Hauff , Wilhelm Lichtenstein www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Wilhelm Hauff Lichtenstein Romantische Sage aus der württembergischen Geschichte Erster Teil Einleitung Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte ; Doch euren Augen soll ihn jetzt die Kunst Auch euren Herzen menschlich näher bringen : - Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang Und wälzt die größre Hälfte seiner Schuld Den unglückseligen Gestirnen zu . Schiller Die Sage , womit sich die folgenden Blätter beschäftigen , gehört jenem Teil des südlichen Teutschlands an , welcher sich zwischen den Gebirgen der Alb und des Schwarzwaldes ausbreitet : das erstere dieser Gebirge schließt von Nordwest nach Süden in verschiedener Breite sich ausdehnend , in einer langen Bergkette dieses Land ein , der Schwarzwald aber ziehet sich von den Quellen der Donau bis hinüber an den Rhein und bildet mit seinen schwärzlichen Tannenwäldern einen dunklen Hintergrund für die schöne , fruchtbare , weinreiche Landschaft , die vom Neckar durchströmt an seinem Fuße sich ausbreitet und Württemberg heißt . Dieses Land schritt aus geringem , dunklem Anfang unter mancherlei Kämpfen siegend zu seiner jetzigen Stellung unter den Nachbarstaaten hervor . Es erregt dies um so größere Bewunderung , wenn man die Zeit bedenkt , in welcher sein Name zuerst aus dem Dunkel tritt ; jene Zeit , wo mächtige Grenznachbarn , wie die Stauffen , die Herzoge von Teck , die Grafen von Zollern um seine Wiege gelagert waren ; wenn man die inneren und äußeren Stürme bedenkt , die es durchzogen und oft selbst seinen Namen aus den Annalen der Geschichte zu vertilgen drohten . Gab es ja doch sogar eine Zeit , wo der Stamm seiner Beherrscher auf ewig aus den Hallen ihrer Väter verdrängt schien , wo sein unglücklicher Herzog aus seinen Grenzen fliehen und in drückender Verbannung leben mußte , wo fremde Herren in seinen Burgen hausten , fremde Söldner das Land bewachten , und wenig fehlte , daß Württemberg aufhörte zu sein , jene blühenden Fluren zerrissen und eine Beute für viele oder eine Provinz des Hauses Österreich wurde . Unter den vielen Sagen , die von ihrem Lande und der Geschichte ihrer Väter im Munde der Schwaben leben , ist wohl keine von so hohem romantischem Interesse , als die , welche sich an die Kämpfe der eben erwähnten Zeit , an das wunderbare Schicksal jenes unglücklichen Fürsten knüpft . Wir haben versucht , sie wiederzugeben , wie man sie auf den Höhen von Lichtenstein und an den Ufern des Neckars erzählen hört , wir haben es gewagt , auch auf die Gefahr hin , verkannt zu werden . Man wird uns nämlich entgegenhalten , daß sich der Charakter Ulerichs von Württemberg 1 nicht dazu eigne , in einem historischen Romane mit milden Farben wiedergegeben zu werden ; man hat ihn vielfach angefeindet , manches Auge hat sich sogar daran gewöhnt , wenn es die lange Bilderreihe der Herzoge Württembergs mustert , mit scheuem Blick vom ältern Eberhard auf Christoph2 überzuspringen , als seie das Unglück eines Landes nur allein in seinem Herrscher zu suchen , oder als seie es verdienstlich , das Auge mit Abscheu zu wenden von den Tagen der Not . Und doch möchte es die Frage sein , ob man nicht in Beurteilung dieses Fürsten nur seinem erbittertsten Feinde Ulerich von Hutten nachbetet , der , um wenig zu sagen , hier allzusehr Partei ist , um als leidenschaftloser Zeuge gelten zu können ; die Stimmen aber , die der Herzog und seine Freunde erhoben , hat