Spindler , Carl Der Jude www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Carl Spindler Der Jude Deutsches Sittengemälde aus der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts Gespenst der Vorwelt : Warum rufst Du mich herauf aus meinem dunkeln Grabe ? Zauberer . Aus daß Du Zeugniß gebest von einer dunkeln Zeit . Erster Band Erstes Kapitel . O Marten ! Marten ! Der Korb muß verbrannt seyn , Das Geld aus den Taschen , Der Wein aus den Flaschen , Die Gans vom Spieß ! Da trink und iß ! Wer sich voll zechen kann , Wird ein rechter Martinsmann ! Altd . Lied . Der zwölfte November des Jahrs Eintausend vierhundert und vierzehn nach des Erlösers Geburt , sah mit kaltem und duftigem Morgenantlitz in die Fensterscheiben der Herberge zum Rebstock in der Reichsstadt Worms . Der Winter hatte dem Spätherbst tälpisch und zierlich zugleich in ' s Amt gegriffen ; denn , während alles knisterte und knarrte , vor der früh eingebrochnen ungestümen Kälte , hatten die entlaubten Bäume weiße Wollelöckchen angesetzt , und niedliche Eisblümlein sich angewachsen am Glas und Gestein . Zwar leckte der Sonnenstrahl gierig an den über Nacht aufgeschossenen Gewächsen , aber seine Zunge war nicht mehr feurig genug , sie aufzuzehren . Im untern Geschoße des Rebstocks kam man der matten Sonnenflamme mit glühendem Ofen zu Hülfe , allein im Oberstocke glimmte kein Funke , und der mächtige Kachelofen der hübschesten Stube des Hauses , die nach einem über der Thüre angemalten buntfarbigen Blumenstrauß » die Maienstube « genannt wurde , war eiskalt , obschon ein stattlicher Gast das Gemach bewohnte . Die Attribute der Ritterschaft : Schwert , Handschuhe , bespornte Stifel und Federhut lagen unordentlich hin und her auf dem Boden zerstreut . Der Besitzer dieser Herrlichkeiten lag aber völlig angezogen zu Bette , beschäftigt , den verwichenen Martinsabend auszuschlafen , der ihm nicht am zuträglichsten gewesen zu seyn schien . Neben ihm ruhte , in einen Reitermantel gewickelt , ein gar holder Knabe , dessen still lächelndes Gesicht , vom sanftesten Schlummer befangen , sehr gegen das aufgedunsene , von Trunkenheit und wüsten Träumen entstellte Antlitz des Nebenschläfers abstach . Der Letztere reckte sich endlich , fuhr mit der breiten Hand über Stirne und Augen , und den bereiften Bart und erwachte . Verwundert betrachtete er die Stube und seine eigene Gestalt ; seine Verwunderung wurde Erstaunen , da er seinen Bettnachbar gewahrte , und er sprang bei dessen Anblick auf , gleich als ob ihn eine Schlange gestochen . Unverständliche Worte vor sich hinbrummend , und vor Kälte zitternd fuhr er in die Stiefel , und stampfte dreimal gewaltig den Boden , daß der schlafende Knabe erschrocken aufschrie , alsobald jedoch wieder in Müdigkeit und Schlummer versank . Ein langer hagrer Mensch , in der etwas zerlumpten Kleidung eines Herrenknechts , kam zur Thüre herein , und fragte mit winterblauen Lippen nach dem Befehl des gestrengen Herrn . » Sag an , Vollbrecht ! « fragte der Letztere : » Wie gieng es denn zu , daß ich in Wamms und Krause zu Bett gekommen ? « - » Euer demüthiger Knecht hat Euch selbst hineingebracht ; « erwiederte Vollbrecht mit ängstlichem Bückling : » Ihr littet gestern stark am Gebreste des heil . Martin , und so geschah es denn ... « - » Still ! « befahl der Herr . - » Wie komme ich aber zu dem Kind ? « fuhr er kleinlaut fort . » Der gestrenge Junker wolle sich nur gütig erinnern , « - sprach Vollbrecht , ein paar Schritte ausweichend , - » wie ich Euch gestern aus der Trinkstube zum Rosengarten heimleuchtete mit dem Kienspan , den mir die rothbäckige Dorothea aufgedrungen , und wie wir im Scheibengäßlein unfern von dem Eckstein , an dem das Muttergottesbild aufgerichtet , den Knaben gefunden , der da eingeschlafen war . « - » Ganz recht ; ich besinne mich nun auf Alles ; « erwiederte der Junker , und rieb sich die erstarrenden Hände : » Was treibt aber unser Wirth , daß nicht einmal Feuer angemacht wird , bei der grimmen Kälte ? Sollen wir hier erfrieren ? « » Erfrieren ; « bestätigte Vollbrecht , die Thürblinke zur Hand nehmend : » Erfrieren , oder uns von dannen machen ; denn der Wirth will nicht länger borgen , und verlangt Zahlung unsrer Zeche . « » Nichts Billigers als das ; « antwortete der Herr : » aber Verlangen ist Eins ; Zahlen hingegen ein Anderes . Ich habe keinen Weißpfennig mehr in der Tasche . Alles gieng gestern drauf in Wein , Imbis und Brettspiel . Der alte Narr muß warten . « Vollbrecht schüttelte den Kopf . » Ich zweifle , Herr , « sprach er hierauf , vorsichtig die Thüre öffnend . - » Der Mensch sagte mir erst vorhin , er werde nach Pferd und Zaum greifen , wenn nicht noch heute Morgen alles getilgt würde , was darauf gegangen ist in dieser Woche . « » Kreuz ! Stein und Dorn ! « brach der Junker los , nach der Klinge fahrend , daß Vollbrecht , - solcher Auftritte nicht ungewohnt , - sich hinter der Thüre barg : » was bildet er sich ein , der Wormser Lump ? Streckt er eine Kralle nach meinem Gaul aus , so haue ich sie ihm ab . Gleich soll er kommen , - gleich , und auf der Stelle ; ohne Säumen ! « Vollbrecht sprang die Treppe hinab . Der Junker stülpte trotzig den Hut auf den Kopf , und schritt , eine Anrede an den Herrn des Rebstocks im Sinne ordnend , ungeduldig auf und nieder . Bald erschien auch der Gerufene , das verhängnißvolle Kerbholz tragend , aus dem die ziemlich beträchtliche Schuldsumme des Gastes eingeschnitten zu sehen war . » Wie viel beträgt meine Zeche ? « fragte der Letztere barsch , als strotzten seine Taschen von Golde . » Zwanzig Turnosen , drei Pfenninge für den Herrn , den Knecht und das Pferd ; « antwortete der Wirth vom Rebstock sehr freundlich . » Ein Bettelgeld , « prahlte der Fremde : » obgleich die Zeche übertrieben theuer . Aber wie gesagt , ein Bettelgeld , wegen dessen Du mir keine Umstände machen wirst , guter Freund . Nicht wahr ? « » Nicht die Geringsten , « erwiederte der Wirth : » Ihr habt nur zu bezahlen , und meine schlechte Schenke ist wieder ganz zu Euern Diensten . « » Du bist harthörig , mein Freund ! « sprach der Gast mit vornehmem Augenzwinkern : » Ich hatte gestern Unglück im Spiel , und der Martinschmauß hat mich viel gekostet . Heut kann ich Dich nicht befriedigen , aber sobald ich wiederkehre von Costnitz , soll Dein seyn , was Dir gehört . « Der Wirth sah den Sprecher einen Augenblick an , .. zuckte die Achseln und gieng nach der Thüre . - » Wohin gehst Du ? « fragte ihn der Andere . » Ich gehe , den Stall zuzusperren ; « versetzte der Bürger kalt : » Müßt Ihr gen Costnitz , mögt Ihr zu Fuße