Immermann , Karl Die Epigonen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Karl Immermann Die Epigonen Familienmemoiren in neun Büchern 1823-1835 Erstes Buch Klugheit und Irrtum Irre ich , so irre ich mir . Hiob Erstes Kapitel An einem deutschen Sommertage , wo Gußregen und schwüler Sonnenblick wechselten , und das Gefilde zu öfterem halb unter grauen Wolken , halb unter glühendem Lichte lag , gingen mehrere Männer suchend durch die Heide . » Sie muß sich in die Erde verkrochen haben « , sagte der eine , » wir haben doch nirgends eine Spur von ihr gefunden . « » Wenn nur die Alte , die ihr hat wahrsagen müssen , uns nicht angeführt hat « , versetzte ein anderer . » Sie schickt uns vielleicht nach einer falschen Gegend , und hält das Kind unterdessen in ihrer Spelunke verborgen . Ich habe es dem Landrat oft gesagt , er solle das Luder von hier fortweisen zu den Zigeunern nach Friedrichslohra . « » Zigeuner ! « rief ein Dritter aus . » Das alte Weib ist so wenig eine Zigeunerin , als deine und meine Frau . Ich habe sie als Unteroffizier dazumal im Kriege recht wohl gekannt . Zu der Zeit war sie unsre Marketenderin . Sie ist aus Halle in Sachsen . Mit Büchern und allerhand Schnurren hatte sie immer ihr Wesen , davon sind ihr die Redensarten sitzengeblieben , und nun tut sie so , als wäre sie von weit her , weil sie merkt , daß es in ihrem Gewerbe dann vor den Leuten besser fleckt . Aber da kommt wieder am Himmel so ein Schlauch hergezogen , laßt uns bei den Bäumen untertreten . « Die Männer bargen sich vor dem Wetter an einer Waldecke . Ihr Gespräch verließ bald die Zigeunerin und das entflohene Kind , dem sie nachspüren sollten , und wandte sich auf die Mühsale der Polizei , welche für alles sorgen müsse und von jedermann für überflüssig erachtet werde . Bei diesen Reden machte eine Branntweinflasche , die nicht zu den kleinsten gehörte , fleißig die Runde . Als die Unterhaltung erschöpft , die Flasche ausgetrunken , und der Regen verzogen war , sagte der eine Mann : » Wenn ihr mir folgen wollt , so nehmen wir jetzt am Stern noch einen , und gehn dann zu Rathause . Mit dem Busch können wir uns doch nicht befassen , denn er ist zu groß . Wir haben getan , was möglich war , und der Komödiant mag nun selbst ausgehn , wenn er sein Mädchen wiederhaben will . « Diesem Vorschlage gaben die andern mit der Bemerkung , daß eine ungesunde Witterung herrsche , lebhaften Beifall , worauf sich alle , ohne dem Walde weitere Aufmerksamkeit zu schenken , nach dem Wirtshause in Bewegung setzten , welches sie vor kurzem erst verlassen hatten . Währenddessen saßen im Dickicht zwei junge Leute auf einem umgestürzten Stamme . Der Regen tröpfelte durch die Blätter und schien dem einen , welcher schlank und wohlgebildet war , beschwerlich zu fallen , wogegen der andre , untersetzt und knochicht , dessen nicht achtete . Er hielt eine Landkarte auf seinen Knieen entfaltet , und redete , unbekümmert darum , daß sie naß ward , auf seinen Genossen mit Feuer und heftiger Gebärde ein . » Nach acht Tagen « , rief er , » bin ich in Genf . - In vierzehn Tagen kann ich Marseille erreichen , und wenn die Winde des Himmels dem Wunsche der Freiheit günstig sind , so küsse ich nach sechs Wochen den Boden der heiligen Hellas . « » Nehmt nur eine Taschenausgabe der Klassiker mit « , versetzte