Bernhardi , Sophie Evremont www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Sophie Bernhardi Evremont Erster Theil Vorrede Dieser Roman , welchen ich dem Publikum übergebe , ist die letzte Arbeit meiner verstorbenen Schwester Sophia1 , welchen sie nur wenige Jahre vor ihrem Tode vollendete . Mein Urtheil über dieses Werk könnte ein partheiisches scheinen , und ich enthalte mich daher , weitläuftig über diese Composition zu sprechen , oder ihre Vorzüge auseinander zu setzen . Der unpartheiische Kenner wird ohne meine Erinnerung einsehn , mit welchem Fleiß und mit welcher Liebe dieses Werk , welches die Verfasserin so manches Jahr beschäftigte , ausgeführt ist . Wenn die Dichterin in ihren früheren Produkten nur Traum- und Mährchenwelt darzustellen strebte , oder ein schönes Gedicht des Mittelalters neu erzählte , so hat sie in diesem Roman ihre Ansichten der Welt und der Menschen und vielfache erfahrungen niedergelegt . Die denkwürdigsten Jahre der neuen Geschichte bilden den Hintergrund dieses großen , mit mannichfachen , wechselnden Figuren ausgestatteten Gemäldes , und die Erzählung , die gut angelegt ist , hebt sich aus dem klaren Vordergrund , und das Interesse wächst mit jedem Kapitel . Die Erinnerungen eines jeden , welcher beobachten konnte und richtig schildern kann , werden aus jener merkwürdigen Periode ein gewisses Interesse haben , und seine Worte werden um so eindringlicher sein , wenn ihm die Gabe verliehen ist , diese Bilder und Ereignisse in ein mehr oder minder künstliches Gewebe einzuflechten . Eine solch Darstellung , ergießt sie sich aus einem reichen und vollen Gemüth , wird sie nicht durch Eigensinn und Vorurtheil beschränkt , hat , außer dem poetischen , theilweise einen geschichtlichen Werth . Diese freie , deutsche Gesinnung offenbart sich in diesen Blättern , die ich hier dem Publikum übergebe , mit dem Wunsche , daß die Freunde der Wahrheit , daß der gebildete Leser sie nicht unbefriedigt aus der Hand legen mögen . Auch hoffe ich , daß diese Darstellung das Andenken der Verfasserin bei ihren wohlwollenden Freunden erneuen wird , und daß ihr Name denen wird zugesellt werden , die das Schöne , Edle und Gute erkannten und es , so viel unsere geschränkten Kräfte vermögen , erstrebten . Ludwig Tieck . I Im Spätherbst , wenn die Nebel schwer und feucht an den Bergen hängen , wenn die Sonnenstrahlen nur noch matt das graue Gewölk durchdringen , und die Natur keinen erheiternden Anblick mehr gewährt ; dann ist der Mensch am Leichtesten geneigt , alle traurigen Erinnerungen in seine Seele zurück zu rufen , und unwillkührlich bildet sich so seine innere Stimmung nach den Eindrücken , die er von außen empfängt . In den letzten Tagen des Novembers im Jahre 1806 , an einem solchen traurigen Herbstabend , saß die Gräfin von Hohenthal mit ihrer Nichte , Fräulein Emilie von Stromfeld , am Theetisch , im Besuchzimmer des alten Schlosses Hohenthal . Die hohe Gestalt der Gräfin , ihre würdige Haltung , die dunkeln durchdringenden Augen , die edeln Formen des Gesichts ließen , obgleich durch zunehmende Magerkeit etwas zu scharf gezeichnet , dennoch deutlich erkennen , mit welch einem hohen Grade von Schönheit die Natur ihre Jugend geschmückt haben mußte , und noch jetzt , obgleich sie vierzig Jahre zählte , durfte sie Anspruch auf jene würdevolle Schönheit machen , die oft noch lange bleibt , wenn der Reiz der Jugend auch verschwunden ist . Der Zug des Schmerzes um den Mund und die blasse Gesichtsfarbe zeugten