gehen . Euer Pferd bleibt hier zurück , bis mein ist , was mir gehört . « » Wie ? « fuhr der Gast auf : » Du ungeschliffener Wirth ! weißt Du , mit wem Du also sprichst ? Ich bin der Edelknecht Gerhard von Hülshofen , und darum nicht zu Schild und Helm geboren , um mir von einem elenden Reichsstädter Schmachreden ins Angesicht sagen zu lassen . « » Ich kenne Euch wohl ; « erwiederte der Wirth : » Wer sollte den verwegensten Gesellen am Rheinstrome nicht kennen , den der wohlweise Rath von Frankfurt als seinen Kämpfer und Turnierfechter gedungen ; der zwar keinen Gegner unbezwungen läßt , aber auch keinen Becher ungeleert , keine Dirne ungeneckt , und keinen Herberger ungeprellt . Darum eben nehme ich Euren Gaul . « » Das Pferd gehört meinen Herren von Frankfurt , « rief der Edelknecht patzig . » So mögen Eure Herren von Frankfurt es auch auslösen ; « versetzte der Gläubiger gleichgültig . » Der ehrsame Rath wird einen Reichsbürger nicht schädig gen lassen an seinem Gut durch einen Dienstmann . « » Ich bin ein Edelmann , Bursche ; « brauste der Junker ; und wenn ich Spießbürgern diene , so geschieht es aus gutem Willen , und nicht ... » Lieber Herr ; « erwiederte der Wirth : » Ich vermag eines Adlichen Thun und Lassen nicht zu schätzen ; allein ich wollte , Ihr hättet Euern Martinstag wo anders zugebracht . Ich hab Euch nicht geladen , und will folglich Eure Zehrkosten nicht aus eignem Seckel bestreiten . Darum nehme ich Euern Gaul und damit genug . « » Unterstehe Dich ! « rief Gerhard : » Plumper Wicht ! Glaubst Du , meine Freunde werden mich verlassen ? « » Ei , Herr Junker , « sprach der Wirth lächelnd : » Ihr seyd zu alt in der Welt geworden , um das im Ernste sprechen zu können . Freunde werden Feinde , sobald sie helfen sollen . Und vollends die Euren , mit denen Ihr acht Tage gezecht und gewürfelt habt . Die Einen sind auf der Landstraße besser zu Hause , als in ihren vier verschuldeten Pfählen . Die Andern sind verdorbene Bürgerssöhne , die Gewerb und Fleiß an den Nagel gehängt haben , um das väterliche Erbe ohne Verzug durch die Gurgel zu jagen . Solche Martinsmänner sind aber den Wirthen nur bis zu einem gewißen Zeitpunkte willkommene Gäste . Doch horch ; .. mich dünkt , ich höre ihrer Etliche die Stiege heraufstürmen . Versucht Euer Heil , Herr . Zwanzig Turnosen - die Pfenninge erlasse ich Euch - öffnen die Stallthüre , und geben Euerm Gaul freien Paß nach Costnitz . Kein Albus weniger ! Verlaßt Euch darauf . « Der Wirth gieng ruhig von dannen , und an seiner Statt tobten vier Männergestalten herein , denen man die Ausschweifungen verwichener Nacht nicht wenig ansah . » Guten Tag ! Bruder Hülshofen ! « brüllten sie im Chor und schüttelten dem Verdrüßlichen die steifgewordenen Hände ? » Wie geht es ? wie geschlafen ? warum ists hier so verteufelt kalt ? « - Gerhard zögerte keinen Augenblick , ihnen die unangenehme Lage , in der er sich befand , zu eröffnen . Die Freunde lachten aus vollem Halse , und konnten sich gar nicht lassen vor muthwilliger Lust . » Nun , das nenne ich doch in der Brühe sitzen ! « rief der baumlange Wernher von Hyrzenhorn : » So fröhlich wurde die Gans eingeläutet , und so traurig ist der Nachtisch ! « » Was ist aber da zu thun ! « sprach Wolf von Eppenstein : » Ich will dem Schwarzen seyn