Mundt , Theodor Madonna . Unterhaltungen mit einer Heiligen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Theodor Mundt Madonna Unterhaltungen mit einer Heiligen Posthorn-Symphonie . Unterwegs . Ich will mir selbst etwas blasen ! Jetzt fange ich an , es zu glauben , daß von einer allgemeinen Tonlosigkeit dies unser Zeitalter ergriffen sein muß , denn auch die deutschen Postillons lassen jetzt ihr schmetterndes Mundstück ungenutzt und schläfrig herunterhängen , und jeder sagt mir mißmuthig , ihm sei das Horn verstopft . Auf meiner ganzen Reise durch Deutschland habe ich noch keinen vernünftigen Schwager gehabt , der mir und dem lauschenden Waldecho ein lustiges herzerfrischendes Trarara ! Trara ! Trara ! zum Besten gegeben hätte . Ihnen ist das Horn verstopft . Und ein Postillon ist doch kein deutscher Schriftsteller . Wovor fürchten sich denn die Postillons ? Ist es die Censur ? Sind es die großen demagogischen Untersuchungen ? Mein Gott , ich will mir selbst etwas blasen ! Blase , blase , wilder Sturm ! könnte ich , wie König Lear , zu diesem Herzen sagen , das mir hier unter dem Reisemantel schlägt , und lacht und weint , und wieder lacht . Und warum sollte es nicht auch lachen ? Die hohe Nacht draußen ist schön , wenn auch stumm , und die Sterne sind hell , wenn auch fern , und meine Liebe ist süß , wenn auch unerreichbar . Ich will mir etwas blasen , und meinen schlaflos sich tummelnden Gedanken , während die übrige Reisegesellschaft schnarcht , das Mundstück aufsetzen , das mein deutscher Landsmann dort , eben der tonlose Postillon , vor Faulheit nicht brauchen kann . Meine Reisehoffnung und meine Weltunlust sollen sich hier in einem schmetternden Chor noch bei aller Nacht miteinander unterreden . Erlaubte Zeitansichten werden einen gedämpften Baß dazwischen brummen . Eine herrliche Musik kann das geben , gleich dem sanften harmonischen Chor von Knoblauch und Zwiebeln , den der berühmte Julius Cäsar Scaliger wirklich in einer seiner Komödien - die Gott alle selig haben möge ! - auftreten und in wahrhaft duftigen Rhythmen sich aussprechen ließ . Es sollte dies nur eine beißende Nachahmung sein des beißenden Zeitspötters Aristophanes und seiner Chor-Wolken und Chor-Frösche , und ich möchte Den sehen , der noch heutzutage ein glücklicherer Nachahmer des Aristophanes zu sein wagen könnte , als der berühmte Julius Cäsar Scaliger . Unsere Zeit gebiert zwar täglich tausendfachen Stoff für einen doppelten Aristophanes , aber - - das Horn ist verstopft - - Schwager , Schwager , laß Dir Dein Horn reinigen ! - - es ist verstopft , und statt des keckbeflügelten Göttersohnes Aristophanes quäkt uns ein jämmerlicher Scaliger aus unserer eignen Bruströhre heraus . - Trara ! Trarara ! man muß reisen . Es läßt sich heuer nichts Vernünftigeres thun , als auf die Reise gehen , besonders wenn man keine Heimath hat im eignen Vaterlande . Nicht Heimath , nicht Weib , nicht Kind , nicht Haus , nicht Heerd , nicht Ruhe , nicht Rast , nicht Andacht , nicht Hoffnung - ein windschiefes Leben . Noch mehr bedauere ich Den , dem wohl sein kann in seinen heimathlichen Zuständen heut , der eingesessen und zahmgesessen ist , und nicht jeden Augenblick sein Bündel geschnürt hat , um abtrollen und ausmarschiren zu können . Die Treue gegen die Scholle gilt nichts mehr , wenn die Scholle leibeigen macht den Geist . Man kokettire nur nicht mit der Treue , damit man sich selbst nicht untreu werde , denn ohne große Treulosigkeiten geht es einmal im Leben und in der Geschichte nie ab . Die Völker verlassen ihre alte Liebe , und suchen sich neue Gesetze , und durch die ganze Welthistorie geht ein Klagen und Weinen tausend verlassener Geliebten , und es kümmert die Völker nicht . Und des Menschen Herz , wenn es sich an ein Bild gehängt hat , muß sich blutig reißen , wenn die Scheidung kommt zwischen dem Herzen und seinen Bildern , denn es muß geschieden sein ! Aber Vieles bleibt stätig und wird nur immer fester , hat es in der sich fortbewegenden Idee sein Leben und sein Herz , und so sage ich : was sich bewegt , das ist ewig ! Und was ewig ist , bewegt sich . Siehe , was still steht und sich fertig wächst , ist nur das Vergängliche an Körper und Seele der Menschen und der Staaten . Nur der schlechte Theil an uns wird ein weiser Greis , nur das sterbliche Stück Leben setzt sich am Ende zur Ruhe und kündigt sich als einen stabil gewordenen Organismus an . Die Jugend wird nie klug , darum lebt der junge Mensch immer weiter , und dieser ewig junge Mensch ist die ewige Geschichte . Und die Liebe wird nie fertig , darum bewegt sie sich von Geist zu Geist herüber und hinüber mit dieser starken Sehnsucht . Die innere Bewegung ist die wahre Treue der Liebe , an dieser webt sie sich ämsig in alle Ewigkeit fort , und kennt eine andere nicht . Du , wir lieben uns , weil sich unsere Geister mit und zu einander bewegen . Du , Du , wir können nicht anders , weil Deine innerste Bewegung meine ist , und meine Deine , und so bewegen wir uns , indem wir uns lieben . Du , Du , wir sind jung , weil wir bewegen und lieben , und wir sind nicht weise , deshalb bewegen wir uns ewig . Du , Du , ich bin Dir ewig treu , weil Deine Bewegung meine ist , und erst wann Du mir das einmal anthätest und zu mir sagtest : » alter , kluger , weise gewordener und fertiger Mann ! « und ich zu Dir sagte : » alte , kluge , weise gewordene und fertige Frau ! « dann würde es mit unserer Liebe vorbei sein , und der treuloseste Mensch bin ich ! Du , Du , ich bin Dir ewig treu ! Du , Du , nimm Dich in Acht , es ist das Prinzip der Bewegung ! - - - Es war wahrhaftig in der letzten Zeit nicht mehr recht auszuhalten , und ich bin nur froh , daß ich hier auf dem Postwagen sitze . Wie leicht wird der Mensch froh ! Er stürzt sich aus Ennui in Ennui , und freut sich dabei der Abwechselung , die ihn von einem in das andere hinübergeleitet . Das Städtchen , in dem ich so lange Quartier gemacht hatte , wäre eine schöne Station für einen guten ruhigen Menschen gewesen , der Zeit hat , sich zu verheirathen . Es waren die Freunde und die Freundinnen hier hübsch gerathen , und Jeder brachte seinen Scherz und Ernst an , und die Einen erzählten den Andern , was die Andern längst wußten . So ging die Zeit hin , und ich mußte aus meinen jungen unschuldigen Schriften vorlesen , die sich zu meinem Erstaunen hier bei einem Leihbibliothekar gefunden hatten , und das war mein erster Aerger . Die eine Freundin meiner Bücher - hätte ich doch nie etwas geschrieben ! - war besonders daran Schuld , und brachte mich auf die Reflexion , daß man die Frauen , selbst die geistvollsten und begabtesten , doch fast nie , auch im höchsten Schwunge , den man ihnen giebt , von ihrem nächsten häuslichen Kreise , von Vettern und Cousinen , ganz abzuführen vermag . Wenn ich ihr meine besten Sachen lese , sucht sie bei jeder Gestalt , die ich ihr vorführe , immer erst nach einer ihr persönlich bekannten herum , um sie damit in Verbindung zu bringen , und es dauert wahrhaftig nicht lange , so hat sie auch in der Erinnerung