Mörike , Eduard Maler Nolten www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Eduard Mörike Maler Nolten Novelle in zwei Teilen Erster Teil Ein heiterer Juniusnachmittag besonnte die Straßen der Residenzstadt . Der ältliche Baron Jaßfeld machte nach längerer Zeit wieder einen Besuch bei dem Maler Tillsen , und nach seinen eilfertigen Schritten zu urteilen , führte ihn diesmal ein ganz besonderes Anliegen zu ihm . Er traf den Maler , wie gewöhnlich nach Tische , mit seiner jungen Frau in dem kleinen , ebenso geschmackvollen als einfachen Saale , dessen antike Dekoration sich gar harmonisch mit den gewöhnlichen Gegenständen des Gebrauchs und der Mode ausnahm . Man sprach zuerst in heiterm Tone über verschiedene Dinge , bis die Frau sich in Angelegenheiten der Haushaltung entfernte und die beiden Herren allein ließ . Der Baron saß bequemlich mit übereinandergeschlagenen Beinen im weichen Fauteuil , und indes die Wange in der rechten Hand ruhte , schien er während der eingetretenen Pause den Maler in freundlichem Nachsinnen mit der neuen Ansicht zu vergleichen , die sich ihm seit gestern über dessen Werke aufgedrungen . » Mein Lieber ! « fing er jetzt an , » daß ich Ihnen nur sage , warum ich vornehmlich hieher komme . Ich bin kürzlich bei dem Grafen von Zarlin gewesen und habe dort ein Gemälde gesehen , wieder und wieder gesehen und des Sehens kaum genug gekriegt . Ich fragte nach dem Meister , der Graf ließ mich raten , ich riet und sagte : Tillsen ! - schüttelte aber unwillkürlich den Kopf dabei , weil mir zugleich war , es könne doch nicht wohl sein ; ich sagte abermals : Tillsen , und sagte zum zweitenmal : Nein ! « Bei diesen Worten zeigte sich eine Spur von Verdruß und Verlegenheit auf des Malers Gesicht ; er wußte sie jedoch schnell zu verbergen und fragte mit guter Laune : » Nun ! das schöne Wunderwerk , das meinen armen Pinsel bereits zweimal verleugnet hat - was ist es denn eigentlich ? « » Stellen Sie sich nicht , Bester « , erwiderte der Alte aufstehend , mit herzlicher Fröhlichkeit und glänzenden Augen , » Ihnen ist wohl bekannt , wovon ich rede . Der von Zarlin hat Ihnen das Bild abgekauft und Sie sind nach seiner Versicherung der Mann , der es gemacht . Hören Sie , Tillsen « , hier ergriff er seine Hand , » hören Sie ! ich bin nun einmal eben ein aufrichtiger Bursche , und mag , wo ich meine Leute zu kennen glaube , nicht übertrieben viel Vorsicht brauchen , also platzte ich Ihnen gleich damit heraus , wie mir ' s mit Ihrem Bilde ergangen ; es enthält unverkennbar so manches Ihrer Kunst , besonders was Farbe was Schönheit im einzelnen , was namentlich auch die Landschaft betrifft aber es enthält - nein , es ist sogar durchaus wieder etwas anderes , als was Sie bisher waren , und indem ich zugebe , daß die überraschende Entdeckung gewisser Ihnen in minderem Grade eigenen Vorzüge mich irregemacht , so liegt hierin ein Vorwurf gegen Ihre früheren Arbeiten , den Sie immer von mir gehört haben , ohne darum zu zweifeln , daß ich Sie für einen in seiner Art trefflichen Künstler halte . Ich fand jetzt aber eine Keckheit und Größe der Komposition von Figuren , eine Freiheit überall , wie Sie meines Wissens der Welt niemals gezeigt hatten ; und was mir schlechterdings als ein Rätsel erschien , ist die auffallende Abweichung in der poetischen Denkungsart , in der Wahl der Gegenstände . Dies gilt insbesondere von zwei Skizzen , deren ich noch gar nicht erwähnte und die Sie dem Grafen in Öl auszuführen versprochen haben . Hier ist eine durchaus seltene Richtung der Phantasie , wunderbar , phantastisch , zum