Paalzow , Henriette von Godwie-Castle www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Henriette von Paalzow Godwie-Castle Aus den Papieren den Herzogin von Nottingham Vorwort des Verlegers Zur ersten Auflage Die Handschrift des hier im Druck erscheinenden Buches ist aus der Ferne auf eine nicht gewöhnliche Weise in die Hände des Verlegers gekommen , und zwar ohne Namen des Verfassers , der ihm völlig unbekannt geblieben ist . So unwahrscheinlich das vielleicht auch Manchem erscheinen mag , so ist es doch die volle Wahrheit . Was den Inhalt des Werkes anbetrifft , so werden Leser , die nicht flüchtig , sondern mit Geist und Beobachtungsgabe zu lesen gewohnt sind , die Bedeutsamkeit desselben bald erkennen , und dem Urtheil solcher schärfer und tiefer Blickenden muß es denn auch anheim gestellt bleiben , ob sie das hier Mitgetheilte als wirkliche Erlebnisse und eigentliche Denkwürdigkeiten , oder als Dichtung auffassen und betrachten wollen . Zur zweiten Auflage Die günstige Aufnahme , welche dieses Werk bei gebildeten Lesern gefunden , so wie die gleich bleibende Theilnahme des Publikums , machten diese zweite Auflage binnen Jahresfrist nöthig . Obschon im Wesentlichen nichts verändert , so ist doch eine sorgfältig verbesserte Durchsicht der Sprache , wie der Sachen bei der jetzigen Auflage nicht unterlassen worden . Die Frau Verfasserin , die zwar dem Verleger gegenüber ihre Anonymität abgelegt , dem Publikum aber nur ihr Werk , nicht ihren Namen darbieten will , wird in der fortgesetzten Theilnahme an demselben gewiß die befriedigendste Genugthuung und einige frohe Lebensstunden mehr finden . Zur dritten und vierten Auflage Die neueste Auflage dieses deutschen Dichterwerks , welches im Andenken gebildeter Leser sich forterhält und dessen wiederholte Lektüre den Geistreichsten unter ihnen zum Bedürfniß geworden ist , meint der Verleger nicht besser und würdiger einleiten zu können , als durch den Abdruck jener ersten Recension , welche gleich damals erschien , als das Werk noch kaum bekannt war , und als deren Verfasser Herr Braniß , Professor der Philosophie an der Universität Breslau , sich unterzeichnet hat . Diesem bleibt das Verdienst , der Erste gewesen zu sein , der durch sein tief begründetes Urtheil die hohe Bedeutung von Godwie-Castle anerkannte und klar entwickelte , den Autor , dessen Name noch nicht einmal vermuthet werden konnte , freudigst begrüßte und ihm jenen immergrünen Kranz , der nur Wenigen in diesem Felde der Dichtung zu Theil geworden , zuerst darreichte . Jene Beurtheilung , welche vor fünf Jahren , am 7. November 1836 , erschien , und hier als einleitendes Vorwort wieder abgedruckt ist , wird denkenden Lesern gewiß eine werthvolle Beigabe sein . » Walter Scott ' s geistreiche Weise , im Romane Dichtung und geschichtliche Wirklichkeit geschickt mit einander zu verweben , hat mit Recht die Theilnahme der Lesewelt in hohem Grade erregt , und wenn diese Theilnahme jetzt sehr gesunken ist , so mag dies wohl hauptsächlich von den vielen Nachahmern Scottischer Manier herrühren , welche ohne das Talent des geistvollen Britten , doch alle seine Fehler aufgenommen haben . Solcher Fehler giebt es denn freilich auch viele . Jener breiten Detailmalerei nicht zu erwähnen , welche , weit entfernt eine größere Anschaulichkeit zu bewirken , den Leser vielmehr nur seine Unfähigkeit empfinden läßt , alle die kleinlichen Elemente zu einem Gesammtbilde zu vereinen , sei hier nur des großen Mißverhältnisses gedacht , in welchem bei Scott die Dichtung zu dem gegebenen geschichtlichen Stoffe steht . Nur zu sehr in der That läßt der Dichter es uns merken , daß er selbst sich weit mehr für das Historische , als für seine eigene Schöpfung interessirt , und jemehr es ihm vermöge der Lebendigkeit seiner Darstellung gelingt , auch dem Leser ein Interesse für das Geschichtliche