Frölich , Henriette Virginia oder Die Kolonie von Kentucky www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Henriette Frölich Virginia oder Die Kolonie von Kentucky Mehr Wahrheit als Dichtung An die Leser Anders malt mit ihrem Zauberbilde , Anders sich in jedem Kopf die Welt . An dem Indusstrande und am Belt Schmücken andre Blumen die Gefilde . Andre Regung bringt der Frühlingsmorgen , Andere die düstre Winternacht . Was der Dichter , scheinbar frei , gedacht , Mußte oft von der Umgebung borgen . Zürnt ihr mir ? Daß ich ein Bild gewählet Aus der Unglücksjahre wüstem Drang ? Wo der Nebel mit dem Lichte rang , Mit der Wahrheit Irrtum sich vermählet ? Zürnet nicht , ich hab es nicht erfunden , Nur empfangen von der Außenwelt Und , zur Schau , im Rahmen aufgestellt , In der Muße launevollen Stunden . Auch die Heldin wollet mir nicht schelten , Die ein ahndungsvoller Tag gebar Und gespenst ' ge Bilder der Gefahr Hingescheucht zu fernen fremden Welten . Wo sie irrte , fand sie viel Gespielen In der Zeiten dunklem Labyrinth . Doch ihr Wahn , er war der Flammen Kind , Welche in der Menschheit Glorie spielen . Und sie flieht der Selbstsucht harte Bande , Ihre Wahrheit flieht die Heuchelei , Ihren Hochsinn , ihre zarte Treu ' Rettend in dem fernen Friedenslande . Sendet ihr im frischen Morgenwinde Mild den Wunsch , der euch den Busen dehnt , Daß sie , was ihr alle sucht und sehnt , Das verlorne Eden , wiederfinde . Erster Teil Virginia an Adele Am Bord des » Washington « . Im Hafen von Marseille , den 20. August 1814 Wie wirst Du erschrocken sein , arme Adele , als Du mein Zimmer leer fandest ? Wie verstohlen und mit immer steigender Angst wirst Du Dich nach mir erkundigt haben , fast mehr fürchtend , meine Spur zu finden als sie zu verlieren . Glaube mir , diese Vorstellung hat mich sehr gequält . Gern hätte ich Dir mein Vorhaben vertraut . Es wäre mir so süß gewesen , mich noch einmal scheidend an die Brust zu legen , an der ich oftmals meine stummen Tränen barg ! Aber wie durft ich wagen , die Last dieses Geheimnisses auf Deine zarte Seele zu wälzen . Woher hättest Du die Fassung genommen , Deiner Mutter das gewöhnliche , kindlich fröhliche Mädchen zu zeigen ? oder mit Unbefangenheit dem Späherblicke Deines Vaters zu begegnen ? Nein , ich konnte Dir diese Angst nicht ersparen , ich glaube vielmehr , ich habe sie abgekürzt . Während Du sorglos schliefest , dann ahndetest , hofftest , zweifeltest , trennten uns schon Berge und Täler ; ach ! und wenn Du diesen Brief erhältst , liegt das Weltmeer zwischen uns , und ich bin außer der Gewalt der Menschen , nur in der Gewalt Gottes und seiner Elemente . Ihm , dem Allmächtigen , übergebe ich mich ; nur der Willkür der Menschen widerstrebt mein Herz , es hat zuviel unter ihren rohen Händen gelitten . Ihre triumphierenden Blicke könnten mich bis ins Grab treiben . Triumphierend ? worüber denn ? War ' s ihr Verdienst ? O nein ! Ihre Schlechtigkeit , ihre Ränke haben wohl mitgewirkt , dessen mögen sie sich nicht überheben . Aber auch die Schlechtigkeit ihrer Gegner , die Selbstsucht aller , zufällige Ereignisse - was weiß ich ? Am Ende Gott . Wohl , wohl ! Ohne seine Zulassung geschieht nichts . Aber warum er es zuläßt ? wozu ? Da liegt ' s. Mit der Beantwortung sind die meisten so fertig da , als habe der Ewige mit ihnen darüber beratschlagt , und nur wenige fühlen es lebendig , daß Irren das gemeine Los der Sterblichen ist , daß das Warum vielleicht erst halb in künftigen Jahrhunderten , ganz erst in der Ewigkeit begriffen wird . Soviel aber