Hoffmann , E. T. A. Die Elixiere des Teufels www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . E. T. A. Hoffmann Die Elixiere des Teufels Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus , eines Kapuziners Herausgegeben von dem Verfasser der Fantasiestücke in Callots Manier Vorwort des Herausgebers Gern möchte ich dich , günstiger Leser , unter jene dunkle Platanen führen , wo ich die seltsame Geschichte des Bruders Medardus zum ersten Male las . Du würdest dich mit mir auf dieselbe , in duftige Stauden und bunt glühende Blumen halb versteckte , steinerne Bank setzen ; du würdest so wie ich recht sehnsüchtig nach den blauen Bergen schauen , die sich in wunderlichen Gebilden hinter dem sonnichten Tal auftürmen , das am Ende des Laubganges sich vor uns ausbreitet . Aber nun wendest du dich um und erblickest kaum zwanzig Schritte hinter uns ein gotisches Gebäude , dessen Portal reich mit Statüen verziert ist . - Durch die dunklen Zweige der Platanen schauen dich Heiligenbilder recht mit klaren lebendigen Augen an ; es sind die frischen Freskogemälde , die auf der breiten Mauer prangen . - Die Sonne steht glutrot auf dem Gebirge , der Abendwind erhebt sich , überall Leben und Bewegung . Flüsternd und rauschend gehen wunderbare Stimmen durch Baum und Gebüsch : als würden sie steigend und steigend zu Gesang und Orgelklang , so tönt es von ferne herüber . Ernste Männer in weit gefalteten Gewändern wandeln , den frommen Blick emporgerichtet , schweigend durch die Laubgänge des Gartens . Sind denn die Heiligenbilder lebendig worden und herabgestiegen von den hohen Simsen ? - Dich umwehen die geheimnisvollen Schauer der wunderbaren Sagen und Legenden , die dort abgebildet , dir ist , als geschähe alles vor deinen Augen , und willig magst du daran glauben . In dieser Stimmung liesest du die Geschichte des Medardus , und wohl magst du auch dann die sonderbaren Visionen des Mönchs für mehr halten als für das regellose Spiel der erhitzten Einbildungskraft . - Da du , günstiger Leser , soeben Heiligenbilder , ein Kloster und Mönche geschaut hast , so darf ich kaum hinzufügen , daß es der herrliche Garten des Kapuzinerklosters in B. war , in den ich dich geführt hatte . Als ich mich einst in diesem Kloster einige Tage aufhielt , zeigte mir der ehrwürdige Prior die von dem Bruder Medardus nachgelassene , im Archiv aufbewahrte Papiere als eine Merkwürdigkeit , und nur mit Mühe überwand ich des Priors Bedenken , sie mir mitzuteilen . Eigentlich , meinte der Alte , hätten diese Papiere verbrannt werden sollen . - Nicht ohne Furcht , du werdest des Priors Meinung sein , gebe ich dir , günstiger Leser , nun das aus jenen Papieren geformte Buch in die Hände . Entschließest du dich aber , mit dem Medardus , als seist du sein treuer Gefährte , durch finstre Kreuzgänge und Zellen - durch die bunte - bunteste Welt zu ziehen und mit ihm das Schauerliche , Entsetzliche , Tolle , Possenhafte seines Lebens zu ertragen , so wirst du dich vielleicht an den mannigfachen Bildern der Camera obscura , die sich dir aufgetan , ergötzen . - Es kann auch kommen , daß das gestaltlos Scheinende , sowie du schärfer es ins Auge fassest , sich dir bald deutlich und rund darstellt . Du erkennst den verborgenen Keim , den ein dunkles Verhängnis gebar , und der , zur üppigen Pflanze emporgeschossen , fort und fort wuchert , in tausend Ranken , bis eine Blüte , zur Frucht reifend , allen Lebenssaft an sich zieht und den Keim selbst tötet . - Nachdem ich die Papiere des