einzuflößen , desto dürftiger muß diesem der innerhalb mächtig hervortretender Weltverhältnisse sich abspinnende kleine Liebesroman erscheinen . Ja selbst der von Scott mit großem Erfolg gebrauchte Kunstgriff , durch das geheimnißvolle Dunkel , darein er eine lockere Erfindung so lange als möglich zu hüllen weiß , die Neugier des Lesers in Spannung zu erhalten , dient nur dazu , bei endlich erfolgter Entwickelung um so mehr das Gefühl der Enttäuschung hervorzurufen , indem der lange genährten Erwartung statt einer wichtigen , weitgreifenden Katastrophe , zuletzt doch nichts dargeboten wird , als die Vereinigung eines halbwüchsigen Liebespärchens , an dem sich die großartigsten weltgeschichtlichen Bewegungen verkrümeln . - Unstreitig ist der unmittelbare und wesentliche Stoff des Romans überhaupt das Leben der Familie , wie denn dies in der Romanen-Literatur stets durch die That anerkannt worden ist . Wir erinnern nur an die älteren englischen Romane ; und selbst unsere verrufenen deutschen Familiengemälde sind nicht darum so geringhaltig , weil sie das Familienleben darstellen , sondern weil sie es in seiner größtmöglichsten Dürftigkeit auffassen , weil sie die Poesie darin suchen , es aus allem Zusammenhang mit allgemeinen Interessen herauszureißen , und seine ganze Energie auf die ungestörte Erhaltung einer isolirten Existenz hinzurichten ; daher denn auch Armuth bei ihnen ein so wichtiges tragisches Motiv ist , und dauerndes Familienglück hauptsächlich durch plötzlich hereinscheinenden Reichthum bewirkt wird . Ein würdiger Gegenstand für die Poesie ist aber die Familie erst , wenn sie der gemeinen Noth des Lebens durch günstige äußere Verhältnisse entrückt , zu keiner Verzichtleistung auf höheren und feineren Lebensgenuß gezwungen ist . Mannigfaltigere Interessen treten dann in ihr hervor , sie selbst öffnet sich dem , was die Welt bewegt , und ohne sich an das öffentliche Leben aufzugeben , nimmt sie doch dessen Wirkung in sich auf , und entwickelt erst so ein in Gesinnung , Karakter und Thatkraft innerlich reiches , wahrhaft sittliches Dasein . Wird nun die Familie in dieser Würde und Bedeutsamkeit Gegenstand dichterischer Produktion , so kann sie nur entweder in bestimmten allgemeinen Beziehungen zu den Mächten des geschichtlichen Lebens festgehalten werden , - wie z.B. der edle Familienkreis , in welchen Wilhelm Meister uns einführt , an Kunst , weltbürgerlicher Erziehung und großartiger Industrie die Bezüge hat , die ihn der Geringheit und Dürftigkeit eines blos selbstischen Familieninteresses entreißen - oder es muß eine bestimmte , im Leben eines Volkes bedeutsame , geschichtliche Zeit sein , in die der Dichter uns versetzt , und die er am Familienleben reflektirt zu unserer Anschauung bringt . Eben dieser letztere Gedanke liegt nun auch den Scottischen Romanen zu Grunde , konnte in ihnen aber freilich nicht genügend zur Ausführung kommen , weil Scott die Familie durch die allgemeinen Interessen völlig bewältigt , weil er uns nicht die Geschichte durch die Familie hindurch , sondern umgekehrt die Familie nur in der Geschichte , sei es nun als thätiges Organ derselben , oder als leidenden Spielball der Ereignisse erblicken läßt . Es liegt zwar auch in dieser Fassung eine Wahrheit , eine solche jedoch , zu der wir des Dichters nicht bedürfen , die uns die Geschichte selbst auf allen ihren Blättern lehrt . Jene unvergängliche Seite der Familie dagegen , welche alle geschichtlichen Kämpfe und Wirren überdauert , jene in allem Wechsel des mannigfach bewegten öffentlichen Lebens sich unveränderlich erhaltende stille Macht der Liebe , Treue , Innigkeit und heiligen Vertrauens ist es , welche schon an sich gediegene Poesie , auch für die dichterische Behandlung ein unerschöpflicher Stoff ist . Wie trefflich nun dieser Stoff , wenn ein Meister ihn behandelt , sich gestalten