Eichendorff , Joseph von Ahnung und Gegenwart www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Joseph von Eichendorff Ahnung und Gegenwart Erstes Buch Erstes Kapitel Die Sonne war eben prächtig aufgegangen , da fuhr ein Schiff zwischen den grünen Bergen und Wäldern auf der Donau herunter . Auf dem Schiffe befand sich ein lustiges Häufchen Studenten . Sie begleiteten einige Tagereisen weit den jungen Grafen Friedrich , welcher soeben die Universität verlassen hatte , um sich auf Reisen zu begeben . Einige von ihnen hatten sich auf dem Verdecke auf ihre ausgebreitete Mäntel hingestreckt und würfelten . Andere hatten alle Augenblick neue Burgen zu salutieren , neue Echos zu versuchen , und waren daher ohne Unterlaß beschäftigt , ihre Gewehre zu laden und abzufeuern . Wieder andere übten ihren Witz an allen , die das Unglück hatten am Ufer vorüberzugehen , und diese aus der Luft gegriffene Unterhaltung endigte dann gewöhnlich mit lustigen Schimpfreden , welche wechselseitig so lange fortgesetzt wurden , bis beide Parteien einander längst nicht mehr verstanden . Mitten unter ihnen stand Graf Friedrich in stiller , beschaulicher Freude . Er war größer als die andern , und zeichnete sich durch ein einfaches , freies , fast altritterliches Ansehen aus . Er selbst sprach wenig , sondern ergötzte sich vielmehr still in sich an den Ausgelassenheiten der lustigen Gesellen ; ein gemeiner Menschensinn hätte ihn leicht für einfältig gehalten . Von beiden Seiten sangen die Vögel aus dem Walde , der Widerhall von dem Rufen und Schießen irrte weit in den Bergen umher , ein frischer Wind strich über das Wasser , und so fuhren die Studenten in ihren bunten , phantastischen Trachten wie das Schiff der Argonauten . Und so fahre denn , frische Jugend ! Glaube es nicht , daß es einmal anders wird auf Erden . Unsere freudigen Gedanken werden niemals alt und die Jugend ist ewig . Wer von Regensburg her auf der Donau hinabgefahren ist , der kennt die herrliche Stelle , welche der Wirbel genannt wird . Hohe Bergschluften umgeben den wunderbaren Ort . In der Mitte des Stromes steht ein seltsam geformter Fels , von dem ein hohes Kreuz trost- und friedenreich in den Sturz und Streit der empörten Wogen hinabschaut . Kein Mensch ist hier zu sehen , kein Vogel singt , nur der Wald von den Bergen und der furchtbare Kreis , der alles Leben in seinen unergründlichen Schlund hinabzieht , rauschen hier seit Jahrhunderten gleichförmig fort . Der Mund des Wirbels öffnet sich von Zeit zu Zeit dunkelblickend , wie das Auge des Todes . Der Mensch fühlt sich auf einmal verlassen in der Gewalt des feindseligen , unbekannten Elements , und das Kreuz auf dem Felsen tritt hier in seiner heiligsten und größten Bedeutung hervor . Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen . Hier bog plötzlich ein anderes fremdes Schiff , das sie lange in weiter Entfernung verfolgt hatte , hinter ihnen um die Felsenecke . Eine hohe , junge , weibliche Gestalt stand ganz vorn auf dem Verdecke und sah unverwandt in den Wirbel hinab . Die Studenten waren von der plötzlichen Erscheinung in dieser dunkelgrünen Öde überrascht und brachen einmütig in ein freudiges Hurra aus , daß es weit an den Bergen hinunterschallte . Da sah das Mädchen auf einmal auf , und ihre Augen begegneten Friedrichs Blicken . Er fuhr innerlichst zusammen . Denn es war , als deckten ihre Blicke plötzlich eine neue Welt von blühender