Huber , Therese Ellen Percy www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Therese Huber Ellen Percy oder Erziehung durch Schicksale Vorwort Mein Verleger fürchtet vielleicht , daß er in dieser Erzählung kein Product für die Leihbibliotheken , kein Büchelchen für Toiletten und Theetische herausgibt . Die Mittel , jene zum Ankauf zu ermuthigen , kenne ich nicht ; sind es Recensionen , so brauche ich nur zu wünschen , daß Ellen Percy von den edelsten unsrer Recensenten beurtheilt werde - und so viel Selbstüberwindung es uns Recensirten kosten mag , müssen wir doch gestehen , daß es deren gibt und geben kann - um auch diesen , trotz seinem ernsten Titel , empfohlen zu werden . Was aber den Theil meiner Landsmänninnen betrifft , die beim Putz- und Theetisch lesen , so versichre ich Herrn Brockhaus zuversichtlich , für sie ist meine Ellen Percy gemacht . Ich weiß , daß eine große Zahl , ja die Mehrzahl meines Geschlechts in der glänzenden Welt ( gaudy World nennt sie der ernste Young ) , sich nach ernsten Gedanken , tröstenden Ansichten , erhabnen Hoffnungen sehnt ; ich habe vielfach erfahren , wie die anscheinend Leichtgesinnte , im einzelnen Gespräch festgehalten , erfreut , erweckt ward , wenn ich zufällig einen geistigen Funken in ihr entzündet hatte , wie mir manches Gesichtchen unter seinem Blumenkranz , manche ältere Frau im Assembleeputz freundlicher zuwinkte , wenn ich Tags zuvor ein wahres , oft ernstes Wort zu ihr gesagt hatte . Diesem Theil meiner Landsmänninnen habe ich Ellen Percy vorzüglich bestimmt . Ich stelle ihnen ein gedankenlos eitles , unbesonnen selbstsüchtiges , vom Glück verzognes Geschöpf dar , das , ohne alle Widerstandskraft im Unglück , ohne alle Fertigkeit zum Erwerb , in Armuth verfällt , aber durch Unglück und Armuth zur Entwicklung seiner moralischen und körperlichen Anlagen geführt , zu innerm Frieden und gesellschaftlichem Wohlstand gelangt . Ihr Leichtsinn verletzt nie die Schaam , der Schmerz um ihre Thorheit wird nie winselnde Reue , ihre Frömmigkeit bleibt von Kopfhängerei fern , ihre Armuth ist nie ein unthätiges Versinken in widrige Hülflosigkeit . - Ellen ist eine edle Natur , die durch harte Schicksale gebildet wird und Andre lehrt , wie sie Schicksale benutzen sollen . Meinen Stoff nahm ich aus einem ältern englischen Roman in drei ansehnlichen Bänden . Ich mußte sie nicht nur verkürzen , sondern ich faßte ihren Inhalt in mein Gemüth auf und erzählte ihn , meist ohne das Original vor Augen zu haben , in der Empfindungsweise eines deutschen Gemüths . So hoffe ich manchem lieben weiblichen Wesen Freude gemacht zu haben , und wünschte nur , daß es mir gelungen seyn möchte , meiner Erzählung auch die Vollendung im Styl und in der Sprache zu geben , die zu einem guten Buche so nothwendig ist . Therese Huber . Erster Theil Selbstschilderung kann sich nie einer absoluten Wahrheit rühmen . Nicht die Gegenstände , wie sie waren , sondern wie sie mir erschienen und auf mich wirkten , stelle ich dar . Aber diese Wahrheit reicht auch hin , da die Folge der Vorstellungen im Gemüthe und ihr Einfluß auf die Handlungen den Werth einer Selbstschilderung und ihren Nutzen für Andere bestimmt . Ermuntere ich eine und die andre meiner Schwestern bei der Selbsterziehung , die sie sich , bei der Erziehung , die sie ihren Kindern geben soll , die Klippen zu meiden zwischen denen mein Lebensschiff kaum dem Untergang entging , so ist es einerlei , ob diese Klippen in Wahrheit diese oder jene Linien bezeichneten , wenn ich nur mit redlichem Geist sie darstelle , wie