Teil verwegen und in einem angenehmen Sinne bizarr . Ich denke dabei an die Gespenstermusik im Walde und Mondschein , an den Traum des verliebten Riesen . Tillsen ! um Gottes willen , sagen Sie , wann ist diese ungeheure Veränderung vorgegangen ? wie erklären Sie mir sie ? Man weiß und hat es bedauert , daß Tillsen in anderthalb Jahren keine Farbe angerührt ; warum sagten Sie mir während der letzten zwei Monate nicht eine Silbe vom Wiederanfange Ihrer Arbeiten ? Sie haben heimlich gemalt , Sie wollten uns überraschen , und wahrlich , teuerster , unbegreiflicher Freund , das ist Ihnen gelungen . « Hier schüttelte der feurige Redner den stummen Hörer kräftig bei den Schultern , schmunzelte und sah ihm nahezu unter die Augen . » Ich bin wahrhaftig « , begann der andere ganz ruhig , aber lächelnd , » um den Ausdruck verlegen , Ihnen meine Verwunderung über Ihre Worte zu bezeugen , wovon ich das mindeste nicht verstehe . Weder kann ich mich zu jenem Gemälde , zu jenen Zeichnungen bekennen , noch überhaupt faß ich Ihre Worte . Das Ganze scheint ein Streich von Zarlin zu sein , den er uns wohl hätte ersparen mögen . Wie stehen wir einander nun seltsam beschämt gegenüber ! Sie sind gezwungen , ein mir nicht gebührendes Lob zurückzunehmen , und der Tadel , den Sie vergnügt schon auf die alte Rechnung setzten , bleibt wo er hingehört . Das muß uns aber ja nicht genieren , Baron , wir bleiben hoff ich , die besten Freunde . Geben Sie mir aber doch , ich bitte Sie , einen deutlichen Begriff von den bewußten Stücken . Setzen Sie sich ! « Jaßfeld hatte diese Rede bis zur Hälfte mit offenstehendem Munde , beinahe ohne Atemzug angehört , während der andern Hälfte trippelte er im Zickzack durch den Saal , stand nun plötzlich still und sagte : » Der Teufelskerl von Zarlin ! Wenn ja der - aber es ist impossibel , ich behaupte trotz allen himmlischen Heerscharen , Sie sind der Maler , kein anderer ; auch läßt sich nicht annehmen , daß es etwa nur zum Teil Ihre Produktion wäre ; Sie haben sich in Ihrem Leben nie auf Fremdes verlegt . « Der Maler bat wiederholt um die Schilderung der befragten Stücke . » Ich beschreibe Ihnen also , weil Sie es verlangen , Ihr eigen Werk « , hub der alte Herr , sich niedersetzend , an , » aber kurz , und korrigieren Sie mich gleich , wenn ich wo fehle . - Das ausgeführte Ölgemälde zeigt uns , wie einer Wassernymphe ein schöner Knabe auf dem Kahn von einem Satyr zugeführt wird . Jene bildet neben einigen Meerfelsen linker Hand die vorderste Figur . Sie drückt sich , vorgeneigt und bis an die Hüften im Wasser , fest an den Rand des Nachens , indem sie mit erhobenen Armen den reizenden Gegenstand ihrer Wünsche zu empfangen sucht . Der schlanke Knabe beugt sich angstvoll zurück und streckt , doch unwillkürlich , einen Arm entgegen ; hauptsächlich mag es der Zauber ihrer Stimme sein , was ihn unwiderstehlich anzieht , denn ihr freundlicher Mund ist halb geöffnet und stimmt rührend zu dem Verlangen des warmen Blicks . Hier erkannte ich Ihren Pinsel , Ihr Kolorit , Ihren unnachahmlichen Hauch , o Tillsen , hier rief ich Ihren Namen aus . Das Gesicht der Nymphe ist fast nur Profil , der schiefe Rücken und eine Brust ist sichtbar ; unvergleichlich das nasse , blonde Haar . Bei der Senkung einer Welle zeigt sich wenig der Ansatz des geschuppten Fischkörpers , in der Nähe schlägt der tierische Schwanz aus dem grünen Wasser , aber man vergißt das Ungeheuer über der Schönheit des menschlichen Teils und der Knabe vergeht in dem Liebreiz dieses Angesichts ; er versäumt das leichte , nur noch über die Schulter