Wunderpracht , uralten Erinnerungen und nie gekannten Wünschen in seinem Herzen auf . Er stand lange in ihrem Anblick versunken , und bemerkte kaum , wie indes der Strom nun wieder ruhiger geworden war und zu beiden Seiten schöne Schlösser , Dörfer und Wiesen vorüberflogen , aus denen der Wind das Geläute weidender Herden herüberwehte . Sie fuhren soeben an einer kleinen Stadt vorüber . Hart am Ufer war eine Promenade mit Alleen . Herren und Damen gingen im Sonntagsputze spazieren , führten einander , lachten , grüßten und verbeugten sich hin und wieder , und eine lustige Musik schallte aus dem bunten , fröhlichen Schwalle . Das Schiff , worauf die schöne Unbekannte stand , folgte unsern Reisenden immerfort in einiger Entfernung nach . Der Strom war hier so breit und spiegelglatt wie ein See . Da ergriff einer von den Studenten seine Gitarre , und sang der Schönen auf dem andern Schiffe drüben lustig zu : » Die Jäger ziehn in grünen Wald Und Reiter blitzend übers Feld , Studenten durch die ganze Welt , So weit der blaue Himmel wallt . Der Frühling ist der Freudensaal , Viel tausend Vöglein spielen auf , Da schallt ' s im Wald bergab , bergauf : Grüß dich , mein Schatz , vieltausendmal ! « Sie bemerkten wohl , daß die Schöne allezeit zu ihnen herübersah , und alle Herzen und Augen waren wie frische junge Segel nach ihr gerichtet . Das Schiff näherte sich ihnen hier ganz dicht . » Wahrhaftig , ein schönes Mädchen ! « riefen einige , und der Student sang weiter : » Viel rüst ' ge Bursche ritterlich , Die fahren hier in Stromes Mitt , Wie wilde sie auch stellen sich , Trau mir , mein Kind , und fürcht dich nit ! Querüber übers Wasser glatt Laß werben deine Äugelein , Und der dir wohlgefallen hat , Der soll dein lieber Buhle sein . « Hier näherten sich wieder die Schiffe einander . Die Schöne saß vorn , wagte es aber in dieser Nähe nicht , aufzublicken . Sie hatte das Gesicht auf die andere Seite gewendet , und zeichnete mit ihrem Finger auf dem Boden . Der Wind wehte die Töne zu ihr herüber , und sie verstand wohl alles , als der Student wieder weitersang : » Durch Nacht und Nebel schleich ich sacht , Kein Lichtlein brennt , kalt weht der Wind , Riegl ' auf , riegl ' auf bei stiller Nacht , Weil wir so jung beisammen sind ! Ade nun , Kind , und nicht geweint ! Schon gehen Stimmen da und dort , Hoch überm Wald Aurora scheint , Und die Studenten reisen fort . « So war es endlich Abend geworden , und die Schiffer lenkten ans Ufer . Alles stieg aus , und begab sich in ein Wirtshaus , das auf einer Anhöhe an der Donau stand . Diesen Ort hatten die Studenten zum Ziele ihrer Begleitung bestimmt . Hier wollten sie morgen früh den Grafen verlassen und wieder zurückreisen . Sie nahmen sogleich Beschlag von einem geräumigen Zimmer , dessen Fenster auf die Donau hinausgingen . Friedrich folgte ihnen erst etwas später von den Schiffen nach . Als er die Stiege hinaufging , öffnete sich seitwärts eine Türe und die unbekannte Schöne , die auch hier eingekehrt war , trat eben aus dem erleuchteten Zimmer . Beide schienen übereinander erschrocken . Friedrich grüßte sie , sie schlug die Augen nieder und kehrte schnell wieder in das Zimmer zurück . Unterdes hatten sich die lustigen Gesellen in ihrer Stube schon ausgebreitet . Da lagen Jacken , Hüte , Federbüsche , Tabakspfeifen und blanke Schwerter in der buntesten Verwirrung umher , und die Aufwärterin trat mit heimlicher Furcht