von vergangenen Leiden , so wie die fest geschlossenen Lippen des feinen Mundes auf einen entschiedenen Charakter deuteten . Fräulein Emilie , ihre Nichte , war kaum achtzehn Jahre alt , in der Blüthe der Jugend und Schönheit , schlank , leicht , fein gebaut , so zart , daß die leiseste Bewegung des Gemüths eine Veränderung ihrer Gesichtsfarbe hervorbrachte ; ihr frischer Mund lächelte mit unglaublicher Anmuth und verrieth im Lächeln die Neigung ihres Gemüths zur Heiterkeit , so wie die großen dunkelblauen , von langen seidnen Wimpern beschatteten Augen deutlich zeigten , daß ihr auch das Leid des Lebens nicht fremd geblieben war ; die reiche Fülle der schönen , glänzenden blonden Haare erhöhte den Reiz dieser lieblichen Gestalt . Beide Frauen saßen stumm da , Emilie mit einer Handarbeit beschäftigt , von der sie von Zeit zu Zeit aufsah , um einen theilnehmenden Blick auf die Gräfin zu richten , die , in sich versenkt , Alles um sich zu vergessen schien . Es ist heute ein trauriger Abend , unterbrach endlich Emilie das Schweigen mit ungewisser Stimme , der Herbst kündigt sich uns recht schwermüthig an ; die Gräfin fuhr beim ersten Tone nach der langen Stille erschreckt zusammen , und zeigte dadurch deutlich , daß ihre Gedanken sie so sehr beschäftigt hatten , daß die Gegenwart des Fräuleins gänzlich von ihr war vergessen worden . Sie hörte nur halb auf Emiliens Bemerkung , stand auf , ging ein Paar Mal durch das Zimmer und sagte dann mit einem halb bittern , halb schmerzlichen Lächeln : An einem solchen Abende , glaube ich , würde auch der begeistertste Freund der schönen Natur und des einfachen Landlebens in seiner Vorliebe ein wenig wankend werden , und sich im Stillen wenigstens , wenn er sich schämte es laut zu gestehn , nach dem leichtsinnigen Geräusche der Stadt sehnen , nach Gesellschaft , die er oft langweilig genannt hat , nach Schauspiel , wenn es auch mittelmäßig wäre und die Forderungen der Kunst keineswegs befriedigte , kurz , nach allem Dem , was wir immer so hochmüthig sind verachten zu wollen , und was doch kein gebildeter Mensch entbehren kann . Ehedem , bemerkte Emilie , war das Leben auf dem Lande heiterer , man brachte wohl schwerlich einen solchen Abend einsam zu ; mehrere Familien aus der Nachbarschaft vereinigten sich , man lachte und scherzte die düstern Stunden hinweg , und ehe man es dachte , war Herbst und Winter verschwunden , und der Frühling mit allen seinen Blüthen entzückte uns von Neuem . Es ist traurig , daß Ihr erster langer Aufenthalt auf dem Lande grade in eine so ungünstige Zeit fällt . Der Krieg hat alle Menschen ängstlich gemacht , es wagt sich beinahe Niemand heraus , und wenn sich auch eine Gesellschaft vereinigt , so fehlt doch die ehemalige Heiterkeit . Die Gräfin unterdrückte eine Antwort , die sie geben , oder eine Bemerkung , die sie machen wollte , und sagte nur seufzend : ich wollte , gutes Kind , Du könntest mich zerstreuen . Würde Musik Sie vielleicht erheitern ? fragte Emilie , indem sie aufstand und sich dem Instrumente näherte . Um Gottes Willen nicht , erwiederte die Gräfin , in meiner jetzigen Stimmung würde Musik mein Gefühl beleidigen . Soll ich Ihnen vorlesen ? fragte Emilie ein wenig schüchtern . Lesen , sagte die Gräfin mit Bitterkeit , lesen statt leben , es ist die allgemeine Meinung unserer Zeit , wir verschleudern unser eigenes Leben , um das eingebildeter Personen zu lesen ; nun so laß uns denn so thöricht sein , wie alle Andern , nimm ein Buch und lies mir vor , nur bitte ich Dich keine Poesien , laß es schlichte gewöhnliche Prosa sein , woran wir uns ergötzen wollen . Wer sollte wohl in dieser Aeußerung , sagte Emilie lächelnd , die leidenschaftliche Verehrerin der Poesie wiedererkennen ? Eben weil ich die Poesie verehre , versetzte die Gräfin , soll sie nicht in meiner jetzigen Stimmung vergeudet werden . Ich vermag heute nicht Aufmerksamkeit genug darauf zu verwenden , um die Schönheit eines Gedichtes heraus zu hören , und in solchem Zustande ist ein Roman das Beste , was man lesen kann . Ich habe nicht geglaubt , sagte Emilie , daß Sie auch so gering von dem Romane dächten , wie die meisten gelehrten Recensenten , und nun , da es doch so scheint , werde ich in meiner eignen Ansicht irre . Wer sagt Dir , daß ich gering von dem Roman denke ? fragte die Gräfin ; doch , fuhr sie fort , laß Deine Ansicht über ihn hören . Sie wollen über mich lachen , antwortete Emilie , und wenn es Sie erheitern kann , will ich mich gern Ihnen so gegenüberstellen , als könnte auch ich ein Urtheil haben . Gar zu bescheiden , sagte die Gräfin , Du weißt , meine Liebe , auch das Gute muß man nicht übertreiben . Emilie erröthete ein wenig und sagte dann : jetzt wird es mir in der That schwer , eine Ansicht zu entwickeln , die ich vor Kurzem noch mit so viel Klarheit in mir hatte ; aber ich dächte , die Romane wären deßwegen so allgemein beliebt , weil sie uns in der That die Gesellschaft am Meisten ersetzen ; wir leben im Kreise der Menschen , die uns dargestellt werden , wir kennen die Gegend , in der sie leben , ihre Häuser und Hausgenossen , es entwickelt sich ihr Charakter vor uns , sie vertrauen uns ihr Glück und ihre Leiden an , und ist ein Buch beendigt , so habe ich wenigstens das Gefühl , als ob ich aus einer Gegend abreiste , worin ich viele Freunde und interessante Menschen zurücklasse , wo mir auch die komischen Figuren ihr Herz entfaltet haben und so mir lieb geworden sind , und selbst die bösartigen sich so gezeigt haben , daß ich sie entweder beklagen oder bewundern muß . Du sprichst von guten Romanen , sagte die Gräfin , aber selbst die mittelmäßigen besitzen noch Vieles von diesen Reizen , und wenn uns ein wahrhaft elender in die Hände fällt , der uns in gar zu langweilige oder zu schlechte Gesellschaft versetzt , so giebt es nichts Leichteres , als sich hier zurückzuziehen , denn nichts weiter ist nöthig , als daß wir das Buch wegwerfen . Nimm denn also einen Roman und lies ; laß uns versuchen , ob wir uns fremde Menschen , eine andere Gesellschaft herzaubern und darüber uns selbst vergessen können . Emilie richtete einen traurigen Blick auf die Gräfin und wollte sich entfernen , um ein Buch zu holen ; die Gräfin aber nahm sie bei der Hand und sagte mit milder Stimme : Ich quäle Dich , gutes Kind , durch meine heutige Laune , aber glaube mir , es liegt mir so Manches drückend auf dem Herzen , daß , wenn ich darüber spräche , Du mich bedauern und gern Geduld mit mir haben würdest . Sie fürchten vielleicht , sagte Emilie mit einiger Beklemmung , daß die Feinde dennoch durch die Bergschlucht dringen und uns hier beunruhigen werden , obgleich der Onkel es für unmöglich hielt . Nicht diese Sorgen quälen mich am Meisten , erwiederte die Gräfin , obgleich ich fürchte , daß es möglich ist , und daß , wenn es geschieht , ein großer Theil unseres Vermögens verloren gehn kann , was doch auch nicht gleichgültig von uns betrachtet werden darf ; Emilie schwieg und die Gräfin fuhr fort : Man braucht