mit Haut und Haar , wenn ich Dir helfen kann , Bruder Gerhard . Du weißt , daß uns der Sattel das tägliche Brod verschafft , - und Deine Dienstherren gerade , - daß sie Gott verdammen möge ! - haben es uns so geschmälert , daß es eine Sünde ist . Die Conziliumsfahrer haben unserm Seckel zwar etwas eingebracht , aber Weib und Kind wollen auch leben , und Martinstag will auch gefeiert seyn . Da haben wir uns denn hier zusammengethan , in Fried und Eintracht die Milch unsrer lieben Frauen reichlich genossen , und müssen dafür Morgen kahl wieder abziehen . « » Hilf Dir selbst ! « rief der wilde Hornberger Veit : » Brich die Stallthüre auf , und reite dem verdammten Kneibenwirth vor der Nase weg . Ich helfe Dir , und je mehr Auflauf es gibt , desto besser . « » Die Frankfurter setzen mich auf den Eschenheimer Thurm , erfahren sie dergleichen , « versicherte Gerhard kopfschüttelnd . - » Euch aber , meine Freunde , fuhr er fort - Euch wäre es ein Leichtes , mir zu helfen , - denn das Frühjahr bringt Euch wieder Meßleute und Marktschiffe , die Euch das kleine Darlehen reichlich ersetzen , - kann ich ' s bis dahin nicht erstatten . « » Ich schwöre einen körperlichen Eid , daß ich nicht helfen kann ! « betheuerte der Herr von Hyrzenhorn , und der Eppsteiner holte eine in vergoldetem Kupfer gefaßte Reliquie des heil . Marcellinus aus seinem Wamms , auf welche alle drei Edelleute in aller Eile und bester Form den theuersten Schwur leisteten , daß sie außer Stand seyen für ihren gemeinsamen Freund das Geringste zu thun . - Gerhard , wohl wissend , ein solcher Eid mache ein unwiderrufliches Ende , - sey er auch noch so falsch , - wendete sich alsdann zu dem vierten Freund , der bis jetzt ein stummer Zuhörer des Auftritts gewesen war . » Werde ich auch bei Euch vergebens anhalten , lieber Trautwein ? « sprach er zuckersüß : » Ihr habt des Vermögens viel , habt mir gestern erst im Rosengarten all mein Klingendes abgenommen , und werdet wohl nicht anstehen , mich der unverdienten Schmach zu entreißen . « Der Goldschmid lächelte aber eiskalt , zuckte die Achseln , und erwiederte : » Gestrenger Herr ; im Handel und Wandel braucht man sein Geld , und daß des Letztern nicht zu viel werde , sorgen schon treulich Kaiser und Reich , die Ehewirthin und ihre Kinderlein , und die Herren vom Stegreif . Deshalb bin ich ausser Stande etwas zu thun , als Euch die fünf Schillinge nachzulassen , die ihr mir noch gestern auf Euer Wort schuldig wurdet . « » Ich wollte , alle Martinsfeuer , die gestern brannten , um Wetterschaden zu verhüten , schlügen über Euch alle zusammen , und kochten Euch zu Brei und Muß ; « rief Gerhard in hohem Unmuth : » Mein Gaul , mein armer Gaul ! « » Uebermorgen soll ich in Costnitz seyn . Ich hab ' s den Schöffen Holzhausen und zum Braunfels in die Hand geloben müssen . Der Kaiser gibt ein Turnier , auf dem ich zu Frankfurts und des Reichs Ehre mitstechen soll . Ich bin ewig beschimpft , erschein ich nicht auf diesem Rennen . Und ohne meinen Roland , ohne mein gutes Pferd komme ich nicht hin , kann ich nicht mitkämpfen . « » Schlimm ! sehr schlimm ! « meinten die adelichen Herrn , und machten Miene zu gehen . » Willst Du einen Römer Würzwein annehmen , so komm ' mit uns ! « sprach der Horaberger gutmüthig , aber Gerhard verweigerte