unter die wilden Gäste , die halbentkleidet auf Betten , Tischen und Stühlen , wie Soldaten nach einer blutigen Schlacht , gelagert waren . Es wurde bald Wein angeschafft , man setzte sich in die Runde , sang und trank des Grafen Gesundheit . Friedrich war heute dabei sonderbar zumute . Er war seit mehreren Jahren diese Lebensweise gewohnt , und das Herz war ihm jedesmal aufgegangen , wie diese freie Jugend ihm so keck und mutig ins Gesicht sah . Nun , da er von dem allem auf immer Abschied nehmen sollte , war ihm wie einem , der von einem lustigen Maskenballe auf die Gasse hinaustritt , wo sich alles nüchtern fortbewegt wie vorher . Er schlich sich unbemerkt aus dem Zimmer und trat hinaus auf den Balkon , der von dem Mittelgange des Hauses über die Donau hinausging . Der Gesang der Studenten , zuweilen von dem Geklirre der Hieber unterbrochen , schallte aus den Fenstern , die einen langen Schein in das Tal hinauswarfen . Die Nacht war sehr finster . Als er sich über das Geländer hinauslehnte , glaubte er neben sich atmen zu hören . Er langte nach der Seite hin und ergriff eine kleine zarte Hand . Er zog den weichen Arm näher an sich , da funkelten ihn zwei Augen durch die Nacht an . Er erkannte an der hohen Gestalt sogleich das schöne Mädchen von dem andern Schiffe . Er stand so dicht vor ihr , daß ihn ihr Atem berührte . Sie litt es gern , daß er sie noch näher an sich zog , und ihre Lippen kamen zusammen . » Wie heißen Sie ? « fragte Friedrich endlich . » Rosa « , sagte sie leise und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen . In diesem Augenblicke ging die Stubentür auf , ein verworrener Schwall von Licht , Tabaksdampf und verschiedenen tosenden Stimmen quoll heraus , und das Mädchen war verschwunden , ohne daß Friedrich sie halten konnte . Erst lange Zeit nachher ging er wieder in sein Zimmer zurück . Aber da war indes alles still geworden . Das Licht war bis an den Leuchter ausgebrannt und warf , manchmal noch aufflackernd , einen flüchtigen Schein über das Zimmer und die Studenten , die zwischen Trümmern von Tabakspfeifen , wie Tote , umherlagen und schliefen . Friedrich machte daher die Tür leise zu und begab sich wieder auf den Balkon hinaus , wo er die Nacht zuzubringen beschloß . Entzückt in allen seinen Sinnen , schaute er da in die stille Gegend hinaus . » Fliegt nur , ihr Wolken « , rief er aus , » rauscht nur und rührt euch recht , ihr Wälder ! Und wenn alles auf Erden schläft , ich bin so wach , daß ich tanzen möchte ! « Er warf sich auf die steinerne Bank hin , wo das Mädchen gesessen hatte , lehnte die Stirn ans Geländer und sang still in sich verschiedene alte Lieder , und jedes gefiel ihm heut besser und rührte ihn neu . Das Rauschen des Stromes und die ziehenden Wolken schifften in seine fröhlichen Gedanken hinein ; im Hause waren längst alle Lichter verlöscht . Die Wellen plätscherten immerfort so einförmig unten an den Steinen , und so schlummerte er endlich träumend ein . Zweites Kapitel Als die ersten Strahlen der Sonne in die Fenster schienen , erhob sich ein Student nach dem andern von seinem harten Lager , riß das Fenster auf und dehnte sich in den frischen Morgen hinaus . Auch Friedrich befand sich wieder unter ihnen ; denn eine Nachtigall , welche die ganze Nacht unermüdlich vor dem Hause sang , hatte ihn draußen geweckt und die kühle , der Morgenröte vorausfliegende Luft in die wärmere Stube getrieben . Singen , Lachen und muntere Reden erfüllten nun bald wieder das Zimmer . Friedrich überdachte seine Begebenheit in der Nacht . Es war ihm , als erwachte er aus einem Rausche , als wäre die schöne Rosa , ihr Kuß und alles nur Traum gewesen . Der Wirt trat mit der Rechnung herein . » Wer ist das Frauenzimmer « , fragte Friedrich , » die gestern abends mit uns angekommen ist ? « - » Ich kenne sie nicht , aber eine vornehme Dame muß sie sein , denn ein Wagen mit vier Pferden und Bedienten hat sie noch lange vor Tagesanbruch von hier abgeholt . « - Friedrich blickte bei diesen Worten durchs offene Fenster auf den Strom und die Berge drüben , welche heute Nacht stille Zeugen seiner Glückseligkeit gewesen waren . Jetzt sah da draußen alles anders aus und eine unbeschreibliche Bangigkeit flog durch sein Herz . Die Pferde , welche die Studenten hierherbestellt hatten , um darauf wieder zurückzureiten , harrten ihrer schon seit gestern unten . Auch Friedrich hatte sich ein schönes , munteres Pferd gekauft , auf dem er nun ganz allein seine Reise fortsetzen wollte . Die Reisebündel wurden daher nun schnell zusammengeschnürt , die langen Sporen umgeschnallt und alles schwang sich auf die rüstigen Klepper . Die Studenten beschlossen , den Grafen noch eine kleine Strecke landeinwärts zu geleiten , und so ritt denn der ganze bunte Trupp in den heitern Morgen hinein . An einem Kreuzwege hielten sie endlich still und nahmen Abschied . » Lebe wohl « , sagte einer von den Studenten zu Friedrich , » du kommst nun in fremde Länder , unter fremde Menschen , und wir sehen einander vielleicht nie mehr wieder . Vergiß uns nicht ! Und wenn du einmal auf deinen Schlössern hausest , werde nicht wie alle andere , werde niemals ein trauriger , vornehmer , schmunzelnder , bequemer Philister ! Denn , bei meiner Seele , du warst doch der beste und bravste Kerl unter uns allen . Reise mit Gott ! « Hier schüttelte jeder dem Grafen vom Pferde noch einmal die Hand und sie und Friedrich sprengten dann in entgegengesetzten Richtungen voneinander . Als er so eine Weile fortgeritten war , sah er sie noch einmal , wie sie eben , schon fern , mit ihren bunten Federbüschen über einen Bergrücken fortzogen . Sie sangen ein bekanntes Studentenlied , dessen Schlußchor : » Ins Horn , ins Horn , ins Jägerhorn ! « der Wind zu ihm herüberbrachte . » Ade , ihr rüstigen Gesellen « , rief er gerührt ; » ade , du schöne freie Zeit ! « Der herrliche Morgen stand flammend vor ihm . Er gab seinem Pferde die Sporen , um den Tönen zu entkommen und ritt , daß der frische Wind an seinem Hute pfiff . Wer Studenten auf ihren Wanderungen sah , wie sie frühmorgens aus dem dunkeln Tore ausziehen und den Hut schwenken in der frischen Luft , wie sie wohlgemut und ohne Sorgen über die grüne Erde reisen , und die unbegrenzten Augen an blauem Himmel , Wald und Fels sich noch erquicken , der mag gern unsern Grafen auf seinem Zuge durch das Gebirge begleiten . Er ritt jetzt langsam weiter . Bauern ackerten , Hirten trieben ihre Herden vorüber . Die Frühlingssonne schien warm über die dampfende Erde , Bäume , Gras und Blumen äugelten dazwischen mit blitzenden Tropfen , unzählige Lerchen schwirrten durch die laue Luft . Ihm war recht innerlichst fröhlich zumute . Tausend Erinnerungen , Entwürfe und Hoffnungen zogen wie ein Schattenspiel durch Seine bewegte Brust . Das Bild der schönen Rosa stand wieder ganz lebendig in ihm auf , mit aller