ist mir Armen klar , daß alles dies nimmermehr geschah , damit die P ... s und O ... s wieder in den Vorsälen der Bourboniden glänzen möchten oder die M ... s und R ... s auf ihren ehemaligen Schlössern wieder schwelgen und Bauern quälen könnten . Noch viel weniger , damit die Güter der Montorins und Polignys durch die Hände Deiner einfachen Virginia und des zierlichen Louis vermählt würden . Vergib mir , teure Adele ! er ist Dein Bruder ; aber hat er Dein Herz ? Und wenn selbst - nimmer , nimmer ! Und wohnte auch in meiner Seele kein fremdes Bild - nimmer ! nimmer ! Er ist nicht der Sohn meines Vaterlandes , wie wollte er mein Gefühl verstehen , wie das schonen können , was er verdammt ? O mein armes verratenes , zerrissenes , verlassenes Vaterland ! auch Virginia muß dich verlassen , mit blutendem Herzen verlassen . Wäre sie ein Mann , sie würde bleiben und kämpfen ; vielleicht könnte sie dir noch etwas nützen , und wär ' s auch nur mit ihrem Blute . Aber ein Weib , ein unterjochtes Weib ? Qualvolles , nutzloses Leben ; dazustehen im Kampf der Parteien , beobachtet in jeder Miene , gemißhandelt um jeder unfreiwilligen Träne , beargwohnt um jedes Wort , am meisten beim duldenden Schweigen ! Nein , Vaterland , ich muß dich verlassen ! Schweigen könnte ich . Aber nein , ich soll reden , reden in ihrem Sinne . Nicht genug . Eine Bekehrungsgeschichte meines Innern müßte ich erlügen , verdammend anklagen meine angebornen Gefühle , abschwörend dartun die ererbten Ansichten meines trefflichen Vaters . Unglückliches Weib ! Der Mann kämpft für seine Meinung und macht sich Bahn ; das Weib soll keine Meinung haben . - Wie oft , fröhliche Adele , habe ich Dich beneidet , daß Deine Gedanken nur den engen Raum zwischen der letzten Oper und dem nächsten Ball durchliefen ; und doch strafte mich sogleich ein ( wie mir schien ) besseres Selbstgefühl . Du begriffst mich nicht , wenn Du meine Wange erblassen , mein Auge weinen sahst ; doch liebten wir uns so herzlich , Du mit dem kindlich unbekümmerten Gemüt , ich mit der Erkenntnis , daß nur zufällige Umstände uns so verschieden gebildet und Liebe und Güte selbst das Ungleichste binden können . Oh , meine Adele ! noch immer seh ich Dich , als Du zum erstenmal übers Meer herübergekommen warst und an der Hand Deiner Mutter in unser Zimmer tratest , ein freundliches , engelschönes Kind , kaum acht Jahre alt . Wie flog mein Herz Dir da entgegen , der jüngeren lieblichen Schwester ; wie dankte ich dem Vater , daß er Euch durch seinen rastlosen Eifer die Rückkehr bewirkt . Oh , wäret Ihr doch nimmer wieder geschieden ! Dann hättest Du mich ganz verstehen lernen mit zunehmenden Jahren , und spätere Ereignisse wären Dir nicht unbekannt . So aber riß die Lebenswoge uns schon wieder auseinander , als Du kaum das zwölfte Jahr vollendet , und dem seltenen , gefährlichen Briefwechsel war nichts Bedeutendes zu vertrauen , weniger noch dem stets beobachteten Gespräch in den letzten Monden unserer Wiedervereinigung . Und doch treibt mich ein unwiderstehlicher Drang , Dir mein ganzes Innerstes zu zeigen . Ich folge ihm ; die Einsamkeit einer Seereise gibt mir volle Muße . Ja , eine Seereise . Und weit , sehr weit . In das Land der Freiheit schiffe ich hinüber . Wo mein Vater als Jüngling kämpfte unter dem Panier der Freiheit , wo mein hochherziger Oheim , für sie blutend , starb , da ist mein zweites Vaterland . Amerika ! Amerika ! Schon erhebt sich ein frischer Ostwind , alles eilt an Bord . So lebe denn wohl , Adele ! Dieser Brief muß ans Land . Ach , zum letzten Male