Kapuziners Medardus recht emsig durchgelesen , welches mir schwer genug wurde , da der Selige eine sehr kleine , unleserliche mönchische Handschrift geschrieben , war es mir auch , als könne das , was wir insgemein Traum und Einbildung nennen , wohl die symbolische Erkenntnis des geheimen Fadens sein , der sich durch unser Leben zieht , es festknüpfend in allen seinen Bedingungen , als sei der aber für verloren zu achten , der mit jener Erkenntnis die Kraft gewonnen glaubt , jenen Faden gewaltsam zu zerreißen und es aufzunehmen mit der dunklen Macht , die über uns gebietet . Vielleicht geht es dir , günstiger Leser , wie mir , und das wünschte ich denn aus erheblichen Gründen recht herzlich . Erster Teil Erster Abschnitt Die Jahre der Kindheit und das Klosterleben Nie hat mir meine Mutter gesagt , in welchen Verhältnissen mein Vater in der Welt lebte ; rufe ich mir aber alles das ins Gedächtnis zurück , was sie mir schon in meiner frühesten Jugend von ihm erzählte , so muß ich wohl glauben , daß es ein mit tiefen Kenntnissen begabter lebenskluger Mann war . Eben aus diesen Erzählungen und einzelnen Äußerungen meiner Mutter über ihr früheres Leben , die mir erst später verständlich worden , weiß ich , daß meine Eltern von einem bequemen Leben , welches sie im Besitz vieles Reichtums führten , herabsanken in die drückendste bitterste Armut , und daß mein Vater , einst durch den Satan verlockt zum verruchten Frevel , eine Todsünde beging , die er , als ihn in späten Jahren die Gnade Gottes erleuchtete , abbüßen wollte auf einer Pilgerreise nach der heiligen Linde im weit entfernten kalten Preußen . - Auf der beschwerlichen Wanderung dahin fühlte meine Mutter nach mehreren Jahren der Ehe zum erstenmal , daß diese nicht unfruchtbar bleiben würde , wie mein Vater befürchtet , und seiner Dürftigkeit unerachtet war er hoch erfreut , weil nun eine Vision in Erfüllung gehen sollte , in welcher ihm der heilige Bernardus Trost und Vergebung der Sünde durch die Geburt eines Sohnes zugesichert hatte . In der heiligen Linde erkrankte mein Vater , und je weniger er die vorgeschriebenen beschwerlichen Andachtsübungen seiner Schwäche unerachtet aussetzen wollte , desto mehr nahm das Übel überhand ; er starb entsündigt und getröstet in demselben Augenblick , als ich geboren wurde . - Mit dem ersten Bewußtsein dämmern in mir die lieblichen Bilder von dem Kloster und von der herrlichen Kirche in der heiligen Linde auf . Mich umrauscht noch der dunkle Wald - mich umduften noch die üppig aufgekeimten Gräser , die bunten Blumen , die meine Wiege waren . Kein giftiges Tier , kein schädliches Insekt nistet in dem Heiligtum der Gebenedeiten ; nicht das Sumsen einer Fliege , nicht das Zirpen des Heimchens unterbricht die heilige Stille , in der nur die frommen Gesänge der Priester erhallen , die , mit den Pilgern goldne Rauchfässer schwingend , aus denen der Duft des Weihrauchopfers emporsteigt , in langen Zügen daherziehen . Noch sehe ich mitten in der Kirche den mit Silber überzogenen Stamm der Linde , auf welche die Engel das wundertätige Bild der heiligen Jungfrau niedersetzten . Noch lächeln mich die bunten Gestalten der Engel - der Heiligen - von den Wänden , von der Decke der Kirche an ! - Die Erzählungen meiner Mutter von dem wundervollen Kloster , wo ihrem tiefsten Schmerz gnadenreicher Trost zuteil wurde , sind so in mein Innres gedrungen , daß ich alles selbst gesehen , selbst erfahren zu haben glaube , unerachtet es unmöglich ist , daß meine Erinnerung