Schopenhauer , Johanna Gabriele www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Johanna Schopenhauer Gabriele Ein Roman in drei Theilen Du standest an dem Eingang in die Welt , Die ich betrat mit klösterlichem Zagen , Sie war von tausend Sonnen aufgehellt , Ein guter Engel schienst du hingestellt , Mich aus der Kindheit fabelhaften Tagen Schnell auf des Lebens Gipfel hinzutragen , Mein erst Empfinden war des Himmels Glück , In dein Herz fiel mein erster Blick . Schiller . Erster Theil Meinen lieben und treuen Freundinnen der verwittweten Oberkammerherrin Karoline Freifrau von und zu Egloffstein , geb . Freyin von Aufseeß , Henrietten von Pogwisch , geb . Gräfin Henkel von Donnersmark , Hofdame Ihro Königl . Hoheit der Frau Großherzogin Luise zu Sachsen-Weimar-Eisenach etc. etc. und Karolinen Gräfin Egloffstein , Hofdame Ihro Kaiserl . Hoheit , der Frau Großfürstin Maria Pawlowna von Rußland , vermählten Erbgroßherzogin zu Sachsen-Weimar-Eisenach etc. etc. zur Erinnerung an froh und traurig , aber immer in treuer Liebe durchlebte Tage freundlich gewidmet von der Verfasserin . Vorwort Der freundliche Empfang , welcher den Beschreibungen meiner Reisen durch mancherlei Städte und Länder wiederfuhr , munterte mich auf , auch mit einigen Ansichten hervorzutreten , die ich auf der großen Reise durch das Leben sammlete . Jene Reisebeschreibungen sind Abbildungen nach der Natur , mit möglichster Wahrheit wiedergegeben , wie ich sie auffaßte . Ich möchte sie Landschaftsgemälde nennen , auf denen ich mich bemühte , jeden treu kopirten Gegenstand genau an den Platz hinzustellen , wo er in der Wirklichkeit sich befindet , indem ich mich wohl hüthete , den Regeln der Gruppirung oder dem Zauber des Effekts das kleinste Opfer zu bringen . Diese Blätter hingegen bieten willkührliche Zusammensetzungen einzelner Studien nach Gegenständen , wie sie mir auf dem Lebenswege begegneten , die ich nach Gefallen trennte und vereinte , so daß oft zu einer meiner Figuren mehrere Individuen und Oertlichkeiten beitragen mußten . Obgleich diesem nach keine einzige derselben ein Portrait im strengen Sinne genannt werden darf , so würde es mich doch freuen , wenn jede einzelne für ein solches gehalten würde . Denn so wäre mir gelungen , wonach jeder Historienmaler streben muß , und was unser großer Meister durch Wahrheit und Dichtung so treffend bezeichnet . Uebrigens fühle ich mich in meinem Gewissen verpflichtet , zu bekennen , daß mir die Gabe des Gesanges vom Himmel versagt ward und daß daher die in diesem Buche enthaltnen Gedichte nicht von mir sind . Ich danke sie einem Freunde , den ich gern von der Welt nenne . Friedrich von Gert stenbergk , von dem wir schon so manches schöne Lied , so manche zarte Dichtung mit Dank und Freude empfingen , der Verfasser der » kaledonischen Erzählungen « und der » Phalänen « steuerte meine Gabriele mit diesem Schmucke aus . Geschrieben zu Weimar am ersten Pfingstfeiertage 1819 . Johanna Schopenhauer . » Niemand liebt seine Freunde inniger als ich , mein Leben gäbe ich willig für sie hin , aber Unmöglichkeiten darf mir niemand zumuthen . « Mit diesen Worten verließ Gräfin Eugenia ziemlich erhitzt den Salon der Gräfin Rosenberg , in welchem die Hauptprobe einer für den folgenden Abend bestimmten Darstellung von Tableaus so eben gehalten ward , und rauschte mit einer leichten Verbeugung an der eintretenden Aurelia vorüber . Flammend vor Zorn , blieb die Gräfin Rosenberg auf ihrem königlichen Throne sitzen . Ein reichgestickter Baldachin erhob sich über ihrem Haupte , ein Purpurmantel umwallte in weiten Falten ihre