Ungern-Sternberg , Alexander von Die Zerissenen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Alexander von Ungern-Sternberg Die Zerrissenen Dem Freiherrn Otto Magnus von Stackelberg gewidmet vom Verfasser Verehrter Landsmann und Freund ! Nicht als eine Gabe , deren Gehalt Ihrem Geiste und Ihren Vorzügen schmeichelt , vielmehr als ein geringes Zeichen meiner hohen Achtung und Liebe für Ihre Person empfangen Sie dieses Buch , das sich mit Ihrem Namen schmückt . Stets unvergeßlich wird mir der Winter bleiben , wo es mir vergönnt war , in Ihrer Nähe zu leben , und der Schätze theilhaftig zu werden , die Sie in erleuchteter Wissenschaft und Kunst während eines so reichen Lebens gesammelt haben ; möchte ich mich auch fernerhin Ihres Andenkens freuen dürfen , und ein Wohlwollen mich beglücken , das ich stets als den schönsten Erfolg meiner Bestrebungen ansehen werde . Mannheim , im Frühling 1831 . A. Baron Sternberg . Es war ein kühler Herbstabend , als der Herzog Lothar seine Geliebte , die in der Vorstadt ein kleines Häuschen besaß , zu besuchen ging . Er schritt stillschweigend durch die öden Gassen in Gesellschaft eines Mannes , der unter dem Mantel eine Zither trug , auf der er manchmal einzelne Töne anschlug und selbst dazu vor sich hinlachte , als überdenke er eine komische Geschichte . Als der Thorwächter sie anrief und um ihre Namen fragte , rief er laut und zänkisch : » Wer denn anders , als der Herzog Lothar und Massiello sein Musiker ! « Der Soldat lachte und sagte : » Ja doch , Ihr seyd auch der rechte Herzog ! wohl mögt Ihr zwei lustige Vögel seyn , die in die nächste Schenke schleichen - nun immerhin , ich komme Euch nach , wenn meine Stunde um ist . « - » Thor , der Du bist , « brummte der Herzog , » wer hieß Dich meinen Namen nennen ? Du weißt , daß mich Niemand kennen soll . « » Nun , « entgegnete der lachende Begleiter , » Ihr seht ja , gerade die Wahrheit hat uns am trefflichsten durchgeholfen ; daß ich dem Soldaten offen gestanden , wer wir sind , das hat ihn gerade am sichersten überzeugt , daß wir es nicht seyn können . « Sie kamen jezt an die lezten Häuser , meistentheils elende , halbverfallene Hütten , die von Fischern und Strandbauern bewohnt wurden ; vor einer derselben , die ein wenig besser aussah , als die übrigen , standen die Beiden und klopften an . Eine alte Magd öffnete leise und leuchtete vorsichtig mit der Laterne in die Nacht hinaus ; als sie den Herzog erkannte , wich sie demüthig zurück , die Beiden traten gebückt hinein und hinter ihnen schloß sich die kleine Thüre wieder . Im Innern des ärmlichen Hüttchens öffnete sich wider Erwarten eine Reihe , wenn auch nicht prachtvoller , doch auf das zierlichste ausgestatteter Zimmer , die auf eine kluge Weise nach der Straße dem Auge verdeckt lagen und sich nur gegen den einsamen Hof , der sorgfältig verschlossen gehalten wurde , ausdehnten . Helle , glänzend gefärbte Wände prangten in reizenden pariser Wandgemälden , die tropischen Gewächse einer heißen Zone darstellend , nebst Badescenen , wo schwarze afrikanische Schönen sich in silberhelle Gewässer tauchten . Ein mit Gold und Ketten geschmückter Armleuchter schwebte von der Decke nieder und strömte das klare Licht von schlanken Wachskerzen auf die purpurnen Sammetsessel und Divans , welche längs den Wänden in orientalischem Luxus aufgestellt waren . Große , üppige Rosen und