Ahlefeld , Charlotte von Erna www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Charlotte von Ahlefeld Erna Kein Roman Seiner Königlichen Hoheit dem Herrn Erbgroßherzog zu Sachsen-Weimar und Eisenach , etc. ehrerbietig gewidmet . I Ein liebes Mädchen sollst Du heute kennen lernen , Alexander , sagte die verwitwete Generalin von Zwenkau zu ihrem Neffen , einem zwanzigjährigen Husarenoffizier , der aus der Residenz gekommen war , sie in der Landstadt zu besuchen , in der sie wohnte . Das wäre eine Parthie für Dich . Gut , hübsch , sehr verständig , wohlerzogen und reich - liebes Kind , was könntest Du mehr verlangen ? Das sind fürwahr Eigenschaften , die eine glückliche Ehe gründen . Ehe ? antwortete Alexander lachend . Dafür , hoffe ich , soll mich der Himmel mein Leben lang bewahren . Nein , Tante , die Liebe ist eine Frühlingssonne , die das Daseyn wärmt , und duftende Blumen hervorlockt - die Ehe aber ein Maienfrost , unter dessen feindseeligem Einfluß sie wieder erstarren . Ungebunden , nur mir selbst angehörend , will ich des Lebens süßen Reiz genießen , und nie mein Haupt jenem Joche darbieten , dessen Schwere nicht allein die Freiheit , sondern auch das Glück erdrückt . So hat die Verdorbenheit großer Städte auch Deine Grundsätze schon vergiftet , versetzte die Generalin . O Alexander , laß Dich doch nicht irre leiten von der sittenlosen , versunkenen Menge , die der ehrwürdigsten Gefühle spottet , weil in ihrer kraftlosen Brust kein Raum mehr dafür ist . Eine frühe Verbindung mit einem achtungswerthen weiblichen Geschöpf wäre ganz gewiß ein sicheres Mittel , Dich in diesem Schwarm rein Dir selbst zu erhalten - soll ich nicht wünschen , daß Du es ergreifen möchtest ? Ernestine , oder Erna , wie wir gewohnt sind , sie zu nennen , die ich längst für Dich im Sinne hatte , ist die einzige Tochter einer meiner Freundinnen , der Frau von Willfried , die das hier unmittelbar an die Stadt gränzende Landguth Seedorf bewohnt . Wiewohl noch nicht vierzehn Jahr alt , verspricht dies hoffnungsvolle Kind doch ein Muster weiblicher Liebenswürdigkeit zu werden . Es fehlt ihr nichts bei den vollkommensten , zum Theil schon entwickelten Anlagen , als ein gewisses Selbstvertrauen , das ihre Schüchternheit nicht aufkeimen läßt . Sie ist so bescheiden , so wahrhaft demüthig , daß sie keine Ahnung davon hat , wie viel sie seyn könnte , wollte sie ihren Werth geltend machen . Nur wer sie so genau kennt wie ich , wird sie ganz verstehen , aber sie verdient das Studium ihres Charakters , und wahrlich , es belohnt sich , denn nie wohnte ein reineres , heiligeres Gemüth in einer lieblicheren Hülle . Sie machen mich ganz neugierig , liebe Tante , unterbrach sie Alexander scherzend . Ich bin ein Freund der jungen Rosenknospen , deren erstes zartes Roth zwischen frischem Frühlingsgrün hervordämmert , und oft in dem Versprechen eines herrlichen Entfaltens schon eben so schön ist , als in der Blüthe selbst . Gern werd ' ich mich an dem reizenden Anblick weiden , und - will das holde Röschen für mich blühen , mich an seinem süßen Duft ergötzen . Aber es auf ewig in meinen Lebenskranz winden , nein Tante , das vermag ich nicht , und wäre es auch völlig dornenlos , und geradeswegs aus Eden entsprossen . Leichtsinniger ! sprach die Generalin sehr ernst , wenn Du auch - scheinbar oder wirklich - doch hoff ich , nur das erstere , den Sinn für Lauterkeit und reine Sitten verloren hast , so wirst Du doch nicht vergessen , welch ' hohe Achtung der Unschuld gebührt . Ich erwarte daher wenigstens , daß Du die Tochter meiner Freundin nicht zum Spielwerk männlicher Koketterie und frivoler Eroberungssucht