geschlungene Tuch , das der Wind als schmalen Streif in die Höhe flattern läßt . Eine Figur von großer Bedeutung ist der Satyr als Zuschauer . Die muskulose Figur steht , auf das Ruder gelehnt , etwas seitwärts im Schiffe , und überragt , obgleich nicht ganz aufrecht , die übrigen . Eine stumme Leidenschaft spricht aus seinen Zügen , denn obgleich er der Nymphe durch den Raub und die Herbeischaffung des herrlichen Lieblings einen Dienst erweisen wollte , so straft ihn jetzt seine heftige Liebe zu ihr mit unverhoffter Eifersucht . Er möchte sich lieber mit Wut von dieser Szene abkehren , allein er zwingt sich zu ruhiger Betrachtung , er sucht einen bittern Genuß darin . Das Ganze rundet sich vortrefflich ab und mit Klugheit wußte der Maler das eine leere Ende des Nachens rechter Hand hinter hohe Seegewächse zu verstecken . Übrigens ist vollkommene Meeraussicht und man befindet sich mit den Personen einsam und ziemlich unheimlich auf dem hülflosen Bereiche . Ich sage Ihnen nichts weiter , mein Freund . Ihre gelassene Miene verrät mir eine hinlängliche Bekanntschaft mit der Sache , Sie dürften übrigens , wenn keine Verwunderung , doch wahrlich ein wenig gerechten Stolz auf ihr Werk blicken lassen , wofern nicht eben in diesem Anscheine von Gleichgültigkeit schon der höchste Stolz liegt . « » Die Skizzen , wenn ich bitten darf ! « erwiderte der andere ; » wie verhält es sich damit ? Sie haben mich sehr neugierig gemacht . « Der Baron holte frisch Atem , lächelte und begann doch bald ernsthaft : » Federzeichnung , mit Wasserfarbe ziemlich ausgeführt , nach Ihrer gewöhnlichen Weise . Das Blatt , wovon jetzt die Rede ist , hat einen tiefen , und besonders als ich es zum zweitenmal bei Lichte sah , einen fast schauderhaften Eindruck auf mich gemacht . Es ist nichts weiter als eine nächtliche Versammlung musikliebender Gespenster . Man sieht einen grasigen , etwas hüglichten Waldplatz , ringsum , bis auf eine Seite , eingeschlossen Jene offene Seite rechts läßt einen Teil der tiefliegenden , in Nebel glänzenden Ebene übersehen ; dagegen erhebt sich zur Linken im Vordergrunde eine nasse Felswand , unter der sich ein lebhafter Quell bildet und in deren Vertiefung eine gotisch verzierte Orgel von mäßiger Größe gestellt ist ; vor ihr auf einem bemoosten Blocke sitzt im Spiele begriffen gleich eine Hauptfigur , während die übrigen teils ruhig mit ihren Instrumenten beschäftigt , teils im Ringel tanzend oder sonst in Gruppen umher zerstreut sind . Die wunderlichen Wesen sind meist in schleppende , zur Not aufgeschürzte Gewande von grauer oder sonst einer bescheidenen Farbe gehüllt , blasse mitunter sehr angenehme Totengesichter , selten etwas Grasses , noch seltener das geschälte häßliche Totenbein . Sie haben sich , um nach ihrer Weise sich gütlich zu tun , ohne Zweifel aus einem unfernen Kirchhof hieher gemacht . Dies ist schon durch die Kapelle rechts angedeutet , welche man unten in einiger Nähe , jedoch nur halb , erblickt , denn sie wird durch den vordersten Grabhügel abgeschnitten , an dessen eingesunkenem Kreuze von Stein ein Flötenspieler mit bemerkenswerter Haltung und trefflich drapiertem Gewande sich hingelagert hat . Ich wende mich aber jetzt wieder auf die entgegengesetzte Seite zu der anziehenden Organistin . Sie ist eine edle Jungfrau mit gesenktem Haupte ; sie scheint mehr auf den Gesang der zu ihren Füßen strömenden Quelle , als auf das eigene Spiel zu horchen . Das schwarze , seelenvolle Auge taucht nur träumerisch aus der Tiefe des inneren Geisterlebens , ergreift keinen Gegenstand mit Aufmerksamkeit , ruht