Astern hingen aus blitzenden Kristallschaalen , passend vertheilt , ihre Blumenhäupter nieder , und über dem eleganten Pianoforte hing ein süßes Bild von Carlo Dolce , einen schönen Heiligen darstellend , dessen weichen Jünglingskörper blutige Märtyrwunden mehr schmückten als entstellten . Der Fuß deß Herzogs schritt leicht und siegreich über die feinen , persischen Teppiche hin ; er war eben im Begriff , die Reihe der schönen Gemächer zu durcheilen , um den Gegenstand seines Wunsches zu suchen , als dieser ihm schon aus einer Seitenthüre mehr entgegen flog als trat . Ein helles , lächelndes Mädchen , das goldne Haar kunstlos auf den Nacken niederflatternd , das strahlende , große Auge mit einer Freudenthräne gefüllt , warf sich mit entzückter Hast an die breite Brust des Geliebten ; hinter ihr trat eine Dienerin ein , die sich mit dem spaßhaften Musiker auf das ceremoniöseste begrüßte . Das Fräulein hatte sich geschmückt , denn sie hatte um diese Stunde den Herzog erwartet , doch ihr Putz bestand darin , ungeputzt zu scheinen . Das Köpfchen , das sich an die Schulter des Freundes lehnte , trug weder Perlen noch Gold , sondern nur ein blasses Rosenknöspchen , das kaum bemerkbar in dem hellgelben Haar sich verbarg , der Schnitt des seidenen Gewandes lief ohne Garnitur von Spitzen oder Blumen um die Fülle des weißen Nackens und Halses herum , und nur um den weichen Marmorglanz des leztern zu heben , schmiegte sich ein Halsband von schwarzem Sammet , mit einem Demant fest gehalten , um die schöne Form . - Wer das freundliche , liebliche Mädchen sah , den leichten Schmuck der Gemächer , und damit den unfreundlichen Eingang von außen in eine niedre Fischerhütte verglich , der mochte wohl an Zauberei denken , wenigstens an die natürliche Zauberei , die ein großer Herr sich mit dem Gegenstand seiner heimlichen Neigung zu bereiten sucht , um dem Gefühl seines Herzens die Beimischung des Wunderbaren und Hochpoetischen zu geben , welches bei den alltäglich ihn umgebenden Dingen , in der gewohnten Folge der fürstlichen Gemächer und Livréen-Gesichter gänzlich zu fehlen pflegt . Doch Jokonde schien diese Gesinsinnung nicht zu theilen , sie war ein gewöhnliches Mädchen , das gerne ihren Putz und ihren Liebhaber , so wenig Ehre das Daseyn eines solchen ihr eigentlich machte , der Welt zeigen wollte . Es war ihrem muthwilligen Wesen etwas höchst langweiliges , sich in der einsamen Wohnung den ganzen Tag über eingesperrt zu erhalten , um ihren Geist mit Musikalien und Büchern zu nähren ; die altklugen Gesichter des Papageys und der alten Dienerin waren eben auch nicht ergözlich , und erst am Abend kam Gesellschaft , gewöhnlich der Herzog , der einige Freunde mitbrachte , und wo dann gelacht , gesprochen und gescherzt wurde . Heute , da der Herzog heiterer als gewöhnlich schien , nahm sich also das schöne Mädchen den Muth , ihm mit einem zärtlichen Geflüster die Bitte vorzutragen , sie aus ihrem Fischer-Pallaste zu entlassen , und in die Residenz oder irgend eine Stadt zu schicken . - » Ein schöner Vorschlag , « sagte der Herzog etwas trocken , » Du hast in der lezten Stadt , wo Du Dich aufgehalten , kindisches Mädchen , so viel Schulden gemacht , daß ich mir über meine Schwachheit , mit der ich immer wieder diese thörichten Ausgaben besiritt , öfters Vorwürfe gemacht habe . Hier kann sich Deine Verschwendungssucht ein weit