majestätische Gestalt , in ihrem schwarzen Haare funkelte ein Diadem von Brillanten , und ihre Hand hielt das goldne Zepter . Vor ihr stand ein mit reichen Teppichen und Prachtvasen geschmückter Tisch , um sie her waren mehrere Herren und Damen in altrömischer und ägyptischer Kleidung eifrig , aber fruchtlos , bemüht , sie zu beruhigen . Die Scene gieng in einer alkovenartigen , von einem großen goldnen Rahmen umfaßten Vertiefung der Zimmerwand vor , gerade der Thüre gegenüber , verborgne Lampen gossen einen magischen Strom von Licht über sie aus , im Zimmer selbst herrschte tiefe Dämmerung , doch verrieth ein leises Flüstern und Rauschen die Gegenwart mehrerer Personen . Sprachlos vor Erstaunen über das ihr unbegreifliche , plötzlich hereingebrochne Unheil , blieb Aurelia , die Tochter der Gräfin , in der eben geöffneten Thüre stehen ; hinter ihr schmiegte sich furchtsam die sechzehnjährige Gabriele , welche in diesem Moment aus der tiefsten Einsamkeit eines alten Bergschlosses angelangt war , um einige Monate im hause ihrer Tante zuzubringen . Aurelia , ihre Kusine , hatte sie mit der Versichrung empfangen , daß sie zum Glücke heute ganz unter sich wären ; und nun stand sie da , einen freundlichen Empfang erwartend , und wußte bei dem wunderbaren Anblick , der sich ihr darbot , nicht , ob sie wache oder träume . » Thue mir die Liebe , « rief die Gräfin Aurelien entgegen , so wie sie ihrer ansichtig ward , » thue mir die einzige Liebe , und werde morgen krank , bleib den ganzen Tag im Bette ; ich lasse früh alles absagen , mit der Feier deines Geburtstages ist es vorbei , wir haben weder Konzert , noch Ball , noch Tableaus ; Eugeniens prätentiöser Eigensinn vernichtet alles . Mit ihrer winzig-kleinen Figur besteht sie darauf , an meiner Stelle die Kleopatra vorzustellen , und da ich ihr beweise , wie unmöglich dieß sey und ihr die Rolle der Dienerin , welche das Schmuckkästchen trägt , zutheile , eilt sie davon und derangirt mir den ganzen Plan . « » Könnten wir nicht die Dienerin ganz weglassen ? « stammelte furchtsam ein junger Mann in römischer Tracht , welcher wahrscheinlich den Antonius vorstellte . » Unmöglich , « erwiederte Kleopatra , » wo soll ich die köstliche Perle hernehmen , wenn das Schmuckkästchen fehlt ? und überdies ist die Figur unumgänglich nothwendig zur Gruppirung des Ganzen . Es ist vorbei , « fuhr sie fort , indem sie sich in höchst unmuthiger Stellung auf ihrem Throne zurück warf ! » Eugenia macht heute Abend und morgen früh gewiß noch funfzig Visiten , um ihren Triumph zu sichern . Keine Dame wird an die Stelle treten , welche sie verschmähte , und alle Welt ist doch schon von der Darstellung unsrer morgenden Tableaus voll . Ottokar beschleunigt seine Zurückkunft von der Reise , um sie zu sehen , er trifft morgen ein , und nun ist alles zerstört ! Ich könnte vor Verdruß weinen , « setzte sie hinzu , das Gesicht in beide Hände verbergend . Aurelia benutzte diese Pause in der heftigen Rede ihrer Mutter , um Gabrielens Ankunft zu melden . » Laß die Kusine von Aarheim an Eugeniens Stelle treten , « rieth sie , indem sie das bange Kind hinter sich hervor zog und vor den Rahmen hinstellte . » Die Kleine ? « fragte die Gräfin , sich emporrichtend und Gabrielen von oben bis unten mit prüfendem Blicke betrachtend . » Nun , « fuhr sie fort , » stehen wird sie ja können ; nöthigen Falls stellen wir sie auf eine Erhöhung . Willkommen , liebes Kind ! « Mit diesen Worten zog sie Gabrielen zu sich in den Rahmen , küßte sie auf die Stirn , gab ihr ein goldnes Kästchen in die Hand , stellte sie in die gehörige