sie mir vorkamen . Mit diesem redlichen Geiste erzähle ich , wie mich Thorheit ins Unglück stürtzte , und die auch in der Thorheit nie verlorne Reinheit des Willens durch bessre Erkenntniß aus Unglück mich gerettet hat . Mein Großvater gehörte zu der alten , geschichtlich verehrten Familie der Percy ' s ; als jüngrer Sohn eines jüngern Zweigs derselben war er noch glücklich , nach seiner Heirath mit einem Mädchen ohne allen Namen , die ihm den Haß seiner vornehmen Verwandten zuzog , durch eine kleine Pfarre vor gänzlichem Mangel geschützt zu seyn . Doch dieser ärmliche Schutz rettete nach seinem frühen Tode seine Wittwe und Waisen nicht vor drückender Armuth , und die Percy ' s mogten nicht ungern sehen , daß ein nicht ebenbürtiger Zweig ihres erhabnen Stammes in Vergessenheit untergehe ; denn sie ließen meiner Großmutter keine Unterstützung angedeihen . Diese Umstände legten wohl den Grund zu meines Vaters Verachtung gegen Geburtsvorrechte , die seinen Vater so unbillig drückten , und zu hoher Schätzung eigner Kraft , durch welche er sich , beim Anfang meiner Geschichte , zu einem der Directoren der ostindischen Compagnie emporgearbeitet hatte . Er ist daher auch der Einzige seines Geschlechts , mit dem ich je in Verhältnissen gestanden , und Keiner desselben ward mir bekannt , der mich bewogen hätte , ihn zum Wohlthäter , zum Vorbild , oder zum Freunde zu erwerben . Mein Vater war ein stark gebauter , bräunlicher Mann , mit lebendigem Auge , scharf gezeichneten Runzeln im Augenwinkel und buschichen Braunen . Sein Mund hatte einen arglistigen Zug , der wahrscheinlich schuld daran war , daß ihn das Lächeln mißkleidete ; allein da er dieses sehr selten that , war das nicht störend , um so mehr , da ich ihn nur in einem Alter kannte , dem ein gewisser Ernst zukömmt , das er aber mit Rüstigkeit trug . Meine Mutter war ganz andrer Natur : ein zartes , gefühlvolles Wesen , deren wehmüthiges Lächeln bewies , daß ihre Kräfte zum Wohlthun dem liebevollen , glänzenden Blick ihrer Augen nie genügten . Ach ! noch sehe ich sie , wenn sie ihre Hand segnend auf mein Haupt legte und mehr flehend wie vertrauend emporblickte ! Sie war sich bewußt , daß alle ihre Hingebung nicht ausreichte , mich zu erziehen , und fand doch zuletzt immer wieder ihren Trost in der Ueberzeugung vor Gott , sich gänzlich hingegeben zu haben . Ich weiß nicht , ob ich die Unbändigkeit meines Charakters von frühster Kindheit an einer natürlichen Anlage , oder früh begangnen Fehlern in der Behandlung meiner Wärterin zuschreiben soll ? Genug , daß Heftigkeit , Eigenwille , Stolz meine Erziehung vom ersten Augenblick an erschwerten . Die milde Stimmung meiner Mutter verleitete sie zu dem irrigen Schluß , daß Vermeidung jedes Widerspruchs mich der Widersetzlichkeit entheben würde , bis die reifende Vernunft , meinen Willen regelnd , ihm Herrschaft über meine Leidenschaften verliehe . Ohne einen Verstandesschluß lehrte mich nun die Erfahrung das Mittel , jeden meiner fantastischen Einfälle durchzusetzen . Ich weinte bei dem ersten Hinderniß und weinte fort , bis ich das Gewünschte erhielt . Nach meiner Mutter verderblichem Grundsatz , konnte nur die Unmöglichkeit sich mir in den Weg stellen , und wo diese eintrat , kaufte sie durch überwiegenden Ersatz meine Verzeihung für ihr Gesetz ; glücklich , wenn mein Eigensinn meiner Fantasie nur erlaubte , in einen solchen Handel zu willigen . Eine Tugend entwickelte diese völlige Abwesenheit des Widerspruchs : eine unverbrüchliche Wahrhaftigkeit meiner Gesinnungen und Gefühle ; sie ward