alles mit Ungestüm , und ließ die adelichen Brüder und Freunde ohne Widerrede ziehen . Trautwein blieb an der Thüre zurück . » Hört noch ein Wort , lieber Herr , « sprach er mit einiger Theilnahme : » Ob es gleich grimmig kalt in Eurer Stube ist , bin ich doch hinter jenen rohen Gesellen zurück geblieben , um Euch einen Rath zugeben . « » Nun ? « fragte Gerhard unwirsch auf und niedergehend . » Der Kaiser gibt wohl übermorgen kein Rennen zu Costnitz , indem er noch in Aachen auf seiner Krönung verweilt , « sagte Trautwein ; » allein Eure Lage ist doch mißlich , und liegt außer meinen Grundsätzen und Kräften , Euch zu dienen ; aber es gibt noch andere Leute , die es vielleicht gerne thun , wenn einiger Gewinn dabei zu verspüren ist . « » Wer sind diese Leute ? « fragte Gerhard aufmerksam werdend . » Ei nun , « sprach der Goldschmid zögernd : » Es sind unsers heil . römischen Reiches liebe Kammerknechte « .. » Was ? « fuhr Gerhard auf : » Juden ? Hebräer ? Seyd Ihr toll geworden mit Einemmale ? « » Wie so ? « fragte Trautwein gleichgültig : » Hebräisch Geld zählt wie das unsere ; es kömmt ja ohnehin nur aus christlichen Taschen . Fürsten und Herren wissen das wohl . « » Hm ! « sprach Gerhard überlegend : » Mein ganzes Leben hindurch habe ich mich gehütet den Galgenvögeln in die Hände zu fallen , und in meinem fünfzigsten Jahre ... indessen ... wer weiß ... damit ich nur fortkomme ... wo gelangt man zu dem Gesindel ? Ich will gleich ... « Der Goldschmid hielt ihn zurück . » Ihr werdet doch nicht am hellen lichten Tage ... ? « sagte er mißbilligend : » In eigener Person ... ? « » Ihr habt Recht ; « antwortete Gerhard : » Es ist wegen des Geredes ... also will ich mich gedulden ... diesen Abend , sobald es dunkel ... « » Behüte ; « fiel Trautwein ein : » Es ist bei zehn Pfund Heller Strafe verboten , bei Nacht in ein Judenhaus zu gehen , um zu leihen oder zu zahlen . « » Aber beim Donner ! was soll ich denn thun ? « fragte Gerhard ärgerlich . » Abwarten , bis ich Euch einen vertrauten Mann schicke , mit dem Ihr alsdann handeln könnt ; « versetzte Trautwein . » Einen vertrauten Mann , durch den es die ganze Stadt erfähret , von welchem Rocken ich spinne , nicht wahr ? « - » Gerade im Gegentheil . Ich weiß einen , der , wenn ich nicht irre , in der Nähe von Frankfurt zu Hause ist . Ein verschwiegener Mann , mit dem ich selbst manch Geschäft gemacht . Ist er gerade hier , kann er vielleicht bewogem werden , Euch zu helfen . Mich dünkt , ich sah ihn gestern unweit von dem Dalbergschen Hause in der Kämmererstraße . Ich sende ihn Euch , und will besorgen , daß mein Gevatter Rebstockwirth Euch zum mindesten ein Feuer anmache in dem Ofen . « » Nun , so geht , so geht , und plaudert nicht lange ! « drängte Gerhard , und schob ihn zur Thüre hinaus . Alsdann fieng er wieder seine gewöhnliche Rennbahn in der Stube an , rieb sich die Hände , die Stirne , brummte einen Fluch nach dem andern , und schwor sich zu , in der Folge nie mehr auf Freunde sich zu verlassen , seine Zeche immer nach der Habe zu richten , oder , ... wollte er einen Wirth prellen - die Sache gescheuter anfangen . Ein leises Schluchzen und Weinen unterbrach den Lauf seiner Gedanken , und da es sich hinter den Vorhängen des mächtigen Himmelbetts vernehmen ließ , so fiel