Arnim , Bettina von Goethes Briefwechsel mit einem Kinde www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Bettina von Arnim Goethes Briefwechsel mit einem Kinde Seinem Denkmal Erster Teil Dem Fürsten Pückler Haben sie von deinen Fehlen Immer viel erzählt , Und fürwahr , sie zu erzählen Vielfach sich gequält . Hätten sie von deinem Guten Freundlich dir erzählt , Mit verständig treuen Winken Wie man Bess ' res wählt : O gewiß ! Das Allerbeste Blieb uns nicht verhehlt , Das fürwahr nur wenig Gäste In der Klause zählt . - ( Westöstlicher Divan Buch der Betrachtung ) Es ist kein Geschenk des Zufalls oder der Laune , was Ihnen hier dargebracht wird . Aus wohlüberlegten Gründen und mit freudigem Herzen biete ich Ihnen an , das Beste was ich zu geben vermag . Als Zeichen meines Dankes für das Vertrauen , was Sie mir schenken . Die Menge ist nicht dazu geeignet , die Wahrheit , sondern nur den Schein zu prüfen ; den geheimen Wegen einer tiefen Natur nachzuspüren , das Rätselhafte in ihr aufzulösen ist ihr versagt , sie spricht nur ihre Täuschungen aus , erzeugt hartnäckige Vorurteile gegen bessere Überzeugung und beraubt den Geist der Freiheit , das vom Gewöhnlichen Abweichende in seiner Eigentümlichkeit anzuerkennen . In solchen Verwirrungen waren auch meine Ansichten von Ihnen verstrickt , während Sie aus eigner Bewegung , jedes verkleinernde Urteil über mich abweisend , mir freundlich zutrauten : » Sie würden Herz und Geist durch mich bereichern können « , wie sehr hat mich dies beschämt ! - Die Einfachheit Ihrer Ansichten , Ihrer sich selbst beschauenden , selbstbildenden Natur , Ihr leiser Takt für fremde Stimmung , Ihr treffendes fertiges Sprachorgan ; sinnbildlich vieldeutig in melodischem Stil innere Betrachtung wie äußere Gegenstände darstellend , diese Naturkunst Ihres Geistes , alles hat mich vielfältig über Sie zurechtgewiesen und mich mit jenem höheren Geist in Ihnen bekannt gemacht , der so manche Ihrer Äußerungen idealisch parodiert . Einmal schrieben Sie mir : » Wer meinen Park sieht , der sieht in mein Herz . « - Es war im vorigen Jahr in der Mitte September , daß ich am frühen Morgen , wo eben die Sonne ihre Strahlen ausbreitete , in diesen Park eintrat ; es war große Stille in der ganzen Natur , reinliche Wege leiteten mich zwischen frischen Rasenplätzen , auf denen die einzelnen Blumenbüsche noch zu schlafen schienen ; bald kamen geschäftige Hände , ihrer zu pflegen , die Blätter , die der Morgenwind abgeschüttelt hatte , wurden gesammelt und die verwirrten Zweige geordnet ; ich ging noch weiter an verschiedenen Tagen und zu verschiedenen Stunden nach allen Richtungen , so weit ich kam , fand ich dieselbe Sorgfalt und eine friedliche Anmut , die sich über alles verbreitete . So entwickelt und pflegt der Liebende den Geist und die Schönheit des Geliebten , wie Sie hier ein anvertrautes Erbteil der Natur pflegen . Gern will ich glauben , daß dies der Spiegel Ihres tiefsten Herzens sei , da es so viel Schönes besagt ; gern will ich glauben , daß das einfache Vertrauen zu Ihnen nicht minder gepflegt und geschützt sei als jede einzelne Pflanze Ihres Parks . Dort hab ich Ihnen auch aus meinen Briefen und dem Tagebuch an Goethe vorgelesen , Sie haben gern zugehört ; ich gebe sie Ihnen jetzt hin , beschützen Sie diese Blätter wie jene Pflanzen , und so treten Sie abermals hier zwischen mich und das Vorurteil derer , die schon jetzt , noch eh sie es kennen , dies Buch als unecht verdammen und sich selbst um die Wahrheit betrügen . Lassen Sie uns einander gut gesinnt bleiben , was wir auch für Fehler und Verstoße in den Augen anderer haben mögen , die uns nicht in demselben