Fouqué , Caroline de la Motte Der Spanier und der Freiwillige in Paris www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Caroline de la Motte Fouqué Der Spanier und der Freiwillige in Paris Eine Geschichte aus dem heiligen Kriege Erstes Kapitel Die große metallene Wanduhr schlug unter langen schnarrenden Absätzen zehn . Die junge Blansche sprang unruhig auf , schob den schweren , verblichenen Sammetsessel an die Seite und trat zu ihrer Mutter . Diese schrieb unter häufigen Thränen in schnellen , flüchtigen Zügen eilig fort , und ohne aufzusehen , fuhr sie schmeichelnd mit der flachen Hand über das zarte Gesichtchen der Tochter . Doch plötzlich von den eignen , niedergeschriebenen Worten überwältigt , warf sie sich an ihres Kindes Brust , und rief unter lautem , ungehemmten Schluchzen : Gott , mein Gott , die Freude ist gewaltiger als der Schmerz ! wie soll ich es denn ertragen , meinen rechtmäßigen König , die Tochter meiner unglücklichen Königin wiederzusehen ! Blansche , liebes , liebes Kind , die Vorsehung schenkt uns die Bourbons wieder ! Träume ich auch wirklich nicht ? ist es denn wahr ? Frau von Saint Alban hatte die Hände gefalten , und sah , gleichsam über das Unbegreifliche nachsinnend , in unaussprechlichem Entzücken gen Himmel . Blansche kniete vor ihr , und von den Thränen der Mutter aufs tiefste erschüttert , weinte sie still in ihr Tuch . Beide hielten sich eine Zeit lang fest umschlungen , dem Glück der nächsten Gegenwart voll Theilnahme und Vertrauen hingegeben , als der alte Kammerdiener eintrat und sein Erscheinen ihnen sagte , daß der unruhig erwartete Augenblick nun gekommen sei . Frau von Saint Alban sah gerührt auf den treuen Armand . Er war fein und sorgfältig gepudert , trug einen langen Rock von violetter Seide mit veralteter Stickerei , Points Manschetten und geränderte Schnallen , sein scharfes , hageres Gesicht war ernst , doch strebte er vergeblich durch feierliche Haltung und gemessene Worte die große Bewegung seiner Seele zu verbergen . Just so gekleidet , so gerührt und so förmlich war er vor sechs und zwanzig Jahren als Frau von Saint Alban dies Haus zuerst betrat , dessen schlechtere Zimmer sie zeither bescheidentlich bewohnte . Armand , sagte sie , ihm die Hand reichend , wir könnten denken , wir hätten geschlafen und wachten jetzt erst wieder auf , aber die Zeit hat entsetzlich gearbeitet , ihre Spuren schneiden schringend in die Sinne . Sie blickte fast beschämt auf die knappe , mühsam ergänzte Kleidung , auf das beschädigte , gebrechliche Geräth , die abgesprungene Vergoldung , und den langen , eingelegten Spiegel , der ihr das Bild der schönen Blansche so blühend und so schmucklos zurückwarf . Sich abwendend sprang sie hastig auf , wie man wohl thut , wenn eine störende Empfindung unbequem in unsere Freude hineinsieht , faltete darauf das beschriebene Blatt zusammen , siegelte und addressirte unter angenehmem Lächeln , wog dann den Brief hoffnungsvoll zwischen Daum und Zeigefinger und eilte mit kurzen , schnellen Schritten in ein Seitenzimmer . Blansche sah ihr bewegt nach . Sie wußte an wen der Brief gerichtet war , und daß er den ersten , freien , innigen Gruß der Mutter an die Herzogin von Angouleme enthielte , den mündlich auszusprechen ihr die Beschränkung ihrer Lage für den Augenblick noch verbot . Zum erstenmal lastete der Druck enger Verhältnisse peinlich auf dem kleinen Herzen , es regte sich ein wehmüthiger Streit , das Außenleben war weniger hell , sie sah mit einiger Beschämung auf sich selbst zurück , als Frau von Saint Alban mit einem Lilienzweig vor sie hintrat . Diese schwieg