Farbenpracht des Morgens gemalt und geschmückt . Der Sonnenschein , der laue Wind und Lerchensang verwirrte sich in das Bild , und so entstand in seinem glücklichen Herzen folgendes Liedchen , das er immerfort laut vor sich hersang : » Grüß euch aus Herzensgrund : Zwei Augen hell und rein , Zwei Röslein auf dem Mund , Kleid blank aus Sonnenschein ! Nachtigall klagt und weint , Wollüstig rauscht der Hain , Alles die Liebste meint : Wo weilt sie so allein ? Weil ' s draußen finster war , Sah ich viel hellern Schein , Jetzt ist es licht und klar , Ich muß im Dunkeln sein . Sonne nicht steigen mag , Sieht so verschlafen drein , Wünschet den ganzen Tag , Daß wieder Nacht möcht sein . Liebe geht durch die Luft , Holt fern die Liebste ein ; Fort über Berg und Kluft ! Und sie wird doch noch mein ! « Das Liedchen gefiel ihm so wohl , daß er seine Schreibtafel herauszog , um es aufzuschreiben . Da er aber anfing , die flüchtigen Worte bedächtig aufzuzeichnen und nicht mehr sang , mußte er über sich selber lachen und löschte alles wieder aus . Der Mittag war unterdes durch die kühlen Waldschluften fast unvermerkt vorübergezogen . Da erblickte Friedrich mit Vergnügen einen hohen , bepflanzten Berg , der ihm als ein berühmter Belustigungsort dieser Gegend anempfohlen worden war . Farbige Lusthäuser blickten von dem schattigen Gipfel ins Tal herab . Rings um den Berg herum wand sich ein Pfad hinauf , auf dem man viele Frauenzimmer mit ihren bunten Tüchern in der Grüne wallfahrten sah . Der Anblick war sehr freundlich und einladend . Friedrich lenkte daher sein Pferd um , und ritt mit dem fröhlichen Zuge hinan , sich erfreuend , wie bei jedem Schritte der Kreis der Aussicht ringsum sich erweiterte . Noch angenehmer wurde er überrascht , als er endlich den Gipfel erreichte . Da war ein weiter , schöner und kühler Rasenplatz . An kleinen Tischchen saßen im Freien verschiedene Gesellschaften umher und speisten in lustigem Gespräch . Kinder spielten auf dem Rasen , ein alter Mann spielte die Harfe und sang . Friedrich ließ sich sein Mittagsmahl ganz allein in einem Sommerhäuschen bereiten , das am Abhange des Berges stand . Er machte alle Fenster weit auf , so daß die Luft überall durchstrich , und er von allen Seiten die Landschaft und den blauen Himmel sah . Kühler Wein und hellgeschliffene Gläser blinkten von dem Tische . Er trank seinen fernen Freunden und seiner Rosa in Gedanken zu . Dann stellte er sich ans Fenster . Man sah von dort weit in das Gebirge . Ein Strom ging in der Tiefe , an welchem eine hellglänzende Landstraße hinablief . Die heißen Sonnenstrahlen schillerten über dem Tale , die ganze Gegend lag unten in schwüler Ruhe . Draußen vor der offenen Tür spielte und sang der Harfenist immerfort . Friedrich sah den Wolken nach , die nach jenen Gegenden hinaussegelten , die er selber auch bald begrüßen sollte . » O Leben und Reisen , wie bist du schön ! « rief er freudig , zog dann seinen Diamant vom Finger und zeichnete den Namen Rosa in die Fensterscheibe . Bald darauf wurde er unten mehrere Reuter gewahr , die auf der Landstraße schnell dem Gebirge zu vorüberflogen . Er verwandte keinen Blick davon . Ein Mädchen , hoch und schlank , ritt den andern voraus und sah flüchtig mit den frischen Augen den Berg hinan , gerade auf den Fleck , wo Friedrich stand . Der Berg war hoch , die Entfernung und Schnelligkeit groß ; doch glaubte sie Friedrich mit einem Blicke