läßt , zeigt das Werk , auf welches aufmerksam zu machen , der Zweck dieser Zeilen ist . Wir werden durch Godwie-Castle mit einer englischen Familie bekannt , deren hoher Rang sie von alter Zeit her in nahe Beziehung zu den Herrschern des Landes gebracht , und zur Theilnahme an der Leitung des Staats berufen hat , so daß die Schicksale des Hauses vielfach durch den Gang der öffentlichen Angelegenheiten , und durch innigere , persönliche Verhältnisse zur Königsfamilie bestimmt werden . Die Personen , die wir kennen lernen , haben an dem Hofe der Königin Elisabeth und ihres Nachfolgers eine bedeutende Stellung eingenommen , und die vertraute Freundschaft zwischen dem Haupte der Familie und dem Prinzen von Wales führt Verwickelungen herbei , welche auf das sonst ungetrübte Familienglück einen düstern Schatten werfen , der sich erst spät zerstreut . Ueber die Begebenheiten selbst enthalten wir uns jedes Berichts , und bemerken von ihnen nur , daß sie ganz geeignet sind , die Theilnahme der Leser in hohem Grade in Anspruch zu nehmen . Desto angelegentlicher möchten wir die poetische Trefflichkeit des Werkes hervorheben . In der That sind darin alle oben an Scott gerügten Fehler auf das glücklichste vermieden . Viele höchst interessante historische Momente treten uns zwar darin entgegen : das letzte Lebensjahr Jakobs des Ersten , der sinnlose Uebermuth seines Günstlings Buckingham , die Verhandlungen wegen der Vermählung des unglücklichen Prinzen Karl , Burleigh ' s und Bristol ' s gewandte , aber in aller Staatsklugheit den Adel der Gesinnung bewahrende Politik in ungleichem Kampfe mit Richelieu ' s schleichenden auf Hofintriguen , Weibergunst und Jesuitismus sich stützenden Machinationen - alles dieses und dem ähnliches führt der Verfasser mit dramatischer Anschaulichkeit unsern Blicken vorüber . Dennoch hält er es mit großer Besonnenheit so sehr als möglich im Hintergrunde , und läßt es nur so weit hervortreten , als es unmittelbar auf die Nottingham ' sche Familie einwirkt , für welche er unser Interesse ungetheilt in Anspruch nimmt und erhält . In das Stammschloß derselben versetzt er uns gleich beim Beginn der Erzählung , und entfaltet vor uns dessen mannigfach kombinirte , den großen Sinn seiner Besitzer aussprechende Architektur mit so bewundernswürdigem Talent , so ungetrübt von jener das Auge verwirrenden antiquarischen Pedanterie , in welche bei solchem Anlaß Scott so leicht verfällt , daß wir darin völlig heimisch werden . Und welchem herrlichen Menschenkreise begegnen wir darin ! Die alte Herzogin , eine wahrhaft verklärte , von keinem Erdenschmerze mehr berührbare Gestalt , auf ein abgeschlossenes inhaltreiches Leben mit dem Frieden eines schönen Bewußtseins heiter zurückblickend , und jetzt nur noch in der Liebe zu den Ihrigen lebend . Ihr zur Seite die jüngere Herzogin , ein tief leidenschaftliches , von einem großen Schmerz umnachtetes Gemüth , dessen Heftigkeit dennoch stets von hoher Willenskraft gebändiget , nur um so rührender die Fülle von Liebe , die es einschließt , und um so schöner die Stärke einer edeln Gesinnung offenbart . Wir müssen es uns versagen , diese andeutende Karakteristik fortzusetzen . Gleich den genannten Personen sind auch die übrigen , bis zur jüngsten Enkelin , welche in ihrer Kinderunschuld das anmuthigste Gegenstück zu der herrlichen Großmutter bildet , scharf individualisirt ; wie verschieden aber auch in Karakter und Lebensrichtung , sind sie doch durch gegenseitige Liebe und Anerkennung , durch das Alle erfüllende Bewußtsein der Familienehre und einen für Gemeines unnahbaren Seelenadel zur schönsten Einheit und zu einem sittlichen Gesammtleben verbunden , in welches hineinzublicken Genuß und Erhebung zugleich ist . Die schönste Zeichnung freilich ist die junge Fremde , an deren Erscheinen in Godwie-Castle sich viel Lust und Leid knüpft . Der