der andere lächelnd , » damit ihr die Illusion immer wiederherstellen könnt . Die Neugriechen werden euch mitunter unsanft in euren Träumen stören . « » Es gilt « , versetzte der mit der Landkarte , » ein gesunkenes Volk aus den Fesseln der Knechtschaft erlösen , es gilt , edlen Herzen eine Freistatt erobern , wohin sie sich vor der Zwingherrschaft verrotteter Kerkermeister retten können ; es gilt , den Grundstein zu einer neuen Ordnung der Dinge legen , und du tätest besser , Hermann , statt über das Heilige zu spotten , dich unsrem Bunde anzuschließen . Was willst du in Deutschland ? « » Traurig für mich , wenn ich in Deutschland etwas wollte « , erwiderte sein Freund . » Als ob in unsrer mit Dünsten geschwängerten Atmosphäre ein Entschluß nur entstehn , geschweige denn ausgeführt werden könnte . Aber eben , weil ich nichts mehr will , tauge ich auch nirgend mehr hin , als nach Deutschland . Ich habe abgeschlossen mit dem Leben . Seit ich das getan , bin ich ruhig . Ich wünsche nichts , ich verlange nichts ; die Zeit der Täuschungen ist für mich vorüber . Tummelt ihr euch immerhin umher zwischen Schein und Irrtum , nur hofft nicht , in mir einen Nachfolger zu finden ! Ich war in London , in Paris ; ich habe sie gesehn , die sogenannten bedeutenden Charaktere der Zeit . Nun , was waren sie denn mehr , als gewöhnliche Figuren , nur deshalb hervorragend , weil der Zufall sie auf hohe Postamente gestellt hatte . Nein , mich soll nichts mehr betrügen , und da jetzt an einen großen Inhalt des Lebens doch nicht zu denken ist , so will ich meine Tage wenigstens heiter hinleben . Ohne Zweck und Ziel sollen mir die Stunden verfließen , denn Zweck ist nur ein andres Wort für Torheit , und wenn man sich ein Ziel setzt , so kann man wohl gewiß sein , daß man von dem Strudel der Umstände in entgegengesetzter Richtung fortgerissen wird . « Der Freund stand auf , faltete die Landkarte zusammen , und sprach sehr ernsthaft : » Diese Reden klingen wie die Philosophie der Verzweiflung . Möge dich Gott bald von solcher Sinnesart heilen ! - Der Mensch muß würdige Entwürfe verfolgen , darin besteht sein eigentliches Leben . Was man recht will , das kann man auch , und wenn uns das Jahrhundert , dessen Gehalt du gegen deine Überzeugung leugnest , irgend etwas gelehrt hat , so ist es das Gebot , nicht unsrem beschränkten Selbst , sondern den allgemeinen Interessen der Menschheit zu leben . Doch , von etwas andrem zu reden , bis ich nach Marseille komme , wo ich den ersten Sold vom Vereine beziehe , reiche ich wohl schwerlich aus . Könntest du mir vielleicht - « Hermann ließ den Philhellenen nicht vollenden , griff in seine Tasche , und reichte ihm eine Note . Der andre steckte , ohne sich zu bedanken , das Papier ein , schüttelte seinem Freunde herzhaft die Hand , und sprach : » Auf Wiedersehn in Napoli . Du kommst uns nach , ich weiß das schon . Du bist besser und wärmer , als du dich stellst . « Statt einer Antwort faßte Hermann in den Busen , zog ein versiegeltes Päckchen hervor , wandte sich ab , und drückte , wie er meinte , unbemerkt vom Freunde , einen Kuß auf das Papier . » Du gehst über München « , sagte er zum Philhellenen , » gib das an Fränzchen ab , du kennst sie ja . « » Das sieht wie eine Trennung aus . Seid ihr auseinander ? « » Man tut am besten , fallen zu lassen , was sich nicht länger halten kann . Sie ist sonderbar mit mir umgegangen . Und doch war sie allein aufrichtig . Ich habe mich um ein Dutzend Weiber gedreht , und die Schwüre ewiger Treue von ihnen empfangen , die dann in den Armen eines neuen Freundes vergessen wurden . Franziska sagte : Wir wollen ein paar vergnügte Tage zusammen haben und weiter nichts . Wenn ich auf eine ernstere Verbindung drang , so lachte sie mich aus , und meinte , sähe ich sie einmal verheiratet , so wüßte ich , wen sie für den größten Gimpel auf der Welt gehalten habe . Sage ihr , ich hätte anfangs diese lieben Briefchen als Unterpfand , daß unser Bündnis nicht ganz zerrissen sei , behalten wollen , aber die Freiheit sei das höchste Gut , sie solle mich vergessen und glücklich sein . « » Daß du die Weiber verachtest « , sprach der Freund , » ist recht und gut . Kein frauenhaft-gesinnter Mensch kann höheren Ideen leben . Du bist auf gutem Wege , ich gehe beruhigt von dir . Ich weiß , daß wir uns nicht zum letzten Male gesehen haben . Tanze nur nicht , hörst du ? Gottlob ! Die Neigung zu diesem entnervenden Vergnügen nimmt doch immer mehr ab . « Er umarmte Hermann feierlich-herzlich , und ging mit großen Schritten , sein kleines Ränzel tragend , quer durch den Wald . Der jugendliche Philosoph blieb auf dem Stamme sitzen . Zweites Kapitel Zufällig hatten sie einander in dem Dorfe , wo beide tags zuvor eingetroffen waren , gefunden . Manche Erinnerungen verknüpften sie , der Abend und ein Teil der Nacht war unter Gesprächen hingegangen . Als Hermann die Gestalt des Freundes hinter den Stämmen verschwinden sah , schlich eine unangenehme Empfindung über sein Herz . Ihm war , als gehe seine Vergangenheit von ihm , er kam sich wie ein ausgesetzter Findling vor . Beinahe wäre er aufgesprungen , jenen zurückzurufen , und sich Fränzchens Liebespfänder wiederzuerbitten , hätte ihn nicht die Scheu vor dem Ausbruche einer solchen Weichlichkeit an seinen Sitz gefesselt . » Ihr grünen Kräuter , ihr schlanken Stauden , ihr kräftigen Bäume , wie beneide ich euch ! « rief er aus . » Ihr steht so gesund da , so selbstvergnügt , daß euch die kränklichen Menschen , die ihr unter euch umherschleichen seht , recht zum Hohn und Spott dienen mögen . Der Frühling ruft eure Knospen hervor , der Sommer schenkt euch Laub und Blüten , der Herbst bringt euch , wie Wiegenkinder , zur Ruhe . Die Knospenzeit denkt nicht an die Blütenmonde , und wenn eure vollen Kronen in den warmen Lüften schaukeln , sie erschrecken nicht vor der Ahnung winterkahler Zweige ! Wir armen Menschen ! Wir Frühgereiften ! Wir haben keine Knospen mehr , keine Blüten ; mit dem Schnee auf dem Haupte werden wir schon geboren . Wahrlich , unser Los ist ein recht lächerlicher Jammer ! Daß man heutzutage so früh gescheit wird , gescheit werden muß , daß es gar nicht möglich ist , die törichten Streiche bis in die Dreißig mit hinüberzunehmen ! O gäbe mir ein Gott die glückliche Dunkelheit , die hoffnungsreiche Nacht , statt des kalten Lichtes , welches Verstand und Erfahrung uns Spätlingen unwiderstehlich anzünden . « Zwei Arme strickten sich um seinen Nacken , zwei weiche , warme Händchen hielten ihm die Augen zu . Erschrocken wollte er sich losmachen , das Ding hinter ihm vereitelte durch aalartiges Drehen und Wenden seine Bestrebungen . » Nun