sehe ich den mütterlichen Boden , der mich gebar ; seine freundlichen Rebenhügel , das frohe Treiben im Hafen von Marseille . Zum letzten Male schallen die muntern Lieder der Fischer zu mir herüber . Oh , es ist schwer , von der Heimat zu scheiden ! Schwer , wie das Sterben ! Sterben ist ja auch nur eine Reise nach unbekannter Küste , ohne Wiederkehr . Lebe wohl , Adele ! Lebe wohl , mein Frankreich ! Dieselbe an dieselbe Auf der Höhe von Gibraltar Die Sonne taucht freundlich aus den Fluten herauf . Sie beleuchtet meinen Blicken zum letzten Male das dämmernde Europa . Tränen benetzen meine Wangen , unwillkürlich strecke ich meine Arme nach dem heimischen Gestade aus ! ach , es schwindet von Minute zu Minute weiter zurück . Ich weine , ja , Adele , ich weine ! Die Weiblichkeit behauptet ihre vollen Rechte und drängt den männlichen Mut in den Hintergrund . - Ich habe mich auf einige Augenblicke in die Kajüte geflüchtet , um mich in der Einsamkeit recht auszuweinen . Große Schmerzen beruhigt der Mensch nur durch sich selbst , er erhebt sich nur durch eigne Kraft . Die mitleidigen Tröster , welche sich auf dem Verdeck um mich her versammelten , taten mir nur weher . Wie kann man so ins allgemeine hin zusprechen , wo man die feinsten Ursachen der Rührung nicht kennt , wohl selbst ausgesprochen nicht kennen würde ! Wie will man den verwandten Ton treffen , um diesen Mißklang in Einklang aufzulösen ! Sogar der freundliche Kapitän verwies mich nur an mich selbst , als er mir mit seiner schönen Stimme voll Rührung sagte : » Liebe , schöne Miß , Sie verlassen ein Land voll Unruhe und Verwirrung ; mein Vaterland , das heilige Land der Freiheit , wird Sie als Tochter aufnehmen und diese bangen Tränen trocknen . Betrachten Sie mich als Ihren Bruder , und gebieten Sie über alles , was dieser Bruder sein nennt . « Guter Mann ! es ist nicht das Gefühl des Verlassenseins , was mich beklemmt . In den Sälen der Tuilerien würde ich mir viel verwaister erscheinen . Siehe , meine Tränen sind während des Schreibens getrocknet , und mein Mut kehrt zurück . Ich muß wieder hinauf , damit der lange Aufenthalt in dem verschlossenen Raume mir nicht nachteilig werde . Ich will nicht seekrank werden , wenn es irgend zu vermeiden ist . Krankheit wirkt auf den Geist , aber der Geist beherrscht mehr noch den Körper . Der meinige soll sich aufheitern und stark sein . Nur noch einen Abschiedsblick nach der Wiege meiner Kindheit , nach den Gräbern meiner Lieben ; dann teilnehmend gelebt mit der Gegenwart und die Vergangenheit noch einmal wiederholt für meine Adele . Unser Leben gleicht des Jägers Träumen , Der am waldbekränzten Hügel ruht . Er entschlief am milden Strahl der Sonne , Von der Liebe , von der Jagden Wonne , Und erwachet in der Stürme Wut . Sohn des Hügels , morgen wirst du fragen : Was verlöscht Ronkatlins hellen Schein ? Hat das Meer den glühenden Stern verschlungen ? Selmas Bardenharfen sind verklungen , Toskars Tochter klaget dort allein ! Ach , Malwina wandelt zu der Halle , Staubumschleiert lehnen Schild und Speer . Es empfängt sie geisterhaftes Grausen , Kleiner Menschen Söhne drinnen hausen , Ihre Helden findet sie nicht mehr . Bald auch kehren Lutas sanfte Mädchen Ohne die Gespielin von der Jagd , Wenden ihren Tränenblick voll Trauern Nach Torluthas moosbewachsnen Mauern , Wo der Eichen Flamme nicht mehr lacht . Du siehst , liebe Adele , daß Ossian mein treuer Begleiter ist . Wie hätte ich den vergessen ? er ist ja ein Geschenk von Dir . Immer schon war er mein Lieblingsdichter , und jetzt ist er