Gutzkow , Karl Wally , die Zweiflerin www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Karl Gutzkow Wally , die Zweiflerin - Des Friedens Wund ' ist Sicherheit , Sorglose Sicherheit ; doch weiser Zweifel Wird Leuchte der Vernunft , des Arztes Sonde , Der Wunde Grund zu prüfen . Shakespeare Erstes Buch 1 Auf weißem Zelter sprengte im sonnengolddurchwirkten Walde Wally , ein Bild , das die Schönheit Aphroditens übertraf , da sich bei ihm zu jedem klassischen Reize , der nur aus dem cyprischen Meerschaume geflossen sein konnte , noch alle romantischen Zauber gesellten : ja selbst die Draperie der modernsten Zeit fehlte nicht , ein Vorzug , der sich weniger in der Schönheit selbst als in ihrer Atmosphäre kundzugeben pflegt . Welche natürliche und ihr doch so vollkommen gegenwärtige Koketterie auf einem Tiere , von dem sie wahrscheinlich selbst nicht wußte , daß es blind war ! Wally gab sich das Ansehen , als wäre sie mit ihrer Situation verschwistert ; aber nichts ist so reizend , als wenn durch irgendeine fast gelungene Affektation , durch die ganze Haltung eines innerlich mehr reflektierten wie angebornen Wesens einige kleine Lichtritzen schimmern und für den Mann , welcher sie sehen kann , die versteckten Erleichterungen einer sich einbohrenden Neigung werden . Aber von den zahlreichen Kavalieren , welche Wally umgaben , sahe diese kleinen Lücken der Furcht edler Weiblichkeit niemand . Jene , die Lücken der Furcht , kannte vielleicht der Jockei , der auch wußte , daß die weiße Stute blind war . Aber die übrigen hingen nur wie der Eisenfeilstaub am Magnet , wie die Nachahmung am Genie , wie das Ordinäre am Wunderbaren . Am Wege schritt , wie es beim Temperamente sich von selbst versteht , im Zweivierteltakte Cäsar , ein Mann , der imstande war , eine solche Gruppe wie die vorbeisprengende im Nu zu übersehen und jede darin waltende Figur so zu isolieren , daß er sie alle verarbeitete und an seiner eigenen Individualität zerrieb . Kennt ihr diese genialen Charaktere , welche durch ihr Schweigen immer mehr ausdrücken , als wenn sie reden , die nur ihr rollendes , siegendes Auge in die Gesellschaft bringen dürfen und jede Persönlichkeit darin absorbieren in eine Huldigung , die ihnen wird ohne ihr Verlangen ? Cäsar stand im zweiten Drittel der zwanziger Jahre . Um Nase und Mund schlängelten Furchen , in welche die frühe Saat der Erkenntnis gefallen war , jene Linien , die sich von dem lieblichsten Eindrucke bis zu dämonischer Unheimlichkeit steigern können . Cäsars Bildung war fertig . Was er noch in sich aufnahm , konnte nur dazu dienen , das schon Vorhandene zu befestigen , nicht zu verändern . Cäsar hatte die erste Stufenleiter idealischer Schwärmerei , welche unsre Zeit auf junge Gemüter eindringen läßt , erstiegen . Er hatte einen ganzen Friedhof toter Gedanken , herrlicher Ideen , an die er einst glaubte , hinter sich : er fiel nicht mehr vor sich selbst nieder und ließ seine Vergangenheit die Knie seiner Zukunft umschlingen und sie beten : Heilige Zukunft , glühender Moloch , wann hör ' ich auf , mich mir selbst zu opfern ? Cäsar begrub keine Toten mehr : die stillen Ideen lagen so weit von ihm , daß seine Bewegungen sie nicht mehr erdrücken konnten . Er war reif , nur noch formell , nur noch Skeptiker : er rechnete mit Begriffsschatten , mit gewesenem Enthusiasmus . Er war durch die Schule hindurch und hätte nur noch