Hoffmann , E. T. A. Lebensansichten des Katers Murr www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . E. T. A. Hoffmann Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern Erster Band Vorwort des Herausgebers1 Keinem Buche ist ein Vorwort nötiger , als gegenwärtigem , da es , wird nicht erklärt , auf welche wunderliche Weise es sich zusammengefügt hat , als ein zusammengewürfeltes Durcheinander erscheinen dürfte . Daher bittet der Herausgeber den günstigen Leser , wirklich zu lesen , nämlich dies Vorwort . Besagter Herausgeber hat einen Freund , mit dem er ein Herz und eine Seele ist , den er ebenso gut kennt , als sich selbst . Dieser Freund sprach eines Tages zu ihm ungefähr also : » Da du , mein Guter , schon manches Buch hast drucken lassen und dich auf Verleger verstehst , wird es dir ein leichtes sein , irgendeinen von diesen wackern Herren aufzufinden , der auf deine Empfehlung etwas druckt , was ein junger Autor von dem glänzendsten Talent , von den vortrefflichsten Gaben vorher aufschrieb . Nimm dich des Mannes an , er verdient es . « Der Herausgeber versprach , sein Bestes zu tun für den schriftstellerischen Kollegen . Etwas verwunderlich wollt ' es ihm nun wohl bedünken , als sein Freund ihm gestand , daß das Manuskript von einem Kater , Murr geheißen , herrühre und dessen Lebensansichten enthalte ; das Wort war jedoch gegeben , und da der Eingang der Historie ihm ziemlich gut stilisiert schien , so lief er sofort , mit dem Manuskript in der Tasche , zu dem Herrn Dümmler Unter den Linden und proponierte ihm den Verlag des Katerbuchs . Herr Dümmler meinte , bis jetzt habe er zwar nicht unter seinen Autoren einen Kater gehabt , wisse auch nicht , daß irgendeiner seiner werten Kollegen mit einem Mann des Schlages bis jetzt sich eingelassen , indessen wolle er den Versuch wohl machen . Der Druck begann , und dem Herausgeber kamen die ersten Aushängebogen zu Gesicht . Wie erschrak er aber , als er gewahrte , daß Murrs Geschichte hin und wieder abbricht und dann fremde Einschiebsel vorkommen , die einem andern Buch , die Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler enthaltend , angehören . Nach sorgfältiger Nachforschung und Erkundigung erfuhr der Herausgeber endlich folgendes . Als der Kater Murr seine Lebensansichten schrieb , zerriß er ohne Umstände ein gedrucktes Buch , das er bei seinem Herrn vorfand , und verbrauchte die Blätter harmlos teils zur Unterlage , teils zum Löschen . Diese Blätter blieben im Manuskript und - wurden , als zu demselben gehörig , aus Versehen mit abgedruckt ! De- und wehmütig muß nun der Herausgeber gestehen , daß das verworrene Gemisch fremdartiger Stoffe durcheinander lediglich durch seinen Leichtsinn veranlaßt , da er das Manuskript des Katers hätte genau durchgehen sollen , ehe er es zum Druck beförderte , indessen ist noch einiger Trost für ihn vorhanden . Fürs erste wird der geneigte Leser sich leicht aus der Sache finden können , wenn er die eingeklammerten Bemerkungen , Mak . Bl . ( Makulatur-Blatt ) und M. f. f. ( Murr fährt fort ) gütigst beachten will , dann ist aber das zerrissene Buch höchst wahrscheinlich gar nicht in den Buchhandel gekommen , da niemand auch nur das mindeste davon weiß . Den Freunden des Kapellmeisters wenigstens wird es daher angenehm sein , daß sie durch den literarischen Vandalismus des Katers zu einigen Nachrichten über die sehr seltsamen Lebensumstände jenes in seiner Art nicht unmerkwürdigen Mannes kommen . Der Herausgeber hofft auf gütige Verzeihung . Wahr ist es endlich , daß Autoren ihre kühnsten Gedanken , die außerordentlichsten Wendungen oft ihren gütigen Setzern verdanken , die dem Aufschwunge der Ideen nachhelfen durch sogenannte Druckfehler . So sprach z.B. der Herausgeber im zweiten Teile seiner » Nachtstücke « Pag . 