schon irgend einen ihrer Vettern in Astrachan oder Neufundland erwischt , dem die Figur meiner Dichtung auf ' s Haar ähnlich sehen soll . Da klatscht sie sich vor Freuden darüber in die kleinen Hände , ruft mir mit dem anmuthigsten Gebieterton zu : nur weiter ! und scheint sich jetzt erst recht für die Vorlesung zu interessiren . Das halte ein Anderer aus , mich hat ein blasses Grauen deswegen überschlichen . Gleich den andern Tag schon wollte ich fort , und mir Extrapostpferde bestellen . Die Vettern aus Astrachan und Neufundland haben mir die ganze Novellenpoesie verleidet , und ich weiß nicht , ob ich fürs Erste fortfahren werde , in diesem Genre zu arbeiten . Aber ist es denn nicht so natürlich , daß die Frauen überall nach Familien-Aehnlichkeiten suchen , auch in der Kunst ? Sie wollen es sich gern überall gleich häuslich machen , und verrathen so auch in der Kunst ihren wahrlich liebenswürdigen Häuslichkeitstrieb . Und mir , dem unhäuslich gesinnten Autor , stand es ja frei , davon zu laufen . Mit dem Freunde hatte ich noch meine größere Noth , und wir mochten uns gar nicht vereinigen , weil er meinen Schlafrock nicht leiden konnte . Es empörte ihn nämlich jedesmal , so oft er zu mir kam , und mich im Schlafrock , oder auch nur ohne Halsbinde , auf meinem Zimmer antraf , und sein Verdruß darüber malte sich ordentlich in seinen Gesichtsmuskeln aus . Dies belustigte mich erst , und ärgerte mich dann , weil ich auch ein Narr war . Soll man aber einem Deutschen seinen Schlafrock mißgönnen ? Oder besitzt er nicht schon pedantischen Anständigkeitsgeist und kleinlichen Sauberkeitssinn hinlänglich , um ihn auch noch zu nöthigen , daß er sogar seinen traulichen Laren gegenüber nur in Höflichkeits-Uniform sich zeige ? Nein , mein Freund , Ihretwegen hätte ich nur den ganzen Tag en parure dasitzen mögen , um Sie immer gewärtigen zu können . Sie sehen , es ist meines Bleibens hier länger nicht . Ich muß fort , und muß weiterreisen . Sie haben mich an einer empfindlichen Seite meiner Neigung , ja meiner Studien angegriffen . Denn schon längst gehörte es zu meiner Passion und Lieblingswissenschaft , die Schlafröcke in Deutschland zu beobachten und zu studiren . Und nichts war mir immer erfreulicher , als wenn ich auf meiner Reise die großen Männer , die ich besuchte , in ihrem Schlafrock antraf . Mein einziges Tagebuch , das ich mir über die sogenannten großen Männer Deutschlands geführt , bestand darin , mir anzunotiren , wen ich im Schlafrock gefunden , und wen nicht . Der einer orientalischen Priestertracht ähnlich sehende Schlafrock Schelling ' s , in dem er jedem Besuchenden feierlich entgegenschreitet , ist in der ganzen Welt berühmt , und der aristotelische Hegel ließ sich in seinem Schlafpelz sogar in Kupfer stechen . Schiller dichtete seine feurigsten Tragödien bei Nacht im Schlafrock , und Friedrich Schlegel verkaufte an seinen Bruder Wilhelm Schlegel einige tiefsinnige Ideen , die er gerade zu viel hatte , für eine warme Nachtjacke , welche ihm gerade fehlte und dieser besaß . Wilhelm Schlegel trägt den Orden der Französischen Ehrenlegion auch auf seinem Schlafrock aufgeheftet , und der alte Musäus schreibt einmal an Nicolai , daß er gern sein ganzes Dichtertalent für einen guten Bärenpelz hingeben wolle , indem er vielleicht meinte , daß Nicolai , um ihm zu helfen , nur irgend einem Bärenhäuter aus der Allgemeinen deutschen Bibliothek das Fell abziehen zu lassen brauche . Genug , Sie sehen ein , mein Freund , die Schlafröcke und die Bärenpelze haben