so weit hinausreicht , da meine Mutter nach anderthalb Jahren die heilige Stätte verließ . - So ist es mir , als hätte ich selbst einmal in der öden Kirche die wunderbare Gestalt eines ernsten Mannes gesehen , und es sei eben der fremde Maler gewesen , der in uralter Zeit , als eben die Kirche gebaut , erschien , dessen Sprache niemand verstehen konnte und der mit kunstgeübter Hand in gar kurzer Zeit die Kirche auf das herrlichste ausmalte , dann aber , als er fertig worden , wieder verschwand . - So gedenke ich ferner noch eines alten fremdartig gekleideten Pilgers mit langem grauen Barte , der mich oft auf den Armen umhertrug , im Walde allerlei bunte Moose und Steine suchte und mit mir spielte ; unerachtet ich gewiß glaube , daß nur aus der Beschreibung meiner Mutter sich im Innern sein lebhaftes Bild erzeugt hat . Er brachte einmal einen fremden wunderschönen Knaben mit , der mit mir von gleichem Alter war . Uns herzend und küssend , saßen wir im Grase , ich schenkte ihm alle meine bunten Steine , und er wußte damit allerlei Figuren auf dem Erdboden zu ordnen , aber immer bildete sich daraus zuletzt die Gestalt des Kreuzes . Meine Mutter saß neben uns auf einer steinernen Bank , und der Alte schaute , hinter ihr stehend , mit mildem Ernst unsern kindischen Spielen zu . Da traten einige Jünglinge aus dem Gebüsch , die , nach ihrer Kleidung und nach ihrem ganzen Wesen zu urteilen , wohl nur aus Neugierde und Schaulust nach der heiligen Linde gekommen waren . Einer von ihnen rief , indem er uns gewahr wurde , lachend : » Sieh da ! eine heilige Familie , das ist etwas für meine Mappe ! « - Er zog wirklich Papier und Krayon hervor und schickte sich an uns zu zeichnen , da erhob der alte Pilger sein Haupt und rief zornig : » Elender Spötter , du willst ein Künstler sein , und in deinem Innern brannte nie die Flamme des Glaubens und der Liebe ; aber deine Werke werden tot und starr bleiben wie du selbst , und du wirst wie ein Verstoßener in einsamer Leere verzweifeln und untergehen in deiner eignen Armseligkeit . « - Die Jünglinge eilten bestürzt von dannen . - Der alte Pilger sagte zu meiner Mutter : » Ich habe Euch heute ein wunderbares Kind gebracht , damit es in Euerm Sohn den Funken der Liebe entzünde , aber ich muß es wieder von Euch nehmen , und Ihr werdet es wohl sowie mich selbst nicht mehr schauen . Euer Sohn ist mit vielen Gaben herrlich ausgestattet , aber die Sünde des Vaters kocht und gärt in seinem Blute , er kann jedoch sich zum wackern Kämpen für den Glauben aufschwingen , lasset ihn geistlich werden ! « - Meine Mutter konnte nicht genug sagen , welchen tiefen unauslöschlichen Eindruck die Worte des Pilgers auf sie gemacht hatten ; sie beschloß aber demunerachtet , meiner Neigung durchaus keinen Zwang anzutun , sondern ruhig abzuwarten , was das Geschick über mich verhängen und wozu es mich leiten würde , da sie an irgend eine andere höhere Erziehung , als die sie selbst mir zu geben imstande war , nicht denken konnte . - Meine Erinnerungen aus deutlicher , selbst gemachter Erfahrung heben von dem Zeitpunkt an , als meine Mutter auf der Heimreise in das Zisterzienser Nonnenkloster gekommen war , dessen gefürstete Äbtissin , die meinen Vater gekannt hatte , sie freundlich aufnahm . Die Zeit von jener Begebenheit mit dem alten Pilger , welche ich in der Tat aus eigner Anschauung weiß , so daß sie meine Mutter nur rücksichts der Reden des Malers und des alten Pilgers ergänzt hat , bis zu dem Moment , als mich meine Mutter zum