handeln können ; denn wozu ihn seine toten Ideen machten , er war ein starker Charakter . Unglückliche Jugend ! Das Feld der Tätigkeit ist dir verschlossen , im Strome der Begebenheiten kann deine wissensmatte Seele nicht wieder neu geboren werden ; du kannst nur lächeln , seufzen , spotten und die Frauen , wenn du liebst , unglücklich machen ! Cäsar , wie er einsam wandelte , fühlte , daß er weinen sollte , und lachte , um die Tränen zu vertreiben . Da flog Wally mit ihren Begleitern an ihm vorüber . Sie schlug mit ihrer Gerte in die Seiten des schönen , aber blinden Gaules ( sie wußte es wahrhaftig nicht ! ) - ein sonderbarer Glanz klang durch die Luft , und zu Cäsars Füßen lagen fünf kostbare Ringe . Sie mußten an der Reitgerte gesteckt haben . Wally sah , was der Unbekannte am Wege aufnahm ; sie machte Miene anzuhalten ; aber als der Fremde mit der Zurückgabe zögerte , blickte sie bös und trieb ihren Schimmel weiter . Die Kavaliere hatten nichts gesehen . Cäsar aber , da er die Reiterin sogleich aus den Augen verlor , mußte sich auf alles besinnen . Er gefiel sich darin , an eine alte Sage zu glauben , an die Prinzessin im Walde , und sich selbst mit irgendeinem Zauber in Verbindung zu bringen . Er steckte die Ringe zu sich und hatte sie wieder vergessen , wie er innerhalb der Stadt war . 2 Ein gewisser Regierungspräsident gab einen beinahe ländlichen Ball . Wally und Cäsar sahen sich hier . Cäsar hatte in einem Anfalle guter Laune die fünf Ringe über seine Handschuhe gezogen . Wally frug ihn , wie er darauf käme ? » Weil meine rechte Hand « , antwortete er , » beim Tanzen immer ungeschickt ist . Die Ringe verhindern sie , von dem glatten Rücken der Tänzerinnen abzugleiten . « Wally ließ ihn stehen : dieser junge Mann mißfiel ihr . Aber sie fühlte , daß sie sich zerstreuen müsse , und tanzte mit Vorliebe . Sie wurde erhitzt , verfolgte Cäsar und sahe , daß er die Ringe wieder fortgenommen hatte . Sie wollte sie wiederhaben und rief einem ihrer Employés , einem blondhaarigen Referendär , der eine kleine Schrift über das Unzeitgemäße politischer Garantien geschrieben hatte . Sie setzte ihm die Lage der Dinge auseinander . » Ich bin gewohnt « , sagte sie , » für jeden Monat im Jahre einen andern Anbeter zu haben , und ich nehme niemanden an , der sich nicht durch einen Ring in meine Gunst einkauft . An meinem Finger will ich die Ringe nicht : ich trage sie an meiner Reitgerte und mache mir ein Vergnügen daraus , wenn ich von Juli zu Juli ins Bad reise und armen preßhaften Leuten sie alle zwölf nacheinander in die heißen Sprudelbecher werfe . « Darauf erklärte sie ihm , wie sie fünf davon verloren hätte , und verlangte , daß sie ihr wieder zuhanden , das heißt zur Reitgerte , kämen . Der junge Mann , welcher über das Unzeitgemäße politischer Garantien geschrieben haue , versprach sein möglichstes und redete Cäsar an . Cäsar betrachtete ihn und besann sich auf den Verfasser der kleinen Broschüre . » Sie verstehen sich darauf « , sagte er dann , » als St. Georg gegen die Ungetüme der Zeit zu kämpfen . Die Ringe der Dame passen zu meinem Schuppenleibe : ich stehe als Lindwurm zu Ihren Diensten ! « » Wie versteh ' ich das ? « fragte der junge Mann , welcher über das Unzeitgemäße politischer Garantien geschrieben hatte . Cäsar ließ ihn stehen . Der Bote wagte nicht , unverrichteter Sache zu Wally zurückzugehen ; eben tanzte sie , sie