nicht geizig zu sein , um einen großen Werth auf ein bedeutendes Vermögen zu legen , das , indem es den Rang unterstützt , den wir in der Welt einnehmen , unsere Unabhängigkeit sichert , und gewiß hat man nur in der Jugend die Großmuth , alle irdischen Güter zu verachten , weil man weder ihren wahren Werth , noch ihren rechten Gebrauch kennt . Der edelste , uneigennützigste Mensch wird sich gedrückt fühlen , wenn Mangel an Vermögen ihn von Andern abhängig macht . Emilie konnte einen leisen Seufzer nicht unterdrücken , und die tiefe Röthe , die sich über ihre Wangen verbreitete , verrieth der Gräfin ihre Gedanken . Emilie fühlte sich errathen , und die schöne Röthe stieg bis zur reinen Stirn empor , indem die Augen sich senkten und Thränen darin hinter den langen Wimpern sich verbargen . Es schmerzte die Gräfin , ihre junge Freundin verwundet zu haben ; sie legte den Arm um ihre Schulter und ging so mit ihr durch das schwach erleuchtete Zimmer , damit Emilie in der größten Entfernung von den Lichtern die Thränen unbemerkt in den Augen zerdrücken konnte . Ich meine , fuhr die Gräfin nach einem kurzen Schweigen fort , es würde mir schmerzlich sein , wenn unser Vermögen so zerrüttet würde , daß der Graf gezwungen wäre , die Unabhängigkeit aufzugeben , die ihm so theuer ist , und dieß könnte geschehen , wenn ein feindlicher Einfall die Güter zerstörte ; doch aber noch ein anderer Kummer liegt mir auf dem Herzen , der mich mehr als diese Sorgen quält . Beide Frauen waren an einem Fenster stehen geblieben und sahen in die dunkle Nacht hinaus ; ein feiner Regen schlug gegen die Fenster , die Sterne waren durch schwarze Wolken verhüllt , und kein Gegenstand ließ sich draußen unterscheiden . Ich hoffe , sagte die Gräfin , wir werden allein bleiben , obgleich die Einsamkeit mir heute sehr drückend ist , denn ich wünsche nicht , daß der Graf , bei dieser unfreundlichen Witterung , in der dunkeln Nacht den Weg über das Gebirge zurück machen möge . Er wollte aber nicht die Nacht in Heinburg bleiben , versetzte Emilie . Es ist unrecht , erwiederte die Gräfin mit kaum bemerklichem Lächeln , daß der gute alte Baron mit seinen unschuldigen Thorheiten ihm so sehr zuwider ist ; ich hoffe aber , er wird heute lieber einige von dessen etwas weitläuftigen und nüchternen Geschichten anhören , als bei diesem Wetter den Rückweg unternehmen wollen . Schimmert nicht ein Licht dort unten im Thale ? fragte Emilie . Wo ? rief die Gräfin . Dort , links vom Schlosse , erwiederte jene , mich dünkt , es bewegt sich aus der Schlucht her , auf dem Wege , den der Onkel kommen muß . Die Gräfin schaute aufmerksam nach der Gegend hin , und in der That bemerkte man nun mehrere Lichter , die sich auf dem Wege um eine dunkle Masse zu bewegen schienen . Die Dunkelheit der Nacht machte es unmöglich , einen Gegenstand zu unterscheiden , da selbst die Lichter nur matt und trübe durch den fallenden Regen schimmerten . Die Gräfin zog heftig die Klingel und befahl dem eintretenden Bedienten , vom Schlosse aus mit mehreren Leuten den Lichtern entgegen zu gehn und eilig zu berichten , Wer da komme , und ob diese unvermutheten Gäste das Schloß zu besuchen gedächten . Aengstlich blieben beide Frauen am Fenster stehen , und man bemerkte nun bald , wie mehrere Menschen aus dem Schlosse mit Laternen dem Zuge entgegen eilten , der sich offenbar dem Schlosse näherte . Einige Diener kehrten bald zurück und berichteten , es sei der Herr Graf , begleitet von mehreren Bauern aus einem nahe