hast du ja , was du wolltest , die Finsternis vor den Augen ! « rief eine zarte Mädchenstimme . Endlich bekam er das Gesicht frei . Er sah sich um . Ein wunderhübscher Kopf stak , wie das Haupt der Dryas , zwischen den Aststumpfen des Baums , unter welchem er gesessen hatte . Er zog das Wesen hinter dem Stamme hervor . Es war ein schönes Geschöpf zwischen Kind und Jungfrau . » Wer bist du ? Woher kommst du ? Was willst du von mir ? « fragte Hermann , der sich von seinem Erstaunen kaum erholen konnte . » Ich bin Fiametta oder Flämmchen , ich komme aus meiner Grotte hier nebenan , wo ich hörte , was ihr miteinander spracht , du und dein dummer Freund . Was ich von dir will , weißt du , denn die Alte hat es gesagt , und es steht in den Sternen geschrieben . « Sie schmiegte sich bei diesen Worten an Hermann , und sah ihm zärtlich in die Augen . Dieser wußte nicht , ob er mit etwas Menschlichem oder ob er mit einem neckischen Waldgeiste zu tun habe . Er strich dem Kinde die braunen Haare , die , ungefesselt von Kamm und Nadel , in üppiger Fülle bis zu den Hüften niederwogten . Er wollte fragen , und doch unterließ er es , aus Furcht , einen anmutigen Zauber zu zerstören . Das Kind setzte sich auf seinen Schoß , streifte ihm die Weste auf , legte die Hand auf sein Herz , lehnte den Kopf an , horchte , und sagte dann : » Das klingt , wenn man nur so obenhin zuhört , wie : Vorbei ! Vorbei ! Vorbei ! wenn man aber genauer acht gibt , so klopft es : Aufs neu ! Aufs neu ! Aufs neu ! - Komm , du schöner Prinz , nach meinem Palaste , du sollst sehen , wo Flämmchen dieser Tage gesteckt hat . « Sie zog ihn tänzelnd und singend vom Stamm auf , und den Erdwall hinunter , an dessen Kante jener lag . Rasch schlug sie ein wucherndes Gesträuch auseinander , und der Eingang zu einer Art von Grotte wurde sichtbar . Man schien dort früher Ton gegraben zu haben , dadurch mochte die Aushöhlung entstanden sein . Hermann sah bei dem Scheine des gedämpft einfallenden Lichts ein Mooslager , und einen Sitz , aus Steinen zusammengefügt . - Er versuchte , das Mädchen auszuforschen , erfuhr aber nichts weiter , als daß ihr wahrer Vater , wie sie sich ausdruckte , längst gestorben sei , daß sie darauf viele Jahre bei dem falschen Vater zugebracht habe , der in dem Städtchen nahebei hause . Dieser habe sie an einen häßlichen alten Ritter verkaufen wollen , da sei sie ihm entsprungen . » Und wo hast du dich denn seitdem befunden ? « fragte Hermann . » Hier , im Walde , in der Höhle , du siehst es ja . Da ist mein Lager , und hier mein Sitz . Heute morgen hungerte mich , da fiel mir der Mut , ich weinte und rief meinen toten Vater . Der muß mich gehört haben , denn er schickte mir die Alte , die versprach mir Hülfe , und nun ist die Hülfe da . « Hermann redete ihr jetzt mit guten und bösen Worten zu , ihm zu folgen , er wolle sie zu dem Vater zurückbringen , und dafür sorgen , daß sie freundlich empfangen werde . Alles Bitten war jedoch vergebens . Endlich beschloß er , Gewalt zu brauchen , da er die Verirrte sich nicht selbst überlassen zu dürfen meinte . Er nahm sie auf den Arm und wollte sie forttragen . Aber heftig riß sich das Abenteuer von ihm los , stieß ein Geschrei aus , welches ihm durch Mark und Bein drang , warf sich gewaltsam zu Boden , und rief , die Hände vorgestreckt , in einem