Attitüde und schob sie an den von der Gräfin Eugenia verlaßnen Platz , indem sie selbst wieder ihren Thron einnahm . Alle andere , zur Gruppe gehörende Personen reihten sich im nämlichen Moment in gebührender Ordnung um sie her . » Es geht ! « rief hocherfreut die ganze Gesellschaft im Zimmer . » Aber , « setzte lachend Aurelia hinzu , » deliziös sieht es jetzt aus , das blasse Gesicht , die rothen Augen und das schwarze Kleid mitten in all der bunten Pracht und Herrlichkeit ; doch sey nur getrost , Gabriele , morgen soll es besser werden , Wind und Staub haben dir heut auf der Reise übel mitgespielt , das ist morgen vorüber und ich will dich schon kostümiren . « Die arme Gabriele , welche bei allen diesen Vorgängen noch kein Wort hatte aufbringen können , flüsterte jetzt , halb nur hörbar und in großer Beklommenheit , die Frage : was sie denn eigentlich morgen thun solle ? » Was du heute thust , « war die kurze Antwort , » hier einige Minuten stehen und das Kästchen halten . « » In dem tiefen Traueranzug ? « wandte Gabriele zur großen Belustigung der Uebrigen ein . Kaum konnte Aurelia vor Lachen dazu kommen , ihr zu bedeuten , daß sie morgen ohnehin auf einen Tag die Trauer ablegen müßte . Gabrieleblickte sehr ernst um sich her . » Wie ? « sprach sie , » die Trauer um meine Mutter ablegen , ehe die Zeit verflossen ist , während welcher die Sitte mir erlaubt , dieses Zeichen meines Schmerzes zu tragen ? Nein , gnädige Tante ! Das befehlen Sie mir nicht , « setzte sie mit fester Stimme hinzu , obgleich dabei zwei große Thränen , die schon lange in ihren dunkeln Augen geschimmert hatten , über ihre jetzt hochroth erglühenden Wangen herab rollten . » Nur zwei Monate sind es , seit meine Mutter begraben ward ; wie könnte ich ihr Andenken nur Eine Stunde verleugnen ! Ich kann es nicht , ich werde es nicht , ich will es nicht , « sprach sie höchst entschieden , und hob dabei , dennoch wie flehend , ihre kleinen zarten Händchen empor . Die Gräfin und Aurelia schwiegen eine Weile vor Erstaunen über Gabrielens plötzlichen Muth , ehe sie begonnen auf das arme Mädchen heftig einzustürmen . Gabriele mußte verstummen , ängstlich blickte sie , wie Beistand suchend , um sich her , und erschrak dennoch nicht wenig , als ihr dieser höchst unerwarteter Weise zu Theil ward . Aus dem dunkelsten Winkel des Zimmers , dicht neben dem Rahmen , erscholl mitten durch den Streit eine männliche Stimme : » Ich vereinige meine Bitte mit der des jungen Fräuleins ; mir dünkt wahrlich , sie hat nicht ganz Unrecht . « » Ottokar ! « rief Aurelia ; » willkommen , so viel früher als wir es erwarteten , « die Gräfin . Aller Zwiespalt ward augenblicklich beseitigt , und die ganze Gesellschaft drängte sich freudig um den unbemerkt Hereingetretenen her . Gabriele taumelte fast in freudiger Ueberraschung , sie schlug die Augen nicht auf , sie wagte keinen Blick auf ihren Fürsprecher , aber sie wußte dennoch , wer er sey . Jedermann beeiferte sich nun um die Wette , Eugeniens unverantwortliches Benehmen mit allen seinen entsetzlichen Folgen dem eben Angekommenen auf das weitläuftigste auseinanderzusetzen . Er hörte alle gelassen an und schlug dann an der Stelle der Dienerin einen Edelknaben vor , deren er am folgenden Tage wenigstens ein Dutzend zur Auswahl in aller Frühe zu stellen versprach . Dieser Ausweg war niemanden von der Gesellschaft eingefallen , und die Idee ward mit dem allgemeinsten Beifall ergriffen . Kleopatra verließ beruhigt ihren Königssitz , den ein herabrollender seidner Vorhang verhüllte , Römer und Aegypter begaben sich in die Nebenzimmer , um als