zu erkennen , es war Rosa . Wie ein plötzlicher Morgenblick blitzte ihm dieser Gedanke fröhlich über die ganze Erde . Er bezahlte eiligst seine Zeche , schwang sich auf sein Pferd , und stolperte so schnell als möglich den sich ewig windenden Bergpfad hinab ; seine Blicke und Gedanken flogen wie Adler von der Höhe voraus . Als er sich endlich bis auf die Straße hinausgearbeitet hatte und freier Atem schöpfte , war die Reuterin schon nicht mehr zu sehen . Er setzte die Sporen tapfer ein und sprengte weiter fort . Ein Weg ging links von der Straße ab in den Wald hinein . Er erkannte an der frischen Spur der Rosseshufe , daß ihn die Reuter eingeschlagen hatten . Er folgte ihm daher auch . Als er aber eine große Strecke so fortgeritten war , teilten sich auf einmal wieder drei Wege nach verschiedenen Richtungen und keine Spur war weiter auf dem härteren Boden zu bemerken . Fluchend und lachend zugleich vor Ungeduld , blieb er nun hier eine Weile still stehen , wählte dann gelassener den Pfad , der ihm der anmutigste dünkte , und zog langsam weiter . Der Wald wurde indes immer dunkler und dichter , der Pfad enger und wilder . Er kam endlich an einen dunkelgrünen , kühlen Platz , der rings von Felsen und hohen Bäumen umgeben war . Der einsame Ort gefiel ihm so wohl , daß er vom Pferde stieg , um hier etwas auszuruhen . Er streichelte ihm den gebogenen Hals , zäumte es ab und ließ es frei weiden . Er selbst legte sich auf den Rücken und sah dem Wolkenzuge zu . Die Sonne neigte sich schon und funkelte schräge durch die dunkeln Wipfel , die sich leise rauschend hin und her bewegten . Unzählige Waldvögel zwitscherten in lustiger Verwirrung durcheinander . Er war so müde , er konnte sich nicht halten , die Augen sanken ihm zu . Mitten im Schlummer kam es ihm manchmal vor , als höre er Hörner aus der Ferne . Er hörte den Klang oft ganz deutlich und näher , aber er konnte sich nicht besinnen und schlummerte immer wieder von neuem ein . Als er endlich erwachte , erschrak er nicht wenig , da es schon finstere Nacht und alles um ihn her still und öde war . Er sprang erstaunt auf . Da hörte er über sich auf dem Felsen zwei Männerstimmen , die ganz in der Nähe schienen . Er rief sie an , aber niemand gab Antwort und alles war auf einmal wieder still . Nun nahm er sein Pferd beim Zügel und setzte so seine Reise auf gut Glück weiter fort . Mit Mühe arbeitete er sich durch die Rabennacht des Waldes hindurch und kam endlich auf einen weiten und freien Bergrücken , der nur mit kleinem Gesträuch bewachsen war . Der Mond schien sehr hell , und der plötzliche Anblick des freien , grenzenlosen Himmels erfreute und stärkte recht sein Herz . Die Ebene mußte sehr hoch liegen , denn er sah ringsumher eine dunkle Runde von Bergen unter sich ruhen . Von der einen Seite kam der einförmige Schlag von Eisenhämmern aus der Ferne herüber . Er nahm daher seine Richtung dorthin . Sein und seines Pferdes Schatten , wie er so fortschritt , strichen wie dunkle Riesen über die Heide vor ihm her und das Pferd fuhr oft schnaubend und sträubend zusammen . » So « , sagte Friedrich , dessen Herz recht weit und vergnügt war , » so muß vor vielen hundert Jahren den Rittern zumute gewesen sein , wenn sie bei stiller , nächtlicher Weile über diese Berge zogen und auf Ruhm und große Taten sannen . So voll adeliger Gedanken und Gesinnungen mag mancher auf diese Wälder und Berge hinuntergesehen haben , die