326 von geräumigen Bosketts , die in einem Garten befindlich . Das war dem Setzer nicht genial genug , er setzte daher das Wörtlein Bosketts um in das Wörtlein Kasketts . So läßt in der Erzählung » das Fräulein Scuderi2 « der Setzer pfiffigerweise besagtes Fräulein statt in einer schwarzen Robe , in einer schwarzen Farbe von schwerem Seidenzeug erscheinen u.s.w. Jedem jedoch das Seine ! Weder der Kater Murr , noch der unbekannte Biograph des Kapellmeisters Kreisler soll sich mit fremden Federn schmücken , und der Herausgeber bittet daher den günstigen Leser dringend , bevor er das Werklein liest , nachfolgende Änderungen zu veranstalten , damit er von beiden Autoren nicht besser oder schlechter denke , als sie es verdienen . Übrigens werden nur die Haupterrata bemerkt , geringere dagegen der Diskretion des gütigen Lesers überlassen . ( Es folgt die Angabe einer Reihe von Druckfehlern . ) Schließlich darf der Herausgeber versichern , daß er den Kater Murr persönlich kennen gelernt und in ihm einen Mann von angenehmen milden Sitten gefunden hat . Er ist auf dem Umschlage dieses Buchs frappant getroffen . Berlin , im November 1819 E. T. A. Hoffmann Vorrede des Autors Schüchtern - mit bebender Brust , übergebe ich der Welt einige Blätter des Lebens , des Leidens , der Hoffnung , der Sehnsucht , die in süßen Stunden der Muße , der dichterischen Begeisterung meinem innersten Wesen entströmten . Werde , kann ich bestehen vor dem strengen Richterstuhl der Kritik ? Doch ihr seid es , ihr fühlenden Seelen , ihr rein kindlichen Gemüter , ihr mir verwandten treuen Herzen , ja , ihr seid es , für die ich schrieb , und eine einzige schöne Träne in eurem Auge wird mich trösten , wird die Wunde heilen , die der kalte Tadel unempfindlicher Rezensenten mir schlug ! Berlin , im Mai ( 18 - ) Murr ( Étudiant en belles lettres ) Vorwort Unterdrücktes des Autors Mit der Sicherheit und Ruhe , die dem wahren Genie angeboren , übergebe ich der Welt meine Biographie , damit sie lerne , wie man sich zum großen Kater bildet , meine Vortrefflichkeit im ganzen Umfange erkenne , mich liebe , schätze , ehre , bewundere und ein wenig anbete . Sollte jemand verwegen genug sein , gegen den gediegenen Wert des außerordentlichen Buchs einige Zweifel erheben zu wollen , so mag er bedenken , daß er es mit einem Kater zu tun hat , der Geist , Verstand besitzt und scharfe Krallen . Berlin , im Mai ( 18- ) Murr ( Homme de lettres très renommé ) N. S. Das ist zu arg ! - Auch das Vorwort des Autors , welches unterdrückt werden sollte , ist abgedruckt ! - Es bleibt nichts übrig , als den günstigen Leser zu bitten , daß er dem schriftstellerischen Kater den etwas stolzen Ton dieses Vorworts nicht zu hoch anrechnen und bedenken möge , daß , wenn manche wehmütige Vorrede irgendeines andern empfindsamen Autors in die wahre Sprache der innigen Herzensmeinung übersetzt werden sollte , es nicht viel anders herauskommen würde . d.H. Erster Abschnitt Gefühle des Daseins Die Monate der Jugend Es ist doch etwas Schönes , Herrliches , Erhabenes um das Leben ! - » O du süße Gewohnheit des Daseins ! « ruft jener niederländische Held in der Tragödie aus . So auch ich , aber