moderne Herren und Damen wiederzukehren , die Lichter im Saal wurden angezündet , der Theetisch hereingebracht , und alles ordnete sich in friedlicher Eintracht um ihn her . Die Gesellschaft bestand größtentheils aus dem engen Ausschusse der Bekannten der Gräfin , aus sogenannten Hausfreunden , die sich an freien Abenden gewöhnlich bei ihr versammelten ; das Gespräch wogte rasch und lebendig , nur Gabriele blieb stumm . Niemand achtete sonderlich auf sie , denn ihr erstes auffallendes Erscheinen war über Ottokars unerwarteten Eintritt gänzlich vergessen . Desto mehr Zeit gewann sie , fürs erste Athem zu schöpfen , und dann die neue Welt , in die sie versetzt war , zu betrachten . Zum erstenmal in ihrem Leben befand sie sich unter so vielen , ihr gänzlich fremden Gestalten , und das Gefühl , daß auch sie ihnen fremd sey und es wohl lange noch bleiben würde , machte ihr Herz beklommen . Der Anblick der Gräfin versetzte sie in immer neues Erstaunen , sie erschien ihr um zwanzig Jahre jünger als sie vor wenig Tagen zum erstenmal im Schloß ihres Vaters sie gesehen hatte , dessen Schwester sie war . Dem mit allen Toilettenkünsten unbekannten Kinde kam diese Verwandlung ganz unbegreiflich vor , ja sie hätte geglaubt , daß es gar nicht die Tante sey , wäre Aurelia nicht zugegen gewesen und hätte sie nicht Mutter genannt . Aurelien betrachtete sie mit dem heißen Wunsch , sogar mit dem Entschlusse , solche zu lieben ; dennoch fühlte sie innerlich , daß ihr dieß nie gelingen würde . Der scharfe Blick der großen dunkelblauen Augen , das spöttische Lächeln , welches bei jedem Anlaß um die Rosenlippen der schönen Aurelia spielte , vernichtete jede Möglichkeit herzlichen Vertrauens zu ihr . Endlich wagte es auch Gabriele , den Blick zu Ottokarn zu erheben . Sie konnte es unbemerkt ; er stand hinter Aureliens Stuhl im eifrigen Gespräche mit dieser . Seine hohe schlanke Gestalt , die Anmuth seiner Bewegungen waren von Gabrielen schon früher als heute bemerkt worden . Sie erkannte ihn jetzt daran ; auch die edlen Züge seines Gesichts waren ihr nicht fremd , sie erschienen ihr wie die eines längst Bekannten , obgleich sie sie noch nie deutlich erblickt hatte . Eine Fülle hellbrauner Locken kräuselte sich um seine hochgewölbte Stirn , die blauen , muthig und kühn um sich her blitzenden Augen hatten bei allem Feuer etwas unbeschreiblich mildes und freundliches , und die dünnen Lippen des festgeschloßnen Mundes gaben seinem Gesicht einen sehr ernsten , fast wehmüthigen Ausdruck , der aber beim Sprechen in ein höchst anmuthiges Lächeln verschwebte . Sein ganzes Wesen trug das Gepräge kräftiger , zum Manne herangereifter Jugendblüthe . Er schien etwa achtundzwanzig bis dreißig Jahre alt . Es that Gabrielen heimlich weh , daß er sie so gar nicht bemerkte , obgleich sie sich auch freute , ihn ungestört ansehen zu können . Da stimmte er das einseitige Gespräch zum Allgemeinen um , und sie konnte nun mit der gespanntesten Aufmerksamkeit auf jedes seiner Worte horchen . Er erzählte von seiner eben beendigten Reise , und seine lebendige Darstellung wußte auch dem Allergewöhnlichsten Leben und Interesse zu geben . Dabei entgieng es Gabrielen nicht , daß er dem Gespräch absichtlich diese Wendung gab , um nur die ewigen Spötteleien über die abwesende Eugenia zu beenden , und ihr Gefühl wußte es ihm heimlich Dank . Es lag ein eigener , aller Herzen sich bemächtigender Zauber in dem vollen , reinen Klange seiner Stimme . Gabriele horchte so lange auf diesen Ton , daß sie zuletzt nur ihn hörte , wie man einer lieblichen Musik sich hingiebt , ohne dabei die Worte