wunderbar schneidenden Tone : » Du willst mich verraten ? Du ? « Darauf sprang sie empor , der junge knospende Busen flog , ein blutiges Rot überlief ihre Augäpfel , sie schien außer sich zu sein , und nicht zu wissen , was sie begann . Wie eine Wütende zerriß sie das seidne Fähnchen , welches sie trug . Es glitt von ihren Schultern , das Hemd glitt ihm nach , oder warf sie es ab ? er konnte es nicht unterscheiden , so rasch waren ihre Bewegungen . Nun stand sie , nur von ihren langen Haaren umflogen , Hermann gegenüber , und unaufhörlich ertönte aus ihren zitternden , dunkelgeröteten Lippen jener Ruf : » Du willst mich verraten ? Du ? « Endlich gelang es ihm , sie durch Liebkosungen und Schmeicheleien zu beruhigen . Sie legte die Hand an die Stirne , sah betroffen an sich herab , huschte , schnell wie ein Wiesel , in die dunkelste Ecke der Höhle , und hockte dort in der Stellung nieder , welche die Alten , die jedes Ding am besten verstanden , dem weiblichen Gefühl in einer solchen Lage für alle Zeiten geliehen haben . Hermann war in der größten Verlegenheit . Was sollte der Unsinn nun anziehn ? Das rote seidne Kleidchen war von oben bis unten zerrissen . » Es ist kein andres Mittel « , rief er dem Mädchen zu , » du mußt dich als Knabe kleiden , bis man für dich anderweit gesorgt hat . « Er klomm aus der Grotte den Erdwall hinauf , zu dem Stamme , auf welchem seine Reisetasche lag . Vorsorglich hatte er Collet und Pantalons für den Fall der Not auf dieser Fußwanderung eingepackt ; beides warf er von der Erhöhung dem nackten Kinde hinunter . - Oben rieb er seine Augen , und fragte sich , ob er wache oder träume ? Dann ging er mit großen Schritten unter den Bäumen auf und nieder , denn er fühlte , daß ihm hier ein kräftiges Eingreifen obliege . Er ahnete ein Bubenstück , und beschloß , das Seinige zu tun , die gekränkte Unschuld zu schützen . Als er mit solchen Gedanken einige Male unter den Bäumen auf und nieder gegangen war , sprang ein allerliebster Junge durch das Gesträuch , dem das veilchenblaue Jäckchen und die gestreiften Hosen sehr hübsch standen . Der Grundtrieb des Geschlechts hatte sich tätig erwiesen . Aller Überfluß an den Kleidungsstücken war so weggebunden , weggesteckt und weggenestelt , daß sie knapp , wie angegossen , saßen . Flämmchen nahm seinen Arm , und sagte : » Ich will dich nun auf den Weg bringen . « Sie führte ihn durch den Wald , und zwar entgegengesetzt der Richtung , welche er , seinem Reisezwecke gemäß , einschlagen mußte . Jede Spur der Leidenschaft , in welcher Hermann sie gesehen hatte , war verschwunden . » Du hast nichts weiter zu tun « , sagte sie gleichmütig , » als in der Stadt dich nach meinem falschen Vater zu erkundigen , und ihm zu sagen , daß du mich heiraten wollest , dann hat er keine Gewalt mehr über mich , und der alte häßliche Ritter muß von mir ablassen . « Hermann sah sie mitleidig an . » Die Mißhandlungen , die sie erdulden mußte , haben ihr den Verstand genommen « , dachte er bei sich . Er legte die Hand auf ihr Haupt und sprach : » Ich schwöre dir , du armes Kind , dich nicht zu verlassen . « Sie standen am Ausgange des Waldes . In einiger Entfernung ragte eine Turmspitze empor . » Das ist das Nest ! « rief Flämmchen . Sie faßte ihren Beschützer schmeichelnd bei der Hand , strich hätschelnd mit dem kleinen