gelenen Dorfe , die einen Mann auf einer Bahre nach dem Schlosse trügen . Bestürzt blickte die Gräfin auf Emilie , wickelte sich dann in ihren Shawl und befahl zu leuchten . Emilie folgte der Gräfin ; Bediente gingen mit Lichtern voran , und so stiegen beide Frauen die große Treppe des Schlosses hinunter ; die Flügelthüren des Hauses wurden geöffnet , und in demselben Augenblicke auch mit großem Geräusch das Thor des Hofes ; der Graf sprengte , begleitet von einem Reitknechte , herein und warf sich sogleich vom Pferde , als er die Gräfin bemerkte , die im offenen Thore des Hauses stand , auf Emilie gelehnt , und hinter beiden mehrere Bediente mit vielen Lichtern . Der untere Raum des Hauses füllte sich bald mit der Dienerschaft des Schlosses , die Neugierde , vermischt mit Furcht , herbei führte . Der Graf warf einem Bedienten seinen von Regen durchnäßten Mantel zu , trat dann eilig zu der Gräfin und sagte , indem er ihre Hand faßte : » Es ist nichts , meine Liebe , das Sie beunruhigen dürfte , der junge Mann ist im Walde ohnmächtig und beinahe an seinen Wunden verblutend gefunden worden . Da ich glaubte , daß wir hier am Besten im Stande wären , ihm wirksame Hülfe zu leisten , so habe ich ihn hieher tragen lassen . Er scheint , nach der Uniform zu urtheilen , ein französischer Officier zu sein , also zur feindlichen Armee gehörig , doch kann dieß kein Hinderniß sein , ihm alle Hülfe zu leisten , die in unsern Kräften steht . « Kaum hatte der Graf diese eilige Erklärung gegeben , als sich die Lichter , welche die Frauen vom Fenster des Schlosses ans bemerkt hatten , zum Thore des Hofes hinein bewegten . Voran ging der Schulze des Dorfes , ein junger , kräftiger Mann ; er trug in einer Hand eine Laterne und mit der andern nahm er seine mit Pelz verbrämte sonntägliche Mütze ab , um , indem er sich tief vor der Gräfin verbeugte , zugleich mit einer heftigen Bewegung den Regen davon abzuschütteln . Mehrere Bauern trugen eine Bahre , auf der der Verwundete lag , und welche von andern , die Laternen mit brennenden Lichtern in den Händen trugen , umgeben war . Auf den Befehl des Grafen wurde die Bahre mit dem Verwundeten nun durch das offne Thor des Schlosses getragen ; die Gräfin zog sich an die Mauer zurück , um den Trägern Raum zu lassen , und warf einen Blick auf den Kranken , indem er vor ihr vorbeigetragen wurde . Er lag auf Kissen in Decken gehüllt und schien völlig leblos zu sein ; so wie die Gräfin die Augen auf ihn richtete , zuckte ein schmerzlicher Schrecken durch ihren Körper ; sie bedeckte die Augen mit ihrer Hand , und der fest geschlossene Mund zeigte , daß sie nach Fassung rang . Emilie berührte leise den Arm der Gräfin und fragte theilnehmend : Ist Ihnen nicht wohl ? Es ist nichts , sagte die Gräfin , indem sie ihre dunkeln Augen schnell wechselnd auf verschiedene Gegenstände richtete , um durch eine augenblickliche Zerstreuung einen gewaltsamen Eindruck zu bekämpfen ; dann suchten ihre Augen mit einer gewissen Besorgniß den Grafen , der aber zu sehr mit dem Kranken beschäftigt war und in diesem Augenblicke nicht auf die Frauen achtete . Es wurde nun schnell ein Zimmer im Schlosse bereitet ; der Graf rief nach dem Arzte des Hauses , und die Gesellschaft wurde durch den Prediger des Dorfes vermehrt , der als ein vorsichtiger Reiter seinen Weg so langsam gemacht hatte , daß ihm sogar die Bauern , welche den Kranken trugen , vorgeeilt waren . Er ritt in diesem Augenblicke zum Thore des Hofes ein , von einem Knechte