noch immer dastehen , wie damals . Was mühn wir uns doch ab in unseren besten Jahren , lernen , polieren und feilen , um uns zu rechten Leuten zu machen , als fürchteten oder schämten wir uns vor uns selbst , und wollten uns daher hinter Geschicklichkeiten verbergen und zerstreuen , anstatt daß es darauf ankäme , sich innerlichst nur recht zusammenzunehmen zu hohen Entschließungen und einem tugendhaften Wandel . Denn wahrhaftig , ein ruhiges , tapferes , tüchtiges und ritterliches Leben ist jetzt jedem Manne , wie damals , vonnöten . Jedes Weltkind sollte wenigstens jeden Monat eine Nacht im Freien einsam durchwachen , um einmal seine eitlen Mühen und Künste abzustreifen und sich im Glauben zu stärken und zu erbauen . Wie bin ich so fröhlich und erquickt ! Gebe mir Gott nur die Gnade , daß dieser Arm einmal was Rechtes in der Welt vollbringe ! « Unter solchen Gedanken schritt er immer fort . Der Fußsteig hatte sich indes immer mehr gesenkt , und er erblickte endlich ein Licht , das aus dem Tale heraufschimmerte . Er eilte darauf los und kam an eine elende , einsame Waldschenke . Er sah durch das kleine Fenster in die Stube hinein . Da saß ein Haufen zerlumpter Kerls mit bärtigen Spitzbubengesichtern um einen Tisch und trank . In allen Winkeln standen Gewehre angelehnt . An dem hellen Kaminfeuer , das einen gräßlichen Schein über den Menschenklumpen warf , saß ein altes Weib gebückt , und zerrte , wie es schien , blutige Därme an den Flammen auseinander . Ein Grausen überfiel den Grafen bei dem scheußlichen Anblick , er setzte sich rasch auf sein Pferd und sprengte querfeldein . Das Rauschen und Klappern einer Waldmühle bestimmte seine Richtung . Ein ungeheurer Hund empfing ihn dort an dem Hofe der Mühle . Friedrich und sein Pferd waren zu ermattet , um noch weiterzureisen . Er pochte daher an die Haustüre . Eine rauhe Stimme antwortete von innen , bald darauf ging die Türe auf , und ein langer , hagerer Mann trat heraus . Er sah Friedrich , der ihn um Herberge bat , von oben bis unten an , nahm dann Sein Pferd und führte es stillschweigend nach dem Stalle . Friedrich ging nun in die Stube hinein . Ein Frauenzimmer stand drinnen und pickte Feuer . Er bemerkte bei den Blitzen der Funken ein junges und schönes Mädchengesicht . Als sie das Licht angezündet hatte , betrachtete sie den Grafen mit einem freudigen Erstaunen , das ihr fast den Atem zu verhalten schien . Darauf ergriff sie das Licht und führte ihn , ohne ein Wort zu sagen , die Stiege hinauf in ein geräumiges Zimmer mit mehreren Betten . Sie war barfuß und Friedrich bemerkte , als sie so vor ihm herging , daß sie nur im Hemde war und den Busen fast ganz bloß hatte . Er ärgerte sich über die Frechheit bei solcher zarten Jugend . Als sie oben in der Stube waren , blieb das Mädchen stehen und sah den Grafen furchtsam an . Er hielt sie für ein verliebtes Ding . » Geh « , sagte er gutmütig , » geh schlafen , liebes Kind . « Sie sah sich nach der Türe um , dann wieder nach Friedrich . » Ach , Gott ! « sagte sie endlich , legte die Hand aufs Herz und ging zaudernd fort . Friedrich kam ihr Benehmen sehr sonderbar vor , denn es war ihm nicht entgangen , daß sie beim Hinausgehen an allen Gliedern zitterte . Mitternacht war schon vorbei . Friedrich war überwacht und von den verschiedenen Begegnissen viel zu sehr aufgeregt , um schlafen zu können . Er setzte sich ans offene Fenster . Das Wasser rauschte unten