Finger über den Ballen und die innere Fläche , und sagte : » Höre , wenn wir erst in deinem Fürstentume sind , und du mein Herr Gemahl bist , dann lassen wir auch die Alte kommen , damit wir immer wissen , was uns begegnet , nicht ? « » Hältst du mich für einen Fürsten ? « fragte Hermann verwundert . Das Mädchen wollte sich vor Lachen ausschütten . » Nun tut er , als wisse er nichts davon ! « rief sie . » Aber alle deine Verstellungen werden ein Ende nehmen . Gib mir deinen Hut ! Die Sonne und die Kälte in meinem Walde machen mir Kopfweh . « Ohne eine Antwort zu erwarten , hatte sie ihm den Strohhut vom Kopfe gestreift , und sich aufgesetzt . Sie gaukelte in den Wald zurück . Hermann sah ihr eine Weile stutzig nach , dann ging er der Stadt zu . Alles dieses begab sich in der ehrbarsten Provinz unsres Vaterlandes , nämlich in Westfalen , auf einer bekannten Heide . Woraus zu entnehmen , daß auch der trockenste Boden mitunter seine Früchte trägt . Drittes Kapitel Vor der Tür des Gasthofs im kleinen Städtchen stand der Gastwirt , wie es schien , erhitzt von der Anstrengung des Tages . Hermann trat zu ihm , und fragte : ob er bei ihm Unterkommen finden könne ? Der verständige Mann , welcher einen sichern Blick für den wahren Wert seiner Gäste hatte , betrachtete unsern hutlosen Wandrer und sein schmächtiges Reisetäschchen prüfend , und schien auf eine abschlägige Antwort zu sinnen . Endlich aber sagte er zum Hausknecht , der mit eingeknickten Beinen , die Hände in den Hosentaschen , gähnend unter dem Torwege stand : » Führe den Mann nach Nummer Zwölf . « Der Hausknecht schlenderte voran , ohne dem Gaste das Bündel abzunehmen . Sie gingen über den Hof , durch einen langen Garten , und betraten eine Remise , worin der Wirt seine Felle trocknete , denn er war zugleich ein Lohgerber . Eine schmale Treppe , die sich zuletzt in eine Leiter verlor , führte zum obern Teile dieses Fellmagazins . Als die Leiter erklommen war , machte der Hausknecht einen bretternen Verschlag auf , und sagte : » Dieses ist Seine Stube . « - » Das ist ein Taubenschlag ! « rief Hermann . » Nein , der ist darüber « , versetzte der Hausknecht kaltblütig , und kletterte die Stiegen hinunter . Hermann sah sich in diesem Wohnorte um , und mußte laut lachen . Hierauf machte er die Runde durch denselben , was nicht viel Zeit erforderte , da er , genau gemessen , sechs Fuß im Gevierte hielt . Die Wände waren unschuldig weiß , und nur mit jenen Spielen der Laune bemalt , welche die Bedienten- oder Soldatenkammern zu schmücken pflegen . Es fehlte nicht an Nasen verschiedner Größe ; Zöpfe und Grenadiere wechselten mit Störchen und Blumen ab . Ein beständiges Piepen , Sand und Federn , die von Zeit zu Zeit durch die ritzenvolle Decke fielen , diese Umstände überzeugten unsern Freund , daß der Hausknecht recht gehabt habe . Der Taubenschlag war wirklich über seinem Sorgenfrei vorhanden . Der Wirt hatte unterdessen überlegt , daß heutzutage manche Personen von Stande zu Fuß reisen ( in seinen Augen eine sonderbare Liebhaberei ! ) , und daß ein solcher Querkopf auch wohl einmal den Einfall gehabt haben könne , die Welt barhaupt zu durchstreifen . Um daher nicht etwa einen der Achtung werten Ankömmling zum Nachteile des Gasthofs zu beleidigen , entschloß er sich , durch Höflichkeit mit Worten gutzumachen , was