Fouqué , Caroline de la Motte Magie der Natur www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Caroline de la Motte Fouqué Magie der Natur Eine Revolutions-Geschichte Erstes Buch Erstes Kapitel Um die Zeit der großen Französischen Revolution sah man , noch mehrere Jahre hindurch , an den Ufern der Rhone , im südlichen Burgund , ein höchst prachtvolles , alterthümliches , Schloß sein unerschüttertes Dasein behaupten , während unscheinbare Besitzungen längst der freigegebenen Willkühr weichen mußten . Sein Bewohner , der Marquis von Villeroi , blieb untheilnehmend , und deshalb unangefochten in Mitten der dammlosen Fluth ; und Mauern und Zinnen spiegelten sich ruhig in der königlichen Rhone , die , ihren jähen Sturz gleichsam bereuend , sich plötzlich hier in scharfer Beugung westlich wendet . Sie netzte in silbernem Wellenschlag die Wurzeln uralter Bäume , die , eine zweite Wehr , den hohen Wall in doppelten Reihen einfaßten . Ueber ihren Wipfeln spielten die Fahnen vieler kleinen Thürme ihr bewegliches Spiel mit den wechselnden Winden fort , während die alte Thurmuhr in gemessenem Takt den Pulsschlag des verhängnißvollen Lebens angab . Der Marquis hatte Jahrelang ihren Stundenwechsel in tiefer Einsamkeit gezählt , ohne in die große Reibung des Aussenlebens hineingezogen zu werden . Sein Gemüth war früher auf andere Weise getroffen . Ein Schüler Mesmers , rang er mit durstiger Seele nach dem geheimnißvollen Zusammenhang der Dinge . Von dämmernder Ahndung getrieben , dem Wunderbaren ganz rücksichtslos offen , ohne Sinn für das größte Wunder der Welt , Gott in den Dingen , ja ohne Ehrfurcht vor dem Gesetzlichen in der Wissenschaft , und deshalb ohne ruhiges Entfaltungsvermögen , griff er rasch in das aufgerollte Netz , dessen Schlingen sich eben so plötzlich über ihm zusammenhakten und ihn gefangen hielten . Durch jede Bemühung , sich Luft zu machen , rankte er sich nur fester hinein . Er wollte das große Räthsel mit einem Schlage lösen , aber es ging ihm wie solchen , denen das Wort entflieht , wie sie es auszusprechen im Begriff sind . In dieser Verwirrung strebte er sich und seinen Meister zu überfliegen . Und als im Jahre 1779 seine Gattin , die er aus glühender Liebe in seinen leidenschaftlichen Wirbeln verstrickt hielt , im Wochenbette starb , nachdem sie ihm ein schönes Mädchenpaar geboren hatte , und der geheimnißvolle Magnet die schwindende Lebenskraft nicht fesseln konnte , ja sie vielleicht gewaltsam zerbrach , riß sich der Marquis aus den zauberischen Banden heraus , floh die Schule der Harmonie , Paris und die Welt , und begrub sich in diesem Schlosse , dessen Stifter ihn , Mütterlicher Seits , mit dem Königsgeschlecht der Burgundionen verband . Zu Anfang glaubte er sein Lebensgeschäft abgethan , dessen Ziel verfehlt . Was er gewollt und nicht gewollt , jegliches Streben , das ganze Dasein , ward ihm ein Hirngespinnst , jede Thätigkeit ein lästiges , zweckloses Spiel der Kräfte , dessen er sich entschlagen zu müssen glaubte , um die thörigen Triebe nicht abermals an den äffenden Gaukeleien abzuarbeiten . So brach er jeden Verkehr mit befreundeten Menschen ab , und schob selbst die Sorge für seine Kinder in fremde Hände ; indem er sie mit einer Ruhe , die weder Glaube , noch absolute Verzweiflung , war , in einem nahen Kloster erziehen ließ . Die Einsamkeit lockte indeß langsam seine eigenste Natur aus dieser Scheinvernichtung hervor , und führte sie , durch manchen wunderbaren Ruf angeregt , wieder in die alte Kreise zurück . Zweites Kapitel Der Marquis pflegte mehrere Stunden des Tages in einer langen Gallerie , welche den östlichen Flügel des Schlosses mit dem westlichen verband , auf und abzugehen , und sein lebensmüdes Auge an dem bunten Schmelz der farbigen Bogenfenster zu laben , deren purpurrothe , goldgelbe , grüne und dunkelblaue Scheiben zwar einen unkenntlich machenden , aber deshalb magischen , Schein auf die dahinter liegende Landschaft warfen , und die Gegenstände , in dem veränderten Lichte der Traum- und Geisterwelt des Marquis , näher rückten . Vorzüglich nahmen sich der Strom und die darüber hinziehenden Wolkenbilder seltsam aus , jenachdem das Auge ihnen zufällig in einem bestimmten Farbenton , oder durch die gebrochene Lichter dicht aneinandergränzender Glasflächen , begegnete . Wie oft wohl Klänge an den verschlossenen Kammern der Seele vorüberrauschen , Riegel und Pforten vor ihnen zusammen stürzen , und alle liebe Bilder der Vergangenheit sich plötzlich , wie freigelaßen , in wehmüthiger Eil zum Herzen drängen , so rührte hier der bewegliche Strahl des Lebens an die dunkle Innenwelt , und der Farben Gluth schmolz langsam die nächtige Decke hinweg . Der Marquis fand sich angenehm in der ungehofften Verjüngung überrascht ; denn unversehns war alles wieder wie sonst in ihm , Fragen , Wünsche , Erwartungen , alles gewann dieselbe Richtung , dieselbe Gewalt der Leidenschaft , das gleiche Steigern des Zieles . Nur , daß ihn eine geheime Scheu vor äußrem Mißlingen und jeder geselligen Gemeinschaft zu immer verborgenerm Umgang mit dem Geheimnißvollen trieb , und seinem Thun und Erscheinen ein fremdes , ja unheimliches , Ansehn gab ; wozu ein gänzlich vernachläßigter Anzug , oder , bei einzelnen , feierlichen , Momenten , ein wunderlicher Aufputz , theils veralteter Pracht und steifer Festlichkeit , theils eigenthümlicher Zusammenstellung der Kleidung , vieles beitrug . So war er gewöhnlich mit einem langen Schlafrock von chinesischem Stoffe angethan , den ein breiter Gurt über den Hüften zusammenhielt , ein großer ziemlich verrosteter Schlüssel sah aus diesem hervor ; um den ganz unbedecktem Hals trug er , an einer langen Haarschnur , etwas , das in einem seidnen Beutelchen nach Art geweiheter Amulete , verdeckt war . Die weiten Aermel streifte er , indem sie ihm , bei freier , oft heftiger Bewegung hinderlich waren , meist in die Höhe und ließ die Arme unbedeckt daraus hervorsehen . Das Haar blieb unfrisirt und ungepudert ; um es indeß über der Stirn zusammen zu halten , trug er um diese ein farbiges Tuch geknüpft . Den Bart ließ er sich nicht so oft abnehmen , daß dessen dunkle Bläue nicht Kinn und Hals beschattet hätte . Doch vor allem auffallend an ihm war die Gewohnheit , sehr laut und überaus schnell und anhaltend vor sich selbst zu reden , so bald er allein war . Die innere Nothwendigkeit , dieses zu sein , und das Bedürfniß , durch Wort und Geberde aus sich herauszugehn , vielleicht auch andere , nicht gekannte , Ursachen , ließen ihn so ungetheiltes Gespräch oft Stundenlang führen . Seine Leute , anfänglich in dem Glauben , ihm sei etwas zugestoßen , dann aber , um ihn aufmerksamer auf sich selbst zu machen , eilten zu ihm in das Zimmer , nach seinen Befehlen fragend ? Aber sie mußten jedesmal solchen Vorwitz durch einen fürchterlichen Blick büßen , den er aus dem glühendem Augenpaar auf sie niederschoß , indem er mit einer Art zitternden Donner in der Stimme rief : was wollt Ihr ? Niemand verlangt Euch ! Ihr seid Gottlob weit von meinen Gedanken . Auch konnte er solche Störung sobald nicht überwinden , und man sah ihn Tagelang mit innerer Beklemmung kämpfen , die es sogleich nicht wieder zu einem ähnlichen Strom der Rede kommen ließ . Er konnte sich niemals von diesem fremdartigen Weesen losmachen , selbst bei unabzuweisenden Besuchen seiner Nachbarn , oder von Geschäftsmännern , ja