der rauschende Strom der Zeit übertäubt , sie haben die zugleich anklagende und richtende Beredsamkeit seines Feindes , jene donnernde » Philippica in ducem Ulericum « nicht überdauert . Wir haben fast alle gleichzeitige Schriftsteller , die Stimmen eines längstvergangenen , vielbewegten Jahrhunderts gewissenhaft verglichen und fanden keinen , der ihn geradehin verdammt . Und wenn man bedenkt , welch gewaltigen Einfluß Zeit und Umgebungen auf den Sterblichen auszuüben pflegen , wenn man bedenkt , daß Ulerich von Württemberg unter der Vormundschaft schlechter Räte aufwuchs , die ihn zum Bösen anleiteten um ihn nachher zu mißbrauchen , wenn man sich erinnert , daß er in einem Alter die Zügel der Regierung in die Hände bekam , wo der Knabe kaum zum Jüngling reif ist , so muß man wenigstens die erhabenen Seiten seines Charakters , hohe Seelenstärke und einen Mut , der nie zu unterdrücken ist , bewundern , sollte man es auch nicht über sich vermögen , die Härten damit zu mildern , die in seiner Geschichte das Auge beleidigen . Das Jahr 1519 , in welches unsere Sage fällt , hat über ihn entschieden , denn es ist der Anfang seines langen Unglückes . Doch darf die Nachwelt sagen , es war der Anfang seines Glückes ; war ja doch jene lange Verbannung ein läuterndes Feuer , woraus er weise und kräftiger als je hervorging ; es war der Anfang seines Glückes , denn seine späteren Regentenjahre wird jeder Württemberger segnen , der die religiöse Umwälzung , die dieser Fürst in seinem Vaterlande bewerkstelligte , für ein Glück ansieht . In jenem Jahre war alles auf die Spitze gestellt . Der Aufruhr des Armen Konrad war sechs Jahre früher mit Mühe gestillt , doch war das Landvolk hie und da noch schwierig , weil der Herzog sie nicht für sich zu gewinnen wußte , seine Amtleute auf ihre eigene Faust arg hausten und Steuern auf Steuern erhoben wurden . Den Schwäbischen Bund , eine mächtige Vereinigung von Fürsten , Grafen , Rittern und freien Städten des Schwaben- und Frankenlandes hatte er wiederholt beleidigt , hauptsächlich auch dadurch , daß er sich weigerte , ihm beizutreten . So sahen also alle seine Grenznachbarn mit feindlichen Blicken auf sein Tun , als wollten sie nur Gelegenheit abwarten , ihn fühlen zu lassen , welch mächtiges Bündnis er verweigert habe . Der Kaiser Maximilian , der damals noch regierte , war ihm auch nicht ganz hold , besonders seit er im Verdacht war , den Ritter Götz von Berlichingen unterstützt zu haben , um sich an dem Kurfürsten von Mainz zu rächen . Der Herzog von Bayern , ein mächtiger Nachbar , dazu sein Schwager , war ihm abgeneigt , weil Ulerich mit der Herzogin Sabina nicht zum besten lebte . Zu allem diesem kam , um sein Verderben zu beschleunigen , die Ermordung eines fränkischen Ritters , der an seinem Hofe lebte . Glaubwürdige Chronisten sagen , das Verhältnis des Johann von Hutten zu Sabina sei nicht so gewesen , wie es der Herzog gerne sah ; daher griff ihn der Herzog auf einer Jagd an , warf ihm seine Untreue vor , forderte ihn auf , sich seines Lebens zu erwehren und stach ihn nieder . Die Huttischen , hauptsächlich Ulerich von Hutten , erhoben ihre Stimmen wider ihn , und in ganz Teutschland erscholl ihr Klage- und Rachegeschrei . Auch die Herzogin , die durch stolzes , zänkisches Wesen Ulerich schon als Braut aufgebracht und ihm keine gute Ehe bereitet hatte , trat jetzt als Gegnerin auf , entfloh mit Hülfe Dieterichs von Spät , und sie und ihre Brüder traten als Kläger und bittere Feinde bei dem Kaiser auf.3 Es wurden Verträge geschlossen und nicht gehalten , es wurden Friedensvorschläge angeboten und wieder verworfen , die Not um den Herzog wuchs von Monat zu Monat , und dennoch beugte sich sein Sinn nicht , denn er meinte , recht getan zu haben . Der Kaiser starb in dieser Zeit ; er war ein Herr , der Ulerich trotz den vielen Klagen dennoch Milde bewiesen hatte ; an ihm starb dem Herzog ein unparteiischer Richter , den er in diesen Bedrängnissen so gut hätte brauchen können , denn das Unglück kam jetzt schnell . Man feierte das Leichenfest des Kaisers zu Stuttgart in der Burg , als dem Herzog Kunde kam , daß Reutlingen , eine Reichsstadt , die in seinem Gebiete lag , seinen Waldvogt auf Achalm erschlagen habe . Diese Städtler hatten ihn schon oft empfindlich beleidigt , sie waren ihm verhaßt und sollten jetzt seine Rache fühlen . Schnell zum Zorn gereizt wie er war , warf er sich aufs Pferd , ließ die Lärmtrommeln tönen durch das Land , belagerte die Stadt und nahm sie ein . Der Herzog ließ sich von ihnen huldigen und die Reichsstadt war württembergisch.4 Aber jetzt erhob sich der Schwäbische Bund mit Macht , denn diese Stadt war ein Glied desselben gewesen . So schwer es auch sonst hielt , diese Fürsten , Grafen und Städte alle aufzubieten , so weilten sie doch hier nicht , sondern hielten zusammen , denn der Haß ist ein fester Kitt . Umsonst waren Ulerichs schriftliche Verteidigungen5 ; das Bundesheer sammelte sich bei Ulm und drohte mit einem Einfall . So war also in dem Jahr 1519 alles auf die Spitze gestellt . Konnte der Herzog das Feld behaupten , so behielt er recht und es war nicht zu zweifeln , daß er dann großen Anhang bekommen würde ; gelang es dem Bunde , den Herzog aus dem Felde zu schlagen , dann wehe ihm , wo so vieles zu rächen war , durfte er keine Schonung erwarten . Die Blicke Teutschlands hingen bange an dem Erfolg dieses Kampfes , sie suchten begierig durch den Vorhang des Schicksals zu dringen und zu erspähen , was die künftigen Tage bringen werden , ob Württemberg gesiegt , ob der Bund den Walplatz behauptet habe . Wir rollen diesen Vorhang auf , wir lassen Bild an Bild vorüberziehen , möge das Auge nicht zu frühe ermüdet sich davon abwenden . Oder sollte es ein zu kühnes Unternehmen sein , eine historische Sage der Vorzeit in unsern Tagen wieder zu erzählen ? Sollte es unbillig sein , zu wünschen , daß sich die Aufmerksamkeit des Lesers einige kurze Stunden nach den Höhen der Schwäbischen Alb und nach den lieblichen Tälern des Neckars wende ? Die Quellen des Susquehanna und die malerischen Höhen von Boston , die grünen Ufer des Tweed und die Gebirge des schottischen Hochlandes , Alt-Englands lustige Sitten und die romantische Armut der Galen , leben , Dank sei es dem glücklichen Pinsel jener berühmten Novellisten , auch bei uns in aller Munde . Begierig liest man in getreuen Übertragungen , die wie Pilze aus der Erde zu wachsen scheinen , was vor sechzig oder sechshundert Jahren in den Gefilden von Glasgow oder in den Wäldern von Wallis sich zugetragen . Ja , wir werden bald die Geschichte der drei Reiche so genau innehaben , als hätten wir sie nach den gelehrtesten Forschungen ergründet . Und doch ist es meist nur der große Unbekannte , der uns die Bücher seiner Chroniken erschloß und Bild an Bild in unendlicher Reihe vor dem staunenden Auge vorüberführte ; er ist es , der diesen Zauber bewirkte , daß wir in Schottlands Geschichte beinahe besser bewandert