des Gesanges zu beachten . Alles andere um sich her vergessend , saß sie da , als ganz unerwartet ein ältlicher Mann , ihr Nachbar am Tische , sie durch eine gleichgültige Frage auf eine unangenehme Weise aus dieser süßen Selbstverlorenheit riß . Erschrocken darüber , fuhr sie zusammen , zerbrach beinah ihre Tasse und stammelte endlich hocherröthend eine Antwort , die niemand verstehen konnte . Die Augen der ganzen Gesellschaft wandten sich plötzlich ihr zu , und die Verlegenheit des armen Mädchens war entsetzlich , sie stieg bis zur qualvollsten Pein , als Aurelia nach ihrer schonungslosen Art laut ausrief : » Ich glaube die Kleine war eingeschlafen ; kein Wunder , sie ist müde von der Reise ! « und indem sie aufstehend ihre Hand ergriff , hinzusetzte : » Komm , Liebchen , ich bringe dich zu deiner Bonne , die wohl auch mit Schmerzen auf dich harrt , die Abschiedsknixe kannst du übrigens sparen ; « und damit zog sie das tiefgekränkte Mädchen zur Thüre . Beinahe weinend vor Schaam und Zorn über Aureliens unfreundliches Benehmen und ihre eigne Ungeschicklichkeit , langte Gabriele bei der guten Frau Dalling an , der Pflegerin ihrer Kindheit , und vermochte es kaum über sich , ihr die Begebenheiten dieses Abends nur ganz im Allgemeinen kund zu thun . Alles schwamm in bunter Verworrenheit vor ihrem betäubten Sinn ; nur Ottokars Gestalt , seine Stimme , seine Worte waren ihr deutlich in der Erinnerung geblieben . In ihrer jungen Brust gegen einander ankämpfend , wogten tausend nie zuvor gekannte süße und bittre Empfindungen und machten sie verstummen ; Freude über Ottokars Wiederbegegnen , Schmerz , daß er sie gar nicht bemerkte , und dazu das herbe Gefühl des Alleinseyns , mitten unter fröhlichen Menschen . Noch nie war Gabriele sich selbst so unbedeutend erschienen , nie zuvor hatte sie Demüthigung vor Zeugen , Unzufriedenheit mit sich selbst wie heute empfunden , und es gelang ihr nur mit großer Anstrengung , sich zum tröstenden Selbstbewußtseyn endlich wieder empor zu ringen und den festen Entschluß zu fassen , äußere Zufälligkeiten nicht höher zu stellen als deren eigentlicher Standpunkt es fordert . Eine unaussprechliche Sehnsucht nach ihrer Mutter ergriff ihr tief verwundetes Gemüth , wie ein müdes Kind weinte sie sich endlich spät in den Schlaf ; aber alle die vielen neuen Gestalten des vergangnen Abends umschwirrten sie noch im ängstlichen Traume , und zwischen ihnen hindurch tönte tröstend Ottokars Stimme , mit der er die Worte sprach : » Ich bitte für das junge Fräulein , sie hat wahrlich nicht Unrecht ! « Ehe wir Gabrielen auf ihrem fernern Lebenspfade begleiten , wird es nöthig seyn , den Leser zu ihrer früheren Jugendgeschichte zurückzuführen und ihn mit ihren Eltern bekannt zu machen . Ihr Vater , Baron Aarheim , war schon im frühen Jünglingsalter unumschränkter Gebieter seiner eignen Thaten und eines sehr bedeutenden Vermögens geworden . Er verbrachte seine Jugend theils auf Reisen , theils an Höfen auswärtiger Fürsten , und fand überall die Aufnahme , zu welcher Rang , Reichthum und eine ausgezeichnet vortheilhafte Gestalt ihn berechtigten . Durch keinen äußern Zwang zurückgehalten , stürzte er sich in den Strudel des großen Lebens , suchte rastlos alle Genüsse , gab sich ohne Maaß und Ziel allen Freuden hin , welche es bietet , bis er , erschöpft und abgestumpft , im reifern Alter des ewig wiederkehrenden Einerleis überdrüssig ward und ihm entsagte , um ernstern Plänen zu folgen . Herrschsucht und Ehrgeiz traten jetzt in seinem Gemüth an die Stelle der Sucht nach ewigem Wechsel des Vergnügens ; die Gunst des