mir über alles teuer , das liebste Gut , welches ich aus dem Schiffbruche gerettet . Erst jetzt verstehe ich ihn ganz , und bei seinen Klaggesängen schweigt mir das Leid im Busen . Oft stehe ich noch abends einsam am Maste gelehnt und betrachte die Gewölke , welche der untergegangenen Sonne nachziehen . Dann will mich ' s oft bedünken , als lagerten die Helden vergangener Zeiten auf ihrem rötlichen Saum . Teure Gestalten ! ihr begleitet Virginia nach dem Lande , wo sie einst ruhen wird unter dem moosigen Steine , den die Hand eines Fremdlings mitleidvoll auf ihren Hügel legt . Doch nicht von meinem Grabe wollte ich mit Dir reden , traute Adele , als ich dieses neue Blatt anfing , sondern von meinem Eintritt in das Leben und wie ich das wurde , was ich bin . Meinen Vater hast Du gekannt , den schönen , herrlichen Mann . Du erinnerst Dich noch seines hohen männlichen Wuchses , seiner stolzen Stirn , seiner Adlernase , der sanften , großen blauen Augen , des freundlichen Mundes . Du weißt noch , wie ernst und fest , wie wild und freundlich er zu gleicher Zeit war . Als jüngerer Sohn des Ritters von Montorin für die Rechtsgelehrsamkeit bestimmt , studierte er auf dem Kollegium zu Aix - als der Freiheitskampf in Amerika alle Herzen der europäischen Jugend in Bewegung setzte . Sein älterer Bruder , schon früher im Militär angestellt , wußte es dahin zu bringen , daß er zu einem Regimente versetzt wurde , welches , im Laufe des Krieges , zur Verstärkung der französischen Hülfstruppen eingeschifft werden sollte . Lange hatte sich ein Oheim , dessen Erbe er war , diesem Wunsche auf das lebhafteste widersetzt . Der jugendliche Enthusiasmus siegte . Vor seiner Einschiffung wünschte der ältere den jüngern Bruder noch zu sehen und nahm einen kleinen Umweg über Aix . Hier ergriff nun meinen Vater das unwiderstehliche Verlangen , den geliebten Bruder in diesen ehrenvollen Kampf zu begleiten . Plutarch und Xenophon hatten den kaum erst sechzehnjährigen Jüngling zum Manne gereift . Er raffte zusammen , was sich ohne Aufsehen fortbringen ließ , und folgte heimlich dem Bruder , um als Freiwilliger den Feldzug mitzumachen . Sie erreichten glücklich den Hafen von Marseille , wo die Flotte bereitlag , sie aufzunehmen . Mit leichtem Herzen verließen sie Frankreich . Dieselben Wellen , die immer hin und wieder kehren , auf deren Rücken unser » Washington « dahintanzt , dieselben trugen sie fröhlich zu dem ersehnten Ziele . Mit hochklopfendem Busen landeten die Jünglinge und begannen den Kampf gegen die Macht des stolzen Englands . Drei Jahre fochten sie nebeneinander , mit wechselndem Glücke , doch umschwebte meistens der Sieg ihre Fahnen . Ihre Heldenherzen rissen sie zu jeder schwierigen Unternehmung voran . Wo die Gefahr war , fochten die Brüder . Bei Eutaw wankte das Bataillon , welches der ältere als Oberst kommandierte , auf einen Augenblick . Ein mörderisches Kartätschenfeuer der Engländer trennte die Glieder ; da entriß mein Oheim dem weichenden Fähnrich das Panier : » Wer mich liebt und die Ehre « , rief er , » der folge mir ! Freiheit und Sieg ! Freiheit und Sieg ! « Mit diesen Worten stürmte er im raschen Laufe gegen die feindliche Batterie vor . » Freiheit und Sieg ! « rief mein Vater ; » Freiheit , Sieg und unser Oberst ! « tönte es durch alle Glieder . Man stürmte ihm nach . Die Batterie war genommen , aber tödlich verwundet erreichte mein edler Oheim das Ziel seiner Anstrengung . Ein Schuß in die Brust hatte ihn schon im halben Laufe getroffen . Er hielt die linke Hand fest auf die Wunde