nicht auf den Tasten , nicht auf der schönen runden Hand , ein wehmütig Lächeln schwimmt kaum sichtbar um den Mundwinkel und es ist , als sinne dieser Geist im jetzigen Augenblicke auf die Möglichkeit einer Scheidung von seinem zweiten leiblichen Leben . An der Orgel lehnt ein schlummertrunkener Jüngling mit geschlossenen Augen und leidenden Zügen , eine brennende Fackel haltend ; ein großer goldenbrauner Nachtfalter sitzt ihm in den Seitenlocken . Zwischen der Wand und dem Kasten scheint sich der Tod als Kalkant zu befinden , denn eine knöcherne Hand und ein vorstehender Fuß des Gerippes wird bemerkt . Unter den Gestalten im Mittelgrunde zeichnet sich namentlich eine Gruppe von Tanzenden aus , zwei kräftige Männer und ebensoviel Frauen in anmutigen und kunstvollen Bewegungen , mit hochgehaltener Handreichung , wobei zuweilen nackte Körperteile edel und schön zum Vorschein kommen . Indessen , der Tanz scheint langsam und den ernsten , ja traurigen Mienen derjenigen zu entsprechen , welche ihn aufführen . Diesen zu beiden Seiten und dann mehr gegen den Hintergrund entfaltet sich ein vergnügteres Leben ; man gewahrt muntere Stellungen , endlich possenhafte und neckische Spiele . Etwas fiel mir besonders auf . Ein Knabengerippe im leichten Scharlachmäntelchen sitzt da und wollte sich gern von einem andern den Schuh ausziehen lassen , aber das Bein bis zum Knie ging mit und der ungeschickte Bursche will sich zu Tode lachen . Hingegen ein anderer Zug ist folgender : Vorn bei dem Flötenspieler befindet sich ein Gesträuche , woraus eine magere Hand ein Nestchen bietet , während ein hingekauerter Greis sein Söhnchen bei der hingehaltenen Kerze bereits einem Vogel in die verwundert unschuldigen Äuglein blicken läßt ; der Bursche hat übrigens schon eine zappelnde Fledermaus am Fittich . Es gibt mehrere Züge der Art ; es gäbe überhaupt noch gar vieles anzuführen . Die Beleuchtung , der wundervolle Wechsel zwischen Mond- und Kerzenlicht , wie dies einst beim Ölgemälde , besonders in der Wirkung aufs Grün , sich zauberisch darstellen wird , ist überall bereits effektvoll angedeutet und mit großer Kenntnis behandelt . Doch genug ! der Henker mag so was beschreiben . « Tillsen hatte schon seit einer Weile zerstreut und brütend gesessen . Jetzt da das Schweigen des Barons ihn zu sich selbst gebracht , erhob er sich rasch mit glühender Stirn vom Sessel und sprach entschlossen : » Ja , mein Herr , ich darf es sagen , von meiner Hand ist , was Sie gesehen haben , doch « - hier brach er in ein gezwungenes Gelächter aus . » Gott sei Dank ! « unterbrach ihn der Baron , entzückt aufspringend , » nun hab ich genug ; lassen Sie sich küssen , umarmen , Charmantester ! die anderthalb Jahre Fastenzeit , worin Sie die Palette vertrocknen ließen , haben Wunder an Ihnen gereift , eine Periode entwickelt , über deren Früchte die Welt staunen wird . Nun geht es Schlag auf Schlag , geben Sie acht , seitdem der neue , starke Frühling für Ihre Kunst durchbrochen hat , und in dieser Stunde prophezei ich Ihnen die Fülle eines Ruhmes , der vielleicht Hunderte begeistern wird , das ganze Mark der Kräfte an die edelste Kunst zu wenden , aber auch Tausende zwingen muß , in mutlosem Neide sie abzuschwören . Ach lieber , bescheidener Mann , Sie sind bewegt , ich bin es nicht weniger von herzlicher Freude . Lassen Sie uns in diesem glücklichen Moment mit einem warmen Händedruck auseinandergehen , und kein Wort weiter . Ich gehe zum Grafen . Leben Sie wohl ! auf Wiedersehen . « Damit war er zur Türe hinaus . Der Maler , unbeweglich , sah ihm nach . Es wollte