späterhin , in einem ausgebreiteten geselligen Verkehr , flüsterte er oftmals lange Zeit vor sich hin , und jeder ließ ihn gewähren , seine Art schon kennend . Das erste deutliche Bewußtseyn jener obenerwähnten Wiederbelebung gab dem Marquis indeß ein Augenblick , der , wie immer im Leben , der Gipfelpunkt vieler andern war , die ihm vorbereitend vorausgingen . Er fand sich nemlich einst bei hereinbrechender Abenddämmerung in jener Gallerie , wo es ihm bald ausschließend einheimisch und wohl war . Die Jahreszeit fiel in die Herbst-Aequinoktien . Die Natur arbeitete schwer , unter starken , anhaltenden Stürmen . Ungeheure Wolkenmassen rissen sich voneinander und thürmten sich wieder zusammen , immer wechselnd und steigend , bis ihre tiefblauen Gipfel sich über das Flußbett neigten und das geängstete Wasser unter sich wie mit metallener Geißel peitschten . Dieses aber brauste und zischte und der gährende Brodem kämpfte gegen die heulenden Luftzüge , die immer gewichtiger darüher hinfuhren , die Bäume in ihren Gipfeln fassend , wie ein ungestümer , trotziger Gast an Gemäuer und Fenster mit gewaltigen Stößen anschlagend . Der Marquis gerieth gemeinhin durch die gebrochenen Töne , das plötzliche Abprallen , und fernhin rollende Gewimmer des Sturmes , in den quälendsten Zustand . Sein ganzes Wesen schwankte wie auf Windeswogen . Schon als Knabe fand er in solchen Augenblicken keine Ruhe , und auch späterhin hatte er sehr peinliche Kämpfe mit den wechselnden Naturzuständen auszuhalten . Jetzt stand er wie eingewurzelt , und starrte gedankenvoll , doch bewußtlos wie im Traume , in die aufgerührte Elementenwirbel . Plötzlich legte es sich wie ein weißer Schein über dem dunklen Wolkenberge auseinander , kleine Silberflocken kreisten anfangs am Saume umher , bis sie immer dünner und durchsichtiger ineinanderflossen , und das weiße Gewölk endlich wie ein weiter Schleier aufwallete , hinter welchem der Vollmond in seiner ganzen , wunderlichen Herrlichkeit heraufstieg , und gleichsam auf dem schwarzen Throne Platz nahm . Dem Marquis war es , als sähe die strenge Naturgöttin strafend auf ihn nieder . Er schauerte unwillkührlich zusammen , und schloß die geblendeten Augen . Der gesellige Mensch , voll heim athlicher Bilder des befreundeten Lebens , voll vertraulich gewordenen , aus der aufgedeckten Welt geschöpften Wünschen , weiß kaum , wie die Nacht an die Seele des Einsamen , Hoffnungsarmen , rührt , wie er dastehen , auf einen Ton horchen könne , den er vergebens dem reichen Tagesschein abbettelte . Der Marquis hoffte mit gespannten Sinnen auf irgend eine große Offenbarung . Ihm werde , dachte er , jetzt gegeben , was er früher der Natur abzutrotzen meinte . Doch leider sollte er nur immer tiefer in die alte Verwirrung hineingerathen ! Das volle Mondenlicht warf einem hellen Kreis in das Zimmer , der Marquis stand in Mitten desselben , fast regungslos , in einem Strudel ungestüm arbeitender Vorstellungen befangen . Zwei Welten schmolzen jetzt in ihm zusammen , äußere Wahrnehmung und inneres Schauen und Fühlen wurden Eins . Der wachsende Sturm riß in seiner Seele , ohne daß er sich bewußt war , ihn zu hören , der herabströmende Regen , ja ein , zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich starkes , Gewitter , rollte nur dumpf an ihm vorüber , doch fühlte er es wie Feuergüsse durch sich hinziehn . Auch vor den geschlossenen Augen sprühete es ihm wie Feuer , und zwar wie lauter brennende Schriftzüge , von denen er gleichwohl nichts lesen konnte . Er sprach in der Zukunft gern und oft von diesem Zustand , der ihm wie ein Traum erinnerlich blieb , und den er , als einen Licht- und Wendepunkt seines Lebens , sehr in Ehren