wählst , und der Ruhe ihres Herzens schonst , wenn Du auch , ihrer Reinheit wegen , sie vielleicht mit Recht zu hoch über Dir erblickst , um an eine Verbindung mit ihr denken zu mögen . Alexander sah , daß seine Tante aufgebracht war . Er küßte schmeichelnd ihre Hände , und versicherte ihr mit all der einnehmenden Anmuth , die ihm eigen war , daß seine Aeußerungen bei weitem nicht so ernstlich gemeint seien , als sie ihr schienen , und daß - wenn er sich auch noch für viel zu jung zum Heirathen halte , er doch gewiß ihrer mütterlichen Absicht , so wie den Verdiensten ihres unbekannten Lieblings volle Gerechtigkeit widerfahren lasse . II Es gelang ihm , die Erzürnte wieder zu versöhnen , denn es war schwer , seiner hinreißenden Freundlichkeit , und seinen liebkosenden Bitten zu widerstehen . Selten hatte die Natur einen Jüngling so verschwenderisch ausgestattet , als ihn , den bei hellem Geist und warmen , raschem Gefühl die Vorzüge einer bezaubernden Gestalt schmückten . Sorgsame Leitung über die Untiefen und Klippen der großen Welt hätte gewiß aus ihm einen der trefflichsten Männer gebildet - aber schon in der frühsten Jugend sich selbst überlassen , und mit offnen Sinnen und ungebundner Freiheit den geräuschvollen Zerstreuungen einer der üppigsten Residenzen Deutschlands hingegeben , war - durch die Macht des Beispiels hingerissen - die Reinheit seines Gemüths unter den Lockungen der Verführung und der eigenen Sinnlichkeit längst schon verloren gegangen . Nicht die Aegide der Tugend , sondern nur die Feinheit seines Geschmacks schützte ihn mitten in der Fülle des Leichtsinns und des Uebermuths vor dem Versinken in zügellose Ausschweifungen , die das Bessere im Menschen unwiederbringlich vernichten . Aus diesem immer verderblicher werdenden Rausch der Sinne , dem er sich mit der ganzen Heftigkeit seines leidenschaftlichen Charakters hingab , würde , wie seine Tante sehr richtig meinte , eine edle Liebe ihn wohlthätig geweckt haben . Aber dies Gefühl war ihm bisher noch fremd im Leben geblieben , deshalb konnte er den heiligen Einfluß desselben nicht anerkennen , ja nicht einmal ahnen . Sich dem gauklenden Schmetterlingsschwarm zuzugesellen , der die blendendsten Koketten der Residenz umflatterte und ihm durch die Ueberlegenheit seiner glänzenden und einschmeichlenden Eigenschaften den Rang abzulaufen , um nach erlangtem Siege sich schnell nach einem neuen Gegenstand seines Verlangens umzusehen , war bisher der Cyklus seiner Beschäftigungen und das stete Ziel seiner Bemühungen gewesen , in dessen Erreichung seine Eitelkeit Befriedigung fand , wenn auch das Herz leer blieb . Ihn erwärmte bei so unwürdigen Unternehmungen nicht jene reine Flamme wahrer Empfindung , die selbst Verirrungen adelt , welche sich auf ihre Innigkeit gründen , sondern es war ein eingeheitztes Feuer , mit dem er sich und andern in thörichter Verblendung weis machte , daß er glühe , während er eigentlich sehr oft nur kalte Geringschätzung fühlte . So war es sehr natürlich , daß neben der Unschuld seines Herzens auch die gute Meinung unterging , die der Mann durchaus von den Frauen haben muß , wenn er ihnen seine höhere Ausbildung und sein Glück verdanken soll , und er glaubte , gleich den Gefährten seiner Lüste an keine weibliche Tugend mehr , da es ihm immer noch gelungen war , eine jede , die sich ihm dafür ausgab , zu zerstören . Er hatte den Schein in seiner ganzen Nichtigkeit erforscht , und darüber den Glauben an die Wahrheit verloren . So sehr er daher auch der Schönheit huldigte , wo er sie fand , so dünkte ihm doch die Glorie der sittlichen Reinheit mit der er sie sehr oft umgeben fand , nur ein gemeines Irrlicht , auf Sümpfen erzeugt , um zu täuschen und zu locken , und er betrachtete es als eine unumgänglich nothwendige List , sie scheinbar zu ehren , um mit Hülfe dieser Verstellung und einer erheuchelten Achtung sich seine Eroberungen leichter zu machen , und Maske mit Maske zu vergelten . III Die Gesellschaft , welche die Generalin ihrem Neffen zu Ehren eingeladen hatte , und unter der er die ihm von ihrer mütterlichen Fürsorge bestimmte Braut finden sollte , fing an sich zu versammeln . Aber so manche Mutter auch mit ihrer blühenden oder verblühten Tochter hereintrat - durch keine wurden die ausgezeichneten Lobsprüche gerechtfertigt , mit welcher seine Tante wenigstens seine Neugier in Hinsicht Erna ' s Bekanntschaft gereitzt hatte . Endlich erschien eine bleiche , abgezehrte Matrone , geführt von einem jungen Mädchen , das durch die zarteste Sorgfalt im Benehmen , und eine völlig auf ihre kindlichen Pflichten beschränkte Aufmerksamkeit auch ohne Worte aussprach , daß sie die Würde des Berufes fühle , ihrer dem Grabe entgegen kränkelnden Mutter alles zu seyn . Dies entsprach allerdings , die Güte und Dankbarkeit ihres Herzens verbürgend , der Schilderung , die die Generalin von ihren moralischen Eigenschaften gemacht hatte . Aber schön war sie nicht - und doch hatte sie auch ihr Aeußeres als sehr vortheilhaft gerühmt . Er erwartete daher - sein Ideal jugendlicher Schönheit üppig in der Seele tragend - eine volle , feurig in der Fülle der Gesundheit sich dem Leben öffnende Blüthe zu sehen , die , wie mit Liebesarmen an jede irrdische Freude sich fest schlingend , nur Fröhlichkeit und Muthwillen athmete . Statt dessen erblickte er ein Wesen , zart und ätherisch - er nannte es mager - in dem der leise Uebergang vom Kinde zur Jungfrau noch nicht harmonisch verschmolzen war , und sie demnach weder als das eine noch als die andere erscheinen ließ . Dabei einen Ernst , der ihren Jahren so wenig in seinen Augen kleidete , wie der Doctorhut einem Knaben und in dem ganz eigenen Ausdruck ihres Gesichts , auf welchem nicht die Rosen der ersten Jugend , sondern der blasse Mondschein einer fast überirdischen Verklärung ruhte , stilles Nachdenken , Ruhe und Resignation statt des Aufblitzens üppiger Lebenskraft und kindlicher Heiterkeit , denen er zu begegnen hoffte . Sie hatte ihre Mutter sanft zu einem Sopha geleitet , und nachdem sie Sorge getragen , sie mit alle den kleinen Bequemlichkeiten zu versehen , die ihre Schwäche ihr zum Bedürfniß machten , zog sie sich zu den übrigen jungen Mädchen zurück , in deren Kreis sie sich so anspruchslos verlor , wie das Veilchen sich im Wiesengrund verbirgt . Alexanders Augen folgten ihr . Noch immer konnte er die Reize nicht wahrnehmen , die seine Tante als ausgezeichnet erwähnt hatte . Erna war groß für ihr Alter , aber schneller Wachsthum , schien es , hatte ihrer Gestalt noch nicht gestattet , jene wohlgefällige Rundung zu gewinnen , die zu einem richtigen Ebenmaas gehört . Ihr reiches , castanienbraunes Haar war in Flechten zusammengedrängt , kunstlos um das Haupt gewunden . Dunkler noch contrastirten die hoch gewölbten , schmal geformten Augenbraunen und die langen , einem Trauerschleier gleich den gesenkten Blick verhüllenden Wimpern mit der seltenen Weisse ihres Teints , aber es fehlte das warme , frische Roth der belebenden Jugendglut , das nur auf den zarten , fest verschlossenen Lippen anzutreffen war . Ihre Züge waren fein und edel gebildet , und insbesondere trug die Stirn den Stempel hoher Unschuld und Reinheit - doch das Ganze sprach seinen an schimmernden Farbenschmelz und an Flittergold der Kunst gewöhnten