eine große Rolle in Deutschland gespielt . Warum wollen Sie Ihre Wuth allein gegen den meinigen auslassen ? - - Und nun blase muthig vorwärts , Du mein ungeduldigstes Posthorn , Du mein Herz ! Laß Dich hören in freudigen Sprüngen , stimme eine gute Weise tief in mir an , und werde leicht , da Du mir so lange zu schwer warst . Bitte um Wanderglück zum stillen Nachthimmel empor , und klinge und klage Dein : Gott behüte mich ! in das unendliche Universum hinaus . Du hast es nöthig : Gott behüte mich ! Gott behüte mich , in den Wäldern und auf den Bergen , in den Städten und Dörfern , bei den Menschen und Unmenschen , bei den Hassenden und Liebenden , bei den Streitenden und bei den Friedfertigen ! Gott behüte mich , daß ich jetzt glücklich durch das Schwarzburg-Rudolstädtische reise , ohne zum Legationsrath gemacht zu werden ! Gott behüte mich vor den vielen Merkwürdigkeiten , die in großen und kleinen Städten , in Museen und Schlössern , in Palästen und Rumpelkammern , zu besehen sind ! Gott behüte mich vor dem Anblick zu vieler Ruinen , er stärke mich gegen das Ausgelebte , befestige mich für das Neue , und mildere den Spott in mir gegen das Alte ! Er mache einen Menschen aus mir , der leben kann ! Ja , leben will ich gern und mir mit den Menschen aller Orten zu schaffen machen . Ich will umherlaufen auf den Straßen , und mir die hübschen und häßlichen Gesichter , die mir begegnet sind , aufschreiben . Ich will auf den Dörfern spazierengehen und in kleinen Städten über Nacht bleiben , um die stillen Herzschläge eines armen abgeschiedenen Lebens zu belauschen , und nachzusehen , wie es der Weltgeschichte in den Bauerhütten und auf den Wirthshausbänken hinterm Bierkruge ergeht . Ich will dem Deutschen Bauer zureden , daß er Abends regelmäßig die Zeitungen liest , und der Deutschen Bäuerin , die ihr gesundes Kind an der blühenden Brust stillt , will ich sagen , daß sie den Jungen nicht bloß für den Pflug geboren hat , sondern für ein menschlich gefühltes und berechtigtes Dasein . In der nächsten kleinen Stadt will ich mich erkundigen , was die aufgeweckte Schneidertochter jetzt aus der Leihbibliothek liest , und ob die Stadtpfeifer , als die Julirevolution noch Mode war , niemals die Marseillaise geblasen haben auf der Ressource ? Und in großen Residenzstädten werde ich ebenfalls nur Das aufsuchen , was die Menschen angeht und aus alten und neuen Zeiten her an sie erinnert . Wie sie in den Theatern lachen , in den Kirchen beten , auf der Promenade sich repräsentiren , und in ihren Gesellschaften sich langweilen , soll mir wahres Vergnügen machen . Wie sie von nichts zu reden wissen , was ihre wichtigsten Nationalinteressen betrifft , werde ich in gespannter Aufmerksamkeit mit anhören ; denn Das , wovon ein Volk nicht spricht , schildert es oft schärfer , als Das , wovon es spricht . Schöne Gegenden werde ich nie beschreiben , und ich glaube , mir fehlt fast der Sinn dafür , wenigstens die Begeisterung . Der Horizont dieser gegenwärtigen Zeit ist zu bewölkt , als daß man weit ausschauen könnte von den Bergen in die Thäler und die silbernen Ströme entlang , und auf die Kuppeln und Thürme der fernen schönen Städte . Das harmlose unschuldige Gemüth ist fort , das mit Landschaften und Gegenden sich freute , und ich suche es vergeblich in mir , und finde nichts , als daß ich kein Jean-Paulischer Jüngling mehr bin . Die Deutschen können nicht leiden , daß Jemand offen ist , und so werden mich auch meine nächsten Deutschen Freunde , deren ich so manche und liebe habe , jetzt schelten , wenn ich ihnen bekenne , wie vor den schönsten Naturgegenden das Herz mir oft kalt und bange schlägt . Ja , der Sinn ist fort , der mit Bäumen und Sträuchern einen guten idyllischen Umgang hatte , wie das Kind umgeht mit seinen Kameraden , den weißen Lämmchen auf der Wiese . Diese rauschenden Wälder , diese ernstgestalteten Felsen , dies naive Leben der Pflanzen und Blumen , dies Neigen und Grünen der Pappel , der Eiche , der düstern Fichte , diese hochwachsenden Felder , diese Triften und diese Flächen , diese Hügel und diese Tiefen , dies Blühen und Lachen , dies Klagen und diese heimliche Verstimmung , wie es von Wechsel zu Wechsel schleichend durch die Natur hingeht , Alles dies sieht und spricht mich an , wie eine Schaar gefallener Engel aus der träumerischen Frühperiode des Menschengeschlechts . Die Menschen hatten lange in und mit der Natur gelebt , und hatten versucht , ob sie sich zu etwas bilden könnten , indem sie träumten . Sie träumten am Wasserfall und in der romantischen Bergschlucht und auf der Hirtenflur ihr erstes morgenrothes Dasein hin , und die rieselnden Bäche , an denen sie lagen und schlummerten , flossen hell und klar ; aber des Menschen Seele war unklar , und aus dem natürlichen Traum des Lebens wachte kein Glück geistiger Wahrheit auf . Sie konnten sich nicht bilden , indem sie träumten . Da wurden sie unruhig , und ihre Flur langweilte sie , und ihr Wald machte ihnen Grausen . Sie legten die Axt an den grünen Baum , daß seine Wurzel erseufzte , und hieben ihm den Schmuck der Blätter herunter , und machten sich eine Lanze aus dem grünen Baum , oder ein Ackergeräth . Die Einen arbeiteten im Schweiß ihres Angesichtes , und die Andern zogen in den Krieg , und Keiner hatte mehr Ruhe und Frieden . Alle wurden in dem erwachten Drang menschlicher Unruhe zum ersten Mal historisch . An der Unruhe der Geschichte bildeten sie sich merkwürdig aus , und singen an , nach den höchsten Gütern des Lebens immer stürmischer zu trachten . Die alten grünen Wälder rauschten vergeblich mit ihren Friedensträumen hinter ihnen drein . Und so geht es noch täglich den einzelnen Menschen und den einzelnen Völkern . Auch den Deutschen liegt es in Gedanken , einmal historisch zu werden , aber die Einen können noch immer nicht den Werther , die Andern den Faust nicht vergessen , und das idyllische Naturelement hält sie gebunden . Die Lyrik der Individualität schwächt ab und verdrängt die Geschichte in der Nation . Goethe hatte schon selbst aus der Naturlyrik Werthers einen strebsamen Wilhelm Meister hervorgehen lassen , den sein Drang von dem grünen Wald weg auf die Formen des bürgerlichen Lebens wies , um an denen sich zu bilden , aber es war das bürgerliche Leben des achtzehnten Jahrhunderts , und die Deutschen kannten weiter keine nationellen und öffentlichen Interessen , als das Theater . Darum ist die ganze deutsche Bildung , die im Wilhelm Meister erlangt wird , nur noch eine Theaterbildung , und das Leben ist Repräsentation in guter Gesellschaft . Aber die Subjectivität war wenigstens frei geworden von der Naturlyrik , und statt des Umganges mit schwirrenden Käfern und spielenden Würmern im Grase ist der Umgang mit Menschen , selbst mit Salonsmenschen , doch immer etwas nütze . Aber die Natur war indessen bei Goethe und bei den Deutschen aus dem schwärmerischen Gemüth in die geistigere Speculation zurückgetreten , und hatte in dem Ersteren den Faust erzeugt , unter den Letzteren die Naturphilosophie . Nun hatte das kranke Deutsche