ihn jetzt fortreißen , dem Baron zu folgen , ihm eine plötzliche Aufklärung zu geben , aber ein unwillkürlicher trockener Entschluß hielt ihn wie an den Boden gefesselt . Erst nach einer langen Stille brach er , beinahe schmerzlich lächelnd , in die Worte aus : » O betrogener redlicher Mann ! wie hast du dich unnötig über mich verjubelt , mir arglos meine ganze Blöße gezeigt ! Ich mußte ein Lob anhören , das nicht mir , sondern einem andern gehört und das just alles das heraushob , was mir zum rechten Maler abgeht , ewig abgehen wird ! « Es ist wahr , fuhr er in Gedanken fort , die Ausführung jener Kompositionen ist mein und ist nicht das Schlechteste am Ganzen ; sie dient , jenen Erfindungen die rechte Bedeutung zu geben ; ohne mein Zutun wären vielleicht die Skizzen des armen Zeichners gleichgültig übersehen worden . Aber nur auf der Spur seines Geistes stärkte , belebte sich der meinige , und nur von jenem ermutigt konnte ich sogar auf eine Höhe des Ausdrucks kommen , bis zu welcher ich mich nie erhoben hatte . Wie arm , wie nichts erschein ich mir diesem unbekannten Zeichner gegenüber ! Wie würf ich mit Freuden alles hin , was sonst an mir gerühmt wird , für die Gabe , solche Umrisse , solche Linien , solche Anordnungen zu schaffen ! Ein Crayon , ein dürftig Papier ist ihm genug , damit er mich über den Haufen stürze . Wüßten nur erst die Herren , daß es die Werke eines Wahnsinnigen sind , welche sie bewundern , eines unscheinbaren verdorbenen Menschen , ihr Staunen würde noch größer sein , als da sie in mir den Meister gefunden zu haben glauben . Noch kennt außer mir niemand den wahren Erfinder , aber gesetzt , ich wollte auf die Gefahr , daß dieser sein eigensinniges Inkognito brechen kann , mir dennoch den Ruhm seiner Schöpfung erhalten , ich fände einen weit stärkeren Grund dagegen in dem eigenen innern Bewußtsein . Darum muß es an den Tag , lieber heute als morgen , ich sei keineswegs der Rechte . Das waren ungefähr die Gedanken des lebhaft aufgeregten Mannes . Indessen war er , was den letzten Punkt betrifft , noch nicht so ganz entschieden . Hatte er bisher die Meinung der Freunde so hinhängen lassen , ohne sie eben zu bestärken , ohne zu widerlegen , indem er sich mit zweideutigem Scherz in der Mitte hielt , so dachte er jetzt , er könne unbeschadet seines Gewissens noch eine Zeitlang zuwarten mit der Enthüllung , und er wolle sein Benehmen nachher , wenn es nötig sei , schon auf ehrenvolle Art rechtfertigen . Soeben trat die junge Frau wieder ins Zimmer : sie bemerkte die auffallende Bewegung an ihrem Manne , sie fragte erschrocken , er leugnete und herzte sie mit einer ungewohnten Inbrunst . Dann ging er auf sein Zimmer . Es verstrichen mehrere Wochen , ohne daß unser Maler gegen irgend jemanden sich über den wahren Zusammenhang der Sache erklärte , seinen Schwager , den Major v. R. , ausgenommen , dem er folgende auffallende Eröffnung machte . » Es mag nun bald ein Jahr sein , als mich eines Abends ein verwahrloster Mensch von schwächlicher Gestalt und kränklichem Aussehen , eine spindeldünne Schneiderfigur , in meiner Werkstätte besuchte . Er gab sich für einen eifrigen Dilettanten in der Malerei aus . Aber die windige Art seines Benehmens , das Verworrene seines Gesprächs über Kunstgegenstände war ebenso verdächtig , als mir überhaupt der ganze Besuch fatal und rätselhaft sein mußte . Ich hielt ihn zum wenigsten für einen aufdringlichen Schwätzer , wo nicht gar für einen Schelmen , wie sie gewöhnlich in fremden Häusern umherschleichen , die Leute zu bestehlen und zu betrügen . Hingegen wie