erstenmal zur Äbtissin brachte , macht eine völlige Lücke : nicht die leiseste Ahnung ist mir davon übrig geblieben . Ich finde mich erst wieder , als die Mutter meinen Anzug , soviel es ihr nur möglich war , besserte und ordnete . Sie hatte neue Bänder in der Stadt gekauft , sie verschnitt mein wildverwachsnes Haar , sie putzte mich mit aller Mühe und schärfte mir dabei ein , mich ja recht fromm und artig bei der Frau Äbtissin zu betragen . Endlich stieg ich an der Hand meiner Mutter die breiten steinernen Treppen herauf und trat in das hohe , gewölbte , mit heiligen Bildern ausgeschmückte Gemach , in dem wir die Fürstin fanden . Es war eine große , majestätische schöne Frau , der die Ordenstracht eine Ehrfurcht einflößende Würde gab . Sie sah mich mit einem ernsten , bis ins Innerste dringenden Blick an und frug : » Ist das Euer Sohn ? « - Ihre Stimme , ihr ganzes Ansehn - selbst die fremde Umgebung , das hohe Gemach , die Bilder , alles wirkte so auf mich , daß ich , von dem Gefühl eines inneren Grauens ergriffen , bitterlich zu weinen anfing . Da sprach die Fürstin , indem sie mich milder und gütiger anblickte : » Was ist dir , Kleiner , fürchtest du dich vor mir ? - Wie heißt Euer Sohn , liebe Frau ? « - » Franz « , erwiderte meine Mutter , da rief die Fürstin mit der tiefsten Wehmut : » Franziskus ! « und hob mich auf und drückte mich heftig an sich , aber in dem Augenblick preßte mir ein jäher Schmerz , den ich am Halse fühlte , einen starken Schrei aus , so daß die Fürstin erschrocken mich losließ und die durch mein Betragen ganz bestürzt gewordene Mutter auf mich zusprang , um nur gleich mich fortzuführen . Die Fürstin ließ das nicht zu : es fand sich , daß das diamantne Kreuz , welches die Fürstin auf der Brust trug , mich , indem sie heftig mich an sich drückte , am Halse so stark beschädigt hatte , daß die Stelle ganz rot und mit Blut unterlaufen war . » Armer Franz , « sprach die Fürstin , » ich habe dir weh getan , aber wir wollen doch noch gute Freunde werden . « - Eine Schwester brachte Zuckerwerk und süßen Wein , ich ließ mich , jetzt schon dreister geworden , nicht lange nötigen , sondern naschte tapfer von den Süßigkeiten , die mir die holde Frau , welche sich gesetzt und mich auf den Schoß genommen hatte , selbst in den Mund steckte . Als ich einige Tropfen des süßen Getränks , das mir bis jetzt ganz unbekannt gewesen , gekostet , kehrte mein munterer Sinn , die besondere Lebendigkeit , die nach meiner Mutter Zeugnis von meiner frühsten Jugend mir eigen war , zurück . Ich lachte und schwatzte zum größten Vergnügen der Äbtissin und der Schwester , die im Zimmer geblieben . Noch ist es mir unerklärlich , wie meine Mutter darauf verfiel , mich aufzufordern , der Fürstin von den schönen herrlichen Dingen meines Geburtsortes zu erzählen , und ich , wie von einer höheren Macht inspiriert , ihr die schönen Bilder des fremden unbekannten Malers so lebendig , als habe ich sie im tiefsten Geiste aufgefaßt , beschreiben konnte . Dabei ging ich ganz ein in die herrlichen Geschichten der Heiligen , als sei ich mit allen Schriften der Kirche schon bekannt und vertraut geworden . Die Fürstin , selbst meine Mutter , blickten mich voll Erstaunen an , aber je mehr ich sprach , desto höher stieg meine Begeisterung , und als mich endlich die Fürstin frug : » Sage mir , liebes Kind , woher weißt du denn das alles ? « - da antwortete ich , ohne mich einen Augenblick zu besinnen , daß der schöne wunderbare Knabe , den einst ein fremder