Lichte sehen , wir wollen die Zuversicht zu einer höheren Idealität , die so weit alle zufällige Verschuldungen und Mißverständnisse und alle angenommene und herkömmliche Tugend überragt , nicht aufgeben . Wir wollen die mannigfaltigen edlen Veranlassungen , Bedeutungen und Interesse , verstanden und geliebt zu werden , nicht verleugnen , ob andre es auch nicht begreifen , so mag es ihnen ein Rätsel bleiben . Im August 1834 Bettina Arnim Vorrede Dies Buch ist für die Guten und nicht für die Bösen . Während ich beschäftigt war , diese Papiere für den Druck zu ordnen , hat man mich vielfältig bereden wollen , manches auszulassen oder anders zu wenden , weil es Anlaß geben könne zu Mißdeutungen . Ich merkte aber bald , man mag nur da guten Rat annehmen , wo er der eignen Neigung nicht widerspricht . Unter den vielen Ratgebern war nur einer , dessen Rat mir gefiel ; er sagte : » Dies Buch ist für die Guten und nicht für die Bösen ; nur böse Menschen können es übel ausdeuten , lassen Sie alles stehen , wie es ist , das gibt dem Buch seinen Wert , und Ihnen kann man auch nur Dank wissen , daß Sie das Zutrauen haben , man werde nicht mißdeuten , was der gute Mensch nie mißverstehen kann . « - Dieser Rat leuchtete mir ein , er kam von dem Faktor der Buchdruckerei von Trowitzsch und Sohn , Herrn Klein , derselbe , der mir Druck und Papier besorgte , Orthographiefehler korrigierte , Komma und Punkt zurechtrückte und bei meinem wenigen Verstand in diesen Sachen viel Geduld bewies . Diese seine ausgesprochne Meinung bestärkte mich darin , daß ich den bösen Propheten und den ängstlichen Ansichten der Ratgebenden nicht nachgab . Wie auch der Erfolg dieses Rates ausfallen mag , ich freue mich seiner , da er unbezweifelt von den Guten als der edelste anerkannt wird , die es nicht zugeben werden , daß die Wahrheit eines freudigen Gewissens sich vor den Auslegungen der Bösen flüchte . - Auch dem Herrn Kanzler von Müller in Weimar sage ich Dank , daß er auf meine Bitte sich bemühte , trotz dem Drang seiner Geschäfte , meine Briefe aus Goethes umfassendem Nachlaß hervorzusuchen , es sind jetzt achtzehn Monate , daß ich sie in Händen habe ; er schrieb mir damals : » So kehre denn dieser unberührte Schatz von Liebe und Treue zu der reichen Quelle zurück , von der er ausgeströmt ! Aber eins möchte ich mir zum Lohn meiner gemess ' nen Vollziehung Ihres Wunsches und Willens wie meiner Enthaltsamkeit doch von Ihrer Freundschaft ausbitten . - Schenken Sie mir irgendein Blatt aus dieser ohne Zweifel lebenswärmsten Korrespondenz ; ich werde es heilig aufbewahren , nicht zeigen noch kopieren lassen , aber mich zuweilen dabei still erfreuen , erbauen oder betrüben , je nachdem der Inhalt sein wird ; immerhin werde ich ein zweifach liebes Andenken , einen Tropfen gleichsam Ihres Herzbluts , das dem größten und herrlichsten Menschen zuströmte , daran besitzen . « - Ich habe diese Bitte nicht befriedigt , denn ich war zu eifersüchtig auf diese Blätter , denen Goethe eine ausgezeichnete Teilnahme geschenkt hatte , sie sind meistens von seiner Hand korrigiert , sowohl Orthographie als auch hie und da Wortstellung , manches ist mit Rötel unterstrichen , anderes wieder mit Bleistift , manches ist eingeklammert , anderes ist durchstrichen . - Da ich ihn nach längerer Zeit wiedersah , öffnete er ein Schubfach , worin meine Briefe lagen , und sagte : » Ich lese alle Tage darin . « Damals erregten mir diese Worte einen leisen Schauer . Als ich jetzt diese Briefe wieder las , mit diesen Spuren seiner Hand , da empfand ich denselben Schauer , und ich hätte mich nicht leichtlich von einem der geringsten Blätter trennen mögen . Ich