über ein Wehr . Der Mond blickte seltsam und unheimlich aus dunkeln Wolken , die schnell über den Himmel flogen . Er sang : » Er reitet nachts auf einem braunen Roß , Er reitet vorüber an manchem Schloß : Schlaf droben , mein Kind , bis der Tag erscheint , Die finstre Nacht ist des Menschen Feind ! Er reitet vorüber an einem Teich , Da stehet ein schönes Mädchen bleich Und singt , ihr Hemdlein flattert im Wind , Vorüber , vorüber , mir graut vor dem Kind ! Er reitet vorüber an einem Fluß , Da ruft ihm der Wassermann seinen Gruß , Taucht wieder unter dann mit Gesaus , Und stille wird ' s über dem kühlen Haus . Wann Tag und Nacht in verworrenem Streit , Schon Hähne krähen in Dörfern weit , Da schauert sein Roß und wühlet hinab , Scharret ihm schnaubend sein eigenes Grab . « Er mochte ungefähr so eine Stunde gesessen haben , als der große Hund unten im Hofe ein paarmal anschlug . Bald darauf kam es ihm vor , als hörte er draußen mehrere Stimmen . Er horchte hinaus , aber alles war wieder still . Eine Unruhe bemächtigte sich seiner , er stand vom Fenster auf , untersuchte seine geladenen Taschenpistolen und legte seinen Reisesäbel auf den Tisch . In diesem Augenblicke ging auch die Tür auf , und mehrere wilde Männer traten herein . Sie blieben erschrocken stehen , da sie den Grafen wach fanden . Er erkannte sogleich die fürchterlichen Gesichter aus der Waldschenke und seinen Hauswirt , den langen Müller , mitten unter ihnen . Dieser faßte sich zuerst und drückte unversehens eine Pistol nach ihm ab . Die Kugel prellte neben seinem Kopfe an die Mauer . » Falsch gezielt , heimtückischer Hund « , schrie der Graf außer sich vor Zorn und schoß den Kerl durchs Hirn . Darauf ergriff er seinen Säbel , stürzte sich in den Haufen hinein und warf die Räuber , rechts und links mit in die Augen gedrücktem Hute um sich herumhauend , die Stiege hinunter . Mitten in dem Gemetzel glaubte er das schöne Müllermädchen wiederzusehen . Sie hatte selber ein Schwert in der Hand , mit dem sie sich hochherzig , den Grafen verteidigend , zwischen die Verräter warf . Unten an der Stiege endlich , da alles , was noch laufen konnte , Reißaus genommen hatte , sank er , von vielen Wunden und Blutverluste ermattet , ohne Bewußtsein nieder . Drittes Kapitel Als Friedrich wieder das erstemal die Augen aufschlug und mit gesunden Sinnen in der Welt umherschauen konnte , erblickte er sich in einem unbekannten , schönen und reichen Zimmer . Die Morgensonne schien auf die seidenen Vorhänge seines Bettes ; sein Kopf war verbunden . Zu den Füßen des Bettes knieete ein schöner Knabe , der den Kopf auf beide Arme an das Bett gelehnt hatte , und schlief . Friedrich wußte sich in diese Verwandlungen nicht zu finden . Er sann nach , was mit ihm vorgegangen war . Aber nur die fürchterliche Nacht in der Waldmühle mit ihren Mordgesichtern stand lebhaft vor ihm , alles übrige schien wie ein schwerer Traum . Verschiedene fremde Gestalten aus dieser letzten Zeit waren ihm wohl dunkel erinnerlich , aber er konnte keine unterscheiden . Nur eine einzige ungewisse Vorstellung blieb ihm lieblich getreu . Es war ihm nämlich immer vorgekommen , als hätte sich ein wunderschönes Engelsbild über ihn geneigt , so daß ihn die langen , reichen Locken rings umgaben , und die Worte , die es sprach , flogen wie Musik über ihn weg . Da er sich nun recht leicht und neugestärkt spürte , stieg er aus dem Bette und trat ans Fenster