Verfasser hat die Fülle von Liebreiz , die er über diese Gestalt ausgegossen , zugleich so durchsichtig für die ihr einwohnende hohe Seelenschönheit zu halten gewußt , daß die herzgewinnende Macht , die sie über ihre Umgebung ausübt , gewiß auch jeder Leser erfahren wird . Das liebe Mädchen muß viel leiden , so viel , daß wir mit dem Verfasser darüber rechten könnten , warum er sie über manche Widerwärtigkeit nicht sanfter hinweggeführt hat , wenn wir nicht wüßten , einmal daß im Romane der Zufall sein Recht unbeschränkt behaupten müsse , und zweitens vornehmlich , daß gerade in jenen Schmerzen die größere Liebe des Dichters zu seinem Geschöpf sich kundgiebt , welcher allein wir eine so lebenswarme Zeichnung verdanken . Seltsam genug , daß im Reiche der Poesie der Satz gilt : was der Dichter liebt , läßt er leiden . Dies zu belegen , braucht man nicht gerade an Heinrich Kleist zu erinnern , der seine Lieblinge förmlich quälen kann , selbst Göthe darf dafür angeführt werden ; denn ruht nicht z.B. unter allen im Wilhelm Meister auftretenden Personen des Dichters Liebe vorzugsweise in Marianen und Mignon ? Es sind diese beiden Gestalten aber auch die schönsten unter allen , wie sie die leidvollsten sind . So wollen wir denn auch unsern Verfasser dieser Dichterneigung ungestört folgen lassen , und statt unbefugt zu tadeln , lieber auf eine besondere Virtuosität desselben aufmerksam machen . Dies um so mehr , weil er sich in so strenge Anonymität zu hüllen gewußt hat , daß selbst dem Verleger , wie ein Vorwort berichtet , sein Name völlig unbekannt geblieben ist ; ein kluger Leser , der sich aufs Rathen legen will , mag vielleicht dadurch einen Fingerzeig erhalten . Es versteht nämlich der Verfasser nicht nur Gemälde mit der größten Gewandtheit und in anschaulichster Klarheit zu beschreiben , sondern er giebt auch von einzelnen Gegenständen so pittoreske Darstellungen , und liebt es besonders , ganze Scenen in so bestimmter anmuthiger Gruppirung zu einem Leben athmenden Tableau zu gestalten , daß er sich als einen in die Geheimnisse der Malerkunst tief Eingeweihten verräth . Wir selbst wollen uns durch diesen Fingerzeig nicht zum Rathen verführen lassen , sondern uns nur des Trefflichen freuen , das die Kunst des Verfassers in dieser Beziehung uns dargeboten hat . Ein Talent , wie der Verfasser es hier zeigt , und wie wir es in anderer Weise an Göthe und Tieck kennen und bewundern , läßt es recht inne werden , daß , wie die Malerei in ihrer großen längst abgeschlossenen Zeit die Poesie in sich trug , so umgekehrt die mündig gewordene Poesie die Malerei einschließt . Und so mag man es wohl als einen richtigen Takt bezeichnen , wenn eine berühmte deutsche Malerschule unsrer Zeit sich so gern an die Dichter lehnt und ihnen in ihren Darstellungen nachstrebt ; wiewol es immer eine bedenkliche Frage bleibt , wozu doch das Streben nach einem bereits Erreichten führen könne , nach einem Erreichen zumal , welches für dieses Streben ein Unerreichbares ist ; denn für eine Anschauung oder Empfindung , die der echte Dichter bereits gestaltet , und der er am Worte einen geistigen , helldurchsichtigen Leib gegeben hat , sind selbst Farbe und Klang zu stoffartige , trübe Darstellungsmittel . Sei dem nun wie ihm wolle , wir , die wir nichts von der Berliner Kunstausstellung abbekommen , wollen uns an unserm Lesepulte der herrlichen seelenvollen Bilder , welche der Dichter von Godwie-Castle uns vorführt , dankbar freuen . Unerwähnt darf nicht bleiben , daß der Verfasser , was ihm sehr hoch anzurechnen , es in echter Dichtervornehmheit vorschmäht hat , den Leser mit der Auflösung der räthselhaften Begebenheit , die den Inhalt des Buches bildet , in beliebter Scottischer Weise möglichst lange hinzuhalten , und so durch Spannung einen vorübergehenden Effekt zu erzielen . Schon am Anfange des zweiten