mir Bedürfniß gegen mich selbst und gedieh bei reifendem Verstande zu dem Grundsatz , dem ich zuerst die Entwickelung alles Guten zu verdanken hatte . Ungezügelt in meinen kindischen Wünschen , stets angehört bei meinen kindischen Reden , konnte es nicht fehlen , daß mir hier und da Worte entschlüpften , welche die Vorliebe meiner Mutter und die Schmeichelei meiner Wärterin zu witzigen Einfällen stempelten . Sie wurden den Gästen meiner Mutter wiedererzählt , ihre unbedachtsame Bewunderung steigerte den Begriff , den ich von meiner eignen Wichtigkeit hatte , und reizte mich ganz unvermeidlich , das Talent schneller und witziger Antworten , welches in unserm Geschlecht sich so leicht der Bewunderung zu erfreuen hat , zu entwickeln . Meine Mutter konnte sich nicht enthalten , auch meinen Vater mit meinen Witzfunken bekannt zu machen . Sein ernstes Gesicht erheiterte sich bei solchen Erzählungen , und , abgespannt von seinen Rechnungsübersichten , konnte er wohl bei seiner Rückkehr am Abend sagen : » Fanny , laß mir einen recht guten Bissen zum Abendessen reichen und erhalte Ellen guter Laune , so will ich heute nicht in Club gehen . « - Seine Absicht wurde aber nicht immer erreicht . Meine Mutter that zwar ihr Bestes ; mir ging es aber wie vielen ausgebildeten Leuten , denen sich ihr Witz versagt , wenn sie zur Unterhaltung aufgefordert werden : ich machte ihm Langeweile und ward weinend zu Bett geschickt . Gefiel ihm aber mein Geschwätz , so sagte er etwa : Was hilft ihr das ? Ja , wäre sie ein Knabe , so sollte sie mir Parlamentsglied werden ; aber was hilft ihr als Mädchen der Verstand ? - Ich hoffe , sagte meine Mutter schüchtern , er soll sie glücklicher machen . - Pah , rief mein Vater , mit zweimalhunderttausend Pfund braucht sie kein anderes Glück , als sich von früh bis Abend die Zeit zu vertreiben . - Ich hörte diese und manche ähnliche Rede mit an , und es bildete sich in meinem Kopfe eine feste Verbindung zwischen den Begriffen von Zeitvertreib und Glück , zwischen Beschäftigung und Elend , die den Grund zu tausend Irrthümern legte . Also der Mittelpunct der Bemühung und Sorge eines ganzen Hauses , war meine Zufriedenheit je länger je mehr getrübt . In dem Maaße , wie die Zahl meiner Begriffe zunahm , stieg die Zahl meiner Wünsche , die Beharrlichkeit meines Willens und die Unmöglichkeit der Gewährung . Die Mannichfaltigkeit meiner Genüsse gebar schon in Kinderjahren hie und da die Empfindung der Leere , welche den Satten verfolgt ; die Untrüglichkeit , welche ich meinen Aussprüchen beimaß , die Herrschsucht , die ich übte , vereinzelte mich unter meinen Gespielinnen . Von meinem überlegnen Werth überzeugt , schien mir ihre Abneigung eine Rebellion gegen das Recht und die Gerechtigkeit , die ich ihren guten Eigenschaften , meiner Wahrheitsliebe gemäß , widerfahren ließ , und indem ich mir diese auch zur Tugend anrechnete , vermehrte sie meinen Stolz . Nach und nach empfand mein Vater das Nachtheilige in meiner Entwicklung , und er widersetzte sich irgend einem meiner Einfälle mit einer Entschiedenheit als gälte es einen Krieg auf Tod und Leben . Allein nach einer Stunde , einem Tag , ja einer Woche , durch die ich Bitten , Weinen , Schmollen fortgesetzt hatte , gewährte er in einem Anfall von Zorn , was er bis dahin standhaft verweigert hatte ; der Sieg war mein , und sein Schwäche versprach mir , daß ein jeder anderer auf eben dem Wege zu erkämpfen sey . Meine gute Mutter , der jeder Mißton in der Außenwelt die Seele zerriß , suchte jeder solchen Widersetzlichkeit von Seiten