habe also die Bitte des Kanzler von Müller mit Schweigen übergangen , aber nicht undankbar vergessen ; möge ihm der Gebrauch , den ich davon gemacht habe , beides , meinen Dank und meine Rechtfertigung , beweisen . Briefwechsel mit Goethes Mutter Liebste Frau Rat ! Am 1. März 1807 Ich warte schon lange auf eine besondere Veranlassung , um den Eingang in unsere Korrespondenz zu machen . Seitdem ich aus Ihrem Abrahamsschoß , als dem Hafen stiller Erwartung , abgesegelt bin , hat der Sturmwind noch immer den Atem angehalten , und das Einerleileben hat mich wie ein schleichend Fieber um die schöne Zeit gebracht . Wie sehr bejammere ich die angenehme Aussicht , die ich auf der Schawell zu Ihren Füßen hatte , nicht die auf den Knopf des Katharinenturms , noch auf die Feueresse der rußigen Zyklopen , die den goldnen Brunnen bewachen ; nein ! die Aussicht in Ihren vielsagenden feurigen Blick , der ausspricht , was der Mund nicht sagen kann . - Ich bin zwar hier mitten auf dem Markt der Abenteuer , aber das köstliche Netz , in dem mich Ihre mütterliche Begeistrung eingefangen , macht mich gleichgültig für alle . Neben mir an , Tür an Tür , wohnt der Adjutant des Königs ; er hat rotes Haar , große blaue Augen , ich weiß einen , der ihn für unwiderstehlich hält , der ist er selber . Vorige Nacht weckte er mich mit seiner Flöte aus einem Traum , den ich für mein Leben gern weiter geträumt hätte , am andern Tag bedankt ich mich , daß er mir noch so fromm den Abendsegen vorgeblasen habe ; er glaubte , es sei mein Ernst , und sagte , ich sei eine Betschwester , seitdem nennen mich alle Franzosen so und wundern sich , daß ich mich nicht drüber ärgere ; - ich kann aber doch die Franzosen gut leiden . Gestern ist mir ein Abenteuer begegnet . Ich kam vom Spaziergang und fand den Rothschild vor der Tür mit einem schönen Schimmel ; er sagte : es sei ein Tier wie ein Lamm , und ob ich mich nicht draufsetzen wolle ? - Ich ließ mich gar nicht bitten , kaum war ich aufgestiegen , so nahm das Lamm Reißaus und jagte in vollem Galopp mit mir die Wilhelmshöher Allee hinauf , ebenso kehrte es wieder um . Alle kamen totenblaß mir entgegen , das Lamm blieb plötzlich stehen , und ich sprang ab ; nun sprachen alle von ihrem gehabten Schreck ; - ich fragte : » Was ist denn passiert ? « - » Ei , der Gaul ist ja mit Ihnen durchgegangen ! « - » So ! « sagt ich , » das hab ich nicht gewußt . « - Rothschild wischte mit seinem seidnen Schnupftuch dem Pferde den Schweiß ab , legte ihm seinen Überrock auf den Rücken , damit es sich nicht erkälten solle , und führte es in Hemdärmel nach Haus ; er hatte gefürchtet , es nimmermehr wiederzusehen . - Wie ich am Abend in die Gesellschaft kam , nannten mich die Franzosen nicht mehr Betschwester , sie riefen alle einstimmig : » Ah l ' héroïne ! « Leb Sie wohl , ruf ich Ihr aus meiner Traumwelt zu , denn auch über mich verbreitet sich ein wenig diese Gewalt . Ein gar schöner ( ja ich müßte blind sein , wenn ich dies nicht fände ) , nun , ein feiner , schlanker brauner Franzose sieht mich aus weiter Ferne mit scharfen Blicken an , er naht sich bescheiden , er bewahrt die Blume , die meiner Hand entfällt , er spricht von meiner Liebenswürdigkeit ; Frau Rat , wie gefällt einem das ? - Ich tue zwar sehr kalt und ungläubig , wenn man indessen in meiner Nähe sagt : » Le roi vient « , so befällt mich immer ein kleiner Schreck , denn so heißt mein liebenswürdiger Verehrer . Ich wünsche Ihr eine gute Nacht , schreib Sie mir bald wieder . Bettine Goethes Mutter an Bettine Am 14. März 1807 Ich habe mir meine Feder frisch abknipsen lassen und das vertrocknete Tintenfaß bis oben vollgegossen , und