Theiles erhalten wir diese Auflösung , und wenn der Verfasser , wie er selbst sehr schön sagt , es vorgezogen hat , den Leser lieber » in die Stimmung eines besorgten Freundes zu versetzen , der die Gefahren kennt , wie sie zu vermeiden wären , weiß , und doch außer Stand gesetzt ist , schützend oder warnend einzuschreiten « - so ist es ihm mit der Erzeugung dieser Stimmung bei dem Referenten wenigstens vollständig gelungen . Die Sprache des Verfassers hat viel Eigenthümliches ; ein sehr kompakter Periodenbau , in welchem durch eine zuweilen etwas ungewöhnliche Wortstellung ein klingender Rhythmus sich bemerkbar macht , der oft nahe an den Vers streift , zeichnet besonders die beiden ersten Theile aus . Im dritten läßt die auf den Ausdruck gewandte Sorgfalt merklich nach ; einzelne Stellen verrathen Eilfertigkeit , auch Inkorrektheiten laufen mitunter . Diese letzteren indeß zu rügen fällt dem Referenten gar nicht ein , vielmehr freut er sich über so eine Inkorrektheit , wie Tischbein über den Esel . Es ist nämlich in unsern Tagen nichts so wohlfeil geworden , als ein sogenannter guter Stil ; Alles besitzt ihn , ja je bornirter einer ist , desto besser handhabt er ihn ; eine geleckte , geschwätzige , in bestimmter fertiger Phraseologie glatt und ohne Anstoß wie auf einer Chaussee dahinrollende Redeweise ist völlig zum Gemeingut worden . Weil denn nun Alle einen guten Stil haben , und zwar Alle den nämlichen guten Stil , so steht zu befürchten , daß darüber aller Stil zu Grunde gehe , der nämlich , von dem es heißt : le style ce ' st l ' homme ! Ein bedrohliches Zeichen , daß wir uns wirklich dem glänzenden Elend der Klassicität nähern , womit für eine Nation doch nichts anders gesagt wird , als daß sie in ihrer Literatur das Bewußtsein einer großen Vergangenheit ausspricht , ohne eine über sich hinausragende Gegenwart zu haben . Mußten wir ja sogar erst kürzlich , und zwar aus der Mitte des weiland jungen Deutschlands heraus , ein Liedchen singen hören , daß die graue Nebelgestalt des alten Ramler mit den berufenen Wappenschildern von klassischem Muster , Korrektheit , Geschmack u.s.w. aus ihrer Vergessenheit heraufbeschwört . Solcher Richtung gegenüber muß man es noch für ein günstiges Symptom halten , wenn der herrliche Göthe nicht allgemein anerkannt , ja wenn er verunglimpft wird ; besser so , als daß er , was von einer andern Seite her in kurzsichtiger Aesthetik geschieht , zum Musterpoeten verknöchert wird . Es hat indeß mit der Klassicität keine so große Gefahr , so lange es noch Ludwig Tieck in freier unbedrängter Muße zu schaffen vergönnt ist , und so lange noch große Unbekannte , wie der Verfasser von Godwie-Castle , unsere Literatur bereichern . « Braniß . Erster Theil Der Tag neigte sich zu Ende . Leichte Nebel stiegen aus den Thälern und verbreiteten eine seltene zauberische Beleuchtung , indem sie die Strahlen der Sonne , welche einen warmen Frühlingstag verklärt hatten , sanft verhüllten . Wer hätte nicht der Natur Momente abgelauscht , wo die wunderbare Gestaltung der Wolken oder das durch Nebel gebrochene Licht so phantastische Erscheinungen hervorruft , daß wir uns an die reizenden Fabeln erinnert fühlen , denen wir schon im Schooß der Wärterin horchten , und die mit ihren goldnen Bäumen auf Wiesen von Smaragd , ihren Palästen von Rubin und Edelstein , ihren Ursprung in nichts Anderem , als in solchen zauberischen Naturgemälden , gehabt haben mögen . Die weite Aussicht von dem Standpunkt , an den wir hier unsere Mittheilungen hauptsächlich anknüpfen , zeigte eine entzückende Vereinigung erhabener und lieblicher Naturgegenstände , und das Auge konnte von keinem unbefriedigt zurückkehren . Wir befinden uns in dem schönsten Theile der Grafschaft Nottingham , zwischen Chesterfield und den anmuthigen Höhen von Cheffield . Hier lag das Stammschloß der Grafen von Derbery , Herzöge von Nottingham , und bildete mit seinen weitläuftigen Wäldern und reizenden Thälern den vornehmsten Theil dieser Gegend , indem es zugleich ein prächtiges und ausgezeichnetes Denkmal verschiedener Jahrhunderte mit ihrem fortschreitenden Geschmack und erweitertem Bedürfniß darstellte . Es brachte seinen alten Namen , Godwie-Castle , aus einer so grauen Vorzeit herüber , daß selbst das alte Geschlecht , das sich jetzt seine Besitzer nannte , es nicht wohl erweisen konnte , ob es einen ihrer fernen Urväter als Erbauer des eigentlichen Castells nennen dürfe , das mit seinen von der Zeit fast spurlos verwischten Wappenschildern alle Bemühungen der Heraldik vereitelte . Nicht weniger aber ward es mit einer Sorgfalt geehrt und erhalten , von der es zweifelhaft blieb , ob sie der Verehrung für die früheste Periode der Baukunst angehöre , oder dem schmeichelhaften Glauben an einen bis in die graueste Vorzeit reichenden Besitz . Gewiß blieb es aber , daß die Vergrößerungen des Schlosses , die eben so vielen verschiedenen Zeiten , als Besitzern , angehörten , stets mit einem schonenden Rückblicke auf die erste , wenn auch rohe , doch von Ausdehnung zeugende Anlage unternommen wurden . So war , von dem frühesten Bedürfniß , nur eine gesicherte Wohnung zu besitzen , bis zu der freieren Existenz in einer Zeit , die , durch öffentliche Sicherheit , Reichthum und vorschreitende Bildung , das Schöne und Angenehme forderte und zuließ , ein überall beabsichtigter , wenn auch oft schwer zu erreichender Zusammenhang unter den verschiedenen Bauwerken beobachtet worden . Das Castell , das so als der älteste Theil bezeichnet ward , lag an dem Rande einer Höhe , die unfehlbar in früheren Zeiten einen Theil der Befestigungen getragen hatte und den späteren Besitzern , welche hier nur unscheinbare Trümmer vorfanden , den weiten Raum für ihre großartigen Anlagen gab . Das Castell war noch immer der Eingang zum Schlosse geblieben , und allerdings dazu durch den Ernst und die Größe seiner Formen und die überall noch sichtbaren Befestigungen sehr geeignet . Die breiten geebneten Wege , die das Thal und den Wald in verschiedenen Richtungen durchschnitten , liefen in dem weiten grünen Raume zusammen , der sich vor den Befestigungen ausbreitete und gegen Norden hin von dem prächtigen Walde in einem Halbkreis umschlossen ward . Die wasserreichen Gräben mit ihren grünen Wällen und befestigten Brücken schienen noch jetzt einer kriegerischen Macht jeden Widerstand bieten zu können , doch blieb dem gründlicheren Beobachter nicht lange verborgen , wie diese schirmenden Wälle und Gräben sich sanft hinter der Hügelreihe in den schönen Wiesengründen verloren , die dem Thal nach Süden hin mit dem Zauber der Kultur eine bessere Aussicht auf Schutz und Sicherheit gewährten . Von dort aus zogen sich die Meiereien und ländlichen Wohnungen der Fischer und Waldheger , welche zerstreut angebaut waren , in einem Kreise um den Park , der nach Abend hin einen See umschloß . Die größte Ausdehnung hatte dieser nach Norden und verband sich dort mit dem Walde , der bis dicht an die Terassen des Schlosses seine mächtigen Häupter trug und , durch roh in Stein gehauene Stufen damit verbunden , theilweis zu den Park-Anlagen benutzt war . Noch immer unterhielt man auf den verschiedenen Brückenthürmen Wächter , welche die Ankunft von Fremden aus der Ferne schon durch den Ruf ihrer Hörner verkündigten . Aber an die grauen Thürmchen mit ihren Schießscharten und Fallgattern lehnten sich freundliche Hütten ; und blühende rothwangige Kinder , in trauter Gemeinschaft mit den zahmen Bewohnern des Waldes , die die grünenden , von der Sonne beschienenen Wälle gern zu ihren Futterplätzen ersahen , schienen die einzige streitbare Macht dieser ersten Festungslinie . Doch überschritt wohl keiner die letzte Brücke , ohne einen Augenblick zu weilen