meines Vaters zuvorzukommen ; hatte sie einmal begonnen , so trieb ihre Schüchternheit sie an , durch verdoppelte Milde gegen mich meinen Eigensinn zu entwaffnen , und war die Krisis herbeigekommen , so befriedigte sie schnell meine Wünsche , um deren Gegenstand nicht eine neue Wichtigkeit zu verleihen . Sie mogte oft die endlichen Folgen meiner Verkehrtheiten ahnen ; sie bemühte sich oft mein junges Herz zu Gott zu erheben , allein auch bei diesem heiligsten Mittel der Bildung verfehlte sie den Weg . Sie lehrte mich nur immer Gott danken für die Vorzüge , die er mir verliehen , aber machte mich nicht aufmerksam auf die , welche so viele meiner ärmern Mitgeschöpfe vor mir voraushatten , und durch deren Erwerbung ich allein zu Gotteskinde werden konnte . Endlich war der Augenblick gekommen , wo mein Eigensinn mir eine herbe Strafe bereiten sollte . Ich hatte eben mein neuntes Jahr vollendet , als eine Bekannte meiner Mutter mir eine Einladung sandte , das Schauspiel in ihrer Loge zu besuchen . Eine Erkältung mit Halsweh verbunden hatte mich seit einigen Tagen ins Zimmer gebannt , und dieser Umstand bewog meine Mutter , mich zu Hause zu behalten ; unglücklicherweise war die Botschaft in meiner Gegenwart ausgerichtet , und das bestimmteste Verlangen ins Schauspiel zu gehen war die Folge . Meine Mutter wendete vernünftige Vorstellungen an , ich beantwortete sie mit ungestümen Bitten , sie wies sie mit entschädigenden Versprechen ab , ich setzte ihnen lautes Weinen entgegen . - Sorge um meine Gesundheit gab diesesmal meiner Mutter Muth zu beharren , sie befahl meiner Wärterin , mich zu entfernen . - Nun brach meine Unbändigkeit los ; ich wehrte mich und erhitzte mich bis zur convulsivischen Heftigkeit , als mein Vater , der dazu kam , die Geduld verlor und zu meiner Mutter sagte : » Das Schreien kann ihrem Hals gefährlicher werden , wie funfzig Schauspiele . « - So wüthend ich war , bemerkte ich doch , daß meiner Mutter diese Aeußerung mißfiel . Mein Vater , der sein Unrecht fühlen mogte , half sich damit , sie anzuklagen , daß ihre Behandlung an meiner Unart schuld sey ; sie erwiederte seufzend , daß ich zu meinem eignen Wohl gebändigt werden müßte , worauf er nachläßig sagte : » Pah ! bei einem Weibe ist ein Bischen Widerspruchsgeist recht nützlich « , ein Spruch , durch den mancher rohe Ehemann die milde Güte seiner Gattin belohnt . - Dieses Gespräch war für mich nicht verloren ; ich schrie noch ausgelassener , wie vorher , bis mein Vater , aus aller Fassung gebracht , mir zurief : » Nun du unbändiges , ausgelassen unartiges Ding , so thu , was du willst , und hör auf zu lärmen . « - Jetzt hatte ich , was ich wollte , ließ mich schnell anziehen und ging ins Theater . Doch die Folgen waren schrecklich . Kaum war ich wieder nach Haus gekommen , so verfiel ich in ein heftiges Fieber ; lange bedrohte mich der Tod . Meine Mutter , meine geliebte , engelgute Mutter , die allein die Empfindung der Liebe in mir erweckte , deren Milde bei aller meiner Unbändigkeit den Begriff von Tugend in mir wach erhielt , deren unaussprechliche Güte doch eine Ahnung von Gewissen in mir begründete , wich nicht von meinem Lager . Sie opferte ihre Gesundheit auf , um mein Leben zu erhalten . Ich genaß ; aber nach einigen Monaten war die Abnahme ihrer Kräfte unverkennbar , nur ich allein verstand deren drohende Bedeutung nicht ; und doch - wenn ich sie von meinem endlosen Geschwätz , meinen lärmenden Spielen gänzlich erschöpft sah , konnte mich der Anblick so ergreifen , daß ich unbewußt meine jauchzende Stimme