ihm mit einem Male der Gedanke an den Knaben , den er gestern aufgenommen , siedendwarm auf die Brust . Er eilte zum Lager , und sah das vier- bis fünfjährige Kind aufrecht sitzend , und eng in den groben Mantel gewickelt , aus dem nichts hervorguckte als der braungelockte Kindskopf , mit blauen von Thränen überfließenden Augen . Der Knabe fuhr etwas zusammen , da er das kupferrothe mit dichtem Bart versehene Gesicht seines Findelvaters gewahr wurde , aber bald beruhigte er sich wieder in etwas , da er sich deutlich erinnerte , daß ihn derselbe Mann gestern von der offenen Straße genommen , und den Müden erwärmt , aufs Lager gebracht hatte . Er streckte ihm die kleinen Arme bittend entgegen , und sah ihn mit einer Wehmuth an , die ihm fast das Herz abzudrücken schien . Der rauhe Hagestolz fühlte sich gerührt und angezogen von der hülflosen Unschuld des Kindes , und nahm es , in Mantel und Decken gehüllt auf seinen Schoos . » Komm her , « sprach er , » und laß uns vernünftig reden , mein Junge ! Wir haben gestern Abend nur flüchtige Bekanntschaft gemacht . Heute wollen wir ' s einbringen . Wie heißest Du , mein Kind ? « - » Hans ! « antwortete der Knabe muthig und vernehmlich . » Und Dein Vater ? « - » Ich habe keinen mehr . « - » Doch eine Mutter hast Du ? « - » Ja , die Mutter und die Gundel . « - » Wie nennt sich Deine Mutter ? « - » Ich weiß es nicht . « - » Wo wohnt sie aber ? « - » Ach , weit , weit von hier ! « - » So ? demnach nicht hier in der Stadt ? « - » Wir sind drei Tage gefahren , bis wir angekommen sind . No ist denn aber die Mutter ? « - » Ja , wenn Du das nicht weißt ... « - Der Knabe schüttelte traurig den Kopf . » Sage mir doch , Hänschen , « fuhr Gerhard neugierig fort : » Wie lange bist Du denn hier ? « - » Ich heiße nicht Hänschen , « versetzte der Knabe : » Hänschen hat vier Füße , und ich habe zwei ; darum heiße ich Hans . Hänschen ist aber zu Hause geblieben . Wirst Du mich wieder heimbringen , fremder Mann ? « - » Wenn ich weiß , wo Deiner Mutter Haus steht , mein Knabe . « - » Ach , es ist fern , recht fern . Wir haben dreimal geschlafen , ehe wir gestern in der Nacht ankamen . « - » Wie kamst Du denn auf die Straße ? « - » Ich weiß es nicht - auf dem Wagen schlief ich ein , und auf der Erde bin ich aufgewacht . Ach , wie war es so kalt , da Ihr mich aufnahmt . Die Mutter muß mich verloren haben . « - » Wie war die Mutter gegen Dich ? « - » Böse , lieber Mann , immer böse und finster . Aber Gundel ist herzensgut , und zu ihr möchte ich lieber als zur Mutter , und auch zu Hänschen lieber als zur schwarzen Mutter . « - » Zur schwarzen Mutter ? Warum nennst Du sie so ? « - » Sie ist immer schwarz gekleidet , und hat so dunkle Augen ; aber Gundel hat helle , und geht immer grün oder roth . Hänschen ist weiß und braun . « - Der Junker schüttelte bedenklich den Kopf , und zweifelte nicht mehr daran , daß der Knabe mit Vorbedacht zurückgelassen worden sey , auf der Durchfahrt durch die Fremde , im nächtlichen Dunkel verhüllten Stadt . Aus dem Knaben war übrigens nichts herauszubringen , als daß der Mutter Haus auf einem Hügel stehe , unfern von einem Strome , daß viel Waldung und ein Dorf sich in dessen Nähe befinde , und nicht allzuweit eine Stadt , in der sich das Kind besann , vor einiger Zeit gewesen zu