gedrückt , um das fließende Blut noch einige Augenblicke aufzuhalten , pflanzte mit bebender Rechten die flatternde Fahne neben dem feindlichen Geschütz auf und sank dann sterbend nieder . » Mein Wunsch ist erfüllt « , sagte er mit schwacher Stimme , » der Sieg ist unser . Freiheit und Menschenrechte habe ich diesem dereinst glücklichen Lande erkämpfen helfen . Weine nicht , mein Bruder , weinet nicht , Kameraden , ich sterbe den schönsten Tod . « Mit diesen Worten hauchte der jugendliche Held in den Armen des Bruders seine große Seele aus . Nur ein einfacher , kleiner Hügel konnte über seine irdischen Reste errichtet werden , aber sein Pantheon ist der Ort , wo er fiel , und mit heiliger Ehrfurcht , wie die Spartanerin zu dem Passe von Thermopylä , werde ich dahin wallen . Er kämpfte nicht den zweideutigen Kampf für Land und Besitztum , er focht für fremdes Glück , für die Menschheit , für den Gott im Busen . In den Jahren des Genusses ließ er ein glänzendes Los daheim und hohe Erwartungen ; trug in Wüsten alle Beschwerden und Mühseligkeiten des Krieges , um für ein fremdes , gedrücktes Volk zu kämpfen . Indem ich mir ihn so vergegenwärtige , fühle ich , was Ahnenstolz ist und wie er entspringt . Ja , ich bin stolz auf ihn , auf den edlen , nicht auf den adeligen Menschen . Ursprünglich waren beide Worte nur eins . Wehe ! daß man in der Folge Zeichen und Sache trennen mußte . Nach dem Frieden kehrte mein Vater nach Frankreich zurück . Er fand den alten Herzog , seinen Oheim , tief gebeugt über den Verlust seines Lieblings , wurde aber , als nunmehriger Erbe , mit allen Zeichen der Wertschätzung empfangen , bei Hofe vorgestellt , bewundert und mit Schmeicheleien überhäuft . Die Frauen fanden ihn unbeschreiblich schön , den Männern gebot er Ehrfurcht , ein Teil der jüngern , nicht sehr begünstigten , schloß sich mit Begeisterung an ihn an . Der Oheim tat zweckmäßige Schritte und erhielt die sehr nahe Aussicht zu einer ansehnlichen Hofbedienung für ihn . Mein Vater liebte aber den Hof nicht , sowenig man auch hinter seinem gefälligen , zarten Benehmen , welches der Abdruck seines menschenfreundlichen Herzens war , seine Abneigung ahndete . Der Oheim war höchst unangenehm überrascht , als ihm mein Vater mit Festigkeit erklärte , er werde sich niemals an den Hof fesseln . Nun bestand der Oheim darauf , ihm ein Regiment zu kaufen . Mein Vater unterdrückte die Äußerungen seiner Gedanken über dieses unrechtmäßige Verfahren und weigerte sich gleichfalls , scheinbar aus dem Grunde , weil er den Soldatenstand nicht liebe . Man fand diese Abneigung höchst ungereimt an einem jungen Helden , der nur eben mit frischen Lorbeern heimgekehrt war . Mein Vater aber erwiderte , es sei ganz ein anderes , für Freiheit und Menschenrecht in den Kampf zu ziehn als auf Paraden zu glänzen und , als Söldling , völlig fremden Zwecken zu dienen . Man verstand einander fast gar nicht . Der Neffe wünschte , zu seinen Studien zurückzukehren und mit seinen geliebten Griechen und Römern zu leben ; der Oheim nannte dies Pedanterie und Verkehrtheit , wodurch er eben für die höhere Welt und seine glänzenden Entwürfe verdorben worden und dem feinern Leben immer mehr entfremdet würde . Die Spannung stieg zwischen beiden , sosehr mein Vater sich auch Mühe gab , durch kindliche Zuvorkommenheit diese Unzufriedenheit zu bekämpfen . Endlich erhielt mein Vater die Einwilligung , auf einige Zeit ein kleines Gut in der Provence besuchen zu dürfen , welches er von seiner Mutter geerbt und seit seiner ersten Kindheit nicht gesehen hatte . Er verließ in den ersten Frühlingstagen das geräuschvolle Paris , wie der Vogel den Käfig . Er hatte dort wohl Freunde gefunden , aber die Luft , welche sie gemeinschaftlich umfangen hielt , war so schwül , daß sie das freie Aufatmen gar sehr erschwerte . Jetzt sog er wieder die junge Brust voll frischer Lebenslust und frohen Mut . Du hast Chaumerive gesehen , am nördlichen Ufer der Durance , diesen schönen Schauplatz meiner frohen Jugend . Gewiß gedenkst Du noch des blumigen Tales , das sich , mit Rebenhügeln umkränzt , längs den Ufern dahinzieht . Vor allem aber des dunklen Flusses , der vor unsrer Wohnung strömt , von zahllosen Fischerbarken bedeckt ; denn gewiß ist Dir die kühne Wallfahrt noch im Gedächtnis , welche wir beide eines Nachmittags auf seinem grünen Uferwall unternahmen , um seinen Ausfluß in die Rhône zu sehn . Wir gelangten dahin ; aber schon begann die Sonne zu sinken , als wir , gefesselt von dem großen Schauspiel , an die Rückkehr dachten , wo Dir dann Dunkelheit und Ermüdung manche Träne auspreßten . Hierher begab sich mein Vater . Freilich war es damals bei weitem nicht so reizend , als Du es gefunden . Seit länger als zwölf Jahren von dem Besitzer vernachlässigt , waren die Gebäude verfallen , die Gärten verwildert , die Felder und Weinberge nur für den augenblicklichen Nutzen bestellt . Mangel und Schmutz blickten aus den einzelnen Hütten hervor , und blaßgelbe Gestalten , in Lumpen gehüllt , verrichteten träge die nötigen Fronarbeiten . Doch die Natur war gleich üppig . Die wilde Durance tanzte ebenso trotzig daher . Die dunkeln Oliven schattierten ebenso anmutig mit der frischen Zitrone , und Thymian und Lavendel dufteten selbst von öden Triften . Es bedurfte nur festen Willen , Einsicht und Geschmack , um mit geringen Aufopferungen ein Paradies zu schaffen , welches späterhin jedes Auge entzückte . Mein Vater hatte schon im Augenblicke der Ankunft seinen Entschluß gefaßt . Er entließ den reichgewordenen Pächter mit einer angemessenen Vergütung , verteilte den größten Teil des Ackers unter seine Bauern , gegen eine jährliche geringe , von ihnen selbst bestimmte Pacht , und hob alle Zeichen der Dienstbarkeit auf . Er stellte sich den erstaunten Menschen nur als ihren Freund und Ratgeber dar und gewann alle Herzen . Jedermann griff mutig zur Arbeit , und die entworfene Verbesserung rückte mit Riesenschritten vor . Der Weinbau wurde ganz auf die Hügel beschränkt , dort aber um so sorgfältiger betrieben . Es wurden für die Kelter nur gleichzeitig reifende Gewächse von verwandten Eigenschaften gepflanzt . Der Ölbaum wurde nur sparsam zwischen den Reben geduldet und bekränzte meist nur den Rücken der Höhen und die nördliche Seite . Die Ebenen wurden mit Weizen besäet und sorgfältig von den schattenden Bäumen und dem wuchernden Gesträuche gereinigt . Die sumpfigen Wiesen und Triften , längs dem Flusse , wurden durch zweckmäßige Gräben trockengelegt und durch Ausrottungen ein sehr großer Teil Acker für den fast unbekannten Kartoffelbau gewonnen . Auf dem magersten Teil des Landes wurden Maulbeerpflanzungen angelegt und Pomeranzen , Zitronen und alle übrigen Obstarten in den Gärten mit großer Sorgfalt gezogen . So wurde durch kluge Sonderung dieses mannigfaltigen , sonst durcheinandergeworfenen Anbaues derselben Grundfläche ein zehnfacher Ertrag abgewonnen . Üppig wallte der goldne Weizen , wo ihn sonst der Maulbeerbaum und das Gesträuch erstickte , und der freie Weinstock lieferte den köstlichsten Wein . Die entwässerten Triften nährten zahlreiche und kräftige