zu sanften Tönen herabstimmte und auf den Zehen um ihren Sopha einherschlich . Auch das längste Menschenleben kann nicht das Andenken der himmlischen Freundlichkeit schwächen , mit der sie diese kleinen Beweise meiner Achtsamkeit aufnahm . Bald wurde mein beständiger Aufenthalt in ihrem Zimmer täglich auf wenige Stunden eingeschränkt , dann brachte man mich nur noch früh zu ihr , wo ihre Kräfte in einiger Spannung waren , und Abends , um ihren Segen zu empfangen , und endlich - verflossen drei Tage , in denen mir ihr Anblick gänzlich entzogen blieb . Ungeduldig hatte ich sie zu sehen begehrt , leichtsinnig hatte ich mich durch nichtige Kurzweil davon abwenden lassen , als mir der Befehl gemeldet ward , zu ihr zu kommen . Mit kindischer Fröhlichkeit sprang ich in ihr Zimmer . Doch wie schnell verstummte meine Freude , da mich meine Mutter mit laut ausbrechendem Weinen in ihre schwachen Arme schloß , mehrmals versuchte sie zu sprechen , aber ihre Wehmuth verhinderte sie . Da trat ein fremder , ernsthafter Mann , der aufmerksam auf sie blickend am Bette stand , herzu und wollte mich , mit der Bemerkung : » die Kranke schade sich « von ihr wegnehmen . Die Furcht , mich fortführen zu sehen , belebte meiner Mutter schwindende Kräfte , sie sagte mit gebrochner , schwacher Stimme : » Komm , meine Ellen , komm , falte deine kleinen Hände und bitte Gott , daß wir uns wiedersehen mögen ! « Ich verstand den Sinn ihrer Worte nicht , aber wie ich sonst , wenn sie mich beten ließ , zu thun gewohnt war , kniete ich nieder , legte meine gefalteten Hände auf ihre Knie und betete : Guter Gott , laß mich meine Mutter wiedersehen ! Zweimal ließ sie mich diese Worte wiederholen , legte dann ihre gefalteten Hände auf mein Haupt und gab mir mit innigen , heißen Gebeten , in leisem Geflüster ihren letzten Segen . Nur eine der Bitten , die sie in diesem Augenblick zu Gott sprach , ist in meinem Gedächtniß geblieben ; anfangs aus Verwundrung , weil ihr Sinn mir unbegreiflich war , späterhin ward sie durch die Umstände mit unwiderstehlichem Nachdruck in mir aufgefrischt : » Sey , o mein Gott ! betete sie , gütiger , wie ihre irdischen Verwandten , sey ihr ein Vater , wenn du gleich durch Züchtigung dich also erweisest ! « - Noch Manches sagte sie , das mein Leichtsinn bald vergaß , bis ihr erneutes Schluchzen den fremden Mann wieder herbeizog , um mich zu entfernen , welches ich mir denn auch , von der Traurigkeit des Auftritts ermüdet , ziemlich gern gefallen ließ . Noch einmal drückte sie mich an ihr Herz ; wie die Thüre hinter mir sich zuschloß , hörte ich noch einmal den leisen Schrei ihres Schmerzens , und auf ewig war für mich ihre Stimme verhallt . Den folgenden Tag bat ich umsonst , meine Mutter zu sehen . Noch einen , und die Leute eilten traurig und geschäftig um mich her , die Dienstboten sahen mich verstört und mitleidig an , ein und der andre weilte mit einem Ausruf des Bedauerns bei meinen kindischen Spielen . Ein Augenblick von langer Weile brachte mich darauf , meinen Willen , zu meiner Mutter gebracht zu werden , bestimmt durchzusetzen . Meine Wärterin suchte mich abzuweisen , mit Zögern entdeckte sie mir die traurige Wahrheit ; allein gewohnt , durch Täuschung jeder Art beschwichtigt zu werden , wollte ich ihr gar nicht glauben , bis ihr betrübtes Gesicht mich aufmerksam machte , worauf ich ihrer Obhut entsprang und ungestüm zu dem Zimmer meiner Mutter entfloh . Ihre Thür , die sonst bei meinem ersten Zuruf aufsprang , blieb verschlossen , allein der Schlüssel stack im Schloß , und auf meinen