der Handwerker zu verfallen , die ihm wohl gemein dünken mochten , wurde er hochfahrend und steif , nicht selten linkisch und verlegen , und stieß Gläser und Teller um , obgleich er sich immer beobachtete . Er war in Wittenberg auf der Schule gewesen , und hatte dort studiert und promoviert , hatte nie Glück gehabt , weil es ihm an jedem Talent fehlte , sich in die Welt und seine Umgebung zu schicken , und war nun hieher , in Leonhards Geburtsstadt geraten , wo er Kindern und jungen Leuten in Sprachen und den Anfängen der Wissenschaft Unterricht gab , sich aber immer höchst armselig behelfen mußte , weil er zu jenen gutmütigen Wesen gehörte , welche alles , ohne zu rechnen , wegschenken , und wenn sie einmal etwas zurückgelegt haben , sich bestehlen lassen , sich aber auch darüber nicht verwundern oder Vorkehrungen dagegen treffen , weil sie die Meinung hegen : es müsse so und könne nicht anders sein , er wenigstens hätte lieber selber gebettelt , als einen Dieb beim Gericht belangt , wenn er ihn auch kannte oder erriet . Nächst der Leidenschaft des Trunkes war es die des Spieles , über welche die Tischgesellschaft sprach , und welche Leonhard fast noch gefährlicher schilderte , weil sie schneller zur Armut führt und den Charakter der Menschen untergräbt , so daß nicht selten derjenige , der als ein ehrlicher Mann begann , als Betrüger und Dieb endigen muß . » Es ist eine sonderbare Frage « , fuhr Leonhard fort , » Ob der Mensch immer stark genug ist , den Leidenschaften widerstehen zu können , oder ob nicht vielleicht mancher doch früher oder später erliegen muß und seinem Schicksale nicht entgehen kann , er mag mit noch so vieler Kunst und Festigkeit nach dieser oder jener Seite ausbeugen . « » Est problema periculosissimum , « sagte der Magister , » denn axioma est , quod voluntas nostra libera sit . « Martin , der jüngste Gesell , lächelte wieder . » Das heißt « , fuhr der Magister mit erhöhter Stimme fort , » damit Er es verstehe , mein guter Juvenis Martin , es ist ein Grundsatz , daß unser Wille durchaus frei ist . « » Mir fällt diese Frage nur ein « , sagte Leonhard , » weil ich mich eines sonderbaren Falles erinnere , den ich selber erlebt habe . Als ich noch in der Lehre stand , kannte ich schon einen alten Gesellen , der hier arbeitete . Er war katholischer Religion und sehr fromm , auch war er eitel darauf , daß man ihn in der Jugend zum Geistlichen bestimmt hatte . Bei aller Frömmigkeit aber war er nicht stark genug , dem Getränk Widerstand zu leisten , so daß man ihn gewöhnlich Sonntags berauscht sah . Zwar trank er nicht viel , aber da er sehr lebhaft und von hitziger Einbildung war , stiegen ihm wenige Gläser gleich so in den Kopf , daß er fast nichts von sich wußte , und was das Schlimmste war , so befiel ihn alsdann eine so große Begier zu prahlen und aufzuschneiden , daß er seinen wöchentlichen Verdienst mit vollen Händen ausstreute mochte das Geld nehmen , wer wollte . Daher fanden sich immer einige lüderliche Brüder , die , wenn er in dieser Stimmung war mit ihm Karte oder Würfel spielten und ihn rein ausplünderten , fiel es ihm zuweilen ein , zu zanken , weil er doch Unrecht merken mochte , so trug er zum Überfluß des Unglücks noch Schläge davon . Am andern Tage war derselbe Mensch dann der demütigste , bescheidenste und leutseligste ; ja er hätte vor Scham vergehen mögen , daß er sich so hatte betragen können , und fing doch den nächsten Sonntag wieder an , dieselbe Rolle zu spielen . Diese Art aber , zwischen den beiden Äußersten hin und her zu schwanken , hatte ihm alle Kraft und Festigkeit genommen , so daß er auch niemals den Entschluß fassen konnte , in irgendeiner Stadt das Meisterrecht nachzusuchen , sondern sich lieber , so alt er auch schon wurde , als Gesell durch alle Länder umtrieb . Nach vielen Jahren , als mich der Zufall auf meiner Wanderschaft nach Triest verschlagen hatte , traf ich diesen alten Menschen wieder . Aber wie war ich erstaunt , da ich ihn ganz verwandelt fand . Er trank nie einen Tropfen starken Getränkes , mochte er müde , noch so durstig oder erschöpft sein ; und auf mein Befragen erzählte er mir , daß er vor zwei Jahren sich im Trunke so weit vergessen , daß er einen Geistlichen , der ihn zu ermahnen gesucht , gemißhandelt habe , worüber er im Nüchternwerden so erschrocken sei , daß er von diesem Augenblick an das Gelübde getan habe , nie , auch bei der dringendsten Veranlassung , und selbst auf Festen und Hochzeiten etwas anderes als Wasser zu genießen . Dieses Gelübde hielt er auch so strenge , daß ich die Kraft seines Willens bewundern mußte . « » Ecce « , rief der Magister , » das leuchtendste Exemplum , daß der Wille des Menschen allerdings frei sei und alles vermöge . « » Wenn er nur in der Tat durch diese Sinnesänderung gewonnen hätte « , fuhr Leonhard ruhig fort . » Der Pater hatte dem reuigen Sünder , ich weiß nicht welches Erbauungsbuch , gegeben , das zum Unglück eins von denen war , die man die mystischen nennt , in welchen dem Menschen außer der Vernunft und dem Glauben noch ein neuer Sinn aufgeschlossen werden soll , durch welchen er Gott und dessen Wesen erkennen mag , und durch die Anstrengung der Liebe und eines geheimnisvollen Willens fähig werden , das unbegreifliche Wesen in sich selbst vertraulich und fortdauernd aufzunehmen . Diese Vorstellungsart , so wenig er auch die meisten Bücher dieser Gattung begreifen mochte , hatte sich des schon gläubigen Menschen so bemeistert , daß er in Muße- und Arbeitsstunden las , und Lutheraner und Katholiken zu seiner Meinung bekehren wollte ; alles Geld , was er erarbeiten konnte , wandte er dazu an , mehr und mehr Bücher dieser Art zu kaufen ; er las in den Nächten , er predigte in der Einsamkeit des Feldes , er glaubte sich zum Apostel berufen , so daß es schien , sein Lebenslauf sollte nicht eben und gerade ausgehn , sondern durch Leidenschaft und Phantasie verwickelt und gestört werden . War er in frühern Zeiten ausschweifend und töricht , so mußte man ihn jetzt , wenn man es auch noch so gut mit ihm meinte , geradezu einen Narren heißen . « » Schwärmer oder Mystiker wäre richtiger gewesen « , warf der Magister ein , » an dergleichen Irrlehrern hat die reine christliche Kirche von jeher viel zu leiden gehabt . « » Jetzt war sein Seelenrausch ununterbrochen « , erzählte der junge Meister weiter . » Ich gedachte durch das Krain und Kärnten , durch Tirol hinauf nach Augsburg zu gehen , mehr um die herrlichen Gebirge zu sehn , als der Arbeit wegen , denn ich hatte Geld zur Reise zurückgelegt . Der Alte bot sich zu meinem Begleiter an . Es war im Spätsommer , das Wetter das vortrefflichste , die Gegenden , durch die wir zogen , die allerwunderbarsten und zauberreichsten , die ich noch gesehen hatte ; aber der Arme war nicht mehr fähig , die Schönheit der Schöpfung zu genießen ; er sah in den erhabenen Berg- und Felsenmassen nur das Werk der bösen Geister , einen Trotz gegen den Himmel ; er redete sie manchmal in seinem Eifer an , und schalt sie wilde Riesen und Empörer gegen Gott . Den Verdruß hatte ich auf dem ganzen Wege , und mich gereuete oft , daß ich mit ihm gegangen war . Dazu kam , daß er unter der Last seiner Bücher keuchen und schwitzen mußte , und doch konnte er nicht unterlassen , in jedem Städtchen sich nach andern Werken dieser Art umzusehn , und zu kaufen , wenn er etwas fand , das ihm erständig war . So übel ich auch auf seine