Herden , wo sonst nur einige magere Kühe des Pächters weideten . Jetzt nahm der Landmann , durch Vorschüsse meines Vaters unterstützt , an allem teil , und Wohlstand kehrte in seine reinliche Hütte zurück , Gesundheit und Kraft sprach sich in seiner regsamen Gestalt aus und jene liebenswürdige Fröhlichkeit , welche den guten Provenzalen so eigentümlich ist . Oh , wie wurde aber auch mein Vater von seinen treuen Untertanen geliebt ! Seine Aussprüche waren Orakel , seine Felder und Berge wurden am besten bearbeitet , seine Bauten unglaublich schnell ausgeführt , und bei den Auszahlungen entstand nur Streit darüber , daß er zuviel geben und der Arbeiter zuwenig nehmen wollte . Welche hohe Zinsen trugen die kleinen , anfangs gemachten Aufopferungen ! Wie wurde ihm seine Leutseligkeit in der Folge mit Wucher vergolten ! Wie rührend aber war es auch , den edlen Mann im Kreise seiner Untertanen zu erblicken . Doch liebte er diese Benennung nicht ; er nannte sie nur seine Freunde . » Ich bin ärmer als sie « , pflegte er zu sagen , » ich bedarf ihrer Hülfe mehr als sie der meinigen , denn ich bin weniger abgehärtet , und mir sind so viele Bedürfnisse anerzogen , deren Entbehrung sie gar nicht gewahr werden . « Der fein gebildete Mann , dessen geistreiche Unterhaltung von Höflingen bewundert wurde , war mit diesen Kindern der Natur so einfach als sie . Er stimmte seine Begriffe zu den ihrigen herab , um diese zu lenken , legte oft gesellig Hand an bei ihren Arbeiten , mischte sich in ihre Spiele und erfreute sich herzlich bei ihren fröhlichen Scherzen . Bei jedem traurigen , ja nur rührenden Anlaß füllte sich augenblicklich sein blaues Auge mit Tränen , welche er jedoch sorgfältig zu verbergen suchte . Er half , wo er konnte , und tröstete , wo keine Hülfe war . So trat er wie ein Halbgott unter diese gedrückten , vernachlässigten Menschen , und ein neuer Morgen brach an für dieses kleine freundliche Tal . Dem Vater selbst schien ein schönerer Lebensmorgen aufgegangen . Im lieblichsten Wechsel flogen die Tage , flogen Sommer und Herbst dahin . Die Musen besuchten ihn am winterlichen Kamine , dessen Gesimse es nie an frischen Blumen gebrach . Hier ahmte er denn oft Anakreons Lieder nach beim schäumenden Becher voll süßen , feurigen Mostes , öfter noch die heimischen Gesänge der alten Troubadours . So durch Einsamkeit und Dichtkunst zur Liebe vorbereitet , fanden ihn die ersten entzückenden Tage des neuen Frühlings . Man hatte in Paris vergebens auf seine Rückkunft gewartet , der Herzog hatte vergebens schriftlich darauf gedrungen ; mein sich zu glücklich fühlender Vater hatte immer auszuweichen gewußt , indem er seine Gegenwart als notwendig zur Vollendung der begonnenen Bauten darstellte . Diese schilderte er so pomphaft , daß der Herzog , von Ehrgeiz ergriffen , unaufgefordert große Summen überschickte , damit Provence und Languedoc von der Pracht seines Hauses reden möchten . Wie weit aber war das , was mein Vater ausführte , von diesen stolzen Ansichten entfernt ! Zwar höchst geschmackvoll waren die neuen Schöpfungen , aber auch ebenso einfach ; die Wohnung , von mäßiger Größe , war nur für eine häuslich glückliche Familie berechnet , in den Gärten Schönheit mit Nützlichkeit gepaart . Die ersparten Summen kamen ihm gut zustatten , seinen ländlichen Freunden aufzuhelfen und seinem neuen Wirtschaftsysteme Schwung zu geben . Gegen das Ende des Karnevals hatten seine Pariser Freunde bestimmt auf seine Gegenwart gerechnet und ihm vielfältig ihre Erfindungen für die letzten Maskenbälle mitgeteilt , woran er teilnehmen sollte . Er lehnte ihre Einladungen ab ; doch veranlaßten sie ihn zu dem Einfall , zum Fastnachtabend nach Aix zu reisen , um der dortigen Maskerade beizuwohnen . Mit innigem Vergnügen betrat er diese Stadt wieder , wo sein Geist die erste Nahrung erhalten und wo noch so viele seiner Jugendgespielen lebten . Mancher von ihnen , der sonst mit ihm in einer Klasse gewetteifert hatte , riß jetzt auf der Rednerbühne des Parlaments durch seine feurige Beredsamkeit hin . Einer derselben - ich nenne ihn bei seinem Vornamen Victor - , der Sohn eines Kaufmannes , jetzt Parlamentsadvokat , ein feuriger , unternehmender Kopf , dessen Herz für alles Große schlug und der , mit Aufopferung seiner selbst , für das Recht kämpfte , war außer sich vor Freuden , seinen Leo wiederzusehn , und lud ihn für die Nacht in das Haus seines Vaters ein . Zuvor wollten sich beide Freunde noch auf dem Orbitello treffen und sich des Maskengetümmels freuen . Lust und Leben empfing meinen Vater auf diesem entzückenden Korso , mit welchem sich kaum die Boulevards von Paris messen können . Die Bäume blühten , die Fontänen sprangen , und bei jedem Schritt umringten ihn hüpfende kleine Mädchen , reichten ihm duftende Sträuße und baten um Zuckerwerk für die Schwalbe . Er ging fröhlich auf diese altgriechische Lust ein und füllte und leerte unaufhörlich seine Taschen für diese lieblichen kleinen Geschöpfe . So gelangte er zur mittleren Fontäne , wo er schon in der Entfernung seinen Freund erkannte , an seinem Arme hing ein Mädchen in der Tracht der Bäuerinnen von Arles , dieser fast griechischen Kleidung , welche so schön steht . Das kurze Unterkleid war aus blaßroter Seide und das Drolet oder Oberkleid aus dunkelgrünem Sammet , um die dunklen Locken wand sich ein Tuch in gleicher Farbe , mit Gold durchwirkt . Schuhschnallen und Armspangen waren mit den schönsten Edelsteinen besetzt , und um den blendendweißen Hals hingen blaßrote Korallen . So erschien diese Nymphengestalt zum ersten Male den entzückten Augen meines Vaters . Sie ward meine Mutter ! Du verzeihst mir gewiß , daß ich bei dieser Veranlassung etwas umständlicher erzähle , als es wohl nötig ist . Dieser Moment entschied ja über das Leben zweier mir so unendlich teuern Personen und über mein Dasein . Mein Vater war als Troubadour gekleidet , und Victor stellte ihn seiner Schwester vor . Der Eindruck , den beide aufeinander machten , war überraschend , und als man sich in der Morgenfrühe trennte , waren beide von dem Gefühl durchdrungen , daß Leben ohneeinander Tod sei ! Die Liebe , diese Blütenzeit des Lebens , dieser Silberblick auf seines Stromes Wellen , ist nirgend mächtiger als unter dem schönen provenzalischen Himmel , dem Vaterlande der Lieder . Hier nur vereinigt sie Feuer und Zartheit in gleichem Maße , hier nur ist sie die einzige große Angelegenheit des Lebens . Auch meine Eltern fühlten sie , vom ersten Augenblick , als solche . Leo atmete nur für seine Klara , und Klara dachte nur ihn . Victor war hocherfreut über das Bündnis zweier ihm so teuren Wesen , und seine siegende Beredsamkeit riß den Vater mit sich fort , der wohl anfangs etwas von Standesunterschied bemerkte . Der Zeitgeist entfaltete schon seine Schwingen und fand besonders in den beiden Freunden begeisterte Herolde . Sie hatten früher nur in der idealen Welt der Alten gelebt und sich von je Abkömmlinge altgriechischer Kolonien geträumt . Leo hatte in Amerika den Standesunterschied , welcher seinem sanften Herzen niemals zugesagt , als unbedeutend ansehen lernen , und