seyn , zur Zeit eines Jahrmarkts . Ueber den Namen seines mütterlichen Hauses , des Stroms , der Stadt , war er in wahrscheinlich geflissentlicher Unwissenheit erhalten worden . Fern von Jugendgespielen und Gefährten seines Alters kannte er niemand , als die schwarze Mutter , die er nicht liebte , die freundliche Gundel , nach der er sich sehnte , und das vierfüßige Hänschen , das er am schmerzlichsten vermißte . Gerhard ersah aus Allem , daß ihn seine , größtentheils vom Wein erregte Weichherzigkeit hier in eine sonderbare Historie verwickelt hatte , und ihm wahrscheinlich eine Last zugefallen war , die er bei der äußersten Beschränkung seiner Lage nicht auf die Dauer würde tragen können . Eine plötzliche Vermuthung ergriff ihn ; und er durchsuchte die Kleider des Kindes nach Geld oder Kleinodien , die vielleicht dem Finder als eine Entschädigung zugedacht seyn möchten ; doch war sein Bemühen umsonst . Keine Blechmünze , kein armseliger Hohlpfennig war bei dem Verlassenen zu finden . Ausser dem höchst einfachen Gewande des Kindes trug es nichts an sich . Unmuthig stellte er den Knaben nieder , und gieng , von Neuem gegen sein Geschick grollend , auf und ab . Das Kind schmiegte sich indessen stille und in sich gekehrt an den durch Trautweins Vorsorge erwämten Ofen , und weinte nur von Zeit zu Zeit vor sich hin , theils im Andenken an die gute Gundel , theils im Bewußtseyn des quälenden Hungers , den es verspürte . Ein Glück war es , das Gerhard in der Tasche seiner Pluderhosen noch ein sogenanntes Martinshorn auffand , ein Gebäcke , mit dem er alsobald den seufzenden Knaben beschwichtigte , .... zum Mindesten auf Augenblicke . Indem er jedoch mit sich selbst zu Rathe gieng , wie die eßlustige Bürde vom Halse zu schaffen , und sein eignes betrübtes Verhältniß zu wenden sey , ließ sich von Außen ein schlürfender leiser Tritt vernehmen , und ein demüthiges Pochen erklang an der eichenen schwerfällig verzierten Thüre . Gerhard öffnete schnell , und vor ihm stand Einer aus dem Volke Abrahams . Seine Statur bot nichts Ausgezeichnetes dar , noch weniger seine Kleidung , die den wandernden Handelsjuden bezeichnend , in Schnitt , Farbe und Gestalt höchst unbedeutend erschien . Aber das Gesicht , das aus dem unscheinbaren grauen Kittel und aus dem schlecht gefälteten Kragen heraussah , war auffallend genug . Ein nicht fern von den fünfzigen stehendes Antlitz mit Spuren tiefen Kummers entweder , oder schwerer Erschlaffung , bleich und hager , war von Augen belebt , die , wenn gleich etwas klein , an Lebhaftigkeit und stechender Schärfe mit denen der Eidechse wetteiferten . Die kahle Stirne , von wenigen , dünnen und grauen Locken besetzt , gab großen Spielraum der Beweglichkeit von Gesichtszügen , die wie die Schlangenwege eines Labyrinths sich nach allen Seiten in merkwürdiger Verschlingung ausdehnten . Eine breite Narbe , die quer von dem rechten Schlaf sich über Wange und Nase herüberzog , bis zu dem linken Ohrläppchen , schied das Gesicht so zu sagen , in zwei ungleiche Hälften . Die Nase vorspringend und gebogen , zeugte von orientalischer Abkunft , und die Form des Mundes wäre gut gerathen zu nennen gewesen , hätte sich nicht in der etwas hängenden Unterlippe jener , aber schon angedeutete Charakter der Abspannung offenbart , der