Schopenhauer , Johanna Die Tante www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Johanna Schopenhauer Die Tante Ein Roman Even so it was with me , when I was young : It is the show and seal of nature ' s truth , Where love ' s strong passion is impress ' d in youth : By our remenbrances of days foregone , Such were our faults ; - or then we thougt them none . SHAKESPEARES All ' s well that ends well . Act I. Scene III. Erster Band Babet und Agathe , zwei sehr hübsche Mädchen von sechszehn und siebenzehn Jahren , saßen an einem rauhen Herbstabende , in der trübseligsten Stimmung von der Welt , ganz allein bei einander . Draußen peitschte der Sturm mit lautem Geprassel Regen und Hagel gegen das Fenster des Kabinets , und im Nebenzimmer lag ihre todtkranke Verwandte Vicktorine , die einzige Tochter des reichen Handelsherrn Kleeborn , der seit dem frühen Tode ihrer Eltern sich als der Bruder ihrer Mutter der armen verwaiseten Kinder väterlich annahm . Wenn sie auch der Kranken wegen sich nicht hätten Zwang anthun müssen , so war doch ohnehin , den beiden Mädchen nicht so zu Muthe , daß sie wie sonst hätten mit einander um die Wette plaudern mögen ; denn seit Jahr und Tag , das heißt , seit sie aus der Pensionsanstalt in das Haus ihres Oheims kamen , waren ihnen zum erstenmale zwei tödtlich lange Wochen ohne Ball , ohne Theater , ohne irgend eine Art von Gesellschaft , langsam vorüber geschlichen . Daher wußten sie auch gar nichts ordentliches zu reden ; am liebsten wären sie aus lauter Langerweile gleich zu Bette gegangen , obgleich es eben erst Abend ward ; aber das ging auch nicht an , denn es war an ihnen die Reihe , diese Nacht bei der kranken Kusine zu wachen . Es schämte sich nur eine vor der andern , sonst hätte jede sich gern in einen Winkel hingesetzt , und nach Herzenslust drauf los geweint , so beklommen war ihnen zu Muthe . Nachdem sie eine feine Weile so trübseelig da gesessen hatten , begannen sie so leise als möglich auf den Fußspitzen nebeneinander in dem kleinen Zimmer umher zu schleichen , bis Babet sehr nachdenklich am Fenster stehen blieb , den zierlichen Finger an die hübsche Nase legte , und nach einer kleinen Pause mit fast heroischem Anstande ausrief : » richtig ! der Schwarze ! « so daß Agathe darüber , der draussen herrschenden Dunkelheit vergessend , mit dem Köpfchen neugierig gegen das Fenster fuhr . Die Scheiben klirrten , Agathe klagte weinerlich : » Das war recht maliziös von dir ! « und rieb sich die schmerzende Stirn . » Ich weis gar nicht was du darunter suchst , « setzte sie hinzu . » Und ich weis gar nicht was es dich angeht , « erwiederte Babet . » So ? und hast du mir nicht gesagt ? « eiferte Agathe . Babet meinte , das hätte sie eben nicht , und nun gieng der Zwist wieder los , gerade wie gestern Abend , da sich beide blos für die Langeweile recht tüchtig mit einander herumgestritten hatten . Manch heisses Thränchen war schon von beiden Seiten geflossen , als Babet endlich heraus schluchzte : » es ist doch zu arg , daß man nun nicht einmal mehr überlegen darf , was man morgen in der Kirche für einen Huth aufsetzen will « » Was ? Huth aufsetzen ? « fragte , schnell sich erheiternd , Agathe , » liebste Babet ! ich meinte wahrhaftig , du sähest draussen den Schwarzen , ach du weist ja , wen wir so nennen ; den hübschen Lieutenant meinte ich ! « Die unwiederstehlichste Lust zum Lachen hemmte jetzt aufs schnellste den Erguß der Thränen bei beiden Mädchen ; vergebens tönte gleich einem nahenden Gewitter , das warnende Husten der alten französischen Mamsell aus dem Krankenzimmer zu ihnen herüber ; sie waren nicht im Stande sich zu fassen . Das Lachen hörte nicht auf , selbst als die Mamsell ein sehr ernsthaftes : » fi donc , mes enfants ! « zur halbgeöffneten Thüre hereinflüsterte ; sie stopften sich zwar die kleinen Batisttücher in den niedlichen Mund , aber es half wenig . Endlich schmiegten sich alle beide in des Onkels großen Lehnstuhl hinein , und legten , noch immer kichernd , die Lockenköpfchen dicht aneinander . Nach und nach war es jetzt im Zimmer beinah ganz dunkel geworden , denn man hatte vergessen ihnen Licht zu bringen ; dazu orgelte der Wind im Kamin , und pfiff in schneidenden Tönen durch die langen Gänge des weitläuftigen Hauses , so daß den Mädchen , trotz dem Lachen , ein kleines Grauen anwandelte . Sie mochten sich weder regen , noch einander loslassen , und fiengen daher lieber an von ihren Herzensangelegenheiten mit einander zu plaudern ; denn dieses war so recht ein Stündchen dazu . » Sage einmal , « flüsterte Agathe , » geht er denn in die Kirche , wenn du den schwarzen Huth aufsetzest ? « » Ei bewahre ! « antwortete Babet , » aber er wartet ja alle Sonntage mit den Andern an der Kirchthüre , um die Damen zu sehen , die hineingehen ; mich grüßt er dann immer ganz absonderlich , den schwarzen Huth kennt er aber noch gar nicht an mir , weil der noch neu ist , und er kleidet mich doch am besten , wie du weißt . « » Ach Gott ! nun habe ich den armen Theodor schon seit acht Tagen nicht gesehen ! « setzte Babet mit einem recht kläglichen Seufzer hinzu , » wären nur die Ferien nicht so schnell vorüber ! wie lange wird es währen , so muß er wieder nach Göttingen ! Das alberne Studiren ! Ach und nun ist Montag die neue große Oper und Dinstag Ball im Kassino ! Was hilft es mir nun , daß ich zum ersten Walzer , zur zwoten Quadrille und zum Kotillion mit ihm engagirt bin ? Da haben sie nun alle mich so beneidet ! und nun bin ich doch so unglücklich ! « » Ach ja ! es ist eine rechte Noth , « seufzte Agathe , » und darum will ich mich auch niemals verlieben , all ' mein Lebtage nicht . « » Ich dächte gar ! « rief lachend Babet , » willst du eine alte Jungfer werden wie die Tante ? « » Ach die adliche Tante , sprich nur nicht von der ! « erwiederte Agathe ganz ärgerlich . » Ich wollte die säße wo der Pfeffer wächst , oder wo sie bis jezt gesessen hat . Der Onkel hätte auch nicht nöthig gehabt , sie Vicktorinen wegen zu verschreiben , die hätten wir wohl ohne ihre Hülfe gepflegt , und wäre auch wohl so gesund geworden . Ich kenne zwar die Tante noch gar nicht . « » Ich auch nicht , « fiel Babet ein , » aber sie ist mir doch auch eben so fatal als dir . Gieb nur Acht , wie die uns wird behofmeistern wollen , als wenn wir nicht schon mit der Mamsell Noth genug hätten . Und eigentlich ist sie nicht einmal unsere rechte Tante , denn unsere Mutter war doch die leibliche Schwester des Onkels Kleeborn , sie aber ist nur die Schwester seiner seeligen Frau , und obendrein eine Nonne oder so etwas . « » Stiftsdame ist sie , « fiel Agathe belehrend ein , » doch wir wollen schon sehen , wie wir mit ihr fertig werden , « fuhr sie fort , » laß uns jezt nur wieder auf den Schwarzen kommen . Siehst du , ich thue nur so , als ob ich Theil an ihm nähme , denn man muß in der Welt alles mitmachen , aber ich heurathe ihn nicht , wenn er auch um mich anhält , das kann ich dir auf Ehre versichern . « Hiermit lehnte sich Agathe sehr gravitätisch in den Lehnstuhl zurück , und that dabei so ernsthaft , daß Babet wieder laut auflachen mußte . » Kennst du ihn denn so gut ? « fragte diese . » Bewahre ! « war die Antwort , » ich meinte nur , wenn ich ihn kennte , und eigentlich kenne ich ihn doch . Du weißt , wie oft wir mit einander getanzt haben , und er ist auch schon zweimal hier nebenan bei Obristens zum Besuch gewesen , da habe ich jedes Wort gehört was er gesagt hat , und ich kann dich versichern , es war alles sehr