groß war meine Verwunderung , als er einige Blätter hervorzog , die er mit vieler Bescheidenheit für leichte Proben von seiner Hand ausgab . Es waren reinliche Entwürfe mit Bleistift und Kreide voll Geist und Leben , wenn auch manche Mängel an der Zeichnung sogleich ins Auge fielen . Ich verbarg meinen Beifall absichtlich , um meinen Mann erst auszuforschen , mich zu überzeugen , ob das alles nicht etwa fremdes Gut wäre . Er schien mein Mißtrauen zu bemerken und lächelte beleidigt , während er die Papiere wieder zusammenrollte . Sein Blick fiel inzwischen auf eine von mir angefangene Tafel , die an der Wand lehnte , und wenn kurz vorher einige seiner Urteile so abgeschmackt und lächerlich als möglich klangen , so ward ich jetzt durch einige bedeutungsvolle Worte aus seinem Munde überrascht , welche mir ewig unvergeßlich bleiben werden , denn sie bezeichneten auf die treffendste Weise das Charakteristische meiner Manier und lösten mir das Geheimnis eines Fehlers , den ich bisher nur dunkel empfunden hatte . Der wunderliche Mensch wollte mein Erstaunen nicht bemerken , er griff eben nach dem Hute , als ich ihn lebhaft zu mir auf einen Sitz niederzog und zu einer weiteren Erörterung aufforderte . Es übersteigt jedoch alle Beschreibung , in welch sonderbarem Gemische des fadesten und unsinnigsten Galimathias mit einzelnen äußerst pikanten Streiflichtern von Scharfsinn sich der Mensch in einer süßlich wispernden Sprache nun gegen mich vernehmen ließ . Dies alles zusammengenommen und das unpassende Kichern , womit er sich selber und mich gleichsam zu verhöhnen schien , ließ keinen Zweifel übrig , daß ich hier das seltenste Beispiel von Verrücktheit vor mir habe , welches mir je begegnet war . Ich brach ab , lenkte das Gespräch auf gewöhnliche Dinge und er schien sich in seinem stutzerhaft affektierten Betragen nur immer mehr zu gefallen . Dies elegante Vornehmtun machte mit seinem notdürftigen Äußern , einem abgetragenen , hellgrünen Fräckchen und schlechten Nankingbeinkleidern einen höchst komischen , affreusen Kontrast . Bald zupfte er mit zierlichem Finger an seinem ziemlich ungewaschenen Hemdstrich , bald ließ er sein Bambusröhrchen auf dem schmalen Rücken tänzeln , indem er zugleich bemüht war , durch Einziehung der Arme mir die schmähliche Kürze des grünen Fräckchens zu verbergen . Mit alle diesem erregte er meine aufrichtige Teilnahme . Mußt ich mir nicht einen Menschen denken , der mit seinem außerordentlichen Talente , vielleicht durch gekränkte Eitelkeit , vielleicht durch Liederlichkeit , dergestalt in Zerfall geraten war , daß zuletzt nur dieser jämmerliche Schatten übrigblieb ? Auch waren jene Zeichnungen , wie er selbst bekannte , aus einer längst vergangenen , bessern Zeit seines Lebens . Auf die Frage , womit er sich denn gegenwärtig beschäftige , antwortete er hastig und kurz : er privatisiere ; und als ich von weitem die Absicht blicken ließ , jene Blätter von ihm zu erstehen , schien er trotz eines preziösen Lächelns nicht wenig erleichtert und vergnügt . Ich bot ihm drei Dukaten , die er mit dem Versprechen zu sich steckte , mich bald wiederzusehen . Nach vier Wochen erschien er abermals und zwar schon in merklich besserem Aufzuge . Er brachte mehrere Skizzen mit : sie waren womöglich noch interessanter , noch geistreicher . Indessen hatt ich beschlossen , ihm vorderhand nichts weiter abzunehmen , bis ich über die Rechtmäßigkeit eines solchen Erwerbs völlig ins reine gekommen wäre , etwa dadurch , daß er veranlaßt würde , gleichsam unter meinen Augen eine Aufgabe zu lösen , die ich ihm unter einem