Zschokke , Heinrich Das Goldmacherdorf www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Heinrich Zschokke Das Goldmacherdorf 1. Wie Oswald aus dem Kriege kommt und was die Leute sagen . An einem Sonntag Nachmittag saßen im Dorfe Goldenthal die jüngern Knaben und Mädchen unter der alten Linde und sangen , oder lachten , wenn Einer aus dem Wirthshaus hervorstolperte , der zu tief ins Glas geschaut hatte . Die andern Bauern mit ihren Weibern saßen in drei Wirthshäusern , und tranken und spielten , und jauchzten oder balgten , wie es denn nun so geht , wenn Wein und Bier wohlfeil sind . Da kam ein großer starker Mann ins Dorf . Er mochte in den Dreißigen sein , hatte einen grauen Rock an , einen langen Säbel an der Seite , auf dem Rücken einen Habersack . Er sah gar wild drein , denn er trug über der Stirne eine große Narbe , und unter der Nase einen schwarzen Schnurrbart , daß alle Kinder davonliefen . Aber ein Paar alte Frauen , die er anredete , erkannten ihn sogleich , und schrien : » Ei das ist ja Schulmeisters Oswald , der vor siebenzehn Jahren unter die Soldaten ging . Nein , schaut auch , wie ist er gewachsen und groß geworden ! « Und wie die Weiber so schrien , kam Alt und Jung aus den Wirthshäusern und von der Linde herbeigelaufen , und bald war das ganze Dorf um den Oswald versammelt . Oswald gab allen seinen ehemaligen Bekannten die Hand , war sehr freundlich mit Allen und sagte , er wolle nun wieder bei ihnen in Goldenthal wohnen , habe des Soldatenlebens satt , und sei froh , mit dem Leben davongekommen zu sein . Nun wollte ihn Jeder in ein Wirthshaus ziehen , der Eine links , der Andere rechts : man müsse eins zum Willkommen trinken ; er müsse von den Kriegsgeschichten erzählen . Oswald aber dankte ihnen und sprach : » Ich bin vom Wandern müde und will ausruhen . Wer wohnt in meines verstorbenen Vaters Haus , und wer besorgt die Aecker desselben ? « Alsobald trat der Müller hervor und sagte : » Ich habe den Weber Steffen hineingethan , und ihm Haus und Feld in Zins gegeben . Nun aber muß er ausziehen , da du wiedergekommen bist . Der Gemeindsrath hat mich zum Vogt gesetzt über dein Gütlein . Kannst ein paar Tage bei mir herbergen , bis Webers ausziehen und andere Wohnung haben . Da will ich dir auch Rechnung ablegen . « Also ging der Müller mit seinem Gast zur Mühle und ließ ihm ein gutes Nachtessen und ein gutes Bett bereiten . Oswald hatte aber viel zu fragen nach dem und diesem , wie es seitdem im Dorfe ergangen sei ; und der Müller und seine Frau hatten viel zu antworten . So plauderten sie bis Mitternacht in der Mühle . Und Oswald sah immer über den Tisch hinüber nach des Müllers zarter Tochter , die hieß Elsbeth . Und es war wohl der Mühe werth , ihr in die schwarzen Augen zu sehen , denn Elsbeth war schön . Elsbeth aber sah ihrerseits auch gern über den Tisch hinüber , denn Oswald war ein hübscher Mann , wenn man sich einmal an seinen erschrecklichen Schnurrbart gewöhnt hatte , und in seinen Geberden hatte er etwas Zierliches und Gefälliges , als wäre er ein Herr aus der Stadt gewesen . Darum scheute sie sich , mit ihm zu reden , und wenn er sie ansah , wußte sie nicht , wohin mit den Augen fliehen . Doch sagte sie ihm etwas vom Schnurrbart . Und als er folgenden Morgens zum Frühstück kam , war unter seiner Nase der Schnurrbart schon verschwunden . Oswald hätte Zeitlebens in der Mühle wohnen mögen , denn der Müller und seine Frau waren gute Leute , und der Elsbeth sah die Güte hell und klar aus den Augen . Aber nach acht Tagen schon konnte Oswald in das kleine Haus seines Vaters einziehen und nach seinen Feldern sehen . Er hatte fünf Juchart Baumgarten mit Wiesen und fünf Juchart Ackerland ; dazu kaufte er sich eine schöne Kuh aus den vom Vogt ersparten Zinsen . Und weil das Haus alt und zerfallen war , erhielt er Holz und Steine von der Gemeinde . Da ließ er alles ausbessern , weißen und hobeln und waschen . Er selber mauerte , handlangte , fegte vom Morgen bis in die Nacht , damit es schön werde , und ihn doch nicht viel koste . Im Herbst war sein kleines Haus das sauberste und schönste im ganzen Dorf , mitten in einem Garten am Bach . Und der Garten war schön , wie einer in der Stadt . Er hatte sogar in die Wege zwischen den Beeten Sand und Grien getragen . Er hatte es gern , wenn Müllers Elsbeth zuweilen über den grün angestrichenen Hag in den Garten sah ; sie hatte ihm auch Blumen beigesteuert , und versprach ihm zum Frühjahr noch mehr . Die Leute zu Goldenthal wußten lange nicht , was aus dem Oswald machen ? Er war so arm aus dem Kriege gekommen , als er hineingezogen war , das sahen sie wohl . Er hatte eine Kiste aus der Stadt bekommen mit Kleidern und Wäsche ; sogar Bücher hatten darin gelegen . Das war sein Reichthum . Aber des Geldes wegen mochte die Kiste nicht schwer gewogen haben . » Laßt ihn laufen ! « sagten die Einen : » Er ist ein armer Teufel , und ein dummer Teufel dazu , der im Kriege seine Sache nicht verstanden hat zu machen . Nicht einmal Sonntags kann er ins Wirthshaus gehen und sein Glas trinken , geschweige einen Tanz zahlen . Dabei muß er arbeiten wie ein Pferd , von Sonnenaufgang bis in die finstere Nacht . Ein Glück für ihn , daß er vom Vater noch etwas geerbt hat , sonst läge er der Gemeinde zur Last . « » Laßt ihn laufen ! « sagten die Andern : » Heldenthaten hat er nicht viel verrichtet , denn er weiß nicht viel zu erzählen . Und wer weiß , wo der Narr den Hieb über die Stirn geholt hat . Der ist froh , daß er kein Pulver mehr riechen muß . « » Laßt ihn laufen ! « sagten wieder Andere : » Er gibt nur Keinem ein gutes Wort , und meint , weil er Soldat gewesen , müsse man Respekt vor ihm haben . Wir wollen ' s ihm aber zeigen . Er ist ein hochmüthiger Bursch , der froh sein soll , wenn wir ihm keinen Tritt geben . « » Laßt ihn laufen ! « sagten noch Andere : » Der hat im Kriege nichts Gutes gelernt . Er hat Bücher , die kein Mensch lesen kann , vielleicht der Pfarrer selber nicht . Und Zeichen und Karaktere stehen darin , daß es ein Graus ist . Was gilt ' s , der geht mit dem Teufel um und kann ihn beschwören . « » Gott sei bei uns ! « riefen Andere : » Richtig ist es bei ihm nicht , das weiß man wohl . Er hat noch keinen Menschen in seine kleine Hinterstube gehen lassen , selbst Müllers nicht , die viel mit ihm zu thun haben . Da sieht der Wächter alle Nacht noch Licht brennen , was durch die Fensterladen schimmert . Die Stube hält er beständig verschlossen , und die Vorladen der Fenster sind auch bei hellem Tage nie auf . « So sprachen die Leute , und machten ans Oswald nicht viel . 2. Was Oswald im Dorfe sieht . Wenn sich auch die Leute nicht viel aus dem Oswald machten , war er doch sehr zuthunlich und mit Allen freundlich . Anfangs ging er rechts und links zu Jedem ins Haus und besuchte Einen um den Andern , fragte nach den Kindern , nach den Gütern , nach der Art , die Felder zu bestellen und nach allen Umständen . Vorzeiten war Goldenthal ein recht stattliches Dorf gewesen ; zwar kein übergroßer Reichthum darin , doch Wohlhabenheit in allen Häusern . Nun aber , mit Ausnahme einiger reichen Bauern und Wirthe , wie auch des Müllers , stand es überall schlecht . Das Elend schaute zu den Fenstern hinaus , und am Feuerherd kochte Schmalhans ungeschmalzte Suppen . Von hundert Haushaltungen schickten wohl zwanzig ihre Kinder zum Betteln aus ; sechszig halfen sich kümmerlich im Druck von Schuldenlasten durch , und die andern waren zum Theil noch im Stande , die Gemeindesteuern ordentlich zu entrichten , und sich