sind , als in der unserigen , und daß wir die religiösen und weltlichen Händel unserer Vorzeit bei weitem nicht so deutlich kennen , als die Presbyterianer und Episkopalen Albions . Und in was besteht der Zauber , womit jener unbekannte Magier unsere Blicke und unsere Herzen nach den » bergigten Heiden « seines Vaterlandes zog ? Vielleicht in der ungeheuern Masse dessen , was er erzählt , in der grauenvollen Anzahl von hundert Bänden , die er uns über den Kanal schickte ? Aber auch wir haben mit Gottes und der Leipziger Messen Hülfe Männer von achtzig , hundert und hundertundzwanzig ! Oder haben vielleicht die Berge von Schottland ein glänzenderes Grün , als der teutsche Harz , der Taunus und die Höhen des Schwarzwaldes ; ziehen die Wellen des Tweed in lieblicherem Blau als der Neckar und die Donau , sind seine Ufer herrlicher als die Ufer des Rheins ? Sind vielleicht jene Schotten ein interessanterer Menschenschlag als der , den unser Vaterland trägt , hatten ihre Väter röteres Blut als die Schwaben und Sachsen der alten Zeit , sind ihre Weiber liebenswürdiger , ihre Mädchen schöner als die Töchter Teutschlands ? Wir haben Ursache daran zu zweifeln , und hierin kann also jener Zauber des Unbekannten nicht liegen . Aber darin liegt er wohl , daß jener große Novellist auf historischem Grund und Boden geht , nicht als ob der unserige weniger geschichtlich wäre , aber wir haben ja schon seit Jahrhunderten uns angewöhnt , unter fremdem Himmel zu suchen , was bei uns selbst blühte , und wie wir die rohen Stoffe ausführen , um sie in anderer Form mit Bewunderung und Ehrfurcht als teure Kleinode wieder in unsere Grenzen aufzunehmen , so bewundern wir jedes Fremde und Ausländische nicht , weil es groß oder erhaben , sondern weil es nicht in unseren Tälern gewachsen ist . Doch auch wir hatten eine Vorzeit , die reich an bürgerlichen Kämpfen , uns nicht weniger interessant dünkt als die Vorzeit des Schotten ; darum haben auch wir gewagt , ein historisches Tableau zu entrollen , das , wenn es auch nicht jene kühnen Umrisse der Gestalten , jenen zauberischen Schmelz der Landschaft aufweist , und wenn das an solche Herrlichkeiten gewöhnte Auge umsonst die süße , bequeme Magie der Hexerei und den von Zigeunerhand geschürzten Schicksalsknoten darin sucht , ja wenn sogar unsere Farben matt , unser Crayon stumpf erscheint , doch eines zur Entschuldigung für sich haben möchte , ich meine die historische Wahrheit . I Was soll doch dies Trommeten sein ? Was deutet dies Geschrei ? Will treten an das Fensterlein , Ich ahne , was es sei . L. Uhland Nach den ersten trüben Tagen des März 1519 war endlich am 12. ein recht freundlicher Morgen über der Reichsstadt Ulm aufgegangen . Die Donaunebel , die um diese Jahreszeit immer noch drückend über der Stadt liegen , waren schon lange vor Mittag der Sonne gewichen , und immer freier und weiter wurde die Aussicht in die Ebene über den Fluß hinüber . Aber auch die engen kalten Straßen mit ihren hohen dunkeln Giebelhäusern hatte der schöne Morgen heller als sonst beleuchtet , und ihnen einen Glanz , eine Freundlichkeit gegeben , die zu dem heutigen festlichen Ansehen der Stadt gar trefflich paßte . Die große Herdbruckergasse - sie führt von dem Donautor an das Rathaus - stand an diesem Morgen gedrängt voll Menschen , die sich Kopf an Kopf wie eine Mauer an den beiden Seiten der Häuser hinzogen , nur einen engen Raum in der Mitte der Gasse übriglassend ; ein dumpfes Gemurmel gespannter Erwartung