vernünftig , du kannst es mir glauben . « » Warst du denn bei Obristens zum Besuch ? Das hast du mir ja noch gar nicht erzählt , « fragte Babet . » Ach nein , « antwortete Agathe , » ich hatte nur wegen des Geldbeutels , den ich dem Onkel zu Weihnachten häckeln will , mit Amelie nothwendig zu sprechen , und da stand ich ein wenig hinter der Thüre . « » Ja so ! « erwiederte Babet bedächtig , » nun ich wollte , mein Theodor machte jezt nur auch bald ein Ende , und spräche mit dem Onkel . Eigentlich hat er auf Ostern ausstudirt , Pfingsten kann er sich examiniren lassen , dann wird er auf Johanni angestellt « - » und heurathet dich auf Michaeli , das geht ja alles Quartalweise bei dir , « fiel Babet lachend ein . » Das Fräulein Tante kommt ! « rief jezt ein vorübereilender Bediente ins Kabinet hinein , und beide Mädchen nahmen sich schnell zusammen , um der Gefürchteten entgegen zu gehen . Sie fanden die Ankommende noch auf der , mit Marmor getäfelten Hausflur , von vorleuchtenden Bedienten umgeben , welche sie in die für sie bereiteten Zimmer führen wollten . Es war eine hohe , schlanke , Ehrfurcht gebietende Gestalt , die in dem schwarzen , knapp anschließenden Reisekleide , mit dem schwarzen Spitzenschleier über dem dicht anliegenden , weissen Häubchen wirklich ein ziemlich nonnenartiges Ansehen hatte . Die edlen , etwas scharf gezeichneten Züge des blassen Gesichts trugen noch unverkennbare Spuren ehemaliger seltner Schönheit ; die leicht beweglichen feinen Lippen des noch immer schönen Mundes bezeichneten , wie bei Andern das Auge , jede vorübergehende Empfindung mit einem ganz eigenthümlichen Ausdrucke . Die großen hellblauen Augen hingegen schienen auf den ersten Anblick beinahe farblos und unbedeutend , doch wenn sie , während die Tante sprach , sich belebten , so drang eine solche innere Lebensgluth aus ihnen hervor , daß man sie für ungewöhnlich schön anerkennen mußte . Es lag etwas Südlich-schwärmendes im Aufschlage dieser , noch immer von langen dunkeln Wimpern beschatteten Augen , das an jene herrlichen Darstellungen der Mater dolorosa erinnerte , wie wir sie noch in alten Kirchen zuweilen sehen . Uebrigens schien die Tante kaum funfzig Jahre zu zählen , obgleich sie fast zehn Jahre älter war . Die Hand der Zeit hatte die etwas stolze Haltung des hohen Wuchses nicht gebeugt , und das noch immer weiche blonde Haar zeigte nur fast unmerkbare Spuren von Reife des Alters . Die ganze Erscheinung dieser Dame stellte sich als eine jener begünstigten Ausnahmen dar , welche die Zeit zuweilen nur mit mildem schonenden Hauche zu berühren wagt , um ein seltenes Meisterwerk der Natur so spät als möglich verblühen zu lassen . So hatten weder Agathe noch Babet sich die Tante gedacht . Sie begrüßten sie ängstlich verlegen , und zogen dann so ehrfurchtsvoll hinter ihr drein , um sie in ihre Zimmer zu begleiten , als wäre sie eine Königin . Obgleich Beide nur noch vor wenigen Minuten sehr vorlaut über sie abgesprochen hatten , so waren sie jetzt doch so befangen , daß sie nur verstohlen es wagten , den prüfenden Blick zu ihr und zu einem sehr jungen , sehr schönen und sehr bleichen Mädchen zu erheben , das , sichtbar ermattet , auf ihren Arm sich stüzte . » Der Onkel ist nicht zu Hause , wir wollen ihn aber gleich holen lassen , « stotterte Agathe . » Er ist im Kassino , wo er alle Abend sein Parthiechen macht und gewöhnlich erst nach Mitternacht zu Hause kommt , « setzte Babet , sich ermuthigend , hinzu . » Dort laßt ihn in Ruhe , ich bitte , ich werde morgen ihn sehen , sprach die Tante sehr freundlich , » für jezt wünsche ich nun Mamsell Virnot zu sprechen , um genau zu erfahren , wie es mit unsrer Vicktorine steht . Euch aber , liebe Nichten - denn das seid ihr doch , denke ich ? « » Ach ja , Babet und Agathe , « riefen beide Mädchen im Chor . » Nun denn , liebe Babet und liebe Agathe , euch beiden empfehle ich hier meine Pflegetochter , sie heißt Angelika . Ich bitte euch nicht , sie zu lieben , denn das findet sich gewiß von selbst , nehmt euch nur fürs erste ihrer freundlich an , und helft dem armen , reisemüden Kinde zur Ruhe zu kommen . « Mitternacht war längst vorüber ; Vicktorine lag leise athmend im tiefen Schlummer , von dem der noch spät sie besuchende Arzt die heilsamsten Folgen gehofft hatte . Auch Agathe und Babet waren schon vor ein paar Stunden zu Bette geschickt worden , denn die Tante , welche sich von der heutigen sehr kurzen Tagereise gar nicht ermüdet fühlte , hatte darauf bestanden , an ihrer Stelle bei der Kranken zu wachen . Die Jugend , sprach sie zu ihrer alten Freundin Virnot , indem sie für die beiden schläfrigen Kinder vorbat , die Jugend bedarf zum Gedeihen des Schlafes , wie die erblühende Pflanze den erquickenden Thau . Anders ist es mit uns , deren Lebenstag sich schon dem Untergange zuneigt , da wird die Natur selbst genügsamer , und lehrt uns , mit den Stunden haushalten , die uns vielleicht nur noch sehr sparsam zugezählt sind . So saß sie denn jezt in dem , an das Krankenzimmer stoßenden Kabinette , in dem nehmlichen Lehnstuhle , in welchem vor ein paar Stunden Babet und Agathe einander ihren Liebeskummer geklagt hatten , und ihr gegenüber , die beim Schein der verdüsterten Lampe emsig strickende Französin . Die Thüre des Nebenzimmers stand offen , keine Bewegung der Kranken konnte ihren Wächterinnen entgehen , doch sie schlief fest und ruhig . » Gute Virnot , « hob die Tante das leise flüsternde Gespräch an , » liebe alte treue Freundin , ich muß diese ersten Augenblicke ungestörten Beisammenseyns benutzen , um Ihnen für die unsägliche Liebe zu danken , mit der Sie meiner armen Vicktorine sich annehmen . « » Ach das liebe Kind ! « erwiederte freudig die Französin , » es ist ja , als wäre es das meine . Je l ' ai vu naître ; diese Arme haben sie von ihrer Kindheit an getragen ; wie sollte ich sie nicht lieben ? c ' est un coeur excellent , ein wenig heftig , ein wenig hochfahrend zuweilen , doch das macht die Jugend ; der Grund ist vortrefflich , c ' est le vrai portrait de feu Madame sa mère . Wenn ich dagegen Babet und Agathe mit ihr vergleiche ! ach Ihro Hochwürden ! ces chers Enfants sind ein paar maliziöse kleine Kreaturen . « » Nicht doch , gute Virnot , « fiel die Tante lächelnd ein , » unartig mögen sie wohl zuweilen seyn , das gebe ich zu , aber nicht boshaft , denn die Jugend ist dies selten oder nie . Doch lassen Sie uns jezt lieber von unsrer Vicktorine sprechen . Es sind nun zwölf Jahre , daß ich weder sie noch ihren Vater gesehen habe , und ich stehe da mitten unter den Meinen , gleich einer Fremden . Dennoch hängt jezt mein ganzes Herz an dem theuern Ebenbilde meiner früh zur Ruhe gegangenen Schwester , das ich als sechsjähriges Kind verlassen habe , und jezt als achtzehnjährige Jungfrau wieder finde . « » Und wie sie sich entwickelt hat , cette chère petite Victorine , rief die Guvernante . Belle comme le jour , Madame , je vous assure . In gesunden Tagen war keine von unsern jungen Demoiselles ihr zu vergleichen , sie war die Krone von allen , und jezt , hélas ! « » Sie wird es wieder , gute Virnot , « tröstete die Tante ; doch diese seufzte , » ah Madame ! ich fürchte , der Arzt wird für unsre Vicktorine nur wenig thun können , denn was sie heilen soll , ist in keiner Apotheke zu finden . Hätte sie mir nur vertraut , aber da hat sie geschwiegen und geweint , und geweint und geschwiegen , und nun liegt sie da . « » Liebe Virnot , wie Sie mich erschrecken ! « rief die Tante , » ich beschwöre Sie , sagen Sie mir alles , was Sie von dem geliebten Kinde wissen oder vermuthen , es sei noch so wenig , noch so unbestimmt . Es ist durchaus nothwendig , daß ich einigermaßen vorbereitet sei , ehe ich es versuche , Vicktorinens Vertrauen mir zu gewinnen . Ich hoffe , sie wird zu mir ein Herz fassen , sie wird mich um ihrer Mutter willen lieben , obgleich sie mich nur aus den Briefen kennt , die wir bisher , selten genug , mit einander gewechselt haben . Leider war ich stets mit Vicktorinens Umgebungen zu wenig bekannt , um auf das Gemüth meiner Nichte entscheidend wirken zu können . Nur Sie kenne ich in diesem Hause , liebe Virnot , und die Treue , welche Sie so viele Jahre hindurch meiner Schwester und ihrem Kinde bewiesen , alle andern sind mir fremd , sogar Vicktorinens Vater ; wir sind in geistiger Hinsicht einander nie näher gekommen . Liebe zu dem einzigen Kinde meiner Schwester konnte allein mich bewegen , seinen dringenden Bitten nachzugeben und die geliebte Einsamkeit meines Stiftes mit dem Leben in dieser geräuschvollen Stadt auf einige Zeit zu vertauschen . « » Et Dieu en soit loué mille fois , « rief die ehrliche Virnot ; » denn dieses haus bedarf jezt mehr als je an seiner Spitze einer Dame , wie Ihro Hochwürden Gnaden sind , und unsre junge Demoiselle einer Leitung , wie Sie allein ihr gewähren können . Ich war ja von jeher nur ihre Bonne . Zwar obgleich ich nicht in Frankreich selbst , sondern nur in der französischen Kolonie zu Berlin geboren bin , französisch hat sie dennoch von mir gelernt . Madame , elle parle comme une petite parisienne , sie hat so ganz den ächten Accent in ihrer Gewalt , eh bien , das sind Gaben von Gott . Dabei hat sie ein gewisses maintien , gewisse Manieren , wie eine kleine Prinzessin . Das alles ist aber doch nicht genug , maintenant qu ' elle est une grande Demoiselle , kann ich das liebe Kind doch nicht mehr überall hinbegleiten , überdem liegt die ganze Haushaltung auf mir , und so ist es allerdings ein großes Glück , daß Ihro Hochwürden Gnaden sich der Noth annehmen wollen . « » Lassen Sie mich vor allen Dingen Sie bitten , liebe Virnot , mich mit dem Titel zu verschonen , den ich außerhalb meines Stiftes , und besonders hier , übel angebracht finde ; und nun machen Sie mich mit der Noth bekannt , welcher abzuhelfen , hier meine einzige Sorge sein soll ; « sprach die Tante . » Eh bien donc , Madame , vous le voulez , « erwiederte die Französin , nahm die Brille ab , legte ihr Strickzeug zusammen , und rückte im Sessel sich zurecht , dann fuhr sie folgendermaßen fort . » Au fond , glaube ich , liegt die Schuld wohl größtentheils am cher Papa . Herr Kleeborn ist zwar ein sehr braver Mann , der sein Kind liebt , wie ein rechtlicher Vater soll und muß . Er läßt es Vicktorinen an nichts fehlen , er hält ihr die theuersten maitres , in allem , was eine solche junge Demoiselle zu lernen hat , sein Haus ist das brillianteste in der Stadt . Ach Ihro Gnaden können gar nicht glauben , wie ich mich tummeln muß , bei den ewigen Feten , die wir geben ; denn obgleich wir Bedienten die Menge haben , liegt doch alles auf der alten Virnot , mais je le fais de bon coeur . Ja , was ich sagen wollte , um wieder auf unsern Text zu kommen , ja , und eine Garderobe hat unsre jeune Demoiselle , comme une petite Reine , je vous assure , Schmuck und alles , was dazu gehört . « » Nun das alles will indessen nicht viel sagen , Herr Kleeborn besizt ein fürstliches Vermögen , Alle an der Börse ziehen den Huth vor ihm ab , und so kann er den Aufwand wohl ertragen . Mais , Madame , entre nous soit dit , das ist nicht immer so gewesen . Es kam einmal eine Zeit , nicht lange vor dem Ableben unsrer seligen Dame , es mögen zehn Jahre und drüber sein , das war