nicht wie der Held in dem schmerzlichen Augenblick , als er sich davon trennen soll - nein ! - in dem Moment , da mich eben die volle Lust des Gedankens durchdringt , daß ich in jene süße Gewohnheit nun ganz und gar hineingekommen und durchaus nicht willens bin , jemals wieder hinauszukommen . - Ich meine nämlich , die geistige Kraft , die unbekannte Macht , oder wie man sonst das über uns waltende Prinzip nennen mag , welches mir besagte Gewohnheit ohne meine Zustimmung gewissermaßen aufgedrungen hat , kann unmöglich schlechtere Gesinnungen haben als der freundliche Mann , bei dem ich Kondition gegangen , und der mir das Gericht Fische , das er mir vorgesetzt , niemals vor der Nase wegzieht , wenn es mir eben recht wohlschmeckt . O Natur , heilige hehre Natur ! wie durchströmt all deine Wonne , all dein Entzücken meine bewegte Brust , wie umweht mich dein geheimnisvoll säuselnder Atem ! - Die Nacht ist etwas frisch , und ich wollte - doch jeder , der dies lieset oder nicht lieset , begreift nicht meine hohe Begeisterung , denn er kennt nicht den hohen Standpunkt , zu dem ich mich hinaufgeschwungen ! - Hinaufgeklettert wäre richtiger , aber kein Dichter spricht von seinen Füßen , hätte er auch deren viere so wie ich , sondern nur von seinen Schwingen , sind sie ihm auch nicht angewachsen , sondern nur Vorrichtung eines geschickten Mechanikers . Über mir wölbt sich der weite Sternenhimmel , der Vollmond wirft seine funkelnden Strahlen herab , und in feurigem Silberglanz stehen Dächer und Türme um mich her ! Mehr und mehr verbraust das lärmende Gewühl unter mir in den Straßen , stiller und stiller wird die Nacht - die Wolken ziehen - eine einsame Taube flattert in bangen Liebesklagen girrend um den Kirchturm ! - Wie ! - wenn die liebe Kleine sich mir nähern wollte ? - Ich fühle wunderbar es sich in mir regen , ein gewisser schwärmerischer Appetit reißt mich hin mit unwiderstehlicher Gewalt ! - O , käme sie , die süße Huldin , an mein liebekrankes Herz wollt ' ich sie drücken , sie nimmer von mir lassen - ha , dort flattert sie hinein in den Taubenschlag , die Falsche , und läßt mich hoffnungslos sitzen auf dem Dache ! - Wie selten ist doch in dieser dürftigen , verstockten , liebeleeren Zeit wahre Sympathie der Seelen . - Ist denn das auf zwei Füßen aufrecht Einhergehen etwas so Großes , daß das Geschlecht , welches sich Mensch nennt , sich die Herrschaft über uns alle , die wir mit sichererem Gleichgewicht auf vieren daherwandeln , anmaßen darf ? Aber ich weiß es , sie bilden sich was Großes ein auf etwas , was in ihrem Kopfe sitzen soll , und das sie die Vernunft nennen . Ich weiß mir keine rechte Vorstellung zu machen , was sie darunter verstehen , aber so viel ist gewiß , daß , wenn , wie ich es aus gewissen Reden meines Herrn und Gönners schließen darf , Vernunft nichts anders heißt , als die Fähigkeit , mit Bewußtsein zu handeln und keine dumme Streiche zu machen , ich mit keinem Menschen tausche . - Ich glaube überhaupt , daß man sich das Bewußtsein nur angewöhnt ; durch das Leben und zum Leben kommt man doch , man weiß selbst nicht wie . Wenigstens ist es mir so gegangen , und wie ich vernehme , weiß auch kein einziger Mensch auf Erden das Wie und Wo seiner Geburt aus eigner Erfahrung , sondern nur durch Tradition , die noch dazu öfters sehr unsicher ist . Städte streiten sich um die Geburt eines berühmten Mannes , und so wird es , da ich selbst nichts Entscheidendes darüber weiß , immerdar ungewiß bleiben , ob ich