lief durch die Reihen , und brach nur in ein kurzes Gelächter aus , wenn etwa die alten , strengen Stadtwächter eine hübsche Dirne , die sich zu vorlaut in den freigelassenen Raum gedrängt hatte ; etwas unsanft mit dem Ende ihrer langen Hellebarde zurückdrängten , oder wenn ein Schalk sich den Spaß machte , » Sie kommen , sie kommen « , rief , alles lange Hälse machte und schaute , bis es sich zeigte , daß man sich wieder getäuscht habe . Noch dichter aber war das Gedränge da , wo die Herdbruckergasse auf den Platz vor dem Rathaus einbiegt ; dort hatten sich die Zünfte aufgestellt ; die Schiffer-Gilde mit ihren Altmeistern an der Spitze , die Weber , die Zimmerer , die Bräuer , mit ihren Fahnen und Gewerbzeichen , sie alle waren im Sonntagswams und wohlbewaffnet zahlreich dort versammelt . Bot aber schon die Menge hier unten einen fröhlichen , festlichen Anblick dar , so war dies noch mehr der Fall mit den hohen Häusern der Straßen selbst . Bis an die Giebeldächer waren alle Fenster voll geputzter Frauen und Mädchen , um welche sich die grünen Tannen und Taxuszweige , die bunten Teppiche und Tücher , mit welchen die Seiten geschmückt waren , wie Rahmen um liebliche Gemälde zogen . Das anmutigste Bild gewährte wohl ein Erkerfenster im Hause des Herrn Hans von Besserer . Dort standen zwei Mädchen , so verschieden an Gesicht , Gestalt und Kleidung , und doch beide von so ausgezeichneter Schönheit , daß , wer sie so von der Straße betrachtete , eine Weile zweifelhaft war , welcher er wohl den Vorzug geben möchte . Beide schienen nicht über achtzehn Jahre zu haben , die eine größere war zart gebaut ; reiches braunes Haar zog sich um eine freie Stirne , die gewölbten Bogen ihrer dunkeln Brauen , das ruhige blaue Auge , der feingeschnittene Mund , die zarten Farben der Wangen - sie gaben ein Bild , das unter unsern heutigen Damen für sehr anziehend gelten würde , das aber in jenen Zeiten , wo noch höheren Farben , volleren Formen der Apfel zuerkannt wurde , nur durch seine gebietende Würde neben der andern Schönen sich geltend machen konnte . Diese , kleiner und in reichlicherer Fülle als ihre Nachbarin , war eines jener unbesorgten immer heiteren Wesen , welche wohl wissen , daß sie gefallen . Ihr hellblondes Haar war nach damaliger Sitte der Ulmer Damen in viel Löckchen und Zöpfchen geschlungen , und zum Teil unter ein weißes Häubchen voll kleiner künstlicher Fältchen gesteckt , das runde frische Gesichtchen war in immerwährender Bewegung , noch rastloser glitten die lebhaften Augen über die Menge hin , und der lächelnde Mund , der alle Augenblicke die schönen Zähne sehen ließ , zeugt deutlich , daß es unter den vielerlei abenteuerlichen Gruppen und Gestalten nicht an Gegenständen fehle , die ihrer fröhlichen Laune zur Zielscheibe dienen mußten . Hinter den beiden Mädchen stand ein großer bejahrter Mann ; seine tiefen strengen Züge , seine buschigen Augenbrauen , sein langer dünner , schon ins Graue spielender Bart , selbst sein ganz schwarzer Anzug , der wunderlich gegen die reichen bunten Farben um ihn her abstach , gaben ihm ein ernstes , beinahe trauriges Aussehen , das kaum ein wenig milder wurde , wenn ein Schimmer von Freundlichkeit , hervorgelockt durch die glücklichen Einfälle der Blondine , wie ein Wetterleuchten durch das finstere Gesicht zog . Diese Gruppe , so verschieden in sich durch Farbe und Schattierung , wie durch Charakter und Jahre , zog hin und wieder die Aufmerksamkeit der Untenstehenden