er in der Tat verbrochen hatte ; denn jenes so üble Quartier , welches dem Eingekehrten gegeben worden war , stand selbst bei den Wirtshausleuten in Verachtung und hieß gemeiniglich bei ihnen nur das Loch . Er nahm sich in der Stille vor , dem Fußwandrer ein beßres Stübchen abzulassen , sobald er nur erst die moralische Überzeugung von dessen Zahlungsfähigkeit geschöpft haben würde . Übrigens war der Raum in dem Gasthofe wirklich beschränkt . Ein Herzog , der zu den Mediatisierten gehörte , hatte mit Gemahlin und Gefolge fast alles in Beschlag genommen . Der Wirt trat unter Entschuldigungen über das etwas enge Logis in das sogenannte Loch , welches er , da niemand das Seinige beschelten soll , in seinen Reden zu einer Pièce erhob . » Wahrhaftig ! « rief er , » es tut mir leid , einen solchen Herrn nicht ganz nach Wunsch aufnehmen zu können . Das Hotel steckt aber heute so voll von Fürsten , Grafen und Freiherrn , daß , mit Respekt zu sagen , kein Apfel zur Erde kommt . « » Lassen Sie das gut sein « , versetzte Hermann . » Ein Reisender von Profession ist an dergleichen gewöhnt . In Dijon hat man mich einmal in einem Stalle untergebracht . « » In einem Stalle ! « rief der Wirt , mit einer Miene , die das Entsetzen ausdrücken sollte . » Nein , da ginge ich selbst lieber in den Stall , und gäbe einem solchen Herrn meine Schlafkammer . « Hermann fand an diesen unnützen Reden kein Behagen . Ihm lag das Abenteuer im Walde am Herzen . Ehe der Wirt daher zu seinem Zwecke gelangte , unterbrach ihn jener mit der Frage : Ob nicht vor einigen Tagen hier ein junges Mädchen seinen Angehörigen verlorengegangen sei ? Hierauf bediente ihn der Wirt sofort ausführlich und überflüssig . Er war die wandelnde Chronik des Städtchens , und wußte , was von dem einen Tore bis zum andern sich ereignete , oder doch hätte ereignen können . » Das ist eine wilde Geschichte ! « rief er . » Haben der Herr auch schon davon gehört ? Kommt hier ein nichtsnutziger Komödiant an , mietet sich ein , lebt , man weiß nicht wovon ? treibt , man weiß nicht was ? Er hat ein Kind bei sich , schön wie die Sonne und wild wie der Teufel , mit dem gibt es alle Tage Lärmen , daß die Nachbarn zum Burgemeister gehn , und bitten , dem Unfuge zu steuern . Was ist der Grund gewesen ? Denken Sie nur ; der Abschaum von Vater hat das unschuldige Kind einem alten Sündengesellen zur Unehre verkaufen wollen . Seine leibliche Tochter ! Da ist das Mädchen weggelaufen . Die beiden Alten haben gestern und heute die Gegend abgesucht , und der Burgemeister hat gesagt , er werde suchen . Die arme Person ist weg , und wer weiß , in welchem Weiher schon ihr Leichnam schwimmt ! « Hermann erwiderte , daß man das Beste hoffen müsse , und daß das Schicksal der Witwen und Waisen in höherer Hand ruhe . Damit war der Wirt zwar einverstanden , aber es beruhigte ihn nicht . Er sagte daher , weil ihm keine feinere Wendung einfiel : » Es ist hier weder Schrank noch Kommode . Wenn der Herr vielleicht Ihre Sachen , und besonders die Barschaften mir zum Aufbewahren geben wollten ... « Hermann fand dieses Anerbieten vernünftig , und griff nach seiner Brieftasche , in welcher er bedeutende Wechsel führte , um sie dem Wirte einzuhändigen . Wie erschrak er , als er nicht die seinige , sondern die des Philhellenen hervorzog ! Beide sahen einander