hielt . Plötzlich fiel ein heftiger Donnerschlag , der , mehrere Scheiben zerschlagend , in das Gemach hinein , eine metallene Leiste entlängs , an einem sehr kunstreichen , in die Wand eingelassenen , Uhrwerke herab , in die Erde fuhr . Dies Uhrwerk , von einem deutschen Meister vor mehrerern hundert Jahren verfertigt , ließ zu bestimmter Zeit einen Vogel aus goldgeflochtenem Bauer hervorgehen , der , seine Schwingen ausspreitzend , mit gellender Kehle die Stundenzahl angab . Die ganze Sache war seit langer Zeit ins Stocken gerathen . Niemand erinnerte sich , das nunmehr ziemlich verachtete Kunststückchen selbst gesehen und gehört zu haben , man erwähnte dessen nur als einer Merkwürdigkeit des Schlosses . Jetzt aber , wie durch einen elektrischen Schlag entzaubert , trat der Vogel hervor , und gleichsam , als wolle er sich für das lange Schweigen schadlos halten , blieb er in einem schnarrenden Geschmetter , bis das rostige Räderwerk , abgelaufen , wieder in seine Fugen zurücksprang , indem noch zuletzt ein Ton nachklang und langsam verhallte . Da nun der Marquis mit diesem einen letzten Tone zugleich aus seiner halben Ohnmacht aufschreckte , und es sich fand , daß es nach Mitternacht , ja nach den übrigen Uhren des Schlosses , auf den Glockenschlag Eins sei , so behauptete er , die Stunde seiner Wiedergeburt habe zugleich auch in der Geisterwelt geschlagen , und alles , was er in dieser erlebt und nicht erlebt , was er geahndet und innerlich gesehn , sei Mahnung zu einem höchst wundervollen Berufe , dem er sich nun ganz ohnfehlbar weihen solle . Hierin ward er folgenden Tages um so mehr bestärkt , indem er jene herausgefallene und zerbrochene Scheiben aufsammelte , und wirkliche Schildereien , ja recht sinnvolle Gestalten , darauf wahrnahm , was er früher niemals bemerkt , indem sie die obern Felder ausfüllten und sich weiter herunter keine gemalte , sondern , vielleicht als spätere Ergänzungen , nur farbige Gläser vorfanden . Besonders auffallend war ihm die Bildung eines Mannes mit großem Buch und goldenem Schlüssel in der Hand . Die Figur war sorgsam ausgezeichnet , nur in Rücksicht der Kleidung schien sie keinem Zeitalter noch Volk eigends anzugehören , sondern allein das Wunderbare der Zauberei anzudeuten . Da sich nun dasselbe Buch mit darüber liegendem Schlüssel auf den übrigen Glasscherben , auch ohne die erwähnte Gestalt , zeigte , so glaubte der Marquis , hierin , in Verbindung mit jenen im Innern gesehenen , feurigen Schriftzügen , eine Weisung zu finden , daß solches Buch noch irgendwo im Schlosse verborgen sei , welches ihm vielleicht allein die ersehnten Aufschlüsse geben könne . Er stellte deshalb sogleich die allergenauesten Untersuchungen an , und gelangte endlich , am äußersten Ende des Gebäudes , in ein Zimmer , welches den untern Raum eines der vielen kleinen Thürme ausmachte . Hier hatte man nun wohl seit Jahren den lästigen Ausschuß abgetragener Kleider , veralteten Hausgeräths , zerrissener und verblichener Schildereien , kurz alles dasjenige hingeworfen , was die neuere Zeit von sich wegschiebt , ohne grade zu auf zerstörende Weise Hand daran legen zu wollen . Unter vermodertem Plunder und einer Decke von Staub und Spinnengewebe lagen auch wirklich Bücher , welche der Marquis sogleich hervorzog , und einen Folianten mit Pergamentdeckel als das rechte und ersehnte erkannte . Zu seinem Kummer aber war es in unbekannter Sprache geschrieben , und die über jedem Paragraphen eingestochenen Cirkel , Linien und seltsamen Figuren , reitzten seine Begier bis zur quälendsten Leidenschaft . Er konnte indeß den gefundenen Schatz dennoch nicht wieder fahren lassen . Er beschloß , alles anzuwenden , das