Sinn so wenig an , wie im bunten Blumenbeet des Frühlings die farblose Lilie . Um zu untersuchen , ob seine Tante auch in Hinsicht ihres Geistes das von ihr gefällte Urtheil übertrieben habe , trat er ihr näher , und mit jener Gewandheit und Leichtigkeit , die das immerwährende Leben in der großen Welt giebt , wollte er eine Veranlassung suchen , sie anzureden . Als er nun aber vor ihr stand , und sie das bisher gesenkte Auge erhob , dem seinen begegnend , da begrüßten ihn , gleich dämmernden Schatten der Vorzeit die längst nicht mehr empfundenen Regungen schüchterner Blödigkeit und süßen Bangens , und er fühlte sich von ihrem großen , ruhigen und klaren Blick tief und wunderbar ergriffen . Solche Augen - das konnte er sich nicht abläugnen , hatte er niemals noch gesehen . Sie trugen den Himmel in ihrer herrlichen Tiefe , und sprachen in lichtheller Klarheit eine Treue , einen Seelenadel , eine Reinheit aus , vor denen selbst sein frivoler Sinn sich beugte . Doch lange blieb es ihm nicht vergönnt , sich in ihrem Anschauen zu verlieren , denn Verlegenheit , die ihre bleichen Wangen plötzlich mit dem sanften Anhauch einer zarten Rothe färbte , verhüllte schnell mit der süßen Nacht der langen Wimpern den Himmelsglanz , der ihm so leuchtend in die Seele drang . Wahrscheinlich hatte Erna von ihrer Mutter die Weisung empfangen , ihn mit besonderer Auszeichnung zu begegnen , und die schwache Frau , die kein Geheimnis vor der geliebten Tochter verbergen konnte , hatte den mit der Generalin früher besprochenen Plan einer Verbindung zwischen ihr und Alexander , ihr als Perspective ihrer Zukunft gezeigt . IV In ihrer Verwirrung fand er sehr bald seinen Muth und seine Gegenwart des Geistes wieder . Es fing seine Eitelkeit an zu intereßiren , sich die Entscheidung der Frage zu verschaffen , ob Erna etwas wisse von dem Plan der beiden alten Frauen , oder ob seine Persönlichkeit allein sie so sichtbar imponirt habe . Denn es war nicht zu verkennen , daß sie von seiner Anrede gleichsam electrisirt , alle Fassung verlor , und in ihrer linken , blöden und verlegenen Antwort weniger ihre geistige Beschränktheit als eine tiefe Betroffenheit des Herzens verrieth . Er gönnte ihr Zeit , sich ein wenig zu sammeln , und erneuerte dann wieder seine Versuche , ihr Rede abzugewinnen , aber neues glühendes Erröthen , von leisem Beben und einzelnen abgebrochenen , kaum hörbaren Worten begleitet , scheuchten ihn abermals zurück , und erst als er sich nicht mehr um sie zu bekümmern schien , erlangte sie ihre Ruhe und Unbefangenheit wieder . Ob sie nun gleich , trotz der wunderschönen Augen , denen er volle Gerechtigkeit widerfahren ließ , weit unter seinen Erwartungen und Wünschen blieb , so schmeichelte es ihm doch , den tiefen Eindruck zu bemerken , den seine Erscheinung auf ein so völlig neues unerfahrenes Herz gemacht hatte , und er beschloß , sich damit zu belustigen . Um der schüchternen Taube einigermaßen Zutrauen einzuflößen , verbarg er die Habichtsklauen seines Leichtsinns , und stellte sich ernst , fromm und sinnig an . Ohne durch seine Nähe ihr leicht bewegtes Gemüth ängstlich aufzuregen , wußte er doch die Ueberzeugung wach in ihr zu erhalten , daß seine Aufmerksamkeit theilnehmend mit ihr allein beschäftigt sei , und sie vor allen ihren Gespielinnen auszeichne . Die Verehrung , mit der er ihre Mutter behandelte , und die bescheidne liebliche Art , mit welcher er sie zu unterhalten und zu erheitern strebte , erwarb ihm nicht nur den Beifall der Matrone , sondern flößte auch Erna die vortheilhafteste Meinung von seinem Charakter ein , die den günstigen Eindruck seiner einnehmenden Gestalt