und den Ueberblick zu genießen , der diese großartige Architektur zugleich als eine interessante Geschichte der Baukunst darstellte . Den Eingang zum Castell erreichte man über eine Zugbrücke , die unmittelbar in ein hohes gewölbtes Thor führte , das von zwei sonderbar gewundenen und mit Gallerien verbundenen Thürmen gehalten ward . Man hatte alsdann den Schloßhof erreicht , und dem Eingangsthor gegenüber zeigte sich die schönste , wenn auch nicht die älteste Seite des Castells . Sie gehörte einer spätern Zeit und schon bestimmt der gothischen Baukunst an ; aber sie war - durch welche Begebenheiten , blieb unentschieden , - in ihrem oberen Ausbaue der Zerstörung am meisten anheim gefallen und zeigte nur noch die unteren Räume erhalten , die in drei hohen gewölbten Hallen bestanden und den Durchgang nach dem zweiten Schloßhof bildeten . Mit angenehmem Erstaunen sah man sich von hier aus dem prächtigen Wohngebäude gegenüber , das , mit allem Glanz seiner stets reichen Besitzer in dem reinsten Style errichtet , den wohlthuenden Eindruck hervorrief , als ob man die Herrschaft des Schönen unter dem Schutze civilisirterer Zeiten hier aufgeblüht sähe . Das Schloß lag auf dem höchsten Punkte und daher höher , als das Castell , und der Schloßhof führte in breiten gemauerten Wegen die leichte Anhöhe hinan . Die Hinterseite des Schlosses lag auf der Terrasse ausgebreitet , welche von da zu dem Parke führte . Hier , von der Gartenseite aus , gewahrte man den neuesten Anbau , unter dem Großvater des letzverstorbenen Herzogs entstanden , und zwar nach seiner Rückkehr aus Italien von einer Gesandtschaft an Sixtus den Fünften , wohin ihn Elisabeth gesendet , während ihrer kurzen Freundschaft mit dem heiligen Stuhle . Der Erbauer hatte hier den Geschmack seiner Vorfahren am meisten beeinträchtigt . Italien hatte seine Phantasie mit Bildern entzückt , die keinen Raum auf dem vaterländischen Boden fanden . Kunstwerke jeder Art waren ihm gefolgt ; aber die hohen gothischen Gemächer des alten Stammschlosses , mit ihren schmalen spitzen Fenstern und dem ungewissen Lichte der in tausend Farben spielenden Scheiben , war kein Aufenthalt für die Marmorbilder , die man aus ihren heiteren Säulenhallen weggeführt , noch für Kunstwerke des Pinsels , die vergeblich eine Gemeinschaft suchten an den mit Zierrathen überladenen Wänden , wo , nächst zahllosen , in Stein und Marmor gehauenen Wappenschildern , nur die düsteren Ahnenbilder , aus der Kindheit der Kunst herstammend , zu ihnen niederstarrten . Die hierdurch erregte Besorgniß des Herzogs um seine Lieblinge löste sich bald im fröhlichen Gefühl ungemeiner Mittel , und er gab ihnen in einem neuen Flügel hinter hellen Scheiben und luftigen Kuppeln die Heimat wieder , so weit dies unter Englands Nebelhimmel möglich war . Nahm der italienische Flügel vom Hauptgebäude aus den nördlichen Theil der Terrassen ein , so hatte dagegen die Gemahlin des Herzogs , eine Gräfin aus dem Hause Devereux , an der anderen Seite der Terrasse nach Süden eine Kapelle aufgeführt , die deutlich die Einwirkung zeigte , welche der Geschmack des Herzogs durch den Aufenthalt in Italien davon getragen . Aber es war auch nicht zu läugnen , daß man sich hier von dem unreinen Geschmack berührt fühlte , der später seine Verwirrung der gothischen und griechischen Baukunst über halb Europa ausbreitete . Dessenungeachtet diente auch diese weit aus der Erde gehobene Kapelle , mit ihren schönen Portalen , herrlichen Treppen und im blumenreichsten Schnitzwerk prangenden Fenstern , nicht minder zu einer Verherrlichung des Ganzen . Es führten von hier sanfte Wege ab in die angebauten Thäler , deren Bewohner sich auf denselben nach der Kirche begeben durften . Die Kapelle war durch den südlichen Thurm unmittelbar mit dem Schlosse verbunden . Der untere Raum desselben ward die Begräbnißkapelle genannt , weil darunter sich die Familiengruft befand und der Raum darüber vor Erbauung der neuen Kapelle zum Gottesdienst gebraucht ward . Dieser fast leere Raum grenzte an die fürstlichen Hallen , die in drei Abtheilungen sowohl die Tiefe als Länge des ganzen Schlosses einnahmen . Nur um den Eingang von dem Schloßhof her zu trennen und die breiten Treppen nach den obern Gemächern zu führen , war der mittlere Saal durch prachtvolle Gitter und die Decke tragende Pfeiler getheilt . Trotz seiner ungeheuern Größe und seiner verschwenderischen Ausstattung ward er weniger geachtet , und bei feierlichen Gelegenheiten mehr als stillschweigend gestatteter Tummelplatz der höheren Schloßbeamten und der zahllosen Dienerschaft angesehn . Dagegen waren die daranstoßenden Säle mit einem überraschenden Glanze geschmückt , und trugen den ganzen Stolz ihrer fürstlichen Bewohner und allen Luxus , den England damals aufzuweisen wußte , ergänzt durch Italiens Schätze und den Kunstfleiß der vorschreitenden Niederländer , zur Schau . Statt der Fenster öffneten sich weite Thüren nach den Terrassen hin , die , gegen die Annäherung der verschiedenen Thiere des Waldes durch goldene Gitter geschützt , Luft und Licht gar anmuthig einließen , und bei unfreundlicherem Wetter häufig zu den regelmäßigen Spaziergängen der Frauen benutzt wurden ; wie denn jene Säle überhaupt allem gemeinschaftlichen oder öffentlichen Verkehr der Schloßbewohner gewidmet waren . Die Fürsten gaben hier ihren Unterthanen oder dem Adel der Grafschaft Audienzen . Hohe Gäste wurden hier bewirthet , die fürstliche Jugend mit ihren Gespielen trieb hier ihre verschiedenen Lustvarkeiten ; Familienfeste und Zusammenkünfte , in guter Jahreszeit das allgemeine Frühstück und die Tafel , Alles ward hier abgehalten ; bis zu den pomphaften Leichenbegängnissen dieser Familie , welche mit ihren strengen Ceremonien den Saal zunächst dem Erbbegräbniß füllten . Dagegen schloß der nördliche Thurm im Erdgeschoß die prächtige Bibliothek in sich , und durch sie gelangte man zu den schönen Marmorstiegen , die den italienischen Flügel sogleich als das Kind einer fremden Zone ankündigten , welcher seit dem Tode des Erbauers , der ihn nie mehr verließ , die stete Wohnung der Herzöge blieb . Die Zimmer , welche die Herzoginnen bewohnten , hatten jedoch , obwohl die alterthümliche Urgestalt weder entfernt werden konnte , noch sollte , nach und nach Umgestaltungen erlitten , welche zu ihrer ursprünglichen Pracht noch das Schöne und Angenehme fügten ; und wenn wir den ferner liegenden Waffensaal und den der Ahnenbilder , den man noch immer die Gallerie nannte , abrechnen , boten diese Zimmer zugleich einen schönen und imposanten Anblick dar . Das Schlafzimmer der Herzoginnen war im südlichen Thurm und von der Erbauerin der Kapelle durch einen verhüllten Eingang unmittelbar mit dem Chorstuhl verbunden , den die Herzoginnen darin einnahmen . Außerdem waren unter dem letzt verstorbenen Herzoge für den Prinzen von Wales , welcher in naher Verbindung mit ihm stand , eine Reihe Zimmer eingerichtet , eines so hohen Besuches und so freigebigen Wirthes gleich würdig , welche , wenn auch nur selten geöffnet , doch stets für die vornehmsten Gäste ihre Bestimmung behielten . Alle Theile des Schlosses waren , wenn auch mit einem großen Aufwand an Raum , außerdem bewohnt , denn es gehörte zu dem Luxus damaliger Zeit , außer der höheren Dienerschaft beider Geschlechter noch einen unübersehbaren Troß geringer Dienstleute zu besitzen . Der argwöhnischen Politik der Königin Elisabeth war es zwar nach und nach gelungen , die eigentliche bewaffnete Dienerschaft ihrer Großen zu entfernen , die freilich fast jedes befestigte Schloß zu einer kleinen Festung umschufen , doch war kaum etwas Anderes erreicht , als daß die Waffen in den Rüstkammern hingen , und diejenigen , die sonst darin geübt