Pilgersmann mitgebracht hätte , mir alle Bilder in der Kirche erklärt , ja selbst noch manches Bild mit bunten Steinen gemalt und mir nicht allein den Sinn davon gelöset , sondern auch viele andere heilige Geschichten erzählt hätte . - Man läutete zur Vesper , die Schwester hatte eine Menge Zuckerwerk in eine Tüte gepackt , die sie mir gab und die ich voller Vergnügen einsteckte . Die Äbtissin stand auf und sagte zu meiner Mutter : » Ich sehe Euern Sohn als meinen Zögling an , liebe Frau , und will von nun an für ihn sorgen . « Meine Mutter konnte vor Wehmut nicht sprechen , sie küßte , heiße Tränen vergießend , die Hände der Fürstin . Schon wollten wir zur Tür hinaustreten , als die Fürstin uns nachkam , mich nochmals aufhob , sorgfältig das Kreuz beiseite schiebend , mich an sich drückte und heftig weinend , so daß die heißen Tropfen auf meine Stirne fielen , ausrief : » Franziskus ! - Bleibe fromm und gut ! « - Ich war im Innersten bewegt und mußte auch weinen , ohne eigentlich zu wissen warum . - Durch die Unterstützung der Äbtissin gewann der kleine Haushalt meiner Mutter , die unfern dem Kloster in einer kleinen Meierei wohnte , bald ein besseres Ansehen . Die Not hatte ein Ende , ich ging besser gekleidet und genoß den Unterricht des Pfarrers , dem ich zugleich , wenn er in der Klosterkirche das Amt hielt , als Chorknabe diente . - Wie umfängt mich noch wie ein seliger Traum die Erinnerung an jene glückliche Jugendzeit ! - Ach , wie ein fernes heiliges Land , wo die Freude wohnt und die ungetrübte Heiterkeit des kindlichen unbefangenen Sinnes , liegt die Heimat weit , weit hinter mir , aber wenn ich zurückblicke , da gähnt mir die Kluft entgegen , die mich auf ewig von ihr geschieden . Von heißer Sehnsucht ergriffen , trachte ich immer mehr und mehr , die Geliebten zu erkennen , die ich drüben , wie im Purpurschimmer des Frührots wandelnd , erblicke , ich wähne ihre holden Stimmen zu vernehmen . Ach ! - gibt es denn eine Kluft , über die die Liebe mit starkem Fittich sich nicht hinwegschwingen könnte ? Was ist für die Liebe der Raum , die Zeit ! - Lebt sie nicht im Gedanken , und kennt der denn ein Maß ? - Aber finstre Gestalten steigen auf , und immer dichter und dichter sich zusammendrängend , immer enger und enger mich einschließend , versperren sie die Aussicht und befangen meinen Sinn mit den Drangsalen der Gegenwart , daß selbst die Sehnsucht , welche mich mit namenlosem wonnevollem Schmerz erfüllte , nun zu tötender heilloser Qual wird ! - Der Pfarrer war die Güte selbst , er wußte meinen lebhaften Geist zu fesseln , er wußte seinen Unterricht so nach meiner Sinnesart zu formen , daß ich Freude daran fand und schnelle Fortschritte machte . - Meine Mutter liebte ich über alles , aber die Fürstin verehrte ich wie eine Heilige , und es war ein feierlicher Tag für mich , wenn ich sie sehen durfte . Jedesmal nahm ich mir vor , mit den neuerworbenen Kenntnissen recht vor ihr zu leuchten , aber wenn sie kam , wenn sie freundlich mich anredete , da konnte ich kaum ein Wort herausbringen , ich mochte nur sie anschauen , nur sie hören . Jedes ihrer Worte blieb tief in meiner Seele zurück , noch den ganzen Tag über , wenn ich sie gesprochen , befand ich mich in wunderbarer feierlicher Stimmung , und ihre Gestalt begleitete mich auf den Spaziergängen , die ich dann besuchte . - Welches namenlose Gefühl durchbebte mich , wenn ich , das Rauchfaß schwingend , am Hochaltare stand , und nun die Töne der Orgel von dem Chore herabströmten und , wie zur brausenden Flut anschwellend , mich fortrissen - wenn ich dann in dem Hymnus ihre Stimme erkannte , die wie ein leuchtender Strahl zu mir herabdrang und mein Inneres mit den Ahnungen des Höchsten - des Heiligsten erfüllte . Aber der herrlichste Tag , auf den ich mich wochenlang freute , ja , an den ich niemals ohne inneres Entzücken denken konnte , war das Fest des heiligen Bernardus , welches , da er der Heilige der Zisterzienser ist , im Kloster durch einen großen Ablaß auf das feierlichste begangen wurde . Schon den Tag vorher strömten aus der benachbarten Stadt sowie aus der ganzen umliegenden Gegend eine Menge Menschen herbei und lagerten sich auf der großen blumichten Wiese , die sich an das Kloster schloß , so daß das frohe Getümmel Tag und Nacht nicht aufhörte . Ich erinnere mich nicht , daß die Witterung in der günstigen Jahreszeit ( der Bernardustag fällt in den August ) dem Feste jemals ungünstig gewesen sein sollte . In bunter Mischung sah man hier andächtige Pilger , Hymnen singend , daherwandeln , dort Bauerbursche sich mit den geputzten Dirnen jubelnd umhertummeln - Geistliche , die in frommer Betrachtung , die Hände andächtig gefaltet , in die Wolken schauen - Bürgerfamilien im Grase gelagert , die die hochgefüllten Speisekörbe auspacken und ihr Mahl verzehren . Lustiger Gesang , fromme Lieder , die inbrünstigen Seufzer der Büßenden , das Gelächter der Fröhlichen , Klagen , Jauchzen , Jubel , Scherze , Gebet erfüllen wie in wunderbarem , betäubendem Konzert die Lüfte ! - Aber sowie die Glocke des Klosters anschlägt , verhallt das Getöse plötzlich - soweit das Auge nur reicht , ist alles , in dichte Reihen gedrängt , auf die Knie gesunken , und nur das dumpfe Murmeln des Gebets unterbricht die heilige Stille . Der letzte Schlag der Glocke tönt aus , die bunte Menge strömt wieder durcheinander , und aufs neue erschallt der minutenlang unterbrochene Jubel . - Der Bischof selbst , welcher in der benachbarten Stadt residiert , hielt an dem Bernardustage in der Kirche des Klosters , bedient von der untern Geistlichkeit des Hochstifts , das feierliche Hochamt , und seine Kapelle führte auf einer Tribüne , die man zur Seite des Hochaltars errichtet und mit reicher , seltener Hautelisse behängt hatte , die Musik aus . - Noch jetzt sind die Empfindungen , die damals meine Brust durchbebten , nicht erstorben , sie leben auf in jugendlicher Frische , wenn ich mein Gemüt ganz zuwende jener seligen Zeit , die nur zu schnell verschwunden . Ich gedenke lebhaft eines Gloria , welches mehrmals ausgeführt wurde , da die Fürstin eben diese Komposition vor allen andern liebte . - Wenn der Bischof das Gloria intoniert hatte und nun die mächtigen Töne des Chors daher brausten : Gloria in excelsis deo ! - war es nicht , als öffne sich die Wolkenglorie über dem Hochaltar ? - ja , als erglühten durch ein göttliches Wunder die gemalten Cherubim und Seraphim zum Leben und regten und bewegten die starken Fittiche und schwebten auf und nieder , Gott lobpreisend mit Gesang und wunderbarem Saitenspiel ? - Ich versank in das hinbrütende Staunen der begeisterten Andacht , die mich durch glänzende Wolken in das ferne bekannte , heimatliche Land trug , und in dem duftenden Walde ertönten die holden Engelsstimmen , und der wunderbare Knabe trat wie aus hohen Lilienbüschen mir entgegen und frug mich lächelnd : » Wo warst du denn so lange , Franziskus ? - ich habe viele schöne bunte Blumen , die will ich dir alle schenken , wenn du bei mir bleibst