Versuch ließ sie sich öffnen . Alles hatte sich hier seit meiner letzten Anwesenheit sonderbar verändert : still , leer , aufgeräumt , unheimlich kam es mir vor . Ihre Bettvorhänge waren zurückgebunden , ihr Lager sorgfältig geordnet , und doch schien sie unter dem leichten Tuche zu ruhen . Ich zog es hastig hinweg , ihr blasses Antlitz bot sich mir dar . - Mutter , Mutter , wach auf ! rief ich , erschrocken , daß ihr Lächeln mich nicht empfing ; ich legte meine Hand an das liebe Gesicht , das ihrem Schmeicheln noch nie widerstanden , - es war kalt , wie Marmor ; aber noch immer den Tod nicht erkennend stieg ich auf das Bett und schloß das fühllose Todtenbild in meine Arme . - Da scheuchte ein Schreckensgeschrei mich empor - es war meine Wärterin , die mir nachgefolgt war , und der Abscheu , mit dem sie mich am starren Busen der Mutter erblickte , belehrte mich endlich von meinem Unglück . Mein Schmerz kannte keine Grenzen ; der Eigensinn , der mich auf jedem meiner Einfälle beharren machte , wies auch jetzt jeden Versuch ab , mich von der Todten zu entfernen . Mein Geschrei versammelte die ganze Familie , es zog zuletzt auch meinen Vater herbei , der mich mit Gewalt in mein Zimmer zu tragen gebot . Die Natur forderte endlich Erholung von einem so ausgelassenen Schmerz , und ein tiefer Schlaf gewährte sie ihr bald . Am nächsten Morgen erregte zwar die erwachende Erinnerung aufs neue mein Klaggeschrei , allein es ward schwächer und schwächer . Der Anblick der Trauerkleidung zerstreute mich auch , und bald kehrte meine Traurigkeit nur anfallsweise zurück . Die Stellen , wo ich sonst meine gute Mutter zu sehen gewohnt war , konnten wohl noch oft schmerzvoll ihr Andenken erneuern ; nur mit Widerwillen ließ ich mich in das Gesellschaftszimmer führen , wo nun Niemand mehr für meinen Zeitvertreib sorgte ; und zog meine ungefällige Laune mir Vorwürfe zu , so lehnte ich mein Gesicht mit lauten Klagen auf das Polster , wo sie ehemals ihren Sitz hatte . Mein Vater fand diese Schmerzausbrüche bei der Erholungszeit , die er sich der tiefen Trauer wegen Anstands halber im Ostindischen Hause auf vierzehn Tage verschafft hatte , sehr störend . Da mit meiner guten Mutter Tod der einzige Einfluß , der meine Halsstarrigkeit zu beugen vermogte , dahin war , ward er täglich mit Klagen über meinen Uebermuth belästigt . Anfangs versuchte er sein Ansehn bei mir geltend zu machen , allein da ihm dieses gänzlich mißlang , beschloß er mich in eine der vornehmsten Erziehungsanstalten zu thun . Da er gar nicht darauf Anspruch machte , in das Geheimniß der feinsten Erziehung eingeweiht zu seyn , überließ er diesen Gegenstand unumschränkt dem Walten der Madame Dupré , der Directorin des Instituts ; seine einzige Erinnerung war nur die , keine Kosten dabei zu sparen . - Und diese hat man redlich beobachtet . Ich verließ das jetzt mir so traurige Vaterhaus ohne große Betrübniß ; die Aussicht , fortan mit Gespielinnen meines Alters zu leben , überwog die ängstliche Erwartung , in Zukunft unter fremder Aufsicht zu stehen . Mein Empfang in dem Institute war schmeichelhaft ; kaum den Aufseherinnen vorgestellt , hörte ich die eine derselben zu der andern sagen : welche reizende Gespielin sie für Lady Marie du Bourgh seyn wird ! - Gewiß ! antwortete die andre , ein paar liebenswürdige Kinder ! - Die erste sah mich prüfend an und erwiederte Etwas , wovon ich nur die Worte : » nicht zu vergleichen « verstand . Das Gespräch ward fortgesetzt , ich hörte aber nur die , welche ich schon für meine Widersacherin hielt , emphatisch die