weil es denn heute so abscheulich Wetter ist , daß man keinen Hund vor die Tür jagt , so sollst Du auch gleich eine Antwort haben . Liebe Bettine , ich vermisse Dich sehr in der bösen Winterzeit ; wie bist Du doch im vorigen Jahr so vergnügt dahergesprungen kommen ? - Wenn ' s kreuz und quer schneite , da wußt ich , das war so ein recht Wetter für Dich , ich braucht nicht lange zu warten , so warst Du da . Jetzt guck ich auch immer noch aus alter Gewohnheit nach der Ecke von der Katharinenpfort , aber Du kommst nicht , und weil ich das ganz gewiß weiß , so kümmert ' s mich . Es kommen Visiten genug , das sind aber nur so Leutevisiten , mit denen ich nichts schwätzen kann . Die Franzosen hab ich auch gern - das ist immer ein ganz ander Leben , wenn die französische Einquartierung hier auf dem Platz ihr Brot und Fleisch ausgeteilt kriegt , als wenn die preußische oder hessische Holzböck einrücken . Ich hab recht meine Freud gehabt am Napoleon , wie ich den gesehen hab ; er ist doch einmal derjenige , der der ganzen Welt den Traum vorzaubert , und dafür können sich die Menschen bedanken , denn wenn sie nicht träumten , so hätten sie auch nichts davon und schliefen wie die Säck , wie ' s die ganze Zeit gegangen ist . Amüsiere Dich recht gut und sei lustig , denn wer lacht , kann keine Todsünd tun . Deine Freundin Elisabeth Goethe Nach dem Wolfgang frägst Du gar nicht ; ich hab Dir ' s ja immer gesagt : wart nur bis einmal ein andrer kommt , so wirst Du schon nicht mehr nach ihm seufzen . Frau Rat ! Am 20. März 1807 Geh Sie doch mit Ihren Vorwürfen ; - das antwort ich Ihr auf Ihre Nachschrift , und sonst nichts . Jetzt rat Sie einmal , was der Schneider für mich macht . Ein Andrieng ? - Nein ! Eine Kontusche ? - Nein ! Einen Joppel ? - Nein ! Eine Mantille ? - Nein ! Ein paar Boschen ? - Nein ! Einen Reifrock ? - Nein ! Einen Schlepprock ? - Nein ! Ein Paar Hosen ? - Ja ! - Vivat - jetzt kommen andre Zeiten angerückt - und auch eine Weste und ein Überrock dazu . Morgen wird alles anprobiert , es wird schon sitzen , denn ich hab mir alles bequem und weit bestellt , und dann werf ich mich in eine Chaise und reise Tag und Nacht Kurier durch die ganzen Armeen zwischen Feind und Freund durch ; alle Festungen tun sich vor mir auf , und so geht ' s fort bis Berlin , wo einige Geschäfte abgemacht werden , die mich nichts angehn . Aber dann geht ' s eilig zurück und wird nicht eher haltgemacht bis Weimar . O Frau Rat , wie wird ' s denn dort aussehen ? - Mir klopft das Herz gewaltig , obschon ich noch bis zu Ende April reisen kann , ehe ich dort hinkomme . Wird mein Herz auch Mut genug haben , sich ihm hinzugeben ? - Ist mir ' s doch , als ständ er eben vor der Tür ! - Alle Adern klopfen mir im Kopf ; ach wär ich doch bei Ihr ! - Das allein könnt mich ruhig machen , daß ich säh , wie Sie auch vor Freud außer sich wär , oder wollt mir einer einen Schlaftrunk geben , daß ich schlief , bis ich bei ihm erwachte . Was werd ich ihm sagen ? - Ach , nicht wahr , er ist nicht hochmütig ? - Von Ihr werd ich ihm auch alles erzählen , das wird er doch gewiß gern hören . Adieu , leb Sie wohl und wünsch Sie mir im Herzen eine glückliche Reis . Ich bin ganz schwindlig . Bettine Aber das muß ich Ihr doch noch sagen , wie ' s gekommen ist . Mein Schwager kam und sagte , wenn ich seine Frau überreden könne , in Männerkleidern mit ihm eine weite Geschäftsreise zu machen , so wolle er mich mitnehmen und auf dem Rückweg mir zulieb über Weimar gehen . Denk Sie doch , Weimar schien mir immer so entfernt , als wenn es in einem andern Weltteil läg , und nun ist ' s vor der Tür . Liebe Frau Rat ! Am 5. Mai 1807 Eine