hatte seine Abweisung glücklicherweise nicht bemerkt . Der junge Mann half sich : er wußte , von wem die fünf Ringe kamen : vier von seinen Freunden , die mit ihm teils auf dem Stadtamte fungierten , teils auf das nächste militärische Avancement warteten ; einer gehörte ihm , denn Wallys Sonne stand zufällig während dieses Monats in seinem Zeichen . Die Sache wurde unvermeidlich ein Ehrenhandel ; aber er war perfid genug , dem Gegner das Spiel fünffach zu erschweren . Cäsar bekam noch an demselben Abend fünf Ausforderungen ins Ohr geflüstert . Er nickte lächelnd zu jeder ; für den folgenden Morgen war alles anberaumt , aber er entfernte sich früh . Wally tanzte bis in die Nacht . O welch ein Glück , sich mit dem faden Mittelgut in ewig gleichen Kreisen herumzudrehen ! 3 Es war schon um die eilfte Vormittagsstunde des folgenden Tages , als Wally unter den Händen ihres Kammermädchens saß und ihr Haar flechten ließ . Sie hatte einen kleinen Tisch vor sich gerückt , worauf die Erzeugnisse der neuesten Literatur lagen . Natürlich kamen sie frisch aus dem Buchladen ; anständige Leute lesen nicht aus Leihbibliotheken . Sie blätterte in dem jüngsten Musenalmanach von Schwab und Chamisso . » Diese guten Waldsänger « , sprach sie vor sich hin , » nehmen sich die Freiheit , sehr ennuyant zu sein . Wenn uns die Reime nicht in einer Art von melodischer Spannung hielten , die Monotonie der Gefühle und Anschauungen wäre tödlich . Ich ziehe Prosa vor . Heines Prosa ist mir lieber als Uhland und sein ganzer Bardenhain . « Sie griff nach Heines » Salon « , zweiter Band . » Willst du Philosophie studieren , Aurora ? « fragte sie ihr Kammermädchen : » Hier sind all die gelehrten , bemoosten Karpfen der deutschen Philosophie mit Frühlingspetersilie und Vanille zubereitet . Man sollte die Bonbons in Aphorismen aus Heines Salon einschlagen . Welch gesunkenes Volk müssen die Franzosen sein , daß sie gerad auf der Stufe in den Wissenschaften stehen , wo in Deutschland die Mädchen . « Einige Schriften vom jungen Deutschland lagen zur Hand , von Wienbarg , Laube , Mundt . » Wienbarg ist zu demokratisch : ich habe nie gewußt , daß ich vom Adel bin « , sagte sie ; » aber mit Schrecken denk ' ich daran , seit ich diesen Autor lese . Laube scheint den Adel nicht abschaffen , sondern überflügeln zu wollen . Doch bleibt es arg : er ist zudringlich . Er gibt sich in seinen Schriften das Ansehen , als kenne er jede seiner Leserinnen und verlange von ihr eine Hingebung , um die er nicht einmal bittet . Mundt goutier ' ich nur halb : denn er wird , je mehr er sich selbst klarzuwerden scheint , für andere immer unverständlicher . Verstehst du , Aurora ? « Aurora hatte etwas in den Mund bekommen und mußte abscheulich husten . Wally lachte . Unter den Büchern lag zuletzt die neueste Lieferung der » Carlsruher Bilderbibel « , auf welche Wally abonniert hatte . » Wie sonderbar doch das Christentum auf Velinpapier aussieht ! « sagte sie zu sich selbst . » Dienen diese Kupfer zu etwas anderem , als die Aufmerksamkeit noch mehr von dem heiligen Buche abzulenken ! Siehe , da steht ein Druckfehler ! Ein umgekehrter Buchstabe ! Es ist hübsch , in der Bibel Irrtümer zu entdecken . « Wally sahe nur auf das Äußre , auf den Einband , dann las sie etwas . Sie las einige Verse , ein halbes Kapitel und fragte ihr Mädchen , wann sie zuletzt in der Kirche gewesen wäre ? Aurora war nicht