wohl aufrecht zu halten . Man sah es den Häusern schon von außen an , wie übel es drinnen sein mochte ; man sah es an den zerfallenen Dächern ; an den Mauern , von welchen der Kalk abgefallen war ; an den verschmierten Wänden und Thüren ; an den zerbrochenen und mit Papier verklebten Fenstern . Kam man hinein , war Koth und Gestank ; Tisch und Bänke unsauber ; der Spiegel , wenn noch einer war , seit Jahren von Fliegen blind ; der Fußboden voller Löcher ; die Dielen schwarz , wie Erde , vom verhärteten Unrath . In den Küchen befand sich wenig und schlechtes Geschirr , das nicht einmal rein gewaschen da stand . In den Gärten am Hause sah man keine Ordnung , keine Zierlichkeit , sondern etwas Gemüs ganz nachlässig hingepflanzt . Man schien froh zu sein , wenn man für Säue und Menschen nur Erdäpfel genug hatte . Vor den Häusern lagen Misthaufen . Ackergeräte , Holz und was man sonst nicht unter Dach bringen konnte , bunt durcheinander . Männer und Weiber gingen in zerrissenen oder grob geflickten , besudelten Kleidern ; Stroh und Federn in den struppigen , ungekämmten Haaren ; Hände und Gesicht oft Tage lang nicht gewaschen . Die kleinen Kinder blieben oft einen halben Tag in ihren Wiegen im Unflath liegen , oder waren sie größer , spielten sie halbnackt vor den Häusern im Kothe . Kein Wunder , daß bei solcher bettlerischen Unreinlichkeit häufig Krankheiten entstunden . Man ging aber lieber zu einem alten Weibe , zum Scharfrichter , zu einem Harnbeschauer und Quacksalber , wenn er es nur wohlfeil machte , als zu einem erfahrenen und gelehrten Doktor . Wenn nun Mann oder Frau bettlägerig waren und nicht arbeiten konnten , ging es in der Wirtschaft den Krebsgang . Da mußte ein Stück Hausgeräth oder Vieh oder gar Land in der Noth verkauft , oder Geld gegen schweren Zins entliehen werden . Das dauerte dann , bis man mehr Schulden hatte , als man zahlen konnte ; dann erfolgte Vergantung und der Bettelstab . Wenn Oswald da und dort guten Rath geben wollte , oder wenn er die Unhäuslichkeit und Unordnung tadelte , so bekam er mürrische Gesichter zum Dank . Die Einen sagten : Arme Leute können nicht alles so schön haben , sondern müssen es nehmen , wie es ist ! Andere sagten : Was geht es dich an ? Steck ' du die Nase in deinen eigenen Dreck ! Bei den reichen Bauern sah es nun im Hause wohl besser aus , und war mehr Hausgeräth und Kleidung vorhanden . Aber doch fand man auch bei ihnen viel Unsauberkeit und Nachlässigkeit . Denn weil sie beständig und überall Bettelwirthschaften vor Augen hatten , so gewöhnten sie sich daran , und trieben es nicht viel anders . Die Woche durch waren sie schmierig und zerrissen ; nur Sonntags prunkten sie hoffärtig einher . Daher hörte man auch bei ihnen nichts , als Klagen über die bösen Zeiten , über die Regierung und über die Leute im Dorf . Denn weil im Dorfe fast alle Haushaltungen in Schulden waren , so konnten die wenigsten zahlen . Und weil die Gemeinde selbst seit dem Kriege eine große Schuld von vielen tausend Gulden trug , fiel das Zahlen der Zinsen , der Gemeindesteuern und Landesabgaben nur auf die Vermöglichern . Das machte sie mißvergnügt und zornig . Ueberhaupt war in Goldenthal Einer wider den Andern und beständig Streit und Zank . Keiner traute dem Andern ; Jeder wußte dem Andern etwas Böses nachzusagen . Da war kein Treu und Glauben , sondern eitel Lug und Trug . Die Armen beneideten die Reichen ; die Reichen drückten und plagten die Armen . Die Reichen trieben , wenn sie Geld ausborgten , schändlichen Wucher , und nahmen von armen Leuten , die in der Noth waren , ihre zwölf , zwanzig und mehr Prozent Zinsen , ohne daß sich darüber das christliche Gewissen schämen und grämen wollte . Die Armen hinwieder rächten sich , wie Schelmen es machen ; sie