Besessenheit zu sprechen war , so trug ich ihm doch den größten Teil seines Gepäckes , und bedung mir nur aus , daß er mir in den Ruhestunden nicht vorlesen durfte , worüber er wehmütig die Achseln zuckte . Wir kamen bei Botzen heraus . Nie werde ich dies herrliche Tal vergessen und den wundervollen Weg nach Brixen . Es ging schon gegen die Weinlese , allenthalben konnten wir uns mit Trauben erquicken . Es war eine Vollmondnacht , und wir hatten beschlossen , von Brixen auszuwandern , die kühle helle Nacht hindurch , und am anderen Mittag irgendwo stille zu liegen , weil die Hitze in den Bergen dort auch um jene Jahreszeit in den Mittagsstunden drückend war . War mein Gefährte am Tage begeistert , so schien der Mondschein noch stärker auf ihn zu wirken : seine Schilderungen waren so grausenhaft , daß ich mich selbst , wenn der Mond hinter eine Wolke trat , zuweilen eines kleinen Schauders nicht erwehren konnte . In der Hölle besonders war er wie zu Hause , und genau beschrieb er die vielen Heerscharen ; auch ihre verschiedenen Physiognomien und Gebärden , die von dort täglich und nächtlich auszögen , um seine arme Seele zu bestricken , bald durch Zweifel , bald durch Hochmut , ein anderes Mal durch falsche Gesichte , oder auch durch ängstigende Herzensleere , bis dann im anhaltenden Gebet der Brunnen des Lebens wieder springe und von innen heraus alle seine Kräfte tränke und erfrische . So mochte es Mitternacht geworden sein , als wir zwischen Brixen und Sterzingen einen Hügel hinanstiegen ; die Gegend war ganz einsam , kein Dorf in der Nähe , rechts ab vom Wege schienen in ziemlicher Entfernung einige Hütten zu liegen , doch mochten es auch Steine sein , denn nichts war im rätselhaften Schimmer des Mondlichtes genau zu unterscheiden . Sowie wir höher stiegen , hörten wir ein seltsames Rascheln oder Rauschen , und es war nicht anders , als wenn jemand eine große Tonne mit Wasser schüttelt , um sie auszuspülen . Dies war es denn auch zu meinem größten Befremden : denn als wir oben waren , sahen wir mitten auf der Landstraße eine ziemlich beleibte , aber kleine menschliche Figur , die mit der größten Behendigkeit ein großes Faß hin und her bewegte . Mein Gefährte drängte sich dicht an mich ; mir war , gesteh ich , etwas unheimlich : diese sonderbare Beschäftigung hier im einsamen Gebirge , in der stillen Mitternacht , keine menschliche Wohnung in der Nähe . Um dem nächtlichen Arbeiter vorbeizukommen , mußten wir im Wege etwas ausbeugen , und mit einer etwas ängstlichen Stimme sprachen wir beide den Gruß , der in Tirol gebräuchlich ist : Gelobt sei Jesus Christi ! worauf das Nachtmännlein , ohne sich in seiner Beschäftigung stören zu lassen , mit einer schnarrenden , näselnden , fast kindisch quäkenden Stimme antwortete : in Ewigkeit ! Wir gingen stumm weiter , schneller , sahen uns nach einigen hundert Schritten bei einer Felsenecke um - und indem wieder eine Wolke dem Monde vorüberzog , war alles verschwunden . Hast du ihn gesehn ? fragte mein Gefährte mit zitternder Angst - Den ? - Ich wagte nicht ihm zu antworten , er nannte den Arbeiter immer nur ihn , und schien sich viel dabei zu denken ; auch ich weiß noch jetzt mir das Abenteuer nicht zu deuten , so natürlich es vielleicht zusammenhängen mag . « » Im besten Falle « , sagte der Magister , » ist es immer exzentrisch , auf hohem Gebirge in stiller Nacht sich mit Fässern zu tun zu machen , die Nacht macht alles zum Schreck . « » So war es auch mit meinem Freunde « , fuhr der Erzählende fort , » der nur noch eines letzten Anstoßes bedurfte , um völlig in die Irre zu geraten . Wir kamen nach Sterzingen . Zum Essen kam der Alte nicht , und als wir ihn suchten , fanden wir ihn endlich