Geheimniß zu entziffern , indem er ausfündig zu machen hoffte , in welcher Sprache das Buch abgefaßt sei , und diese sodann ohne weiteres erlernen zu können meinte . Voll von diesem Gedanken wollte er das Zimmer verlaßen , als er auf dem hervorspringenden Sims der Thür einen Schlüssel liegen sah . Er durfte , seiner Meinung nach , nichts unbeachtet laßen , und ob er gleichwohl keinen Nutzen von dieser Entdeckung einsah , so steckte er doch den Schlüssel zu sich , und träumte sich im Besitz vom Steine der Weisen , ohne diesen jemals zu finden , denn wenn er auch Tage und Nächte und Monate und Jahre über das Buch sann , und forschte , es blieb ihm verschlossen , und keine Spur konnte ihm die eigentliche Sprache entdecken . Er begnügte sich demnach , mit den darin befindlichen Zeichen Versuche anzustellen , und , indem er sie so oder so legte und stellte , brachte er Resultate heraus , die ihm zwar nicht gnügten , dennoch aber eine eigene Magie zusammenbaueten , in welcher er sich selbst als Herrn und Meister feierte . Drittes Kapitel Auf diese Weise war dem Marquis , unter stetem Forschen und angestrengter Arbeit , eine Reihe von Jahren in einer Gattung von Thätigkeit verflossen , welche zwar keinen sichtbaren Einfluß auf das Gestalten und den Fortgang der Dinge gewann , ihm jedoch große Ereignisse vorzubereiten schien . Was überall geschehen könne ? was er besonders erringen werde ? darüber war er wohl nicht völlig auf dem Reinen . Nur so viel schien ihm gewiß : Die Natur habe in jeder ihrer Offenbarungen eine Stimme , und ob nun gleich diese der sinnlichen Warnehmung meist unverständlich bliebe , so müsse die entbundene Seele doch nothwendig in einen Rapport mit der geheimnißvollen Innenwelt zu setzen und in Einverständniß mit ihr zu bringen sein . Das große Phänomen des Somnambülismus und der Clairvoyance schwebte ihm hierbei vor Augen . Was dort dem Uebergewicht einer animalischen Kraft über die andere möglich sei , das , glaubte er , dürfe der Einwirkung höherer Kräfte um so weniger entstehn . Wie diese nun zu beschwören , wie sie von den Banden der Leiblichkeit frei zu machen seien , das war die große Angelegenheit seines Lebens , an die er Gesundheit , frische und freudige Sinnenlust , den Schmuck und die heitere Klarheit des Lebens , ja alles in allem , des Daseins ewig bewegliches Element , der Liebe und Freundschaft belebenden Verkehr , setzte . Während er sich indeß in die finstern Schachten langsam selbst vergrub , und der Qualm und Dampf . nebelnder Ahndungen sein Herz vertrocknete und den Geist wie ein flackerndes Licht unstät hin und her trieb , rückte ihm das wirkliche Leben immer näher und näher , und schien die gefristete Stundenzahl mit Wucher von ihm einzufodern . Sein abstruses , oft verzücktes , Wesen hatte ihm längst den Ruf stillen Wahnsinnes gegeben . Man war ihm mit einer Scheu begegnet , welche , bei aller Verachtung vor übersinnlicher Träumerei , in unsern Tagen , nicht selten , im Gemisch von Geringschätzung und augenblicklich aufflammender Ahndung eines Etwas , das die bunte Decke des Lebens verbirgt , den Schein demüthiger Furcht gewinnt . Ein Mensch wie der Marquis zieht unwillkührlich einen Kreis um sich her , den das freudige , wie das freche , Leben flieht . Deshalb konnte die Revolution losbrechen , und sich von den Stufen des Thrones durch Gerichtshöfe und Institutionen bis zu dem stillen Verkehr des Landmanns hinunterwälzen . Das große Triebund Räderwerk ineinander greifender Verhältnisse aus seinen Fugen reißen , alle Bande des Gesetzes , der Ehre , sichtbarer und unsichtbarer Liebe zerbrechen , weder Partheigeist , noch Freundschaft , noch tapferer Muth machten sich Bahn zu