eine kleine Weile , ihr stockten die Worte in der Brust , sie verschluckte die Thränen , und sagte dann mit einer lieblichen , ihr eignen Neigung des Kopfes : mein armes Kind , das ist der einzige Schmuck , den ich dir geben kann , denk ' aber , das befreiete Frankreich habe ihn dir geschenkt , und trage ihn so mit Ehrfurcht und Dankbarkeit . Blansche war vor ihr hingesunken und fühlte mit Stolz die Lilie zwischen ihren blonden Locken befestigen . Frau von Saint Alban hing darauf einen Schleier über , legte ein schwarzes Sammetmäntelchen an , und die etwas vergelbten weißen Handschuh sorgfältig anziehend , gab sie der Tochter die Hand . Armand öffnete beide Flügelthüren , und eilte dann in schicklicher Entfernung voraus an den Schlag eines bescheidenen Miethswagens . Den einen Fuß auf dem Tritt , wandte sich Frau von Saint Alban noch einmal , Gott ! sagte sie , Freude wie Schmerz pressen die Brust ängstlich zusammen , und jeder Entscheidung , der glücklichen wie der unglücklichen , geht eine erstickende Beklommenheit voran . Als nun der Schlag zufiel und der Kutscher sich fragend umwandte , sagte sie : nach der Kathedrale ! ich will meinen König betend vor Gottes Thron begrüßen . Zweites Kapitel Der Wagen fuhr langsam durch die gedrängten Straßen . Jeden Augenblick stockte die ungeheure , immer aufschwellendere Menschenmasse . Cabriolets und Kutschen , Truppenabtheilungen , feierliche Aufzüge , alles gerieth verwirrend aneinander , das Geläute der Glocken , die Trommeln und Pfeiffen , die Pauken und Trompeten , die schreiende , jubelnde , schwatzende Menge , die ganze wogende Stadt betäubte die arme Blansche , die zitternd neben der Mutter saß , und jedesmal mit ersticktem Schrei zusammenfuhr , wenn das Volk sich immer dichter und dichter heranpressend , den Wagen fast zu tragen schien . Frau von Saint Alban wußte nichts von allem dem , sie sahe , sie hörte alles und nichts , sie war in einem Taumel , in einer Bewegung , die das Einzelne verschlang , tausendmal ließ sie die Fenster nieder und zog sie wieder auf , sie winkte , sie grüßte Bekannte und Unbekannte , streckte die Hand zum Wagen hinaus , reichte und drückte sie dem Nächsten dem Besten , ihre ganze Seele schwamm in der Freude Frankreichs . Blansche hatte keinen Begriff von den Leidenschaften und der Veränderlichkeit der Menschen ; in ihrem Kloster , von dem sie sich seit drei Tagen zum erstenmale trennte , ging alles so sacht und eben , so grade und nothwendig zu , dort freuete man sich auch , aber anders , stiller , innerlicher , sie wußte gar nicht wie ihr hier war , sie glaubte zuletzt , der tolle Strom werde sie unbarmherzig mit fortziehn . Endlich waren sie vor der Kirche . Der Wagen hielt . Mit zitternden , wankenden Knieen traten sie in den Dom . Es waren eben noch nicht viel Menschen hier versammelt . Die Meisten trieb es nach Außen hin . Frau von Saint Alban kniete vor einem Betpult , Blansche an ihrer Seite , beide , den Kopf auf die Brust gesenkt , die Augen geschlossen , beteten unter leisen , immer wachsenden Schauern , je näher der heranrollende Freuderuf den Namen des Königs an ihr Ohr trug . Jetzt trat Ludwig der Geprüfte unter die leinene Halle . Sein würdevolles , edles Angesicht entfaltete sich heiter als er zwischen den getheilten Reihen hingetragen , nun vor dem Hochaltar , den heiligen Boden betretend , niederkniete , und das Gebetbuch aus des Erzbischofs Händen empfing . Die Wunder einer großen , unerhörten Zeit , die Gewalt göttlichen Willens , der mit dem König so sinnlich nahe trat , die tief empfundene heilige Scheu vor dem Geweiheten des Schicksals , zügelte die taumelnden Sinne . Minutenlang ward kein Athemzug gehört , Blick und Minen lagen in heiligen Banden , Blansche sahe zitternd vor sich nieder . Jetzt ward das : Domine salvum fac regem angestimmt , ihr schwindelte , sie schlug die schönen blauen Augen auf , die Kirche war gepfropft voll , die gepreßte Luft trat ihr zum Herzen , die Töne schienen in wunderbaren Gestalten an ihr hinumzuziehn , ängstlich umblickend streiften ihre Augen an einem jungen Mann vorüber , der sich nach ihr hinwandte und sie mit Theilnahme betrachtete . Die Haltung seines Kopfes war überaus edel , er hatte die Arme übereinander geschlagen und schien in jeder Bewegung gehalten . Die ganz schwarze Kleidung und das aufwärts gehobene , nach einer Seite der Stirn hingeworfene , bläulich schwarze Haar gab ihm zudem ein düster ernstes Ansehn . Blansche zitterte heftiger , die Sinne vergingen ihr , sie fühlte sich zusammensinken , als sie ein starker Arm umfaßte und sie gewandt und schnell an dem königlichen Gefolge hin , nach der Halle trug . Sie athmete tief an des fremden Mannes Brust , sah dankbar in seine dunkle melankolische Augen , und fühlte sich alsobald von ihm verlassen an der Seite einer ältlichen Frau , dem königlichen Leibarzt gegenüber , der ihr geschäftig die Schläfe mit starken Wassern rieb , und sie wohlmeinend der frischen Luft entgegenführte . Sie erholte sich bald , doch sie fühlte sich mit Bangigkeit allein unter Fremden . Sie schrie laut auf und stürzte ihrer Mutter , die sich endlich zu ihr durcharbeitete , schluchzend und mit einer Freude in die Arme , als hätten sie Jahre getrennt . An einen Pfeiler gelehnt , das Gedränge an sich vorbeilassend , erzählte Blansche in großer Bewegung ihr kleines Abentheuer , während sie Armand und den Wagen erwarteten . Die Mutter war voll Dankbarkeit , voll Ungeduld , den großmüthigen Ritter ihrer Tochter zu sehen , als Blansche rief , das ist er ! das ist er gewiß ! Frau von Saint Alban theilte die Menge , erreichte , faßte den jungen Mann - und ließ nun ihr volles Herz in reichen Wortströmen überfließen . Der Fremde dankte bescheiden , doch einsilbig und nachdem er gefragt , ob er noch nützlich sein könne , entfernte er sich unter etwas stolzer , ernster Verbeugung ; die Tochter wie die Mutter sahen ihm gedankenvoll nach und fuhren , jedes in sich beschäftigt , nach Hause . Drittes Kapitel Als Blansche am folgenden Morgen zu ihrer Mutter kam , fand sie einen ältlichen fremden Herrn , im dunkeln Frack mit dem Ludwigskreutz im Knopfloch neben ihr sitzen . Frau von Saint Alban rief , sogleich auf sie zueilend , mit unglaublicher Schnelligkeit : der Herzog , dein Oheim , liebste Blansche , der so lange Jahre mit seinem König auf fremdem , unheimathlichen Boden lebte und litt , er ist in alle seine Würden wieder eingesetzt , er liebt uns wie immer , er will unser Glück ; wir werden künftig bei einander wohnen und alles , alles Leid ist vergessen . Sie drückte die Tochter heftig an sich , und warf sich dann in großer Rührung an des Herzogs Brust . Dieser erwiederte schweigend , mit liebreichem Ernst und herzlich wohlmeinender Geberde der Schwester rasche Freude , indem er sich etwas beeilte die junge anmuthige Nichte in angebohrner Galanterie und höfisch bequemer Sitte zu begrüßen . Blansche besaß jene anmuthige Verbindlichkeit der Worte und Minen , welche schnell in ein unbefangnes Verhältniß setzt . Ihre Blödigkeit schwand sogleich vor einer tief empfundenen innern Berührung , es blitzte dann etwas von der Lebhaftigkeit der Mutter hervor , doch weniger glühend , eher wehmüthig heiter . Die große