größeres Feld verschaffen , Du kannst Tausende von Fischen einkaufen , von allen Sorten , und sie dann meinethalben wieder in ' s Meer zurückwerfen oder die Armen mit ihnen speisen . « - Jokonde zog eine düstre Miene , die aber sogleich in ein Lächeln überging . - » Ueberdies , « sagte der Fürst , » bin ich jezt an eine Braut versprochen , und da geht dergleichen , wie Du wünschest , durchaus nicht . Tröste Dich , meine Liebe , und suche ein wenig mehr Gefallen an Büchern Dir anzueignen , Du glaubst nicht , wie deinem Geschlechte geistige Ausbildung zahllose Reize mehr verleiht . « - » Nun schön , « rief die Zurechtgewiesene , » wenn Du das meinst , Geliebter , so will ich morgen gleich das große Geschichtswerk zu studiren anfangen , das auf meinem Pult eingestäubt liegt , und das der galante , gelehrte Herr , der es geschrieben , die Güte gehabt hat , mir zuzueignen . « Dieses Gespräch wurde unterbrochen durch ein leises Klopfen , welches vom Saale aus sich hören ließ . Massiello war hingeschlichen , und als die Thüre sich öffnete , sah ein breites , äusserst freundliches Gesicht hinein und sagte : » Ist es einigen alten Fischern erlaubt einzutreten ? « - » Aha ! « rief der Fürst , » da kommen unsre Freunde , nur herein ! « Die Thür ging jezt weit auf und zwei elegant gekleidete Jünglinge und eine dicke Figur in der Kleidung eines Weltgeistlichen traten ein . Sie begrüßten die freundliche Wirthin auf das artigste , und der ältere von den jungen Männern , ein bildschöner , aber bleicher Jüngling , nahm den andern an der Hand , indem er zu Jokonde sagte : » Dieser , mein Fräulein , ist der neue Freund und Schützling unseres Fürsten , dem die Erlaubniß ertheilt worden ist , dem schönsten Mädchen in dieser Stadt die Hand zu küssen . « Eduard , so hieß der Vorgestellte , neigte seine Lippen auf die dargebotenen , zarten Finger , und der Herzog , über die Schulter seiner Freundin gebeugt , sah dem erröthenden Jünglinge mit Huld in ' s blühende Antlitz . Die alte Aufwärterin und das junge Kammermädchen , beide ein wenig aufgeputzt , reichten Erfrischungen umher ; Jokonde stand am duftenden , zierlichen Theetisch , die Tassen und das glänzende Geräthe ordnend . Der Abt Siegwart war eine jener behaglichen Erscheinungen , die eine innere joviale Weltanschauung nach außenhin immer weiter und behaglicher ausrundet , auf dessen vollen Zügen immer ein heimliches Lachen nur auf den Moment zu lauern scheint , um in ein lautes auszuplatzen . Er wußte tausend Anekdötchen , mit denen er Markt machte und in den Häusern herumging , dabei spielte er trefflich das Pianoforte , und tanzte auch zu Zeiten , wobei er zu behaupten pflegte , daß es ihm gelungen sey , gewisse neue französische Tänze mit aller ihnen gebührenden leichten Grazie aufzufassen und darzustellen . Jezt , da er eine heiße , dampfende Tasse am Mund hatte , lächelte er höchst vergnügt und sagte : » Sollte man nicht glauben , theurer Prinz , diese unscheinbare Hütte sey die Zauberwohnung , in der die liebliche Undine , nach unsers Fouqué ' s Zeugniß , ihr tolles Wesen mit den anständigsten und vornehmsten Leuten treibt ? « - » Wer ist diese Undine , « fragte Jokonde , » vielleicht die Frau des Herrn Fouqué ? « Der Herzog lachte : » Schon wieder ein Irrthum , « rief er , » Du siehst , wie Du noch zurück bist ; geh morgen sogleich und hole Dir das Buch aus Deiner Bibliothek ! « Der ältere der jungen Männer , den wir Robert nennen wollen , trat jezt zum Fürsten und sagte : » Dem alten Fleackwouth habe ich heute auf das Heiligste versprechen müssen , seinen Leichnam einst an den Galgen hängen zu lassen . Ich will nicht in die Erde - in die Luft , hinauf in die Luft ; da wird mir wohl werden , und jener satte Ueberdruß , jener Erdgeschmack wird sich endlich aus meinem Gaumen verlieren . Am liebsten , meinte er , ginge ich als todter Mensch mit einem Luftballon einsam in die Lüfte hinauf , und triebe dann zwischen Wolken und Gestirnen , von träumerischen Winden hin und her geschaukelt , Jahrelang dort oben herum . « - » Eine sonderbare Idee ! « rief der Fürst , » vollkommen dieses alten , wunderlichen Mannes würdig , der seinen Spleen noch mit sich in ein anderes Daseyn nehmen will . Ist er etwa wirklich gefährlich krank ? « - » O , ganz und gar nicht , « erwiderte der Abt , » ich habe ihn noch gestern gesprochen ; doch , da ich den alten Thoren kenne , hüte ich mich wohl , ihn nach seiner Gesundheit zu fragen , vielmehr erkundige ich mich angelegentlich , wann er sein Begräbniß zu veranstalten gedenke . « Dann lächelt er gewöhnlich still vor sich hin und ruft sehr bestimmt : » Das sollen Sie schon erfahren . « - » Jene Worte des Alten , « nahm Robert das Wort , » mahnen mich an einen finstern , eiskalten Traum , den einst meine junge Seele träumte . Es war mir , als erwachte ich in dem Stübchen , wo ich mit meinem Vater zusammen schlief . Es war ein kalter Wintermorgen , und ich bemerkte , wie der lange , etwas dürre Mann gebückt am Schreibtische saß , und , unverständliche Worte vor sich hinmurmelnd , einzelne Notizen in ein großes Buch eintrug . Jezt schlug er dieses zu , und der dumpfe Ton , der dabei durchs Zimmer ging , füllte mich mit einem tiefen Grausen . Mein Vater trat zur Wanduhr , und ich sah , wie er die Gewichte vorsichtig abnahm , und hörte die Worte : Jezt ist endlich das Ende da ! alle Erscheinungen haben sich schon zu Millionenmalen wiederholt , die Welt ist reif zum Untergang , die jüngste Stunde ist vor der Thür . Ich kann es nicht beschreiben , wie diese , ruhig hingesprochenen , fast tonlosen Worte mein Innerstes erschütterten ; ich krümmte mich auf meinem Lager zusammen , meine Glieder bebten , Frost durchrieselte mein Gebein . Also jezt - jezt , rief ich bei mir - jezt ist die lezte Stunde da ! Als ich mich aufrichten wollte , bemerkte ich den Kirchendiener , welcher die Schlüssel des Gotteshauses abgab , die mein Vater , sammt den abgelösten Gewichten , tönend in eine Ecke des Gemachs hinwarf . Die Leute aus dem Dorfe kamen mit Laternen , um in der Finsterniß des Morgens den Weg zur Kirche zu finden ; als die verschlossene Thüre sie nicht einließ , schüttelten sie die Häupter , und ich sah mit Entsetzen in ihre blassen Gesichter . Man brachte eine Leiche , und mein Vater trat an ' s Fenster und rief : Stellt , guten Leute , Euren Todten nur hierher , in mein Vorzimmer , es lohnt nicht , ihn zu beerdigen , denn bald werden doch alle Todten auferstehn . Die Knechte gingen , und ich hörte , wie der Sarg mit dumpfem Geräusch im Vorzimmer hingestellt wurde . Jezt lehnte sich mein Vater weit zum Fenster hinaus , und schnitt mit einem langen , blitzenden Messer die Sonne und den Mond , die blaßroth am Horizont standen , vom Himmel ab , und zog sie , wie alberne , bunte Bilder , ins Zimmer hinein . Ich erschrack bis zum Tode ; jezt war das kleine Licht , welches in unsrer Stube brannte , das einzige der weiten , kalten , dunkeln Schöpfung ; ein mitternächtlicher Sturm wehte ins Zimmer , und drohte , es zu verlöschen ; ich sah , wie mein Vater heftig zitterte . Er blickte mich starr an , und schien in Erwartung eines mächtigen Ereignisses dazustehn . Jezt verlöschte ein Windstoß das Licht , und in dem Augenblick hörte ich , wie die Leiche im Nebenzimmer in ihrem Sarge sich aufrichtete . Der Schreck , der mich befiel , war so mächtig , daß ich erwachte , und lange nicht zur Besinnung kommen konnte . Wie groß war mein Entzücken , als ich die Sonne am Himmel stehen sah , wie sie ihre freundlichsten Strahlen zu mir auf ' s Lager sandte : nie hat mich ihr Anblick so erwärmt und beseligt . « Die Freunde hörten diese Erzählung ruhig an , und nur Eduard erwiderte : » Was mich betrifft , so stelle ich mir einen Weltuntergang weit großartiger vor ; viel lieber will ich mit einem zerplatzenden Feuerball in die Ewigkeit hineinfliegen , als an einem kalten Wintermorgen verkümmern . « - » Sie haben Recht , « nahm der Abt das Wort , » auch mir geht es so ; ist nun einmal unser armer Leib dazu ersehen , an jenem merkwürdigen Tage zu erfrieren oder zu verbrennen , so will ich doch das leztere gewählt haben . Das Feuer ist an und für sich schon Leben und Poesie , aus einer tüchtigen Winterkälte kann ich aber , trotz alles Grübelns und Deutens , keine nur einigermaßen dichterische Bedeutung herausfinden . « - » Jeder muß auf seine Weise untergehn können , « rief Robert , » so wie Jeder auf seine Weise in den Himmel steigt ; ich will nun einmal auf keine andre Art abhanden kommen . Mir ist jenes Erstarren das finsterste Bild der Vernichtung ; alles , alles schwindet - jeder die Seele wärmende Gedanke flieht - das Meer des Lebens erstarrt langsam , bis es endlich in seinen Grundtiefen bezwungen da liegt . Ich kann mir denken , daß in diesem fürchterlichen Zustande der Gedanke an eine durch Feuer erzeugte Pein noch ein Labsal ist , daß die Seele dürstet nach Verzweiflung , ja , daß die kälteste Resignation für sie noch zu warm ist , um sie zu fassen . « - » Abscheulich , « rief der Herzog , » und doch wahr ! Ist denn unsre Zeit mit ihren Wirkungen etwas anders , als ein langsames , bis zum Herzen vorrückendes Erstarren ? « Er warf sich auf einen Sessel und stützte sein Haupt auf die Rechte . Jokonde ging unruhig hin und her ; es war ihr unlieb , daß das Gespräch eine Wendung genommen hatte , welche die heitre Stimmung des Geliebten , mit welcher er heute Abend erschienen war , zu vernichten drohte . Sie wurde noch unzufriedener , als Robert sich jezt erhob um Abschied zu nehmen , da eine kleine Reise , die er vorhabe , sich nicht länger aufschieben lasse ; der Abt begleitete ihn . » So verläßt mich denn alles , « rief der verstimmte Fürst ; » ich soll es lernen , wie elend und traurig es ist , allein im Leben dazustehn . « Jokonde schmiegte sich an feine Brust ; sie hatte den jungen Eduard gebeten , die Harfe zu ergreifen und ein erheiterndes Liedchen vorzutragen . Massiello war auch fortgeschlichen , unter dem Vorwand , er wäre zu einer Leichenbestattung gebeten , von der er unmöglich ausbleiben könne . So blieb der Herzog mit Jokonde und Eduard allein . Eine lange Pause herrschte , der