auf sich . Manches Auge hing an den schönen Mädchen , und sie beschäftigten eine Weile durch ihre überraschende Erscheinung jene müßige Menge , die schon ungeduldig zu werden anfing , daß das Schauspiel , dessen sie harrten , noch immer sich nicht zeigen wollte . Es ging schon stark auf Mittag ; die Menge wogte immer ungeduldiger , preßte sich stärker , und hin und wieder hatte sich schon einer oder der andere aus den Reihen der ehrsamen Zünfte auf den Boden gelagert , da tönten drei Stückschüsse von der Schanze auf dem Luginsland herüber , die Glocken des Münsters begannen tiefe volle Akkorde über die Stadt hinzurollen , und im Augenblick hatten sich die verworrenen Reihen geordnet . » Sie kommen , Marie , sie kommen « , rief die Blonde im Erkerfenster , und schlang ihren Arm um den Leib ihrer Nachbarin , indem sie sich weiter zum Fenster hinausbeugte . Das Haus des Herrn von Besserer bildete die Ecke der vorerwähnten Straße , von dem Erker konnte man hinab beinahe bis an das Donautor , und hinüber bis in die Fenster des Rathauses , sehen , und die Mädchen hatten also ihren Standpunkt trefflich gewählt , um das Schauspiel , dessen sie harrten , ganz zu genießen . Die Gasse zwischen den beiden Reihen des Volkes war indes mit Mühe weiter gemacht worden , die Stadtwächter stellten sich mit weit ausgestreckten Hellebarden auf , tiefe Stille herrschte unter der ungeheuren Menge , nur das Geläute der Glocken tönte noch fort . Jetzt hörte man den dumpfen Schall der Pauken , vermischt mit den hohen Klängen der Zinken und Trompeten , und durch das Tor herein bewegte sich ein langer glänzender Zug von Reitern . Die Stadtpauker und Trompeter , die berittene Schar der Ulmer Patriziersöhne war eine zu alltägliche Erscheinung , als daß das Auge lange darauf verweilt hätte . Als aber das schwarze und weiße Banner der Stadt , mit dem Reichsadler , als Fahnen und Standarten aller Größen und Farben , zum Tor hereinschwankten , da gedachten die Zuschauer , daß jetzt der rechte Augenblick gekommen sei . Auch unsere Schönen im Erkerfenster schärften jetzt ihre Blicke , als man die Menge am untern Teil der Straße ehrerbietig die Mützen abnehmen sah . Auf einem großen starkknochigen Rosse nahte ein Mann , dessen kräftige Haltung , dessen heiteres , frisches Ansehen in sonderbarem Kontrast stand , mit der tief gefurchten Stirne und dem schon ins Graue spielenden Haar und Bart. Er trug einen zugespitzten Hut mit vielen Federn , einen Brustharnisch über ein enganschließendes rotes Wams , Beinkleider von Leder mit Seide ausgeschlitzt , die wohl von neuem recht hübsch gewesen sein mochten , aber durch Regen und Strapazen eine einförmige dunkelbraune Farbe erhalten hatten . Weite schwere Reiterstiefel schlossen sich unter den Knien an . Seine einzige Waffe ein ungewöhnlich großes Schwert mit langem Griffe ohne Korb , vollendet das Bild eines gewaltigen , unter Gefahren früh ergrauten Kriegers . Der einzige Schmuck dieses Mannes war eine lange goldene Kette von dicken Ringen , fünfmal um den Hals gelegt , an welcher ein Ehrenpfennig von gleichem Metall auf die Brust herabhing . » Sagt geschwind , Oheim ! wer ist der stattliche Mann , der so jung und alt aussieht « , rief die Blonde , indem sie das Köpfchen ein wenig nach dem schwarzen Herrn , der hinter ihr stand , zurückbeugte . » Das kann ich dir sagen , Berta « , antwortete dieser , » es ist Georg von Frondsberg6 , oberster Feldhauptmann des bündischen Fußvolkes , ein wackerer Mann , wenn