frivol : sie war vor vier Wochen dagewesen . Wally las , ohne zu hören . Dann fragte sie : » Warum bist du so still ? « Aurora war nicht mehr im Zimmer : Wally blickte sich scheu um und las weiter . Ihr Auge haftete stier auf den Buchstaben : sie schlug eine Seite nach der andern um : dann lehnte sie sich zurück , eine Träne stand in ihrem Auge . Sie sah mit einem flehenden , verzweifelnden Blick auf den kleinen Tisch , der so viel Widersprechendes friedlich umschloß . Sie stützte den Kopf auf die Lehne ihres Sessels ; es war Sonntag . Die Glocken läuteten , aus der nahen Kirche brausten die Töne der Orgel herüber . Wally war in Tränen aufgelöst . Kann man dem Himmel ein schöneres Opfer bringen ? Diese Tränen flossen aus dem Weihebecken einer unsichtbaren Kirche . Die Gottheit ist nirgends näher , als wo ein Herz an ihr verzweifelt . Aurora kam zurück . Es war Besuch im Gesellschaftszimmer . Wally hätte absagen müssen ; aber sie war willenlos . Sie fand die Ritter von den fünf Ringen , einige von ihnen leicht verwundet . Wally erschrak , als sie von dem Vorfalle hörte . Cäsar war am Arme blessiert . Aber schon die Nachricht , daß keine Gefahr vorhanden sei , richtete sie auf ; und wie in der menschlichen Seele Schmerz und Freude sich ergänzen und das Linderungsmittel des einen Übels auch alle übrigen Sorgen heilt , die mit ihm in keiner Verbindung standen , so wandte sie sich teilnehmend dem Gespräche zu . Es war fade , wie immer ; aber verzeihlich der Tageszeit wegen . Man soll vor Tische von keinem Menschen verlangen , daß er geistreich sei . Wally konnte lachen und lachte übermäßig . 4 Beide sahen sich eine Woche später . Wally hatte nicht das Herz , von dem Vorfalle zu sprechen . Aber es währte nicht lange , so sprachen sie über den Mut . Sie wollte wissen , ob der Mutige die Gefahr absichtlich verkleinere oder geringer achte , ob der Mut noch während der Gefahr daure oder nur das Vorspiel der Gefahr sei . Cäsar sagte , er habe nie über den Mut nachgedacht , besäße ihn auch nicht hinreichend dafür . Wally brannte der Vorfall auf den Lippen ; aber sie hielt an sich und lächelte bloß . » Ich glaube « , sagte Cäsar , » daß es Menschen gibt , deren Mut darin besteht , daß sie die Gefahr gar nicht sehen . Das sind diejenigen , welche als die vorzugsweise Mutigen überall gefürchtet werden : auf den Universitäten jene unverschämten Knaben , die gegen jedermann die Hand in die Seite stemmen und von Verachtung und Malice übersprudeln ; unterm Militär diejenigen , welche ihren Säbel gern so hängen , daß sie ihn hinter sich klirren hören . Man kann aber sagen , daß wenn diese Menschen Einbildungskraft genug hätten , die Gefahr zu sehen , sie die verzagtesten sein würden . Der Besonnene ist von Natur niemals mutig . Er folgt nur den Rücksichten und ist unerschrocken , weil die Sache einmal nicht zu ändern ist . « Wally fand diese Äußerungen durchaus nicht so liebenswürdig , wie sie gewohnt war , dergleichen von ihren männlichen Umgebungen zu hören . Es war in ihrem innerlichen Urteile etwas , was einen guten Schein hatte . Sie vermißte an Cäsar den Reiz der Natürlichkeit . Seine Reflexion zog an , befriedigte aber das Temperament nicht . Nichtsdestoweniger traf sie sehr gut die Gedankenreihe Cäsars , indem sie fortfuhr : » Ich glaube fast . Sie halten die Tugend für eine Berechnung ? « » Die Tugend nicht « , entgegnete Cäsar ; » aber