dem abentheuerlich gesinnten Mann , dem sich , in trüber Verpuppung , die glänzenden Fittige niemals lösen wollten . Wie der Marquis indeß in jener Nacht das Gewitter schmerzlich fühlte , ohne es deutlich zu hören , so zitterte auch jetzt sein Herz bei dem Untergange alles dessen , was zahllose Geschlechter aus sich erwachsen sahen , wie der Leib ihres Denkens und Schaffens Fuß faßte auf Erden . Der Mensch wächst mit der Form zusammen , die er bilden half , und man zerbricht diese niemals , ohne das innere Leben nicht auch zu berühren . Die Nachricht der Gefangennehmung des Königs , und später dessen Tod , jagte dem Marquis das Blut flammend durch die Adern . Ein unleidlicher Druck legte sich ihm auf Brust und Herz . Seine ganze Vergangenheit war zusammengestürtzt , zu welcher ihn der Gedanke , in stillen , erschöpften Stunden , unwillkührlich zurücktrug , und den ganzen wehmüthigen Traum des Lebens nochmals vor ihm aufrollte . Deshalb ward ihm nunmehr alles peinigend , was aus jener Zeit zu ihm redete , und er befliß sich sorgfältig , jeglichen Gegenstand zu entfernen , welcher diese Sprache führte . Aus eben dem Grunde ließ er die Bildnisse seiner Eltern aus dem Zimmer tragen und sein Familienwappen über dem Kamin verhangen . Dieser Umstand legte den Grund nachheriger Verwirrungen , und gab den ersten Anstoß , welcher in die Ereignisse der Zeit hineindrängte . Denn es war nicht sobald laut geworden , daß der Marquis , in lichten Momenten , wie sie es nannten , der guten Sache anhänge , ja Vater und Mutter verleugne und der großen Angelegenheit der Menschheit huldige , als einzelne rohe Bursche versuchten , seine Reichthümer und geheimen Künste zu ihrem Vortheil zu benutzen . Es war schon hoch an der Zeit , als eines Abends der ehemalige Essenkehrer des Schlosses und zwei andere Handwerksgesellen aus dem nahen Städtchens in täppischer Eil zu dem Marquis eintraten . Mit gespreitzten Beinen , auf Eisen beschlagenem Knotenstock gestützt , standen sie da , streckten die breiten , bärtigen Gesichter auf kurtzem Halse aus Flügelartig gebogenen Schultern hervor , und schickten lüstern freche Blicke im reichen Zimmer umher . Verwogen hing die Jakobinermütze über einem Ohr in den Nacken herab , das struppig wilde Haar bauschte sich unter dieser über flacher , eingedrückter Stirn . Der Marquis fuhr erstaunt bei ihrem Eintritt in die Höhe , aber sie legten die groben Fäuste vertraulich auf seine Schultern und Arme ; und riefen » Hör ' Bürger , Du bist von den Unsern , wir wissens , laß jetzt einmal Deine Hexenstreiche , und thu ' was rechts . Die Lyoner Königsknechte schicken Streifparthieen im Lande umher , zieh ' mit uns ! wer weiß , wie lange der alte Steinhaufen so noch steht ! Zieh ' mit uns ! « riefen alle drei und stießen die derben Knittel ermunternd auf gegen den Boden . » Oder willst Du das nicht , fuhr der Essenkehrer fort , so gieb Deine Baarschaft her , wir brauchen Geld , Waffen , Kleider und Schuh , es ist ja für Dich wie für uns , wie das Sündengeld von Dir , was Deine höllischen Väter erpreßten . « - Bleich wie der Tod , die nackten Arme drohend aufgehoben , starren Blickes , mit verhaltenem Athem , stand der Marquis ihnen gegenüber ! So dreist sah die neue Welt zum erstenmal in seine Einsamkeit hinein ! Die Wuth schwellte sein Herz zum Zerspringen . Fürchterlich schrie er auf , und fiel , wie die überreitzte Natur sich jetzt oft so in ihm zerriß , in Haaransträubenden Zuckungen zur Erde . Die Bursche blickten einander , wie gelähmt an Händen und Füßen , ganz verdutzt an , dann aber , wie auf einen Wink , stürtzten sie , ohne hinter sich zu sehen , zur Thür und zum Schlosse hinaus , und meinten nicht anders , als der Teufel gehe drin um , und es sei nicht gerathen , sich mit diesem weiter einzulassen . Mehrere Domestiken des Marquis , welche schon längst ähnliche Vermuthungen hegten , schlossen sich an die Flüchtenden an . Wenige blieben zurück , unter ihnen Bertrand , der bejahrte Schloßverwalter . Dieser eilte zu seinem Herrn , leistete ihm alle erdenkliche Hülfe , und verließ ihn während der ganzen Nacht , in welcher der Marquis viel innere und äußere Schmerzen litt , nicht einen Augenblick . Der unerwartete Vorgang schwebte diesem unabläßig vor der Seele . Er hatte so lange nichts von der Welt gesehen , nun brach sie so frech , so verwirrend , auf ihn ein ! Daß diesem ersten Anfalle ähnliche folgen würden , fühlte er wohl . Er sah sich der rohesten Willkühr bloßgestellt . Deshalb fiel es ihm auch wohl ein , Eigenthum und Vaterland zu verlassen , allein sein Blick war nirgend in der Außenwelt zu Hause , sein Denken , nach dieser Richtung hin , so unbehülflich , er selbst so losgerissen von jeder befreundeten Beziehung des Lebens , so eingefugt in die liebe , lange Gewohnheit täglichen Seins und Thuns , daß er sich tröstete , so gut es ging , die Gefahr in weite Ferne hinausschob , und bange Vorgefühle einschläferte . Der Mensch mag sich indeß vor sich selbst und gegen die Welt hinstellen und wenden wie er will , das Alte kehrt ihm nie in seiner vorigen Gestalt zurück . So kam dem Marquis grade dasjenige , was er bewahren wollte , die gewohnte Weise , nicht in dem vorigen Takt und Maaße wieder . Mit dem müßigen Zusehn des Aussenlebens war es vorbei ! Jene großen , allgemeinen Fragen über Natur und Menschenleben wanden sich in immer engern Kreisen zu einem ganz kurz gesteckten Zielpunkte zurück . Seine Orakelbeschwörungen klangen bald anders . Unwillkührlich schloß Frankreichs Boden die Welt in sich , das eigene , enge Dasein umfaßte die große Angelegenheit der Menschheit , und ewig fortschreitende Zeitentwickelungen wurden zu Heut und Morgen . Was einmal geschehen war , konnte wiederkehren ; und bei weitem gewaltsamer , frecher , Freiheit und Leben bedrohender . Deshalb mischte sich Unsicherheit und Zagen in alle Vorstellungen des Marquis . Er konnte nicht mehr allein sein . Bertrand durfte ihn nicht verlaßen , ja er verschmähete es nicht , mit diesem zu reden , und Fragen über die Tagesneuigkeiten an ihn zu richten , welche die innere Unrnhe seines Gemüthes deutlich genug offenbarten . In dieser Stimmung erhielt er eines Tages eine Botschaft von der Aebtissin jenes Klosters , in welchem seine Töchter ohnweit Lyon erzogen wurden . Sie meldete ihm durch einen Köhler , welcher das Klosters Heitzung früher gepachtet hatte , daß die Gewalt auch in ihrer Provinz von neuem siege , daß sie seinen Kindern länger keinen Schutz zusichern könne , und selbst , einzig unter Gottes Schutz flüchtend , ihr Vaterland zu verlaßen gesonnen sei . Der Köhler setzte hinzu , die bedrängte Unschuld habe wohl Schande und Uebermuth zu fürchten , da unzählige Opfer täglich unter dem blutigen Beile des Henkers fielen , Andere , durch die Kriegesgeißel vertrieben , unstät umherwanderten , oder in Hunger und Noth verkämen , er selbst sei mit Frau und Kind auf dem Wege nach den Savoyer Gebirgen . In Chambery habe die Frau einen Bruder wohnen , dort wollten sie noch ein Stückchen Erbschaft holen , und dann vielleicht nordwärts nach Deutschland wandern , wo die Menschen doch einen Gott und einen Glauben hätten . Des Mannes verkümmerte Gestalt , die Schatten , die bei den trüben Worten , wie Schreckenserinnerungen , über sein bleiches Gesicht hinfuhren , und mehr als alles , die Hindeutung auf schamloses Entweihen zarter , geheiligter Unschuld , sprach