Schachtel wird Ihr mit dem Postwagen zukommen , beste Frau Mutter , darin sich eine Tasse befindet ; es ist das sehnlichste Verlangen , Sie wieder zu sehen , was mich treibt , Ihr solche unwürdige Zeichen meiner Verehrung zu senden . Tue Sie mir den Gefallen , Ihren Tee früh morgens draus zu trinken , und denk Sie meiner dabei . - Ein Schelm gibt ' s besser , als er ' s hat . Den Wolfgang hab ich endlich gesehen ; aber ach , was hilft ' s ? Mein Herz ist geschwellt wie das volle Segel eines Schiffs , das fest vom Anker gehalten ist am fremden Boden und doch so gern ins Vaterland zurück möchte . Adieu , meine liebe gute Frau Mutter , halt Sie mich lieb . Bettine Brentano Goethes Mutter an Bettine Am 11. Mai 1807 Was läßt Du die Flügel hängen ? Nach einer so schönen Reise schreibst Du einen so kurzen Brief , und schreibst nichts von meinem Sohn , als daß Du ihn gesehen hast ; das hab ich auch schon gewußt , und er hat mir ' s gestern geschrieben . Was hab ich von Deinem geankerten Schiff ? Da weiß ich soviel wie nichts . Schreib doch , was passiert ist . Denk doch , daß ich ihn acht Jahre nicht gesehen hab und ihn vielleicht nie wieder seh , wenn Du mir nichts von ihm erzählen willst , wer soll mir dann erzählen ? - Hab ich nicht Deine alberne Geschichten hundertmal angehört , die ich auswendig weiß , und nun , wo Du etwas Neues erfahren hast , etwas Einziges , wo Du weißt , daß Du mir die größte Freud machen könntest , da schreibst Du nichts . Fehlt Dir denn was ? - Es ist ja nicht übers Meer bis nach Weimar . Du hast ja jetzt selbst erfahren , daß man dort sein kann , bis die Sonne zweimal aufgeht . - Bist Du traurig ? - Liebe , liebe Tochter , mein Sohn soll Dein Freund sein , Dein Bruder , der Dich gewiß liebt , und Du sollst mich Mutter heißen in Zukunft für alle Täg , die mein spätes Alter noch zählt , es ist ja doch der einzige Name , der mein Glück umfaßt . Deine treue Freundin Elisabeth Goethe Vor die Tasse bedank ich mich . An Goethes Mutter Am 16. Mai 1807 Ich hab gestern an Ihren Sohn geschrieben ; verantwort Sie es bei ihm . - Ich will Ihr auch gern alles schreiben , aber ich hab jetzt immer so viel zu denken , es ist mir fast eine Unmöglichkeit , mich loszureißen , ich bin in Gedanken immer bei ihm ; wie soll ich denn sagen , wie es gewesen ist ? - Hab Sie Nachsicht und Geduld ; ich will die ander Woch nach Frankfurt kommen , da kann Sie mir alles abfragen . Ihr Kind Bettine Ich lieg schon eine Weile im Bett , und da treibt mich ' s heraus , daß ich Ihr alles schreib von unserer Reise . - Ich hab Ihr ja geschrieben , daß wir in männlicher Kleidung durch die Armeen passierten . Gleich vorm Tor ließ uns der Schwager aussteigen , er wollte sehen , wie die Kleidung uns stehe . Die Lulu sah sehr gut aus , denn sie ist prächtig gewachsen , und die Kleidung war sehr passend gemacht ; mir war aber alles zu weit und zu lang , als ob ich ' s auf dem Grempelmarkt erkauft hätte . Der Schwager lachte über mich und sagte , ich sähe aus wie ein Savoyardenbube , ich könnte gute Dienste leisten . Der Kutscher hatte uns vom Weg abgefahren durch einen Wald , und wie ein Kreuzweg kam , da wußt er nicht wohinaus ; obschon es nur der Anfang war von der ganzen vier Wochen langen Reise , so hatt ich doch Angst , wir könnten uns verirren und kämen dann zu spät nach Weimar ; ich klettert auf die höchste Tanne , und da sah ich bald , wo die Chaussee lag . Die ganze Reise hab ich auf dem Bock gemacht ; ich hatte eine Mütze auf von Fuchspelz , der Fuchsschwanz hing hinten herunter . Wenn wir auf die Station kamen , schirrte ich die Pferde ab und half auch wieder anspannen . Mit den Postillons sprach ich