Ausdrücke sagen : » ein vornehmes Ansehen - Zartheit - adeliches Wesen « ; und das währte so fort , bis nach kurzer Zeit Lady Marie ins Zimmer trat . Ich konnte über die Zusammenstellung , die man von uns beiden gemacht hatte , nur geschmeichelt seyn , denn sie war das liebreizendste Kind , das ich jemals gesehen . Die Damen riefen sie herbei , uns mit einander bekannt zu machen - sie verweigerte anfangs , unter dem Vorwand , sich von dem Schneider einen Ueberrock anpassen zu lassen , zu gehorchen , nur nach einem strengen Befehl von meiner Vertheidigerin trat sie mit schmollendem Munde herzu . Die Aufseherin schien absichtlich ihre Ungeduld auf ' s äußerste zu steigern , indem sie es ihr lange unmöglich machte , das Zimmer zu verlassen . Wir mußten gegenseitig unser Alter aufsagen . - Lady Marie war zwei Jahre älter , wie ich ; wir mußten uns gegeneinander messen - ich war etwas größer , wie sie . - Mit Groll verließ sie endlich das Zimmer . Ich sah sie erst in der Schule wieder , wo wir in derselben Classe dieselben Aufgaben hatten . - Mein Bestreben über sie zu siegen war aufgeregt , die üble Laune zerstreute sie , so ward am Ende der Lehrstunden meine Arbeit gelobt , die ihre getadelt ; und was als edler Wettstreit zu unsrer Bildung hätte benutzt werden sollen , streute in unsere Herzen den Samen unwürdiger Empfindungen aus . Nachdem die Lehrstunden geschlossen waren , überließ man uns einiger Erholung , wo ich dann aus Stolz und Schüchternheit ganz vereinzelt von meinem Sitz aus die sich willkürlich bildenden fröhlichen Haufen meiner Gespielinnen betrachtete . Lady Marie flüsterte eine Zeit lang mit ein paar ihrer Vertrautern , dann ging sie , wie von ungefähr , nahe an mir vorbei und fragte hochmüthig : Ich bitte , Miß Percy , gehören Sie zu des Herzogs von Northumberland Familie ? - Nein , antwortete ich . - Zu welchen Percy ' s gehören Sie denn ? - Mein Vater ist ein reicher ostindischer Kaufmann in Bloomberry square , erwiederte ich , überzeugt , daß ich mich durch diese Nachricht sehr wichtig machen würde ; allein ganz im Gegentheil fragte Lady Marie weiter : Nun wer war denn Ihr Großvater ? denn einen Großvater müssen Sie doch gehabt haben ? - Dabei sah sie , für ihren Einfall Lob ärntend , um sich her . Ich war aber wirklich in dem Fall , von meinem Großvater gar nichts zu wissen ; aus Verdruß und Einfalt sagte ich : Ich weiß nicht , wer er war , doch ein Herzog kann er nicht gewesen seyn , denn ich hörte meinen Vater oft sagen , er habe bei seinem Eintritt in die Welt nicht fünf Schillinge gehabt . - Die kleinen Mädchen hielten noch einige lose Reden , die mich ziemlich aufbrachten , bis Lady Marie mir endlich noch ins Gesicht sah und ein unmäßiges Gelächter begann . Jetzt war meine Fassung zu Ende . - Mit viel mehr Muth als Zierlichkeit versetzte ich ihr die derbste Ohrfeige , über welche meine Gegnerin in ein unmäßiges Geschrei ausbrach , indeß ihre Gespielinnen starr von Erstaunen und Schrecken umherstanden . Man kann sich denken , was für ein Auflauf entstand ! Lady Mariens Unart ward zwar getadelt , allein für meine rauhe Selbstvertheidigung sollte ich um Verzeihung bitten ; das verweigerte ich hartnäckig , und nach den heftigsten Auftritten wurde ich zum Einsperren abgeführt . Drei Tage lang beharrte ich in meinem Entschluß ; am vierten trieb mich Langeweile und Einsamkeit , der Aufseherin , die sich gleich bei meinem Eintritt in das Haus zu meinen Gunsten erklärt hatte , einen Vergleich anzubieten . Ich forderte , Lady Marie solle sich für ihre Unverschämtheit