Herz den grünen Wald überwunden , nachdem die Natur ernstbetrachtetes Object der Wissenschaft geworden . So zeigt Goethe selbst in dem Stufengang seiner Werke die ursprünglichsten Bildungsstufen des deutschen Geistes auf , aber eben nur die Stufen unserer ganz ursprünglichen und embryonischen Entwickelung , auf denen er deshalb am wenigsten das deutsche Dichten schon erschöpfen oder auch nur zur Vollendung bringen konnte . Und in den Wahlverwandtschaften schrieb er noch ein Werk über die allgemeinsten Bindungen und Wechselwirkungen menschlicher Verhältnisse , indem er dabei sogar wieder an die elementare Natur anknüpfte . Eine so abstracte und deshalb graue Dichtung ist nie geschaffen worden , als diese , in der Goethe zeigen wollte , wie die allgemeinen Naturgesetze der Anziehung und Abstoßung aus der Physik und Chemie auf den Menschen sich anwenden und bis in seine Stube und sein Herz hinein ihn verfolgen . In diesem Romane trat die Natur nun schon ganz ohne alles lyrische Blätterrauschen auf , sie war nacktes physikalisches Gesetz geworden , und der Poet des Werther , der damals das Pathos der Naturempfindung gefeiert , hatte jetzt eine kalte Physik des menschlichen Herzens gedichtet . Aber ein anderer hochbegabter Poet hatte mittlerweile Rückschritte eingeführt . Durch Tieck und dessen Jugendlyrik war der deutschen Dichtung und Gesinnung wieder eine unnatürliche Wendung gegeben worden , unnatürlich , weil mit dem Natürlichen wieder geliebäugelt wurde . Die alten grünen Wälder sollten wieder im Menschen zu reden anfangen . Werther wurde ein Minnesänger , die einfache Naturlyrik Goethe ' s schlug in eine künstlichere Naturromantik um , und statt der naiv plaudernden Lotte saßen hinter der Geisblattlaube alte Mährchen , und nickten mit den sternengekrönten Häuptern , und erzählten hundertjährige Geschichten voll von Liebe und Wunder . Der Schauplatz war derselbe geblieben und doch ganz verändert worden . Was im Werther metaphysischer gewesen war , wurde hier poetischer und bildlicher , und die Gefühle und Schmerzen , die hinter der Frühlingslandschaft gelauert hatten , setzten sich in leichtere Elfen und Kobolde und in ein luftigeres Morgen- und Abendroths-Spectakel um . Aber es war im Grunde nur eine brillante Variation jener ohnmächtigen Naturstimmung , die den Deutschen so nachtheilig ist . Die Deutschen konnten sich auch an der Waldromantik nicht bilden . Und Tieck selbst brauchte einen Zwischenraum vieler Jahre , in denen er ganz schwieg , ehe er in den Novellen seinen schönsten Ton anzuschlagen und darin aus Lebensproblemen eine ächte und gesunde Poesie zu schaffen vermochte , weshalb nichts lächerlicher , als wenn seine Freunde , besonders die unkritischen Berliner , noch immer den Waldlyriker am höchsten in ihm feiern . Wie gesagt , selbst vor der schönsten Gegend empfinde ich es , daß auch ich kein Werther und kein Wald-Lyriker mehr bin , und es regt sich Bosheit in mir genug dazu , daß ich auch allen meinen Landsleuten gern das letzte Stück Naturidylle aus dem fühlenden deutschen Herzen schneiden möchte . Nur die frische freie Gotteslust brauchen wir unerläßlich , um die starken Brustschläge unserer neuen Thaten darin gesund ausathmen zu lassen . In unserem Unruhigwerden und in unserm Historischwerden nehme uns Gott nie die frische freie Luft , damit es eine unbeengte Freude der Bewegung werde ! Aber das lächelnde Kind in der Wiege küßt der Mann noch einmal , nachdem er unruhig und historisch geworden , und zieht dann hinaus und kann sich durch