unverfänglichen Vorwande zuschieben wollte . Ich hatte meine Gedanken hiezu schriftlich angedeutet , erklärte mich ihm auch mündlich darüber , und er eilte sogleich mit der Hoffnung weg , mir seinen Versuch in einigen Tagen zu zeigen . Aber wer schildert meine Freude , als schon am Abende des folgenden Tages die edelsten Umrisse zu der angegebenen Gruppe aus dem Statius vor mir lagen , in der ganzen Auffassung des Gedankens weit kühner und sinnreicher als der Umfang meiner Imagination jemals reichte . Manche flüchtige Bemerkung des närrischen Menschen bewies überdies unwidersprechlich , daß er mit Leib und Seele bei der Zeichnung gewesen . Auch dieser Entwurf und in der Folge noch der eine und andere ward mein Eigentum ; allein plötzlich blieb der Fremde aus und eigensinnigerweise hatte er mir weder Namen noch sonstige Adresse zurückgelassen . Nach und nach fühlte ich unwiderstehliche Lust , drei bis vier der vorhandenen Blätter vergrößert in Wasserfarbe aufs neue zu skizzieren und sofort in Öl darzustellen , wobei denn bald die liebevollste wechselseitige Durchdringung meiner Manier und jenes fremden Genius stattfand , so daß die Entscheidung so leicht nicht sein möchte , wenn nunmehr bei den völlig ausgemalten Tableaus ein zwiefaches und getrenntes Verdienst gegeneinander abgewogen werden sollte . Vor einem Freunde und Schwager darf ich dieses selbstgefällige Bekenntnis gar wohl tun , und vielleicht wird das Publikum mir nicht mindere Gerechtigkeit widerfahren lassen , wenn ich ihm demnächst bei der öffentlichen Ausstellung jene Bilder vorführen werde , ohne ihren doppelten Ursprung im mindesten zu verleugnen ; denn dies war längst mein fester Entschluß . « » Das sieht dir ähnlich « , erwiderte hierauf der Major , welcher bisher mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört hatte ; » es bedarf , dünkt mich , bei einem Künstler von deinem Rufe nicht einmal großer Resignation zu einer solchen Aufrichtigkeit , ja man wird in dem ganzen Unternehmen eine Art Herablassung finden , wodurch du jenes unbekannte Talent zu würdigen und zu ehren dachtest . Aber , um wieder auf den armen Tropfen zu kommen , hast du ihn denn auf keine Weise ausfindig machen können ? « » Auf keine Weise . Einmal glaubte mein Bedienter seine Spur zu haben , allein sie verschwand ihm wieder . « » Es wäre doch des Teufels « , rief der Major aus , » wenn meine Spürhunde mich hier im Stiche ließen ! Schwager , laß mich nur machen . Die Sache ist zu merkwürdig , um sie ganz hängen zu lassen . Du magst mich vor aller Welt nur selbst für den geheimnisvollen Narren ausgeben , wenn ich dir ihn nicht binnen vierundzwanzig Tagen aus irgendeiner Spelunke , Dachstube oder dem Narrenhause selbst hervorziehe ! « Diese vierundzwanzig Tage waren noch nicht um , so geschah es , daß Tillsen über die wahre Bewandtnis der Sache auf einem ganz anderen Wege aufgeklärt wurde , als er je vermuten konnte . In seiner Abwesenheit meldete sich eines Morgens ein wohlgekleideter junger Mann im Tillsenschen Hause an , und die Frau führte ihn indes in ein Seitenzimmer , wo er ihren Gemahl erwarten möchte . Sie selbst , obgleich durch seine sehr vielversprechende und auffallend angenehme Gesichtsbildung nicht wenig interessiert , entfernte sich sogleich wieder , weil die zerstreute Unruhe seiner Miene ihr hinlänglich sagte , daß eine weitere Ansprache hier nicht am Platze sein würde . Nach einer Viertelstunde erst trat der Maler in das bezeichnete Kabinett . Er fand den jungen Mann nachdenkend , den Kopf in beide Hände gestützt , auf einem Stuhle sitzen , den Rücken