entschuldigen , so wolle ich mein Unrecht wegen der ertheilten Ohrfeige bekennen . Allein die Reihe , eigensinnig zu seyn , war jetzt an Lady Marie . So ging der fünfte Tag hin , nach welchem man mir , die Haft als Strafe anrechnend , mich ohne alle Bedingung in Freiheit setzte . Von der Zeit an war die entschiedenste Abneigung zwischen Lady Marie und mir ausgesprochen ; nach und nach theilte sie die ganze Pension ; alle unsre Gespielinnen mußten es mit einer oder der andern von uns beiden halten , - eine Trennung , wie die der Whigs und Torys fand statt . Die letzte meiner Gefährtinnen , die sich für meine Partei erklärte , war Miß Julie Arnold , die Tochter eines kürzlich verstorbnen Seeassecuranz-Mäklers . Da der gute Mann sich selbst nicht im Stande sah , seiner Familie Glanz zu geben , gründete er seine Hoffnung auf die Zukunft seines einzigen Sohnes . Um es diesem zu erleichtern , vermachte er ihm , zum Nachtheil seiner Tochter , fast sein gänzliches , ziemlich ansehnliches Vermögen . Der junge Arnold , welchem die Sorge für seine Schwester dennoch oblag , hielt es fürs beste , ihr durch eine glänzende Erziehung Ansprüche an eine gute Versorgung zu verschaffen , und in dieser Absicht kam sie in unsre Pension . Die Natur hatte diesem Mädchen alle Eigenschaften zugetheilt , die zum Emporkommen durch Abhängigkeit erforderlich sind : Biegsamkeit des Charakters , Leichtigkeit im Umgang , ein Talent sich unbefangen anzustellen , keck zu schmeicheln , ein ungezwungnes Betragen , ein kaltes Herz und dabei nur gerade so viel äußre Annehmlichkeit , wie dazu gehört , nirgend zu mißfallen und doch nie Eifersucht auf sich zu ziehen ; das waren die Bestandtheile ihres Wesens . Schon als Kind drängte sie sich unter die vornehmeren Gespielinnen , man liebte sie nicht allgemein , wollte sie aber einer Einzelnen gefallen , so gelang es ihr gewiß . Diese Julie schwankte lange zwischen mir und Lady Marie ; ja wie es gegen die Vacanz zuging , und diese sie einlud , sie auf das Landgut ihres Vaters , des Herzogs von C. , zu begleiten , sprach sie sich eine Zeit lang gänzlich zu ihren Gunsten aus ; allein wenige Tage vor der bestimmten Abreise ließ Laune Lady Marie plötzlich eine Begleiterin ihres Standes wählen , und von nun an war Miß Julie mein treuer Bundesgenoß . Von meinem ersten Denken an gewohnt , Alles mit Heftigkeit zu erfassen , ward meine Liebe zu ihr bald ausschließend . Wir halfen uns gegenseitig in allen Vorfällen : ich trug ihr Neuigkeiten zu , und sie mir Confect , ich machte ihre Aufsätze , und sie half mir bei meinem Putz ; doch der größere Vortheil blieb auf meiner Seite ; meine ungezähmte Offenherzigkeit , auf die frühe Gewohnheit , Alles sagen zu dürfen und für nichts gestraft zu werden gegründet , zog mir bei den künstlichen Verhältnissen der Pensionswelt beständige Unannehmlichkeiten zu ; kam es dann zur Anklage und ich stand auf dem Puncte , mich geduldig der Strafe zu unterwerfen , so wußte Julie durch einen unerwarteten Flug ihrer Einbildungskraft den Sachbestand in ein andres Licht zu stellen , so daß ich der Strafe entging . Hätte sie ihre List für eine Andere verwandt , so würde ich sie vielleicht richtig zu beurtheilen gewußt haben , allein für mich geübt , erregte sie anfangs meine Dankbarkeit und endlich meine Bewunderung . Sieben Jahre meines Lebens gingen darauf hin , alle die schimmernden Talente zu erlernen , welche die glänzende Gesellschaft als einzige Vorzüge erkennt . Für keines bezeigte ich so viel Anlage , wie für die Tonkunst ; keines entwickelte ich auch mit so