Fürst hatte sich am Kamin hingeworfen , sein Blick verfolgte die züngelnden Flammen , Eduard lehnte an der Harfe , auf welcher er , wie im Traume , einzelne Akkorde anschlug ; auf einer Fußbank beim Herzog , das Köpfchen an seine Kniee gelehnt , lag Jokonde . Am Himmel stand der Mond und glänzte im Fluge hinter flatternden Fetzen des zerrissenen Mantels der Nacht hervor , der Herbstwind warf die nackten Zweige des Baumes am Fenster an einander und zog in hohlen Tönen im Kamine auf und ab . » Das Leben ist so arm , « rief der Herzog , » und doch vermag eine liebliche Schwärmerei es reich zu machen ! « - Eduard sang das Lied vom König von Thule . - » Ja , ja , « seufzte der Fürst , » so möcht ' ich enden ! Jokonde , prüfe Dich , Du gutes Mädchen , könntest Du wohl eben so handeln , wie jene Buhle ? « - » Noch mehr , noch mehr für Dich ! « rief sie , und ihr Lockenkopf hob sich , die Züge ihres engelschönen Angesichts im Ausdruck der reinsten Zärtlichkeit zu enthüllen . Es lag auf ihrem Antlitz die sinnliche Andacht eines Raphaelischen Engels , der vor einer Heiligen kniet ; der Herzog zog sie entzückt an sich , sein Auge flammte , und Eduards Lied jubelte in hellen Tönen auf . » Du mein Geliebter , Du mein angebetener König , « lächelte das liebliche Kind weiter , » Du schönster unter den Männern , nicht wahr , Du bezahlst doch morgen meine Schulden ? Neun hundert Gulden , mein Geliebter ! « Der Herzog nickte ihr zu , wand sich aber aus ihrer Umarmung plötzlich los , schlug die Falten seines Mantels schnell über ' s Gesicht , stand auf und warf einen zornigen Blick Eduarden zu , der sein begeistertes Lied eben mit einigen schreiend albernen Noten abspringen lies . Beide verließen das Gemach und Jokonde blieb ohne Antwort , verstimmt und verwundert am Kamine stehen . Draußen war eben der erste Schnee gefallen , der Himmel hatte sich umzogen und lag wie ein kaltes , enges Gefängniß-Gewölbe über der Erde , nur von dem matten , trüben Mond , wie von der zurückgelassenen Laterne des Gefangnen-Wärters , erleuchtet . Der Sturm hatte sich gelegt . Die Straße , wo die lezten Häuser aufhörten und das weite , öde Meer sich ausdehnte , lag in Schnee und Nebel gehüllt , kein Luftzug rührte sich , alles war todt und stille . Da kam die Straße daher ein einsamer Wagen , mühsam von einem alten Gaul geschleppt , der von den dumpfen Tönen des Fuhrmanns von Zeit zu Zeit angespornt wurde , hinten drein gingen zwei Männer , hängenden Hauptes , in weite Mäntel geschlagen . Auf dem Wagen , als er näher kam , bemerkte man , etwas erhöht , einen kleinen Sarg mit einer Kinderleiche . Der Herzog und Eduard standen bei diesem Anblicke tief ergriffen stille , und bemühten sich , den wunderlichen Zug aufzuhalten ; endlich gelang es ihnen , einem der schwarzen Begleiter Antwort abzugewinnen , er schlug den Mantel vom Antlitz , und der Herzog erkannte den alten Fleackwouth , neben ihm stand Massiello . » He , was treibt Ihr hier , Leute ? « fragte der Fürst , » was ist es mit dem Kinde ; ist es etwa eines von deinen vielen , Massiello , die Du jezt mit dem ersten Schnee abzuschütteln gedenkst ? « Der Alte sah den Herzog mit einem schmerzlichen , fast weinerlichen Ernst an und sagte hohl : » O , ich bitte Euch - nur jezt keine Scherze , nur jezt nicht ; haltet mich auch nicht auf , denn ich trage jezt meine Jugend zu Grabe , und dieser treffliche