alles , was man gern für Instinkt anzusehen gewohnt ist . Unsre Handlungen sollen berechnet sein , unsre Empfindungen sind es . Ich erinnere Sie nur an das Unbequeme mancher Empfindung , mit der wir gern kokettieren , die uns aber in gewissen Zeiten recht zur Unzeit kömmt . « » Sie sind ohne Natur « , sagte Wally . » Ich bin ohne Verstellung « , fiel Cäsar ein . » Ohne Verstellung ? Jeder Satz in Ihren Theorien scheint von Ihren zufälligen Zwecken abhängig zu sein . « Cäsar mußte lächeln ; er hatte etwas gesagt , was er nicht meinte . » Glauben Sie « , fragte er , » daß es in der Liebe eine Höflichkeit gibt ? « » Das versteh ' ich nicht . « Cäsar blickte finster und wollte abbrechen . » Was ist Ihnen ? « fragte Wally . » Ich denke , Sie vermeiden , über einen Zustand zu sprechen , den Sie vielleicht nicht zu kennen vorgeben . « » Halten Sie mich für eine Närrin ? « fragte Wally , erst bös , dann aber hellte sich ihr Antlitz zu einer Liebenswürdigkeit auf , die Cäsarn fast einen Augenblick zu verwirren schien . » Nehmen Sie nur an « , sagte er , » wie unzeitig und unbequem man werden kann , wenn man seinen Leidenschaften immer den natürlichen Raum läßt . Ich verspreche zum Beispiel einer Dame , sie einen Tag um den andern zu besuchen . Was heißt das ? Sie ist einen Tag um den andern in der Spannung , wo sie glaubt , beglücken zu können . Ihre Gedankenreihen werden immer einen Tag überschlagen , einen Tag , wo sie nicht untreu , aber ohne Rapport und Illusion ist . Man kann nicht unhöflicher sein als an diesem Tage , der überschlagen werden sollte , der für die Liebe gar nicht da ist , seine Braut zu überraschen . « Wally lachte laut auf . Jetzt hielt sie Cäsarn für einen Narren und fragte ihn , welche Frau ihm diese Geständnisse gemacht habe . Cäsar war kein Pedant , er lachte mit , fuhr aber fort : » Ich versichre Sie , es ist nichts abscheulicher als das Ungeschickte und Unbequeme . Der Instinkt mag hier manche üble Empfindung hintertreiben ; aber sicher geht allein die Combination der Psychologie . Ich möchte um alles in der Welt zu einer gewissen Zeit , unter gewissen Umständen von der Freundschaft kein Opfer , von der Liebe keine Zärtlichkeit verlangen . Mit unsrer rohen Natürlichkeit sind wir immer gewohnt zu übertreiben ; in nichts sind wir aber übertriebener als in unsern Forderungen . Ist es erhört , was der Enthusiasmus nicht alles in den gefühlvollen Beziehungen der Geschlechter oder in der Freundschaft zu entdecken glaubte ! Wer kann das alles leisten ! Wer kann so unhöflich sein , alle diese Leistungen in Anspruch nehmen ? Sagen Sie ! « » Ich habe vergessen , Rumohr zu lesen « , antwortete Wally . » Rumohr ! « sprach Cäsar ; » Rumohr hatte vielleicht Anstand , aber nicht Geist und Mut genug , eine Schule der Höflichkeit zu schreiben . Rumohr glaubt an seine Vorschriften und scheut sich doch , die meisten davon anders als in einem gewissen Helldunkel zu geben . Rumohr glaubte , er müsse sich immer noch eine Hintertür offenlassen , um nicht für einen Fant zu gelten . Auch ist dieser Mann so sehr in die Klassizität verrannt , daß er alle Tugenden und Untugenden des Altertums aufzählt , aber ein wichtiges , modernes Laster ganz mit Stillschweigen übergeht , ein Laster , wofür die Alten gar keinen Ausdruck hatten . Rumohr konnte davon nicht sprechen , weil er selbst darin ganz verstrickt ist . Dies ist die Langeweile . Aber