ähnlich , und waren im Nachtquartiere vertauscht worden . Hermann erblaßte ; die Sache konnte von den übelsten Folgen sein . Indessen faßte er sich , und sagte dem Wirte , daß er denn doch lieber alles , was er habe , selbst behalten wolle . Dieser aber hatte ihn erblassen sehn , und verließ ihn mit bedenklichem Gesichte . Hermann kannte die Umstände , in welchen sich ein Philhellene zu befinden pflegt . Er wußte , daß versteckte Schätze hier wohl kaum zu erwarten seien , und öffnete mit einer bösen Ahnung die Brieftasche . Ach , da waren Freiheitslieder in großer Anzahl , Logenzertifikate , und Marschrouten nach allen vier Himmelsgegenden , aber keine Dinge , welche einem irdischen Bedürfnisse abzuhelfen vermochten ! Er verwünschte diesen Zufall . Drei bis vier Taler in der Tasche , ohne Kreditbriefe , ohne Hut auf dem Kopfe , ein einziges Kleid am Leibe , irrte er hier umher , mehrere Tagereisen von seinen Quellen entfernt . Was sollte er beginnen ? Fremd in der Gegend , wie leicht konnte er den Strich verfehlen , den der Philhellene gegangen war , der ohnehin von der Landstraße abzuweichen liebte , um in weniger besuchten Gegenden seine Grundsätze auszubreiten ! Dazu schwebte ihm die Gestalt jenes Kindes vor , dem schleunige Rettung vom Verderben not tat . Flämmchen und der Philhellene zogen ihn nach verschiednen Seiten ; er wußte nicht , was er tun sollte , und blätterte zerstreut in den Freiheitsliedern seines Freundes , der dagegen das Geld und die Wechsel hatte . Wie das ferne Licht in der Grube dämmerte ihm aber doch die Hoffnung , sein Geist werde ihm auch dieses Mal helfen , wie er ihm so oft in Bedrängnissen geholfen hatte . Viertes Kapitel Währenddessen hatte sich unten im Gasthofe ein großer Lärmen erhoben . Der Wirt hinkte , ( denn er war lahm ) im Hausflur und in der anstoßenden Stube umher , die Wirtin rang die Hände , vier bis fünf Neugierige standen vor dem Ehebette des Paars ; alles schwatzte durcheinander . Der Grund dieses Aufruhrs war die Kammerjungfer der Herzogin . Diese litt an der Epilepsie , und war eben von ihrem Übel befallen worden , als sie in der Küche das Brenneisen wärmen wollte , um die Gebieterin zu frisieren . Der Wirt sollte einen Friseur schaffen , und konnte es nicht . Von solchem Gewerbe hatte das kleine elende Landstädtchen nie gehört ; das Haarabschneiden wurde dort in den Familien besorgt . Die Person zuckte auf dem Bette , die Umstehenden gaben Mittel an , ihr zu helfen , jeder ein anderes . Die Wirtin rief der Kranken zu , wenn es ihr möglich sei , das frisch überzogne Bett mit ihren heftigen Bewegungen zu verschonen ; worauf die Arme natürlich keine Rücksicht nahm . Der Wirt beteuerte unter allerhand Flüchen , daß der Stadt niemand nötiger tue , als ein Friseur , wie er stets gesagt habe . In dieses Getöse trat Hermann . Das Flattern und Mausern der Tauben über ihm , der Dunst und Geruch der Felle unter ihm , seine Unruhe und Ratlosigkeit hatten ihn aus der abscheulichen Nummer Zwölf ins Freie getrieben . Von einem gelaßnen Karrentreiber , der mit seinem Hundegespann , um besser hören zu können , bis vor die Tür des Zimmers gefahren war , in welchem die Kranke stöhnte , vernahm er die Geschichte . Er ließ sich den Namen des eingekehrten Herzogs sagen , und erschrak , diesmal aber freudig , als der Karrentreiber