Unschuld ihres Sinnes hielt noch jeden herben Lebensstreit fern , welcher Leiden schafft und über die Gränzen vollständiger Natur hinausstreift . Doch öffnen sich die Tiefen des Daseins oft vorahndend in jungen Gemüthern , und machen das Gefühl an sich ernst und heilig in der innerlichen Erwartung naher und großer Lebenserfahrungen . Wenn daher der Oheim in ihr klares , weiches Gesichtchen wie in die Maientage seiner Jugend verjüngt zurücksah , so empfand sie ihrer Seits voll Ehrfurcht und Theilnahme bei seinem Anblick die schwere Arbeit der Zeit . Der Herzog betrachtete sie mit vergleichenden Blicken auf die Mutter , es schien , er suche die Vergangenheit in neu belebten , redenden Zeichen wieder auf . Doch ließ sich hier eben keine sonderliche Uebereinkunft finden . Frau von Saint Alban war von kleinem , zartem Bau und sehr lebendiger Gewandtheit , ihre großen , feurigen Augen beleuchteten in spielenden Blitzen ein bleiches Gesicht und überaus bewegliche , feine Züge . Ohne Unruhe oder ängstigende Ueberfülle in ihrem Wesen zu spüren , empfand man doch eine höchst empfängliche , stets mit Vielem beschäftigte Seele , ihre redende Physiognomie reflektirte das Außen- und Innenleben in ununterbrochener Berührung , und schien nur auf diesem Wege die Sicherheit der Reife erlangt zu haben . Man fühlte sich ihr gegenüber behaglich angeregt , zu Theilnahme und Mitleben getrieben . Blansche im Gegentheil war hoch und schlank , ihre stillen , edlen Züge strahlten im Frieden unangeweheter Jugendblüthe , die schwimmenden blauen Augen empfingen ihr sanftes Licht nur von der Eintracht innerer Unschuld und Güte . Der Gang , die Bewegungen waren leicht , doch leise und eben , nirgend eine Spur leidenschaftlicher Heftigkeit , und zog auch eine dunkle Frage , eine unverstandene Bangigkeit durch sie hin , so perlete wohl ein Thränchen in den Augen , aber der ruhige Einklang des holden Ganzen blieb ungestört . Man konnte sie Stundenlang sehen , empfinden , ohne sich etwas anderen als wachsender Liebe , freudiger unbekümmerter Hingebung bewußt zu werden , ihre anmuthige Nähe war durchaus beschwichtigend und heiter . Das eine schöne Kind , sagte der Herzog zur Schwester gewandt , ist dir allein noch geblieben . Ach Türgis ! mein Türgis ! rief Frau von Saint Alban aufs lebhafteste erschüttert . Alle Freude war aus den Blicken , aus der Seele plötzlich weggewischt , sie konnte sich kaum fassen und die Erinnerung über das wunde Herz hinziehen lassend , lehnte sie , das Tuch vor den Augen , den Kopf abwärts von dem Bruder , an einen Wandpfeiler . Der Herzog sahe fragend auf Blansche . Diese entgegnete leise , um die Mutter zu schonen : mein Bruder fiel ohne Zweifel in Spanien , wir haben seitdem nicht wieder von ihm gehört . Im Dienste des Tyrannen ? unterbrach sie der Herzog heftig . Blansche senkte die Augen . War das nicht zu vermeiden ? setzte er begütigend hinzu . Es giebt Verhältnisse , Herr Herzog , sagte Blansche schüchtern , die Augen noch immer nicht aufschlagend , welche das Gefühl bezwingen und uns harte Pflichten auflegen , mein Bruder hat das sehr bitter empfunden . Die Ehre , gutes Kind , erwiederte der Oheim , ist immer die erste Pflicht : Ach , seufzte Blansche , ich hörte den armen Türgis wohl sagen , in unserm unglücklichen Frankreich habe man nur die persönliche Ehre zu retten . Dem jungen redlichen Gemüthe bleibe glücklicher Weise noch der Degen sich selbst einen Weg damit zu bahnen . Der Herzog spielte , vor sich hinsehend , mit dem Stock auf den Teppich . Hm ! sagte er , halb in Gedanken , die Jugend - freilich , sie will leben - es ist