nicht vermögend ist , einem menschlichen Angesichte etwas Angenehmes mitzutheilen . Der Bart , kurz , kraus , grau und schwarz gemischt , paßte zu dem Uebrigen . - Der Jude neigte sich unterthänig vor dem Edelknecht , ohne ein Wort zu sprechen . - » Wer bist Du ? « fragte ihn der Letztere barsch und kurz . » Was willst Du hier ? « » Was ich hier soll , möchte ich wissen , gestrenger Herr ; « erwiederte der Jude mit unterwürfigem Tone : » Der achtbare Meister Trautwein sendet mich zu Euch . Er sagte mir , Ihr könntet meine Dienste brauchen , und somit biete ich sie Euch an . « » Trautwein ? « fragte Gerhard . - » Durch seine Empfehlung bist Du mir willkommen , insofern Du nicht hier in Worms geboren oder ansäßig ; denn ich fordre , daß Du schweigest . « » Gestrenger Herr Ritter ; « versetzte der Jude wie oben : » Ich weiß zwar nicht , wie Ihr könnt hegen Zweifel an der redlichen Verschwiegenheit meiner Glaubensgenossen hier zu Worms . Es sind die Besten von unsern Leuten , .. die schon vor der Geburt Eures Erlösers eine Synagoge gehabt haben in dieser Stadt , und diese Synagoge hat durchaus nicht gewilligt in den Tod Eures Messias , der nur darum sterben mußte , weil die Entfernung zu groß ist zwischen dem Rheinstrom und Jerusalem , und der Bote von der Schule zu Worms um einige Stunden zu spät gekommen ist , mit der Verwendung von den Wormser Rabbinern und Aeltesten . Nenn Ihr indessen demungeachtet Grund zu glauben habt , unsere hiesigen Brüder zu beargwohnen , so vertraut Euch mir . Ich stamme von Friedberg , und dieses Zeichen auf meinem Rocke mag Euch beweisen , daß ich nicht von hier bin , wo dieß Schiboleth in Vergessenheit gerathen ist . « Hier zeigte er auf den Ring von gelber Seide , den jeder Jude in und um Frankfurt auf der linken Brust tragen mußte . Gerhard , ungeduldig , die mißliche Angelegenheit ins Reine zu bringen , machte dem Juden eine ausführliche Beschreibung seiner Lage , und verlangte ein Darlehen auf Wort , Schrift und Glauben . Seine eindringlichen Worte , seine ziemlich herrische Forderung verriethen wohl , daß er eine abschlägige Antwort nicht im Bereich der Möglichkeit vermuthe ; um so mehr befremdete ihn das überlegende und durchaus nicht billigende Kopfschütteln seines Gegenübers . Nach langer Pause sprach der Jude endlich : » Seht , werther Herr . Wir halten auf das , was die Väter sagten und uns einprägten . Ben David , sagte der Meinige , dem einst das Paradies sey , öfters : Hüte Dich , großen Herren und Kriegsleuten aus das blinde Wort , auf das leere Geschrift hin zu vertrauen . Das Wort verweht der Wind , und das Papier zerhaut der Degen , der auch im besten Fall nie richtige Zinsen zu zahlen geneigt ist . Baare Münze lacht ; ein gutes Pfand macht Muth . - Ich habs nun immer so gehalten , und Euch , lieber Herr , soll geholfen seyn , wenn Ihr mir Bürgschaft stellt in Dingen von Gewicht und Werth , oder im Wort eines wackern Mannes , dem die Rechtschaffenheit werth ist , soll er sie auch nur gegen Juden beweisen . « » Da steckt eben der Knoten ! « polterte Gerhard : » Auf Pfand und reichliche Bürgschaft kann jeder Fastnachtsnarr Kappe und Peitsche leihen . Ich habe keine Kleinodien , nichts von Werth , als meinen Gaul , und von ihm trenne ich mich um keinen Preis . « - » Das glaube ich ;