eine sehr böse Zeit , in der die Stützen von Europa wankten , wie Herr Kleeborn zu sagen pflegt , wenn jetzt die Rede darauf kommt . Ein eigener Unglücksstern muß damals über der Handelswelt aufgegangen sein , denn , figurez vous , Madame , in Amsterdam , in London , überall in den bedeutendsten Handelsstädten fielen die größten Häuser . Ueberall herrschte Mistrauen , plus de confiance , plus de crédit , nulle part . Jeder Tag brachte neue Hiobsposten , und Herr Kleeborn ward immer so bleich , wie hier mein Tuch , ehe er die Briefe , welche an ihn einliefen , im Zimmer von Madame erbrach ; denn da trug er sie damals immer hin , weil er sich nicht mehr getraute , sie im Komtoir im Beisein seiner Leute zu eröffnen . Wahrscheinlich fürchtete er , sich zur Unzeit zu verrathen , wenn etwa böse Nachrichten kämen . Nun die blieben denn auch nicht aus , und Herr Kleeborn sah sich au bord d ' un précipice , wie man zu sagen pflegt . Er war zwar nicht ruinirt , aber er gerieth doch , pour le moment , in sehr dringende Verlegenheit , und nur baares Geld konnte ihn retten , wenn er nicht , wie damals so viele andere , seine Zahlungen suspendiren wollte . Le pauvre homme ! Der bloße Gedanke an einen solchen Schritt sezte ihn in Verzweiflung . Meine arme Dame hat in jenen Tagen recht viel mit ihm ausgestanden , denn nur ihr allein vertraute er alles . Ah ! comme elle en a pleuré ! « » Meine arme Schwester ! mir hat sie das alles verschwiegen ! « seufzte die Tante . » Das glaube ich , « erwiederte die Bonne , » denn sie klagte nie ; aber sie hat seitdem wenig frohe Stunden mehr gehabt . Um den Herrn zu trösten , bat sie ihn mit Thränen , sich an ihre reiche Verwandte zu wenden , die sollten ihm helfen . Sie schrieb selbst an den Herrn Grosonkel , der die weitläuftigen Herrschaften in Schlesien besitzt . Auch an alle andere begüterte Mitglieder der Hochadeligen Familie wandten sich beide in dieser Noth , Herr Kleeborn sowohl als Madame ; Namen und Reichthümer der hohen Herrschaften sind Ihro Gnaden gewis besser bekannt als mir , mais - hier stockte die gutmüthige Erzählerin , als scheue sie sich weiter zu sprechen , doch ihre Zuhörerin lies nicht ab mit Bitten , bis sie sich entschloß weiter fortzufahren . » Enfin , Madame , vous le voulez ainsi , « fieng sie abermals an , » und so muß ich denn leider bekennen , daß eine abschlägige Antwort der andern folgte , und waren sie auch nicht alle mit dem feinsten ménagement abgefaßt . Den Zustand meiner beklagenswerthen Dame unter diesen Umständen , mag ich Ihro Gnaden nicht beschreiben , die Verzweiflung ihres Gemals blieb indessen immer ihr größter Kummer , an sich dachte sie wenig . Leider aber verschonte sie auch Herr Kleeborn nicht mit Vorwürfen über das Benehmen ihrer Verwandten , et cependant , Dieu le sait , la pauvre chère femme n ' en pouvait rien ! Sie trug alles mit der größten Freundlichkeit , aber ich denke immer , jeder Tag in jener Zeit war ein Nagel zu ihrem Sarg . « Die gute Alte brach bei diesen Worten in Thränen aus , auch ihre Zuhörerin weinte , endlich nahm die Bonne wieder das Wort . » Ah , Madame , « seufzte sie , » nous avons bien souffert . Endlich kam Hülfe , wo es der Herr am wenigsten erwartet hätte ; ein reiches Amsterdammer Haus , welches schon mit seinem Vater in grossen Verbindungen gestanden hatte , an das er sich aber nicht hatte wenden mögen , weil es ebenfalls bei allen diesen Schlägen nicht verschont geblieben war , schickte Herrn Kleeborn aus eignem Antriebe grosse Summen ein , gab ihm offnen Kredit , zu einer Zeit da der Bruder dem Bruder nicht mehr vertrauen durfte . Herr Kleeborn war nun durch den Edelmuth seiner Handelsfreunde gerettet , er blieb ein wohlbehaltner Mann , und gieng wie ein König , mit