und mich liebst immerdar . « - Nach dem Hochamt hielten die Nonnen unter dem Vortritt der Äbtissin , die mit der Inful geschmückt war und den silbernen Hirtenstab trug , eine feierliche Prozession durch die Gänge des Klosters und durch die Kirche . Welche Heiligkeit , welche Würde , welche überirdische Größe strahlte aus jedem Blick der herrlichen Frau , leitete jede ihrer Bewegungen ! Es war die triumphierende Kirche selbst , die dem frommen gläubigen Volke Gnade und Segen verhieß . Ich hätte mich vor ihr in den Staub werfen mögen , wenn ihr Blick zufällig auf mich fiel . - Nach beendigtem Gottesdienst wurde die Geistlichkeit sowie die Kapelle des Bischofs in einem großen Saal des Klosters bewirtet . Mehrere Freunde des Klosters , Offizianten , Kaufleute aus der Stadt , nahmen an dem Mahle teil , und ich durfte , weil mich der Konzertmeister des Bischofs liebgewonnen und gern sich mit mir zu schaffen machte , auch dabei sein . Hatte sich erst mein Innres , von heiliger Andacht durchglüht , ganz dem Überirdischen zugewendet , so trat jetzt das frohe Leben auf mich ein und umfing mich mit seinen bunten Bildern . Allerlei lustige Erzählungen , Späße und Schwänke wechselten unter dem lauten Gelächter der Gäste , wobei die Flaschen fleißig geleert wurden , bis der Abend hereinbrach und die Wagen zur Heimfahrt bereitstanden . Sechzehn Jahre war ich alt geworden , als der Pfarrer erklärte , daß ich nun vorbereitet genug sei , die höheren theologischen Studien in dem Seminar der benachbarten Stadt zu beginnen : ich hatte mich nämlich ganz für den geistlichen Stand entschieden , und dies erfüllte meine Mutter mit der innigsten Freude , da sie hiedurch die geheimnisvollen Andeutungen des Pilgers , die in gewisser Art mit der merkwürdigen , mir unbekannten Vision meines Vaters in Verbindung stehen sollten , erklärt und erfüllt sah . Durch meinen Entschluß glaubte sie erst die Seele meines Vaters entsühnt und von der Qual ewiger Verdammnis errettet . Auch die Fürstin , die ich jetzt nur im Sprachzimmer sehen konnte , billigte höchlich mein Vorhaben und wiederholte ihr Versprechen , mich bis zur Erlangung einer geistlichen Würde mit allem Nötigen zu unterstützen . Unerachtet die Stadt so nahe lag , daß man von dem Kloster aus die Türme sehen konnte , und nur irgend rüstige Fußgänger von dort her die heitre , anmutige Gegend des Klosters zu ihren Spaziergängen wählten , so wurde mir doch der Abschied von meiner guten Mutter , von der herrlichen Frau , die ich so tief im Gemüte verehrte , sowie von meinem guten Lehrer recht schwer . Es ist ja auch gewiß , daß dem Schmerz der Trennung jede Spanne außerhalb dem Kreise der Lieben der weitesten Entfernung gleich dünkt ! - Die Fürstin war auf besondere Weise bewegt , ihre Stimme zitterte vor Wehmut , als sie noch salbungsvolle Worte der Ermahnung sprach . Sie schenkte mir einen zierlichen Rosenkranz und ein kleines Gebetbuch mit sauber illuminierten Bildern . Dann gab sie mir noch ein Empfehlungsschreiben an den Prior des Kapuzinerklosters in der Stadt , den sie mir empfahl gleich aufzusuchen , da er mir in allem mit Rat und Tat eifrigst beistehen werde . Gewiß gibt es nicht so leicht eine anmutigere Gegend , als diejenige ist , in welcher das Kapuzinerkloster dicht vor der Stadt liegt . Der herrliche Klostergarten mit der Aussicht in die Gebirge hinein schien mir jedesmal , wenn ich in den langen Alleen wandelte und bald bei dieser , bald bei jener üppigen Baumgruppe stehen blieb , in neuer Schönheit zu