begleitet , der ihm eine Laterne vortrug und ihm nun den Steigbügel hielt . Langsam und bedächtig stieg der Pfarrer ab , und sein kleines , mageres Pferd wurde von dem Knechte ohne Weiteres nach dem Stalle geführt , indem der Geistliche ihm mit etwas heiserer Stimme noch verschiedene Vorsichtsmaßregeln nachrief , wenn das Pferd etwa heiß sein sollte , was sich bei dem langsamen Ritt in einer kalten , regnigten Nacht kaum vermuthen ließ ; auch schien das Pferd überhaupt nicht so viel Sorgfalt zu verdienen , noch auch sonst zu genießen , denn sein Bau und ganzes Ansehen verrieth , daß es eben sowohl zum Pflügen und jeder anderen Arbeit , als zu den Spazierritten des Pfarrers gebraucht wurde . Nachdem der bedächtige Reiter auf diese Weise für sein getreues Roß gesorgt hatte , näherte er sich so eilig , als es ihm Mantel , Ueberrock und sonstige Verhüllungen seiner Person erlaubten , der Gräfin , die sich nun völlig wieder gefaßt hatte und den Prediger mit gewohnter Höflichkeit bewillkommnete . Der Kranke war indeß in ein Zimmer des untern Stockwerkes gebracht worden , wohin der Graf , begleitet vom Arzte , folgte , und der Prediger eilte , von Theilnahme und Neugierde getrieben , ebenfalls zu dem Verwundeten ; die Gräfin zog sich nach ihrem Zimmer zurück , und Emilie ging , um der Haushälterin alle Aufträge zu geben , die , um den Zustand des Kranken zu erleichtern , nöthig waren . II Nachdem der Arzt die Wunden des Kranken untersucht hatte , die von verschiedenen Säbelhieben herzurühren schienen , bemerkte er , daß er sie an sich nicht für tödtlich hielte , daß ihm aber der Zustand des Kranken dennoch gefährlich schiene , durch die starke Verblutung sowohl , als durch seine heftige Erkältung , da er wahrscheinlich lange hüflos im Walde gelegen hätte , der rauhen Jahreszeit und der unfreundlichen Witterung Preis gegeben . In der That gab der Verwundete nur schwache Zeichen des Lebens und schlug erst nach langer Zeit die großen dunkeln Augen auf , doch ohne daß er irgend etwas von den Gegenständen um sich zu bemerken schien . Der Pfarrer leistete dem Arzte alle mögliche Hülfe in der Behandlung des Kranken und verrieth eben so viel Theilnahme für den Verwundeten , als Kenntniß der Wundarzneikunst . Nachdem der Kranke versorgt war , und der Arzt die nöthigen Verhaltungsregeln gegeben , vor Allem verordnet hatte , daß man den Kranken auf keine Weise zum Sprechen reitzen müsse , eine Verordnung , die dem Pfarrer sehr unangenehm war , obgleich er ihre Nothwendigkeit einsah , kehrten Alle in das Gesellschaftszimmer zurück . Die Gräfin zeigte nichts von der trüben Stimmung , der sie sich überlassen hatte , als sie mit Emilie allein war , und fragte mit Theilnahme nach dem Verwundeten . Der Graf unterrichtete sie von seiner gefährlichen Lage und sagte , es wäre wohl gut , wenn Dübois die Sorge für ihn übernehmen wollte ; es würde dem alten Manne zwar beschwerlich sein , indeß bei seiner Gutmüthigkeit und Theilnahme für alle Unglücklichen , glaube ich , würde er es gern thun , besonders da der Verwundete sein Landsmann ist , der wahrscheinlich keine andere , als die französische Sprache zu reden versteht und sich folglich keinem von der Dienerschaft verständlich machen kann . Die Gräfin zog die Klingel , und der Pfarrer sagte vorschnell : So sollten der Herr Graf ihm befehlen , die Nacht bei dem Kranken zu wachen . Ich befehle nicht gern einem alten Manne , sagte der Graf höflich , doch ein wenig verdrüßlich , der mehr aus Anhänglichkeit an