ihm zugewandt und dem großen Gemälde gegenüber , das , bis auf die breit goldene Rahme , verhüllt an der Wand dahing . Der Maler , einigermaßen verwundert , trat stillschweigend näher , worauf dann der andere erschrocken auffuhr , indem er zugleich hinter einer angenehmen , verlegenen Freundlichkeit die Tränen zu verstecken suchte , worin er sichtbar überrascht worden war . » Ich komme « , fing er jetzt mit heiterem Freimute an , » ich komme in der wunderlichsten und zugleich in der erfreulichsten Angelegenheit vor Ihr Angesicht , verehrter Mann ! Meine Person ist Ihnen unbekannt , dennoch haben Sie , wie ich weiß , mein eigentliches Selbst bereits dergestalt kennengelernt und bis auf einen gewissen Grad sogar liebgewonnen , daß ich mich nun mit unabweislichem Vertrauen unter Ihre Stirne dränge . Doch , lassen Sie mich deutlich reden . Ich heiße Theobald Nolten und studiere in hiesiger Stadt ziemlich unbekannt die Malerei . Nun fand ich gestern in der aufgestellten Galerie unter andern ein Gemälde , das Opfer der Polyxena vorstellend , das mir auf den ersten Blick als eine innig vertraute Erscheinung entgegentrat . Es war , als stünde durch Zauberwerk hier ein früher Traum lebendig verkörpert vor meinem schwindelnden Auge . Diese schmerzvolle Königstochter schien mich so schwesterlich bekannt zu grüßen , ihre ganze Umgebung deuchte mir so gar nicht fremd , und doch , über das Ganze war ein Licht , ein Reiz gegossen , der nicht aus meinem Innern , der von einer höhern Macht , von den Olympischen selbst herabgestrahlt schien ; ich zitterte , bei Gott ! ich - « » Was ? « unterbrach ihn Tillsen , » Sie wären - ja Sie sind der wunderbare Künstler , dem ich so vieles abzubitten - « » Nicht doch « , entgegnete jener feurig , » nein ! der Ihnen Unendliches zu danken hat . O edelster Mann ! Sie haben mich mir selbst enthüllt , indem Sie mich hoch über mich hinausgerückt und getragen . Sie weckten mich mit Freundeshand aus einem Zustande der dunkeln Ohnmacht , rissen mich auf die Sonnenhöhe der Kunst , da ich im Begriffe war , an meinen Kräften zu verzweifeln . Ein Elender mußte mich bestehlen , damit Sie Gelegenheit hätten , mir in Ihrem klaren Spiegel meine wahre , meine künftige Gestalt zu zeigen . So empfangen Sie denn Ihren Schüler an das väterliche Herz ! Lassen Sie mich sie küssen , die gelassene Hand , welche auf ewig die verworrenen Fäden meines Wesens ordnete - mein Meister ! mein Erretter ! « So lagen sich beide Männer einige Sekunden lang fest in den Armen und von diesem Augenblicke an war eine lebhafte Freundschaft geschlossen , wie sie wohl in so kurzer Zeit zwischen zwei Menschen , die sich eigentlich zum ersten Male im Leben begegnen , selten möglich sein wird . » Erlauben Sie , mein Lieber « , sagte Tillsen , » daß ich erst zur Besinnung komme . Noch weiß ich nicht , bin ich mehr beschämt oder mehr erfreut durch Ihre herzlichen Worte . Ich werde Sie in der Folge noch besser verstehen . So sagen Sie fürs erste nur , wie verhält sich ' s denn mit dem diebischen Schufte , dem wenigstens das Verdienst bleiben muß , uns zusammengeführt zu haben ? « » Wohl ! Hören Sie ! Nach meiner Rückkehr aus Italien , es ist nun über ein Jahr , traf ich auf der Reise hieher , wo ich völlig fremd war , einen Hasenfuß , Barbier seiner Profession - er nannte sich Wispel - , der mir seine Dienste als Bedienter antrug , und ich nahm ihn aus einem humoristischen Interesse an seiner Seltsamkeit um so lieber auf , da er neben einem , daß ich so sage , universal-enthusiastischen Hieb , neben einem badermäßigen Hochmut , immer eine