erhobnem Haupte an der Börse einher , doch meine arme Dame litt darum nicht weniger , denn er warf von diesem Augenblick an einen gewaltigen Haß , nicht nur auf ihre Familie , sondern auf die ganze Noblesse . Er sprach unablässig davon , wie thöricht die Bürgerlichen wären , die sich mit Adelichen verbänden , und versicherte , daß er seine Vicktorine - lieber Gott , la pauvre petite war damals kaum sieben Jahre alt ! - daß er sie , sage ich , nie einem andern als einem Kaufmann geben würde . » Der wahre Kaufmann , « pflegte er zu sagen , » hat den achtungswerthesten , nützlichsten und darum ehrenvollsten Stand erwählt . Er allein verbindet beide Hemisphären , sein scharfer Blick entdeckt jeden Mangel in den entferntesten Ländern , und auf seinen Wink eilen reichbeladene Schiffe von einem Pole zum andern , um diesem Bedürfnis abzuhelfen . Sein Wort , sein Befehl gelten in der neuen Welt wie in der alten , und ein Federzug von ihm sezt hundert Meilen von ihm Millionen Goldes und tausend fleissige Hände in Bewegung . « Ne vous étonnez pas , Madame , daß ich dies alles Ihnen so hersagen kann , ich habe die ganze Tirade so viel Hundertmal , fast immer in den nehmlichen Worten wiederholen gehört , daß ich sie endlich wohl auswendig behalten mußte . Am Ende dieser Rede sezte Herr Kleeborn gewöhnlich hinzu , » lassen Sie einmal einen Reichsgrafen , einen Freiherrn , oder welchen Ihrer edlen Verwandten Sie wollen , es versuchen , Madame , was im Auslande mehr gilt , Ihr uralter , Name , Ihr tausendjähriger Stammbaum , oder meine simple keine funfzig Jahre alte Firma , Martin Nikolaus Kleeborn , von meiner eignen Hand geschrieben . Kaiser und Könige nehmen zu uns ihre Zuflucht , wir müssen allen helfen , aber wenn wir Hülfe brauchen , und sie thörichter Weise bei andern als bei unsers gleichen suchen .... « Damit ging denn das alte Lied wieder los , et Madame pleurait ! Freilich kam es mir vor , als ob der Herr in der Hauptsache nicht ganz Unrecht haben mochte , aber wozu diese ewigen kränkenden Répétitions gegen meine unschuldige Dame ? Aussi en avait elle le coeur navré , obgleich sie nie litt , daß ich nur ein Wort darüber sprach . Sie ward endlich dabei des Lebens immer müder und müder , bis sie nach etwa sechs Monaten sich hinlegte und entschlief . Dieu aye pitié de son ame ! « » Eh bien , « nahm nach kurzer Pause mit , vor innerer Rührung noch bebender Stimme , die Bonne wieder das Wort , » eh bien , nun war es an dem Herrn zu weinen , und das hat er denn auch redlich gethan , denn er liebte meine seelige Dame demohnerachtet . Sein Gewissen mochte ihm anfangs wohl manch böses Stündlein machen , wenn er der lezten Zeit gedachte die sie mit ihm verlebt hatte . Doch im Gewühle der Geschäfte gieng das bald vorüber . Einige glückliche Handelsconjuncturen traten bald darauf ein ; so nennen sie es nehmlich an der Börse , wenn sie mit ihren Spekulationen viel Geld verdienen . Herr Kleeborn ward mit jedem Jahre immer reicher und reicher , und zulezt der Millionär der er jezt ist . Wärend Herr Kleeborn sein Hauswesen immer prächtiger einrichtete , wuchs ebenfalls unsre Vicktorine , seine einzige Erbin , zur schönsten Demoiselle in der Stadt heran . Da gab es bei uns Bälle , Concerts , Assemblées , Théatres de Société ; alle angesehenen Fremde , von jedem Range und Stande , sans distinction , fanden dabei Zutritt , et notre chère petite Victorine war wie eine kleine Königin , au beau milieu de tout cela . « » Armes Kind ! « seufzte die Tante . » Ja wohl ! stimmte die Bonne mit ein , so ganz allein , dans ce tourbillon , ohne eine chère Maman sie zu souteniren ! Indessen muß ich ihr zum Ruhm nachsagen , daß tausend andre junge Demoiselles sich an ihrem Plätz ganz anders benommen haben würden