verstärkte . Seine Tante selbst war entzückt über sein Betragen , und konnte es kaum erwarten , ihn allein zu sprechen , um ihm ihre Zufriedenheit zu bezeugen , und sein Urtheil über Erna zu vernehmen . Alexander hatte durch seine frühere , übel aufgenommene Freimüthigkeit erfahren , daß es bedenklich sei , ihr ganz offen seine innersten Gedanken und Gefühle darzulegen , und da es seine Absicht war , sie nicht abermals zu erzürnen , so unterdrückte er seine satyrischen Bemerkungen , und verbarg ihr , wie lächerlich er das gute Kind in seiner ländlichen Unbeholfenheit und Schüchternheit fand . Er begnügte sich daher , nur im Allgemeinen sich zu äußern , und sehr gemildert und oberflächlich seine wahre Meinung auszudrücken . Gern glaub ich , beste Tante , sagte er , daß in dem Fräulein die Keime aller möglichen Tugenden verborgen liegen , aber es wird schwer halten , sie an ' s Licht zu befördern , da ihre Blödigkeit doch wirklich alle Gränzen übersteigt . Bei dem sorgsamsten , und gewiß nicht zudringlichen und unzarten Bestreben , mit ihr in irgend eine Art von Beziehung zu kommen , hat mir der heutige mühevolle Abend doch kein anderes Resultat gebracht , als daß ich weiß - wie sie erröthet . Sie ist für jetzt , sich und andern , wie mir scheint , noch ein bloßes Fragzeichen im Leben , eine mimosa pudica , die bei der leisesten Berührung krampfhaft zusammenfährt , und man sollte glauben , daß eine Mönchszelle in Georgien sie erzeugt habe , so gesenkten Hauptes , gleichsam gebeugt , wandelt sie einher . Dort , wo die Mönche in nicht völlig vier Fuß hohen Zellen wohnen , um eine demüthige Stellung sich anzugewöhnen , mag ein solcher Anstand auch ganz an seinem Platze seyn . Hier aber unter uns in froher Geselligkeit , und fern von aller klösterlichen Disciplin war es vortheilhafter und vernünftiger , wenn sie das pikante Gesichtchen ein wenig erheben wollte - besonders , da ein paar Augen es schmücken , wohl werth , daß man in ihren Strahlen sich sonnet . Die Generalin war vorläufig mit seiner Charakteristik zufrieden , denn sie mußte im Geiste zugeben , daß er Recht hatte . Auch sie fand heute ihre sonst so ruhige Erna so ungewöhnlich verschüchtert und verlegen , daß sie sie kaum selbst erkannte . Sie wollte jedoch der Eigenliebe des ohnehin eitlen Jünglings nicht durch die Entdeckung schmeicheln , daß sein Anblick die Ursach einer so auffallenden Verwandelung sei , und überließ es der Zeit , und Erna ' s Reizen des Körpers und der Seele , den Flatterhaften zu fesseln , und mit der Unbehaglichkeit des ersten Empfangs zu versöhnen . V Die Stadt , in welcher die Generalin lebte , gehörte zwar eben nicht zu den größten , und war keineswegs frei von den kleinlichen Fehlern eines Tons , der sich oft durch Neugierde und Geschwäzzigkeit von dem Pfade edlerer Unterhaltung entfernte , aber an munterer Geselligkeit gab sie der Residenz nichts nach , denn mehrere Beamte , und wohlhabende Honoratioren bildeten mit dem zahlreichen Adel der umliegenden Gegend einen weiten Kreis , der sich sehr oft versammelte , sich vereint des Lebens zu freuen . Die Generalin war mit allen in gutem Vernehmen , doch ihr liebster Umgang beschränkte sich auf Frau von Willfried , deren ohnehin sanfter Charakter durch die fromme Geduld , mit der sie eine beständige Kränklichkeit trug , noch weicher und anziehender wurde . Sie hatten gemeinschaftlich ihre Jugend in der großen Welt zugebracht , und so manche Erinnerung der Vergangenheit , die jetzt ihre Einsamkeit würzte , gab ihnen reichen Stoff der Mittheilung im traulichen Beisammenseyn , indem sich durch sie das Andenken jener Zeit ihnen erneuerte . Ein