beschädigten den Reichen Bäume und Pflanzungen heimlich , stahlen ihnen Gemüs und Obst , Trauben und Holz und Hühner , und was sonst zugänglich oder leicht nehmbar war . Man konnte sich auf kein Wort , auf keinen Eid mehr verlassen . Selbst zwischen Eheleuten war eitel Haß und Gezänk . Das sahen die Kinder alle Tage und lernten nichts Besseres . Trotz der sichtbaren Verarmung der Gemeinde , und wiewohl jeder über Regierung , Obrigkeit und schlechte Zeiten klagte , und kein Geld hatte , wenn er das Notwendigste zahlen sollte , thaten die Leute doch insgesammt groß . Das Arbeiten ließ man sich nicht allzusauer werden . Die Vermöglichen , wenn sie später aufs Feld gingen , oder früher Feierabend machten , sprachen bei sich : » Gottlob , wir können ' s wohl so haben ! « Und die Armen und Taglöhner , wenn sie bei der Arbeit die Hände fallen ließen und umhergafften , sprachen sie : » Nun unsereins ist auch kein Vieh ! Man muß auch geruht haben . « Aber wenn der Samstag Abend kam , oder der Sonntag , hatte Jeder Geld , um sich im Wirthshaus bei Wein , Bier und Branntwein gütlich zu thun . Da hieß es : » Herr Wirth , noch eine Halbe ! Juchhei , Karten her ! « - Da ward der Wochenverdienst durch die Gurgel gejagt , oft mehr noch . Man spielte . Der Eine verlor sein Geld , der Andere versoff oder vertanzte den Gewinnst . Zwischenein in der Woche ward auch das Wirthshaus nicht ganz vergessen . Diese Leute litten die Kehle nicht ganz trocken . Unterdessen hatten die Weiber und Kinder kaum satt zu essen . War aber Geld im Haus , wenn auch nur wenig , da mußte Kaffee her und mußte geküchelt werden . Dann hieß es : » Lieber Gott , es kömmt an unsereins selten . Man will doch auch einmal seinen guten Tag haben . Was hat man sonst vom Leben ? « An Feiertagen fehlte es nicht , und die wollte man doch gefeiert haben . War im benachbarten Städtlein Jahrmarkt , so mußte man doch auch hin und sehen , wie es in den Wirthshäusern der Stadt sei , und hören , was es Neues in der Welt gebe ? Dann fehlte es außerdem nicht an allerlei Gängen und Läufen , Prozeßhändeln und Schritten und Tritten vor Richter und Obrigkeit . Das brachte viel Versäumniß und Ausgaben , wenig Gewinn und Vortheil . Folglich nahm in allen Häusern das Vermögen eher ab als zu . Und darum fluchte Einer wie der Andere über schlechte Zeiten , über Regierung und über die Leute im Dorf . 3. Was der verständige Müller erzählt . Als Oswald in seinem Dorfe so viel Lasten und Sünden sah , ist ihm vor Zorn das Herz geschwollen . Er ging in die Mühle , wie er allemal that , wenn er voll Unmuths war . Und wenn ihn da die holdselige Elsbeth anlächelte , verschwand sein Verdruß , wie eine Nebelwolke an der Stirn des Berges vor dem Glanz der Sonne . Oswald sprach zum Müller : » Nein , wie sind doch die Leute so gottlos und die Hütten so voll Jammers ! Das ist vor Zeiten nicht so gewesen . Da war der Fleiß auf den Feldern , die Zierlichkeit im Dorfe , die Eintracht in den Häusern und der Reichthum in den Scheuern . Da wurden die Bauern hochgeehrt von den Städtern , und man nannte sie auch wohl die Herren Goldenthaler . Nun ist Alles umgekehrt , und die Armuth sitzt neben der Bosheit unter den Dächern . Wie hat der Krieg so viel Uebels angerichtet ! « Der Müller antwortete und sprach : » Unser Dorf hat vom Kriege viel gelitten , gleichwie andere Dörfer und Städte . Es lagerten sich fremde Völker bei uns ein und verzehrten unsere Vorräthe ; wir mußten den Kriegsleuten dienen und liefern , was sie wollten ; wir mußten der Obrigkeit Zins und Steuern zahlen ; wir hatten schlechten Verdienst , denn Handel und Wandel standen still , alles Gewerb war Verderb , und schlechte Jahre und Witterungen kamen dazu , daß das Gras auf den Feldern , das Getreide auf den Aeckern , das Obst an den Bäumen und die Traube an den Reben umkam . Aber unser Unglück stammt nicht von Krieg und Theuerung her . Denn andere Städte und Dörfer haben gelitten , wie wir , und fangen doch wieder an , heiter aufzuschauen . Aber in unserm Dörflein wird es alle Tage schlimmer . Andere Städte waren in Trübsal und Armuth untergesunken , wie wir ; doch heben sie sich wieder daraus mit Gottes Hülfe hervor . Aber , dem Himmel sei ' s geklagt , wir gehen nun darin unter . « » Das wolle Gott verhüten ! « rief Oswald : » Woher kommt das ? « Der Müller antwortete : » Das kommt daher : die Andern strengen ihre Kräfte an und schwimmen an das Ufer ; wir überlassen uns dem Spiel der Unglückswogen und unsere Rettung dem Zufall . Ja diejenigen , welche uns helfen können , ziehen uns noch tiefer in den Wasserstrudel hinein . « » Wer sind die ? « » Ich will es dir wohl im Vertrauen unter vier Augen offenbaren ! « sagte der Müller . » Wenn es mit einer Gemeinde den Krebsgang geht , so kannst du dich darauf verlassen , hat sie schlechte Obrigkeit . Und das ist bei uns der Fall . Unsere Ortsvorgesetzten sind entweder eigennützige Menschen , oder einfältige , schwache Leute . Zwei von ihnen haben eigene Wirthshäuser , und der Schwiegersohn des dritten hat auch ein Trinkhaus . Da ist es ihnen eben recht , wenn die Leute lieber bei ihnen hinterm Tisch , als bei der Arbeit sind . Wird die Gemeinde versammelt , so ist es bald in diesem , bald im andern Wirthshaus , und da muß am Ende eins getrunken werden . Haben die Durstigen kein Geld , so wird ihnen geborgt . Können sie nicht zahlen , so kauft man ihnen ein wohlgelegenes Stück Land um das andere ab , oder nimmt es für die Schuld an ; oder , was die Leute haben , wird öffentlich versteigert . Dann sind die Bettler fertig . Daher kommt nach und nach alles liegende Gut in die Hand einzelner reichen Leute . Wer Geld leihen will , geht zu ihnen und bekommt um doppelten und dreifachen Zins . So werden die Bedürftigen durch unchristlichen Wucher desto schneller zu Grunde gerichtet . « » Ei , warum borgen die , welche Geld brauchen , nicht lieber das Geld an andern Orten , oder in der Stadt bei rechtschaffenen Leuten ? « rief Oswald . » Weil man unserer Gemeinde an andern Orten keinen Kreuzer mehr anvertraut ! « erwiederte der Müller . » Denn weil die Gemeindevorgesetzten bisher die Geldaufbruchscheine für Bedürftige auf die lüderlichste und leichtsinnigste Weise ausgestellt haben , sind die , welche Geld darauf liehen , hintenach darum halb oder ganz betrogen worden . So haben wir durch die Nachlässigkeit der Vorsteher allen Kredit verloren und alle Hoffnung auf fremde Hülfe . Weil uns Niemand in der Stadt mehr borgen will , so schimpfen und fluchen unsere Leute tagtäglich auf die Städter und drohen mit Mord und Brand . Widerführe einmal der Stadt ein Unglück , so würde das die größte Freude unsers Lumpengesindels sein , obgleich wir von der Stadt noch viel Verdienst und Almosen haben . « » Das ist abscheulich ! « schrie Oswald : » Aber wir haben ja noch ein ordentliches Gemeingut . « » Ja , das Gemeingut ist auch verschuldet und wird nur von den Reichen benutzt ! « antwortete der Müller : » Denn wenn die Vorgesetzten ein Geschäft abthun , einen Umgang an den Marchen und Grenzen halten , eine Holzanweisung machen , oder sonst etwas extra verrichten : so wird auf Kosten der Gemeinde geschmauset und gezecht . Damit geht das Vermögen der Gemeinde durch die Gurgel der Vorsteher . Jeden Gang wollen sie bezahlt haben . Dazu kommt , daß , weil die Reichen Kühe halten können und die Armen keine , so benutzen sie den Weidgang im Wald und auf den Almenden allein für sich , und die Armen haben keinen Nutzen und Vortheil von den Gemeindsgütern . « » Wenn du das Alles weißt , Müller : warum sagst du das nicht der ganzen Gemeinde und öffnest ihr die Augen ? « fragte Oswald zornig . » Weil es nicht hilft ! « erwiederte der Müller : » Denn da die Meisten im Dorfe bei den Reichen verschuldet sind , so thun die Reichen was sie wollen , und es darf ihnen Keiner widersprechen . Und wenn unsereins gegen Mißbräuche den Mund aufthun will , so toben und lärmen die Lumpenkerle alle , daß man seines Lebens kaum sicher ist . Das wissen die Vorgesetzten und die Reichen wohl . Die betrachten die verlumpten Leute wie ihre Hunde , welche sie nach Belieben auf jeden loslassen können , der ihnen in die Quer kommt . « » Das ist entsetzlich ! « schrie Oswald : » Wenn denn die Menschen keinen Verstand haben , so sollten sie doch ein Gewissen und Gottesfurcht haben . « » Ja , sie sollten wohl , « sagte der Müller , » aber woher nehmen ? Unser Herr Pfarrer ist ein alter Herr , der für seine Pfründe und Bequemlichkeit sorgt , immer vom Glauben predigt , von Himmel und Hölle , und seine Kirchengeschäfte verrichtet , wie ein Anderer sein Tagwerk , und hat er es gethan , sich um Anderes nicht bekümmert . Was man thun müsse , worin die christlichen Tugenden bestehen , und wie man sie erlangen und ausüben müsse - das lehrt er nicht . Er geht Jahre lang in keines Bauern Haus , als im Nothfall , wo er gerufen wird . Folglich ist er kein wahrer Rathgeber , kein wahrer Tröster , und kennt den Zustand der Familien lange nicht genau genug , um auch im häuslichen Leben auf ihre Frömmigkeit und Besserung hin zu arbeiten . Die Leute gehen aus Gewohnheit in die Kirche , der Pfarrer predigt aus Gewohnheit , und mit dem Schritt aus der Kirche bleibt es bei den gewohnten Lastern und Lüderlichkeiten . Und weil die Menschen von innen in ihrem Herzen nicht besser werden , wird es auch von außen nicht besser . Und wie die Alten , so die Jungen . « » Was ? Taugt der Schulmeister auch nichts ? « fragte der Oswald . Der Müller sagte : » Seit dein Vater gestorben ist , der ein gottesfürchtiger , verständiger Mann war , geht es mit der Schule schlecht . Die Knaben und Mädchen lernen zur Noth lesen , Schreiben und Rechnen , auch wohl ein Gebet . Aber von ihren Aeltern daheim lernen sie , was sie sehen , nämlich Lug und Trug , Schwören und Fluchen , Unzucht und Heuchelei , Raufen und Balgen , Betteln und Stehlen , Spielen und Saufen , Müßiggang und Muthwillen , Hader und Neid , Verleumden und Lästern . « Als Oswald diese Dinge hörte , schüttelte er den Kopf und ging in seiner Seele betrübt von dannen . 4. Wie der Oswald erschrecklich thut , und es ihm nicht hilft . An einem Sonntage nach der Predigt wurde die ganze Gemeinde versammelt ; denn es war guter Rath theuer , woher Geld nehmen , weil im Lande eine außerordentliche Steuer ausgeschrieben , und noch dazu der Gemeinde eine Schuld aufgekündet war , die bisher nicht gehörig verzinset worden . Und das ganze Dorf kam nach alter Uebung unter der großen Linde auf dem Platz zusammen . Die Vorsteher waren im Kreise der Bürgerschaft , und außer dem Kreise standen die Weiber , Töchter und Kinder , zu hören , was vorgehe . Oswald war auch dahin gegangen , und hatte sich vorgenommen , seinen Mitbürgern über ihren traurigen Zustand die Augen zu öffnen . Daher , als die Vorgesetzten ihre Anträge gemacht und ihre Reden geendet hatten , stieg Oswald auf einen Stein , der mitten auf dem Wege lag . Da ward er von Jedermann gesehen . Also hub er an zu reden : » Liebe Mitbürger ! Ich bin vorzeiten als ein Knabe von euch gegangen in den Krieg , und bin als Mann wieder zurückgekommen . Aber wie ich in unser Dorf kam , habe ich es kaum wieder gekannt , und mir ist in Wehmuth das Herz gebrochen , als ich sah , wie alles verändert worden ist . Denn vorzeiten hieß unser Dorf mit