Fürsten , an dessen Hofe er eben lebte , zeichnete ihn vor allen andern aus und steigerte seinen Wunsch nach dem nächsten Platz neben dem Thron bis zur Leidenschaft , indem sie ihm ein Recht darauf zu geben schien . Anfänglich war es , als ob das Glück sein Streben begünstigen wollte ; er erklimmte eine Stufe nach der andern , stieg immer höher und höher ; aber das Gelingen machte ihn unvorsichtig , es schläferte seine Wachsamkeit ein , Feinde , die er gar nicht beachtete , arbeiteten im Verborgnen ihm entgegen ; und so ward auch ihm das Schicksal , das schon so viele in seiner Lage traf , er fiel plötzlich , als er am sichersten zu stehen glaubte , und um so tiefer , je höher er gestiegen war . Aarheims Fall zerriß die Verbindung mit der Tochter eines großen , glänzenden Hauses , wenig Tage vor dem zur Vermählungsfeier bestimmten , und als er Besinnung genug gewann , um sich zu schauen , sah er sich furchtbar verlassen . Kein einziger Freund war ihm geblieben , seine Jugend früh und längst an ihm vorüber geschwunden , den größten Theil seines Vermögens hatten seine frühere Lebensweise und seine spätern großen Pläne verzehrt , seine Gesundheit war zerrüttet , er selbst erkannte in sich nur noch den Schatten von dem , was er einst gewesen war . Sein Gemüth erstarrte in bitterm Haß , in tiefer Verachtung aller Menschen , vor allem der Frauen , und er schwur sich selbst , jeden geselligen Umgang so viel möglich Zeitlebens zu meiden . Von seinen vielen Gütern war ihm nur sein Stammgut geblieben , es lag tief im Gebirge , im Gebiet eines andern Fürsten ; dorthin beschloß er vor dem Anblick der Welt zu fliehen , die ihn so unbarmherzig gemißhandelt hatte . Er raffte die Trümmern seiner übrigen Habe zusammen und eilte , sich in die tiefste Einsamkeit zu vergraben , in welcher nur demüthige Diener und zitternde Unterthanen seine Umgebung bildeten . So lebte er mehrere Jahre und ward mit jedem Tage härter , schroffer und finsterer . Der Brief eines Verwandten erinnerte ihn endlich einmal an die Außenwelt , die er so gern ganz vergessen hätte ; es fiel ihm ein , daß sein noch immer sehr beträchtliches Gut Mannlehn war , und nach seinem Tode an einen entfernten Vetter fallen müsse , den er allein schon deshalb als seinen ärgsten Feind betrachtete , ohne ihn weiter zu kennen . Er war es leider gewohnt worden , von allen Menschen das Aergste zu vermuthen , und ahnete also auch bei seinem muthmaßlichen Erben das sehnlichste Verlangen nach seinem baldigen Tode , vielleicht gar Pläne , ihn zu beschleunigen ; daher beschloß er plötzlich , sich noch im Spätherbst seines Lebens zu vermählen , um seinem Agnaten diese Hoffnung und Freude zu verderben . Seine Wahl fiel auf Augusten von Rohrbach , die elternlos und arm auf einem kleinen Gute unfern Schloß Aarheim einsam traurige Tage bei einer alten Tante verlebte . Er hatte das Fräulein nie gesehen , ehe er um ihre Hand sich bewarb , aber der Ruf ihrer Schönheit und der unermüdeten Geduld , mit der sie den Launen einer höchst wunderlichen Frau sich fügte , war bis in seine Einsamkeit gedrungen , und dies hinlänglich , ihn für sie zu bestimmen . An Liebe glaubte er nicht und war weit entfernt , sie zu fordern ; ihm genügte Gehorsam von seiner künftigen Gattin , und diesen zweifelte er nicht unter solchen Umständen zu erlangen oder zu erzwingen . Auguste von Rohrbach war in frühester Kindheit zur mutterlosen Waise geworden ; ihr Vater hatte sie erzogen . Sein diplomatischer Beruf erlaubte ihm keinen festen Wohnsitz , sondern trieb ihn rastlos durch fast alle die glänzendsten Städte Europens ; doch ließ er sich dadurch nicht hindern , seinem einzigen Kinde die möglichste Sorgfalt zu weihen . Ueberallhin mußte Auguste ihrem Vater folgen , und sobald ihr Alter es erlaubte , benutzte er alle Gelegenheiten , ihr in jeder Stadt , wo sie längere Zeit lebten , die besten Lehrer zu verschaffen , um sie in allen , ihrem Geschlechte zusagenden Wissenschaften und Künsten unterrichten zu lassen . Die freigebige Natur hatte das Kind nicht nur mit einer höchst anmuthigen Gestalt ausgestattet , sie begünstigte es auch mit seltenem Talent und schneller Fassungsgabe . Und so geschah es denn gar bald , daß Auguste der Stolz ihres Vaters ward , ein Kleinod , mit dem er gern bei jeder Gelegenheit prunkte und auf dessen seltnen Werth er große Pläne für kommende Zeiten erbaute . So wie sie älter ward , suchte er alle ihre Vorzüge ins hellste Licht zu stellen ; kein Schmuck , der ihre schöne Gestalt erheben konnte , war ihm zu kostbar , überall mußte das junge Mädchen vor den erlesensten Zirkeln ihr musikalisches Talent üben , im einzelnen Tanz oder durch die zu jener Zeit als etwas ganz neues bewunderten Attitüden der Lady Hamilton die Zuschauer entzücken , und auf alle Weise bestmöglichst glänzen und schimmern . Bei dieser Erziehung wäre Auguste eine eitle Thörin geworden , wenn nicht zum Glück den Kindern auffallende Fehler ihrer Eltern oft zu schützenden Warnern auf ihrem Lebenswege würden , besonders wenn sie sich durch sie in ihrer angebornen Eigenthümlichkeit behindert fühlen . Dies war eben bei Augusten der Fall . Bis zur Furchtsamkeit bescheiden , kostete es ihr , als ganz jungem Mädchen , manche heiße , bittre Thräne , wenn sie auf Befehl ihres Vaters vor großen Gesellschaften mit ihren Künsten auftreten mußte . Späterhin gewann sie freilich durch lange Gewohnheit mehr Muth , aber auch hellern Beobachtungsgeist . Das heimliche , neidische Hohnlächeln der Anwesenden und deren leise geflüsterten Anmerkungen entgingen Augustens Scharfblick nicht , obgleich ihr Vater nichts davon ahnete . Diesen blendete der rauschende Beifall , welchen alle die Herren und Damen seiner Tochter um so reichlicher zollten , je schärfer sie , von ihm unbeachtet , die Geißel der Kritik über sie schwangen . Auguste wagte es nicht , gegen ihren Vater ihre Bemerkungen laut werden zu lassen , er war zu glücklich in seiner Verblendung , als daß es sie nicht hätte schmerzen sollen , ihn daraus zu wecken ; aber innerlich fühlte sie sich durch diese Falschheit seiner vorgeblichen Freunde oft schmerzlich verwundet . Sie selbst ward indessen wenigstens dadurch in der anspruchlosen Bescheidenheit erhalten , zu welcher ihr ganzes Wesen sich ohnehin neigte , und ihr tiefes Erröthen bei jedem laut ausgesprochnen Lobe zeigte deutlich , wie wenig sie sich bewußt war , es zu verdienen . Ihre reine , schöne Natur wäre dennoch vielleicht dem ewigen Entgegenarbeiten des eitlen Vaters erlegen , doch frühe Liebe erhob sich ihr zum Schutzgeist . Rein und innig loderte die stille Flamme heißer Neigung zu einem edeln jungen Manne in ihrer jungen Brust , ihr selbst fast unbekannt und nur im Schmerz der Trennung sich zuerst ihr ganz offenbarend . Ihr Geliebter war Sekretär bei der Legation ihres Vaters und in seinem Hause , zum Theil mit Augusten erzogen . Er lebte mit ihr unter einem Dache , theilte mit ihr alle ihre Freuden , half ihr bei ihren musikalischen Uebungen , war am Tische und auf Reisen überall in ihrer Nähe . Was konnten beide mehr vom Schicksal zu erlangen wünschen ? Sie waren glücklich wie Kinder , die sich des heutigen Tages freuen , ohne dabei an morgen zu denken . Augustens