uns in meinem Hause lebt , als aus einem andern Grunde , und den ich niemals wie einen Bedienten betrachte . Man konnte überhaupt bemerken , daß sowohl der Graf , als die Gräfin ein uneingeschränktes Vertrauen zu dem alten Dübois hatten , der die Verrichtungen eines Kammerdieners und eines Haushofmeisters , wie es schien , freiwillig übernahm , denn wenigstens der Graf richtete nie einen Befehl an ihn , sondern drückte seinen Willen als Wunsch aus und ließ ihn so gewöhnlich durch die Gräfin an den alten Mann gelangen , der auch bei aller Ehrerbietung , die er gegen den Grafen zeigte , doch eigentlich nur die Gräfin als seine Herrschaft betrachtete . Dem Bedienten , der auf den Ruf der Klingel eingetreten war , sagte die Gräfin , er solle Herren Dübois bitten , einen Augenblick zu ihr zu kommen . Der Pfarrer , ein Mann ohne feine Erziehung , der in seiner Umgebung sich zu beherrschen nicht gelernt hatte , ließ durch seine Mienen , die eine schlaue Verwunderung ausdrückten , und durch das halbe Lächeln , mit dem er den Arzt ansah , deutlich merken , wie sehr ihn diese Art , mit seiner Dienerschaft umzugehen , befremdete . Nach wenigen Augenblicken trat der alte Haushofmeister mit einer höflichen Verbeugung ein und hielt sich ehrerbietig nah an der Thüre . Es war unmöglich , beim ersten Blicke , den man auf ihn richtete , dem alten Manne Wohlwollen und Zutrauen zu versagen . Seine hohe Stirn zeugte von einer so einfachen Redlichkeit des Gemüths , die grauen Augenbraunen beschatteten so gutmüthige Augen , die wenigen grauen , sorgfältig gepuderten Haare erweckten Theilnahme für sein Alter , und eine Trauer in seinem Gesichte , die niemals verwischt wurde , obgleich er bei jeder Rede ein wenig lächelte , verrieth mehr Tiefe des Gemüths , als man bei gewöhnlichen Dienern findet . Es war bekannt , daß er die französische Revolution mit allen ihren Folgen verabscheute , und er dehnte diesen Abscheu auf Alles , sogar auf die jetzige Kleidertracht aus , die , wie er meinte , auch eine Folge der Revolution sei . Er also war der alten guten Zeit getreu geblieben , wie in seinem Innern , so auch in seinem Aeußern , und ihn schmückte noch ein brauner Rock mit seidenem Futter und goldgesponnenen Knöpfen , wie es sich für einen Haushofmeister aus dieser guten Zeit ziemte . Seine Haare waren frisirt und gepudert und hinten in einem zierlichen Haarbeutel vereinigt , er steckte , wenn er vor seine Herrschaft trat , drei Finger seiner rechten Hand in die mit Seide und ein wenig Gold gestickte , atlaßne Weste , indeß er den Hut unter dem linken Arme hielt , auch erlaubte er sich nie anders , als in seidnen Strümpfen , vor der Gräfin zu erscheinen . So belehrte er die Bedienten des Hauses , mit solcher Ehrerbietung behandelte man ehedem seine Herrschaft und zeigte dadurch öffentlich der Welt , daß man Leuten von hoher Geburt diente , die durch ihre edeln Eigenschaften unsere tiefste Verehrung verdienten . Aber jetzt , seufzte er dann oft , jetzt ist freilich Alles anders , seit der unglücklichen Revolution kümmert sich kein Diener mehr darum , von welcher Geburt seine Herrschaft ist , auch sind ihm ihre Eigenschaften gleichgültig , Geld und Lohn wird jetzt allein berücksichtigt . Wahrhaft gekränkt konnte der alte Mann sein , wenn auf solche Rede ein leichtsinniger Bedienter antwortete : Natürlich , was geht mich die Herrschaft an , Wer am Besten bezahlt , dem diene ich am Liebsten , und mich kümmert es wenig , was er ist oder wie er ist . Wenn er