noch innigeres Band webte aber Erna zwischen ihnen , die - gleichsam von zwei Müttern gepflegt und geliebt , und beide mit Liebe und Gehorsam umfassend , schon in der frühsten Kindheit ein herrliches Gemüth neben ausgezeichneten Geistesgaben ahnen ließ . Die Generalin hatte keine Kinder , und Alexander , der einzige hinterlassene Sohn ihres früh verstorbenen Bruders sollte einmal in Zukunft ihr Erbe werden . Doch war diese Verfügung mehr ein Werk der Pflicht als der Neigung , denn sie hatte ihn seit seinem zehnten Jahr aus den Augen verloren , und wenn sie auch von allen Seiten hörte , er sei zu einem schönen , frohen , geistreichen Jüngling heran geblüht , der allenthalben warmen Antheil erwecke , und - wie man zu sagen pflegt - Glück mache , so mischte sich doch auch manche Kunde von seinem Leichtsinn , dem aufbrausenden Ungestüm seines Charakters und seinem an Libertinage gränzenden Hang zum üppigsten Lebensgenuß als dunkler Schatten in das schimmernde Bild seiner Liebenswürdigkeit , und die Briefe , die sie von Zeit zu Zeit von ihm empfing , bestätigten ihr durch manchen charakteristischen Zug , daß Lob und Tadel über ihn gegründet sei . Einsam , und unbekannt mit Freuden und Gespielen ihres Alters , war Erna neben ihr aufgewachsen , und hatte oft durch ihre stille , sich selbst nicht einmal bewußte Güte , durch ihre Innigkeit und kindliche Hingebung , die nie auf sich , immer nur auf das Wohl anderer , Rücksicht nahm , den Wunsch erregt , daß die Natur sie ihr zur Tochter verliehen haben möge . Der immer leidende Zustand der Frau von Willfried , hatte ihre Reizbarkeit so unendlich erhöht , ihr Empfindungsvermögen so krankhaft geschärft , daß sie die Entfernung ihres einzigen geliebten Kindes , auch nur auf Stunden , nicht ertragen konnte . Daher , und weil eine tiefe Stille in ihrer Umgebung ihr bei ihren schwachen Nerven Bedürfnis war , wurde Erna ausgeschlossen von den munteren Kreisen anderer Kinder , und ihr Gemüth , das die Sonne des Frohsinns nur selten durchscheinen durfte , neigte sich zu einem unnatürlichen Ernst , an dem es früher reifte als die eigentliche Bestimmung des Menschen es haben will . Es war ihr nicht entgangen , daß man das stete Kränkeln ihrer Mutter von den Folgen der schweren Niederkunft ableitete , durch welche ihr das Daseyn gegeben worden war . Diese traurige Entdeckung legte ihrem tief fühlenden Herzen , das schon durch die unbegränzte Fülle der Mutterliebe , die sie erfuhr , zu der innigsten Dankbarkeit verpflichtet war , das drückende Gewicht eines inneren Vorwurfs auf , dessen Schwere ihr nur eine völlige Aufopferung eigener Freuden und Wünsche , und das Bestreben , ganz ihren kindlichen Pflichten zu leben , erleichtern konnte . Diese Tendenz , die ihr als der heiligste Beruf vorschwebte , theilte ihr , indem sie die angebohrene Lebhaftigkeit ihres Innern dämpfte und gewissermaßen mit einem Flor umhüllte , auch in der äußeren Form jene leise Stille mit , die in allen ihren Bewegungen Geräusch zu vermeiden gewöhnt , immer nur zu lindern , zu helfen und zu tragen bemüht ist . Wie der Engel der Geduld und der stillen klaglosen Resignation war sie stets um ihre Mutter , und leistete mit zarter liebevoller Hand ihr alle Pflege , die sie bedurfte . Sie wurde in ihrem Beisein unterrichtet , sie las ihr vor - sie genoß die frische Luft und die bunten Abwechselungen der Jahreszeiten nur an der Seite der Leidenden , wenn sie - statt mit den Lämmern der Wiese um die Wette umher zu springen - gehaltenen Schrittes sie hinaus führte , um mitten in der blühenden Natur sie von der Vergänglichkeit alles Irrdischen , von ihren Schmerzen und Todesahnungen