in einem abgelegenen Winkel im eifrigsten Gebet . Er sagte mir , er hätte danken müssen , daß der Himmel ihm seinen Verstand habe erhalten wollen . Ich suchte ihn zu erheitern und drehte die Sache zum Scherz , aber da er böse wurde , brach ich ab . Wir blieben diese Nacht in der Stadt , weil ich mit dem Unglücklichen nicht wieder eine nächtliche Wanderung unternehmen mochte ; in der Nacht schlief er sehr unruhig , ich hörte ihn oft ächzen und beten ; schauderhaft war es , daß er wohl hundertmal die Worte : in Ewigkeit ! wiederholte , und zwar genau den seltsamen , nicht kindischen und nicht männlichen , nicht kreischenden und auch nicht heisern Ton der nächtlichen Erscheinung zu treffen suchte . Bald darauf erreichten wir Inspruck , wo wir Arbeit annahmen . Nach acht Tagen gehe ich mit meinem Gefährten des Sonntags in die Kapuzinerkirche . Hier ist das schöne Grabmal des Kaisers Maximilian , hier ruht die berühmte Philippine Welserin ; hier stehen die lebensgroßen erznen Bildnisse von merkwürdigen Menschen der Vorzeit , und ich war in Betrachtung dieser Denkmäler vertieft , als ich plötzlich unter den Worten des Predigers einen lauten Aufschrei höre ; alles läuft zusammen , man bestrebt sich , jemand aus der Kirche zu tragen , ich trete hinzu : er ist es , der Unglückliche , der in Krämpfen heult . Draußen erzählt er , daß die Kirche voller bösen Geister sei , daß der Fußboden sich unter Flammen aufgetan , daß die gräßlichsten Gebilde zu ihm emporgestiegen . Im Wahnsinn quält er sich noch acht Tage , nachdem er unzähligemal das : in Ewigkeit ! mit jenem widerlichen Tone wiederholt hatte . Er liegt dort begraben . « Nach einem kurzen Stillschweigen wünschten die Arbeiter gute Nacht und entfernten sich , indem der vorschnelle Martin schon in der Tür zu seinen Begleitern auf sprichwörtliche Art sagte : » Unser junger Meister hat in seinem kleinen Finger mehr Verstand , als im ganzen alten Magister steckt . « Dieser überhörte es aber Leonhard nahm sich vor , am folgenden Morgen dem jungen Menschen einen Verweis zu geben . Der Knabe wurde zu Bett gebracht , und der Magister nahm ebenfalls seinen Hut ; doch Leonhard wandte sich zu ihm und bat : » Erzeigen Sie uns die Ehre , werter Herr Magister , noch ein Gläschen Wein mit uns zu trinken . « Indem trat auch ein anderer Freund des Hauses , ein Tischlermeister , ein kleines rundes Männchen , herein , der sich den Schweiß abtrocknete und ausrief : » Immer noch brav heiß , als wenn es schon mitten im Sommer wäre ! Guten Abend ! « fuhr er fort ; » ja wenn man zu euch kommt , Leute , so sind alle Stuben wie die Putzstuben , und je mehr ich zu Hause aufräume , je wilder sieht die Wirtschaft aus ! ich habe nicht Glück und Segen in den Händen ; hier ist einem immer zumute , als wenn man bei vornehmen Leuten wäre . « - Man setzte sich nun um einen kleinen Tisch , und die Hausfrau schenkte von dem guten Frankenweine ein , den alle stark und wohlschmeckend fanden . Der Magister legte seine feierliche Miene ab und fing an heiterer zu werden , wozu vorzüglich die Gespräche und Erzählungen des Meisters Krummschuh beitrugen , über den er sich ohne allen Rückhalt erhaben fühlte . Es wurde an die Tür geklopft , und ein Bedienter trat herein , der dem Leonhard ein zusammengelegtes Blatt übergab . Er hatte kaum die Aufschrift angesehn , als er rot vor Freude ward und sich sehr heiter mit den Worten zum Diener wandte : » Es wird mir eine große Ehre sein , ich bin morgen den ganzen Tag zu Hause . « Der Diener entfernte sich und Leonhard sagte : » Der Baron ist wieder in der Stadt und von seiner Reise zurückgekommen , er wird mich morgen besuchen , wenn ich nicht schon früh zu ihm gehe . « - » Ich hatte es dir