ein Unterschied , man sucht eine Wirksamkeit , einen Namen , und dann die Fesseln der Zeit , alles Hohe und Große in den Staub getreten . - Ach ! rief er aufblickend , hätte er seinen König gesucht ! Bruder , sagte Frau von Saint Alban , das trübe Gesicht seitwärts nach ihm hingewandt , er hat wohl seinen Gott gefunden . Der Herzog schloß sie sehr gerührt in die Arme und äußerte sich beruhigend und liebreich über ihren gerechten Schmerz . Es gelang ihm auch bald diesen zu mildern , man kam nach und nach wieder in die vorige heitere Haltung zurück . Die kleine Erschütterung hatte sie unbewußt einander genähert , ein jedes hatte sich , vom Gefühle überrascht , unbewunden geäußert , man kannte , man schätzte sich in der bezeugten Treue fester Gesinnungen . Entstehendes Vertrauen windet unwillkührlich ein Band nach dem andern vom Herzen los , man will sich in jeder Beziehung lieb werden , und alles was im wohlbegründeten Verhältniß vielleicht unberührt liegen bliebe , tritt hervor , und macht sich Luft . Frau von Saint Alban hatte tausenderlei zu sagen und zu fragen , der Herzog seiner Seits manches aus seinem abgerissenen , zerstückelten Leben zu ergänzen . Die letzte Vergangenheit lag beiden gleich nahe . Vieles wurde von den Sorgen und der Angst , von der heftigen Bewegung geredet , welche großen Umwälzungen stets vorangeht , alles ward noch einmal durchempfunden , und so kam man auch auf heute und gestern . Frau von Saint Alban konnte den Eindruck nicht genugsam beschreiben , den der Anblick des Königs auf sie gemacht habe . Sie sagte , es sei ihr ein Zittern durch alle Glieder gegangen , die Knie habe sich von selbst gebeugt und ohne es zu wissen , hätte sie das Domine salvum fac regem mitgesungen , wobei ihr nicht anders gewesen , als rolle dumpfer Donner über ihr hin und die Erde schwinde unter ihren Füßen . Beiden Geschwistern war es zugleich unbegreiflich und höchst rührend einander unerkannt so nahe gewesen zu sein . Frau von Saint Alban wußte überall nicht viel von dem was um sie vorgegangen war und wie ihre Tochter so plötzlich von ihrer Seite kam . Sie äußerte sich über diesen letzten Vorfall mit behaglicher Liebe für Blansche und einer Art mütterlichen Triumpfs . Viel , sagte sie , gebe ich darum , den jungen Fremden noch einmal wiederzusehen , ob er gleich meinen Dank etwas frostig und spröde von sich wies . Hieran , fuhr sie fort und an den richtigen , ohne Accent , gleichwohl etwas langsam und feierlich gesprochenen Worten habe ich den Deutschen oder den Spanier erkannt . Und grade in diese beide Nationen , just weil sie uns so hassen , bin ich ganz verliebt . Es war Charakter in der Physiognomie , mein Bruder , das versichere ich dich , sehr viel Charakter , und eine Melankolie und eine Weltverachtung , die unsere Theilnahme immer anregt , wäre es auch nur um den stolzen , kalten Sinn zu bezwingen . Blansche war während dem an das Fenster getreten und knüpfte in bunten Seiden allerlei Figuren und Bilder , der schwierigen Mosaic-Arbeit gleich . Der Herzog maß lächelnd ihre schöne Gestalt , und sagte leise zur Schwester geneigt , wer weiß , ist es diesem Engel nicht aufbehalten , den freundlich feindlichen Fremden zu versöhnen ! Glaube mir , wir Franzosen brauchen solche Engel . Viertes Kapitel Frau von Saint Alban hatte recht gesehen . Der junge Mann , der ihre Dankbarkeit verdiente , ihre Theilnahme , ihren Stolz reizte , war ein Spanier , Don Alonzo de Mendoz . Seit Jahren in französischer Gefangenschaft , hatte ihn jetzt Ferdinand der Siebente in Aufträgen nach Paris gesandt . Hier lastete die Luft centnerschwer auf