sprechen zu hören . So wurde ihr jugendlich knospendes Leben früh von einer Schwermuth verschattet , die nur durch den stillen Frieden gemildert ward , den das Bewußtseyn erfüllter Pflichten gewährt . Ihre nie ermüdende , treue Sorgfalt für ihre Mutter war ihr der mit inniger Liebe klar erschaute Mittelpunkt , von welchem all ' ihr Wollen und Wirken ausging , und zu dem es wieder zurückkehrte . Wohl dämmerten zuweilen in ihrer Seele Ahnungen einer freudigeren Welt auf , als sie rings um sich erblickte , aber ihre Sehnsucht strebte nicht über die scharf gezogene Gränzlinie hin , die sie davon schied und ein stilles Genügen , das sie im Busen trug , versöhnte sie fromm und ergeben mit ihrer einförmigen und ernsten Existenz . VI Ein Ball , der Alexandern zu Ehren gegeben werden sollte , eröffnete seiner Eitelkeit die willkommene Aussicht , zu glänzen , da der Tanz zu den Künsten gehörte , die er in der höchsten Vollkommenheit sich angeeignet hatte . Seine schöne Gestalt , sein edler Anstand , seine jugendliche Leichtigkeit und der ihm gleichsam angeborene Tact bildeten ein Gemisch von Anmuth und männlicher Grazie in seinem Wesen , das sich in jeder Bewegung so wie in seiner ganzen Haltung aussprach . Alles war versammelt - auch Erna fehlte nicht . Doch vergebens suchte sie sein Blick in der munteren Reihe , als er , der Convenienz folgend , den Ball mit der Tochter des Hauses begann . Sie saß neben ihrer Mutter unter den Zuschauerinnen , und folgte mit denkenden , ruhigen Augen dem bunten Gewühl ohne sich in seine Kreise zu mischen . Auch ihre Kleidung war ihm auffallend . Verhüllt von den Sohlen bis zum Kinn in ein dichtes weißes Gewand , hätte es nur noch eines Schleiers über das dunkle Haar und das ernste Gesicht bedurft , um sie in eine Bildsäule der Ists umzuwandeln , zu deren Ehrfurcht gebietender Würde Scherz und Muthwillen sich nicht zu erheben wagten . Als der erste Tanz geendigt war , nahte er sich ihr , sie zum zweiten aufzufordern . Mit einem ihm freudig scheinenden Erröthen nahm Erna seine Bitte auf , jedoch ohne sie zu gewähren . Sie sagte ihm nämlich , daß sie nie getanzt , und auch nie Unterricht in dieser Kunst gehabt habe , weil die auf dem Lande so seltene Gelegenheit , sie zu erlernen , sich gerade zu einer Epoche getroffen , als ihre Mutter besonders leidend gewesen sei , daher es ihr sowohl an Zeit als an Lust gemangelt habe . Da nach dieser Erklärung seine Blicke , so wie seine Unterhaltung sie wieder in jene Verlegenheit versetzten , die ihm in ihrer Seele so peinlich war , so brach er ab , und kehrte zum Tanz zurück , dessen Freuden er sich mit der ganzen Lebendigkeit seines Charakters überließ . Von Zeit zu Zeit sagte ihm aber ein Blick , den er auf Erna warf , und dem jedesmal ihr Auge begegnete , das sie dann von dem seinen ergriffen , voll Verwirrung senkte , daß sie , ohne mit ihm zu tanzen , doch nur mit ihm beschäftigt sei . Er suchte ihr diesen schweigenden Antheil durch manche zarte Aufmerksamkeit zu vergelten , theils , um sich das Wohlwollen seiner Tante zu erhalten , das auf einer freundlichen Hinneigung zu Erna hauptsächlich zu beruhen schien , theils weil es wirklich seiner Eigenliebe schmeichelte , das keimende Interesse zu bemerken , das er , immer zunehmend in dem jungen unerfahrenen Busen erweckte . Die Gesellschaft , welche vielleicht schon vorher von einer vorhabenden Verbindung gehört hatte , die man beabsichtigte , behandelte die Auszeichnung , mit der er ihr begegnete , als den Tribut einer privilegirten Bewerbung , und war bemüht , beiden jene schonenden Rücksichten zu beweisen , durch die man gewöhnlich einem angehenden