den schönen Säugling doch nicht abhalten lassen von den Schlachten . Die Natur ist das lächelnde Kind in der Wiege , sie ist der erste Säugling an den Brüsten der Schöpfung . So seht die unmittelbare Unschuld des Lebens auf den Wiesen träumen . Aber der Mensch , dieser eilige Sohn der Zukunft , kann seine Zeit nicht hinbringen , um ihr Wiegenlieder zu singen . Nachdem er seine sentimentale Frühlingsperiode überwunden , betritt er , an Hoffnungen groß , das Feld der Geschichte , und erweitert seine Landschaftsstudien zu Weltstudien . Besonders heutzutage hat man gar keine Zeit , man hat Kopf und Hände voll zu thun , um sich und Andere zu verstehn , und die wenigen Geschichtsstunden , die uns das Leben noch giebt , recht fleißig zu nutzen ; und wenn ich auf die schönen Gegenden polemisire , so geschieht es wahrhaftig meistens nur aus dem Mangel an Zeit . Da wollten mich die guten Freunde in W. den ganzen Vormittag umherführen , um mir die herrlichen Gärten in der Umgegend zu zeigen . Ein ganzer Vormittag ! Man denke , ein ganzer Vormittag ! Und was ist ein Garten ? Gewissermaßen nur ein Toilettenstück der Natur ! Ich trieb mich also lieber auf der Straße umher , sah die Wachtparade aufziehn und beschaute mir die vielen deutschen Gesichter der umstehenden Menschen , eines nach dem anderen . Ein solches Gesicht ist gar nicht zu verkennen , wie das deutsche ; und doch in jeder Stadt ein andersgebildeter Schlag davon ! Zehn Gesichter gerade fing ich auf aus dem Haufen , die mir theils merkwürdig , theils lächerlich waren , und ich beschrieb sie mir nachher in meinem Tagebuche und war mit der Ausbeute zufrieden . Außerdem gerieth ich noch beim muthigen Klang der Trommeln , Pfeifen und Hörner auf politische Gedanken über Krieg und Frieden , und in Streit mit einem jungen Menschen , der an der Table d ' hôte mein Nachbar war , und die Meinung behauptete , daß an den zum Fidibus gewordenen spanischen Papieren ein allgemeiner Völkerkrieg sich entzünden würde . In Summa , ich hatte etwas erlebt , daß ich in der Stadt geblieben war . Unterdeß hatten meine Freunde für mich den Kuckuck angerufen , und nannten mich einen radicalen Stadtphilister , als sie wiederkamen . Und ich schüttelte ihnen als eben so vielen liebenswürdigen Naturphilistern derb die Hände . Die Alten haben vor schönen Landschaften nie geweint , und Herodot , der erste große Reisebeschreiber , weiß nur von den Menschen und ihren Sitten gut zu erzählen . Nichts Herrlicheres , als zu sehen , wie in der antiken Welt das Menschliche so nahe an den Menschen gerückt stand , und wie sich dasselbe im Staat als der höchsten Lebensform begränzte und zusammenschloß , ein glücklicher Himmel über glücklichen Häuptern . Sie waren human , weil sie politisch waren , und sie waren politisch , weil sie religiös waren , und religiös , weil politisch . Und so hing Alles im Großen bei ihnen zusammen . Das Menschliche , das sie im Staat so frei und kräftig aus sich herausgebildet hatten , verhinderte daß die magischen Schatten des Waldes sie nicht lockten , und die Natur ihnen nicht rief , sich an ihre Brust zu stürzen . Sie waren jede Stunde zu glücklich , um mit der Lerche des Morgens zu schwärmen und mit der Nachtigall Abends zu klagen . Das Unglück geht am liebsten hinaus ins Grüne und unter die Einsamkeit der wehenden Bäume , das Unglück oder die spielende Kinderunschuld . Die Kinder und die Zerrissenen , beide stehen dem Naturelement am nächsten , und beide würden darin verloren gehen , wenn es nicht ein Stärkeres gäbe