Recht Goldenthal , weil es ein goldenes Thal war , worin Gottes reicher Segen wohnte , mehr denn anderswo . Es waren bei uns die meisten Leute wohlhabend , nur wenige arm , und Bettler gar keine . Damals pflegte man uns , wegen unsers Wohlstandes , auch noch im ganzen Lande die Herren Goldenthaler zu heißen . Denn wir gingen nicht in zerrissenen Kleidern , wie Bettler , sondern stattlich einher , in sauberm doch einfachem Gewande ; und hatten nicht nur im Hause zur Nothdurft , sondern auch einen Gulden darüber hinaus . Damals hatte die Gemeinde keine Schulden zu verzinsen , sondern sie bezog sogar von andern Orten Zinsen für ausgeliehene Kapitalien , die wir erspart hatten . Damals war alles Land wohlgedüngt und angebaut , denn Jeder hatte seine Kuh und sein Roß im Stall , und auch wohl Geißln und Schaafe oder ein Paar Schweine daneben . Damals glich unser Dorf schon von außen einem zierlichen Marktflecken . Die Häuser standen schön und nett , von innen wie von außen , daß sich kein Herr aus der Stadt hätte schämen dürfen , darin zu wohnen . Haus- und Küchengeräth verkündeten , man sei wohl versorgt , und die Fenster glänzten wie Spiegel . Wenige Leute hatten Schulden , und wer sie hatte , dem war nicht bange , wie er sie zahlen müsse . Damals bekam ein Goldenthaler ohne Handschrift und Unterpfand aus der Stadt auf sein ehrliches Wort hundert und mehr Gulden geborgt . Damals war für Goldenthal noch eine goldene Zeit . « Wie Oswald so redete , nickten ihm Alle freundlichen Beifall , und Einige sagten : » Der Oswald hat wohl Recht ! « Er aber redete weiter und sprach : » Nun ist es nicht mehr so . Man sollte unser Dorf nicht mehr Goldenthal nennen , sondern Koth- und Dreck- , Dornen- und Distelthal . Von unsern Aeckern ist meistens der Segen verschwunden ; denn die Einen von uns haben zu viel Land , die Andern gar keines ; die Uebrigen können es nicht in Ordnung anbauen und benutzen . Die Bettelei ist von Vielen nicht mehr für Schmach gehalten , sondern für einen ordentlichen Beruf und Erwerb angesehen . Die meisten Haushaltungen sind verschuldet , und eine um die andere sieht den Tag vor , da ihr Alles versteigert und sie ausgetrieben werden muß . Die Schuldboten verlassen unser Dorf nie . Mit den benachbarten Orten haben wir Zank und Prozeß , und unter uns selber Feindschaft und Parteien . Wir haben noch den alten Hochmuth , aber nicht mehr das alte Geld ; auf den Straßen Koth und in den Häusern Unflath und Gestank , den meisten Unflath aber im Herzen . Denn hier versteht sich fast Jedermann besser aufs Saufen , als aufs Arbeiten ; besser aufs Borgen , als aufs Bezahlen ; besser aufs Prellen und Stehlen , als aufs Geben ; besser auf Hinterlist , als auf Wahrheit . Wenn das so fortgeht , müssen wir in Elend und Schande Alle untergehen . Schon haben wir zu Stadt und Land keinen Kredit mehr , und wenn man Jemand einen Lump heißen will , so sagt man : er ist ein Goldenthaler ! « Bei diesen Worten des Oswald erhob sich ein großes Gemurmel und Dräuen im Volk , und jeder sah den Oswald mit finstern Blicken an ; also , daß des Müllers Elsbeth in große Furcht gerieth . Denn sie stand auf einer Bank am Hause und verwandte kein Auge vom Oswald , der ihr von Herzen lieb war . Oswald ließ sich jedoch von dem Gemurre und Gesurre nicht schrecken , sondern fuhr also fort : » Liebe Mitbürger , wenn noch ein Tropfen redlichen und frommen Bluts in euern Adern wallt , so schlaget Hand in Hand und sprechet : es soll und muß anders werden ! Woher kommt unser Verderben ? Dahinten her kommt es , aus den Wirthshäusern ! Da sind eure Ländereien in die Wein- und Bierfässer gefallen , und eure Kühe von den Spielkarten erschlagen . Da habt ihr das Sparen verlernt und das Arbeiten vergessen . Armuth macht Diebsmuth ,