Mann hier folgt mit mir der schönen Leiche . « - » Ja , ja , « rief Massiello , » so ist ' s , laßt uns gehn , damit wir anlangen , ehe der Kirchhofwächter die Thore seiner Stadt schließt , und wir keinen anständigen Gasthof zur Verwesung mehr offen finden . « Der Herzog sah den Alten starr an , ein Schauer schien ihn zu durchfrösteln , er sah in die neblichte Nacht hinaus , dann auf den stillen , gespenstigen Zug und auf die blasse Kinderleiche , und stöhnte : » Seine Jugend begräbt er ! Ja wohl , ja wohl ist es dann erst Zeit , daß das ganze alberne Fastnachtsspiel des Lebens zu Ende gehe ? « Eduard hatte sich indeß an die Leiche gemacht und rief : » O , seht Prinz , ein Kinderkopf aus Wachs geformt , mit weißen Tüchern sauber umwickelt , und diese Puppe läßt der Alte wahrhaftig als Leiche vor sich hin tragen ! « - » Laßt ihn , laßt ihn ! « gebot der Herzog leise und kurz . Der Zug sezte sich wieder in Bewegung , und Massiello sang mit lauter , kreischender Stimme ein Lied aus einer Kinderfibel nach einer frommen Melodie , so daß die Töne aus dem fallenden Schneegestöber hervortönten , als der Zug schon längst den Blicken entschwunden war . » So , « rief der Herzog , indem er , in seinen Mantel geschlagen , von einer trüb leuchtenden Laterne beschienen , einsam dastand , » so trägt jeder am Ende seine Jugend heim ; einmal im Leben muß dies trübselige Leichenfest vor sich gehen ! Ach , die süße , göttliche Jugend ! Da hatte der seltsame Alte nun alle jene traulichen Pfänder der Lust , Bänder und Tücher der verstorbenen Geliebten seiner Jugend , dem Püppchen umgebunden , mit dem zärtlichen Andenken jeder glücklichen geschwundenen Stunde es umhangen , und geht nun mit der kleinen Leiche hinaus . Auf dem Grabe , das diese Schätze in sich aufnimmt , sizt nun der arme , alte Mensch und legt den kalten , versteinerten , von Jugend und Liebe verlassenen Körper als Leichenstein auf den Hügel . « Der junge Eduard sah den großen , schönen Mann schweigend und betrübt an ; er wollte eben einige Worte des Trostes vorbringen , als jener mit einer leidenschaftlichen Bewegung seine Rechte auf die Schulter des Jünglings stüzte und mit einem Tone des tiefsten Jammers ausrief : » Schenke mir Deine Jugend , fülle diesen Busen mit Wärme , und Du sollst über mich gebieten ! « Eduard schmiegte sich an die edle Gestalt , ein geheimnißvolles Bangen erfaßte sein ganzes Wesen , es herrschte eine minutenlange Pause , und langsam fielen die Flocken auf die beiden finstern Gestalten herab . » Lassen Sie uns gehen , « rief der Herzog , » die Nacht wird kalt . « - Sie gingen um die Ecke und verschwanden bald in der Finsterniß . - In die Malerstube des alten Hofmalers Gotthold hatte seine Tochter Emilie ihren Verlobten hinbeschieden , weil der junge Eduard ihr zu wissen gegeben , es drücke seine Brust ein Geheimniß , und zwar ein freudiges , welches sein Mädchen erfahren müsse . Dem aufhorchenden , schönen Kinde berichtete jezt der , durch die Eile noch fast athemlose Jüngling sein sich immer fester knüpfendes Verhältniß mit dem Herzog und dessen Freunden , die Ereignisse des gestrigen Abends ; er beschrieb das freundliche Wesen der fürstlichen Geliebten , und ihre zarte Beachtung jedes Fremden , der sich ihrem Zirkel nähere ; zulezt fragte er das zu Boden sehende Mädchen um ihre Meinung . » Was soll ich zu dem allen sagen , « entgegnete sie