gebrochen Deutsch , als wenn ich ein Franzose wär . Im Anfang war schön Wetter , als wollt es Frühling werden , bald wurd es ganz kalter Winter ; wir kamen durch einen Wald von ungeheuren Fichten und Tannen , alles bereift , untadelhaft , nicht eine Menschenseele war des Wegs gefahren , der ganz weiß war ; noch obendrein schien der Mond in dieses verödete Silberparadies , eine Totenstille - nur die Räder pfiffen von der Kälte . Ich saß auf dem Kutschersitz und hatte gar nicht kalt ; die Winterkält schlägt Funken aus mir ; - wie ' s nah an die Mitternacht rückte , da hörten wir pfeifen im Walde ; mein Schwager reichte mir ein Pistol aus dem Wagen und fragte , ob ich Mut habe loszuschießen , wenn die Spitzbuben kommen , ich sagte : » Ja . « Er sagte : » Schießen Sie nur nicht zu früh . « Die Lulu hatte große Angst im Wagen , ich aber unter freiem Himmel , mit der gespannten Pistole , den Säbel umgeschnallt , unzählige funkelnde Sterne über mir , die blitzenden Bäume , die ihren Riesenschatten auf den breiten mondbeschienenen Weg warfen - das alles machte mich kühn auf meinem erhabenen Sitz . - Da dacht ich an ihn , wenn der mich in seinen Jugendjahren so begegnet hätte , ob das nicht einen poetischen Eindruck auf ihn gemacht haben würde , daß er Lieder auf mich gemacht hätte und mich nimmermehr vergessen . Jetzt mag er anders denken , - er wird erhaben sein über einen magischen Eindruck ; höhere Eigenschaften ( wie soll ich die erwerben ? ) werden ein Recht über ihn behaupten . Wenn nicht Treue - ewige , an seine Schwelle gebannt , mir endlich ihn erwirbt ! So war ich in jener kalten hellen Winternacht gestimmt , in der ich keine Gelegenheit fand , mein Gewehr loszuschießen , erst wie der Tag anbrach , erhielt ich Erlaubnis loszudrücken ; der Wagen hielt , und ich lief in den Wald und schoß in die dichte Einsamkeit Ihrem Sohn zu Ehren mutig los , indessen war die Achse gebrochen ; wir fällten einen Baum mit dem Beil , das wir bei uns hatten , und knebelten ihn mit Stricken fest ; da fand denn mein Schwager , daß ich sehr anstellig war , und lobte mich . So ging ' s fort bis Magdeburg ; präzis sieben Uhr abends wird die Festung gesperrt , wir kamen eine Minute nachher und mußten bis den andern Morgen um sieben halten ; es war nicht sehr kalt , die beiden im Wagen schliefen . In der Nacht fing ' s an zu schneien , ich hatte den Mantel über den Kopf genommen und blieb ruhig sitzen auf meinem freien Sitz ; am Morgen guckten sie aus dem Wagen , da hatte ich mich in einen Schneemann verwandelt , aber noch eh sie recht erschrecken konnten , warf ich den Mantel ab , unter dem ich recht warm gesessen hatte . In Berlin war ich wie ein Blinder unter vielen Menschen , und auch geistesabwesend war ich , an nichts konnt ich teilnehmen , ich sehnte mich nur immer nach dem Dunkel , um von nichts zerstreut zu sein , um an die Zukunft denken zu können , die so nah gerückt war . Ach , wie oft schlug es da Alarm ! - plötzlich , unversehens , mitten in die stille Ruhe , ich wußte nicht von was . Schneller , als ich ' s denken konnte , hatte mich ein süßer Schrecken erfaßt . O Mutter , Mutter ! denk Sie an Ihren Sohn , wenn Sie wüßte , sie sollte ihn in kurzer Zeit sehen , sie wär auch wie ein Blitzableiter , in den alle Gewitter einschlügen . - Wie wir nur noch wenig Meilen von Weimar waren , da sagte mein Schwager , er wünsche nicht den Umweg über Weimar zu machen und lieber eine andre Straße zu fahren . Ich schwieg stille , aber die Lulu litt es nicht ; sie sagte : » Einmal wär mir ' s versprochen und er müßte mir Wort halten . « - Ach Mutter ! - das Schwert hing an einem Haar über meinem Haupt , aber ich