seiner Brust . Der plötzliche Umschwung äußerer Gestaltung konnte ihn weder mit der Gegenwart überhaupt , noch mit einer Nation versöhnen , die ihm in allen Bedingungen seines Wesens entgegenstand , die er aus persönlicher nicht ausgewaschener Ehrenkränkung , aus Grundsatz und Ueberzeugung hassen zu müssen glaubte . Alles , bis auf die unbetonte , dumpf verschwimmende Sprache war ihm an ihr in der Seele zuwider . Er hielt sich deshalb still und eingezogen , und wehrte das Außenleben von sich ab , so viel es die Natur seines Geschäftes wie seiner Stellung zu hiesiger Welt erlaubte . Zu den Kunstschätzen flüchtete er noch am liebsten . Sie ermangelten eben auch durch rohe Gewaltthat heimathlicher Uebereinkunft , und er konnte sie sich , losgerissen wie sie waren , ganz frei von aller störenden Beziehung aneignen . Unter den hohen Gebilden früherer , arbeitender Gedanken ward ihm das Herz weit , er vergaß Zeit und Ort , sich selbst , und ließ den beschwichtigenden Eindruck stiller Harmonie friedlich über sich walten . Er konnte sich so hineinsehen und empfinden , daß er , wie in völliger Einsamkeit nicht allein , wenig oder gar nicht auf solche achtete , die Neugier und Ruhmsucht , das Außerordentliche gesehen zu haben , hieher lockte , sondern auch unbewußt an Gleichfühlende vorüberging . Wie sich indeß der Mensch auch umbauen und verschanzen mag , Empfänglichkeit ohne Mittheilung wird zur drückenden Ueberfülle . Man schwelgt ungesellig , heimlich und im Dunkeln . Das Licht des antwortenden Auges fehlt . Herz und Gemüth brauchen den spiegelnden Strom der Rede , um sich klar zu werden . Unzähligemal schwebte auf Alonzos Lippe ein Laut der Bewunderung , jener staunende Ruf der Seele , die plötzlich das Geahndete erkennt . Aber er drängte ihn ängstlich in sich zurück , und erstickte fast im Uebermaaß des Entzückens . Sehr willkommen daher , wenn gleich überraschend , war es ihm , als er eines Tages einen jungen preußischen Offizier an seiner Seite vernahm , der mit gleicher Lust und Innerlichkeit aufmerksam ein vor ihnen stehendes Bild betrachtete , und das beseelte Auge langsam zu Alonzo hinwendend , ihn bequem und sicher in spanischer Sprache anredete . Alonzo ehrte die preußische Armee weit mehr als er es sagen konnte , er achtete die Ration wie die seine , und konnte nicht ohne demüthige Rührung den reinsten Heldenkönig sehen und nennen hören . Wenn er gleichwohl die ehrenwerthesten aller Kampf- und Waffengenossen auch jetzt nicht aufgesucht hatte , sich nicht von ihnen finden ließ , so lag es wohl darin , daß der Spanier wie der Deutsche niemals unaufgefordert in des Andern Weg tritt , und beide es verschmäheten die französische Sprache in diesem Augenblick zur Vermittlerin zu machen . Denn es ist natürlich und dem Menschen eigen , sich von dem mit Widerwillen abzuwenden , was man los zu werden einmal beschlossen hat . Es fiel daher jetzt jede bisherige Scheidewand vor Alonzo nieder . Hatte ihn früher die frische , fröhliche Weise der tapfern Preußen , ihre naive Wißbegier und aufmerkende Theilnahme eben so wie die abhaltende Höflichkeit ihres Benehmens erfreuet , so gelangte er hier durch die Fülle frei und kräftig gebildeter Künstlernatur , den Scharfsinn und die gemüthvollste Gewandtheit unversehens zum Einverständniß deutscher Nationalität . Wer sich eine Zeitlang vor der Welt verschlossen und alles daraus abgewehrt hat , was ihn ansprechen könnte , wird dem neu hineinfallenden Lebensstrahle um so mehr Gewalt über sich gönnen müssen . Die wohlthätige Wärme und Klarheit eines hellen Gespräches treibt Blut und Sinn und Worte zu