er einer besseren Sache diente ! « » Behaltet Eure Bemerkungen für Euch , Herr Württemberger « , entgegnete ihm die Kleine , indem sie lächelnd mit dem Finger drohte , » Ihr wißt , daß die Ulmer Mädchen gut bündisch sind ! « Der Oheim aber , ohne sich irremachen zu lassen , fuhr fort : » Jener dort auf dem Schimmel ist Truchseß Waldburg , der Feldlieutenant7 , dem auch etwas von unserem Württemberg wohl anstünde ; dort hinter ihm kommen die Bundesobersten ; weiß Gott , sie sehen aus wie Wölfe , die nach Beute gehen . « » Pfui ! verwitterte Gestalten ! « bemerkte Berta , » ob es wohl auch der Mühe wert war , Bäschen Marie , daß wir uns so putzten ? Aber siehe da , wer ist der junge schwarze Reiter auf dem Braunen ? sieh nur das bleiche Gesicht und die feurigen schwarzen Augen ! Auf seinem Schilde steht , ich hab ' s gewagt . « » Das ist der Ritter Ulerich von Hutten « , erwiderte der Alte , » dem Gott seine Schmähworte gegen unsern Herzog verzeihen wolle . Kinder ! das ist ein gelehrter frommer Herr ; er ist zwar des Herzogs bitterster Feind , aber ich sage so , denn was wahr ist , muß wahr bleiben ! 8 Und siehe , da sind Sickingens9 Farben , wahrhaftig da ist er selbst ; schaut hin Mädchen , das ist Franz von Sickingen , sie sagen , er führe tausend Reiter in das Feld , der ist ' s mit dem blanken Harnisch und der roten Feder . « » Aber sagt mir Oheim « , fragte Berta wieder , » welches ist denn Götz von Berlichingen , von dem uns Vetter Kraft so viel erzählt ; er ist ein gewaltiger Mann und hat eine Faust von Eisen ; reitet er nicht mit den Städten ? « » Götz und die Städtler nenne nie in einem Atem « , sprach der Alte mit Ernst ; » er hält zu Württemberg . « 10 Ein großer Teil des Zuges war während diesem Gespräch am Fenster vorübergezogen , und mit Verwunderung hatte Berta bemerkt , wie gleichgültig und teilnahmslos ihre Base Marie hinabschaue . Es war zwar sonst des Mädchens Art , sinnend , zuweilen wohl auch träumend auszusehen , aber heute , bei einem so glänzenden Aufzug so ganz ohne Teilnahme zu sein , deuchte ihr ein großes Unrecht . Sie wollte sie eben zur Rede stellen , als ein Geräusch von der Straße her , ihre Aufmerksamkeit auf sich zog . Ein mächtiges Roß bäumte sich in der Mitte der Straße unter Ihrem Fenster , wahrscheinlich scheue gemacht durch die flatternden Fahnen der Zünfte . Sein hoch zurückgeworfener Kopf verdeckte den Reiter , so daß nur die wehenden Federn des Baretts sichtbar waren ; aber die Gewandtheit und Kraft , mit welcher er das Pferd herunterriß und zum Stehen brachte , ließ einen jungen mutigen Reiter ahnen . Das lange hellbraune Haar war ihm von der Anstrengung über das Gesicht herabgefallen , als er es zurückschlug , traf sein Blick das Erkerfenster . » Nun dies ist doch einmal ein hübscher Herr « , flüsterte die Blonde ihrer Nachbarin zu , so heimlich , so leise , als fürchte sie von dem schönen Reiter gehört zu werden , » und wie er artig und höflich ist ! siehe nur , er hat uns gegrüßt ohne uns zu kennen ! « Aber das stille Bäschen Marie schien der Kleinen nicht viel Aufmerksamkeit zu schenken ; ein glühendes Rot zog über die zarten Wangen . Ja ! wer die ernste Jungfrau gesehen hatte , wie sie so kalt auf den Zug hinabsah , hätte wohl nie geahnet , daß so viel holde Freundlichkeit um diesen Mund , so viel Liebe in diesem sinnenden Auge wohnen könnte , als in jenem Augenblick sichtbar wurde , wo sie durch ein leichtes Neigen des Hauptes den Gruß des jungen Reiters