kam glücklich drunter weg . In Weimar kamen wir um zwölf Uhr an ; wir aßen zu Mittag , ich aber nicht . Die beiden legten sich aufs Sofa und schliefen ; drei Nächte hatten wir durchwacht . » Ich rate Ihnen , « sagte mein Schwager , » auch auszuruhen ; der Goethe wird sich nicht viel draus machen , ob Sie zu ihm kommen oder nicht , und was Besondres wird auch nicht an ihm zu sehen sein . « Kann Sie denken , daß mir diese Rede allen Mut benahm ? - Ach , ich wußte nicht , was ich tun sollte , ich war ganz allein in der fremden Stadt ; ich hatte mich anders angekleidet ; ich stand am Fenster und sah nach der Turmuhr , eben schlug es halb drei . - Es war mir auch so , als ob sich Goethe nichts draus machen werde , mich zu sehen ; es fiel mir ein , daß ihn die Leute stolz nennen ; ich drückte mein Herz fest zusammen , daß es nicht begehren solle ; - auf einmal schlug es drei Uhr . Und da war ' s doch auch grad , als hätte er mich gerufen , ich lief hinunter nach dem Lohnbedienten , kein Wagen war da , eine Portechaise ? Nein , sagt ich , das ist eine Equipage fürs Lazarett . Wir gingen zu Fuß . Es war ein wahrer Schokoladenbrei auf der Straße , über den dicksten Morast mußte ich mich tragen lassen , und so kam ich zu Wieland , nicht zu Ihrem Sohn . Den Wieland hatte ich nie gesehen , ich tat , als sei ich eine alte Bekanntschaft von ihm , er besann sich hin und her und sagte : » Ja , ein lieber bekannter Engel sind Sie gewiß , aber ich kann mich nur nicht besinnen , wann und wo ich Sie gesehen habe . « Ich scherzte mit ihm und sagte : » Jetzt hab ich ' s herausgekriegt , daß Sie von mir träumen , denn anderswo können Sie mich unmöglich gesehen haben . « Von ihm ließ ich mir ein Billett an Ihren Sohn geben , ich hab es mir nachher mitgenommen und zum Andenken aufbewahrt ; und hier schreib ich ' s Ihr ab . » Bettina Brentano , Sophiens Schwester , Maximilianens Tochter , Sophie La Roches Enkelin wünscht Dich zu sehen , l. Br . , und gibt vor , sie fürchte sich vor Dir , und ein Zettelchen , das ich ihr mitgebe , würde ein Talisman sein , der ihr Mut gäbe . Wiewohl ich ziemlich gewiß bin , daß sie nur ihren Spaß mit mir treibt , so muß ich doch tun , was sie haben will , und es soll mich wundern , wenn Dir ' s nicht ebenso wie mir geht . Den 23. April 1807 W. « Mit diesem Billett ging ich hin , das Haus liegt dem Brunnen gegenüber ; wie rauschte mir das Wasser so betäubend - ich kam die einfache Treppe hinauf , in der Mauer stehen Statuen von Gips , sie gebieten Stille . Zum wenigsten ich könnte nicht laut werden auf diesem heiligen Hausflur . Alles ist freundlich und doch feierlich . In den Zimmern ist die höchste Einfachheit zu Hause , ach so einladend ! » Fürchte dich nicht « , sagten mir die bescheidnen Wände , » er wird kommen und wird sein , und nicht mehr sein wollen wie Du « , - und da ging die Tür auf , und da stand er feierlich ernst und sah mich unverwandten Blickes an ; ich streckte die Hände nach ihm , glaub ich , - bald wußt ich nichts mehr , Goethe fing mich rasch auf an sein Herz . » Armes Kind , hab ich Sie erschreckt « , das waren die ersten Worte , mit denen seine Stimme mir ins Herz drang ; er führte mich in sein Zimmer und setzte mich auf den Sofa gegen sich über . Da waren wir beide stumm , endlich unterbrach er das Schweigen : » Sie haben wohl in der Zeitung gelesen , daß wir einen großen Verlust vor wenig Tagen erlitten haben durch den Tod der Herzogin Amalie . » » Ach ! « sagt ich , » ich lese die Zeitung nicht . « - » So ! - Ich habe geglaubt , alles interessiere Sie , was in Weimar vorgehe . « - » Nein , nichts interessiert mich als nur Sie , und da bin ich viel zu