in dem Keller , auf dem Boden oder in dem Holzstall das Licht der Welt erblickte oder vielmehr nicht erblickte , sondern nur in der Welt erblickt wurde von der teuren Mama . Denn wie es unserm Geschlecht eigen , waren meine Augen verschleiert . Ganz dunkel erinnere ich mich gewisser knurrender , prustender Töne , die um mich her erklangen , und die ich beinahe wider meinen Willen hervorbringe , wenn mich der Zorn überwältigt . Deutlicher und beinahe mit vollem Bewußtsein finde ich mich in einem sehr engen Behältnis mit weichen Wänden eingeschlossen , kaum fähig , Atem zu schöpfen , und in Not und Angst ein klägliches Jammergeschrei erhebend . Ich fühlte , daß etwas in das Behältnis hinabgriff und mich sehr unsanft beim Leibe packte , und dies gab mir Gelegenheit , die erste wunderbare Kraft , womit mich die Natur begabt , zu fühlen und zu üben . Aus meinen reich überpelzten Vorderpfoten schnellte ich spitze gelenkige Krallen hervor und grub sie ein in das Ding , das mich gepackt , und das , wie ich später gelernt , nichts anders sein konnte , als eine menschliche Hand . Diese Hand zog mich aber heraus aus dem Behältnis und warf mich hin , und gleich darauf fühlte ich zwei heftige Schläge auf den beiden Seiten des Gesichts , über die jetzt ein , wie ich wohl sagen mag , stattlicher Bart herüberragt . Die Hand teilte mir , wie ich jetzt beurteilen kann , von jenem Muskelspiel der Pfoten verletzt , ein paar Ohrfeigen zu , ich machte die erste Erfahrung von moralischer Ursache und Wirkung , und eben ein moralischer Instinkt trieb mich an , die Krallen ebenso schnell wieder einzuziehen , als ich sie hervorgeschleudert . Später hat man dieses Einziehen der Krallen mit Recht als einen Akt der höchsten Bonhomie und Liebenswürdigkeit anerkannt und mit dem Namen » Samtpfötchen « bezeichnet . Wie gesagt , die Hand warf mich wieder zur Erde . Bald darauf erfaßte sie mich aber aufs neue beim Kopf und drückte ihn nieder , so daß ich mit dem Mäulchen in eine Flüssigkeit geriet , die ich , selbst weiß ich nicht , wie ich darauf verfiel , es mußte daher physischer Instinkt sein , aufzulecken begann , welches mir eine seltsame innere Behaglichkeit erregte . Es war , wie ich jetzt weiß , süße Milch , die ich genoß , mich hatte gehungert , und ich wurde satt , indem ich trank . So trat , nachdem die moralische begonnen , die physische Ausbildung ein . Aufs neue , aber sanfter als vorher , faßten mich zwei Hände und legten mich auf ein warmes weiches Lager . Immer besser und besser wurde mir zumute , und ich begann mein inneres Wohlbehagen zu äußern , indem ich jene seltsame , meinem Geschlecht allein eigene Töne von mir gab , die die Menschen durch den nicht unebenen Ausdruck : spinnen bezeichnen . So ging ich mit Riesenschritten vorwärts in der Bildung für die Welt . Welch ein Vorzug , welch ein köstliches Geschenk des Himmels , inneres physisches Wohlbehagen ausdrücken zu können durch Ton und Gebärde ! - Erst knurrte ich , dann kam mir jenes unnachahmliche Talent , den Schweif in den zierlichsten Kreisen zu schlängeln , dann die wunderbare Gabe , durch das einzige Wörtlein » Miau « Freude , Schmerz , Wonne und Entzücken , Angst und Verzweiflung , kurz , alle Empfindungen und Leidenschaften in ihren mannigfaltigsten Abstufungen auszudrücken . Was ist die Sprache der Menschen gegen dieses einfachste aller einfachen Mittel , sich verständlich zu machen ! - Doch weiter in der denkwürdigen , lehrreichen Geschichte meiner ereignisreichen Jugend ! - Ich erwachte aus tiefem Schlaf , ein blendender Glanz umfloß mich , vor dem ich erschrak , fort waren die Schleier von meinen Augen , ich sah ! - Ehe ich mich an das Licht , vorzüglich aber an das buntscheckige Allerlei , das sich meinen Augen darbot , gewöhnen konnte , mußte ich mehrmals hintereinander entsetzlich niesen , bald ging es indessen mit dem Sehen ganz vortrefflich , als habe ich es schon mehrere Zeit hintereinander getrieben . O das Sehen ! es ist eine wunderbare herrliche Gewohnheit , eine Gewohnheit , ohne die es sehr schwer werden würde , überhaupt in der Welt zu bestehen ! - Glücklich diejenigen Hochbegabten , denen es so leicht wird als mir , sich das Sehen anzueignen . Leugnen kann ich nicht , daß ich doch in einige Angst geriet und dasselbe Jammergeschrei erhob , wie damals in dem engen Behältnis . Sogleich erschien ein kleiner , hagerer alter Mann , der mir unvergeßlich bleiben wird , da ich , meiner ausgebreiteten Bekanntschaft unerachtet , keine Gestalt , die ihm gleich oder auch nur ähnlich zu nennen , jemals wieder erblickt habe . Es trifft sich häufig bei meinem Geschlecht , daß dieser , jener Mann einen weiß und schwarz gefleckten Pelz trägt , selten findet man aber wohl einen Menschen , der schneeweißes Haupthaar haben sollte und dazu rabenschwarze Augenbraunen , dies war aber der Fall bei meinem Erzieher . Der Mann trug im Hause einen kurzen hochgelben Schlafrock , vor dem ich mich entsetzte und daher , so gut es bei meiner damaligen Unbehilflichkeit gehen wollte , von dem weichen Kissen herab zur Seite kroch . Der Mann bückte sich herab zu mir mit einer Gebärde , die mir freundlich schien und mir Zutrauen einflößte . Er faßte mich , ich hütete mich wohl vor dem Muskelspiel der Krallen , die Ideen Kratzen und Schläge verbanden sich von selbst , und in der Tat , der Mann meinte es gut mit mir , denn er setzte mich nieder vor einer Schüssel süßer Milch , die ich begierig auflutschte , worüber er sich nicht wenig zu freuen schien . Er sprach vieles mit mir , welches ich aber nicht verstand , da mir damals als einem jungen unerfahrnen Kiekindiewelt von Käterchen das Verstehen der menschlichen Sprache noch nicht eigen . Überhaupt weiß ich von meinem Gönner nur wenig zu sagen . So viel ist aber gewiß , daß er in vielen Dingen geschickt - in Wissenschaften und Künsten hocherfahren sein mußte , denn alle , die zu ihm kamen ( ich bemerkte Leute darunter , die gerade da , wo mir die Natur einen gelblichen Fleck im Pelze beschert hat , d.h. auf der Brust , einen Stern oder ein Kreuz trugen ) , behandelten ihn ausnehmend artig , ja zuweilen mit einer gewissen scheuen Ehrfurcht , wie ich späterhin den Pudel Skaramuz , und nannten ihn nicht anders , als mein hochverehrtester , mein teurer , mein geschätzter Meister Abraham ! - Nur zwei Personen nannten ihn schlechtweg » Mein Lieber ! « Ein großer dürrer Mann in papageigrünen Hosen und weißseidenen Strümpfen und eine kleine , sehr dicke Frau mit schwarzem Haar und einer Menge Ringe an allen Fingern . Jener Herr soll aber ein Fürst , die Frau hingegen eine jüdische Dame gewesen sein . Dieser vornehmen Besucher unerachtet , wohnte Meister Abraham doch in einem kleinen hochgelegenen Stübchen , so daß ich meine ersten Promenaden sehr bequem durchs Fenster aufs Dach und auf den Hausboden machen konnte . - Ja ! es ist nicht anders , auf einem Boden muß ich geboren sein ! - Was Keller , was Holzstall - ich entscheide mich für den Boden ! - Klima , Vaterland , Sitten , Gebräuche , wie unauslöschlich ist ihr Eindruck , ja , wie sind sie es nur , die des Weltbürgers äußere und innere Gestaltung bewirken ! - Woher kommt in mein Inneres dieser Höhesinn , dieser unwiderstehliche Trieb zum Erhabenen ? Woher diese wunderbar seltene Fertigkeit im Klettern , diese beneidenswerte Kunst der gewagtesten genialsten Sprünge ? - Ha ! es erfüllt eine süße Wehmut meine Brust ! - Die Sehnsucht nach dem heimatlichen Boden regt sich mächtig ! - Dir weihe ich diese Zähren , o schönes Vaterland , dir dies wehmütig jauchzende Miau ! - Dich ehren diese Sprünge , diese Sätze , es ist Tugend darin und patriotischer Mut ! - Du , o Boden , spendest mir in freigebiger Fülle manch Mäuslein , und nebenher kann man manche Wurst , manche Speckseite aus dem Schornstein erwischen , ja wohl manchen Sperling haschen und sogar hin und wieder ein Täublein erlauben . » Gewaltig ist die Liebe zu dir , o Vaterland ! « - Doch ich muß rücksichte meiner - ( Mak . Bl . ) » - - und erinnern Sie sich , gnädigster Herr , denn nicht des großen Sturms , der dem Advokaten , als er zur Nachtzeit über den Pontneuf wandelte , den Hut vom Kopfe herunter in die Seine warf ? - Ähnliches steht im Rabelais , doch war es eigentlich nicht der Sturm , der dem Advokaten den Hut raubte , den er , indem er den Mantel dem Spiel der Lüfte preisgab , mit der Hand fest auf den Kopf gedrückt hielt , sondern ein Grenadier riß mit dem lauten Ausruf : Es weht ein großer Wind , mein Herr , vorüberlaufend , schnell den feinen Kastor dem Advokaten unter der Hand von der Perücke , und nicht dieser Kastor war es , der in die Wellen der Seine hinabgeschleudert wurde , sondern des Soldaten eignen schnöden Filz führte wirklich der Sturmwind in den feuchten Tod . Sie wissen nun , gnädigster Herr , daß in dem Augenblick , als der Advokat ganz verblüfft dastand , ein zweiter Soldat mit demselben Ausruf : Es weht ein großer Wind , mein Herr ! vorüberrennend , den Mantel des Advokaten beim Kragen packte und ihn ihm herabriß von den Schultern , und daß gleich darauf ein dritter Soldat mit demselben Ausruf : Es weht ein großer Wind , mein Herr ! vorbeilaufend , ihm das spanische Rohr mit dem goldnen Knopf aus den Händen wand . Der Advokat schrie aus allen Kräften , warf dem letzten Spitzbuben die Perücke nach und ging dann barhäuptig ohne Mantel und Stock hin , um das merkwürdigste aller Testamente aufzunehmen , um das seltsamste aller Abenteuer zu erfahren . Sie wissen das alles , gnädigster Herr ! Ich weiß , erwiderte der Fürst , als ich dies gesprochen , ich weiß gar nichts und begreife überhaupt nicht , wie Ihr , Meister Abraham , mir solches wirres Zeug vorschwatzen könnt . Den Pontneuf kenne ich allerdings , er befindet sich zu Paris , und bin ich zwar niemals darüber zu Fuße gegangen , wohl aber oft darüber gefahren , wie es meinem Stande geziemt . Den Advokaten Rabelais habe ich niemals gesehen und um Soldatenstreiche in meinem ganzen Leben mich nicht bekümmert . Als ich in jüngern Jahren noch meine Armee kommandierte , ließ ich wöchentlich einmal sämtliche Junkers durchfuchteln für die Dummheiten , die sie begangen oder künftig noch begehen möchten , das Prügeln der gemeinen Leute war aber die Sache der Leutenants , die damit meinem Beispiel gemäß auch allwöchentlich verfuhren , und zwar Sonnabends , so daß Sonntags es keinen Junker , keinen gemeinen Kerl in der ganzen Armee gab , der nicht seine gehörige Tracht Schläge erhalten , wodurch die Truppen , nächst der eingeprügelten Moralität , auch ans Geschlagenwerden überhaupt gewöhnt wurden , ohne jemals vor dem Feinde gewesen zu sein , und in diesem Fall nichts anders tun konnten als schlagen . - Das leuchtet Euch ein , Meister Abraham , und nun sagt mir um tausend Gottes willen , was wollt Ihr mit Eurem Sturm , mit Eurem auf dem Pontneuf beraubten Advokaten Rabelais , wo bleibt Eure Entschuldigung , daß das Fest sich auflöste in wilder Verwirrung , daß mir eine Leuchtkugel ins Toupet fuhr , daß mein teurer Sohn in das Bassin geriet und von verräterischen Delphinen bespritzt wurde über und über , daß die Prinzessin entschleiert mit aufgeschürztem Rock wie Atalanta durch den Park fliehen mußte , - daß - daß - wer zählt die Unglücksfälle der verhängnisvollen Nacht ! - Nun , Meister Abraham , was sagt Ihr ? Gnädigster Herr , erwiderte ich , mich demutsvoll verbeugend , was war an allem Unheil schuld , als der Sturm - das gräßliche Unwetter , welches einbrach , als alles im schönsten Gange . Kann ich den Elementen gebieten ? - Hab ' ich denn nicht selbst dabei schlimmes Malheur erlitten , habe ich nicht wie jener Advokat , den ich untertänigst bitte , nicht mit dem berühmten französischen Schriftsteller Rabelais zu verwechseln , Hut , Rock und Mantel verloren ? Habe ich nicht - « » Höre , « unterbrach hier den Meister Abraham Johannes Kreisler , » höre , Freund , noch jetzt , unerachtet es schon ziemlich lange her ist , spricht man von dem Geburtstage der Fürstin , dessen Feier du angeordnet hast , wie von einem dunklen Geheimnis , und gewiß hast du nach deiner gewöhnlichen Art und Weise viel Abenteuerliches begonnen . Hielt das Volk dich schon immer für eine Art von Hexenmeister , so scheint dieser Glaube durch jenes Fest noch um vieles stärker geworden zu sein . Sage mir nur geradezu , wie sich alles begeben . Du weißt , ich war damals nicht hier - « » Eben das , « fiel Meister Abraham dem Freunde ins Wort , » geben das , daß du nicht hier , daß du , der Himmel weiß , von welchen Furien der Hölle getrieben , fortgerannt warst wie ein Wahnsinniger , eben das machte mich toll und wild , eben deshalb beschwor ich die Elemente herauf , ein Fest zu stören , das meine Brust zerschnitt , da du , der eigentliche Held des Stücks , fehltest , ein Fest , das nur erst dürftig und mühsam daherschlich , dann aber über geliebte Personen nichts brachte als die Qual beängstigender Träume - Schmerz - Entsetzen ! - Erfahre es jetzt , Johannes , ich habe tief in dein Inneres geschaut und das gefährliche - bedrohliche Geheimnis erkannt , das darin ruht , ein gärender Vulkan , in jedem Augenblick vermögend loszubrechen in verderblichen Flammen , rücksichtslos alles um sich her verzehrend ! - Es gibt Dinge in unserm Innern , die sich so gestalten , daß die vertrautesten Freunde darüber nicht reden dürfen . Darum verhehlte ich dir sorglich , was ich in dir erschaut , aber mit jenem Fest , dessen tieferer Sinn nicht die Fürstin , sondern eine andere geliebte Person und dich selbst traf , wollte ich dein ganzes Ich gewaltsam erfassen . Die verborgensten Qualen sollten lebendig werden in dir und wie aus dem Schlaf erwachte Furien mit verdoppelter Kraft deine Brust zerfleischen . Wie einem zum Tode Siechen sollte Arzenei , dem Orkus selbst entnommen , die im stärksten Paroxysmus kein weiser Arzt scheuen darf , dir den Tod bereiten oder Genesung ! - Wisse Johannes , daß der Fürstin Namenstag zusammentrifft mit dem Namenstage Julias , die auch , wie