schnellerem Lauf , ein Funke zündet den andern , es glühet von allen Seiten . Gedanken brennen zusammen , die Flamme leuchtet weit über die gewohnten Gränzen hinaus . Alonzo fühlte sich immer freier und verständlicher , sein Gefühl immer lebendiger umgetrieben , je leiser und sachter der junge Fremde ihm entgegentrat , ohne ihn gleichwohl absichtlich suchen zu wollen . Beide gingen bald von der Kunst zu dem Leben und der Gegenwart über , und in den Sälen , als der gemeinsamen Heimath , auf und ab gehend , redeten sie ohne Zwang über den gemischten und höchst wunderbaren Eindruck , den Paris unter den gegenwärtigen Zeitumständen auf sie mache . Alonzo hütete seinen Haß zu sorgfältig , um ihn in Worten zersplittern zu wollen , er äußerte sich nur im allgemeinen , daß er den ganzen Streit nicht für geschlichtet halte , so lange noch ein Einziger in dem eigenen Bewußtsein gefesselt bleibe . Er könne sich nun einmal mit der Freiheit nicht beruhigen , die ihm Andre erkämpften . Teuflische List habe ihn um die Mitwirkung betrogen und daß er das nicht rächen dürfe , hetze ihm eben das Blut durch alle Adern . Ehe gebe es auch keine Ruhe für ihn , bis dies heiße Blut auf eine oder die andere Art sich gekühlt habe . Der Deutsche war bei weitem milder . Er konnte manches Tadelnswerthe nicht in Abrede sein , gleichwohl ging er , als etwas Außerwesentlichem , nur leicht darüber hin . Ueberall betrachtete er in dem Ort nicht sowohl die Hauptstadt Frankreichs , als vielmehr den Brenn- und Scheidepunkt ungeheurer Reibungen , die sich hier sichtend , befriedigt und vollständig in die ruhige Natur ihrer Bestimmung zurücktreten müßten . Die wechselnden Berührungen so verschiedenartiger Elemente , fuhr er fort , können schon an sich nicht kalt lassen , zudem spiegeln sich die großen Ereignisse in eines jedem Dasein eigenthümlich zurück , und wenn man acht darauf hat , werden Kunst und Leben eben nicht zu kurz dabei kommen . Alonzo hatte ihn unter dem Reden aufmerksam beachtet . Es ging ein leises , weiches Minenspiel über sein jugendlich braunes Gesicht , das die Züge höchst angenehm belebte . Um den Mund vorzüglich schwebte ein feines sittiges Lächeln , in welchem sich Güte und Schalkheit wunderbar mischten . Er öffnete die Lippen nur wenig , wenn er sprach , doch ohne den Ton zu pressen , schlüpften die Worte behend , wie leichtfertige Boten darüber hin , während sich der kaum hervorgelockte Bart wie ein ernster Wolkenstreif darüber hinzog . Die Augen waren den stillen Grubenlichtern zu vergleichen , die in ihrem dunklen Glanz sicher in tiefe Schachten dringen , ohne durch flackernden Schein die Sinne zu irren . Er trug sich wohl und edel , ob er gleich weder groß noch hervorstechend gebauet war . Gestalt , Ton und Geberde , alles an ihm verkündete innere Uebereinstimmung , die in ihrer leisen , biegsamen Sicherheit nichts abwehrt und sich immer bewahrt . Es war nicht leicht möglich den bildenden Künstler in ihm zu verkennen . Auch erfuhr Alonzo bald im Laufe des Gesprächs , daß er Mahler sei , Philipp heiße und als Freiwilliger nur für die Kriegszeit Soldat geworden , jetzt in die stille Künstler-Laufbahn zurücktrete . Beide schieden darauf mit dem Versprechen , einander wieder aufzusuchen . Als nun Alonzo einen herrlichen Barber Hengst bestieg , der draußen am Thore auf ihn wartete , blieb Philipp mit untergeschlagenen Armen vor ihm stehn , und sagte lächelnd : Alonzo gebe ihm das Bild zu einem ritterlich maurischen Helden der alten Spanierwelt , auch spüre er etwas von der eifersüchtigen Gluth in seinen Augen , er wolle sich hüten , ihm in den Weg zu treten . Alonzo sah sich nicht ungern in jene Zeit zurückgewiesen , und als Philipp schalkhaft grüßend , in eine Seitengasse bog , blickte er ihm mit einer Befriedigung und einem Wohlwollen nach , wie er es lange nicht in dem Maaße empfanden hatte . In dieser erhöheten glücklichern Stimmung ritt er ganz behaglich durch den kühlen Abend hin , ohne sonderlich von dem lästigen Schwarm umher gestört zu werden . Die Nähe liebenswürdiger Menschen hebt uns immer eine Zeit lang über uns selbst hinaus , und trennen wir uns nun , so glimmt und dämmert das Herz noch eine Weile in sich fort , ohne daß wir uns gerade davon Rechenschaft geben . Wir können nicht sagen was in uns vorgeht , wir lassen das Unbekannte eben walten . Alonzo erging es nicht anders . Die duftigen , verschwimmenden Abendlichter schienen sich in seinem Innern zurückzuspiegeln , er träumte so nachempfindend fort bis ihn das ganz unerträgliche Gedränge an den Boulewards hin , alle zehn Schritt einmal zwang , seinen unruhigen schnaubenden Barber anzuhalten . Das stolze Thier warf ungeduldig den Kopf in die Höhe , und machte mahl auf mahl Mine , über alles das wegzusetzen , Alonzo mußte in einem Strafen und Zügeln bleiben . In diesem unbequemen Geschäft ärgerte ihn so viel zwecklose Beweglichkeit , das heisere Durcheinanderschreien , die Fremden , die sich nach dem Größterlebten in eingefleischtem Vorurtheil , zu dem Unbedeutenden drängen konnten , die vergiftende Thorheit , der Schmutz , die Sünde doppelt und dreifach , und er würde es dem Barber just eben nicht verdacht haben , wenn er den Boden aufwühlend all der geschäftigen Verdorbenheit ihr Grab gegraben hätte . Im höchsten Unwillen hielt er hart an einem kürzlich eingeäscherten Hause . Tanzende Affen , Leierkasten , Marionetten , Sträußermädgen und Betteln der Invaliden , Hundecomedien und Vaudeville-Sänger , alles schwirrte , gaukelte und preßte sich an ihm hin . Auf einem niedergebrannten Pfeiler dicht neben ihm saß ein braunes Mädgen von zartem Alter in knappem blauen Kattunhemd und drüber hingeworfenem dunkeln Mantel , dessen Risse und Schlitzen und abgetragene Wolle eine weitläuftig überkommene Erbschaft verriethen . Neben ihr kauerte sich ein altes , dürres Mütterchen fröstelnd zusammen , die blinden Augen in der Kleinen Schoos gedrückt . Diese sang in demselben leiernden Ton , die gefaltenen Hände von Zeit zu Zeit mit auswendig gelernter , zur Gewohnheit gewordener Geberde gen Himmel hebend ; um Gottes und des Heilands Liebe willen , für eine arme Blinde ein paar Sous . Alonzo warf ihr Geld hin ! Das Kind stand auf und verneigte sich , indem sie ihr : Herr , Gott wird es Ihnen vergelten : eben so nothwendig , eben so eintönig wie die frühern Worte hersagte . Die Alte aber , vom Klange des Geldes aufgeweckt , richtete sich in die Höhe und mit den geschlossenen Augen mühsam zu Alonzo hinaufblinzelnd , rief sie : das schönste Herz Frankreichs wird so viel Großmuth lohnen . - Alonzo schauerte zurück , theils vor dem gespenstischem Anblick des Weibes , theils vor der unwillkommenen Prophezeihung . Er wandte sich mit einiger Heftigkeit , doch die Blinde reckte sich , auf den Schultern des Mädgens gestützt , zu ihm hin , indem sie sagte : Bereuen Sie es ja nicht , wenn es Sie übereilte , es ist auch zu Ihrem Glück . Alonzo glaubte , sie fasele , er wußte im Grunde nicht recht was sie wolle , das eben ängstete ihn . Er spornte sein Pferd an und theilte in ein paar wilden Galoppsprüngen die gaffende Menge , die bewundernd nachrief : herrlich ! herrlich ! auf Ehre echt englisch ! - Die Thoren ! dachte Alonzo , ohne im Herzen ganz