als das Naturelement , nämlich den historischen Trieb in die werdende Welt- und Völker-Zukunft , die Alle aufreizt , sich zu bilden , zu bewegen und zu versöhnen . Und die Deutschen waren nie unglücklicher , nie innerlich zerrissener , als zur Zeit ihrer Natursentimentalität und Landschaftsempfindsamkeit im Leben und Dichten . Ich moderner Deutscher bin auch um ein gut Theil glücklicher , seitdem ich nicht mehr im Monbijou-Garten von Berlin spazieren gehe . Ich rufe : Menschen ! Menschen ! und noch einmal Menschen ! Ein Königreich für Menschen ! Mit schönen Gegenden umgehn , kann ich allenfalls auch in meiner Stube , und habe ziemlich genug Phantasie dazu . Denn nachdem ich in der lieben schönen Gotteswelt manche gesehn , kann ich mir fast alle denken , und bringe sie mir , ehe ich des Morgens zu schreiben anfange , oft zu Dutzenden beim Zumfensterhinaussehen in meiner Einbildungskraft hervor . Ich denke mit die mannigfachsten Gruppirungen von Wald , Berg , Fluß , Baum , Himmel und Thal , und gieße dann über diese meine müßigen Landschaftsgedanken einen großartig beleuchtenden Sonnen- Auf- oder Untergang aus . So rufe ich mir , mag es Winter oder Sommer sein , die herrlichste und entfernteste Natur in meine Nähe , und kann , wenn ich will , meine literarischen Siebensachen am hohen Meere oder in einem italienischen Pomeranzenwäldchen schreiben . Der Natur läßt sich immer eine schöne Decoration abgewinnen , aber die Menschenwelt kommt nicht , wenn und wo man sie ruft . Zu den Menschen muß man hinaus , man muß sie aufsuchen in Sturm und Wetter , in Schneegestöber und Regengüssen , man muß mit ihnen reden und lachen , leben , und leiden , und wenn man sie sieht , kennt man sie noch nicht . Wenn man mit ihnen spricht , versteht man sie noch nicht . In der Natur ist Alles einfach , und ihre reichsten Gestaltungen bestehen doch nur aus den einfachsten Combinationen . Es ist immer der Wald , der Fels , der Berg , der See , die Wolke , nur hierhin oder dorthin anders gestellt , und im Norden zu andern Schildereien vermalt , als im Süden . Darum kann ich mir schöne Gegenden denken , wenn ich des Morgens auf die Straße hinaussehe , ich brauche nur zu combiniren . Mit den Menschen bringe ich ' s nicht so weit , wenn ich zu Hause bleibe . Ein Mensch läßt sich nicht combiniren , er ist die sich selbst bewegende Macht , und zugleich treiben ihn die Geister . Er gestaltet sich von innen und macht oft ein verstecktes Wesen mit sich selbst . Und wenn ein großer Weltentdecker alle Welttheile eines Menschenherzens entdeckt hätte , würde er noch jeden Augenblick aus dessen Untiefen neue Inseln emporschießen sehn , und nicht immer glückliche ; neue Inseln , mit fremden Pflanzen , Blumen , Gefühlen und Launen bedeckt . Den Frühling kenne ich ; er ist maigrün und himmelblau . Der Menschen Gesichter habe ich noch lange nicht ausgelernt . Der Mensch hat alle Tage ein anderes Gesicht , und weiß kaum selbst , wie er eigentlich aussieht . Ich habe ihn verwundert angesehn , wenn er liebte und haßte , wenn er eine Frau nahm und seine Mutter begrub . Ich will ihm nachlaufen , wenn er begeistert ist , eine Fürstin einholt , Revolutionen veranstalten will und sich knechtisch geberdet . Ich will mich zu ihm in den Wagen setzen , wenn er auf Reisen geht , ich will mit ihm anstoßen , wenn er seinen Wein trinkt , ich will seiner Tochter den Hof machen , wenn sie artig ist . Nur fort ! Nur fort ! Nur vorwärts , Schwager ! - - Ich habe für heut genug geblasen ! Die Landstraße wird hell , der