sie , Maria geheißen . « » Ha ! « rief Kreisler , indem er , zehrendes Feuer im Blick , aufsprang , » Ha ! - Meister ! ist dir die Macht gegeben , mit mir freches höhnendes Spiel zu treiben ? - Bist du das Verhängnis selbst , daß du mein Inneres erfassen magst ? « » Wilder unbesonnener Mensch , « erwiderte Meister Abraham ruhig , » wann wird endlich der verwüstende Brand in deiner Brust zur reinen Naphthaflamme werden , genährt von dem tiefsten Sinn für die Kunst , für alles Herrliche und Schöne , der in dir wohnt ! - Du verlangtest von mir die Beschreibung jenes verhängnisvollen Festes ; so höre mich denn ruhig an , oder ist deine Kraft gebrochen ganz und gar , daß du das nicht vermagst , so will ich dich verlassen . « - » Erzähle , « sprach Kreisler mit halberstickter Stimme , indem er , beide Hände vors Gesicht , sich wieder hinsetzte . » Ich will , « sprach Meister Abraham , plötzlich einen heitern Ton annehmend , » ich will dich , lieber Johannes , gar nicht ermüden mit der Beschreibung aller der sinnreichen Anordnungen , die größtenteils dem erfindungsreichen Geiste des Fürsten selbst ihren Ursprung verdankten . Da das Fest am späten Abend begann , so versteht es sich von selbst , daß der ganze schöne Park , der das Lustschloß umgibt , erleuchtet war . Ich hatte mich bemüht , in dieser Erleuchtung ungewöhnliche Effekte hervorzubringen , das gelang aber nur zum Teil , da auf des Fürsten ausdrücklichen Befehl in allen Gängen , mittelst auf großen schwarzen Tafeln angebrachter buntfarbiger Lampen , der Namenszug der Fürstin brennen mußte , nebst der fürstlichen Krone darüber . Da die Tafeln an hohen Pfählen angenagelt , so glichen sie beinahe illuminierten Warnungsanzeigen , daß man nicht Tabak rauchen oder die Maut nicht umfahren solle . Der Hauptpunkt des Festes war das durch Gebüsch und künstliche Ruinen gebildete Theater in der Mitte des Parks , welches du kennst . Auf diesem Theater sollten die Schauspieler aus der Stadt etwas Allegorisches agieren , welches läppisch genug war , um ganz außerordentlich zu gefallen , hätte es auch nicht der Fürst selbst verfaßt , und wäre es daher auch nicht , um mich des geistreichen Ausdrucks jenes Schauspieldirektors , der ein fürstliches Stück aufführte , zu bedienen , aus einer durchlauchtigen Feder geflossen . Der Weg vom Schloß bis zum Theater war ziemlich weit . Nach der poetischen Idee des Fürsten sollte der wandelnden Familie ein in den Lüften schwebender Genius mit zwei Fackeln vorleuchten , sonst aber kein Licht brennen , sondern erst , nachdem die Familie und das Gefolge Platz genommen , das Theater plötzlich erleuchtet werden . Deshalb blieb besagter Weg finster . Vergebens stellte ich die Schwierigkeit dieser Maschinerie vor , welche die Länge des Wegs herbeiführte , der Fürst hatte in den Fêtes de Versailles etwas Ähnliches gelesen , und da er hinterher den poetischen Gedanken selbst gefunden , bestand er auf dessen Ausführung . Um jedem unverdienten Vorwurf zu entgehen , überließ ich den Genius samt den Fackeln dem Theater-Maschinisten aus der Stadt . - Sowie nun das fürstliche Paar , hinter ihm das Gefolge , aus der Türe des Salons trat , wurde ein kleines pausbackiges Männlein , in die Hausfarben des Fürsten gekleidet , mit zwei brennenden Fackeln in den Händchen , vom Dache des Lustschlosses herabgezogen . Die Puppe war aber zu schwer , und es begab sich , daß kaum zwanzig Schritt davon die Maschine stockte , so daß der leuchtende Schutzgeist des fürstlichen