solche Antworten auf seine wohlgemeinten Reden erhielt , dann zog er sich gewöhnlich auf sein Zimmer zurück und las Anekdoten aus der guten alten Zeit , von treuen Dienern und edeln Herren , und Niemand würdigte so sehr , als er , den bekannten Haushofmeister des großen Condé , der sich in Verzweiflung selbst entleibte , weil er glaubte , er würde den König nicht so bewirthen können , wie es die Ehre seines Herren erforderte . Diesem Dübois näherte sich nun die Gräfin und fragte , indem sie ihn mit ihrem gewöhnlichen durchdringenden Blick ansah , mit etwas leiser Stimme : Haben Sie den verwundeten Officier schon gesehen ? Ja , gnädige Gräfin , erwiederte der alte Mann , indem er sich verbeugte , ich habe ihn gesehen . Er richtete einen schnellen traurigen Blick auf die Gräfin , indem er diese wenigen Worte sagte , der Niemand sonst auffiel , der aber die Gräfin so bewegte , daß sie mit wankender Stimme sagte : Der Graf wünscht , lieber Dübois , Sie möchten die Sorge für den Kranken übernehmen , wenn es Ihre Kräfte und Ihre Gesundheit erlauben , das heißt , fügte sie erklärend hinzu , Sie möchten die Oberaufsicht führen , damit ihm nichts mangle , und da er wahrscheinlich nur französisch reden wird , und folglich Niemand von der Dienerschaft ihn verstehen kann , seine Wünsche von ihm erfahren und dann den Bedienten die nöthigen Befehle geben . Ich habe den gnädigen Herren Grafen schon um die Erlaubniß bitten wollen , antwortete der alte gutmüthige Mann , für die Pflege des Kranken zu sorgen ; denn , sezte er mit einem Seufzer hinzu , wenn ich auch sonst keine Theilnahme für ihn hätte , so ist er doch ein Franzose , zwar ein Franzose aus der jetzigen Zeit , aber doch immer ein Sohn meines Vaterlandes , und das ist für mich hinreichend , um für ihn wie für einen eigenen Sohn zu sorgen . Ich wußte , daß Sie so denken , sagte der Graf , indem er ihm freundlich auf die Schulter klopfte , und Sie erzeigen mir eine wahre Gefälligkeit dadurch , daß Sie die Pflege des jungen Mannes übernehmen , denn nun kann ich völlig sicher sein , daß nichts versäumt wird , und in seiner gefährlichen Lage alle Vorschriften des Arztes genau befolgt werden . Dieser war nun auch hinzugetreten , und da er vernommen hatte , daß Dübois die Krankenpflege übernehmen wollte , so behandelte er ihn von diesem Augenblicke an halb als einen Amtsgenossen , halb als einen Untergebenen ; er gab ihm ohne Umstände eine Menge Aufträge , was er alles für den Kranken thun sollte , und fügte bei jedem Auftrage die Ursache hinzu , warum Dieses und Jenes geschehen müsse . Dübois hörte Alles geduldig an und blieb in seiner höflichen Fassung , doch als der Arzt endlich im Eifer der Rede einen Knopf der atlaßenen Weste faßte , und indem er heftig daran zog , ihm einschärfte , alles Sprechen des Kranken zu verhindern , wurde der alte Mann ungeduldig , entzog sich mit einer geschickten Bewegung den Händen des Arztes und verließ mit einer Verbeugung das Zimmer , indem er sich kaum enthalten konnte zu bemerken , daß ehedem , vor der Revolution , auch die Aerzte besser erzogen gewesen wären , und nur die eigene gute Lebensart ihm die Kraft gab , diese unfeine Bemerkung zu unterdrücken . Der Graf wendete sich nun an den Prediger mit der Bitte , die Nacht auf dem Schlosse zu bleiben , um ihm am andern Morgen beizustehn , den nöthigen Bericht an die Regierung über den Verwundeten aufzusetzen ; mein Beamter , sagte er , ist in diesem Augenblicke abwesend , und ich , fügte er lächelnd hinzu