erwiderte . Der kleinen Schwätzerin war unsere flüchtige aber wahre Bemerkung über dem Anblick des schönen Mannes völlig entgangen ; » Nur schnell Oheim « , rief sie und zog den alten Herrn am Mantel , » wer ist dieser in der hellblauen Binde mit Silber ? Nun ? « » Ja liebes Kind « , antwortete der Oheim , » den habe ich in meinem Leben nicht gesehen . Seinen Farben nach steht er in keinem besonderen Dienst , sondern reitet wohl auf seine eigene Faust gegen meinen Herzog und Herrn , wie so viele Hungerleider , die sich an unseren Töpfen laben wollen . « » Mit Euch ist doch nichts anzufangen « , sagte die Kleine und wandte sich unmutig ab ; » die alten und gelehrten Herren kennet Ihr alle auf hundert Schritte und weiter ; wenn man aber einmal nach einem hübschen , höflichen Junker fragt , wißt Ihr nichts . Du bist auch so Marie , machtest Augen auf den Zug hinunter , als ob es eine Prozession an Fronleichnam wäre ; ich wette , du hast das Schönste von allem nicht gesehen , und hattest noch den alten Frondsberg im Kopfe , als ganz andere Leute vorbeiritten ! « Der Zug hatte sich während dieser Strafrede Bertas vor dem Rathause aufgestellt , die bündische Reiterei , die noch vorüberzog , hatte wenig Interesse mehr für die beiden Mädchen , als daher die Herren abgesessen und zum Imbiß ins Rathaus gezogen waren , als die Zünfte ihre Glieder auflösten und das Volk sich allmählich zu verlaufen begann , zogen auch sie sich vom Fenster zurück . Berta schien nicht ganz zufrieden zu sein . Ihre Neugier war nur halb befriedigt . Sie hütete sich übrigens wohl , vor dem alten , ernsten Oheim etwas merken zu lassen . Als aber dieser das Gemach verließ , wandte sie sich an ihre Base , die noch immer träumend am Fenster stand : » Nein ! wie einen doch so etwas peinigen kann ! Ich wollte viel darum geben , wenn ich wüßte , wie er heißt ; daß du aber auch gar keine Augen hast , Marie ! Ich stieß dich doch an , als er grüßte . Siehe , hellbraune Haare , recht lang und glatt , freundliche dunkle Augen , das ganze Gesicht ein wenig bräunlich , aber hübsch , sehr hübsch . Ein Bärtchen über dem Mund , nein ! ich sage dir - Wie du jetzt nur wieder gleich rot werden kannst « , fuhr die Blonde in ihrem Eifer fort , » als ob zwei Mädchen , wenn sie allein sind , nicht von dem schönen Mund eines jungen Herrn sprechen dürften . Dies geschieht oft bei uns ; aber freilich bei deiner seligen Frau Muhme in Tübingen und bei deinem ernsten Vater in Lichtenstein , kamen solche Sachen nicht zur Sprache , und ich sehe schon , Bäschen Marie träumt wieder , und ich muß mir ein Ulmer Stadtkind suchen , wenn ich auch nur ein klein wenig schwatzen will . « Marie antwortete nur durch ein Lächeln , das wir vielleicht etwas schelmisch gefunden hätten ; Berta aber nahm den großen Schlüsselbund vom Haken an der Türe , sang sich ein Liedchen und ging , um noch einiges zum Mittagessen zu rüsten . Denn wenn man ihr auch etwas zu große Neugierde vorwerfen konnte , so war sie doch eine zu gute Haushälterin , als daß sie über der flüchtigen Erscheinung des höflichen Reiters das Zugemüse und den Nachtisch vergessen hätte . Sie hüpfte hinaus und ließ ihre Base allein bei ihren Gedanken ; und auch wir stören sie nicht , wenn sie jetzt die schönen Bilder der Erinnerung durchgeht , die jene Erscheinung mit einemmal aus dem tiefen , treuen Herzen hervorgerufen hatte , wenn sie jener Zeit gedenkt , wo ein flüchtiger Blick von ihm , ein Druck seiner Hand , ihre Tage erhellte