Vater aber dachte nicht nur an heut und morgen , sondern auch an alle , diesen folgende Tage und Jahre . Ein Zufall entdeckte ihm das Geheimniß der Liebenden , es stimmte nicht zu seinen hohen Plänen mit der einzigen , glänzend erzognen Tochter , aber er schwieg dazu , weil er das menschliche Herz genug kannte , um zu wissen , daß hier mit Einreden wenig abgeändert werden würde . Er handelte lieber , wie er es gewohnt war , sobald sein Vortheil es heischte , kalt und ruhig , besonnen und sicher . Eines Morgens erwartete Auguste vergebens ihren Freund bei ihren musikalischen Uebungen ; bei Tafel vermißte sie sein Couvert ; er war spurlos verschwunden , und ihre erbleichende , zitternde Lippe vermochte nicht , eine Frage nach ihm auszusprechen . Unter dem Vorwand eines geheimen Auftrags von der äußersten Wichtigkeit war er in der Nacht weit weg versendet worden , am Orte seiner Bestimmung hatte man schon dafür gesorgt , daß er in noch entferntere Länder geschickt wurde , und so war er auf ewig von Augusten geschieden , ohne eine Ahnung davon zu empfinden . Die Argusaugen seines Gebieters bewachten ihn zu sorgfältig in jener verhängnißvollen Nacht , als daß er nur ein Wort des Abschieds an Augusten hätte gelangen lassen können , überdem glaubte er auch , nur auf wenige Wochen sich von ihr zu trennen . Späterhin ward es ihm ganz unmöglich gemacht , einen Brief auf sicherm Wege in ihre Hände zu bringen . Beide hatten keine Vertrauten , ihre reine jugendliche Liebe bedurfte deren nicht , sie scheute jede Berührung der Außenwelt ; wie hätten sie Fremden ein Geheimniß gestehen können , das sie gegen einander selbst kaum in Worten auszusprechen versucht hatten . Ganz auf sich zurückgeworfen , blieb nun Auguste in der glänzendsten Gesellschaft einsam , wie in einer Wüste . Kein Laut des einzigen Wesens in der Welt , zu dem sie allein zu gehören sich bewußt war , tönte zu ihr herüber , nie hörte sie mehr den geliebten Namen nennen , als wenn sie selbst in stiller Mitternacht , unter heißen , langverhaltnen Thränen , ihn den stummen Wänden ihres einsamen Zimmers zurief . Ihr Vater wußte in aller Freundlichkeit so abschreckend-schroff vor ihr zu stehen , daß das bange Mädchen es kaum wagen mochte , in seiner Gegenwart nur an den Geliebten zu denken . Er sah wohl ihre stille Trauer , aber er fragte nie nach der Ursache derselben und hoffte alles von der Zeit . Dem Anschein nach verfehlte diese auch nicht , ihre gewohnte Macht zu bewähren . Auguste fand allmälig eine wehmüthige Freude im Schmerz um das verlorne Glück , in der unaussprechlichen Sehnsucht , die jetzt einzig in ihrem Busen lebte , und auch ihr Aeußres wurde von diesem Gefühl verklärt . Sie gewöhnte sich daran , ihren Freund unter den Todten zu denken . Ihr Vater , der es bemerkte , suchte schweigend sie in diesem Glauben zu bestärken , und nun wandte sie ihren Blick einzig nach oben , der Heimath ihres Lebens und ihrer Liebe . Hier unten ging sie willig den ihr von ihrem Vater vorgezeichneten Pfad , lächelte freundlich zu allen seinen Wünschen , und suchte wenigstens ihn zu erfreuen , da für sie auf der Erde keine Freude mehr blühte . So verlebte Auguste noch drei Jahre in verschiednen Ländern und äußern Umständen , ohne eine befreundete Seele um sich zu wissen . Selbst des Mädchenglücks , eine gewöhnliche Jugendfreundin zu besitzen , hatte sie zeitlebens entbehrt . Sie war selten viel länger als ein Jahr an dem nehmlichen Orte geblieben , hatte unzähligemal alle ihre Umgebungen wechseln müssen , und nie Zeit oder Gelegenheit gefunden , irgend eine dauernde Verbindung zu