mit sanfter Stimme , » Du hast es ja gewollt , Dein Bestreben ging ja immer dahin , mit diesen höhern Ständen in Berührung zu treten ; jezt hast Du es . « - » Freilich hab ' ich , was ich wollte , « rief der begeisterte Jüngling , » doch , freue Dich mit mir : das fehlt mir noch . « - » Freuen ? « entgegnete das besorgte Mädchen , » die Zeit wird lehren , ob ich dazu Ursache habe . Ich bin nur zufrieden , Dich deinen dicken Folianten und der pressenden Kante deines Schreibpults entzogen zu haben . Mir kam es öfters vor , als stählen jene kleinen schwarzen Zeichen , deren Du so viele täglich auf das blendende Papier maltest , allmählig das schöne leuchtende Roth auf deinen Lippen und Wangen . « - » Wie poetisch ! « rief der Jüngling . » Nicht das , « entgegnete unwillig das Mädchen , » ich will nichts Poetisches sagen ; etwas Wahres , meine Empfindung habe ich Dir ausdrücken wollen . « - » Nun ja - und ist es nicht hübsch , daß deine Empfindungen poetisch sind ? « - Emilie sah ihn mit einem langen , fragenden Blick in die Augen , dann sagte sie etwas leiser und stockend : » Ich habe eine Furcht vor der heutigen Poesie ; ich glaube , daß deswegen die Leute so bleich und hohläugig - und wieder auf der andern Seite so elend und jämmerlich herumlaufen , weil sie so poetisch sind . Der Vater wird Dir meine eigentliche Meinung besser erklären , ich muß immer fürchten , ausgelacht zu werden , wenn meine ungelenke und unwissende Zunge dergleichen Dinge berührt . « - Eduard küßte seine erröthende und schmerzlich lächelnde Geliebte . Indem trat der Vater herein , und packte einige mitgebrachte Bilder aus ; er wurde sogleich ins Interesse gezogen , und um seine Meinung , rücksichtlich des Fürsten und seiner Freunde , befragt . Gotthold schob seine Brille auf die Stirne hinauf , die von einem Rest des silberhellen Greisenhaares spärlich bekleidet wurde , und sagte zu dem am Fenster lehnenden Jüngling : » Ich denke , Du kennst meine Ansicht rücksichtlich dieser Herren ; es sind Zeitbilder , elegante Herren . Der eine schreibt bittersüße Verse , der andere bringt ganz unerhörte Noten zusammen ; aus dem dritten , dem Dicken , bin ich noch nicht recht klug geworden ; der berühmte Mann scheint in ihm noch nicht reif geworden zu seyn , gleichsam noch in der Hülse zu stecken . Sie sind alle aber sehr unzufrieden , nicht allein über ihren übel zugeschnittenen schwarzen Frack , sondern auch sogar über das Leben . Vielleicht haben sie auch Recht ; prüfe selbst , mein Sohn . Du hast zu deinem Wissen einen tüchtigen Grund gelegt ; die Meinungen der alten Weisen und Dichter haben deinen Geist bilden helfen , nun richte den Blick in ' s Leben , besuche die weltverbesserlichen Thee ' s , die Diner ' s , wo die vornehme Zerknirschung , der zahme Egoismus und die kalte Resignation sammt der Sinnlichkeit Tafel halten und sich bei den Gerüchen der Schüsseln aus fremden Zonen betäuben . Mir ist nach vielem Streit unerwartet und wider mein Verdienst ein schöner Friede geschenkt worden . « Als Eduard am Abend sich entfernte , um am andern Morgen zum Herzog zu gehn , winkte ihm das blaue Auge seines Mädchens in die tiefe Fensternische hinein . Sie sprach nicht , sie zwang sich zum Lächeln , doch eine Thräne fiel über dies falsche Lachen hinweg . Jezt hatte sie Eduarden geschwind etwas umgehängt und in den Rock gesteckt . » Nicht jezt gesehen , «