was Rumohr ? Es gibt eine weit tiefere Höflichkeitstheorie , welche auf ästhetischen und moralischen Prinzipien zu gleicher Zeit beruht . Soll ich ihren Grundsatz nennen ? Lassen Sie aus einem christlichen Gebote nur einen Buchstaben weg . Raten Sie ! « Wally wurde rot : nicht des Rätsels wegen , sondern des Christentums . Cäsar ergänzte sich selbst und sagte : » Lebe deinen Nächsten wie dich selbst ! Sei Egoist , ohne deinen Nachbar zu verwunden ! Wenn ich mich in die innersten Falten Ihrer Seele ( Falten ! Ihre junge Seele ! Aber die Seele ist immer alt , der Teil der jahrtausendjährigen Urseele und Weltseele , der in uns wohnt ) , wenn ich mich in sie versetze , so bin ich gewiß , immer die Wirkungen zu veranlassen , die ich eine Minute vorher schon bestimmen kann . Sie hören mich nicht mehr . Es ist wahr , ich habe zu laut gesprochen . « Der gute Cäsar mit seinen langweiligen Theorien ! Er mochte wunder glauben , wie zart er die Fibern des menschlichen Herzens anatomiere ; und hatte schon längst seine Widersacherin innerlichst verletzt . Er wußte dies nicht und schämte sich , so theoretisch debattiert zu haben . Um die Sache war es ihm gar nicht zu tun . Er hatte überhaupt nur zwei Steckenpferde , auf denen er sich heißreiten konnte , die Verachtung der Musik und die Strenge der Erziehung . Diese beiden Fragen interessierten ihn , weil sie das Nächste berührten , das Zimmer des Nachbars gleichsam , weil die Musik sich gern in der Gesellschaft breitmacht und über Erziehung so viel Empfindsames gefaselt wird . Er pointierte die Verachtung der Musik , um die jungen Damen ( welche , wenn man von ihnen Gedanken verlangt , mit Musik antworten ) ihre Leere fühlen zu machen : in der Erziehung aber den Stock , um sich das Geschwätz über Kinder , das Präsentieren der lieben Kleinen , die Koketterie mit seiner Einzigen oder seinem jüngsten Balge vom Leibe zu halten . Auf alles übrige ließ es Cäsar ankommen . Für Himmel , Hölle , Erde und was drin , drauf und drunter ist , nahm er nur Interesse , um sich zu unterhalten oder eine hübsche Wendung darüber zu haben . Warum ist Cäsar kein Schriftsteller geworden ? Er würde ein vortrefflicher Dialektiker sein , immer gute Gedanken haben und jedenfalls einen glänzenden Stil schreiben . 5 Wir sind noch in derselben Gesellschaft , wo über Herrn von Rumohr so abfällig geurteilt wurde . Wally ist nur hingebender und Cäsar erschöpfter geworden . Er war im Zuge , links und rechts seine zusammenhanglosen Einfälle auszustreuen und grade im Gegensatz zu seiner Höflichkeitstheorie alle Welt zu verwunden . Die Hauptunterhaltung hatte der lange blonde Mann an sich gerissen , welcher über das Unzeitgemäße politischer Garantien geschrieben hatte . Mit ihm korrespondierte ein Justizrat , welcher anonymer Verfechter von verschiedenen Lehrbüchern zur Kenntnis des Allgemeinen Landrechts war oder doch sein sollte . Beide zitierten sich wechselseitig als Autoritäten , der Junge den Alten der Carrière wegen : der Alte den Jungen , weil er wußte , daß der Nachruhm in den Händen derer liegt , die nach uns leben . Cäsar war auf der Folter : er ahnte , daß sie ausschweifen wollten , daß sie auf dem Wege waren , zur schönen Literatur überzugehen . » Wirklich ? « zitterte er für sich hinein . » Wahrlich ! Ja , sie müssen - Oh - . « Cäsar war aufgesprungen . Er wollte fort . Wally frug ihn , was er hätte ? Der Justizrat , Mitglied einer Liedertafel , das heißt eines Vereins , wo man über Tafel die schlechten Compositionen eines Zelter und anderer zu singen pflegte , rief : » Ist es nicht auffallend , daß auch nicht ein einziger aus der neuen Schule in Deutschland sich auf Musik versteht . Wie schön hat Tieck die italienische Musik in seinen Sonetten charakterisiert ! Wie treffend drückt er in seinem Vorspiel zum Gestiefelten Kater oder zur Verkehrten Welt , ich weiß nicht , das Wesen der verschiedenen Instrumente aus ! Wie hat die ganze romantische Schule in der Musik gelebt ! « » Und Hoffmann « , rief eine ältliche Dame , die ihrem Teint nach mit Napoleon verwandt sein konnte . » Und Hoffmann ! « , fielen alle ein . » Ja « , rief der Justizrat , » Hoffmann , der mein Kollege war ! « Cäsar sagte ruhig : » Ich weiß nicht , worin der Zusammenhang der Literatur und der Instrumentation liegen sollte . Goethe scheint mir auch ohne den Kontrapunkt verständlich zu sein . « Aber der Justizrat hatte das Wort : » Man hat noch immer gefunden , daß irgendeine Beschäftigung , welche dem Dichter sonst noch teuer und lieb war , recht hübsch das Wesen seiner eigenen Poesie ausdrückte . Ich rede von Homer und Ossian nicht , Männern , die mehr Musiker als Dichter waren ; aber Goethe arbeitete in Pappe , wenn ich nicht irre . Schiller war Compagnie-Chirurgus . Nun sehen Sie , das ist prosaisch genug ; sagen Sie mir von allen neuen Autoren einen , der ein gutes Urteil über Musik hätte ? Es ist Mangel einer gewissen Saite in der Seele , daß es ganz unmöglich ist , die Namen Menzel , Börne , Heine usw. mit irgendeiner musikalischen Verrichtung zusammenzubringen . « » Die Lärmtrommel ! « hieß es irgendwo . Man beklatschte den Einfall und nannte ihn witzig . Aber recht hatte der Justizrat ; auch Cäsar , wenn er sagte : » Was kann empfehlenswerter für die Richtung sein , welche unsre ersten Geister nehmen ? Alle frühere Literatur bildete sich im Interesse irgendeiner vereinzelten Kunst oder Tendenz : die Lessing-Goethische Zeit im Interesse der Antike : die Romantik im Interesse der Malerei : die Phantastik im Interesse der Musik . Erst in unsern Tagen sammelt die Literatur ihre Vorposten , die sich in die fremden Feldlager ganz verloren hatten , und zieht sie in den Kern ihrer Kräfte zurück , um aufs neue zu bestimmen , welches ihr Zweck ist . Ich glaube , daß sich die Literatur ausdehnen wird auf andre Felder , um sie zu befruchten ; aber wahrlich , mein Herr , auf die Musik nicht ! « Bis hierher sprach Cäsar so richtig , daß es unnütz gewesen wäre , Unterschriften darauf zu sammeln . Das Folgende schien zweifelhafter : » Was soll überhaupt die Musik ? Diese klingende Mathematik ? In der Erziehung sind die geometrischen Köpfe meist die dicksten und härtesten , und in den großen Musikern habe ich immer Leute gefunden , die , obschon sie immer mit Schlüsseln umgehen , doch über nichts Aufschluß geben können . Die Musik ist eine ganz sinnliche Kunst . Wenn Sie dem Otaheiter einen Trauermarsch von Spontini vorspielen , mein Herr , glauben Sie , daß er weinen wird ? Er wird springen und seine Kokosschale vor Lebenslust bis auf die Hefe leeren . Musik ist absolut nichts : die Bildung legt erst das hinein , was wir darin zu finden glauben . Wenn ich bei irgendeinem Musikstück ein solcher Narr bin , an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben , so verbinden zu