Brautpaar Gelegenheit giebt , sich einander ungestört zu nähern . Kein Wunder , wenn Erna ' s argloses , zum erstenmal von der Liebe wie von einem süßen Rausch befangenes Herz anfing , dem Traume des Glücks Realisirung zuzutrauen , in den die offenen Mittheilungen ihrer Mutter , die Anspielungen ihrer ganzen Umgebung , und vor allem Alexanders ehrerbietig inniges Betragen sie wiegte . VII Auch Frau von Willfried ordnete ein ländliches Fest in Seedorf an , Alexandern zu erfreuen , und hier , im gewohnten Kreise , thätig an der Mutter Statt die Pflichten der Hausfrau ausübend , erschien Erna vortheilhafter , als in den Circeln , wo sie als Gast auftrat . Denn hier , in Geschäftigkeit und freundlicher Fürsorge sich selbst vergessend , schwand die Verlegenheit welche dort so leicht ihr ihre Unbefangenheit raubte . Haus und Garten waren nicht eben groß , aber der stille Geist der Ordnung , der allenthalben waltete , schien jeden Raum zu erweitern und zu erhellen , und heiter das Gemüth ansprechend , begegneten überall in sinniger Anordnung dem Auge Spuren des nützlichen Wirkens und der verschönernden weiblichen Umsicht , die mit Bescheidenheit verbunden dem häuslichen Leben einen so liebenswürdigen Charakter ertheilen . Auch daß Wohlwollen und menschenfreundliche Güte hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatten , verrieth unwillkührlich der Ton des Ganzen , obgleich Erna sichtbar strebte , die unendliche Innigkeit mit der alle Hausgenossen ihr begegneten , den Blicken der Fremden zu entziehen , da sie ihrer Demuth nicht als ein Zoll , der ihrem inneren Werth gebührte , sondern als eine unverdiente Gunst erschien . Menschen und Thiere huldigten hier nur ihr , und zwar nicht als stolze Herrin , von deren gebietender Willkühr sie abhingen , sondern Milde und Güte umwebten sie gleichsam mit einer Glorie , in deren Strahlen sich Lieb und Zutrauen gerne sonnete . Es sah fast lächerlich aus , als man zu einem Spaziergang sich anschickte , und das Fräulein auf Befehl ihrer Mutter an Alexanders Arm als Wegweiserin den Zug eröffnete , daß der ganze Hühnerhof in Bewegung gerieth , und mit ausgespreiztem Gefieder , schnatternd , krähend , gluchzend und pipend , wie die Verschiedenheit der Naturen nun eben wollte , - theils empfangener Wohlthaten eingedenk , theils neue Spenden von Erna ' s freigebiger Hand erwartend - hinter ihr drein lief , bis sie , schnell zurückeilend , und ein Körbchen mit Waizen holend , die zudringlichen Begleiter seitwärts lockte , um während des augenblicklichen , sinnlichen Genusses , den sie ihnen streute , ungehindert ihren freundlichen Verfolgungen zu entkommen . Weniger leicht abzuweisen waren die Tauben , die von ihrem Schlage leise in malerischen Schwingungen herabschwebten , ihre Gönnerin umkreiseten , sich ihr auf die Schultern setzten , oder dreist zu ihren Füßen niederließen , und als sie sanft seitwärts geschoben wurden , sich wieder erhoben , um einige Schritte weiter dasselbe Schauspiel zu erneuern . Als aber auf dem Gang durchs Dorf die Kinder mit dem gegenseitigen Zuruf : » Fräulein Ernchen kommt « einander gewissermaßen das Signal gaben , ihr entgegen zu laufen - als jedes ihr eine Patschhand reichen , jedes ihr folgen wollte - als Männer und Weiber die Arbeit ruhen ließen , mit herzlichem Gruße ihr entgegen und nachzuschauen - als auch die abgelebten Alten aus ihren Häusern traten , sich an der Frühlingssonne ihres milden Blickes zu erwärmen , ihr freundlich zunickend , ihr Segen nachwünschend - da gestand sich Alexander selbst im Stillen ein , daß es ein ungewöhnlicher Grad von Güte seyn müßte , den eine so allgemeine und innige