mit unwiderstehlicher Gewalt zu dem Herzen des Marquis . Das Entsetzen , die Angst , gaben ihm augenblicklich Kraft und Entschluß . Es galt die Ehre seines Hauses , er konnte nicht zögern . So wollte er sich denn aufraffen und seine Töchter retten , die er nicht kannte , an die er seit siebzehn Jahren zum erstenmal in einem einzigen , alles beherrschenden , Gefühle dachte . Er zitterte vor Ungeduld , war ganz Feuer , Muth und That , plötzlich allen bänglichen Rücksichten vorübergeflogen . Er selbst verstand sich nicht , und glaubte , eine unsichtbare Gewalt handle durch ihn , um so mehr , da er sein Vorhaben durch des Köhlers Bereitwilligkeit , dessen Zuhausesein in der jetzigen Welt , seinen wackeren Sinn und thätigen Eifer , unerwartet erleichtert sah . Das Kloster war nicht über funfzehn Stunden vom Schlosse entfernt . Der Köhler ließ sich sogleich willig finden , den Marquis dorthin zu begleiten , der niemand die Sorge für seine Kinder anvertrauen wollte , je furchtbarer der wildeste Aufruhr grade in diesem Zeitpunkte durch ganz Frankreich raste . Vorzüglich erzitterten die südlichen Departements unter den Doppelschlägen inländischer und auswärtiger Feinde . Die Königsgesinnten hoben , durch Schmerz und Verzweiflung getroffen , einen Augenblick die gebeugten Häupter , Toulon war in den Händen der Engländer , Portugiesen und Spanier hatten Fuß gefaßt bis jenseits Perpignan , Lyon trotzte Gefahr und Tod , aber Carnot schoß Feuerflammen in die Herzen der Republikaner . Aus Savoyen strömten die Truppen , welche es unter Montesquiou besetzten , zurück - Tod und Blutgier waren losgelaßen , der Würgeengel ging vor beiden Partheien einher , nichts sollte bestehen , die Erde arbeitete ein neues Leben aus den Blutwellen herauf . Durch alle diese Schrecken sah der wachgeschüttelte Vater mit steigender Ungeduld der Rettung seiner Kinder entgegen ! Deshalb hatte er auch keinen Augenblick länger Ruhe . Die Luft im Schlosse schien ihm das Herz zusammenzudrücken , überall wo er sich hinwandte , was er anfaßte , traf es ihn wie mit elektrischen Schlägen ! Er trieb und drängte demnach mit solcher Heftigkeit , daß in wenigen Stunden alles berathschlagt , eingerichtet , und zur Abreise bereit war . Viertes Kapitel Der Morgen dämmerte kaum , als sich der Marquis in der allerwunderlichsten Stimmung , von Schmerz und Erwartung zerrissen , mit den Waffen des stolzesten Muthes im Innern , und den gehörigen Vertheidigungsmitteln von Außen versehen , in den Wagen warf , und nachdem er des Köhlers Frau , nebst ihrem Kinde , Bertrands Pflege empfohlen hatte , mit seinem rüstigen Begleiter in Gottes Nahmen die Reise antrat . Aber es war nicht das ehemalige Frankreich , noch dessen vorige Bewohner , welche die alte , ewig gekannte , Sonne beschien ! Weder Dörfer noch Felder und Wälder sahen sich ähnlich . Ganze Ortschaften lagen eingeäschert , oder standen leer ; aus zerschlagenen Thüren und Fenstern klafften blutgefleckte Wände schreiend hervor . Nirgend hatte die Pflugschaar ihre segensreiche Furchen gezogen . Die Kammern der Reichen waren aufgerissen , geiler Ueberfluß verscheuchte Fleiß und Betriebsamkeit und den stillen Genuß sittigen Erwerbs . Die Aecker lagen aufgewühlt , zerstampft , tief gleisete Wege führten achtlos darüber hin . Auf den Weinbergen rankte sich ein wild wucherndes Gewächs zwischen überhangendem Unkraut hin , Planken und Pfähle waren ausgerissen , Winzerwohnungen umgestürtzt , die schwellende Traube schüttete ihren Segen in den Schooß der Erde , keine Hand wollte sie pflücken , in keinen Becher perlte der bescheidene Most , so lange reiche Keller ihre Schätze hergaben und schäumende Feuerströme das trockene Gehirn