gleicher Zeit Sie damit einen Begriff , welcher vielleicht der entgegengesetzte ist . Wenn Sie bei einer Symphonie von Beethoven an einen gotischen Dom denken , so dachte der Komponist an das Giebeldach einer Bauerhütte . Nein , mein Herr , die Musik wird aufhören , zu den Künsten gerechnet zu werden . Nähert sich die Musik in der Oper nicht schon immer mehr der rhetorischen Deklamation ? Ist die Sprache , das volle , tönende , menschliche Wort nicht unendlich höher als der unnatürliche Gebrauch einer ganz im tiefsten Schlunde versteckten zufälligen Fertigkeit ? Ich bitte Sie , überlegen Sie das , mein Herr ! « Hier war keine Verständigung mehr möglich . Was sind Hunderttausende in der Welt ohne das bißchen Fortepiano , was sie spielen können ! Es war , als hätte einer gesagt , die Frauen sollten keine Gigotärmel mehr tragen . Was wären diese schmalen Brüste , diese gedankenlosen Köpfe ohne Gigots , ohne Pianoforte ! Und doch strafte man Cäsarn nicht durch Stillschweigen , ging nicht wie wegen eines Tollen zur Tagesordnung über , sondern schrie auf und rief das Gefühl , den Himmel , die Moralität zu Hülfe , um einen Ketzer zu bekehren . Der blonde Unzeitgemäße war so glücklich , die Frage in das Gebiet der Politik hinüberzuspielen und aus der Musik eine Sache des Staates zu machen . Hierüber schwieg Cäsar . Ihn verdroß nichts mehr als das Warmwerden . Er wußte zu gut , daß die Adler niemals in der Fläche horsten . Warum Niagaradonner , wo Knallerbsen genügen ? Er gab sich willig dem Spotte Wallys hin , die viel zu leichtsinnig war , auf dergleichen Debatten etwas zu geben , zu eitel , um eine allgemeine Unterhaltung interessant zu finden , und die überdies weder sang noch spielte . Wally hatte Ideen , aber nur momentan ; sie verschmähte es , die Geistreiche zu scheinen , weil sie wußte , daß sie schön war . Flüchtig waren ihre Bewegungen , liebenswürdig , ohne Pedanterei ihre Capricen . Cäsar fühlte das und badete sich in dem oberflächlichen Schaume , den Wally von den Ideen nur gelten ließ . Cäsar hatte recht , sie für unfähig zur Spekulation zu halten . Er nahm sie wie ein humoristisches Capriccio der animalischen Natur . Beide spotteten im Vertrauen über sich , über alle . Was sie sprachen als Sprechenswertes , waren Raketen , die sie sich einander zuwarfen . » Warum brechen Sie über Politik ab ? « » In Athen durfte kein Volksredner auftreten , der nicht verheiratet war . « » Was Sie gelehrt sind ! Ich bin es auch : in Kreta durfte niemand Gesetze geben , der nicht einen Strick um den Hals hatte . « » Das ist dasselbe Gesetz : Die Athener wollten eigentlich auch sagen , der keinen solchen Strick am Halse habe . « » Wie unanständig ! « » Wally ! « Wally lachte : es war ein hübscher , vertraulicher Ton , in dem ihr Cäsar drohte . » Was machen Sie mit Leuten , die Ihnen gefallen ? « fragte sie ihn , ohne zu wissen , was sie fragte . » Alles , nur nicht ihre Bekanntschaft . « » Das ist auffallend ! Doch können Sie recht haben . « » Wonach beurteilen Sie die Menschen , Wally ? « » Nach ihren Werken ! - O Gott , nein ; dies wäre ja albern geantwortet , wie im Katechismus . Sagen Sie ? « » Nach dem , was sie sind ? « » Nein , nach dem , was sie imstande wären . « » O Wally , Sie sind liebenswürdig ! Woran würden Sie denken , wenn Sie jemanden prüfen wollten , der zu lieben wäre ? « » An die außerordentlichen Fälle . « Cäsar schwieg