erglänzen . - Gerade in diesem Garten traf ich den Prior Leonardus , als ich zum erstenmal das Kloster besuchte , um mein Empfehlungsschreiben von der Äbtissin abzugeben . - Die dem Prior eigne Freundlichkeit wurde noch erhöht , als er den Brief las , und er wußte so viel Anziehendes von der herrlichen Frau , die er schon in frühen Jahren in Rom kennen gelernt , zu sagen , daß er schon dadurch im ersten Augenblick mich ganz an sich zog . Er war von den Brüdern umgeben , und man durchblickte bald das ganze Verhältnis des Priors mit den Mönchen , die ganze klösterliche Einrichtung und Lebensweise : die Ruhe und Heiterkeit des Geistes , welche sich in dem Äußerlichen des Priors deutlich aussprach , verbreitete sich über alle Brüder . Man sah nirgends eine Spur des Mißmuts oder jener feindlichen , ins Innere zehrenden Verschlossenheit , die man sonst wohl auf den Gesichtern der Mönche wahrnimmt . Unerachtet der strengen Ordensregel waren die Andachtsübungen dem Prior Leonardus mehr Bedürfnis des dem Himmlischen zugewandten Geistes , als asketische Buße für die der menschlichen Natur anklebende Sünde , und er wußte diesen Sinn der Andacht so in den Brüdern zu entzünden , daß sich über alles , was sie tun mußten , um der Regel zu genügen , eine Heiterkeit und Gemütlichkeit ergoß , die in der Tat ein höheres Sein in der irdischen Beengtheit erzeugte . - Selbst eine gewisse schickliche Verbindung mit der Welt wußte der Prior Leonardus herzustellen , die für die Brüder nicht anders als heilsam sein konnte . Reichliche Spenden , die von allen Seiten dem allgemein hochgeachteten Kloster dargebracht wurden , machten es möglich , an gewissen Tagen die Freunde und Beschützer des Klosters in dem Refektorium zu bewirten . Dann wurde in der Mitte des Speisesaals eine lange Tafel gedeckt , an deren oberem Ende der Prior Leonardus bei den Gästen saß . Die Brüder blieben an der schmalen , der Wand entlang stehenden Tafel und bedienten sich ihres einfachen Geschirres , der Regel gemäß , während an der Gasttafel alles sauber und zierlich mit Porzellan und Glas besetzt war . Der Koch des Klosters wußte vorzüglich auf eine leckere Art Fastenspeisen zuzubereiten , die den Gästen gar wohl schmeckten . Die Gäste sorgten für den Wein , und so waren die Mahle im Kapuzinerkloster ein freundliches , gemütliches Zusammentreten des Profanen mit dem Geistlichen , welches in wechselseitiger Rückwirkung für das Leben nicht ohne Nutzen sein konnte . Denn indem die im weltlichen Treiben Befangenen hinaustraten und eingingen in die Mauern , wo alles das ihrem Tun schnurstracks entgegengesetzte Leben der Geistlichen verkündet , mußten sie , von manchem Funken , der in ihre Seele fiel , aufgeregt , eingestehen , daß auch wohl auf andere Wege , als auf dem , den sie eingeschlagen , Ruhe und Glück zu finden sei , ja , daß vielleicht der Geist , je mehr er sich über das Irdische erhebe , dem Menschen schon hienieden ein höheres Sein bereiten könne . Dagegen gewannen die Mönche an Lebensumsicht und Weisheit , da die Kunde , welche sie von dem Tun und Treiben der bunten Welt außerhalb ihrer Mauern erhielten , in ihnen Betrachtungen mancherlei Art erweckte . Ohne dem Irdischen einen falschen Wert zu verleihen , mußten sie in der verschiedenen , aus dem Innern bestimmten Lebensweise der Menschen die Notwendigkeit einer solchen Strahlenbrechung des geistigen Prinzips , ohne welche alles farb- und glanzlos geblieben wäre , anerkennen . Über alle hocherhaben rücksichts der geistigen und